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Full text of "Butz-Arthur-Der-Jahrhundertbetrug-Text"

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Der 
Jahrhundertbetrug 



von 
Arthur R. Butz 



Originaltitel der 
Englischen Ausgabe 



'The Hoax of the Twentieth Century" 



Historical Review Press 
23 Ellerker Gardens, Richmond, Surrey, TW 106 AA 



Der Autor 

Arthur R. Butz kam in New York zur Welt und ist dort auch 
aufgewachsen. Den akademischen Grad als Bakkalaureus und spater 
als „Magister der Wissenschaften" erwarb er sich auf dem Gebiet der 
Elektrotechnik in dem Institut fur Technologie in Massachusetts. 
Seinen Dr. Phil, machte er 1965 mit seiner Arbeit iiber Regel- 
technik an der Universitat in Minnesota. Seit 1966 gehorte er dem 
Lehrkorper der Nordwest-Universitat in Evanston, Illinois, an, wo 
er jetzt als aufierordentlicher Professor fur Elektrotechnik und 
Computerwissenschaft lehrt. Von Dr. Butz stammen verschiedene 
technische Artikel in Fachzeitschriften. 



Ubersetzung aus dem Englischen 

Elsbeth Schade, Udo Walendy 

Verantwortliche Gestaltung der deutschen Ausgabe 

Udo Walendy, Dipl. Pol. 



1977 

Printed and published by 

Historical Review Press, Richmond, Surrey 

23 Ellerker Gardens TW 106 AA 

England 

Copyright — Alle Rechte vorbehalten 

Zentralvertrieb fur die deutsche Ausgabe : 

Verlag fur Volkstum und Zeitgeschichtsforschung 

4973 Vlotho Postfach 1643 



Danksagung 



Viele Personlichkeiten haben mit wertvollen Hinweisen und 
Kritiken zu meiner Arbeit beigetragen, die sich auch im Text meines 
Buches niederschlagen. Die Verantwortung aber fiir irrtiimliche 
Beschreibungen von Tatsachen oder deren Auslegung ruht ganz 
allein auf meinen Schultern, sofern derartige Fehler gefunden 
werden sollten. Alle Beschwernisse, die sich auf Grund dieser Arbeit 
und der Einstellung dazu ergeben sollten, iibernehme ich einzig und 
allein. Ich nehme daher davon Abstand, Namen zu nennen, und sage 
alien meinen Helfern auf diese Weise Dank. 

Zu danken habe ich auch einigen Instituten wie den US.-National- 
Archiven, der Audio-Visuellen Dienststelle der US-Army und der 
Zentrale fiir Auslandsangelegenheit und -forschung des US-State- 
Department, Washington, dem Panstwowe-Museum in Auschwitz, 
der Universitatsbibliothek in Chicago und auch der Zentralstelle 
der Wissenschaftlichen Buchereien ebendort. 

Besonderen Dank habe ich auszusprechen den fuhrenden Dienst- 
stellen des Imperial-Kriegsmuseums in London, dem nationalen 
Niederlandischen Biiro des Roten Kreuzes, Den Haag, der Nord- 
west-Universitat Evanston (und hier besonders ihrer inter- 
nationalen Verleihabteilung). Sie alle trugen mit ihrer mehr als 
routinemaBigen Kleinstarbeit zu diesem Werke bei, naturlich ohne 
den wahren Zweck meines Forschens zu kennen. 

A. R. Butz 



Die englische Ausgabe erschien 

im Jahre 1976 

unter dem Titel 

The Hoax of the Twentieth Century 



INHALT 



Danksagung IV 

Verzeichnis der Abbildungen VI 

Vorwort des Autors VII 

Kapitel 

I Prozesse, Juden und Nationalsozialisten 1 

II Lager 39 

III Washington und New York 61 

IV Auschwitz 137 

V Die ungarischen Juden 173 

VI EtCetera 225 

VII DieEndlosung 263 

VIII Anmerkungen 301 

Anhang A „ Der Gerstein-Bericht" 311 

B SS-Range 323 

C Deportation von Juden 324 

D Der Bergen JSelsen JProzeB 331 

E Die Rolle des Vatikan 351 

Quellenangaben 371 

Literaturverzeichnis 383 

Personenregister 391 

Sachregister 397 



Verzeichnis der Abbildungen 



Abb. Beschreibung Seite 

1 Lageplan von Auschwitz 9 

2 Europa vor dem Ersten Weltkrieg 23 

3 Europa zwischen den Weltkriegen 38 

4 Europa im EinfluBbereich des nationalsozialistischen 
Deutschland 43 

5 Europa nach dem Zweiten Weltkrieg 60 

6 Desinfektionskammer von Dachau 67 

7 Angebliche Leichenverbrennung in offenen Gruben 74 

8 Belsen nach der britischen Eroberung 84 

9 ProzeB in Dachau 91 

10 Angebliches Massengrab in Belsen 103 

11 Britischer Wachposten im Lager Belsen 108 

12 Gefangene Aufseherinnen von Belsen 118 

13 Krematorium in Dachau 124 

14 Senator Wherry in Dachau — bei der Entlausung 130 

15 Leichen in einem Zug bei Dachau 144 

16 US-KongreB-Mitglieder inspizieren Duschraum in Dachau 152 

17 Inspektion des Dachauer Krematoriums 156 

18 Eingang zum Dachauer Duschraum 162 

19 Befreite Dachau-Haftlinge miBhandeln SS-Wachmann 178 

20 Befreiungstag in Dachau 194 

21 Tur der Desinfektionskammer von Dachau 214 

22 US-KongreB-Mitglieder inspizieren Krematorium Buchen- 

wald 224 

23 Die hauptsachlichen deutschen Lager 238 

24 Russischer „Seifen-Beweis" beim IMT 256 

25 Eine Seite des Dokumentes 022-L des IMT 279 

26 Angebliches Krematorium in Auschwitz 304 

27 Eine Dose Zyklon B 330 

28 Verschiedene Dosen Zyklon B 350 

29 Lageplan von Birkenau 370 

30 Dokument NG-2263 iiber Vernichtung der Ungarischen 
Juden 389 

31 Angebliches Krematorium in Lublin 390 

32 Sammlung medizinischer Muster, angeblich gefunden in 
Buchenwald 400 



Vorwort des Autors 



Wie alle Amerikaner, die sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges 
ihre Meinung gebildet hatten, war auch ich im Grunde genommen 
bis vor kurzem ebenfalls der Ansicht, daB Deutschland wahrend 
des Zweiten Weltkrieges den Menschen ein ganz besonders grauen- 
volles Schauspiel geboten habe. Diese Ansicht beherrschte den 
Westen seit 1945 und schon vorher. Ich mache keine Ausnahme 
dabei, das Schlimmste davon in mir aufgenommen zu haben. 

„Das Schlimmste" ist dabei eine gewichtige Wertung fur die Ge- 
samtheit der Verbrechen, deren die Deutschen in diesem Kriege 
angeblich fur schuldig befunden wurden. Aber es wird ganz schnell 
weniger, wenn man die Zeugnisse und Argumente in der leicht 
zuganglichen „revisionistischen" Literatur studiert. Eine gewis- 
senhafte und kritische Prufung offenbart, daB die meisten Ver- 
brechen uberhaupt nie begangen worden sind, wie etwa 
„Lampenschirme aus Menschenhaut", denen zuliebe KZ-Insassen 
einfach umgebracht worden sein sollen. Und so etwas wurde sogar 
von „Intellektuellen" als unbedingt wahr hingenommen. Mit den 
Legenden iiber MiBhandlungen von amerikanischen und britischen 
Kriegsgefangenen verhalt es sich nicht anders. Schlimmer noch, 
wenn man alles in allem abwagt, wie es die Revisionisten tun, liegt 
das Hauptproblem bei den im Verlauf der schrecklichen Kriegs- 
und Nachkriegszeit begangenen Verbrechen und Grausamkeiten, 
die die Alliierten begangen haben. 

Derartige Untersuchungen werfen die „Massenmord"-Legende 
von den 6 Millionen hauptsachlich in Gaskammern umgekommenen 
Juden nicht um. Diese Zahl wiirde allein dadurch nicht aus der Welt 
geschafft sein. Selbst die revisionistischen Bucher, die einige der am 
meisten im Volk verwurzelten falschen Auffassungen widerlegen, 
scheinen aber die Gaskammern als unumstoBliche Tatsache 
hinzunehmen. Selbst wenn man Geschichtsprofessoren, die sich 
hauptsachlich mit deutschen Problemen beschaftigen, befragt, so 
scheint es, daB sie diese Beschuldigung als genauso feststehend 
betrachten wie die groBe Pyramide. Obwohl die konservativen und 
liberalen Zeitungsherausgeber in bezug auf den Zweiten Weltkrieg 
oder den Eintritt Amerikas in diesen Krieg eine unterschiedliche 
Haltung einnehmen, und obwohl sie sich unter einander iiber alles 
Mogliche und Unmogliche kabbeln, so sind sie sich dennoch in 
puncto Massenvernichtung einig und betrachten sie als eine 
unumstoBliche Tatsache. 

Als mir klar geworden war, wozu diese Legende in der derzeitigen 
Politik ausgenutzt wurde — war doch die Verbindung mit der 
vollkommen unlogischen Hilfe der USA fur Israel auffallig genug! — 



stiegen bei mir allmahlich Zweifel dariiber auf. Hinzu kam, daB 
anerkannte Personlichkeiten als Beobachter auftraten, die sich ihre 
Ansichten nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg gebildet hatten 
und die sogar eine auch nur annahernde Wahrheit der Legende 
scharfstens bestritten. Sie taten dies trotz des ihnen damals nur in 
geringem MaBe zur Verfiigung stehenden Informationsmaterials. Ein 
anschauliches Beispiel dafur liefert der hervorragende Gelehrte John 
Beaty, der kurz vor Kriegseintritt der USA in den Generalstab des 
Kriegsministeriums berufen wurde. Bei Kriegsende war er Oberst. 
U. a. war er einer der zwei Verfasser des taglich erscheinenden 
geheimen „G-2 Berichts". Dieser wurde jeden Mittag hochgestellten 
Personlichkeiten und somit auch an das WeiBe Haus gegeben. Dabei 
handelt es sich um eine Ubersicht der allgemeinen Weltlage bis 4 
Stunden vor der Ablieferung. In seinem Buch „Der eiserne Vorhang" 
aus dem Jahre 1951 macht er sich iiber die 6-Millionen-Legende mit 
einigen Seitenhieben lustig, die leider kurz und ohne Beweiskraft 
sind. Da sie aber von einem Manne stammen, der einer der 
Bestinformierten der Welt wahrend des Krieges war, besitzen sie 
doch einiges Gewicht. 

Die ersten einfachen Nachforschungen in dieser Angelegenheit, 
wie Historiker sie gewohnlich nicht vornehmen, fuhrten zu nichts. 
Die nur sparlich vorhandene englische Literatur, die der Legende 
die Glaubwurdigkeit abstreitet, war nicht nur nicht iiberzeugend, sie 
war vielmehr so unzuverlassig und oberflachlich in der Auswertung 
von Quellen — sofern iiberhaupt welche angegeben wurden — , daB 
ich in meinem Bemuhen um die weitere Erforschung dieser 
Zusammenhange nicht zufriedengestellt wurde. So schien die Suche 
nach der Wahrheit diese Vernichtungsbehauptungen eher zu 
bestatigen; — ganz abgesehen von dem Problem der Zahl, ob es nun 6 
oder nur 3 oder 1 Millionen waren. Da erfuhr ich, daB es 
entsprechende Literatur in franzosisch und in deutsch gab. Jedoch 
konnte ich die Texte in diesen Sprachen kaum lesen. Notfalls kam 
ich bei den belangvollen Gelegenheiten bzw. hauptsachlichen 
Fragenkomplexen zurecht, wenn ich in franzosischen oder 
deutschen Fachzeitungen nachschlagen muBte. So unterblieb die 
Anschaffung solcher Bucher. AuBerdem sagte ich mir, wenn die 
deutsche Literatur iiber dieses Thema besser ware als die englische, 
dann muBte sie doch schon langst ins Englische iibersetzt worden 
sein. 

Immer noch mit den nagenden Zweifeln behaftet, begann ich 
Anfang 1972 einiges von der „Massenvernichtungs"-Literatur zu 
studieren, und zwar systematischer als bisher, um endlich richtig zu 
erfassen, welche Behauptungen in diesem Zusammenhang 
aufgestellt wurden, welche Relevanz sie haben und welches 
Beweismaterial vorliegt. Zunachst wahlte ich glucklicherweise das 
Buch von Raul Hilberg „Die Ausrottung der europaischen Juden". 
Das Ergebnis war ein Schock und ein derbes Erwachen, denn 
Hilbergs Buch erreichte das, was die entgegengesetzte Literatur 
niemals hatte schaffen konnen : Ich wurde nicht nur davon be- 
eindruckt, sondern sogar iiberzeugt, daB die Legende von der 
vergasten und mehrere Millionen zahlenden Judenschaft Betrug sein 
muBte. Daraus entwickelte ich nun ein unbedingtes Gefuhl fur die 
bemerkenswerte, vielleicht mystisch zu verstehende Denkungsart, 
die der Luge ihre kennzeichnende Formulierung gab. Wer wie ich das 



„plotzliche Erwachen" erleben will, der mache hier eine Pause und 
lese bei Hilberg die Seiten 567 — 571 nach. 

Meine Forschungen begannen zunachst als Freizeitbeschaftigung, 
wobei ich es an der notwendigen Griindlichkeit natiirlich nicht 
fehlen lieB. Der Leser mag nun annehmen, daB ich iiber recht viel 
freie Zeit verfuge. Dem ist zwar nicht so. Doch mehrere mich von 
Anfang an bestiirzende Entdeckungen machten mir die Aufgabe zu 
einer unwiderstehlichen Verstandessache. Ich kaufte mir die dazu 
notwendige auslandische Literatur. Den gesamten Sommer 1972 
verbrachte ich schlieBlich mit der Ausarbeitung einer Denkschrift 
gegen diesen Schwindel, denn allmahlich hatte ich den ganzen 
erbarmlichen Schmutz durchschaut und in mir verarbeitet. Das 
Buch, das Sie hier vor sich haben, unterscheidet sich — und zwar 
sowohl in bezug auf den Umfang des Tatsachenmaterials als auch auf 
die ubliche Denkungsart — erheblich von dem Bilde, wie ich es mir 
noch vor dem Sommer 1972 vorgestellt hatte. Der Inhalt der hier 
vorliegenden Arbeit steht in krassem Widerspruch zu den Liigen, die 
mir die Politiker und Publizisten des Ostens und Westens lieferten. 
Meine Aufmerksamkeit lieB ich mir durch keinerlei gute Ratschlage 
zur Vorsicht oder Rucksichtnahmen triiben. Da mir im Fruhjahr 
1972 bewuBt geworden ist, daB derartige Nachforschungen iiber die 
bisher vorhandene Literatur hinauszugehen haben, empfand ich es 
als eine unausweichliche Verpflichtung, im notwendigen Interesse 
der Menschheit das moglichst weit zu verbreiten, was ich iiber diesen 
widerlichen Schwindel herausgefunden hatte. So gab ich mir auch 
verstandesgemaB den Befehl fur diese Forschungsaufgabe. Ich wurde 
mir schnell klar dariiber, daB dies nur durch Herausgabe eines Buches 
zu bewaltigen war. Nach den Jahren dieser schmutzigen Propaganda 
konnte das Thema nicht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift oder 
emem Flugblatt und erst recht nicht in Form eines Vertrages 
abgehandelt werden. 

Der grundsatzliche Text wurde im Sommer 1972 festgehalten; in 
den nachfolgenden zwei Jahren wurde das Manuskript nach und 
nach erweitert und verbessert. Im Sommer 1973 kam mir eine Reise 
nach Europa ebenso zustatten wie ein Jahr spater eine Reise nach 
Washington. Gegen Ende 1974 war dann das Buch im groBen ganzen 
abgeschlossen. 

Nun wird es Leute geben, die da sagen, ich sei fachlich nur 
unzureichend vorgebildet, um eine derartige Arbeit zu leisten. 
AuBerdem wird es Leute geben, die mir das Recht abstreiten werden, 
derlei Darlegungen zu veroffentlichen. Sei dem, wie ihm wolle. Wenn 
ein „Gelehrter" feststellt, daB andere „Gelehrte" — gleich welchen 
Spezialgebietes — und ganz gleich aus welchem Grunde auch immer 
— sich mit einer ungeheueren Luge zufriedengeben, dann ist es die 
Pflicht eines jeden Forschers, die Luge zu entlarven. Dabei spielt es 
keine Rolle, ob er dabei mit der gesamten Gelehrtenschaft 
zusammenprallt oder nicht. Hier trifft dies noch nicht einmal zu, 
denn eine kritische Prufung der sogenannten „Massen- 
Vernichtung" ist — bei ahem Respekt vor den akademischen 
Historikern — bisher unterblieben, — hingegen in diesem Buch nach 
jeder Richtung hin erfolgt. Wahrend in Wirklichkeit alle Historiker 
auf Grund einer gewissen Rucksichtnahme zu dieser Luge 
geschwiegen haben und weiterhin schweigen, obwohl sie schon hier 
und da in Biichern oder Zeitschriften auf diese und jene 



Widerspriiche aufmerksam gemacht worden waren, so liegt nach wie 
vor von keiner akademischen Seite eine wissenschaftliche Arbeit vor, 
die behauptet oder gar klar beweist, daB — oder ob — die Legende 
von der „Ausrottung" der Wahrheit entspricht oder nicht. Wenn der 
Versuch zur Massenvernichtung aber tatsachlich vorgenommen 
worden sein sollte, dann miiBte es doch moglich sein, ein Werk 
herauszugeben, das aufzeigt, wie sich dieses Furchtbare ereignet hat, 
wer es in die Wege geleitet hat, wo die Kette der 
Verantwortlichkeiten und auch Verantwortlichen bei den 
Totungsabsichten wie -maBnahmen gelegen hat, was es an 
technischen Mitteln gab und wie diese technischen Mittel zu 
bewerten sind (Krematorien, Zyklon B, Duschanlagen usw. z. B.). 
Es miiBte doch nachzuweisen sein, welche Techniker — oder wer 
auch immer — daran beteiligt waren, wie hoch die Anzahl der Opfer 
in den verschiedenen Landern war, was fur die Echtheit zweifel- 
hafter Dokumente spricht, die bei illegalen Prozessen verwendet 
wurden. Kein Historiker hat sich auch nur annahernd mit etwas 
Ahnlichem von dem befaBt, was von einem solchen Werk erwartet 
werden muB. Nur Nicht-Historiker haben sich bemuht, Anteile 
hiervon zu erschlieBen. Mit diesem Vorwort lade ich den Leser ein, 
den Betrug des 20. Jahrhunderts zu studieren. 

Evanston, Illinois, August 1975 



I. Prozesse, Juden und Nationalsozialisten 

Die „Kriegsverbrecher-Prozesse", wie sie die Sieger nach dem 
Zweiten Weltkrieg hauptsachlich gegen Deutsche und Japaner 
durchgefiihrt haben, waren ohne Beispiel. Sie sprengten jeglichen 
bisherigen Rahmen. Zu dem Verhalten der Siegermachte gehorte das 
offene Bekenntnis zu einer Art legalen Jurisdiktion im Hinblick auf 
Gesetze und Gebrauche, die nicht zu der Zeit bestanden, zu der sie 
angeblich von den Machten der Achse gebrochen worden sein sollen. 
So starben unter MiBachtung des europaischen Ehrenkodex, der 
Jahrhunderte hindurch beachtet wurde, Zivil- und Militargefangene, 
darunter viele hochster Dienstgrade im Gewahrsam der Alliierten 
eines gewaltsamen Todes — als Folge dieses auBergewohnlichen 
Vorgehens. 

Den Prozessen von 1945 — 1949, die Deutschlands Kriegsgegner 
durchfiihrten, ist nichts Vergleichbares gegeniiberzustellen, und 
Derartiges hat es zuvor auch nie gegeben. Der Fall Jeanne d'Arc 
kommt einem in den Sinn. Aber in diesem Fall betraf es nur eine 
einzelne Person, nicht jedoch einen ganzen Staat. Letztlich war 
England fur die Durchfuhrung dieser Prozesse verantwortlich. Es 
tat daher alles, um den Sachverhalt als eine Art Ketzerei oder 
Hexerei darzustellen. Die Betreffenden seien bereits von vorn- 
herein grundsatzlich schuldig und verdammenswert, verurteilt 
gemaB vorhandener Regeln fur Zeugeneinvernahmen und Verfah- 
ren durch eine unparteiische und universale Kirche. 

In den USA, dem tatsachlichen Vorreiter fur die Fuhrung 
dieserart Prozesse, ist die Meinung iiber die ZweckmaBigkeit ihrer 
Durchfuhrung schon immer geteilt gewesen. Die Gewichte haben 
sich aber verschoben. Sogleich nach dem Krieg empfand man alles 
das als richtig, wenn es auch damals schon beachtliche 
Gegenstimmen gab. Mitten im heiBen Wahlkampf 1946, kurz bevor 
Goring, Ribbentrop und andere gehangt werden sollten, hielt 
Senator Robert A. Taft eine Rede, in der er sowohl die 
RechtmaBigkeit fur das Verfahren als auch die ergangenen Urteile 
scharf kritisierte. Diese Rede scheint seiner Republikanischen Partei 
schwer geschadet zu haben. 

Zehn Jahre spater hatten sich die Ansichten augenscheinlich etwas 
gewandelt, zumal damals der aussichtsreiche Prasidentschafts- 
kandidat John F. Kennedy ein Buch mit dem Titel „Menschen mit 
Mut" veroffentlicht hatte (ein Uberblick iiber verschiedene Leute, die 
Kennedy fur mutig hielt), in dem er Taft wegen seiner Haltung 
lobend erwahnt hat. Er sagte we iter, „daB Tafts Ansichten heute 
von einem betrachtlichen Teil der Amerikaner vertreten werden 
wurde". 1 

Mit der EichmannJ^ntfuhrung im Jahre 1960 und dem 



nachfolgenden Gerichtsverfahren in Israel sowie der diesbeziiglichen 
Propaganda scheint die veroffentlichte Meinung den Prozessen 
wieder verstarkt zuzustimmen, wenn auch nur in organisierten 
Schwerpunktbereichen. Fiir diesen auBergewohnlichen 

Gesinnungswandel mag es mancherlei Griinde geben. Mir will es 
allerdings scheinen, daB der Grund dafur in dem Umstand zu suchen 
ist, daB mitten in Friedenszeiten, die fiir gewohnlich keine 
hysterische Atmosphare aufweisen, die Aufmerksamkeit der Welt 
bewuBt auf eine Geschichte mit besonders makabrem Inhalt gelenkt 
werden sollte : Das Toten, hauptsachlich in „Gaskammern", in 
denen Millionen von Juden (gewohnlich spricht man von 6 
Millionen) jeden Alters und Geschlechts wahrend des Krieges 
ermordet worden sein sollen. 

Angeblich war das ein wesentlicher Teil eines Programmes zur 
sogenannten „Endlosung", um Europa „judenfrei" zu machen. 
Gerald Reitlingers Buch „Die Endlosung", 2. Ausgabe 1968, wird 
dabei als das beweiskraftigste und genaueste angesehen. Raul 
Hilbergs „Die Ausrottung der europaischen Juden" (1961) erzahlt 
im wesentlichen die gleiche Geschichte. Hilbergs Buch ist bislang 
nicht ins Deutsche iibersetzt worden, hingegen erschien bereits die 
erste Ausgabe von Reitlingers „Die Endlosung" im Jahre 1953 in 
deutscher Sprache. Weitere Abhandlungen der gleichen Art sind 
Nora Levins „Die Massenvernichtung" (1968) und auch noch 
verschiedene Bucher von Leo Poliakov, nicht zuletzt das 1975 neu 
erschienene Werk von Lucy S. Dawidowicz „Der Krieg gegen die 
Juden 1933 bis 1945". 

Um zunachst auf die Frage zuruckzukommen, ob die 
„Kriegsverbrecherprozesse" angemessen gewesen seien, so muB sich 
doch jeder sagen, daB sie — zumindest! — auf sehr wackeligen 
Gesetzesgrundlagen standen. Trotzdem laufen noch immer etliche 
Menschen mit der Behauptung herum, daB diese Prozesse immerhin 
niitzlich gewesen seien, zumal sie die in jedem Krieg allgemein 
vorkommenden Auswiichse ausgeklammert hatten. So sagen sie 
denn, auBergewohnliche Verbrechen wie die Ausrottung der 
europaischen Juden hatten eben auBergewohnliche MaBnahmen 
erfordert. Eine derartige Grausamkeit miisse nicht nur bestraft 
werden, sie miisse auch klar herausgestellt werden, so sagen sie. 

Ich denke nicht daran, in diesem Buche die Frage aufzuwerfen, 
welcher Grad von Grausamkeit welche MaBnahmen von 
Gesetzeswidrigkeit rechtfertigt. Hier steht vielmehr eine 
auBergewohnlich schwergewichtige Frage zur Debatte : Tatsache ist 
doch, daB auBer den „Beweisen", die durch diese Prozesse erst 
gezeugt wurden, es keinerlei andere Anhaltspunkte dafur gibt, daB 
das Programm fiir die Ermordung von Juden iiberhaupt existierte. 
Man braucht nur die Quellen zu priifen, die Hilberg und Reitlinger 
benutzt haben, um dies zu erkennen. Wenn diese Prozesse nicht 
stattgefunden hatten, dann wiirde keiner, der das Vorhandensein 
eines Judenvernichtungsprogrammes behaupten wiirde, bei 
Aufforderung irgendwelches Beweismaterial dafur erbringen 
konnen. Abgesehen von Hilbergs und Reitlingers Biichern sind die 
wenigen anderen ebensowenig beweiskraftig. Die Frage, ob iiber die 
Vernichtung der Juden zu Gericht gesessen werden sollte oder nicht, 
war also nicht einfach die, ob iiber Massenmord geurteilt werden 
sollte oder nicht. Anders als bei gewohnlichen Mordfallen bestanden 



starke und berechtigte Zweifel, ob die Tat iiberhaupt begangen 
worden war. 

Dies muB sicherlich den Leser tiberraschen, der das Marchen der 
befohlenen Judenausrottung fiir unumstoBlich wahr halt. Es gibt 
viele Uberlegungen, die diese Ansicht, daB es sich nur um ein 
Marchen handelt, erharten, und manche sind so einfach, daB sie den 
Leser noch starker tiberraschen werden. Der einfachste stichhaltige 
Grund, der Judenvernichtungsbehauptung gegeniiber skeptisch zu 
sein, ist : 

Nach Kriegsende waren sie noch da! 

Dies laBt sich leicht nachweisen! Man frage einen Menschen, der 
mit dem Leben der Juden in Europa (osteuropaische Juden bleiben 
ausgeklammert) vor dem Kriege vertraut ist und der einen Uberblick 
iiber die Judenschaft in West-Europa hat — sagen wir bis zum Jahre 
1946. Er wird das Vorhandensein der italienischen, franzosischen, 
belgischen und danischen Juden im groBen und ganzen als kaum 
vermindert bestatigen. (Dieser Punkt wird in einem spateren Kapitel 
behandelt). Andererseits wird er feststellen, daB eine groBe Zahl 
Juden, moglicherweise sogar die Mehrzahl, aus Luxemburg, den 
Niederlanden und der Tschechoslowakei fehlen. (Die 

Tschechoslowakei war damals fiir den Westen zuganglich). 

Bei der osterreichischen Judenheit blieb manches unklar, 
obwohl die meisten vor dem Krieg ausgewandert waren. Es blieb 
schwierig, die genauen Zahlen von jenen zu ermitteln, welche 
emigriert und wohin sie ausgewandert waren. In jedem Falle lebten 
viele von ihnen, die zuriickgeblieben waren — wahrscheinlich waren 
es sogar durchaus die meisten — , nicht mehr in ihren fruheren 
Wohnungen. 

Die Zahl der fehlenden Juden wird jedoch durch die bekannte 
Tatsache ausgeglichen, daB die Auslanderlager in Deutschland voller 
Juden waren (die Zahl hierfur wird mit mehr als 250.000 
angegeben 2 , und daB viele europaische Juden seit Kriegsbeginn in 
die USA, nach Palastina und irgendwohin sonst ausgewandert waren. 
Fiir die westeuropaischen Beobachter widersprachen Ende 1946 die 
handgreiflichen Tatsachen sehr stark den von den Siegern 
behaupteten AusrottungsmaBnahmen der Deutschen gegeniiber 
den Juden. Dennoch haben die Siegermachte mittels 
Kriegspropaganda und Niirnberger Militartribunalen diesen 
Vernichtungsbehauptungen weltweite Verbreitung verschafft. 

Im Verlauf eines Vierteljahrhunderts hat sich trotz dieser 
oberflachlichen Schilderungen die dogmatische Verbreitung des 
Ausrottungsmarchens immer mehr verstarkt, und dies, obwohl in 
all den Jahren nur ein einziger ernst zu nehmender Schriftsteller 
auftauchte : der verstorbene franzosische Geograf Paul Rassinier. Im 
Jahre 1948 erschien sein Buch „ Passage de la Ligne", es enthielt 
seine Erfahrungen als linksgerichteter Politgefangener in 
Buchenwald 1943 — 1945. Im allgemeinen ist das Buch mit Sympathie 
aufgenommen worden, nur vereinzelt wurde es von gewissen Leuten 
geschmaht oder mit Zahneknirschen kommentiert. Im Jahre 1950 
veroffentlichte dann derselbe Autor seine „Le Mensonge d'Ulysse", 
eine kritische Betrachtung der KZJ^iteratur, wobei er Beweise fur 
das Vorhandensein von Gaskammern forderte : „ . . . es ist jetzt noch 
viel zu friih, um iiber die Existenz von Gaskammern zu urteilen". 
Diese Ausfuhrungen brachten ihm einen gehassigen Pressekrieg ein, 



der zu gerichtlichem Einschreiten fiihrte, wobei jedoch Rassinier als 
auch der Verfasser des Vorwortes und audi der Herausgeber 
zunachst freigesprochen wurden, nach der staatsanwaltschaftlichen 
Berufung jedoch fur schuldig befunden und zu einer Geldstrafe, zu 
Schadensersatz und Gefangnis mit Bewahrung verurteilt und nach 
Einspruch der Angeklagten aber dann freigesprochen wurden. Beide 
Biicher wurden 1955 in „Le Mensonge d'Ulysse" als 2. Auflage 
zusammengefaBt. Diese Ausgabe lieferte noch mehr kritisches 
Material iiber die angeblichen Gaskammern. 1961 kam die 
bekannteste, allerdings nicht sehr weit verbreitete 5. Auflage heraus. 
Auf diese berufe ich mich bei meiner Arbeit. Im gleichen Jahre 
veroffentlichte Rassinier noch einen kleineren Erganzungsband : 
„Ulysse Trahi par les Siens". Hier bezeugt er in drei kurzen 
Berichten, „daB er fast fest davon iiberzeugt ist, daB es keine 
Gaskammern gegeben hat". Der letzte Bericht gibt eine Rede wieder, 
die er in verschiedenen deutschen und osterreichischen Orten 
gehalten hat, und zwar im Fruhling 1960 (kurz vor dem 
Eichmann J?rozeB). 1962 folgte dann seine Arbeit „Le Veritable 
Proces Eichmann". (Es erschien 1963 in deutscher Ubersetzung mit 
dem Titel : „Zum Fall Eichmann : Was ist Wahrheit?"), eine Studie 
iiber den ganzen Umfang der angeblichen deutschen 
Kriegsverbrechen in ihrem historischen und politischen 
Zusammenhang. Zu dieser Zeit hatte er sich ein endgiiltiges Urteil 
iiber dieses Marchen der Judenausrottung gebildet : „ . . . eine 
Geschichtsfalschung . . . der tragischste und makaberste Betrug aller 
Zeiten". 3 

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, benutzte Rassinier zwei 
Methoden : Das ihm damals vorliegende Material und die Bevolke- 
rungsstatistiken. Unter der Materialverwendung verstehen wir die 
kritische Untersuchung (Analyse) der angeblichen Beweise iiber 
Massenvernichtung von Juden mittels Vergasung oder anderer 
eigentumlicher Methoden, die wahrend dieses Zweiten Weltkrieges 
von den Deutschen angewendet worden sein sollen. Die Material- 
untersuchung ergab eine fast identische Ubereinstimmung mit den 
Beweismitteln fur die Kriegsverbrecherprozesse oder die 
Gerichtsunterlagen, wie sie von Reitlinger oder Hilberg interpretiert 
und von ihnen mit ahnlichen Unterlagen erganzt wurden. In seinem 
Buch „Le Veritable Proces Eichmann" untersucht Rassinier die 
Bevolkerungsstatistik nur oberflachlich. Aber in seinem letzten 
Hauptwerk iiber das Problem der Judenausrottung „Le Drame des 
Juifs Europeens", 1964, (1965 in deutscher Ubersetzung betitelt : 
„Das Drama der Juden Europas"), legte er eine ausfuhrliche Analyse 
dieser Frage anhand der Bevolkerungsstatistik vor. 1965 
veroffentlichte er „L'Operation Vicaire", eine ansehnliche Kritik 
iiber Rolf Hochhuths Theaterstuck „Der Stellvertreter". Dabei ist 
zu erwahnen, daB man bei Priifung seiner Quellen doch der Sache auf 
den Grund gehen muB. Manches halt der Priifung nicht stand, und 
schlimmer : Manchmal verwendet er unzuverlassige Quellen. Es gibt 
da einige ins Auge fallende, zwar relativ unwichtige Irrtumer, so z. B. 
wenn er Hanson Baldwin als „Sachverstandigen fur Fragen der 
jiidischen Bevolkerung" bei der „New York Times" vorstellt. Man 
muB sogar bezweifeln, daB die „Times" ein Redaktionsmitglied 
hatte, das man so bezeichnen konnte; oder wenn er versichert, daB 
die meisten amerikanischen Juden Anti-Zionisten seien und die 



Auffassungen des antizionistischen „Amerikanischen Rates fur das 
Judentum" unterstiitzten. Dieser „Rat" war nie eine politisch ins 
Gewicht fallende Organisation. Immerhin war Rassinier ein mutiger 
Pionier auf einem wenig beachteten Gebiet, und kein gerecht 
denkender Mensch konnte ungeachtet der gelegentlichen Un- 
zulanglichkeiten seiner Arbeiten diese lesen, ohne in Sachen 
„Ausrottung" zumindest skeptisch zu werden. Rassinier starb im 
Juli 1967. Seine Biicher erschienen auch in deutsch, italienisch und 
spanisch; englische Ubersetzungen aber gab es jahrelang nicht. 

Auf die Biicher von Paul Rassinier folgten drei andere, die 
J. G. Burg veroffentlichte : „Schuld und Schicksal" (1962), 
dann 1967 „Sundenbocke" und 1968 „NS-Verbrechen — 
Prozesse des schlechten Gewissens". Burgs Schriften waren 
nicht besonders gut fundiert, weil er hauptsachlich auf 
Zeitungswissen und personliche Erfahrungen aufbaute, die er als 
Jude mit seiner Familie hatte sammeln konnen. Wahrend des Krieges 
war die ganze Familie in die von Deutschen und Rumanen besetzten 
Ostgebiete verschickt worden. Nach 1945 ging die Familie nach 
Israel. Aber schlieBlich wurde er ein waschechter Anti-Zionist und 
kehrte nach Deutschland zuriick. 

Er war der Uberzeugung, daB viele Juden als Folge des 
Zusammentreffens von NS-Politik und kriegsbedingten Umstanden 
— z. B. Epidemien, Pogrome, Luftangriffe, ErschieBungen, 
Partisanenkampfe — umgekommen sind. Er leugnete einen 
deutschen Ausrottungsplan, hielt die Zahl von 6 Millionen fur 
besonders verachtlich und schatzte die Zahl der Opfer auf hochstens 
3 Millionen, wahrscheinlich jedoch sehr viel weniger. Burg — ein 
schmachtiger Mann und nicht gerade Jung — wurde, sozusagen als 
Belohnung fur seine Bemuhungen, die Wahrheit zu ergrunden, von 
judischen Schurken zusammengeschlagen, als er das Grab seiner Frau 
auf dem judischen Friedhof in Munchen besuchte. 

Ein unbekannter Verfasser gab 1969 in den USA eine kleine, 
unbedeutende Broschure „Der Mythos der 6 Millionen" heraus. 
Anfangs durch Gerichtsverfahren verboten, wurde es 1973 erneut 
zum Kauf angeboten. Vom Inhalt her war es ein klarer Ruckschritt 
im Vergleich zu Rassinier. 

Der nachste Schritt war die Herausgabe einer Arbeit von Emil 
Aretz in Deutschland : „Hexen-Einmal-Eins einer Luge". 1973 kam 
die dritte Auflage heraus und scheint eine weite Verbreitung 
gefunden zu haben. Bei einem Vergleich mit Rassiniers Werk weist 
Aretz nur wenig Neues gegeniiber der Ausrottungsliige auf. Hier ist 
Aretz sehr abhangig von Rassinier. Dennoch steuert er einiges 
bisher Unbekanntes bei. Wichtig ist vor allem : das Buch ist 
erfolgreich als kuhne und ehrliche Verteidigung der deutschen 
Nation. 

Die unvernunftige Fortsetzung der Kriegsverbrecherprozesse in 
Westdeutschland und das Fehlen jeder Begrenzung in Hinsicht auf 
die von Deutschen angeblich begangenen Verbrechen brachten eine 
kaum bemerkte Begleiterscheinung hervor : Leute, die „dort" waren, 
hatten sich bislang gescheut, mit dem herauszurucken und zu 
berichten, was ihrem Wissen nach geschehen war. So wollten sie 
moglichst nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken, daB sie „dort" 
waren. Trotzdem war es unvermeidlich, daB einige mutige Manner 
dennoch an die Offentlichkeit traten. 



Der wichtigste Mann auf diesem Gebiet war Thies Christophersen, 
Verfasser der kleinen Schrift „Die Auschwitzliige". Christophersen 
war von Januar bis Dezember 1944 in Auschwitz. 1973 gab er seine 
diesbeziiglichen Erinnerungen heraus. Daraus geht ohne weiteres 
hervor, daB es dort niemals VernichtungsmaBnahmen gegeben hat. 
Eine englische Ubersetzung von dieser Broschiire mit etlichen 
interessanten Anzeigen kam 1974 heraus. Im Oktober 1973 schrieb 
der Hamburger Richter Wilhelm Staglich in der Zeitschrift „ Nation 
Europa", daB er im Sommer 1944 zu einer Flak-Einheit in der Nahe 
von Auschwitz abkommandiert gewesen war. Das angebliche 
Vernichtungslager hat er bei verschiedenen Gelegenheiten 
aufgesucht. 

Er ist davon iiberzeugt, daB es dort keine Hinrichtungen gegeben 
hat. Daraufhin wurde er von der Richterdienstkammer beim 
Landgericht Hamburg mit einer 10%igen Kiirzung seines Gehaltes fur 
die nachsten zwei Jahre bestraft. Aus Gesundheitsrucksichten trat 
Staglich in den Ruhestand. Sein Fall wurde nun von der 
Berufungskammer des Hamburger Gerichts neu aufgerollt, das im 
Juli 1975 eine 20%ige Herabsetzung seiner Pension fur die Dauer von 
funf Jahren festsetzte! Einige Monate spater, im Februar 1976, 
wurde der Herausgeber von Christophersens Broschiire, 
Rechtsanwalt Manfred Roeder, schuldig gesprochen, „weil er 
RassenhaB predige und Volkerhetze betreibe". Roeder wurde zu 
einer Geldstrafe und zu Gefangnis mit Bewahrung verurteilt. Seine 
Herausforderung bestand darin, daB er durch seine jedem 
zugangliche Veroffentlichung erklart hatte, daB die 

6-Millionen-Legende eine „gemeine Luge sei, um das deutsche Volk 
zu erpressen". Solche Verfahren beleuchten schlagartig, warum es so 
lange gedauert hat, bis sich die Wahrheit herausschalen konnte. 4 

Ende 1973 brachte Austin J. App, ein emeritierter Professor in 
Maryland, eine treffliche kleine Broschiire heraus : „Der 
6-Millionen-Schwindel". Wolf Dieter Rothe veroffentlichte Anfang 
1974 den ersten Band einer Studie : „Die Endlosung der 
Judenfrage". In England folgte dann Richard Harwood mit der 
englischen Broschiire : „Starben wirklich 6 Millionen?" Harwoods 
Broschiire ist von starker Uberzeugungskraft, allerdings gibt es in ihr 
auch einige schwache Punkte, und der Leser wird fur genauere 
Einzelheiten des Themas auf Rassinier verwiesen. Colin Wilson hat in 
seiner einfluBreichen Monatsschrift „Books and Booksmen" — 
Ausgabe Nov. 1974 — , eine Besprechung veroffentlicht und die 
wahrend eines Monats eingegangenen Leserbriefe dariiber 
abgedruckt. 

Anfang 1975 gab Harry Elmer Barnes die englische Ubersetzung 
von Rassiniers Broschiire heraus : „Das Drama der europaischen 
Juden". — Ein kleiner Verlag in den Vereinigten Staaten hatte es 
gewagt. 

Bei dieser Gelegenheit werfen wir noch schnell einen Blick auf die 
Schwierigkeiten, die sich bei der Verwendung von Statistiken 
herausstellen. In spateren Kapiteln zeigen wir dann, wie diese 
demografischen Aufgaben in diesem Buch gelost worden sind. 

Die Probleme, die einer demografischen Studie anhaften, sind 
ungeheuer. Erstens sind alle Primarquellen der Nachkriegszeit den 
privaten jiidischen oder aber kommunistischen Angaben 
entnommen (hauptsachlich die letzteren iiber alle wichtigen 



Probleme die Sowjetunion, Rumanien bzw. iiberhaupt Osteuropa 
betreffend). Zweitens scheint es, daB man aus ihnen jedes 
gewiinschte Ergebnis herauslesen kann, wenn man die 
entsprechenden ausgewahlten Vor- und Nachkriegsangaben 
heranzieht. Man betrachte einmal die Angaben iiber die jiidische 
Weltbevolkerung. Da ist z. B. der Professor fur jiidische Soziologie an 
der Hebraischen Universitat in Jerusalem — Professor Arthur 
Ruppin. Fur 1938 gibt er die Bevolkerungszahl der Juden in der Welt 
mit 16.717.000 an. 5 Der 1943 verstorbene Ruppin gait auf Grund 
zahlreicher Veroffentlichungen, die er im Verlauf vieler Jahre der 
Vorkriegszeit geschrieben hatte, als der beste Fachmann auf diesem 
Gebiet. Die Schatzungen anderer Vorkriegsquellen stimmen im 
wesentlichen mit ihm uberein. So schatzt 1940 der Welt-Almanach 
des „Amerikanischen Judischen Komitees" fur 1933 die Zahl mit 
15.315.359. Der Welt-Almanach fur 1945 nennt 15.192.089 (S. 
367). Eine Quelle hierfur wird zwar nicht angegeben, aber diese Zahl 
fuBt offensichtlich auf einer Zahlung der Religionszugehorigkeit. 
Der Welt-Almanach fur 1946 verbessert die Zahl auf 15.753.638, 
eine Zahl, die in den Ausgaben fur 1947 (S. 748), 1948 (S. 572), 
1949 (S. 289) beibehalten wird. Der Welt-Almanach von 1948 
(S. 249) gibt die Schatzung des „Amerikanischen Judischen 
Komitees" fur 1938 (kein Druckfehler!) fast gleich hoch mit 
15.688.259 an, wahrend der gleiche Almanach fur 1949 (S. 204) 
neue Zahlen des „Amerikanischen Judischen Komitees" nennt, die 
sich von 1947 auf 1948 so entwickeln : Fiir 1939 = 16.643.120, und 
fur 1947 = 11.266.600. Der Militar-Experte der „New York 
Times" — Hanson Baldwin — schrieb nun 1949 einen Artikel, worin 
er sich mit dem damals drohenden israelisch-arabischen Krieg 
auseinandersetzte. Er benutzte als Unterlagen Informationen, die er 
von den Vereinten Nationen und anderen Stellen erhalten hatte. Fiir 
die jiidische Weltbevolkerung nannte er als Zahlen 15 bis 18 
Millionen. In dem gleichen Almanach fiihrt er die Zahlen fiir die 
Juden in Palastina, Juden in Mittelost, Araber in Palastina, 
Gesamtzahl der Araber, Moslems usw. und sonstige Angaben an. 6 

Diese Schilderung zeigt einige der Schwierigkeiten auf, die sich bei 
Hinzuziehung demografischer Daten fur derartige Studien ergeben. 
Soil die Ausrottungsthese nach dem Krieg aufrechterhalten bleiben, 
so muB die Zahl von 11 bis 12 Millionen jiidischer Weltbevolkerung 
in Anspruch genommen werden. Sie ist aber in mehr als einer 
Hinsicht sehr anfechtbar, greift sie doch praktisch auf zwei 
Statistiken zuriick : 

1. eine fiir die USA und 2. eine fiir Osteuropa. — Beide, besonders 
die letztere, sind Gegenstand unuberwindlicher Schwierigkeiten 
bzw. Unsicherheiten. 

Zunachst die Zahlen nach der Volkszahlung fiir die USA : 7 
Jahr Bevolkerung 

1920 105.710.620 

1930 122.775.046 

1940 131.669.275 

1950 150.697.361 

1960 179.300.000 

Demgegeniiber lauten die Zahlen fiir die jiidische Bevolkerung in 
den Vereinigten Staaten nach dem „Statistischen Judischen Biiro" 
des Direktors H. S. Linfield (Dieses Biiro ist ein Tochterunternehmen 



Jiidische Bevolkei 


-ung 






3.388.951 








4.228.029 








4.770.647 








5.000.000 








5.530.000 






darauf, daB 


samtliche 


der 


Juden 


an 


der 



entweder der „Amerikanischen Jiidischen Konferenz" oder der 
„Synagoge von Amerika") : 8 

Jahr 

1917 

1927 

1937 

1949 

1961 
Wichtig ist dabei der Hinweis 
Zahlenangaben iiber den Anteil 
US-Gesamtbevolkerung der gleichen Quelle (Linfield) entnommen 
sind. 

Die jiidische Bevolkerung in den USA zeigt von 1917 bis 1937 
einen Zuwachs von 40,8%, die Zunahme der Gesamtbevolkerung der 
USA von 1920 bis 1940 hingegen nur 24,6%. Die Zahlen konnten 
sogar stimmen, bedenkt man, daB im Verlauf der in Betracht 
kommenden Zeit die jiidische Einwanderung in die USA recht 
betrachtlich war. Das „Amerikanische Jiidische Jahrbuch" gibt fur 
die Jahre von 1938 bis 1940 und 1946 bis einschlieBlich 1949 eine 
jiidische Einwanderung von netto 232.191 an. 9 Fur 1944 und 1945 
scheinen keine Zahlen vorzuliegen. Zufallig war gerade in diesen 
zwei Jahren die Zulassungsquote fur einwandernde Juden in 
unbestimmter Hohe iiberschritten worden. Angeblich sollen nur 
1.000 solcher Juden in einem Lager in der Nahe von Oswego/New 
York untergebracht gewesen sein, deren Einwanderung in die USA 
abgelehnt wurde. Ein verdachtiger Beitrag der USA zum 
Fluchtlingsproblem! 10 

Anstatt zu versuchen, die schwierige Frage iiber den Umfang der 
jiidischen Einwanderung zu losen, versuche ich lieber der Sache 
anders naher zu kommen. Man billige der jiidischen Weltbevolkerung 
mindestens die gleiche Zuwachsrate fur 1937 — 1957 zu wie dem 
jiidischen Bevolkerungsanteil in den USA wahrend der Jahre 
1917 — 1937, was zumindest mit Riicksicht auf verschiedene 
Tatbestande angebracht erscheint. Man frage z. B., warum wahrend 
des Zweiten Weltkrieges und danach 1,5 Millionen Juden nach 
Palastina verfrachtet wurden. Das konnte dann ebensogut die 
Einwanderung in die USA erklaren wie den Umstand, daB keine 
nach Nationalitat oder Rasse getrennten Einwanderungszahlen 
notiert und daher auch nicht auf Juden als solche anwendbar sind. 
Im Jahre 1957 muBten somit in den USA mindestens 6.678.000 
Juden leben und nicht, wie angegeben, 5.300.000. Es fehlen mithin 
rund 1.400.000 Juden, gemessen an der Durchschnittszahl fur 1957. 
Wir sehen dies auf Grund der vorgefiihrten Berechnungen als eine 
vorsichtige Schatzung an. Von 1937 — 1957 hatte die jiidische 
Bewegung einen bisher niemals erreichten Umfang. 

Andererseits konnen wir die ebenso vorsichtige Schatzung 
anerkennen und vermuten, daB die 4.770.647 Juden von 1937 bis 
zum Jahre 1957 im gleichen Umfang zugenommen haben wie die 
USJSevolkerung von dem Kriegsjahr 1940 bis 1960. Hiernach 
muBten 1957 = 6.500.000 Juden in den USA gelebt haben. Wenn 
man nun die wohl berechtigte Zahl von 300.000 als Folge der 
Zuwanderung hinzuzahlt, so kommen wir fur 1957 auf 6.800.000. 
Berechnet man nach beiden Methoden die fur die Nachkriegszeit 




Abb. 1 : Lageplan von Auschwitz 



genannten Zahlen weiter, so fehlen mindestens rund 1,5 Millionen 
fur 1957. 

Der Hauptfehler bei den Zahlenangaben iiber die jiidische 
Bevolkerung in den USA liegt darin, daB eine unerklarlich geringe 
Zunahme behauptet wird fiir die Zeit von 1937 — 1949, und dies trotz 
einer gewaltigen Siedlungsbewegung der Juden und der sehr 
groBziigigen Handhabung der US-Einwanderungspolitik. 

Osteuropa bietet den Kern des demografischen Problems. Man 
muB sich zunachst dariiber klar sein, daB es im Verlaufe des XX. 
Jahrhunderts im gesamten osteuropaischen Raum erhebliche 
Grenzverschiebungen gegeben hat. Dies verdeutlicht die beigefugte 
Landkarte — Tafel 1 — Grenzverlauf am Vorabend des Ersten 
Weltkrieges 1914—1918. Tafel 2 zeigt den Stand vom Januar 1938, 
wie die Grenzen im groBen und ganzen gemaB dem Versailler Vertrag 
verliefen, bevor Hitler Deutschland neue Gebiete einverleibte. Karte 
4 zeigt das Nachkriegs-Europa im Jahre 1945. Die wichtigsten 
Veranderungen nach dem Zweiten Weltkrieg sind die nach Westen 
vorgetriebenen sowjetischen Grenzen. Die drei baltischen Lander 
Litauen, Lettland und Estland wurden einverleibt, desgleichen 
beachtliche Teile von Rumanien, von Polen, der Tschechoslowakei 
und von OstpreuBen. Polen wurde mit den Resten von OstpreuBen 
und dem iibrigen Ostdeutschland abgespeist. Die Wirkung war, daB 
auch Polen sich westwarts ganz erheblich ausdehnte. 

Fiir 1938 gaben H. S. Linfield und das „ Jiidische Komitee" eine 
Schatzung fiir die jiidische Bevolkerung in Osteuropa im 
Welt-Almanach fiir 1948 (S. 249) an, wahrend fiir die Nachkriegszeit 
1948 die Zahlen im Welt-Almanach fiir 1949 (S. 204) veroffentlicht 
wurden : 

1938 1948 

Bulgarien 48.398 46.500 

Ungarn 444.567 180.000 

Polen 3.113.900 105.000 

Rumanien 900.000 430.000 

UdSSR 3.273.047 2.032.500 

Gesamt 7.779.912 2.794.000 

Die von den Juden behaupteten Verluste in Osteuropa betragen 
demzufolge 4.985.912. Bei den Zahlen fiir die UdSSR sind in beiden 
Fallen die drei baltischen Staaten und die Juden des asiatischen 
RuBland inbegriffen. Die Vorkriegszahlen liegen in alien Fallen dicht 
bei den von Ruppin kurz vor dem Zweiten Weltkrieg 
veroffentlichten Zahlen. In dem MaBe, wie die Ausrottungslegende 
auf Bevolkerungsstatistiken beruht, fuBt sie genau auf diesen 
Statistiken oder auf sie zuriickzufiihrenden Angaben. 

Der Haken ist nur, daB dieserart Angaben vollkommen 
bedeutungslos sind. Fiir westliche Beobachter besteht keine 
Moglichkeit, die Zuverlassigkeit dieser Zahlen zu iiberpriifen, zu 
schweigen von ihrer Genauigkeit. Er muB also bereit sein, entweder 
die jiidischen und die kommunistischen und dabei besonders die 
letzteren Angaben iiber die jiidischen Bevolkerungsanteile zu 
ubernehmen, oder aber er muB jedes statistische Zahlenmaterial 
wegen mangelnder Zuverlassigkeit ablehnen. 

Es ware mehr als gewagt zu behaupten, daB die polnischen Juden 
tatsachlich verschwunden waren, wenn es sich nicht groBtenteils 
oder zumindest in annaherndem MaBe so verhalten hatte. Diese 



10 



Einschrankung ist m. E. begriindet. Aber man muB sich daran 
erinnern, daB groBe Gebiete, die 1939 noch polnisches Staatsgebiet 
waren, 1945 sowjetisches Territorium geworden sind. Fur die 
polnische Judenschaft bestand somit die Moglichkeit, wahrend der 
sowjetischen Besatzung Ostpolens von 1939 — 1941 tatsachlich von 
der dortigen Bildflache zu verschwinden. Die Sowjets hatten in den 
Jahren 1939 — 1941 viele Polen und Juden in die Sowjetunion 
verschleppt. Die nun von den Deutschen in den Jahren 1939 — 1944 
hauptsachlich in den ostlichen Gebieten zusammengefaBten Juden 
wurden bei dem erneuten Vormarsch der Roten Armee aufs neue 
von der UdSSR absorbiert, — zumindest was einen groBen Teil der 
Juden betrifft. Jene, die dort nicht mehr leben wollten, konnten 
auswandern. Sie taten es und zwar zumeist nach Palastina und in die 
USA, aber auch viele nach NeuJ?olen oder in andere Lander. So 
handelten auch tatsachlich viele Juden, die vor dem Krieg in Polen 
gelebt hatten. 

Was immer iiber die Sowjetpolitik in bezug auf die Juden nach — 
sagen wir — 1950 gesagt sein mag : Sicher ist, daB sie fruher nicht 
antijudisch war. Die Sowjets haben vielmehr die Juden ermuntert, in 
der Sowjetbevolkerung aufzugehen. Es ist bekannt, daB viele 
polnische Juden wahrend und nach dem Zweiten Weltkrieg in der 
Sowjetunion aufgenommen worden sind. Zahlen hieruber sind 
verstandlicherweise nur schwer zu bekommen. Reitlinger weiB um 
dieses Problem und gibt ihre Zahl mit 700.000 an, ohne aber eine 
Begriindung dafur anzufuhren, warum die Zahl nicht bedeutend 
hoher liegen sollte. Weiter fiigt er hinzu, daB die Belege, die er fiir die 
Vernichtung der Juden in der Sowjetunion herangezogen hat, (als 
Beweismaterial stiitzte er sich dabei auf angebliche deutsche 
Dokumente), dartun, daB ungefahr die gleiche Zahl sowjetischer 
Juden vernichtet worden sei. Daraus folgert er richtig, daB die 
jiidische Bevolkerung in der UdSSR von 1939 — 1946 real 
zugenommen haben muBte. 11 Dieses wichtige Eingestandnis des 
„Die Endlosung"-Verfassers beweist, daB unser Strauben gegen die 
Anerkennung der kommunistischen Zahlenangaben nicht 

dahingehend ausgelegt werden kann, als geschahe solches nur, um 
unsere sog. „These" aufrechtzuerhalten. Derartige Zahlen sind 
nachgewiesenermaBen unglaubwiirdig. So behaupten die Sowjets, 
daB ihr judischer Anted an der Bevolkerung trotz des 
Gebietszuwachses um 38% zuriickgegangen sei, obwohl dort auch 
viele Juden gelebt haben. Da die UdSSR eines derjenigen Lander ist, 
in denen die Juden als gesetzlich anerkannte Nationalitat gelten, so 
miissen sie doch auch iiber genaue Zahlen verfugen. Sie haben es aber 
bisher vorgezogen, einen auBerst zwielichtigen judischen 
Bevolkerungsverlust von 38% anzugeben. (Reitlinger verweist auf 
diese sowjetischen Angaben fiir den Fall, daB der Leser seine 
Zahlenangaben nicht anerkennen will). Das gleiche gilt auch fiir die 
iibrigen Zahlenangaben. 

Die besten Nachforschungen hieruber scheinen die des 
Demografen Leszek A. Kosinski von der Universitat in Alberta zu 
sein. (Geographical Review, Band 59, Ausg. 1969, S. 388 — 402 und 
„ Canadian Slavonic Papers", Band 11, Ausg. 1969, S. 357 — 373). Hier 
sind die Studien der Bevolkerungsveranderung in ganz 
Zentralosteuropa festgehalten (ausschlieBlich Deutschland und 
RuBland), und zwar fiir die Zeit von 1930 — 1960. Kosinski weist 



11 



dabei auf die auBergewohnlichen Schwierigkeiten bei Verwendung 
von Basis-Statistiken hin. 

„Die bei der Forschung benutzten Kriterien sind von Land zu Land 
verschieden und nicht immer genau. Dabei werden insbesondere zwei Arten 
angewandt : objektive Kriterien wie Sprache, kulturelle Zugehorigkeit und 
Religion; und subjektive Kriterien : Angaben auf Grund personlicher Aussage. 
Jede Art hat ihre Vor- und Nachteile. Die objektiven Kriterien bestimmen die 
Nationalitat nur indirekt und sind in Grenzfallen schwer anwendbar, z. B. im 
Falle von Zweisprachigkeit. Die gleiche Vorsicht mul3 man sogar in noch 
erhohtem MaB bei der subjektiven Art walten lassen. Hier beeinflussen 
auBerlicher Druck und Opportunismus das Ergebnis besonders dann, wenn 
das Nationalgefuhl nicht voll entwickelt ist oder wenn eine aufrichtige 
Antwort unangenehme Folgen haben konnte. Amtliche Angaben sind nicht 
immer zuverlassig, selbst dann nicht, wenn sie nicht grundsatzlich gefalscht 
worden sind, was auch vorgekommen ist. Jedoch kann die Kritik an den 
offiziellen Angaben nicht in gleichem MaB auf alle Lander angewendet 
werden, da die Zuverlassigkeit auch eine Frage der nationalen Politik ist." 

Die Juden sind nur eine der Gruppen, an denen Kosinski 
interessiert ist; er legt verschiedene Zahlen vor, die im allgemeinen 
vergleichbar mit den oben angefuhrten fur die judische Bevolkerung 
vor dem Kriege sind. Seine Angaben fur die Zeit nach dem Weltkrieg 
sind jedoch in jederlei Hinsicht so unzuverlassig, daB er noch nicht 
einmal den Versuch macht, besondere Zahlen fur den judischen 
Bevolkerungsanteil in der Zeit nach dem Weltkrieg zu nennen, 
obgleich er solche fur andere Bereiche und Gruppen — z. B. Zigeuner 
— anfuhrt. Dabei gibt er Zahlen an, die statistisch weniger wichtig 
sind, als die fur die Juden, die den Mythologisten der 
Ausrottungsbehauptung zufolge in Osteuropa uberlebten. In 
Wirklichkeit ubernimmt er die Ausrottungslegende voll und ganz. 
Auf seiner grafischen Darstellung zeichnet er durch eine dicke Linie 
eine katastrophale Abnahme der judischen Bevolkerungsanteile in 
Polen, Ungarn, in Rumanien und der Tschechoslowakei ein. Dazu 
vermerkt er, dafj die Gesamtverluste im Kriege fur die Jugoslawen, 
Juden, Polen und Ostdeutschen 12,5 bis 14 Millionen betragen, ohne 
diese Angaben im einzelnen aufzugliedern, und verweist seine Leser 
auf die statistische Ubersicht : „Bevolkerungsveranderung in Europa 
seit 1939", die von Gregory (Grzegorz) Frumkin stammt. Dessen 
Angaben iiber die Judenschaft stammen aber von dem 
„Amerikanischen Judischen KongreB", der zionistischen 

Organisation in Amerika sowie dem „ Centre de Documentation 
juive contemporaine" in Paris. Kosinski nennt keine Zahlen fur die 
Juden, kann es sich wohl auch nicht leisten, sie zu nennen. Die 
Zahlen iiber die ethnische Bevolkerung des kommunistischen 
Ungarn fuBen auf der Sprache, wahrend jene von den 
kommunistischen Landern Polen, Rumanien und der 

Tschechoslowakei auf der „ Nationalitat" beruhen, was immer man 
auch darunter verstehen mag. Naturlich rechtfertigt er sich damit, 
daB er „ amtliche Statistiken, wie unvollkommen sie auch sein 
mogen", verwendet hat. 

Wir diirfen dabei aber auch nicht iibersehen, daB es ebenfalls 
gewaltige Schwierigkeiten beim Umgang mit den Zahlen in den 
westlichen Landern gibt. Hier fehlen alle gesetzlichen, religiosen 



12 



oder rassischen Unterlagen, um einen „Juden" zu bestimmen. Ein 
Beispiel : Nach den Reitlinger zur Verfugung stehenden Statistiken 
gibt er die Zahl der Juden in Frankreich zu Beginn des Zweiten 
Weltkrieges mit 300.000 an, inklusive jener, die aus Deutschland 
gefliichtet waren. 12 Die Nationalsozialisten dagegen gaben die Zahl 
von 865.000 an, und ich vermag keinerlei Grund dafiir zu entdecken, 
warum sie diese Zahl absichtlich so hochgeschraubt haben sollten. 
Andere von den Nationalsozialisten verwendete Zahlen waren nicht 
wild aufgebauscht, verglichen mit den Zahlen anderer Quellen. 13 
Ich mochte bei dieser Gelegenheit bemerken, daB ich selbst z. B. 
absolut keine Ahnung habe, wie viele Juden es in den USA gibt. Ich 
kann den Welt-Almanach zu Rate ziehen, der mir mitteilt, daB es 
etwa 6 Millionen sind. Aber ich kann nicht nachprufen, wie man zu 
dieser Zahl gekommen ist; und dabei habe ich wenig Vertrauen zu 
dieser Angabe. Soviel ich weiB, konnte die richtige Zahl genauso gut 
9 Millionen lauten. Allein in New York City und Umgebung 
miissen mindestens 4 Millionen leben. 

ZusammengefaBt : Derartige Statistiken in die Hand zu 
bekommen, ist auBerordentlich schwierig, selbst dann, wenn man 
von politischer Behinderung oder politischem Druck absieht. 
Weiterhin ist zu bemerken : In den demografischen Argumenten, die 
von einem Verlust von 5 oder 6 Millionen Juden sprechen, sind in 
den Quellen und amtlichen Veroffentlichungen jene Zahlen 
eingesetzt, die von Kommunisten und Juden stammen. Bei der Natur 
des Problems, das wir untersuchen, miissen somit diese Angaben als 
im wesentlichen unbrauchbar angesehen werden. Im iibrigen sind 
Zahlen aus der Nachkriegszeit fur die USA in bezug auf die 
Judenschaft nachweislich in betrachtlichem Umfang zu niedrig 
angegeben. 

Nun moge man aus dem oben Gesagten nicht den SchluB ziehen, 
daB irgendwelche demografischen Ergebnisse, die als bereits 
ermittelt erscheinen, vom Leser anerkannt werden muBten. Es sollte 
lediglich gezeigt werden, in welchem MaBe sich Schwierigkeiten 
aufturmen, wenn man versucht, sich allzu sehr an demografische 
Statistiken zu klammern. Auf solche Art kann man mit Sicherheit 
nichts herausfinden. 

Bei der Endanalyse kommt man dann in die groBe Verlegenheit 
festzustellen, daB die zur Verfugung stehenden Zahlen zu nichts 
weiter fuhren, als darzutun, daB solche Angaben iiber Millionen 
ermordeter Juden eben aus judischen und kommunistischen Quellen 
stammen. Eine solche Sachlage war zu erwarten, aber sie darf uns 
nicht davon abhalten, tiefer zu schurfen. Wir greifen dieses 
demografische Problem spater erneut in diesem Buch auf und zwar 
dann, wenn unsere Untersuchung vernunftigerweise niitzliche 
demografische SchluBfolgerungen ermoglicht, nachdem ermittelt 
ist, was im groBen und ganzen den Juden geschehen ist. 

Rassinier macht in seiner demografischen Studie tatsachlich nicht 
emmal den Versuch, dem Problem auf den Grund zu gehen; um es 
genau zu sagen : Sein grundlegender Versuch besteht darin, die 
Folgerungen aus den beiden unterschiedlichen Angaben zu 
analysieren, namlich jene vom „ Centre de Documentation juive 
contemporaine" und die von Hilberg, die beide aus ihren Daten 5 bis 
6 Millionen NS-Opfer an Juden folgern. Rassinier hat nun errechnet, 
daB nach seinen Zahlen der erstere nur 1.485.292 Opfer nennen 



13 



diirfte und der letztere nur 896. 892. 14 Rassinier nimmt ungefahr 1 
Million Juden als Opfer der NS-Politik an. Er verwirft dagegen die 
Behauptung einer geplanten Ausrottung der Juden. Es ist zum 
Beispiel gut bekannt, daB einige der osteuropaischen Volker die 
militarpolitische Lage ausnutzten, um die Juden zu verfolgen. 
Ebenso wahr ist, daB viele aus ihren Wohnungen geholte Juden 
zweifellos infolge der allgemeinen chaotischen Lage der letzten 
Kriegszeit umgekommen sind. 

Da ich glaube, daB eine Losung so nicht moglich ist, will ich hier 
auch keine endgultige Zahl der Judenverluste anfuhren. Dennoch 
habe ich keinen gewichtigen Grund, mich iiber Rassiniers Schatzung 
zu beklagen. 

Wie schon angekiindigt, soil hier eine „Materialanalyse" ausge- 
weitet und diese mit einer zusatzlichen „historisch-politischen 
Untersuchung" verarbeitet werden. Es mutet geradezu fantastisch 
an, wenn wir sagen, daB zwei groBe Staaten in das Problem ver- 
wickelt sind und nicht nur einer! Da ist zunachst festzustellen, daB 
uns eine Geschichte iiber Judenausrottung vorliegt, und wir sollten 
Untersuchungen dariiber anstellen, unter welchen Umstanden sie 
zustandegekommen ist. Deutschland betrieb eine anti-judische 
Politik, die in vielen Fallen Deportationen von Juden aus ihren 
Heimen und Heimatlandern einschloB. Dies ist unbestritten. 
Wahrend des Krieges war die politische Leitlinie von Washington, 
die Judenvernichtung propagandistisch wirksam herauszustellen, 
und die Nachkriegspolitik war darauf abgestellt, Prozesse 
durchzufuhren, bei denen das einzige Beweismaterial her- 
vorgebracht wurde, das wir z. Zt. dariiber haben, daB diese 
Kriegszeitbehauptungen sachlich begriindet gewesen seien. Dies ist 
auch sicher. Nun ist aber die Politik beider Seiten 
notwendigerweise von Interesse. Wenn diesem Buch, das eine 
vollkommen neue Ansicht iiber dieses Problem bringt, die notige 
Achtung geschenkt wird, so liegt das sicherlich daran, daB es 
hartnackig und unmiBverstandlich nachweist, daB Washington der 
emsige Hauptantreiber war, um diese Geschichte in die Welt zu 
setzen. Wir sind also nicht allein daran interessiert, was Hitler, 
Himmler, Goring, Goebbels und Heydrich in dieser Angelegenheit 
wahrend des Krieges getan haben. Fur uns ist ebenso bedeutsam, was 
in dieser Zeit Roosevelt, Hull, Morgenthau und die „New York 
Times", aber auch andere einfluBreiche Personlichkeiten in den USA 
mit ihren verbiindeten Massenmedien getan haben und was die 
verschiedenen von Washington kontrollierten und beherrschten 
Tribunale nach dem Krieg getan haben. Dies ist nicht nur ein faires 
Verlangen, sondern viel wichtiger : Es ist eine aufklarende historische 
Forschungsmethode. 

Aus dem Gesagten folgt, daB Washington mit der Luge von der 
Ausrottung der Juden ein abgekartetes Spiel getrieben hat. Wenn 
wir das erst einmal eingesehen haben, dann erst konnen wir die Natur 
der deutschen Politik gegeniiber den Juden richtig einschatzen. 

Bevor wir die Einzelheiten der Legende untersuchen, muB 
zunachst betont werden, daB es ausgezeichnete und bisher 
unbeachtete Griinde dafur gibt, ein abgekartetes Spiel zu 
unterstellen. Da ist z. B. das allgemein anerkannte Prinzip, daB eine 
politische Feindschaft, die bis zur kriegerischen Auseinandersetzung 
gefuhrt hat, naturnotwendig eine Unparteilichkeit einer der 



14 



beteiligten Machte ausschlieBt. Fiir ein faires Gerichtsverfahren ist 
Neutralitat aber eine unabdingbare Voraussetzung. Da gibt es kein 
Wenn und Aber. Die Richter haben im Zusammenhang mit den 
innenpolitischen Verhaltnissen ihrer Auftraggeberlander, die 
Deutschland gegeniiber eine feindliche, haBerfullte und 

kompromiBlose Politik forderten, an ihre personliche Karriere 
gedacht. Sie vermuteten, daB, wenn sie nicht alles von Ihnen 
Verlangte bei den „Kriegsverbrecher-Prozessen" getan hatten, es fur 
sie hochst wahrscheinlich unmoglich gewesen ware, auf ihre 
politische Karriere zuriickgreifen zu konnen. AuBerdem hatten sie in 
all den vergangenen Jahren nur den anti-deutschen Gesichtspunkt 
vernommen. Allein schon durch ihre Mitarbeit an den 
Militartribunalen waren sie von vornherein politische Exponenten. 
Solche Uberlegungen schlieBen grundsatzlich jede auch nur 
annahernde Unparteilichkeit aus. 

Dariiber hinaus gibt es aber auch noch sehr viel mehr besondere 
Griinde, um ein abgekartetes Spiel zu unterstellen. Dafur braucht 
man nur die leicht verfugbaren Tatsachen zu betrachten, wie sie die 
hieran beteiligten Tribunale geschaffen haben. 

Als erstes gab es den „GroBen ProzeB" des „Internationalen 
Militartribunals" (IMT) in Niirnberg unmittelbar nach dem Krieg. 
Hierbei handelt es sich um das Verfahren gegen die Spitzenkrafte der 
Nationalsozialisten Goring, HeB, v. Ribbentrop und andere, das von 
November 1945 bis Oktober 1946 dauerte. Richter und 
Staatsanwalte waren die Amerikaner, Briten, Franzosen und Russen. 
Wie bei alien „Militar"-Gerichten gab es keine Geschworenen. Ihre 
Urteile : Drei Freispruche, siebenmal Gefangnisstrafen und elf 
Todesstrafen. Die Todesstrafen wurden nahezu unmittelbar im 
AnschluB an die Urteile vollstreckt. Nur Goring entging der Schlinge 
durch Verschlucken einer Zyankali-Kapsel kurz vor dem 
Erhangtwerden. Woher Goring das Gift hatte und wie er es 
fertiggebracht hatte, es solange zu verstecken, konnte nie restlos 
geklart werden. Die einzige Folge dieses Vorfalles war, daB der erste 
Nurnberger Gefangnispsychiater Dr. Douglas M. Kelley, eine 
fuhrende Personlichkeit fiir die Behandlung psychiatrischer 
Krankheiten mit Drogen, kurz darauf ein Buch iiber seine 
Erfahrungen in Niirnberg veroffentlichte. Darin laBt er Goring und 
seinem letzten Handeln groBes Lob widerfahren : 

„Er ertrug seine lange Gefangenschaft mit Gleichmut im starken Glauben, daB 
er das alliierte Gericht niederzwingen konnte, indem er die Anklagevertreter 
mit ihren eigenen Worten schlug. Sein Freitod war ein geschickter, sogar 
brillanter Schliff, mit dem er das Gefiige vollendete, das die Deutschen in der 
kommenden Zeit bewundern werden . . . Die Geschichte wird bezeugen, daB 
Goring letztlich doch Sieger blieb, wenn er auch von einem Hohen Gericht der 
Alliierten Machte verurteilt worden ist." 

Zehn Jahre spater folgte Dr. Kelley Goring in den Tod, indem er 
mehrere Kalzium-Zyanid-Kapseln schluckte, die er angeblich als 
„Andenken" von Gorings Leiche mitgenommen hatte. 16 

Dem IMT ProzeB wurde eine auBergewohnliche Beachtung 
entgegengebracht. Er war in der Hinsicht wichtig, als sich die 
Alliierten selbst auf eine ganz bestimmte Version der 
Ausrottungsbehauptung festgelegt haben. Doch haben sie fiir diese 
Behauptung kaum Beweise grundlegender Art beigebracht, die sich 



15 



auf die Judenausrottung bezogen. Sie beriefen sich dabei fast 
ausschlieBlich auf mundliche Zeugenaussagen und eidesstattliche 
Erklarungen, die fiir die Siegermachte unter den gegebenen 
Umstanden nur allzu leicht zu beschaffen waren. Nicht zu vergessen : 
Sie beriefen sich auBerdem auf „die allgemein bekannten 
Tatbestande", die sie selbst kurzerhand ganz aus eigener 
Machtvollkommenheit in die Welt setzten und dann mit Hilfe des 
„Londoner Protokolls" vom 8.8.1945 den von ihnen eingesetzten, 
weisungsgebundenen Militartribunalen als nicht nachzupriifende, 
sondern „von Amts wegen zur Kenntnis zu nehmende Tatsachen" 
unterschoben. 

Die in 42 Banden zusammengefaBten Protokolle und 
Dokumentensammlungen des Niirnberger IMT-Prozesses, die mit 
vollstandigem Sach- und Personenverzeichnis der Offentlichkeit in 
den Bibliotheken vorliegen, erweisen sich als moglicherweise 
einziges Verdienst des IMT. Die Amerikaner haben zwischen 1946 
und 1949 = 12 offenbar weniger wichtige Prozesse als „NMT" 
(, Niirnberger Militar Tribunale") durchgefuhrt, auf welche 
verschiedentlich verwiesen wird, entweder unter der Nummer des 
„Falles", Nennung des Hauptangeklagten oder 
beschriebenen Titel. 

Inhalt 

deutsche Arzte 

Feldmarschall Milch 

Rechtsprechung 

Konzentrationslager 

Unternehmer 

IG-Farben 

Geiselnahmen 

RuSHA 

(Rasse- und Siedlungshauptamt) 

Einsatzgruppen 

Fall Krupp 

WilhelmstraBen-ProzeB 

Oberkommando der 

Wehrmacht 10—11 

Das NMT sprach mehrere Todesurteile aus, doch die iiberwiegende 
Mehrheit der Angeklagten erhielt Gefangnisstrafen, in vielen Fallen 
ziemlich lange. Jedoch kamen nahezu alle zu Gefangnis Verurteilten 
Anfang der funfziger Jahre frei. 

Die einzigen uns hier interessierenden Falle betrafen 
„Fall 1", einen ProzeB gegen medizinisches Personal, das mit 
Euthanasie und medizinischen Versuchen zu tun hatte, 
„Fall 4", ein ProzeB gegen die Konzentrationslager-Verwaltung, 
„Fall 6", und „Fall 10", die sich von selbst erklaren, 

„Fall 8", der sich mit der deutschen Umsiedlungspolitik befaBte, 
„Fall 9", gegen die „ Einsatzgruppen", die zur Sicherung des 
Hinterlandes in RuBland eingesetzt gewesen waren, und 
„Fall 11" ein ProzeB gegen Beamte verschiedener Ministerien. 

Die US-Regierung veroffentlichte iiber alle diese Gerichtsverfahren 
ein 15 Bande umfassendes Werk, das ich in diesem Buch stets als 
„NMT-Werk" bezeichnen werde. Hier findet man die 
Zusammenfassung der einzelnen „ Falle" mit einer sehr begrenzten 
Auswahl der Dokumente, die als Beweise vorgelegt worden waren. 



16 



UNr. 


US-Bande 


1 


Brandt 


2 


Milch 


3 


Alstoetter 


4 


Pohl 


5 


Flick 


6 


Krauch 


7 


List 


8 


Greifelt 


9 


Ohlendorf 


10 


Krupp 


11 


Weizsacker 


12 


von Leeb 



einem nahe 


Nr. d. Bde 


1, 2 


2 


3 


5, 6 


6 


7, 8 


9 


4, 5 


) 

4 


9 


12—14 



Die Nummern der einzelnen Bande iiber die verschiedenen „Falle" 
sind in der obigen Liste aufgefiihrt. 

An dieser Stelle stoBt der Student auf eine bedeutende 
Schwierigkeit, da — wie dies auch bei Hilberg und Reitlinger 
deutlich ersichtlich ist — jegliche Beweisfiihrung fur die 
Vernichtungsbehauptung von den NMT und nicht vom IMT 
entwickelt worden ist. Dieses bedeutet somit : fur die Ge- 
schichtsschreibung iiber das nationalsozialistische Deutschland sind 
die wichtigsten Dokumente die der NG-, NI- und NO-Serien, und 
diese Dokumente wurden den NMT-Gerichtsverhandlungen 
zugrunde gelegt; ganz gleich, ob sie sich nun zum Vor- oder Nachteil 
auswirkten. Der dokumentarische Beweis, besonders mit Riicksicht 
auf die auBergewohnlichen gesetzlichen und politischen Umstande, 
wie sie damals vorlagen, ist unermefilich gewichtiger als 
Zeugenaussagen, was naheliegt. Das einschlagige, von den NMT 
herausgegebene dokumentarische Beweismaterial besteht aus 
gewissen Arten von solchen Unterlagen, die augenscheinlich 
Ausrottungsbehauptungen unterstiitzen, Dokumente, die die 
Verwaltung der Konzentrationslager betreffen, den Bau von 
Krematorien, Deportationen, gewisse Vorgange bei IG-Farben und 
Krupp im Zusammenhang mit zur Arbeit eingesetzten Gefangenen, 
die allgemeine Judenpolitik der deutschen Regierung usw. Naturlich 
gibt es keinerlei unmittelbares dokumentarisches Beweismaterial fur 
ein Ausrottungsprogramm. Wie z. B. Dr. Kubovy vom „Zentrum fur 
Judische Dokumentation" in Tel Aviv in Jahre 1960 zugab, „gibt es 
kein von Hitler, Himmler oder Heydrich unterzeichnetes Dokument, 
das von Judenausrottung spricht und . . . das Wort ,Vernichtung' 
stent auch nicht in dem Brief Gorings an Heydrich die Endlosung der 
Judenfrage betreffend". 18 

Fur die Allgemeinheit der Burger besteht die Schwierigkeit darin, 
daB nur wenige Bruchstucke der NMT-Zeugenaussagen und 
-Dokumente weithin zuganglich sind und zwar in englischer 
Ubersetzung (in einem 15 Bande umfassenden Werk der NMT). 
Hinzu kommt, daB diese Ubersetzungen nicht immer zuverlassig 
sind, wie wir noch sehen werden. Zudem sind die „Auszuge" auch 
nach noch unbekannten Merkmalen ausgesucht. Und zu guter Letzt : 
das 15 Bande umfassende Werk des NMT ist nur in verhaltnismaBig 
groBen Stadten vorhanden. 

Die Situation sieht besser aus, wenn man in einer groBen Stadt 
ansassig ist, da meist nur dort verhaltnismaBig vollstandige 
Dokumentensammlungen zusammen mit Mikrofilmen von den 
ProzeBprotokollen (fast ausschlieBlich in deutscher Sprache) 
vorhanden sind. Der Normalburger muB aber auch dann noch mit 
Schwierigkeiten rechnen, wenn er bestimmte Bande anfordert und 
priifen mochte. Zuweilen wird selbst das einfache Durchschmokern 
durch den Universitatslehrkorper nicht gern gesehen. Hinzu kommt, 
es gibt keine Sach- und Personenverzeichnisse iiber die 
NMT-Gerichtsverfahren (lediglich Register iiber Aussagen von 
Zeugen erscheinen mit vielen Irrtumern in den NMT-Banden). 

Von Bedeutung fur uns hier sind fast ausschlieBlich diese IMT- und 
NMT-Prozesse. Von allgemeiner Bedeutung ist auch eine Reihe von 
britischen Gerichtsverfahren, hier vor allem die Falle „Belsen" und 
„Zyklon B". Polen, Russen, Franzosen, Hollander und Italiener 
haben samtlich Prozesse ohne jegliche Bedeutung durchgefuhrt, mit 



17 



Ausnahme fur die Opfer. Die Bonner Regierung ist mit einigen 
Prozessen von geringerer Wichtigkeit vertreten, z. B. mit dem 
„Auschwitz-ProzeB" 1963 — 1965, iiber den Langbein, Laternser und 
Naumann berichtet haben. 

Wie das IMT und die NMT zustandekamen, muB fur unser 
Vorhaben ausfuhrlich dargestellt werden. Seit Herbst 1943 existiert 
eine Kriegsverbrecherkommission der „Vereinten Nationen" mit 
Sitz in London. Jedoch hat diese Kommission niemals wirklich 
etwas getan mit Ausnahme der einzigen Verlautbarung, daB wenn 
uberhaupt etwas unternommen werden soil, dies von den einzelnen 
alliierten Regierungen auszugehen habe. 

Die ersten ernsthaften Schritte unternahmen die USA. Im August 
1944 faBten die vereinigten Stabschefs ein Programm ins Auge, das 
sich mit Kriegsverbrechen beschaftigte. Der Entwurf wurde von dem 
Generalstaatsanwalt der US-Army gutgeheiBen. Am 1. Oktober 
1944 billigten die vereinigten Chefs diesen Plan, und um die gleiche 
Zeit und in Ubereinstimmung mit den Leitlinien des Kriegs- 
ministeriums wurde die Kriegsverbrechensabteilung (,War Crimes 
Branch") im Geschaftsbereich des Generalstaatsanwaltes gebildet. 
Gefuhrt von Brigadegeneral John M. Weir und Oberst Melvin Purvis 
als dem Stellvertreter, war sie fur die Durchfuhrung jeglicher Ange- 
legenheiten hinsichtlich Kriegsverbrechen verantwortlich. 

Der von den vereinigten Stabschefs gebilligte Entwurf bestand 
nicht sehr lange. Er war namlich ziemlich traditionsgebunden; 
daher hatte er hauptsachlich Gerichtsverfahren nur gegen Personen 
ins Auge gefaBt, die im Felde gegen die anerkannten Kriegsgesetze 
verstoBen hatten. Vergehen vor dem Kriege oder Handlungen der 
feindlichen Dienststellen gegeniiber ihren eigenen Volksgenossen 
wurden als der alliierten Rechtsprechung nicht unterworfen 
angesehen. So wurden z. B. alle MaBnahmen gegen deutsche Juden 
als auBerhalb der Zustandigkeit der so friih schon geplanten 
Kriegsverbrecherprozesse betrachtet. Die Auffassung iiber 

Kriegsverbrechen hielt sich streng an den Grundsatz, der nie infrage 
gestellt worden war : daB ein kriegfuhrender Staat feindliche 
Soldaten nur fur Vergehen zur Rechenschaft ziehen darf in dem 
MaBe, wie er die eigenen Soldaten in der gleichen Lage zur 
Rechenschaft ziehen wurde. 

Kriegsminister Stimson hatte am 21. November 1944 eine 
Unterredung mit Prasident Roosevelt, bei der der amerikanische 
Prasident klar zum Ausdruck brachte, daB er sich fur 
„ Kriegsverbrechen" durchaus eine breitere Auslegung gedacht habe, 
und daB der von den vereinigten Stabschefs gutgeheiBene Entwurf 
vollig ungeniigend sei. Dementsprechend bestellte er im Januar 1945 
den Richter Samuel Rosenman zu seinem personlichen Vertreter in 
Sachen Kriegsverbrechen. Am 18. Januar traten daraufhin Stimson, 
Rosenman, Oberstaatsanwalt Francis Biddle und andere zusammen 
und kamen uberein, die zu untersuchenden Kriegsverbrechen in 
einen viel breiteren Rahmen zu fassen. 17 

Biddle gehorte spater zum Richterstab des IMT, obwohl er im 
Januar 1945 Roosevelt in Jalta eine Ausarbeitung vorgelegt hatte, 
darin es hieB, „daB die hochsten deutschen Fuhrer sehr wohl 
bekannt seien und der Nachweis ihrer Schuld keine groBen 
Schwierigkeiten machen wurde". Der sowjetische IMT-,, Richter" 
Nikitschenko war ein wenig direkter, indem er vor dem ProzeB 



18 



bereits offen erklarte, „wir beschaftigen uns hier mit den 
Hauptkriegsverbrechern, die schon langst verurteilt sind". 18 

Anfang Mai stimmte Truman den uberarbeiteten Vorschlagen zu 
und ernannte Robert H. Jackson, Richter am Obersten Gerichtshof, 
fur das bevorstehende Gerichtsverfahren zum Hauptanklager der 
USA und zum Vertreter der USA bei Verhandlungen mit 
auslandischen Regierungen, soweit sie mit dem zu bildenden Gericht 
befaBt waren. Am 6. Juni 1945 gab Jackson dem Prasidenten einen 
Zwischenbericht und Ende Juni richtete er mit seinem Stab eine 
Hauptgeschaftsstelle in London ein, in der viel Vorarbeit fur das IMT 
geleistet wurde. 

Eine Schlusselfigur in Jacksons Londoner Stab war Oberst Murray 
C. Bernay, welcher bereits fruhzeitig zu jenen gehorte, die mit 
Kriegsverbrechensfragen befaBt wurden. Nachdem er 1915 in 
Harvard den akademischen Grad erworben hatte, begriindete er eine 
Rechtsanwaltspraxis in New York. Im Jahre 1942 erhielt er sein 
Offizierspatent und im Oktober 1943 wurde er zum Chef der 
SonderJ?rojekt-Abteilung des Personalamtes und des Generalstabes 
ernannt. Seine Hauptaufgabe in dieser Stellung bestand nur darin, 
Plane fur die Prozesse gegen die deutschen „Kriegsverbrecher" 
vorzubereiten. Nach jeder weiterfuhrenden Verhandlung mit dem 
WeiBen Haus und anderen revidierte er die Plane entsprechend, so 
daB man annehmen konnte — wenn man seinen Worten Glauben 
schenkt — , er ware der Autor des Planes, der gegebenenfalls 
durchgefuhrt werden sollte. Jedenfalls wurde Bernay kurz nach der 
Ernennung Jacksons mit dem Militar-Verdienstorden „ Legion of 
Merit" ausgezeichnet. Hier ein Auszug aus der Urkunde : 

Jndem er fruhzeitig die Notwendigkeit erkannte, fur die Probleme der 
Kriegsverbrecher und Kriegsverbrechen eine gesunde Grundlage zu schaffen, 
formulierte er das grundlegende Konzept fur eine solche Politik und setzte 
zeitig und angemessen eine Aktion in Bewegung, die ihre Ubernahme als 
Fundament einer nationalen Politik sicherstellte." 

Im November 1945 ging Bernay in die USA zuriick und trat 
anschlieBend sofort aus der Armee aus. Da damals betrachtliche 
Meinungsverschiedenheiten auf der hochsten Ebene iiber die 
Verfahrensweise bei diesen Kriegsverbrecherprozessen ausgetragen 
worden waren, ist es zweifelhaft, ob man Bernays Behauptungen 
Wert beimessen kann. Dennoch hat er zweifellos einen groBen Anteil 
bei den Entwiirfen fur die Prozesse. Immerhin hatte man mit ihm 
sicherlich die richtige Wahl getroffen, denn es handelte sich um 
etwas vollig Neues : Um die Formulierung eines „gesetzlichen" 
Unterbaues fur die Prozesse gegen die „Kriegsverbrecher", zumal 
auch seine Ansichten iiber Gerechtigkeit etwas vollkommen Neues 
waren. Nach seiner Ruckkehr in die USA hatte er eine Aussprache 
mit einigen Verlegern, die ihn als den „Mann hinter dem Steuer" 
bezeichneten, wobei er auf ihre Fragen, wie denn nun die „Jagd auf 
das Kroppzeug weitergefuhrt werden sollte", antwortete : 19 

„Es gibt naturlich eine groBe Zahl nationalsozialistischer Verbrecher, die 
davonkommen, wenn die Razzien nicht wirksam durchgefuhrt werden. Aber 
wenn wir erst einmal verfiigt haben, daB die SS eine kriminelle Organisation 
und eine Mitgliedschaft in ihr von vornherein kriminell ist, so werden die 



19 



Alliierten mit einem Schlage bedeutend mehr von den Verbrechern 
geschnappt haben. Sie wissen doch selbst, daB es bei uns eine Menge Leute 
gibt, die noch immer nicht begriffen haben, daB wir in der amerikanischen 
Zone Deutschlands die Regierung sind und es daher dort kein Rechtssystem 
geben kann, dem wir nicht zustimmen. Wir sind das Gesetz. Wenn wir z. B. 
wollten, so konnten wir Deutsche vor Gericht Ziehen fur Verbrechen, die 
zwanzig-, dreiBig- oder vierzig Jahre zuruckliegen. Aber wir werden mit der 
allgemeinen Ausbeute der Kriegsverbrecher zu sehr beschaftigt sein, als daB 
wir noch viel Zeit fanden, nach fruheren Untaten zu suchen." 

In London verhandelte Jackson mit den Alliierten iiber die 
Prozesse, und sein Zwischenbericht vom 6. Juni wurde zur 
Grundlage des „Londoner Abkommens" vom 8. August 1945, 
unterzeichnet von den Vereinigten Staaten, GroBbritannien, der 
Sowjetunion und Frankreich. Gegen 24 Personen und sechs 
Organisationen (SS, Generalstab usw.) wurde am 18. Oktober 1945 
eine Anklageschrift ausgearbeitet und das Verfahren am 20. 
November 1945 in Niirnberg eroffnet. Drei der Angeklagten standen 
nicht vor Gericht. Martin Bormann wurde nie gefunden, Robert Ley 
beging vor der Gerichtsverhandlung Selbstmord und Gustav Krupp 
war zu krank und zu alt, um vorgefuhrt zu werden. Daher versuchte 
die Anklagebehorde als Ersatz den Sohn Krupp als Angeklagten 
heranzuziehen, aber das war sogar diesem Gericht zu viel. So wurde 
das Verfahren gegen Alfred Krupp bis zu den Verhandlungen der 
NMT aufgeschoben. 

So im Vorbeigehen lohnt es sich festzuhalten, daB Oberrichter 
Jackson nicht nur der amerikanische Hauptanklager bei diesem 
Gerichtshof war, er war auBerdem formal gesehen auch die leitende 
Personlichkeit bei den Londoner Verhandlungen gewesen, bei denen 
die sogenannten „gesetzlichen Grundlagen" fur diese Gerichtshofe 
zusammengebraut worden sind, nach denen er sich dann bei dem 
ProzeB zu richten hatte. Eine seltene Gelegenheit fur einen 
Staatsanwalt, wahrscheinlich etwas noch nie Dagewesenes im 
Hinblick auf Verfahrensweisen, die zivilisierten Volkern ernsthaft 
als Gerichtsverfahren zugemutet wurden. Ebenso einmalig waren die 
Grundsatze des IMT-Status, denenzufolge seine Rechtsprechung 
nicht darauf beschrankt ist, im Krieg begangene Verbrechen zu 
ahnden, sondern sie vielmehr auf die gesamte Zeit seit Bestehen der 
NSJSewegung auszudehnen. Ferner wurde in dem Statut festgelegt, 
daB die Berufung auf hoheren Befehl nicht zulassig sei und daB die 
Angeklagten zur Zeugenaussage gezwungen werden konnten. 

Die Kriegsverbrechensabteilung (,War Crimes Branch"), die 1944 
geschaffen worden war, arbeitete noch weiter, da Jackson beim IMT 
„die Zusammenarbeit und Teilnahme der Kriegsverbrechensabtei- 
lung des Departments und der Militarjustiz" mit eingebaut hatte. Ja, 
in den ersten Monaten des IMT-Prozesses (und vielleicht auch noch 
spater) standen samtliche Mitarbeiter der Anklagebehorde mit 
Ausnahme von Jackson auf der Gehaltsliste des Chefs des Militar- 
justizwesens. 20 

Bei den gegebenen Umstanden war die wichtige Rolle, die das 
Department des Chefs des Militarjustizwesens (Judge Advocate 
General's Department = JAG) spielte, ganz naturlich, zumal das 
JAGJJepartment das legale Organ der Armee war und die grund- 



20 



legende us-amerikanische Verwaltungsapparatur in Deutschland 
unmittelbar nach dem Krieg eben die US-Armee war. Die tradition- 
elle Aufgabe des JAG-Department war die Verwaltung der Mili- 
targerichtsbarkeit : Kriegsgerichte und die dazu gehorigen 
Angelegenheiten. Wahrend des Zweiten Weltkrieges hatte sich 
jedoch die Tatigkeit des JAG-Department auf alle Gebiete der 
militarischen Aktivitaten ausgedehnt, bei denen strittige 
Rechtsfragen entstanden waren. Sie wurde sogar in Rechts- 
streitigkeiten bei Kriegsproduktionsvertragen eingespannt. Der 
Kriegsgerichtsrat, Generalmajor Myron C. Cramer, hielt im Mai 1945 
eine Rede, in der er erklarte, daB die Verfolgung und Vernehmung 
von „ Nazis" die Kriegsverbrechensabteilung bis zur auBersten 
Moglichkeit in Anspruch nehme und zur Haupttatigkeit des JAG 
wurde, wofur er Jackson eine teste Zusage erteilt habe. Man kann 
daher sicher sein, daB es sich hierbei nicht um ein leeres Versprechen 
gehandelt hat, zumal Cramers Organisation iiber mehr 
Moglichkeiten als Jacksons verfugte. Obwohl nicht genau geklart ist, 
was die Kriegsverbrechensabteilung in Verbindung mit dem IMT 
geleistet hat, so ist es doch hochstwahrscheinlich, daB sie wirk- 
sam die amerikanische (hier die wichtigste!) Rolle in der Uberprufung 
und Auswahl des Personals fur die Anklage und Verteidigung, in der 
Auswahl anderer Fachgruppen wie Ubersetzer und Vernehmer 
beaufsichtigt hat. Naturlich hatte Jackson formell viel von dieser 
Autoritat inne, aber es ist ziemlich sicher, daB diese 
Verantwortlichkeiten in der Tat von der Kriegsverbrechensabteilung 
ausgingen. 21 

Die Verstrickung der Kriegsverbrechensabteilung in diese 
Gerichtsverfahren reichte jedoch noch tiefer. Wahrend die IMT- und 
NMT-Prozesse durchgefuhrt wurden, fanden verschiedene andere 
kleinere Prozesse statt. Zu diesen gehorten die Prozesse im Lager 
Dachau (auBerhalb Munchens und somit nicht weit von Nurnberg) 
gegen die Fuhrungskrafte von einigen Konzentrationslagern 
(Buchenwald, Flossenburg, Dachau), die von den Amerikanern 
gefangen genommen worden waren. AuBerdem gegen die 
Deutschen, die wahrend der Ardennen-Offensive 83 Amerikaner, die 
sich bei Malmedy ergeben hatten, ermordet haben sollen. Diese 
Prozesse wurden ebenfalls von der Kriegsverbrechensabteilung 
iiberwacht. 22 Hierbei handelt es sich um die beschamendsten 
Episoden in der Geschichte der USA. 

Die ganze Skala von Dritte-Grad-Methoden wurde in Dachau 
angewandt : Schlage, brutale FuBtritte, und diese bis zu dem MaBe, 
daB in 137 Fallen die Hoden zerquetscht wurden; ferner 
Zahneausschlagen, Hunger, Einzelhaft, Qualen, indem den 
Gefangenen brennende Spane unter die Fingernagel getrieben 
wurden; Auftreten von Scheinpriestern, um den Gefangenen die 
„Beichte" abzunehmen. Gefangenen niederer Dienstgrade wurde 
versichert, daB man nur auf Verurteilungen hoherrangiger Offiziere 
aus sei und daB sie absolut nichts zu furchten hatten, wenn sie mit 
den Vernehmern zusammenarbeiten und die gewunschten Aussagen 
machen wurden. Im nachhinein wurden dann ihre eigenen Aussagen 
als „Beweismaterial" gegen sie verwendet, als sie neben ihren 
fruheren Offizieren auf der Anklagebank saBen. Andererseits hatte 
man den Offizieren zugesagt, daB sie bei „Gestandnissen" die 
Gesamtverantwortung auf sich nahmen und auf diese Weise ihre 



21 



Manner vor Gerichtsverfahren bewahren wurden. Dann gab es einen 
weiteren Trick, wenn ein Gefangener die Mitarbeit verweigerte : Man 
veranstaltete ein Scheingerichtsverfahren. Dazu brachte man den 
Gefangenen in einen Raum, in dem Zivilisten, in amerikanische 
Uniformen gesteckt, an einem schwarz iiberzogenen Tisch saBen, in 
dessen Mitte ein Kruzifix und zwei Kerzen als einzige Beleuchtung 
standen. Dieses „Gericht" setzte dann ein Scheinverfahren in Gang, 
das mit einem Scheintodesurteil endete. Spater versprach man dem 
„Verurteilten", daB er begnadigt werden wiirde, wenn er mit den 
Anklagern zusammenarbeiten und das notige „Beweismaterial" 
liefern wiirde. Manchmal drohten die Vernehmer, die Gefangenen 
den Sowjets auszuliefern. In vielen Fallen drohte man mit Entzug 
der Lebensmittelkarten fur die Familie, oder auch mit anderen 
Erschwernissen fur sie, wenn anders keine Mitarbeit erreicht werden 
konnte. 

Die amtlichen (im Unterschied zu den Schein-) Gerichts- 
verfahren waren ebenfalls bewuBter Hohn auf jede rechtmaBige 
ProzeBfuhrung. Die Farce nahm ihren Anfang mit der „Ankla- 
geschrift", die nur allgemeine Hinweise und weit auslegbare Begriffe 
von Verbrechen aufzeigte, die angeblich in den Jahren 1942 bis 1945 
von dem KZ-Lager-Personal begangen worden sein sollen, und ging 
dann dazu iiber, eine lange Namensliste von Angeklagten vorzulegen, 
die man beschuldigte, den aufgestellten extremen Allgemeinplatzen 
gemaB kriminell zu sein. Bestimmte Verbrechen von bestimmten 
Personen zu bestimmten Zeiten waren nicht Gegenstand der Ankla- 
ge (z. B. Dokument 3590-PS). 

In einigen Fallen war der Rechtsberater ein Amerikaner ohne 
jegliche Jura-Ausbildung, der zudem noch nicht einmal deutsch 
sprechen konnte. Sachkundige Dolmetscher waren zu den Prozessen 
nicht zugelassen. Den „Anklagern" mangelte es ebenfalls an juris- 
tischer Vorbildung, und bei dem Gericht, das aus zehn ameri- 
kanischen Heeresoffizieren bestand, war es nicht anders. Ein einziger 
ausgebildeter Jurist war dabei, dessen Entscheidung iiber die 
Zulassung des Beweismaterials endgultig war. Es gab Gerichts- 
verfahren gegen 1.672 Mann; von diesen wurden 1.416 verurteilt, 
davon 420 zum Tode. 

Wahrend die Anklagebehorde durch ganz Europa nach Zeugen 
jagen konnte, und Deutsche — wenn notig — durch Torturen oder 
auf andere Weise gezwungen wurden, „Beweismaterial" zu liefern, 
waren indessen die Angeklagten von der AuBenwelt abgeschnitten, 
ohne Geldmittel und nicht in der Lage, irgendjemanden zu ihrer 
Verteidigung heranzuziehen. Hinzu kommt, daB die „WN" 
(,Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes") in einem Pro- 
pagandafeldzug ehemaligen Insassen von KZ-Lagern verboten hatte, 
als Entlastungszeugen aufzutreten. 

Der amerikanische Rechtsanwalt George A. McDonough verfiigte 
iiber ganz besondere Erfahrungen, war er doch sowohl als Anklager 
als auch in der Position eines Verteidigers, spater sogar als Mitglied 
des Berufungsgerichts und Unparteiischer im AusschuB fur 
Gnadengesuche bei den Kriegsverbrecherprozessen tatig gewesen. 
1948 schrieb er im „New York Times" einen Artikel, worin er sich 
dariiber beklagte, daB fur diese Gerichte jede gesetzliche Grundlage 
gefehlt habe. Weiterhin schrieb er, daB „in neun von zehn Fallen 
weder fruhere Gerichtsentscheidungen noch Gesetzbiicher eine 



22 




Abb. 2 : Europa vor dem Ersten Weltkrieg 

23 



Auskunft zu den anstehenden Rechtsfragen gegeben hatten", die 
regelmaBig und konsequent auf jeden zukamen, der mit juristischer 
Praxis befaBt war. Fur McDonough war das Hauptproblem, ob in 
den Kriegsverbrecherprozessen die Berufung auf hoheren Befehl als 
Entlastung anerkannt werden sollte oder nicht. Uber das Dachauer 
Verfahren erklarte er : 

„Wenn ein Angeklagter vor dem Dachauer Gericht behauptete, daB er selbst 
erschossen worden ware, wenn er den Befehlen seiner Vorgesetzten nicht 
gehorcht und so aus Unkenntnis etwas getan hatte in der Annahme, daB es 
sich urn einen gesetzlich zulassigen Befehl gehandelt habe, oder selbst wenn 
ihm das Ungesetzliche als solches bekannt gewesen ware, all das wurde von 
den Gerichten als Delikt angesehen. Die Erfolgschance solcher Verteidigung 
schien vom Alter und dem Dienstgrad des Angeklagten sowie dem Stand der 
Schlacht zur Tatzeit abhangig gewesen zu sein. Und doch muB es als 
AnmaBung erscheinen, zu unterstellen, daB ein zum Wehrdienst einberufener 
Mann von vornherein hatte gewuBt haben miissen, daB dieser oder jener 
besondere Tatbestand ungesetzlich gewesen sei, wahrend sich die inter- 
national Autoritaten selbst nicht uber die Gesetzlichkeit oder 
Ungesetzlichkeit einer bestimmten Handlung im klaren waren — oder dies 
uberhaupt noch nie definiert haben. 

. . . Zeugenaussagen auf Grund von Horensagen wurden unterschiedslos 
zugelassen und von Zeugen beschworene Angaben unbesehen anerkannt, ganz 
gleich, ob irgendjemand die betreffende Person kannte, die die Angaben 
machte, oder die Person, auf die sich die Behauptung bezog. Wenn ein 
Anklager die Aussage eines Zeugen fur seine Zwecke als „mundliche 
Vernehmung vor Gericht" gewertet wissen wollte, so gab er dem Zeugen den 
Rat, heimzugehen. Die Aussage nahm er dann als Beweismaterial, und ein 
Einspruch der Verteidigung wurde glatt zuruckgewiesen." 

Ein bemerkenswerter Vorfall ereignete sich, als der Vernehmer 
Joseph Kirschbaum einen gewissen Einstein vor Gericht erscheinen 
lieB, der bezeugen sollte, daB der Angeklagte Menzel den Bruder 
Einsteins ermordet hatte. Als der Beschuldigte beweisen konnte, 
daB dieser Bruder lebe und wohlauf sei und sogar im Gerichtssaal 
sitze, geriet Kirschbaum in Wut und sagte schimpfend zu dem armen 
Einstein : „Wie konnen wir dieses Schwein an den Galgen bringen, 
wenn Sie so blod sind und ihren Bruder mit ins Gericht bringen?" 

Die diensttuenden US-Behorden erlebten derartiges des ofteren. 
Der Chef der Dachauer Verwaltungsabteilung fur Kriegsverbrechen, 
ein Oberst A. H. Rosenfeld, quittierte im Jahr 1948 seinen Dienst. 
Bei dieser Gelegenheit wurde er von Journalisten gefragt, ob an den 
Geruchten uber die Scheingerichte etwas Wahres sei, und ob tat- 
sachlich Scheintodesurteile ausgesprochen worden seien. Er ant- 
wortete : „Naturlich doch! Wie anders hatten wir diese Vogel zum 
Singen bringen konnen! Es war ein Trick und hat Wunder 
gewirkt." 23 

Die in Malmedy Angeklagten hatten einen sachverstandigen Ver- 
teidiger bei Gericht, den Oberstleutnant Willis M. Everett junior. 
Unter anderem waren es auch seine wiederholten Proteste an das 
Oberste Gericht von US-Amerika, aber auch die Proteste anderer wie 
z. B. vieler deutscher Kirchenmanner, auBerdem verschiedenartige 
detaillierte Presseberichte uber Vernehmungen, die den US-Ober- 
befehlshaber in Deutschland, General Lucius D. Clay, dazu veranlaBt 



24 



haben, eine Untersuchung der Dachauer Methoden zu fordern. Am 
29. Juli 1948 ernannte der Kriegsminister eine Kommission, die aus 
zwei amerikanischen Richtern bestand, Gordon Simpson aus Texas 
und Edward van Roden aus Pennsylvania, beide Oberst der Reserve 
des JAG-Departments. Beigeordnet war ihnen der Oberstleutnant 
des JAG-Departments Charles Lawrence junior. Im Oktober 1948 
uberreichte die Kommission ihren Bericht an den Kriegsminister. 
Einige ausgesuchte Kapitel wurden im Januar 1949 veroffentlicht. 
AnschlieBende offentliche Bemerkungen durch van Roden und in 
gewissem MaBe auch von Simpson, zudem eine unabhangige Nach- 
forschung durch eine Revisionsabteilung, eingesetzt von Lucius 
Clay, fuhrten schlieBlich dazu, die ganze Angelegenheit offentlich 
klarzustellen — bis auf einen Punkt, bei dem sich die Verteidiger nur 
noch um die Zahl der deutschen Gefangenen zu streiten brauchten, 
die diesen Brutalitaten ausgesetzt waren. Die Revisionsabteilung 
bestatigte alles, was van Roden behauptet hatte, mit einer einzigen 
Ausnahme, die sich auf die Haufigkeit der Brutalitaten bezog. 24 In 
seinem Buch „Entscheidung in Deutschland" streitet Clay merk- 
wiirdigerweise diese Vorkommnisse ab, doch straft ihn seine von ihm 
selbst eingesetzte Revisionsabteilung Liigen. 

Diese Geschehnisse und besonders der Fall Malmedy zogen das 
ganze Jahr 1949 die Aufmerksamkeit auf sich. Ein UnterausschuB 
unter Fuhrung von Senator Baldwin stellte Nachforschungen an. Ein 
Zeuge, fruherer Gerichtsreporter wahrend der Dachauer Prozesse, 
bestatigte, daB die damaligen Vorkommnisse ihn derart angewidert 
hatten, daB er seinen Dienst quittiert habe. Leutnant Perl, Frank 
Steiner und Harry W. Thon sind nach seinen Angaben die brutalsten 
Burschen gewesen. Er erklarte, daB Perl und seine Frau in Kon- 
zentrationslagern der Nationalsozialisten gewesen waren und daB die 
Nationalsozialisten Steiners Mutter ermordet hatten. Anders als van 
Roden, der — wenn auch verkrampft — versucht, den ans Tageslicht 
gezogenen traurigen Tatsachen die bestmogliche Auslegung zu 
geben, gab Richter Gordon gegeniiber Simpson zu, daB es vielleicht 
eine „Klagliche Kumpanei" gewesen sei, und versucht sie damit zu 
entschuldigen, daB es eben nur wenige deutschsprechende ameri- 
kanische Anwalte und keine sachkundigen Dolmetscher gegeben 
habe. Das hatte nun mal die Army gezwungen, „einige der deutschen 
Fluchtlinge heranzuziehen". Steiner, Kirschbaum und Thon (spater 
Chef des Auswertungsreferates bei der Zivilverwaltungsabteilung der 
US-Militarregierung) kreuzten spater in den USA auf und bestritten 
alles, aber sie wurden durch die Zeugenaussage vom Vernehmer 
Bruno Jakob uberfuhrt, der etliche Vorkommnisse zugab. Der Ver- 
nehmer Dwight Fantom und Morris Elowitz leugneten vor der Presse 
ebenfalls alles ab. Oberst Rosenfeld bestritt fast alles. Er beschul- 
digte Oberstleutnant Harold D. McGown, Kommandeur der bei 
Malmedy umgekommenen amerikanischen Soldaten, daB er sich mit 
dem SS-Oberst Joachim Peiper, dem deutschen Kommandeur, ver- 
briidert habe, was auch erklare, warum McGown als Entlastungs- 
zeuge in Dachau fur Peiper aufgetreten sei. Er habe auch zugegeben, 
daB er sich mit Peiper unterhalten hatte und dieser es gewesen sei, 
dem die Rettung zahlreicher amerikanischer Soldaten zu danken sei. 
Als Beweis fur die Verbriiderung bezeichnete Rosenfeld die Tatsache, 
daB McGown und Peiper „allzu freundlich wahrend der Nachte, die 
sie im Gesprach verbracht hatten, miteinander umgegangen waren, 



25 



und daB McGown mit Peipers Leuten gegangen sei, als es diesen 
gelang, einer Falle der Amerikaner zu entwischen". Nichts selbstver- 
standlicher als das : McGown war Peipers Gefangener! 25 

Es mag naturlich argumentiert werden, daB diese gespenstischen 
Dachauer „Gerichtspraktiken" doch wenig mit unserem Thema zu 
tun hatten, weil die in den Niirnberger Prozessen gesetzten MaBstabe 
nicht damit vergleichbar waren und weil die Verbreiter der Ausrot- 
tungslegende keinerlei Beweismaterial zitieren, das bei diesen Ver- 
fahren zur Sprache gekommen ware. Diese Streitfrage enthalt eine 
Teilwahrheit : bei den maBgebenden Niirnberger Gerichtsverfahren 
gab es keine Brutalitaten und Zwange, die den Dachauer Vorkomm- 
nissen auch nur in etwa nahekamen, und von Massenvernichtungen 
wurde in den Dachauer Prozessen nicht gesprochen (obwohl bei den 
Zeugenaussagen auch gelegentlich von Gaskammern die Rede war). 
Trotz alldem kann das Dachauer Geschehen nicht einfach beiseitege- 
schoben werden, weil die Verwaltungsstelle, die Kriegsver- 
brechensabteilung, auch eng mit den Niirnberger Verfahren ver- 
quickt war. Wir haben das bereits vermerkt, aber wir wollen es 
dennoch mit einem auffallenden Vorkommnis erneut festhalten. 
Auch in Niirnberg wurden Druckmittel angewendet, um Beweis- 
material zu bekommen, doch dariiber sprechen wir in einem spateren 
Kapitel. 

Keine der vier Machte war iiber das Arrangement des IMT gliick- 
lich, und nach dem „groBen ProzeB" zerstritten sie sich und fuhrten 
nur solche Prozesse durch, an denen sie jeweils interessiert waren. 
Die britischen Prozesse befaBten sich hauptsachlich mit Sachver- 
halten, die hier von verhaltnismaBig geringer Bedeutung sind. Die 
Franzosen zogen nur ein einziges groBeres Verfahren auf, das sich 
mit dem saarlandischen GroBindustriellen Hermann Rochling be- 
schaftigte, den sie auch schon nach dem Ersten Weltkrieg in Abwesen- 
heit verurteilt hatten. Die Plane fur die amerikanischen NMT- 
Prozesse waren eigentlich erst 1945 in Angriff genommen worden. 
Im Marz 1946 wurde eine Abteilung in Jacksons Amtsstelle mit 
dieser Zwecksetzung eingerichtet. Vorsitzender wurde Telford 
Taylor. 

Bemerkenswert ist, daB diese Verfahren gegen die National- 
sozialisten vom IMT iiber den „Fall Eichmann 1961" (bei dem keine 
Entlastungszeugen zugelassen wurden) bis zum AuschwitzprozeB 
1963 — 1965 (bei dem auf Anweisung der Bonner Regierung Rassinier 
nicht als Beobachter zugelassen, ja grundsatzlich seine Einreise in 
die Bundesrepublik verweigert wurde) dadurch gekennzeichnet sind, 
daB den Strafverteidigern keine Mitarbeiter von geschulten Quellen- 
forschern zur Verfugung standen, die die Dokumente hatten durch- 
forsten konnen. Erschwerend kam zudem hinzu : alle ihnen 
zuganglichen Unterlagen wurden von den Verfolgungsbehorden 
zuvor kontrolliert. 26 Weltpresse und EinfluB der fuhrenden politi- 
schen Krafte haben die Angeklagten schon vorher faktisch verurteilt; 
Zeugenaussagen selbst zweifelhafter Art wurden zu „Tatbestanden" 
aufgewertet, zumindest ihnen „Glaubwurdigkeit" zugebilligt. Aber 
mit das Wesentliche : Die „Gesetze", nach denen die Richter zu 
urteilen hatten, waren bereits vorweg auf einseitige Be- und Verurtei- 
lung konstruiert worden! Wie immer die juristische Bewertung einer 
solchen Situation ausfallen mag : wenn man nicht skeptisch an die 
Sache herangeht, kann dies ein vollig entstelltes historisches Bild 



26 



ergeben. Die Militartribunale der Siegermachte unterlagen samtlich 
einem durchgreifenden Zwang : 

„Die Entscheidung des Internationalen Militargerichtshofes uber die Feststel- 
lung . . . , ob Invasionen, Aggressionsakte, Angriffskriege, Verbrechen, 
Brutalitaten oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit geplant oder be- 
gangen worden seien, sollen fur alle Tribunale dieser Art verbindlich sein und 
nicht mehr in Frage gestellt werden, ausgenommen insofern es die Teilnahme 
daran oder die Kenntnis davon in bezug auf irgendeine bestimmte Person 
beruhrt ist. Die Verlautbarungen des Internationalen Gerichtshofes in den 
Urteilen . . . gelten als Beweis fur behauptete Tatsachen, sofern nicht 
grundlegendes Material vorliegt, das das Gegenteil beweist". 

Zwei unterschiedliche Verwaltungsorganisationen traten bei den 
NMT in Erscheinung. Eine bezog sich auf die Zusammenfassung der 
„ Militartribunale" und der Richter, die verwaltungsmaBig von einem 
Sekretariat mit einem Generalsekretar als Vorsitzendem eingesetzt 
wurden. Das Department der Army in den USA suchte die Richter 
aus. Es gab drei oder mehr Richter fur jeden einzelnen ProzeB. 

Die zweite Organisation war das „Buro" — „Chef des Rates fur 
Kriegsverbrechen" (Telford Taylor) — , das am 24. Oktober 1946 ins 
Leben gerufen wurde, sogleich nachdem Ribbentrop u. a. gemordet 
waren. Am darauffolgenden Tage reichte sie die erste Anklageschrift 
ein. Wenn es auch unbedeutende Unterschiede bei ihren Titeln gab, 
so war doch Taylor, bislang Beisitzer des Untersuchungsausschusses 
beim IMT, der Nachfolger von Jackson in den Prozessen, die im 
Gerichtsgebaude von Nurnberg weiterhin in Szene gesetzt 
wurden. 27 

In diesem Buche werden wir noch offer auf die NMT-Gerichts- 
verfahren zuruckkommen. Immerhin kann der Leser viel von dem 
Geist dieser Verfahren erhaschen und besonders von den Bemer- 
kungen, die einige amerikanische Richter gemacht haben, die von 
der US-Army ausgesucht waren, um in Nurnberg ihren Dienst zu 
versehen. Verstandlicherweise waren diese Leute gewohnlich sehr 
zuruckhaltend mit offentlichen Ausspriichen uber das, was sie 
beobachtet hatten. Zum Beispiel die Bemerkung eines Richters im 
IG-Farben-ProzeB, daB „es unter den Anklagern zu viele Juden 
gegeben habe". Das war ein privat ausgedriickter Wink, gerichtet an 
die Anklagebehorde, aber ganz gewiB nicht fur die Offentlichkeit 
bestimmt. Der Vorsitzende Richter im „Fall 7" (Verfahren gegen 
deutsche Generale wegen angeblich massenhafter Ermordung von 
Geiseln), Charles F. Wennerstrum, sprach dennoch offentlich und 
energisch unmittelbar nach der Urteilsverkundung aus : 28 

„Wenn ich vor 7 Monaten das gewuBt hatte, was ich heute weiB, ich ware 
niemals hierhergekommen. 

Es liegt auf der Hand, daB der Sieger eines Krieges nicht der geeignete 
Richter uber die Schuld von Kriegsverbrechen ist. So viel Muhe man sich auch 
geben mag, es ist einfach unmoglich, der angeklagten Partei, den Verteidigern 
oder ihrem Volke klarzumachen, daB der Gerichtshof sich bemuhe, die 
gesamte Menschheit zu vertreten und nicht etwa das Land, das seine Mitglieder 
berufen hat. 

Was ich uber den nationalistischen Charakter des Gerichtshofes gesagt habe, 
bezieht sich auf die Anklage. Die angekundigten Hohen Ideale als Begriindung 



27 



fur die Erstellung dieser Tribunale waren nicht gerade uberzeugend. 
Die Anklage hat es nicht fertiggebracht, Objektivitat fern von Rachsucht zu 
wahren, fern alien personlichen Eifers, Verurteilungen durchzusetzen. Sie hat 
versagt, Prazedenzfalle zu schaffen, die geeignet waren, der Welt zukunftige 
Kriege zu ersparen. Die ganze Atmosphare hier ist ungesund. Sprachwissen- 
schaftler waren notig. Amerikaner sind bekanntermaBen schlechte Sprach- 
sachverstandige. Gesetzgeber, Anwalte, Dolmetscher und Vernehmer wurden 
eingesetzt, die erst wenige Jahre zuvor amerikanische Staatsburger geworden 
waren und deren Grundsatzanschauungen in der HaBmentalitat und den 
Vorurteilen Europas eingebettet waren. Die Tribunale hatten die Aufgabe, 
das deutsche Volk von der Schuld seiner Fuhrer zu uberzeugen. Sie uber- 
zeugten die Deutschen jedoch nur davon, daB ihre Fuhrer den Krieg 
gegenuber rucksichtslosen Eroberern verloren haben. 

Das hauptsachliche Beweismaterial in den Prozessen bestand aus Doku- 
menten, ausgesucht aus einer Unmenge erbeuteter Akten. Die Auswahl traf 
der Anklager. Der Verteidigung standen nur solche Dokumente zur 
Verfugung, die der Anklager fur den einzelnen derartigen „Fall" als geeignet 
ansah. 

Unser Tribunal verfiigte eine Verfahrensvorschrift, derzufolge das gesamte 
Dokument, aus dem der Anklager Ausziige angefiihrt hatte, der Verteidigung 
als Beweismaterial vorzulegen sei. Die Anklagebehorde widersprach heftig. 
General Taylor versuchte das Gericht anzugreifen, rief eine Zusammenkunft 
der Vorsitzenden Richter ein und forderte, diese Anordnung wieder 
ruckgangig zu machen. Dies war gewiB nicht die Einstellung eines gewissen- 
haften Gerichtsoffiziers, der nach voller Gerechtigkeit strebt. Fur den ameri- 
kanischen Gerechtigkeitssinn ist es ebenso abstoBend, wenn die Ankla- 
gebehorde auf Selbstbeschuldigungen fuBt, die die Angeklagten nach mehr als 
2 V2 Jahren Untersuchungshaft, dazu nach wiederholten Verhoren ohne 
Anwesenheit eines Anwaltes gemacht haben. 2 V2 Jahre Haft stellen schon 
eine Notigung in sich dar. 

Das Fehlen einer Berufungsmoglichkeit hinterlaBt bei mir das Gefuhl, daB 
hier von Gerechtigkeit grundsatzlich keine Rede sein kann. 

. . . Sie sollten einmal nach Nurnberg gehen! Dort konnen Sie einen Justiz- 
palast sehen, in dem 90% der Anwesenden nur an Strafverfolgung interessiert 
sind! 

. . . Das deutsche Volk sollte mehr Informationen uber diese Gerichts- 
verfahren erhalten, und die deutschen Angeklagten muBten das Recht haben. 
Berufung bei den Vereinten Nationen einzulegen." 

Wie berechtigt Wennerstmms Angriff auf das niedrige MaB — oder 
das ganzliche Nichtvorhandensein — von Integritat bei der 
Niirnberger Anklagebehorde war, wird ironischerweise durch die Art 
und Weise bestatigt, in der Telford Taylor auf Wennerstrums Fest- 
stellungen reagierte. Seine AuBerungen in Nurnberg erfolgten wahr- 
scheinlich vertraulich mit dem Hintergedanken, sie in der „ Chicago 
Tribune" zu veroffentlichen. Der „Tribune"-Berichterstatter Hal 
Foust schickte den Bericht nach Berlin, damit er auf drahtlosem 
Wege in die USA ubermittelt werde. Vermutlich hielt er diesen Weg 
gegenuber Schnufflern fur sicher. Dennoch bekam es aber die Straf- 
verfolgungsbehorde — offensichtlich durch eine Hinterlist — fertig, 
eine Abschrift des Berichtes zu erhalten. Taylors Presseoffizier 
Ernest C. Deane rief Foust sofort an, um zu versuchen, ihm „die 
Absendung der Story auszureden". Der Bericht war aber schon 



28 



abgegangen, und Foust antwortete, daB „ Taylor eigentlich vor der 
Veroffentlichung keine Kenntnis davon hatte haben konnen". 
Daraufhin fertigte Taylor eine „Antwort" auf Wennerstrums Stel- 
lungnahme an, die dann auch tatsachlich veroffentlicht wurde, bevor 
die „ Tribune" den Angriff Wennerstrums abgedruckt hatte. Taylor 
beschuldigte unter anderem den Richter, Erklarungen abzugeben, 
„die fur die Interessen und die Politik der USA staatsgefahrdend 
seien". Als Wennerstrum kurz nach Veroffentlichung der Taylor - 
„Antwort" und des Tribune-Berichtes in die USA zuruckgekehrt 
war, blieb er bei seinen Behauptungen und kritisierte Taylor erneut. 
Dieser Zwischenfall war einer der bemerkenswerten Falle von 
Regierungsspionage des Jahres 1948. Daraufhin erlieB die Army 
einen Befehl zur Verhutung derartiger Schniiffelei, und viele hielten 
es durchaus fur moglich, daB Taylor von einem Kriegsgericht zur 
Rechenschaft gezogen wurde. Als Taylor von Reportern gefragt 
wurde, ob sein Verhalten nach seiner Ansicht legal gewesen sei, 
entwickelte sich folgender Wortwechsel : 

„lch weiB nicht, ob es legal war oder nicht" antwortete er. „Waren Sie nicht 
zwei Jahre Allgemeiner Berater der Bundesnachrichtenkommission, bevor Sie 
zur Army iiberstellt wurden?" „Ja, aber was hat das damit zu tun?" 

Taylor weigerte sich beharrlich, eine Ansicht iiber die Recht- 
maBigkeit seines Handelns zu auBern, aber 

„abgesehen von dem angesprochenen Bericht war er mit sich selbst als einem 
Frontoffizier zufrieden . . . was er nie gewesen war . . . der soeben einen 
Vorteil gegenuber dem Feinde durch eine List auBerhalb der Kriegsgesetze, 
wie sie die Genfer Konvention von 1907 festgelegt hat, davongetragen hat." 

Das Zitat stammt aus Hal Fousts Darstellung iiber eine Presse- 
konferenz Taylors. Foust erklarte, daB dies das zweite Beispiel einer 
Einmischung der Army in Berichte an seine Zeitung sei. Beim ersten 
Mai sei er von Heeresagenten festgenommen und verhort worden, 
nachdem er einen Bericht abgeschickt hatte. 

Bei unserer Untersuchung der Niirnberger Gerichtsverfahren sind 
wir naturlich interessiert zu erfahren, wer die NMT-Vorgange 
uberwacht hat. Pro forma uberwachte Taylor fast alles und jedes, 
ausgenommen die Berufung der Richter, da die formellen Verant- 
wortlichkeiten des Chefs des „ Rates" nicht nur auf die Straf- 
verfolgung einzelner konkreter „ Falle" beschrankt war. Sein Amt 
hatte auBerdem den Auftrag zu bestimmen, wer angeklagt werden 
sollte und wer nicht, (es gab kein gesondertes Vorgehen, um 
Anklagen zu formulieren wie etwa bei Geschworenengerichten), 
wessen ein Angeklagter zu beschuldigen und warum ein anderer 
freizustellen ist. Das Biiro ubernahm auch die Arbeiten des Niirn- 
berger Personals, und daher kann man wohl vermuten, daB das Biiro 
zumindest rein formell den (erweiterten) Niirnberger Stab selbst 
ubernommen hatte. Somit war das Amt verantwortlich fur : Ver- 
nehmungen, Arbeitseinsatz, Dokumentenprufung, Gerichtspro- 

tokolle, Ubersetzung und Auslegung. 29 

Wir haben die Griinde angefuhrt, warum zu unterstellen ist, daB 
dieses Niirnberger Personal von der „War Crimes Branch" streng 



29 



iiberwacht wurde. Wir werden spater sehen, daB der tatsachliche 
Einsatz dieses Stabes — gleichgiiltig wie Taylors Machtstellung auch 
formell gewesen sein mag — merit darauf schlieBen laBt, daB er den 
Niirnberger Stab im ganzen ubernommen hat. Obwohl die Kriegsver- 
brechensabteilung im fernen Washington saB, blieb sie auch 
weiterhin an den Niirnberger Verfahren beteiligt. 

Am 12. Juni 1948 meldete die amerikanische Presse, daB ein 
US-Oberst David „Mickey" Marcus gefallen sei. Markus war Ab- 
solvent der Militar-Akademie „West Point", der seinen Dienst 
fruher unter dem Namen „Mickey Stone" versehen hatte. Er war 
im Jerusalemer Kontrollabschnitt als Oberkommandierender 
wahrend des jiidisch-arabischen Krieges gefallen. (In Wahrheit ist 
Marcus irrtumlich von einem eigenen Posten erschossen wor- 
den.) Die New York Times schilderte kurz seine Laufbahn : vor 
dem Kriege 1939 — 1945 tat er Dienst als Direktor des Gefangnissys- 
tems in New York; danach war er dann als Heeresoffizier am 
Entwurf der Bedingungen fur die Ubergabe Deutschlands und 
Italiens beteiligt. Auf der Potsdamer Konferenz war er Rechtsberater 
(Sommer 1945). Wenn man seinen weiteren Lebenslauf nur nach 
dem wohlwollenden Nachruf-Artikel der New York Times her 
beurteilt, scheint seine Laufbahn damit beendet gewesen zu sein, 
denn uns wurde nichts mehr von Marcus' weiteren Unternehmungen 
berichtet. In Wirklichkeit kreuzte er im Januar 1948 bei der 
Haganah in Palastina (der starksten jiidischen Militarmacht) wieder 
auf und besuchte im April 1948 die USA, wo er bei einer Feier in der 
Washingtoner Britischen Botschaft eine Medaille in Empfang nahm 
(sicherlich war dies eine Tarnung fur detaillierte Verhandlungen iiber 
die endgiiltige britische Kapitulation). Drei Wochen spater kehrte er 
nach Palastina zuriick, um sein Amt in Jerusalem zu ubernehmen. 
Der einzige zugangliche Hinweis iiber irgendwelche Tatigkeiten in 
der Zeit von August 1945 bis Januar 1948 ist ein Bericht vom 24. 
Juni auf S. 15 des „Londoner Telegraph", in dem es heiBt : 

„er war zur Zeit seines Todes aktiver Oberst im Buro des Chefs des Mili- 
tarjustizwesens fur die organisierten Reserveoffiziere. Obwohl er nicht mehr 
der (amerikanischen) Militardisziplin unterstand, willigte er ein, daB er einer 
Ruckrufung folgen werde." 

In Wirklichkeit war Marcus ein Nachfolger Weirs als der Chef der 
„War Crimes Branch". Unmittelbar nach dem Kriege war er 
„Nummer Drei unter den Leuten, die die amerikanische Politik im 
besetzten Deutschland bestimmten". Anfang 1946 wurde er aber 
hier abkommandiert, um dort den Kriegsverbrechens-Job zu 
ubernehmen. Seine Ernennung war ab 18. Februar 1946 wirksam, 
aber nachdem er Deutschland verlassen hatte, hielt er sich einige 
Monate in Japan auf und iibersiedelte im Juni in das Buro der 
Washingtoner Kriegsverbrechensabteilung. Bis April 1947 blieb er 
Chef dieses Amtes. Dann trat er aus der Army aus und ubernahm eine 
private Praxis als Anwalt. 30 

Unsere fruheren Beobachtungen lassen tatsachlich den SchluB 
zu, daB es in Wirklichkeit die „War Crimes Branch" war, die hin- 
sichtlich der NMT die entscheidenden Funktionen ausiibte. Und es 
war auch tatsachlich so, was eindeutig aus Taylors amtlichem 
SchluBbericht iiber die NMT hervorgeht, sofern man sorgfaltig 



30 



durchliest, obwohl diese Tatsache dort nicht besonders betont 
wird. 31 

Bestatigt wird diese Tatsache durch das bemerkenswerte Buch 
von Josiah E. DuBois, der bei der StrafVerfolgung der NMT gegen 
die IG-Farben den Vorsitz fiihrte, wie auch durch Berkmanns 
Buch iiber Marcus, das einige skizzenhafte Schilderungen iiber 
Marcus' diesbeziigliche Karriere bietet. 32 

Marcus war in erster Linie zum Chef der „War Crimes Branch" 
berufen worden, „um die Riesenaufgabe zu bewaltigen, Hunderte 
von Vernehmern, Anwalten und Richtern" fiir die NMT und die 
Fernost-Verfahren (Tokio) auszusuchen. Im Dezember 1946 
wurde DuBois ins Washingtoner Amt von Marcus gerufen, um die 
Moglichkeit durchzusprechen, ob DuBois die Anklage gegen 
hohere Angestellte des groBen deutschen Chemie-Konzerns 
IG-Farben ubernehmen wolle. DuBois zeigte sich unschlussig und 
konferierte daher mit Marcus ausfuhrlich iiber die dabei 
anfallenden Probleme. Eines der Probleme war, ob geniigend 
Beweismaterial vorhanden ware oder nicht, um die IG-Farben 
einer Verschworung zur Vorbereitung eines Angriffskrieges 
anzuklagen, und wenn ja, welche politischen Riickwirkungen sich 
daraus ergeben. Sie besprachen die allgemeinen Vorteile, die eine 
Anklage gegen die IG-Farben mit sich bringen wurde. Einen Punkt 
hob Marcus hervor : eine Anklage konnte klaren, wie die IG-Farben 
es fertigbekommen haben, bestimmte Waffen in vollkommener 
Geheimhaltung herzustellen. Ein anderes Problem war : Wenn die 
IG-Farben Wirtschaftsfuhrer freigesprochen werden wiirden, ob sie 
dann womoglich anfingen, fur die Russen zu arbeiten. Dabei stellte 
sich heraus, daB Marcus iiber den IG-Farben-Konzern sehr de- 
taillierte Kenntnisse hatte. Auf einmal wies er darauf hin, daB im 
nahen Alexandria/Virginia eine Riesenmenge IG-Farben-Berichte 
lagerte, was DuBois vergessen hatte, bis ihn weitere Ereignisse 
zwangen, sich im Verlaufe der ProzeBermittlungen daran zu 
erinnern. 

Sie sprachen auch iiber die benotigte Zeit fiir die Pro- 
zeBvorbereitungen. Marcus sagte : „Von mir aus konnen Sie 
hiniibergehen, so kurz oder so lange Sie wollen". DuBois meinte, 
daB er etwa wohl vier Monate benotigen werde; Marcus ant- 
wortete : „Ich habe keinerlei Einwendungen dagegen. Innerhalb 
weniger Tage werden Sie ein Telegramm von Telford Taylor 
erhalten, in dem er seine Einwilligung gibt." 

Naturlich war Taylor in seiner Eigenschaft als Chef der Anklage- 
vertretung in Europa. DuBois erwahnt Taylors Bemuhungen um 
das IG-Farben-Verfahren. Auf den Vorschlag eines Mitgliedes 
seines Stabes, DuBois mit der ProzeBfuhrung gegen die IG-Farben 
zu beauftragen, antwortete Taylor zustimmend (der betr. 
Stabsangehorige hatte wahrend des Krieges unter DuBois im 
Schatzamt gearbeitet). Er gab die Empfehlung nach Washington 
weiter. Nachdem DuBois den Job angenommen hatte, wollte er 
gern Taylor sprechen, um dessen Zustimmung zu erhalten, daB er 
einen von DuBois ausgesuchten weiteren Mann in seinen Stab der 
Strafverfolgung aufnehmen konne. Die Zustimmung wurde erteilt. 
Taylor ging nach Paris, um vom franzosischen Kabinett die 
Auslieferung eines Spitzenfachmannes der IG-Farben zu erbitten. 
Taylor hielt die Eroffnungsrede im IG-Farben-ProzeB und kummerte 



31 



sich dann weiter nicht mehr um den Fortgang. Taylor hatte nichts 
mit den Voruntersuchungen zu tun, auch nicht mit der Formulie- 
rung der einzelnen Anklagepunkte, die von der Anklagevertretung 
ausgearbeitet wurden. 

Somit ist man wohl berechtigt anzunehmen, daB Taylors Rolle 
die Offentlichkeitsarbeit war und er nicht allzu viel mit Einzelheiten 
beim Ablauf der Verfahren zu tun hatte, wofur er jedoch formell 
verantwortlich war. Irgendein anderer oder andere miissen in 
Wirklichkeit dafur die Verantwortung getragen haben. Eine derartige 
Handhabung ist bei groBeren Planungen nicht ungewohnlich. 

Tatsache ist, daB die wirklichen Organisatoren der NMT-Prozesse 
in der Offentlichkeit nicht so stark hervorgetreten waren wie die 
Person Taylor. In Wirklichkeit — und moglicherweise auch mit 
Absicht — war Taylor nur ein vorgeschobener Mann. Als Haupt der 
Kriegsverbrechensabteilung iibte Marcus zweifellos die tatsachliche 
Kontrolle iiber den Nurnberger Stab und viele Bereiche seiner 
Tatigkeit aus. Er suchte die Richter und Anwalte fur die 
Durchfuhrung aus — abgesehen von einer Handvoll Ausnahmen. Das 
Buch von DuBois beweist, daB Taylor nichts mit der Tagesarbeit der 
Prozesse zu tun hatte, was zu der unausweichlichen SchluBfolgerung 
fuhrt, daB die wirkliche Macht von Taylors Biiro praktisch entweder 
von der „War Crimes Branch" oder von Taylor unterstellten 
Personen ausging. Wenn man die maBgebenden Manner der 
letztgenannten Gruppe untersucht, stoBt man auf Robert M. W. 
Kempner, iiber den wir im Kap. V. berichten werden. 

Marcus scheint, gemessen an seiner wirklichen Bedeutung, einen 
ganz unangemessenen Dienstgrad als Oberst innegehabt zu haben, 
denn wir sind dariiber unterrichtet, daB er wahrend des Krieges einen 
„gunstigen Eindruck auf F. D. Roosevelt gemacht habe ... Er war 
einer der ungenannten Handvoll von Mannern, die die us- 
amerikanische Politik im Hintergrund plante". Ein Mann, dessen 
Karriere in bemerkenswerter Weise mit der des Marcus eng verwoben 
war, war General J. H. Hilldring. Dieser war Chef der Abteilung fur 
Zivilangelegenheiten in der Army, der Marcus im Jahre 1943 
zugeteilt worden war (Army Civil Affairs Division — „CAD"). Diese 
Einrichtung — „CAD" — wurde 1943 innerhalb des Generalstabes 
der Army ins Leben gerufen in der Voraussicht, daB es notwendig 
sein wurde, eine Gruppe von Leuten zur Hand zu haben, die sich auf 
die in eroberten Gebieten zu befolgende Politik vorbereite. Man 
hatte geglaubt, daB Fiorello La Guardia die Zivilabteilung des Heeres 
ubernehmen wurde, aber der Job ging an Hilldring. Marcus wurde 
Mitglied und spater Chef des Planungsstabes der Zivilabteilung 
(Planning Branch of the CAD). Marcus driickte der CAD durch seine 
Tatigkeit den Stempel auf. Seine Uberstellung zur Militarregierung 
in Deutschland war eine direkte Folge seiner Verantwortlichkeiten 
in der Zivilabteilung (CAD). Ausgerechnet Hilldring entfernte ihn 
einige Monate spater aus seiner Stellung bei der Militarregierung und 
machte ihn zum Chef der „War Crimes Branch", die am 4. Marz 1946 
von dem JAG-Buro (Bureau of the Judge Advocate General's 
Department — Biiro des Generalstaatsanwaltes) in die CAD- 
Abteilung (Army Civil Affairs Division) uberfuhrt wurde. Un- 
mittelbar darauf ging Hilldring als Unterstaatssekretar zum 
Auswartigen Amt, und zwar fur Probleme in den besetzten Gebieten. 
In dieser Eigenschaft war er der erste Mann eines Sekretariats, das die 



32 



Politik der Army, Navy und des State Department 
(AuBenministeriums) koordinierte. Im September 1947 schied er 
beim Auswartigen Amt aus und wurde Berater der US-Delegation bei 
den „Vereinten Nationen", wo gerade der diplomatische Kampf 
zwischen Zionisten und Arabern ausgetragen wurde. Hilldring war 
„ein Fels in der Bran dung von Anfang an . . . Als Verbindungsmann 
fur Informationen verkehrte er viel mit den zionistischen Strategen". 
In der gleichen Zeit, als Marcus zum Oberkommandierenden in 
Jerusalem ernannt wurde, erhielt Hilldring seine Ruckversetzung in 
das State Department als Unterstaatssekretar fur Palastina. In der 
Folgezeit haben sich die Zionisten damit gebriistet, dafi sowohl die 
Ernennungen fur die UNO wie auch die fur das State Department ein 
direktes Ergebnis der zionistischen Lobby gewesen sei. 33 Ein Herz 
und eine Seele, das waren Marcus und Hilldring. 

Die Besetzung der Kriegsverbrechensabteilung mit einem fanati- 
schen Zionisten, dem „ersten Soldaten in der israelischen Armee im 
Range eines Generals seit biblischen Zeiten", ist rundheraus gesagt 
nicht nur bezeichnend dafiir, was die Zionisten in einer solchen 
Stellung anrichten, sondern ebenso bezeichnend, um anschaulich zu 
enthullen, welche globalen politischen Krafte bei den Prozessen 
wirksam waren. Das ist der springende Punkt! Es ist einfach nicht 
moglich, sich eine personelle Besetzung vorzustellen, die diese 
Gerichtsverfahren noch mehr in MiBkredit hatte bringen konnen. 

Unter diesen politischen Bedingungen ware es unsinnig, etwas 
anderes als ein abgekartetes Spiel bei diesen Prozessen zu erwarten. 
Die sich daraus ergebende „Ausrottungslegende" wird auf diesen 
Seiten noch ihre vollkommene Klarung finden. 

Dieses Buch ist fur Leute geschrieben, die die europaische 
Entwicklung zum Zweiten Weltkrieg und der ihm unmittelbar 
vorausgehenden Jahre kennen. Wir haben nicht die Absicht, die Art 
und Weise des nationalsozialistischen Staates zu untersuchen, weder 
die Rolle von Goring, Himmler noch von Goebbels usw., auch nicht 
die antijudischen MaBnahmen, die vor dem Kriege ergriffen worden 
waren, es sei denn ausnahmsweise als notwendige Erlauterung der 
gegebenen Tatsachen hier und da. Es wird vorausgesetzt, daB der 
Leser iiber die wichtigeren Ereignisse und die beilaufigen Begleitum- 
stande des Krieges im Bilde ist. 

Als Europa von den Deutschen beherrscht wurde, war es nicht 
mehr nach den Vorstellungen des Versailler Vertrages organisiert. 
Die Karte in der Abbildung 4 zeigt die europaischen Grenzen im 
Herbst 1942 auf dem Hohepunkt von Hitlers Macht. Deutschland 
hatte sich Osterreich, ElsaB-Lothringen, einen Teil der Tschechoslo- 
wakei und einen groBen Teil Polens — in der Hauptsache die Gebiete, 
die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg abgenommen worden 
waren — einverleibt. Der Rest von Polen wurde „Generalgouverne- 
ment" genannt und hatte den Status einer von Deutschland regierten 
und unterworfenen Provinz, genau wie die drei baltischen Staaten 
Litauen, Lettland und Estland. Den gleichen Status hatten 
WeiBruBland, die Ukraine, Bohmen-Mahren (die fruhere West- 
Tschechoslowakei) und das Banat (lange Zeit ein Teil Ungarns mit 
iiberwiegend deutscher Bevolkerung). Der ostliche Teil der 
Tschechoslowakei wurde der unabhangige Staat „Slowakei", und 
Jugoslawien war in Serbien und Kroatien aufgeteilt, was den zwei 
uberwiegenden Teilen der funf Nationalitaten entsprach, die 



33 



Jugoslawien gebildet hatten. Italien war ebenfalls an diesen Gebieten 
interessiert, es kontrollierte Albanien und teilte seinen EinfluB in 
den angrenzenden Gebieten mit seinem deutschen Verbiindeten. 
Ungarn, Rumanien, Bulgarien und Finnland waren ebenfalls 
Deutschlands Verbiindete, und die Waffen-SS — eine regulare 
militarische Einheit innerhalb der SS — machte in ganz Europa 
Truppenwerbung, besonders jedoch in den baltischen Staaten, in der 
Ukraine, in Skandinavien, den Niederlanden und Belgien. 

Norwegen, Danemark, Holland, Belgien und der groBte Teil 
Frankreichs (spater ganz Frankreich) waren von den Deutschen 
besetzt. Schweden, die Schweiz, Spanien und Portugal blieben 
wahrend des ganzen Krieges neutral. 

Bei dieser Gelegenheit durfte es angebracht sein, einige die SS 
betreffende Bemerkungen einzuschalten : die fremde Biirokratie, die 
verantwortlich war fur zahlreiche unwahrscheinliche Aufgabenver- 
bindungen. Nur drei dieser Aufgabengebiete sind hier in dieser 
Arbeit fur uns von Bedeutung : Ihre Verantwortung fur die 
Staatssicherheit, Konzentrationslager und fur die Umsiedlungs- 
politik. 

Die am meisten bekannte SS-Behorde war das Reichssicherheits- 
hauptamt (RSHA). In ihm waren zusammengefaBt : die Gestapo 
(Geheime Staatspolizei), gefuhrt von SS-Gruppenfuhrer Miiller; der 
SD (Sicherheitsdienst), gefuhrt von SS-Gruppenfuhrer Schellen- 
berg, und die Kripo (Kriminalpolizei), gefuhrt zunachst von 
SS-Gruppenfuhrer Nebe, und spater Panzinger. Der erste Chef des 
RSHA war SS-Obergruppenfuhrer Reinhard Heydrich. 

Fur die SS gab es durchaus geniigend Griinde fur eine Rivalitat mit 
der Wehrmachtfuhrung. Der deutsche militarische Geheimdienst war 
die „Abwehr", die dem militarischen Oberkommando unterstellt 
war und seit 1935 von Admiral Canaris gefuhrt wurde. Zum andern 
gab es den SD, den politischen Geheimdienst, der Himmler und 
Heydrich unterstand. Da die Tatigkeit der beiden Geheimdienste 
sich nicht immer scharf abgrenzen lieB, wurden Canaris und 
Himmler unvermeidlich Rivalen. Heydrich scheint versucht zu 
haben, zumindest anfanglich, mit Canaris zusammenzuarbeiten. Es 
lag vielleicht an Heydrichs eigenem Werdegang als fruherer Offizier 
des Marine-Geheimdienstes, in dem er in den zwanziger Jahren 
unter Canaris gedient hatte und von ihm ausgebildet worden war. 
Heydrich hatte ihn des ofteren auch in seinem Heim besucht. 

Bemerkenswerter ist : Canaris war ein Verrater! Er war eines der 
erschreckenden Ratsel des Zweiten Weltkrieges. Wahrend des 
Krieges und sogar davor schon — seit 1938 hatte er Kontakt mit 
Churchill! — verriet Canaris Deutschland bei jeder Gelegenheit. Ein 
britischer Regierungsbeamter deutete die Rolle dieses Herrn kurz 
und klar : „ Admiral Canaris war unser Mann"! Die Beweggriinde 
dieses Mannes bleiben ebenso ratselhaft wie seine Personlich- 
keit und seine Herkunft. Ian Colvin, einer der Experten fur die 
Unternehmungen der Geheimdienste im Zweiten Weltkrieg, 
verfaBte ein dickes Buch tiber Canaris und konnte ihn dennoch nicht 
deuten : 

„Die Leser mussen schon selbst entscheiden, ob sie den Admiral Canaris fur 
einen deutschen Patrioten oder einen britischen Spion halten, fur einen 



.34 



europaischen Staatsmann oder einen kosmopolitischen Schwarmer, einen 
Doppelagenten oder Opportunisten oder gar fur einen Seher. Es wird den 
Lesern nicht leichtfallen, hier ihre Entscheidung zu treffen." 

Es mag dabei nicht gerade nebensachlich sein, wenn Colvin in 
seinem 1951 erschienenen Buch Otto John als einen von „Canaris' 
Busenfreunden" bezeichnet. John war der Abwehrmann in der so 
iiberaus wichtigen neutralen Hauptstadt Lissabon wahrend des 
Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg wurde er der Leiter des 
Bundesamtes fiir Verfassungsschutz der Bonner Regierung, wurde 
jedoch 1956 als Sowjet-Agent entlarvt. 34 

Zu ungefahr der Zeit, als Heydrich zum Stellvertretenden 
Reichsprotektor von Bohmen und Mahren ernannt wurde, scheint er 
das Spiel von Canaris durchschaut zu haben. Alle neueren 
Untersuchungen laufen darauf hinaus, daB auch Canaris dies offen- 
bar gespiirt und London hiervon informiert haben durfte. Denn 
es ist auffallig, daB die Englander gerade zu diesem Zeitpunkt seiner 
Karriere — angeblich zufallig — ihn beseitigen lieBen, indem sie zwei 
Meuchelmorder mit Fallschirmen in Bohmen-Mahren absetzten. In 
Ubereinstimmung mit dem allzu gewohnlichen Drehbuch fiir 
politische Meuchelmorde (z. B. Abraham Lincoln und John F. 
Kennedy) sollen die angeblichen Morder beseitigt worden sein, 
bevor sie eine Gelegenheit bekommen haben wiirden, auszupacken. 

Zum allgemeinen Erstaunen wurde Anfang 1943 der verhalt- 
nismaBig wenig bekannte und weniger ehrgeizige Dr. Ernst 
Kaltenbrunner als Nachfolger Heydrichs eingesetzt. Offensichtlich 
von dem Wunsch beseelt, die Wiederholung einer solchen Situation, 
wie sie sich mit R. Heydrich entwickelt hatte, zu vermeiden, behielt 
sich Himmler eine verstarkte personliche Kontrolle iiber die Gestapo 
und den SD vor, und er tibte sie nun starker aus als bisher. Trotzdem 
blieben beide Einrichtungen formell dem Chef des RSHA 
unterstellt, der jetzt eben Kaltenbrunner hieB. AuBerdem wurde 
Kaltenbrunner noch eine besondere Aufgabe von Himmler zugeteilt : 
einen Geheimdienst des SD aufzubauen. Es war eine besonders 
gunstige Zeit fur Himmlers Entscheidung insofern, als Canaris im 
Februar 1944 seines Amtes enthoben worden war, ohne daB seine 
Verraterei voll enttarnt war. Auf einen besonderen ErlaB Hitlers 
wurden jetzt alle militarischen und politischen Geheimdienste dem 
RSHA unterstellt. Damit wurden alle geheimdienstlichen 
Aktivitaten unter dem SD-Chef Schellenberg zusammengefaBt. 
Canaris wurde nach dem 20. Juli-Attentat verhaftet und kurz vor 
Kriegsende hingerichtet. 

Die Verwaltung der Konzentrationslager unterstand dem WVHA 
(Wirtschafts-VerwaltungsJ^iauptamt), dessen Chef SS-Obergruppen- 
fuhrer Oswald Pohl war. Wie seine Bezeichnung bereits aussagt, 
befaBte sich das WVHA mit wirtschaftlichen Aufgaben der SS und 
war in erster Linie mit der Bereitstellung von Lagerinsassen als 
Arbeitskrafte befaBt. Die Lagerkommandanten gaben ihre Mel- 
dungen an das Inspektorat der Konzentrationslager, das dem SS 
Oberfuhrer Gliicks unterstand, der seine Berichte an Pohl weitergab. 
Pohl berichtete dann an Himmler und war dienstrangmaBig mit 
Kaltenbrunner gleichgestellt. 

Vor dem Kriege hatte die deutsche Regierung alle Hebel in 
Bewegung gesetzt, um die Auswanderung der Juden aus Deutschland 



35 



voranzutreiben, und die meisten Juden haben Deutschland auch 
tatsachlich vor Ausbruch des Krieges verlassen. Fur dieses 
Auswandemngsprogramm gab es standig zwei Probleme : 

(1) Die durch den Auszug sich ergebende Verschiebung des 
Wirtschaftsgefiiges und 

(2) die Schwierigkeit, andere Staaten zu bewegen, die Juden 
aufzunehmen. 

Als im Sommer 1941 der RuBlandfeldzug begann, befand sich der 
groBere Teil der europaischen Judenheit in der deutschen 
EinfluBsphare. Vor allem zu Beginn dieses Feldzuges hatten sich die 
Deutschen weite neue Gebiete erschlossen, und so begannen sie im 
Herbst 1941 mit der Umsiedlung und dem Arbeitseinsatz der Juden 
in den Osten, ein Vorhaben, das im weiteren Verlauf des Krieges 
ausgeweitet wurde. 

Mit Rucksicht auf gewisse politische Probleme und auf die 
Erfordernisse des Krieges wurde das Umsiedlungsprogramm nur 
teilweise durchgefuhrt, — naturlich waren auch nicht annahernd 6 
Millionen Juden davon betroffen. Bei Ausklammerung der 
polnischen und rumanischen Juden wurden vielleicht 750.000 
umgesiedelt, hauptsachlich in die Ukraine, nach WeiBruthenien und 
Lettland. Nicht alle polnischen Juden kamen in den deutschen 
Machtbereich. Abgesehen von den Juden, die vor oder nach der 
deutschen Besetzung vor den Deutschen fluchten konnten, wurden 
mehrere hunderttausend oder gar eine Million Juden von den Russen 
aus Polen deportiert und auf die Sowjetunion verteilt. Die meisten 
polnischen Juden, die in deutsche Hande fielen, wurden in Ghettos 
in Ostpolen (nach den Grenzen von 1939) zusammengepfercht. 

Was mit all diesen Menschen geschah, kann nur in groben Umrissen 
aufgezeigt werden, denn das gesamte Gebiet, das die Juden bewohnt 
hatten, wurde nach dem Krieg sowjetisch. Zudem waren die 
Siegermachte eifrig bemuht, moglichst alle Angaben hieruber zu 
unterdrucken. Dennoch gibt es geniigend Hinweise, die uns erlauben, 
in etwa zu uberschauen, was sich dort abgespielt hat. Obwohl es sehr 
wahrscheinlich ist, daB infolge des Durcheinanders und der 
chaotischen Zustande, die die deutschen Riickziige kennzeichneten, 
eine betrachtliche Anzahl von Juden umgekommen ist, steht 
dennoch fest, daB viele Juden, vor dem Kriege hauptsachlich 
polnischer Staatsangehorigkeit, von der Sowjetunion absorbiert 
worden sind. Der verbliebene Rest der entwurzelten Juden 
iibersiedelte nach Palastina, in die USA, nach Europa oder 
sonstwohin. 

Hauptsachlich das RSHA war fur die Art der Durchfuhrung der 
Judenpolitik verantwortlich. War im Amt „IV" die Gestapo 
organisiert (RSHA : Amt I = Personal; Amt II = Organisation und 
Gesetz; Amt III = SD-Inland; Amt IV = Gestapo; Amt V = Kripo; 
Amt VI = SD-Ausland; Amt VII = Ideologie), so war IVJ3 
zustandig fiir Sekten und IV-B-4 fiir „Auswanderung und 
Juden". Referent war Obersturmbannfuhrer Karl Adolf Eich- 
mann. 35 Eichmann erledigte die Routinearbeit, die mit der 
jiidischen Auswanderungs- und Umsiedlungspolitik der deutschen 
Regierung zusammenhing. Seine meiste Zeit verbrachte er damit, 
mit verschiedenen Judenraten die Transportlisten fiir Juden- 
transporte zusammenzustellen und Transporte fiir die zu Depor- 
tierenden zu organisieren. Es gibt keinen Beweis dafiir, daB 



36 



Eichmann an Ausarbeitungen iiber politische Richtlinien beteiligt 
war. Zumal er auch nichts mit der Verwaltung von Konzentra- 
tionslagern zu tun hatte, konnte er auch nicht mit Vorkommnissen in 
diesen Lagern in Verbindung gebracht werden. In seiner Jerusalemer 
Aussage legte Eichmann „nach Hinzuziehung von Poliakov und 
Reitlinger 17 mehrfarbige Organisationsschemata vor, die wenig 
zum besseren Verstandnis der unubersichtlichen Burokratie des 
Dritten Reiches beitrugen." 36 

Andere Gliederungen der SS, die mit der Umsiedlung zu tun 
hatten, waren das RKFDV (Reichskommissariat fur die Festigung des 
Deutschtums. Leiter war SS-Gruppenfuhrer Ulrich Greifelt); das 
RuSHA (Rasse- und Siedlungshauptamt, Leiter war zunachst SS- 
Obergruppenfuhrer Otto Hofmann und spater SS-Obergruppen- 
fuhrer Richard Hildebrandt); schlieBlich die VOMI (Volksdeutsche 
Mittelstelle fur deutsche Volksgruppen) unter SS-Obergruppen- 
fuhrer Werner Lorenz. Die hauptsachliche Aufgabe fur diese 
Gliederungen lag in der Neuansiedlung von Volksdeutschen in den 
besetzten Gebieten. Hierbei war Greifelt die Hauptperson. Aber 
diese Manner wurden bis zu einem gewissen Grade unvermeidlich in 
das Programm der Judenumsiedlung mit hineingezogen. 



37 




Abb. 3 : Europa zwischen den beiden Weltkriegen 



38 



II Lager 



Als Deutschland im Friihjahr 1945 zusammenbrach, geschah dies 
nach einer langwierigen Propagandakampagne der Alliierten, die in 
stets wiederholender Form die Behauptungen in die Welt setzte, in 
deutschen „Lagern" seien Menschen, hauptsachlich Juden, system- 
atisch getotet worden. Als die Briten das Lager Bergen-Belsen in 
Norddeutschland eroberten, da fanden sie eine groBe Anzahl nicht 
vergrabener Leichen, die um das Lager herum lagen. Fotografien wie 
z. B. Abb. Nr. 10 und Bilder vom Wachpersonal mit unvorteilhaften 
Gesichtsausdriicken — wie in Abb. 12 — werden so entsprechend 
iiberall in der Welt reproduziert. 

Es ist, wie ich glaube, Belsen gewesen, das von der Massenpro- 
paganda als „Beweis" fiir Vernichtungen dieser Art erstmals 
angefiihrt worden ist, und sogar noch heute werden solche Szenen 
gelegentlich als „Beweis" vorgehalten. 

In der Tat hatten diese Szenen, die in verschiedenen Variationen bei 
anderen deutschen Lagern wiederkehren — wie z. B. Dachau und 
Buchenwald — , sehr viel weniger mit „Vernichtungsaktionen" zu 
tun, als jene Vorgange bei Dresden anlaBlich der britisch- 
amerikanischen Angriffe im Februar 1945, als lange, lange Zeit wer 
we ifi wie viele Leichen herumliegend gefunden wurden. 1 Die Toten 
von Belsen waren das Ergebnis des totalen Verlustes der Kontrolle, 
nicht hingegen eine vorsatzliche Politik. Gleichartige Verhaltnisse 
waren sehr leicht in jedem anderen Land anzutreffen, das von alien 
Seiten durch feindliche Armeen besturmt wiirde und bereits durch 
machtige „Strategische Bomberverbande", die alle Arten von 
Mangelerscheinungen und chaotischen Bedingungen verursacht 
haben, zum Kriippel geschlagen worden ware. 

Der iiberwiegende Grund der Toten von Belsen war eine Typhus- 
Epidemie. Jedermann stimmt zu, daB Typhus in alien deutschen 
Lagern sowie in den ostlichen militarischen Operationsgebieten eine 
standige Gefahr war. Aus diesem Grund bestand eine groBe Furcht 
davor, daB der Typhus auf Deutschland iibergreifen konnte. Daher 
wurden umfassende GegenmaBnahmen angewendet. 2 Das Typhus- 
Problem spielt bei der Untersuchung unseres Sachgegenstandes eine 
auBerordentlich wichtige Rolle, zumal es nicht nur gegen Ende des 
Krieges in Erscheinung trat. Die Szenen zur Zeit der deutschen 
Kapitulation waren auf den totalen Zusammenbruch aller 
MaBnahmen gegen jene Krankheiten zuruckzufuhren, die die 
deutschen Konzentrationslager seit Beginn des Krieges in Mitleiden- 
schaft gezogen hatten. Der Typhus wurde von der Korperlaus 
iibertragen. Die einzig erfolgversprechende Abwehr bestand im 
konsequenten Toten der Laus, deren weite und rasche Verbreitung 
auf den standigen Eisenbahnverkehr mit dem Osten zuruckzufuhren 



39 



war. Daher ist sich die gesamte „Uberlebenden-Literatur", ganz 
gleich ob es sich hierbei um sachgerechte oder erfundene 
Schilderungen handelt, welcher Lagertyp auch immer der Einzel- 
darstellung zugrundeliegt, darin einig : Beim Betreten eines 
deutschen Lagers muBten sich die Haftlinge ausziehen, Haare 
rasieren, duschen, neue Kleidung empfangen oder die alten 
Anziehsachen nach der Desinfektion wieder ubernehmen. 3 

In Belsen begann der Arger im Oktober 1944 mit dem 
Zusammenbruch dieser MaBnahmen. In dem Bericht eines politi- 
schen Gefangenen von dort heiBt es : 4 

„Gegen Ende Februar 1945 anderte sich meine Situation vollstandig. Zu jener 
Zeit wurde Typhus eine ernste Gefahr fur das gesamte Lager. Es war die Art 
von Typhus, der durch Lause ubertragen wurde. Es gab Zeiten, da alle in 
Belsen ankommenden Transporte zuerst durch eine .menschliche Waschan- 
stalt' hindurchmuBten; diese Desinfektion schien wirksam genug, um das 
Lager bis zum Herbst 1944 von Lausen freizuhalten. 

Ende Oktober wurde erstmals ein groBer Transport in den Lagerbereich 
hineingelassen, ohne desinfiziert zu werden, da ein Maschinenschaden in den 
Duschbadern vorlag. Unglucklicherweise waren die Leute dieses Transportes 
Lausetrager, und von diesem Tage an breiteten sich die Lause uber das ganze 
Lager aus . . . 

Im Lager I brach Ende Januar 1945 der Typhus aus. Zunachst gab es nur 
einige wenige Falle, aber einen Monat spater bereits ein Dutzend, und 
schlieBlich wurde es unmoglich, die Epidemie einzudammen ..." 

Eine andere ernste Komplikation bestand darin, daB Belsen in den 
letzten Monaten des Krieges als Krankenlager angesehen wurde, so 
daB viele in das Lager eingewiesene Leute bereits krank waren. 5 Die 
Briten konnten diese Lage nicht sofort erfassen, so daB mehr als ein 
Viertel von jenen, die sie bei Ubernahme des Lagers noch lebend 
angetroffen hatten, in den ersten vier Wochen danach verstarben. 6 

Ungeachtet der sehr wirksamen Propaganda bezuglich der 
Verhaltnisse in Belsen, behauptet niemand, der mit den leicht 
zuganglichen Fakten von Belsen vertraut ist, daB es dort vorsatzliche 
Vernichtungen gegeben habe. So hat auch das britische Mili- 
targericht, das den Lagerkommandanten Hauptsturmfuhrer Josef 
Kramer verurteilte, ihn niemals angeklagt, „ein Vernichtungslager in 
Belsen" befehligt zu haben." Heutzutage werden in der Tat 
Vernichtungsbehauptungen in bezug auf Konzentrationslager in 
Deutschland von niemandem mehr aufgestellt, der ernst genommen 
werden will. Belsen, Buchenwald, Dachau usw. waren keine 
Vernichtungslager. Die mutmaBlichen Vernichtungslager sollen sich 
samtlich im kommunistisch beherrschten Polen befunden haben : 
Auschwitz, Belzec, Kulmhof (Chelmno), Lublin (Maidanek), Sobibor 
und Treblinka. 8 AuBerdem wird unterstellt, daB Juden in der 
Sowjetunion durch Einsatzgruppen vernichtet worden seien, wobei 
es sich um MassenerschieBungen oder „LKW-Vergasungswagen" 
gehandelt haben soil. Die Lager in Polen, so wird ebenfalls 
behauptet, sollen „Gaskammern" verwendet haben, aber — mit 
Ausnahme von Chelmno — stationare und keine mobilen. 

Es wird weiter unterstellt, daB die Vernichtungsaktionen an Orten 
stattgefunden hatten, die vor Einnahme durch die Rote Armee 



40 



geraumt worden waren, und nicht in Lagern, die noch — wenn auch 
unter chaotischen Verhaltnissen — vorhanden waren, wie z. B. jene, 
die von den westlichen Truppen erobert wurden. 

Obgleich behauptet wird, daB es sechs Vernichtungslager gegeben 
habe, so ist doch eines davon — Auschwitz — der Schliissel fur die 
ganze Geschichte. Es bezieht sich auf Auschwitz, wenn Mengen von 
— sogar dokumentarischen — Beweismitteln angeboten werden; 
wenig dagegen gibt es von den anderen. Es war Auschwitz, wie noch 
zu sehen sein wird, das die besondere Aufmerksamkeit von 
Washington lange vor Kriegsende auf sich gezogen hatte. So bezieht 
sich notwendigerweise viel in dieser Arbeit auf die Behauptung, daB 
Juden wahrend des Zweiten Weltkrieges in Auschwitz vernichtet 
worden seien. 

Der Gegenstand dieses Buches ist die Frage, ob nun die Deutschen 
versucht haben, die Juden Europas zu vernichten oder nicht. Wir 
sind also nicht damit befaBt, jedes Detail der allgemeinen 
Fragestellung zu behaupteten „Nazi-Brutalitaten" zu untersuchen 
oder ein vollstandiges Bild der Funktionsweise der deutschen Lager 
aufzuzeichnen. Jedoch hat es sich herausgestellt, daB viele Leute 
eine so verzerrte Auffassung von diesen Lagern haben, daB, da 
Auschwitz aus mehreren Lagern bestand, es schwierig ist, Auschwitz 
isoliert von anderen Lagern zu beurteilen. So scheinen einige 
allgemeine Worte zu den Lagern angebracht; das Bild Nr. 23 stellt 
eine Karte (in den Grenzen vom Januar 1938) von einigen wenigen 
Orten der am meisten zitierten Lager zusammen mit der Lage einiger 
groBer Stadte dar. 

Es gab viele Typen deutscher Lager, und nur ein Bruchteil davon 
wurde „Konzentrationslager" genannt. Es gab 13 deutsche 
Konzentrationslager, von denen jedes in Wirklichkeit eine Zusam- 
menfassung von benachbarten Lagern darstellte. Nur zwei von den 
sechs sogenannten „Vernichtungslagern" — Auschwitz und Lublin — 
waren „ Konzentrationslager". Eine Aufstellung mehrerer Arten 
deutscher Lager, die viele normale Gefangnisse einschlossen, ist von 
Aroneanu auf S. 203 — 251 publiziert worden, wobei er ungefahr 
1.400 „Lager" unter Zufugung des Ortes und des „Charakters" 
aufgefuhrt hat. Obgleich diese Tabelle einige Vorstellung von dem 
Umfang und der Verschiedenartigkeit des deutschen Gefangnis- und 
Lager-Systems vermittelt, so enthalt es doch offensichtlich auch 
groBere Irrtumer, wie z. B. lm Fall Birkenau, das als Lager fur 
„medizinische Experimente" ausgegeben wurde. 

Die Hauptbedeutung von Oranienburg, in der Nahe von Berlin, 
bestand darin, daB dort das Inspektorat fur Konzentrationslager 
einquartiert war und daher in direkter Verbindung mit alien 
Konzentrationslagern stand. 

Der typische Insasse eines deutschen Konzentrationslagers war 
eine Person, die aus Straf- oder Sicherheitsgrunden inhaftiert war. Es 
gab da funf Hauptkategorien. Sie wurden durch gefarbte Abzeichen 
unterscheidbar gemacht, die auf der Haftlingskleidung angebracht 
waren : 9 

griin = Kriminelle 

rot = politische Gefangene (hauptsachlich Kommunisten) 

rosa = Homosexuelle 

schwarz = Asoziale (Vagabunden, Trunkenbolde usw.) 
purpurrot = auf Grund ihrer religiosen Ansichten als illoyal 



41 



angesehene Personen (hauptsachlich Jehovas Zeugen) 

In Auschwitz und einigen anderen Lagern wurde an die 
Haftlingskleidung ein Dreieck in der betreffenden Farbe angenaht. 
War der Haftling ein Jude, so wurde iiber dem Dreieck ein gelber 
Davidstern angeheftet. So verweist man auf das Auschwitzer 
„ Stern-System". 

Mogen die wirtschaftlichen Bedingungen gewesen sein wie sie 
wollen, — die deutsche Regierung hat jede Anstrengung unternom- 
men, die Konzentrationslagerinsassen zur Arbeit heranzuziehen. 
Kriegsgefangene wurden in jener Art und Weise eingesetzt, wie ihre 
Verwendung in Einklang mit den entsprechenden Konventionen 
stand, jedenfalls in dem Sinne, wie die Deutschen ihre Verpflich- 
tungen ihnen gegeniiber interpretierten. So wurden die russischen 
Kriegsgefangenen ohne jede Bindungen eingesetzt, da die 
Sowjetunion die Konventionen nicht anerkannt hatte. Der 
Arbeitseinsatz westlicher Kriegsgefangener war auf Falle begrenzt, 
wo gewisse legale „Umwandlungen" in Zivilarbeiter moglich waren, 
wie bei vielen franzosischen Kriegsgefangenen 10 , oder auf Falle, wo 
die Arbeit als nicht von den Konventionen geregelt betrachtet 
wurde, wie bei einigen britischen Kriegsgefangenen, die in noch zu 
schildernden Arbeitsbereichen eingesetzt waren. 

Die Anzahl der Insassen in dem gesamten deutschen Konzentra- 
tionslagersystembetrug im August 1943 rund 224.000 und ein Jahr 
spater etwa 524. 000. n Diese Zahlen schlieBen nur Lager ein, die von 
den Deutschen als Konzentrationslager bezeichnet wurden, und 
schlieBen keinerlei Transitlager oder Lager ein, die unter anderen 
Termini gefuhrt wurden, wie das Theresienstadt-Ghetto oder 
irgendwelche anderen Einrichtungen, die fur Familienquartiere 
beabsichtigt waren. 

Es ist allgemein korrekt zu sagen, daB es kein fur „Juden" 
abgestelltes „ Konzentrationslager" als solches gab, doch muB dieser 
Hinweis geklart werden; es gab drei verschiedene Kategorien von 
Juden, die in diesem Zusammenhang betrachtet werden miissen. 

Zunachst gab es unter den aus Straf- und Sicherheitsgrunden 
einsitzenden Haftlingen auch einen Bruchteil Juden, und unter dem 
nationalsozialistischen System war es naturlich, diese innerhalb der 
Lager von den „arischen" Insassen zu trennen. Auf diese Weise 
konnten bestimmte Lagerabteilungen als „fur Juden bestimmt" 
angesehen werden. 

Zweitens bestand eine spezifische Gesetzgebung fur den Arbeits- 
dienst fur Juden, und so fanden viele zur Arbeit einberufene Juden 
ihren Weg in Konzentrationslager auf dieser Grundlage. 

Die dritte Kategorie bestand aus judischen Familien, doch den 
engsten Kontakt, den sie mit Konzentrationslagern hatten, waren 
gewisse Durchgangslager, welche in einigen Fallen unabhangige 
Lager waren wie z. B. Westerbork in den Niederlanden 12 und 
anderen (die namhaft zu machen waren). Auch gab es in einigen 
Fallen abgeteilte Bereiche in einigen Konzentrationslagern, u. a. in 
Belsen und moglicherweise in Dachau 13 und anderen (die ebenfalls 
namhaft zu machen waren). Das Transitlager war, wie sein Name 
sagt, nur fur einen zeitweiligen Aufenthalt von Transporten mit 
anderer Zielrichtung gedacht. 

In Erganzung zu den Transitlagern gab es „Lager" fur einige 
judische Familien, so wie Theresienstadt in Bohmen-Mahren und 

42 




Abb. 4 : Europa im EinfluBbereich 

schen Deutschland 



des 



nationalsozialisti- 



43 



anderen im Osten, aber der abwertendste Begriff, der fur diese Falle 
anwendbar ware, war „ Ghetto" und nicht „Konzentrationslager". 
AuBerdem, wie noch zu zeigen sein wird, haben die Deutschen gegen 
Ende des Krieges, als sich die Russen an der Ostfront immer mehr 
annaherten, viele der ehemals freien Juden aus Sicherheitsgriinden in 
Ghettos verbracht. 

Die umfassende Geschichte hinsichtlich der Lage der Juden in 
bezug auf die deutsch-kontrollierten Lager aller Typen ist sicher 
noch in komplizierten Details zu schildern. Daher stellt diese 
Analyse eher einen Versuch dar, um aufzuzeigen, wie die allgemeine 
Lage war, und weniger eine umfassende und exakte Wiedergabe aller 
historischen Einzelheiten. Wir werden jedoch an vielen Punkten das 
Wesentliche beruhren, und der Leser wird in die Lage versetzt sein, 
sich einen vernunftigen Gesamteindruck zu verschaffen. 

Es ist nicht beabsichtigt, das gesamte deutsche Lager-System zur 
Diskussion zu stellen. Fur unsere Zwecke erscheint es ausreichend, 
die drei Lager zu untersuchen, auf die meistens (mit Ausnahme von 
Auschwitz) verwiesen wird : Belsen, Buchenwald und Dachau 
(Insassen im August 1943 jeweils : 3.000; 17.600; 17. 300). 14 Danach 
werden wir zu den Anklagen gegeniiber dem „Vernichtungslager 
Auschwitz" ubergehen. 

Belsen hat nur eine sehr kurze Geschichte. Es war ursprunglich ein 
Wehrmachtlager fur verwundete Kriegsgefangene. Im Sommer 1943 
ubernahm die SS die Halfte des Lagers, um es in ein „Austausch- 
lager" umzuwandeln, ein Transitlager fur Auslander und Juden, die 
die Deutschen fur den Austausch im Ausland festgehaltener 
Deutscher vorgesehen hatten. Einige neue Bodenflachen und 
Gebaude wurden dem Lager ebenfalls zugefugt. Juden aus Saloniki, 
Griechen mit spanischen Passen waren die ersten Ankommlinge 
(man hoffte sie nach Spanien schicken zu konnen). Aber schlieBlich 
dominierten hollandische Juden (ungefahr 5.000). Ein Bruchteil der 
hollandischen Juden befand sich dort auf einer gewissermaBen 
langerfristigen Basis. Hierbei handelte es sich um viele talentierte 
Handwerker der bedeutenden Amsterdamer Diamanten- 

schleifindustrie. Auf diese Weise wurde ihre Tatigkeit lediglich von 
Amsterdam nach Belsen verlagert. Der Teil fur Juden in Belsen 
wurde das „ Stern J^ager" genannt, das streng vom Rest des Lagers 
abgesondert war und auch im wesentlichen von der Typhus- 
Epidemie der letzten Kriegsmonate verschont geblieben ist. 15 

Die hollandischen Juden waren besonders hart von den 
Deportationen betroffen; die Griinde hierfur werden spater 
aufgezeigt. Es war in Belsen im Marz 1945, als Anne Frank — wie 
behauptet wird — umgekommen ist. Da in Belsen viele hollandische 
Juden waren, kann dies sicher wahr sein, aber es ist schwierig — um 
das mindeste zu sagen — , den Grund ihres Todes in einem solchen 
Fall zu erraten. Es gab dort keine Vernichtungen, und die judischen 
Familien waren dort isoliert von der TyphusJipidemie. Die Frage 
der Authentizitat des Tagebuches ist nicht wichtig genug, so daB wir 
auf eine Untersuchung hier verzichten. Lediglich sei vermerkt, daB ich 
es durchgesehen habe und seine Echtheit nicht glaube. Z. B. liest man 
schon auf S. 2 einen Aufsatz dariiber, warum ein 13jahriges 
Madchen mit dem Schreiben eines Tagebuches beginnt, auf S. 3 liest 
man eine kurze Geschichte der FrantFamilie, und dann erhalt 
man schnell einen uberblick iiber genaue anti-judische MaBnahmen, 



44 



die der deutschen Besetzung Hollands im Jahr 1940 folgten. Der 
Rest des Buches ist vom gleichen Geist der historischen 
Interpretation getragen. 16 

Der iibrige Teil des Konzentrationslagers Belsen setzte sich aus den 
gewohnlichen Arten von Haftlingen zusammen, und das Schicksal 
des Lagers haben wir gesehen. Bergen-Belsen hatte niemals einen 
bedeutenden okonomischen oder industriellen Aspekt, mit 
Ausnahme der Diamantenschleiferei. 

Die Hauptbedeutung von Buchenwald bestand in der dortigen 
Industrie. Seine Satellitenlager bei Beuchow, Dora, Ellrich, Elsing, 
Gandersheim und Halberstadt existierten hauptsachlich auf Grund 
der unterirdischen Luftwaffenfabrik, die sowohl das gewohnliche 
Konzentrationslager, als auch Fremdarbeiter zusatzlich zu normalen 
deutschen Arbeitskraften beschaftigte. 17 Da gab es jedoch auch 
noch zwei andere Aspekte, die medizinischen Experimente, die im 
Hauptlager Buchenwald durchgefuhrt worden sein sollen, und die 
Aktivitaten des Kommandanten Koch. Diese Sachverhalte bieten 
eine gute Illustration dafur, wie die Bedeutung von Fakten entstellt 
worden ist, wenn man auf diese Lager zu sprechen kommt. 
Glucklicherweise besitzen wir ein Buch von Christopher Burney, 
einem fruheren Insassen. Dieses Buch schwelgt nicht nur hin und 
wieder in diesen entstellenden Darlegungen, sondern bietet auch 
einige Fakten oder Hinweise, die es uns ermoglichen, hinter diese 
Entstellungen zu schauen. Burneys Buch sollte jedem Leser die 
Notwendigkeit vor Augen fuhren, wenn er „personliche Erfahrungs- 
Literatur" dieser Art liest, scharf und konsequent zu unterscheiden 
zwischen den Vorgangen, von denen der Autor behauptet, sie erlebt 
und gesehen zu haben, und jenen, von denen er behauptet, sie 
gelesen oder gehort zu haben. Dies auf der einen Seite. Und dann die 
SchluBfolgerungen, die er gezogen hat oder vorgab, gezogen zu 
haben, auf der anderen Seite. Die Unterschiede sind meist auBerst 
gravierend. Kommandant Koch beschrieb er so : 18 

„Keine Grausamkeit war ihm fremd. Nicht eine einzige Zelle in seinem Gehirn 
gab es, die nicht zu der einen oder anderen Zeit beigetragen hat, neue 
Raffinessen von Pein und Tod fur die Ratten in seiner Falle auszuhecken." 

Burney setzte seine Darlegungen fort, um zu erklaren, daB, da 
Koch homosexuell gewesen ware, Frau Koch sich mit Gefangenen 
eingelassen hatte, „die dann anschlieBend in das Krematorium 
geschickt worden waren", mit Ausnahme der hochwertig 
tatowierten Haut, die fur Lampenschirme sichergestellt worden sei. 
An diesem Punkt erweist sich, daB die Lage fur Burney 
augenscheinlich wirklich schlecht aussah, besonders wenn er 
Tatowierungen gehabt und Frau Koch ihn gefunden hatte, — doch 
glucklicherweise geschah alles dies, bevor er im Fruhjahr 1944 im 
Lager ankam. Koch wurde 1943 wegen Unterschlagung eingesperrt. 
Sein Nachfolger war Pister, der „einer der mildesten Konzentrations- 
lagerfuhrer in der Geschichte" war, so daB 

„ein zufalliger Beobachter, der zum Lager im letzten Jahr seiner Existenz kam 
und einen allgemeinen Blick durch das Lager warf, ohne die letzten Ecken 
auszuleuchten, kein oder nur sehr wenig Schlagen gesehen haben wurde, dafur 



45 



aber eine groBe Anzahl von Leuten, die keiner Arbeit nachgingen, und eine 
noch viel groBere Anzahl von Leuten, die ihre Arbeit mit einer von den Russen 
gelehrten Lethargie verrichteten . . . lebensvolle Blocks, die sauber waren, 
Kuchen mit groBen, schrecklich modernen Suppenkochgeraten und einem 
Hospital, das jeden Appell glanzend durchgestanden hatte." 

Die Inhaftierung vom Lagerkommandanten Koch fiihrte in der Tat 
zum Aufbrechen eines Korruptionsringes, der sich iiber das deutsche 
Konzentrationslager-System gelegt hatte. Hiermit im Zusam- 
menhang stand auch die Ermordung einiger Gefangener, die zuviel 
gewuBt hatten. Dies wurde durch die Bemuhungen des SS-Richters 
Morgen herausgefunden. Koch wurde durch die SS hingerichtet. 19 

Die tatowierte Haut war zweifellos auf die medizinische 
Experimentenrolle von Buchenwald zuruckzufiihren. Wie Burney 
vermerkt, untersuchten die Lagerarzte die Korper verstorbener 
Buchenwald-Haftlinge, und wenn sie etwas Interessantes fanden, 
stellten sie es sicher. 20 Sicherlich ist anzunehmen, daB die auf diese 
Weise zusammengestellte Sammlung medizinischer Muster die 
Quelle fur die tatowierte Haut und den menschlichen Kopf war, der 
vom IMT als „Beweisstuck" ausgegeben wurde fur in Buchenwald 
ermordete Menschen. Was wahrscheinlich den groBeren Teil der 
Sammlung ausmacht, ist im Bild 32 wiedergegeben. Der Kopf ist 
normalerweise ohne jegliche Erklarung abgebildet und zwar im 
Zusammenhang mit Seife (Bild 24), von der behauptet wird, daB sie 
von menschlichen Korpern gewonnen worden sei. Von den Russen 
wurde auch diese Seife als „Beweisstuck" vorgelegt, die, als sie 
erfuhren, daB ein ProzeB stattfinden wurde, schnell ein Greuelpro- 
pagandastiick aus dem Ersten Weltkrieg aufgriffen. 21 Zur Zeit, als 
der IMT-ProzeB ablief, wurde die Geschichte von der in Buchenwald 
gefundenen Menschenhaut „entwickelt". Hieruber haben wir einen 
offiziellen Vorgang : 22 

,lm Jahre 1939 wurde alien Gefangenen mit Tatow ierungen befohlen, 
hiervon dem R e vie r Bericht zu erstatten. Niemand wulite, warum dies 
geschah. Doch nachdem die tatowierten Gefangenen untersucht waren, 
wurden diejenigen mit den besten und kunstvollsten Mustern im Revier 
zuriickbehalten und dann mittels Injektionen g e tote t ... Die gewunschten 
Stucke der tatowierten Haut wurden von den Korpern abgetrennt und 
bearbeitet. Die fertigen Produkte wurden Frau Koch Obergeben, die sie in 
Lam penschirm form en und andere d e ko rative H aushaltsartikel einfassen lie B . 
Ich selbst sah solche tatowierten Haute mit verschiedenen D arstellungen, wie 
z.B. .Hansel und G re te I', welche ein Gefangener auf seinem Knie hatte, und 
Abbildungen von Schiffen, die auf der Brust von Gefangenen eintatowiert 
waren." 

Frau Koch wurde solcher Verbrechen wegen bei ihrem ProzeB vor 
dem US-Militargericht verurteilt, doch im Jahre 1948 griff der 
amerikanische Militargouverneur, General Lucius Clay, ihren Fall 
wieder auf und bestimmte, daB ungeachtet dieser Zeugenaussage, die 
ihrem ProzeB zugrundegelegen hatte, Frau Koch nicht in 
Zusammenhang mit Lampenschirmen und anderen Gegenstanden 
gebracht werden konne, die man im Kommandantenwohnsitz von 
Buchenwald bei der Eroberung des Lagers „entdeckt" hatte (oder 



46 



hineingeschwindelt hatte). Zunachst : Seit der Verhaftung ihres 
Mannes und ihrer eigenen Verhaftung im Jahre 1943 hatte sie dort 
nicht mehr gelebt. Auch ihr „Familien-Journal", von dem 
behauptet wurde, es sei in Menschenhaut eingebunden worden, und 
das als eine der Hauptanklagen gegen sie verwendet wurde, wurde 
niemals gefunden und hat offensichtlich nie existiert. So hat Clay ihr 
Urteil auf lebenslangliche Haft in eine vierjahrige Gefangnisstrafe 
umgewandelt — wegen mittelmaBiger Arten von Grausamkeiten. 

Was sich nach der Umwandlung des Urteils ereignete, stattet eine 
der vielen Episoden aus, die zusammen mit den Enthullungen der 
Jahre 1948 — 1949 tiber das zutage traten, was sich bei den „ Dachau - 
Prozessen" zugetragen hat. Es enthullte mit aller Deutlichkeit die 
Gesetzes- und Rechtlosigkeit, die bei den „Kriegsverbrecher- 
Prozessen" vorherrschten. Rabbi Wise und andere einfluBreiche 
Personen protestierten gegen die Umwandlung des Urteils so 
intensiv, daB der Senat eine Untersuchung dieses Sachverhaltes 
durchfuhrte, die mit dem Ergebnis abschloB : 

„Die militarischen Behorden sagen, daB sie nicht in der Lage waren, einen 
Beweis zu erbringen von irgendeinem anderen Verbrechen der Use Koch, auf 
Grund dessen sie verurteilt werden konnte ohne daB die Grundsatze verletzt 
wurden, denenzufolge niemand zweimal vor Gericht gestellt werden durfe 
fur ein und dieselbe Straftat. Jedoch ... da der von unserem besonderen 
Militarregierungsgericht durchgefuhrte ProzeB auf Vorwurfen begrundet war, 
daB die verschiedenen Angeklagten ,nicht-deutsche Staatsangehorige' 
miBhandelt hatten, so mogen doch die deutschen Gerichte versuchen, unter 
Zugrundelegung ihrer Gesetze Use Koch zur Rechenschaft zu Ziehen fur 
Verbrechen gegen deutsche Staatsangehorige . . . Sollten deutsche Leute Use 
Koch mit solchen Vorhaltungen vor Gericht bringen, so ist das Unterkomitee 
uberzeugt, daB es dann die Pflicht unserer Militarbehorden ist, den deutschen 
Behorden eine uneingeschrankte Zusammenarbeit zu gewahrleisten." 

Diese Unterscheidung zwischen Verbrechen gegen Deutsche und 
Verbrechen gegen Nicht-Deutsche war doch lediglich Sophisterei, 
die man nach auBen hin vorgefuhrt hat. Die US-„Kriegsverbrecher- 
gerichte" haben stets die Gerichtsbarkeit bei Fallen von behaupteten 
Verbrechen gegen deutsche Juden fur sich beansprucht, und nicht 
nur hierfur. Aber die Differenzierung war grundsatzlich abwegig, 
denn Clays Umwandlung des Urteils war auf die SchluBfolgerung 
begrundet, daB sie nicht schuldig war in bezug auf die gegen sie 
erhobenen Vorwiirfe, die mit Lampenschirmen, Totungen und 
ahnlichem zu tun hatten, und zwar unabhangig von der Nationalitat 
der Opfer. Clay hat seine Haltung durch die lange Zeit der 
offentlichen Dispute hindurch, die auf das Bemuhen ausgerichtet 
waren, Frau Koch ein zweites Mai mit den gleichen Vorwurfen 
vor Gericht zu ziehen, nicht geandert. Der „New York Times" 
zufolge hat diese von der Presse und anderen Gruppen getragene 
Kontroverse „die Vereinigten Staaten und Europa erschuttert". Clay 
blieb fest bei seiner Entscheidung im Fall Use Koch und erklarte : 

„Die Prufung des Berichts, die wiederum auf Berichten aufgebaut ist, die ich 
von den Richtern erhalten habe, wies nach, daB die schwerwiegendsten 
Vorwiirfe auf Horensagen gestutzt waren, nicht jedoch auf wirkliche Beweise. 



47 



Aus diesem Grund wurde das Urteil abgeandert. Ich habe keine Sympathie fur 
Use Koch. Sie war eine Frau von verkommenem Charakter und schlechtem 
Ruf. Sie hat zweifellos auch nach deutschem Gesetz viele tadelnswerte und 
strafbare Handlungen vollbracht. Wir haben sie nicht fur diese Sachen 
bestraft. Wir haben sie vor Gericht gezogen als eine Kriegsverbrecherin auf 
Grund konkreter Vorwurfe." 

Trotz dieser mit Nachdruck versehenen Aussage des ameri- 
kanischen Militargouverneurs veranlaBten einfluBreiche Krafte in 
den USA die Behorden in der Bundesrepublik Deutschland, erneut 
gegen Frau Use Koch vorzugehen, als sie im Oktober 1949 aus der 
amerikanischen Haft entlassen worden war. Sie wurde erneut wegen 
der inzwischen sattsam bekannten „Lampenschirm" -Vorwurfe vor 
Gericht gezerrt. Obgleich die Verteidigung in der Lage war, 
nachzuweisen, daB die Aussagen der zwei Zeugen der Anklagevertre- 
tung widerspruchliche Erklarungen enthalten gegeniiber fruheren 
Angaben, und auf diese Weise das deutsche Gericht zwangen, diese 
Zeugenaussagen zu streichen, wurde Use Koch dennoch fur schuldig 
befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie erhangte sich in 
ihrer Zelle im Jahre 1967. 23 

Burney berichtet von Buchenwald einige Belsen-ahnliche Falle, so 
jedoch hauptsachlich Vorgange in bezug auf eintreffende Haftlinge, 
die von mehr ostlich gelegenen Platzen wahrend der letzten 
chaotischen Wochen hereinkamen. 24 — So viel iiber Buchenwald. 

Dachau war eines der altesten NS-Konzentrationslager, bei dem 
das Schwergewicht auf osterreichischen politischen Gefangenen, 
romisch-katholischen Pfarrern (die aus Grunden gefangengehalten 
wurden, die hier nicht untersucht werden mussen) und alten sowie 
nur halb arbeitsfahigen Leuten aller Kategorien lag. Auch hatte 
das Lager eine Gruppe gewohnlicher Krimineller. Gearbeitet wurde 
hauptsachlich in auBerhalb des Lagers gelegenen Fabriken, doch 
wurde eine Krauterplantage innerhalb des Lagers angelegt, und 
einige Gefangene arbeiteten an der Entwasserung von Sumpfen. 26 

Es ist nutzlich, hier einige Einzelheiten dariiber anzugeben, wie es 
moglich war, daB Dachau gegen Ende des Krieges und unmittelbar 
nach dem Krieg falschlicherweise als ein Vernichtungslager mit 
Gaskammern ausgegeben wurde. Indem wir aufzeigen, daB solche 
Geschehnisse in Dachau niemals stattgefunden haben, widerspricht 
die vorliegende Darstellung naturlich nicht den von den Tragern der 
Vernichtungslegende vorgetragenen Mythen. Denn diese nahmen 
Dachau in diesem Zusammenhang aus und bauen ihre Geschichte 
rund um die Lager in Polen, wobei Auschwitz in dieser Beziehung 
den Mittelpunkt einnimmt. Der Grund fur die Erforschung dieser 
Details bezuglich Dachau besteht darin, daB hierbei die Glaubwiir- 
digkeit der amerikanischen Besatzung zerstort wird. Die US- 
Propaganda hat VernichtungsmaBnahmen in deutschen Lagern 
behauptet, und Dachau war das Hauptlager, das von den 
Amerikanern ubernommen worden ist. (Buchenwald wurde spater 
den Russen ubergeben). So wurden alle Anstrengungen gemacht, 
alles das, was im Dachauer Konzentrationslager geschehen war, zu 
entstellen und hieruber falsche Berichte in die Welt zu setzen. Ein 
Erkennen der beachtlichen Rucksichtslosigkeit und Ungeschick- 
lichkeit in diesem Bemuhen, und die lacherliche Art der 



48 



vorgebrachten „Beweise" werden den Leser erst in angemessener 
Weise scharf machen fur unsere Analyse des zentralen Teiles des 
Schwindels, der Auschwitz-Luge. 

Die Bedingungen in den Lagern hatten die deutsche Regierung im 
Marz 1945 gezwungen, in Abanderung ihrer fruheren Politik der 
absoluten AusschlieBung des Internationalen Komitees des Roten 
Kreuzes (ICRC) von den Konzentrationslagern (die bestehenden 
Konventionen deckten zwar Kriegsgefangene, aber keine zivilen 
Konzentrationslagerinsassen) einen abschlieBenden Schritt zu 
unternehmen. Am 29. Marz 1945 autorisierte SS-Gruppenfiihrer 
Kaltenbrunner das ICRC, einen Delegierten in jedes Lager zu 
entsenden, um Hilfsgiiter zu verteilen, unter der Bedingung, daB der 
Delegierte bis zum Ende des Krieges an dem jeweiligen Platz 
verbleibe. 26 Das ICRC organisierte StraBentransporte fur Hilfslie- 
ferungen (die Benutzung der Eisenbahn stand auBer Frage), jedoch 
war seine Wirksamkeit zu einem gewissen Grade von der 
personlichen Haltung der Konzentrationslager-Kommandanten 
abhangig. Z. B. war die Aufnahme in Mauthausen am 23. — 30. April 
zunachst negativ. SS-Standartenfuhrer Ziereis erklarte, daB er den 
Kaltenbrunner-Befehl nicht kenne. 27 

In Dachau hat das ICRC am 27. April einen relativ warmen 
Empfang erhalten (nach einigen kiihlen Vorgesprachen am 26. 
April), und einem Delegierten wurde gestattet, sich im Lager 
niederzulassen. Am Sonntag den 29. April stellte es sich heraus, daB 
die meisten der deutschen Offiziere, Wachmannschaften und 
Angestellten geflohen waren und das Kommando des Lagers auf 
einen gewissen Untersturmfuhrer Wickert iibergegangen war, der sich 
mit ahnlichen Absichten trug, die Flucht der verbliebenen 
Wachmannschaften anzufuhren. Da dieses viele Gefahren mit sich 
brachte, mogliche Gewalttaten durch Gefangene gegeniiber 
deutschen Zivilisten der Umgebung sowie die Ausbreitung von 
Epidemien, redete der Delegierte dem Wickert dies aus. Sie trafen 
eine Vereinbarung hinsichtlich der Ubergabe des Lagers, und der 
ICRC-Delegierte tat sein bestes, diese Vereinbarung einzuhalten. Als 
erstes wiirden die Wachen in den Turmen verbleiben, um den 
Ausbruch von Gefangenen zu verhindern. Zweitens wiirden die 
Soldaten, die nicht Wache stehen, sich unbewaffnet in einem der 
Lagerplatze versammeln. Drittens wiirde der Garnison zugestanden, 
sich auf ihre eigenen „Frontlinien" zuruckzuziehen, nachdem das 
Lager an die Amerikaner iibergeben sei. 

Dann hiBte der ICRC-Delegierte ein weiBes Handtuch an einen 
Besenstiel, nahm einen deutschen Offizier mit sich, verlieB das 
Lager, um einige Amerikaner aufzufischen. Nach einer Weile 
begegneten sie einer amerikanischen motorisierten Einheit, und der 
Delegierte stellte sich dem amerikanischen General vor (der Name ist 
in dem Bericht des Delegierten nicht genannt), der, nachdem er sich 
von der Identitat seiner neuen Gaste iiberzeugt hatte, unverzuglich 
den Delegierten und den ihn begleitenden deutschen Offizier 
aufforderte, ihm zu folgen, um sich den Pressefotografen beim 
Lager zu stellen und insbesondere bei einem gewissen Giiterzug, der 
angehauft mit Leichen ware. Obgleich sich der Delegierte des Roten 
Kreuzes bereits zwei Tage im Lager aufgehalten hatte, war ihm 
offenbar dieser Zug, der sich am Lager befunden haben soil, nicht 
aufgefallen. Er erfuhr davon erst von dem General. 



49 



Indem er seine Mission so beschrieb, war sein Bericht iiber das 
Lager beendet. Mittlerweile war der Delegierte in der Lage, einen 
Major Every zu bitten, dem General die Vereinbarung iiber die 
Ubergabe des Lagers mitzuteilen; doch offensichtlich war dieser 
Versuch, sich erneut mit dem General in Verbindung zu setzen, nicht 
erfolgreich. 

Bei der Ankunft im Lager fanden sie, daB einige Amerikaner 
bereits eingetroffen, die deutschen Wachen aus den Tiirmen 
zuriickgezogen waren und alle Deutschen sich ergeben hatten. Die 
Insassen befanden sich in einem groBen Durcheinander, und einige 
waren bewaffnet. Schiisse wurden auf SS-Wachen gefeuert, was 
dazu fuhrte, daB es auf beiden Seiten einige Tote gab. Der Delegierte 
vermochte schlieBlich die Aufmerksamkeit des Generals fur den Plan 
zur Ubergabe des Lagers zu erlangen. Der General stimmte dem Plan 
zu, doch wurde es den deutschen Gefangenen nicht erlaubt, ihren 
Einsatzort zu verlassen, und viele von ihnen sahen sich den 
Gewalttaten von rachsuchtigen Insassen ausgesetzt. Obwohl so viel 
wie moglich Insassen entwaffnet wurden, beendete dies nicht das 
allgemeine Durcheinander. Einige Insassen umarmten die ameri- 
kanischen Soldaten, wahrend andere die Stacheldrahtzaune 
niederrissen und fluchteten. Die Amerikaner feuerten einige Schiisse 
iiber die Kopfe der Insassen, und eine ungewohnliche Ruhe wurde 
schlieBlich durch 10 Maschinenpistolen hergestellt. Es gab jedoch im 
Verlauf der darauffolgenden Nacht noch gelegentliche Schiisse. Am 
darauffolgenden Tag, dem 30. April, war es moglich, ausreichende 
Nahrungsmittel auszugeben, und am Dienstag dem 1. Mai trafen 
einige Mitglieder der ICRC-Delegation ein und besichtigten — nach 
Aussagen des Delegierten — nicht nur Stapel von Leichen, sondern 
„gleichzeitig die Exekutionskammer, die Gaskammer, die Krema- 
toriumsofen usw." 28 

Das Vorangehende ist die Zusammenfassung eines Berichtes vom 
Delegierten des Roten Kreuzes. Er enthalt keinerlei Auslassungen 
dariiber, wie dies spater bei anderen Behauptungen deutlich wird, 
die unabhangig von fruheren Insassen aufgestellt wurden, wie z. B. 
von Friedrich Lenz und Nerin G. Gun. Die beiden Genannten stellen 
namlich fest, daB die Amerikaner bei ihrer Ankunft alle in ihrer Sicht 
befindlichen SS-Wachmannschaften getotet haben (zweifellos 
zumindest eine Ubertreibung). Gun behauptet, daB diese Politik 
sogar auf die Hunde in den Hundehiitten ausgedehnt worden sei, 
wahrend Lenz behauptet, daB der General eine zweistiindige 
BeschieBung der verteidigungsunfahigen Stadt von Dachau befohlen 
habe in Vergeltung fur die herumliegend vorgefundenen Leichen 
(ihm wurde schlieBlich hiervon abgeraten). 29 Wenn diese Behaup- 
tungen wahr sind, dann hat der ICRC-Delegierte in seinem Bericht 
Bedeutsames weggelassen. 

Es ist sehr wichtig zu erkennen, daB der Delegierte des ICRC in 
seinem Bericht auf eine „ Gaskammer" verweist. Der Ton im Bericht 
des Delegierten ist verschiedentlich ironisch und geringschatzig, 
denn er wurde in Abwehr all des Unsinns geschrieben, der durch die 
Presse eine Massenverbreitung erhielt. So bemerkt er im Zusammen- 
hang mit dem im Giiterzug bei Dachau gefundenen Leichen, daB 
„viele dieser Manner getotet worden seien, wahrend die anderen 
wahrscheinlich an Hunger gestorben seien." Auch ist merkwurdig, 
daB der Delegierte geradezu eifrig die Namen le lieutenant Wickert 



50 



und le major Every und andere auffiihrt, er sich jedoch weigerte, den 
Namen des amerikanischen Kommandeurs zu nennen, den er 
lediglich als „le general" bezeichnete (anscheinend mogen es Linden 
oder Patek gewesen sein). 

Da gab es zwei Arten von Raumen, die die US-Propaganda nach 
Eroberung des Lagers als „Gaskammern" bezeichnete. Und Gun 
veroffentlichte die entsprechenden Fotografien. Hier geben wir sie 
in Abbildung 16 und 21 wieder. Das erste Bild zeigt ein gewohnliches 
Duschbad. Die US-Prop agandisten hatten die Kuhnheit, dies als eine 
in ein Brausebad verkleidete Gaskammer umzufunktionieren. 
Abbildung 18 zeigt den Eingang in dieses „Brausebad". 

Der zweite Raum, der als „ Gaskammer" ausgegeben wurde, war in 
der Tat eine Gaskammer, deren Ttir auf Abbildung 21 gezeigt ist. 
Diese Tur scheint sicherlich echt und nicht fur die Propaganda 
zurechtgemacht zu sein. Um aber zu sehen, welchem Zweck sie 
gedient hat, priife man die Abbildung 13. Auf der linken Seite kann 
man genau die gleiche Tur sehen und neben der Tur einen Haufen 
dreckiger Haftlingskleidung. Diese „ Gaskammer" war offensichtlich 
eine Desinfektionskammer fur Kleidung. Eine solche Ausriistung war 
notwendig und existierte uberall in den deutschen Konzentrations- 
lagern. Das Innere des Desinfektionsraumes ist auf Abbildung 6 zu 
sehen. 

Das Haus auf Abb. 13 enthielt Desinfektionskammern, 
Duschraum (Abb. 16) und Krematorium (Abb. 17). Das Gebaude ist 
erhalten geblieben und wird regelmaBig von den Touristen 
besichtigt. Es liegt verhaltnismaBig isoliert und abseits vom 
Hauptteil des Lagers. Es war absolut logisch, sowohl die 
Desinfektionskammer als auch den Duschraum und das Krema- 
torium in einer solchen Weise anzulegen, damit die Insassen hiermit 
nicht in unnotigen Kontakt kamen. Der Duschraum war offensicht- 
lich notwendig, um die in diesem Gebaude arbeitenden Personen 
sauber zu halten, bevor sie in den anderen Teil des Lagers 
zuruckkehrten. Ich weiB nicht, ob dieser Duschraum auch fur 
Neuankommlinge im Lager verwendet worden ist oder ob es fur sie 
noch einen anderen Duschraum gab. Dem vorgelegten Bildmaterial 
sowie der Literatur zufolge war es meist der Duschraum — weniger 
die Desinfektionskammer — , die die Propaganda als „ Gaskammer" 
vorstellte. 30 Die letztere jedoch wurde wahrscheinlich als zu klein 
angesehen, um als eine „ Gaskammer" glaubhaft gemacht werden zu 
konnen, sprach man doch von unglaublich vielen Opfern. 

Naturlich produzierten die „Kriegsverbrecherprozesse" Zeugen 
genug, die von Vergasungsanlagen in Dachau sprachen (u. a. war es 
der IMT-Zeuge Franz Blaha, der ebenfalls Aussagen iiber die 
Praparierung tatowierter Haut in Buchenwald machte) 31 . Naturlich 
wurden alle Personen, deren Leichen bei Eroberung des Lagers — 
auch jene in dem Zug — gefunden wurden, als ermordet ausgegeben. 

Die Anzahl der Leichen in dem Zug bei Dachau war annahernd 
500. Das Auffinden von Toten in Ziigen in Deutschland gegen Ende 
des Krieges, sogar in normalen Personenziigen, war nicht ungewohn- 
lich. Im Januar 1945 wurden 800 erfrorene Deutsche in einem Zug 
gefunden, der Berlin erreichte. 32 Das deutsche Eisenbahnsystem 
befand sich in einem Chaos, und die Bedingungen im April 1945 
kann man sich schwerlich vorstellen; man sollte aber wenigstens den 
Versuch machen, diese Ziige mit Leichen in einem solchen 



51 



Zusammenhang zu sehen. Man sollte sich auch iiber die Bedingungen 
der Leute Gedanken machen, als sie ihre Reise auf diesen Ziigen 
antreten muBten. Es ist durchaus moglich, daB der typische auf sich 
selbst gestellte Konzentrationslager-Kommandant, konfrontiert mit 
einem von ihm als unnormal angesehenen Befehl, Haftlinge in das 
Lager X zu uberfuhren, erwog, Halb-Tote auf den Weg zu schicken, 
was fur ihn bedeutete, daB er die Anzahl von Toten in seinem Lager 
reduzieren konnte und sie im iibrigen auBerhalb seines Verant- 
wortungsbereiches gestorben waren. Solche Probleme sind hier 
jedoch nicht die entscheidenden. Es dauerte nicht lange, bis die 
Wahrheit iiber Dachau herauskam, doch sie erhielt auch dann keine 
groBe Publizitat. Die Ursachen fur die bei der Eroberung des Lagers 
aufgefundenen Leichen wurden 1948 in einer Publikation der 
„American Association for the Advancement of Science" — 
CAmerikanische Vereinigung fur den Fortschritt der Wissenschaft") 
— beschrieben. Als die US-Army in Deutschland vorruckte, traf sie 
die Bedingungen an, die ihre Sanitatsdienste vorausgesehen und fur 
die sie VorsorgemaBnahmen getroffen hatten : 33 

„Deutschland bot in den Monaten des Fruhjahres, April und Mai einen hochst 
erstaunlichen Anblick, ein Gemisch von Menschlichkeit, die die eine Richtung 
entlangzog, und dann die Heimatlosen, oft Hungrigen und Typhuskranken 
auf der anderen Seite. Je groBer das eroberte, aber noch nicht erschlossene 
Territorium wurde, desto groBer wurde die Anzahl der bekanntgewordenen 
Typhusfalle. Denn Westdeutschland war im Bereich des Vormarsches der 
amerikanischen Truppen nahezu durchgangig typhusgefahrdet. Ganze 
Gemeinden waren sogar davon betroffen und andere zum Teil in 
Mitleidenschaft gezogen. Eine groBe Haufung solcher Falle gab es in 
Konzentrations- und Gefangenenlagern sowie in kleinen Gemeinden der 
dortigen Umgebung. Eine geschatzte Anzahl von 35.000 bis 40.000 
Gefangenen wurde in Dachau gefunden, unter Verhaltnissen lebend, die sogar 
fur deutsche Konzentrationslager dieser Art schlecht waren und schlechter als 
alle anderen, die in amerikanische Hande fielen. Extremer Schmutz, 
Lauseinfektionen und Uberbelegung dominierten allerorten in den Lager- 
gebauden. Verschiedene Wagenladungen von Leichen wurden — gestapelt in 
Kastenwagen — im Rangierbahnhof, der an das Lager angrenzte, aufgefunden. 
Offensichtlich handelte es sich urn die Spuren eines Gefangenentransportes 
aus Lagern weiter nordlich, die in den letzten Tagen des Krieges nach Dachau 
uberstellt wurden, urn den heranriickenden amerikanischen Truppen zu 
entgehen. 

Die Anzahl der Typhuskranken zur Zeit der Eroberung des Lagers wird 
niemals bekannt werden. Bevor eine Zahlung der Patienten durchgefuhrt 
werden konnte, waren die wesentlichen Verhaltnisse geandert. Mehrere 
hundert wurden in dem Gefangenen-Hospital gefunden, doch war ihre Zahl 
gering im Vergleich zu den Patienten, die mit ihren Kameraden in den 
Lagerbaracken lebten, bettlagerig und ohne Betreuung, auf Pritschen jeweils 
vier ubereinander und dicht neben zwei, manchmal auch drei Leuten auf 
einem Regal-ahnlichen Bett liegend. Die Kranken ebenso wie die Gesunden; 
zusammengepfercht jenseits aller Beschreibung; stinkend nach Unrat und 
Vernachlassigung — und iiberall der Geruch von Tod." 

Es ist nicht iiberraschend, daB Dachau katastrophenartige 
Zustande ahnlich denen von Belsen durchgemacht hat. Seit Beginn 
des Jahres 1945 hat es dort schatzungsweise 15.000 Typhustote 



52 



unter den Gefangenen gegeben, von denen die meisten in den letzten 
zwei Monaten verstorben waren. 34 

Die Amerikaner brachten das Lager unter ihre Kontrolle. Seitdem 
diente es als amerikanisches Lager und als Zentrum von 
„Kriegsverbrecherprozessen". Ein amerikanischer Richter, Stephen 
S. Pinter, der dort stationiert war und offensichtlich das, was dort im 
Namen der Vereinigten Staaten durchgefuhrt wurde, miBbilligte, 
schrieb : 3B 

„lch war nach dem Krieg fur 17 Monate als Rechtsanwalt des amerikanischen 
Kriegsministeriums in Dachau und kann bezeugen, daB es in Dachau keine 
Gaskammern gegeben hat. Was den Besuchern und Touristen dort gezeigt und 
irrtumlich als „Gaskammer" beschrieben wurde, war ein Krematorium. Es gab 
auch keinerlei Gaskammer in irgendeinem anderen Konzentrationslager in 
Deutschland. Uns wurde erzahlt, in Auschwitz habe es eine Gaskammer 
gegeben, doch da sich dieses in der russischen Besatzungszone befand, wurde 
uns eine Untersuchung nicht gestattet, weil die Russen dies nicht zulieBen. 

. . . Der alte Propagandamythos bleibt in Umlaut, daB Millionen Juden von 
den Nationalsozialisten getotet worden seien. Was ich wahrend meiner 6 
Nachkriegsjahre in Deutschland und Osterreich in der Lage war festzustellen, 
war dies : eine Anzahl Juden ist getotet worden, aber die Zahl von einer 
Million ist sicherlich niemals erreicht worden. Ich habe tausende von Juden 
befragt, fruhere Insassen von Konzentrationslagern in Deutschland und 
Osterreich und betrachte mich in dieser Angelegenheit so gut qualifiziert wie 
irgendein anderer." 

Im Jahre 1960 erklarte das „Institut fur Zeitgeschichte" in 
Munchen, „das Vorbild fur Feindschaft und Widerstand gegeniiber 
dem Nationalsozialismus" : 36 

„Die Gaskammer in Dachau wurde nie ganz fertiggestellt und ,in Betrieb' 
genommen . . . Die Massenvernichtung der Juden durch Vergasung begann 
1941/1942 und fand ausschlieBlich an einigen wenigen hierfur ausgewahlten 
und mit Hilfe entsprechender technischer Einrichtungen versehenen Stellen, 
vor allem im besetzten polnischen Gebiet (aber nirgends im Altreich) 
statt ..." 

So stellt sich zur Zeit im wesentlichen der Dachau-Mythos dar. Im 
Sommer 1973 wurde den besuchenden Touristen in Dachau der 
Desinfektionsraum korrekt als solcher bezeichnet, ohne daB man 
versuchte, ihn als Gaskammer zur Vernichtung von Menschen 
auszugeben. Hinsichtlich des Duschraumes erklarte der Prospekt : 

„Diese Gaskammer, als Duschraum getarnt, war nicht in Gebrauch. Die 

Gefangenen, die zur .Vergasung' selektiert wurden, wurden von Dachau zum 

SchloB Hartheim, in der Nahe von Linz (Osterreich) oder in andere Lager 
verbracht." 

Soviel iiber Dachau, eine knappe Untersuchung, die aber 
notwendig war, um die allgemeine Glaubwiirdigkeit der USA- 
Propaganda richtig einschatzen zu konnen. 

Die Haftbereiche in Auschwitz waren naturlich Teil desselben 



53 



Konzentrationslagersystems wie das soeben skizzierte Lager. Jedoch 
die Aktionen, auf die mit dem Begriff „Auschwitz" verwiesen wird, 
waren wirklich in vielerlei Hinsicht eine Art fur sich. Dies ist so sehr 
wahr, daB es, um die Funktion von Auschwitz klar zu erfassen, 
unerlaBlich ist, betrachtlich in der Zeit zuriickzugehen. Es ist 
auBerdem ungliicklicherweise notwendig, sich bis zu einem gewissen 
Grad in eine Diskussion einzulassen, die zunachst ausgesprochen 
technisch zu sein scheint. 

Der Hauptgrund der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 
1918 waren die Mangelerscheinungen, die hauptsachlich durch die 
britische Blockade hervorgerufen worden waren. Der Mangel an 
Rohstoffen wie z. B. 01 und Gummi hat die Armee bewegungs- 
unfahig, die Hungerbedingungen in Deutschland haben zudem die 
innere Lage unvorhersehbar und unstabil gemacht. Deutschland 
kapitulierte als Opfer — unter anderem naturlich — der ersten 
„Energiekrise" des zwanzigsten Jahrhunderts. 

Die extreme Verwundbarkeit Deutschlands in bezug auf 
Rohstoffe ist naturlich von der deutschen chemischen Industrie 
wahrend des Krieges zeitig registriert worden. Und nach dem Krieg 
beruhte die Popularitat des Rufes nach „Autarkie", Unabhangigkeit 
von Importen oder auslandischer Hilfe zum Teil auf dieser Einsicht. 
Die einzigen Rohstoffe, die uns hier interessieren, sind 01 und 
Gummi, von denen es so gut wie nichts in Deutschland gab. Von 
Europa hatte nur Rumanien bedeutende Olquellen, aber es gab 
nirgendwo in Europa naturlichen Gummi. Jedoch gab es groBe 
Kohlevorrate in Deutschland, aber auch anderswo in Europa. 

Der bedeutende deutsche Industrie-Konzern IG-Farben bestand 
im Jahre 1918 aus einer Ansammlung von sechs kleineren 
Gesellschaften, die sich spater im Jahre 1925 zu „IGJj'arben" 
verbunden haben. Die maBgebende Grundungsgesellschaft 

„Badische Anilin und Soda Fabrik" von Ludwigshafen am Rhein 
hatte, beginnend im Anfangsstadium des Ersten Weltkrieges, an 
Herstellungsverfahren gearbeitet, um Ol und Gummi auf synthe- 
tischem Wege aus Kohle zu erzeugen. Diese Forschungen wurden 
nach der Vereinigung zur „IGJj'arben-Industrie" sowie nach der 
Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 fortgesetzt. Die national- 
sozialistische Regierung unterstiitzte alsbald diese der Autarkie 
dienenden Entwicklungen. 37 Auf Grund dieser Ermutigung durch 
die Regierung, des echten Bedarfs an synthetischen Produkten und 
der allgemeinen wissenschaftlich-technischen Uberlegenheit 

Deutschlands in der damaligen Zeit, besonders auf dem Gebiet der 
Chemie und Chemotechnik, gelangte Deutschland grundsatzlich an 
die Weltspitze in diesen Bereichen. 

Synthetisches Ol war bei weitem das leichtere dieser zwei 
Probleme. Kohle besteht zum groBen Teil aus Kohlenstoff. Das 
Hauptprinzip beruht darauf, daB sich Kohle, die bei hohem Druck 
und hoher Temperatur mit Wasserstoffgas behandelt wird 
CHydrierung"), in Ol verwandelt. Von diesem Ol konnte die 
gewohnliche Kette chemischer Produkte erzeugt werden : Farben, 
Explosivstoffe, Drogen usw. Eine andere Hydrierungsstufe ergab 
Benzin. Die Idee war grundsatzlich einfach, obgleich der damit 
verbundene HerstellungsprozeB aufwendig war und der groBte Teil 
der Forschung im Herausfinden des wirksamsten Katalysators 
bestand. Wahrend des Zweiten Weltkrieges gab es in und um 



54 



Deutschland herum viele synthetische Olwerke. Sie produzierten 
ungefahr 75% des fur Deutschland erreichbaren Ols. Der Rest kam 
hauptsachlich aus Rumanien. 38 

Synthetischer Gummi war eine andere Sache. Die technischen 
Probleme, einen ausreichend okonomischen Gummi zu erzeugen, 
der fur Autoreifen verwendbar ist, waren in hochstem MaBe 
schwierig und bis ungefahr zum Beginn des Krieges noch nicht 
wirklich gelost. 

Die grundlegenden Schritte, um Gummi herzustellen, bestehen 
darin, lange Molekulketten in einer Art Polymerisation zu erzeugen, 
diese dann zu veranlassen, sich in einer Art „Kreuzstich" zu 
verbinden, was eine wechselseitige Vereinigung an verschiedenen 
Punkten bedeutet, — Vulkanisation. Man benotigte ein Molekul, das 
fiir Polymerisation und Vulkanisation geeignet ist; und es wurde 
herausgefunden, daB Butadien besonders gut verwendbar war. Ende 
der zwanziger Jahre war herausgefunden worden, daB Natrium ein 
ausgezeichneter Katalysator zur Polymerisation des Butadien war. 
Konsequenterweise wurde der synthetische Gummi, der aus 
Butadien in Verbindung mit Natrium (Na) als Katalysator gewonnen 
worden war, „Buna"-Gummi genannt. Im Jahr 1935 wurde das 
Natrium fallengelassen, doch die Bezeichnung „Buna" blieb. Indem 
man nun 25% des Butadien durch Styrol — „Buna-S"-Gummi — 
austauschte, war der Typ gefunden, der fiir Autoreifen — dem 
wichtigsten Bedarfsartikel — besonders geeignet war. 39 

Die erste ernstzunehmende deutsche Buna-S-Produktionsstatte — 
und die groBte — war das Werk in Zschopau, dessen Errichtung im 
Jahre 1937 begonnen wurde und das 1939 vollendet war. Es hatte 
eine Leistungsfahigkeit von 6.000 Tonnen im Monat. Ein zweites 
Werk wurde 1938 in Hiils begonnen und war im August 1940 be- 
triebsbereit; seine Monatsproduktion erreichte 4.000 Tonnen. Eine 
dritte Anlage wurde im Januar 1941 bei Ludwigshafen errichtet, am 
Sitz des Forschungszentrums der IG-Farben; ihre Buna-Herstellung 
begann im Marz 1943 mit einem monatlichen AusstoB von 2.500 
Tonnen. Die vierte — bei Auschwitz — wurde 1941 in Gang gebracht 
und war fiir eine Kapazitat von 3.000 Tonnen im Monat vorgesehen. 

Wahrend des Baues aller dieser Werke ging die Forschung nach 
neuen Verfahren unverdrossen weiter, was aus der Verschiedenartig- 
keit der Herstellungsmethoden, die in den vier Werken verwendet 
wurden, klar ersichtlich ist. Der Grundstoff bei alien Verfahren war 
Kohle, aber in Zschopau wurde Butadien auf dem Weg iiber das 
klassische Kalzium-Karbid-Azetylen mit Butadien als Endprodukt 
hergestellt. In Hiils wurde die Karbidstufe durch ein potenzierendes 
Kohlewasserstoffgas ersetzt. Ludwigshafen nahm die schon klassisch 
gewordene Folge wieder auf, jedoch wurde fiir die Azetylen- 
Butadien-Stufe der iiberlegene Reppe-ProzeB eingefiihrt. Das 
Buna-Werk in Auschwitz arbeitete nach dem Modell der klassischen 
Folge. 40 

Wenn in diesem Zusammenhang der Name Auschwitz auftaucht, 
so liegt das ganz einfach daran, daB Auschwitz ein groBes 
Industrieunternehmen war. 

Als Deutschland 1939 einen groBen Teil Polens nach der Teilung 
zwischen Deutschland und der Sowjetunion annektiert hatte, kam 
es in den Besitz der groBen Kohlenfelder in dem polnischen 
Oberschlesien. Es war natiirlich, diese auszubeuten. So wurden die 



55 



Moglichkeiten fur den Bau eines Buna-Werkes untersucht. Man fand, 
daB hierfiir die kleine Stadt Auschwitz (polnisch = „Oswiecim") mit 
ihren 13.000 Einwohnern geradezu ideale Voraussetzungen bot, 
weil die dort zusammenflieBenden drei Fliisse die erforderlichen 
Wassermengen liefern konnten, und gleichzeitig ein nahegelegener 
vierter FluB die Abwasser fortschwemmen wiirde. (Auschwitz war 
vor dem Ersten Weltkrieg im Habsburger Reich ein Herzogtum 
gewesen). Zudem lag Auschwitz auch noch an der Siidgrenze der 
schlesischen Kohlenfelder, der Kattowitzer Bergwerksregion 
Polens. 41 

Anfang 1941 hatte man sich fur den Bau eines Hydrier- und eines 
Buna-Werkes in Auschwitz entschieden. Hier sollten dann sowohl 
freie Arbeitskrafte, aber auch Zwangsarbeiter beschaftigt werden. 
Rein zufallig war in der Nahe der Stadt schon ein Gefangenenlager 
fur Partisanen, das rund 7.000 Insassen zahlte (dieses war ein 
ehemaliges Barackenlager der polnischen Artillerie gewesen). Bei der 
weiteren Ausdehnung bildete dieses Lager den Kern der ganzen 
Anlage, auch nach dem Ausbau weiterer Lager. Es wurde schnell fur 
politische Gefangenenarbeiter umgewandelt und blieb solches bis 
zuletzt. Gewohnlich wird es als „Auschwitz I" bezeichnet. Der 
Terminus „Hauptlager" oder „Stammlager" wird gelegentlich auch 
verwendet. 42 

Irgendwann im Jahre 1941 wurde dann der Bau eines zweiten 
Lagers — „Auschwitz II" — begonnen, gewohnlich bezeichnet als 
„Birkenau". Es lag zwei bis zweieinhalb Kilometer nordwestlich von 
Auschwitz I und war anfangs als Kriegsgefangenenlager gedacht. 
Gegen Ende April 1942 war ein Teil davon fertiggestellt. Zum Bau 
des Lagers hatte man russische Kriegsgefangene verwendet. Seine 
Aufgaben werden spater noch ausfuhrlich behandelt. 

Etwas mehr als 4.000 Juden wurden aus der Stadt in eine andere 
Stadt gebracht, um Platz fur freie Arbeitskrafte zu schaffen, die in der 
dortigen Industrie beschaftigt werden sollten. Am 16. November 
1941 wurde der Bau eines dritten Lagers beschlossen : es wurde 
normalerweise „Monowitz" genannt. Es lag funf Kilometer ostlich 
der Stadt und in der Nahe der IG-Farben-Werke, um Arbeiter am und 
im Werk beschaftigen zu konnen. Wiederum wurden russische 
Kriegsgefangene fur den Bau eingesetzt. 43 Einen diesbezuglichen 
Lageplan finden Sie auf Abb. 1 S. 9.^ 

In den AuBenbezirken gab es noch viele kleinere Lager, die 
meisten von ihnen in einem Umkreis von 40 Kilometer. Diese 
„AuBenlager", von denen „Raisko" und „Harmense" zwei relativ 
nahegelegene Beispiele waren, unterstanden alle der Auschwitzer 
Lagerverwaltung. Ihre Zahl wird unterschiedlich mit 13 bis 39 
angegeben, je nachdem, was man als selbstandiges Lager ansah. Die 
kleineren, auswarts gelegenen Lager waren hauptsachlich fur die 
Arbeiter gedacht, die an den funf Hochofen und in den funf 
Kohlebergwerken schaffen sollten. Monowitz und samtliche 
AuBenlager werden gelegentlich auch als „Auschwitz III" 
bezeichnet. „Auschwitz" gait gemeinhin als Sammelname fur alle 
Lager wie „Auschwitz I", „Birkenau" (Auschwitz II) und 
„Auschwitz III" und umfaBt auch die Werke, die die Haftlinge 
beschaftigten. 45 

Die Belegung von Auschwitz III mit Gefangenen war gegeniiber 
den anderen nicht ungewohnlich, mit der Ausnahme, daB es dort 



56 



eine betrachtliche Anzahl britischer Kriegsgefangener gab. 46 Das 
NMT-Urteil lautete dahingehend, daB die Beschaftigung britischer 
Kriegsgefangener dort nicht gegen die Genfer Konvention verstoBen 
habe, da die Buna-Herstellung letztlich friedlichen Zwecke diene. 47 
Offensichtlich war das Rote Kreuz derselben Auffassung, denn 
obwohl es sich der besonderen Situation bewuBt war, erwahnt es die 
Beschaftigung britischer Kriegsgefangener nicht in seinem spateren 
Bericht iiber die Probleme, die ihr wahrend des Krieges im Hinblick 
auf die Verwendung von Kriegsgefangenen als Arbeitskrafte fiir 
kriegsbezogene Produktion begegnet sind. 48 

Die typische Lagerstarke von Auschwitz I war 20.000, von 
Birkenau 35.000 (darunter 30 — 60% Frauen) und von Auschwitz III 
= 15.000. Durch seine weite Ausdehnung war Auschwitz bei weitem 
die groBte Ansammlung von Konzentrationslagern im deutschen 
System. Das zweitgroBte war Sachsenhausen bei einer Aufnahme- 
fahigkeit von 26. 500. 49 Daneben gab es viele freie Arbeiter, die in 
dem erweiterten Gebiet wohnten. Um ein Beispiel anzufuhren : Bei 
den IG-Farben arbeiteten weniger als 30% Gefangene, mehr als die 
Halfte bestand aus Fremdarbeitern, die sich freiwillig verpflichtet 
hatten, und die ubrigen etwa 20% waren deutsche Krafte. 50 

Auschwitz I war die Verwaltungsstelle fiir samtliche SS-Aufgaben 
in Auschwitz. Diese waren : Bewachung, Verpflegung, Kleidung, 
Unterkunft, Freizeitgestaltung, Aufrechterhaltung der Disziplin 
unter den Gefangenen, aber auch die arztliche Versorgung. In 
Auschwitz betrug die Arbeitszeit gemaB dem Standard der ubrigen 
deutschen Konzentrationslager 11 Stunden taglich an 6 Tagen in der 
Woche mit Sonderarbeit am Sonntagmorgen im Notfall. 51 Bei der 
starken Belegung von Auschwitz gab es eine geniigende Auswahl an 
Fahigkeiten, um verschiedene Aktivitaten zu entwickeln, die der 
Erholung dienten : Theatervorstellungen, Konzerte, Kabarett, Kino 
und Athletikwettkampfe. Auch ein Bordell gab es fiir die 
mannlichen Insassen, ausgestattet mit professionellen Prosti- 
tuierten. 52 Auf die arztliche Betreuung komme ich spater zu 
sprechen. 

Die Versorgung mit so weitgefacherten Dienstleistungen 
erforderte natiirlich erhebliche Geldmittel, die die Arbeitskrafte 
beschaftigenden Firmen der SS durch entsprechende Zahlungen 
liefern muBten. Der iibliche Satz je Arbeitskraft und Tag scheint 4 — 6 
RM und hoher gewesen zu sein. 53 So wurden die Haftlinge nach den 
Grundsatzen von Himmlers biirokratischen und okonomischen 
Richtlinien behandelt, und demgemaB wurde diese Quelle 
zusammen mit den dazugehorigen MaBnahmen wie Verpflegung, 
Bekleidung usw. eifersiichtig bewacht. Die IG-Farben waren trotz 
allem groB genug, um fiir ihre Monowitz-Belegschaft eine 
Sonderstellung herauszuholen : Den IG-Farben war die Betreuung 
der Gefangenen voll zugestanden und dementsprechend war die 
Zahlung an die SS herabgesetzt. Das fiihrte zu vorauszusehenden 
MiBhelligkeiten zwischen der SS und den IG-Farben. Die SS 
beschwerte sich dariiber, daB die Gefangenen geschlagen oder 
anderweitig miBhandelt wurden, auBerdem iiber unhygienische 
Zustande im Monowitzer Hospital. Daraufhin wurde 1/5 der im 
dortigen Hospital erfaBten Leute entlassen und nach Birkenau 
iiberstellt. Als Antwort zahlten die IG-Farben nicht mehr die 



57 



bisherigen Geldzuwendungen an die SS fur Betreuung usw. Fiir diese 
Personen iibernahm die SS wieder die Verantwortung. Die SS fiihlte 
sich schon verletzt, weil man ihr nicht, wie sonst iiblich, die 
Beurteilung der Arbeitsfahigkeit von Haftlingen eingeraumt hatte. 
Als sie dann auch noch nur die Arbeitsunfahigen von Monowitz 
zuriickbekam, wurde der Unmut weiter angeheizt. Die SS verlangte 
deshalb die Erweiterung des Monowitzer Hospitals, das nur 300 
Betten hatte. Aber die Antwort darauf war naturlich, daB „Leute, 
die nicht kraftig genug fiir die Arbeit waren, eben auch nicht aufs 
Fabrikgelande gehorten". 54 

Birkenau war genau wie Auschwitz I fiir die Versorgung der 
IG-Farben und ihre Subunternehmen mit Arbeitskraften verant- 
wortlich. Auch fiir andere Betriebe hatte es zu sorgen, wie z. B. fiir die 
Krupp-Ziinderwerke und das Siemens-Elektrowerk. AuBerdem 
arbeiteten seine Insassen an der Wiederherstellung zerstorter 
Gebaude, bei der Drainage versumpfter Gebiete, im StraBenbau usw. 
Ferner stellte Birkenau Personal fiir die Kultivierung besonderer 
Pflanzenziichtung (Raisko) und fiir die Errichtung und Bewirt- 
schaftung eines landwirtschaftlichen Musterbetriebes, fiir Kleidungs- 
fabrikation usw. 55 Birkenau hatte noch weitere Aufgaben, wie wir 
spater sehen werden. Die Behauptung, daB in Birkenau ein 
Programm der Massenvernichtung von Juden in Gaskammern 
durchgefuhrt worden sei, bedarf einer gesonderten Untersuchung. 
Ebenso die Behauptung, daB die Juden zu diesem Zweck nach 
Auschwitz verbracht worden waren. 56 

Die oben angefuhrten groben Zahlen fiir die Auffiillung der Lager 
sollen nur der Veranschaulichung dienen. In Wirklichkeit war die 
Belegung von Birkenau recht unterschiedlich, und auBerdem war der 
Ausbau von Birkenau nie vollendet worden. Birkenau schien fiir ein 
Fassungsvermogen von 200.000 Menschen geplant gewesen zu sein, 
wahrend Auschwitz I 30.000 Personen aufgenommen hat, eine 
Anzahl, die dann beibehalten wurde. 57 

Seinem Alter nach und bei Beriicksichtigung, daB Auschwitz der 
Sitz der SS-Hauptverwaltung war, blieb Auschwitz I tatsachlich das 
Hauptlager. Birkenau hingegen, zugeschnitten auf die besonderen 
Bediirfnisse der Auschwitzer Industrieunternehmen, war eindeutig 
als das „wichtigste Lager" gedacht, wenn man von den Arbeitsauf- 
gaben der Insassen ausgeht. 

Wahrend das Auschwitz-Kattowitz-Gebiet vom technischen 
Standpunkt aus ideal war, so war es vom menschlichen Aspekt her 
erbarmlich. Der Grund und Boden war auBerordentlich flach und 
machte es an vielen Stellen unmoglich, das Wasser abzuleiten. Die 
ganze Ebene war von Tiimpeln mit stagnierendem Wasser iibersat, 
was die Luft vergiftete und die Ursache dafiir war, daB das Gebiet 
standig verschlammt war. Malaria und Typhus waren an der 
Tagesordnung; in dieser Gegend war nicht der Krieg an sich schuld an 
den aufkommenden Gefahren. Die durch den Krieg bedingten 
Umstande erschwerten allenfalls die Verhaltnisse. Es wird 
behauptet, daB „die Kraftfahrzeuge, die Gefangene oder ihre 
Kleidung befordert hatten, nach jeder Fahrt desinfiziert werden 
muBten". 58 

Nach 1942 erzeugte Auschwitz 01 und Benzin in seinem 
Hydrierwerk, dazu auch andere Chemikalien, aber bis zu der Zeit, als 
es im Januar 1945 evakuiert wurde, hatte es noch keinerlei Buna 



58 



produziert; es war nur erst in der Lage, Azetaldehyd aus Azetylen 
herzustellen. 69 Dieses verhaltnismaBig nur langsame Fortschreiten 
der Arbeit lag ohne Zweifel an dem anfangs so jungfraulichen 
Gebiet, dem Einsatz von Zwangsarbeitern und dem schlechten 
Gesundheitszustand vieler Gefangener. Hinzu kommen noch weitere 
natiirliche Gegebenheiten, die spater gesondert behandelt werden 
sollen. 

Ich weiB nicht, ob das Auschwitzer Buna-Werk im wesentlichen 
ein gleiches Werk wie in Ludwigshafen sein sollte, eine verbesserte 
Ausgabe des letzteren oder aber eine vollkommen neue Entwicklung 
fur die Buna-Herstellung. Auf jeden Fall aber hatte es in der Welt 
kein so hoch entwickeltes Buna-Werk gegeben, wenn es zu der Zeit 
fertig gewesen ware. 



59 



/ X. 




Abb. 5 : 



Europa nach dem Zweiten Weltkrieg 



60 



Ill Washington und New York 

Oberflachlich betrachtet war die Lage der Alliierten im Jahre 1942 
verzweifelt. Nach dem Winter 1941/1942 setzten die deutschen 
Armeen ihren Vormarsch durch RuBland weiter fort. Die 
Vernichtung des groBten Teiles der amerikanischen Pazifikflotte in 
Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 hatte in Wirklichkeit den Pazifik 
zu einem japanischen Meer gemacht. Die Vereinigten Staaten 
standen plotzlich einem Problem gegeniiber, das fur dieses Land 
fremdartig war : Mangel an wichtigen Rohstoffen — ohne die jede 
Kriegsanstrengung unmoglich schien. Japan kontrollierte Malaya 
und Ostindien, die die Lieferanten von 90% des amerikanischen 
Gummibedarfes waren. Die Lieferanten der anderen 10% — Zentral- 
und Sud-Amerika — waren hoffnungslos unzureichend. 1 

Die Art und Weise, wie sich die USA selbst aus dieser miBlichen 
Lage befreiten, wird dereinst als die groBe Ironie des Schicksals in die 
Geschichte eingehen. Man hatte alien Grund zu der Annahme 
gehabt, daB Amerika dieses Problem nie losen wiirde, denn dort 
hatte kein Mensch in Begriffen wie „Autarkie" gedacht. 

Die Standard Oil in New Jersey kannte die wichtigsten Daten fur 
die Herstellung von Buna bei den IGJj'arben. Dies war auf eine Reihe 
von Abkommen zwischen diesen beiden Gesellschaften zuriick- 
zufuhren, deren Beziehungen bis auf das Jahr 1927 zuruckgingen. 
Dabei handelte es sich um technische Zusammenarbeit und 
gegenseitige Lizenzgewahrung. Standard Oil war stark an der 
Herstellung von Buna-Gummi interessiert, da derselbe auch mit Ol 
als Ausgangsprodukt — und damit noch leichter — produziert 
werden konnte. Mit dem Einverstandnis der deutschen Regierung 
wurde die Zusammenarbeit beibehalten, unmittelbar bis zum 
Kriegsausbruch und bis zu einem gewissen Grade sogar dariiber 
hinaus. Fur die Vereinigten Staaten waren diese Abmachungen von 
gewaltigem Nutzen, die Deutschen jedoch hatten davon keinerlei 
Vorteil. 2 

Der Kriegsausbruch 1939 zwischen Deutschland einerseits und 
England und Frankreich andererseits brachten die Abmachungen 
zwischen Standard Oil und IGJj'arben ziemlich durcheinander, was 
hier aber nicht weiter untersucht werden muB. Die IGJj'arben hatten 
nun gern wieder Ordnung in diese Angelegenheit gebracht, und so 
wurde ein Treffen in Den Haag zum 22. September 1939 vereinbart, 
wo dann gewisse rechtskraftige Abmachungen getroffen wurden. 
Der Standard Oil Beauftragte Frank A. Howard war dariiber ganz 
verdattert. 3 

„lch konnte jedoch die Uberzeugung nicht los werden, daB die Deutschen die 
einzigen waren, die vom militarischen Standpunkt aus betrachtet, Nutzen 



61 



daraus Ziehen konnten, wenn sie namlich die Beziehungen zwischen Standard 
Oil und IG-Farben so beibehalten, wie sie bei Kriegsbeginn waren." 

Die in Den Haag geschlossenen Vereinbarungen erwiesen sich 
alsbald als unzureichend. Daher beschloB man im Friihjahr 1940 eine 
erneute Besprechung. Howard hatte noch eine besondere Begriin- 
dung fur ein solches zusatzliches Treffen : 

wir hatten dabei auch die Absicht, sie urn Einzelheiten ihrer Plane in 

bezug auf die Werksausrustung und Techniken bei der Buna-Herstellung zu 
bitten. Wir hofften, daB die IG-Farben von ihrer Regierung die Erlaubnis 
bekommen wurden, uns die Plane fur die Werke zur Buna-Polymerisation zu 
verkaufen. Sie hatten solche namlich im Rahmen des Regierungsprogramms 
in Deutschland errichtet." 

Diese Hoffhungen zerschlugen sich aber auf der Konferenz 
zwischen IG-Farben und Standard Oil, die schlieBlich Mitte April 
1940 in Basel in der Schweiz stattfand. Zur gleichen Zeit besetzten 
die Deutschen Norwegen, was das Ende des „Sitzkrieges" 
signalisierte. Die neuen politischen Bedingungen schufen bei den 
Deutschen die Erkenntnis, daB die politische Lage sehr ernst war, 
was auf der Konferenz den endgiiltigen Abbruch der Beziehungen 
zwischen den IG-Farben und Standard Oil verursachte. Naturlich 
trug sich Standard Oil auch weiterhin mit dem Gedanken, solche 
Werksplane zu kaufen. Howard erklarte hierzu jedoch : 

„Etwas anderes war fur uns noch auBerst wichtig. Wenn irgend moglich 
wollten wir erfahren, ob die Deutschen seit Ausbruch des Krieges in Europa 
nicht doch irgendwelche grundsatzliche Anderungen in ihren Buna-Werken an 
der Technik oder an den chemischen Formeln vorgenommen hatten. Direkte 
Fragen waren naturlich nicht moglich, da die Manner von IG-Farben ja nicht 
mit uns uber den Stand der deutschen Kriegsanstrengungen diskutieren 
konnten. Aber wahrend der Festsetzung der Patentubertragung und der 
Diskussionen uber die Lizenzbestimmungen, die wegen der Durchfuhrung der 
Haager Abkommen notwendig waren, bekamen wir genugend Daten, urn uns 
sicher zu fuhlen, daB sich bei der Herstellung von Buna nichts Wesentliches 
geandert hatte. Diese SchluBfolgerung wurde spater in vollem Umfang 
bestatigt." 

Dies war „die letzte direkte Fuhlungnahme, die Standard Oil mit 
den Deutschen uber Buna-Gummi hatte". 4 

Samtliche amerikanischen Kenntnisse uber die Vorgange bei der 
Buna-Gewinnung, die die us-amerikanischen Kriegsanstrengungen 
uberhaupt erst ermoglicht haben, stammen aus diesen Beziehungen 
zu den IG-Farben. Dies ist ein anerkannter Sachverhalt bei der 
Gummi-Industrie. 5 Trotzdem wurde spaterhin Standard Oil 
ziemlich bissig kritisiert. Man versuchte sogar, sie gerichtlich zu 
belangen. 6 

DaB man 1942 plotzlich keine Bezugsquellen mehr fur Gummi 
hatte, loste in den USA eine groBere politische Krise aus. Ein 
Buna-Programm gab es schon seit Mitte 1940, als man die 
„Vereinigung zur Schaffung einer Gummi-Reserve" innerhalb der 
„Gesellschaft fur Finanzreform" gebildet hatte. Das Unternehmen 



02 



wurde von Jesse H. Jones gefiihrt. Es iiberwachte die Einlagerung von 
Rohgummi und zeichnete auch fur den Bau von Buna-Werken 
verantwortlich, mit denen man 1941 begonnen hatte. Aber bei den 
Behorden hatte niemand den vollkommenen Verlust von Fernost- 
Gummi in Rechnung gestellt. Daher hielt sich das Programm fiir 
synthetischen Gummi in engen Grenzen. Die Folge war, daB es im 
Jahr 1942 keinerlei praktische Erfahrung gab, wie man die 
IGJj'arben Produktion im groBen Rahmen anwenden konnte. 

Die Not begann unmittelbar nach dem Angriff auf Pearl Harbor. 
Deshalb verbot die us-amerikanische Regierung auch drei Tage spater 
den Verkauf von Autoreifen an die Zivilbevolkerung. Die allgemeine 
Rationierung fur Gummi folgte dann auf dem FuBe. Anfang 1942 
wurde es klar, wenn es irgend welcher amerikanischer Kriegsan- 
strengungen bedurfte, daB alsdann in Rekordzeit eine gigantische 
Industrie zur Herstellung von synthetischem Gummi aufgebaut 
werden muBte. Die offensichtlich bedruckenden Aussichten, dies 
auch wirklich zu schaffen, verursachten panikartige Zustande, und 
naturlich suchte man nach Sundenbocken. Jesse Jones wurde zur 
beliebten Zielscheibe. Seine Behauptung, daB 1943 = 300.000 
Tonnen synthetischer Gummi produziert wtirden und 1944 dann 
600.000 Tonnen, wurde verlacht (der Gummi-Verbrauch in den 
USA betrug 1940 = 648.500 Tonnen). Die Standard Oil geriet nun 
auch noch in den nicht berechtigten Verdacht, daB es sich bei den 
Abmachungen zwischen den IGJj'arben und Standard Oil um eine 
Verschworung gehandelt habe, um in den USA die Entwicklung zur 
Herstellung von synthetischem Gummi zu verzogern. Harry S. 
Truman, Vorsitzender eines Senatsausschusses, der die Probleme der 
Kriegsproduktion zu untersuchen hatte, wurde erstmals weithin 
offentlich bekannt in Verbindung mit der Gummikrise von 1942. 

Die Krise brachte auch innenpolitische Konflikte mit sich. Die 
groBen Ol-Gesellschaften hatten lange Zeit die Fuhrung bei der 
BunaJ?roduktion, doch im KongreB iiberwog der Landwirtschafts- 
block. Nun ja, Buna kann nicht nur aus Kohle und Ol hergestellt 
werden, man kann als Grundstoff auch Alkohol verwenden, also ein 
landwirtschaftliches Produkt. In weiser Voraussicht auf das 
Entstehen einer neuen groBeren Industrie starteten die land- 
wirtschaftlichen Interessenten einen Feldzug, in dem sie sich dafur 
einsetzten, die BunaJTerstellung auf Alkoholbasis zu bewerk- 
stelligen (die aufwendigste Methode). Dabei fuhrten sie an, daB die 
Russen, die sich auch schon lange mit der Fabrikation von 
synthetischem Gummi beschaftigten, vom Alkohol ausgegangen 
waren. Auch prasentierten sie einen polnischen Fluchtling, von dem 
sie behaupteten, er habe etliche revolutionare Erfindungen im 
Zusammenhang mit der BunaJTerstellung auf Alkoholbasis 
gemacht. 

Es gab aber auch noch einen anderen politischen Block, der 
sud-amerikanische Interessen vertrat und vorschlug, die Gummi- 
Pflanzungen zu unterstiitzen. Und dann war da noch ein kleinerer 
Landwirtschaftsblock, der auf eine starke Erweiterung der 
GuayuleJ?lantagen im Siidwesten drangte. Das Ergebnis dieser 
innenpolitischen Kampfe schuf ein massives Durcheinander und eine 
Verzogerung des vorgelegten Buna-Programms. 

Die Gummikrise fiillte im Jahr 1942 die Spalten der Presse und war 
in der Tat die Hauptkrise, die die USA im Zusammenhang mit dem 



63 



Krieg erlebt hat. Unentwegt wurde lamentiert, daB Deutschland den 
Amerikanern weit voraus sei und daB es den USA an der 
lebenswichtigen Erfahmng mit den Vorgangen fehle, wie sie die 
Deutschen eben besaBen. Die in Deutschland angewendeten 
Verfahren wurden angefiihrt und mit den Aussichten fur das 
amerikanische Programm verglichen. 7 

Der Kampf des Farmer-Blocks gegen die — wie sie sie nannten — 
„6ligen Interessen" errang im Juli 1942 vorubergehend einen 
groBeren Erfolg, als der KongreB die sonderbare „Gummi- 
Versorgungsakte 1942" verabschiedet hatte. Der Gesetzesakt hatte 
zunachst eine Behorde fiir die Gummi-Produktion unter 
Oberaufsicht des Kongresses und auBerhalb der Domane des Biiros 
der Kriegsproduktion, aber auch der Armee, der Flotte oder 
irgendeiner anderen der Regierung unterstehenden Verwaltung 
geschaffen. Naturlich wurde darin der Getreidealkohol als Ausgangs- 
basis festgelegt. Am 6. August legte Prasident Roosevelt sein Veto 
gegen diese Gesetzesvorlage ein und kundigte die Ernennung eines 
Komitees an, das das Gummi-Problem studieren und Vorschlage 
machen sollte, wie man das us-amerikanische Programm zur 
Herstellung von synthetischem Gummi verwirklichen konnte : 
„wahrscheinlich die am meisten mit Beifall bedachte Aktion an der 
Heimatfront in der Geschichte des Kriegsprogramms". Dem 
Komitee gehorten als Mitglieder an : Dr. James D. Conant, — 
Harvard-Prasident; Dr. Karl T. Comton, — Prasident des M.I.T. 
(Massachusetts Institute of Technology); der Bankier und Politiker 
Bernard Baruch, der als Vorsitzender fungierte. Meistens wurde es 
„Baruch-Komitee" genannt. 8 

Diese drei Manner wurden zum Teil deshalb gewahlt, weil man sie 
in diesem Konflikt als nicht vorbelastet ansah und weil man glaubte, 
daB sie keine Sonderinteressen vertreten wurden, — dann aber auch 
wegen ihrer Sachkenntnis. Die Ernennung Baruchs zum 
Vorsitzenden einer so technisch orientierten Gruppe mag auf den 
ersten Blick sonderbar erscheinen, doch dies ist nicht der Fall. 
Abgesehen davon, daB er ein Mann mit verschiedenen Talenten und 
ein wichtiger Finanzmann mit industriellen und politischen 
Beziehungen war, hatte er doch schon im Ersten Weltkrieg den 
Vorsitz im AusschuB fiir die Kriegsindustrie innegehabt. Ja, mehr 
noch : seit mehr als 30 Jahren war er an Industrieunternehmen 
interessiert, die sich mit Gummi-Verarbeitung beschaftigten, und er 
hatte schon im Fruhjahr 1941 von sich aus fiir den Fall eines Krieges 
amerikanische Gummi-Vorrate angelegt. Die Folge davon war, daB 
er mit verschiedenen Leuten in Streit geriet, hauptsachlich mit Jesse 
H. Jones. Zudem setzte Baruch — anders als der durchschnittlich 
begabte Vorsitzende des Washingtoner Zweckkomitees — seine 
ganze Kraft fiir die Arbeit seiner Behorde ein. Auf Anweisung des 
Komitees wurde sein Assistent Sam Lubell hinzugezogen. Selbst 
nach Abgabe des SchluBberichtes hielt das Interesse Baruchs an; 
denn Howard berichtet, daB Baruch spater noch den Wunsch 
ausgesprochen habe, mit den Leuten von Standard Oil Riicksprache 
zu nehmen, und so wurde denn auch eine Tagung abgehalten, auf der 
die technischen und wirtschaftlichen Probleme erortert wurden. 9 

Die Arbeit des BaruchJ^omitees wurde mit beachtenswerter Eile 
abgeschlossen, und der SchluBbericht wurde am 10. September 
1942 abgegeben; die beste Erklarung fiir diese Schnelligkeit liegt 



64 



offensichtlich in Baruchs friiherer selbstandiger Einarbeitung in 
diese Materie. 

Wir miissen versuchen, das Problem so zu sehen, wie es das 
Komitee 1942 hatte sehen miissen. In erster Linie war es ein 
politisches Problem insofern, als man die gegenseitigen Interessen 
miteinander ausgleichen muBte, die bei dem synthetischen Gummi 
mit dem geschaftlichen Teil zusammenhingen. Deshalb wurde im 
SchluBbericht des Komitees empfohlen, jahrlich die Voraussetzung 
zur Produktion von zusatzlich 100.000.000 Gallonen (1 ameri- 
kanische Gallone = 3,78 Liter) Getreidealkohol zu ermoglichen. 
Ein zweites Problem in Amerika war das Fehlen praktischer 
Erfahrungen mit den Vorgangen bei der Produktion von Buna. 
Technische Einzelheiten standen zwar zur Verfugung, aber trotzdem 
tauchten viele Fragen iiber Details und Alternativmoglichkeiten der 
Produktionsprozesse auf. Um nun das amerikanische Programm fur 
den synthetischen Gummi zu beschleunigen, erkannte das Komitee 
die Notwendigkeit, soviel wie moglich aus den Erfahrungen anderer 
zu lernen. Somit wurde eine besondere Empfehlung dahingehend 
ausgearbeitet, alle Anstrengungen sofort darauf zu richten, die 
Erfahrungen der Russen bei der Herstellung von synthetischem 
Gummi zu erkunden, um diese dann bei der amerikanischen 
Produktion zur Anwendung zu bringen (Jesse Jones wurde damit 
beauftragt, hieriiber Naheres zu sondieren). Der Versuch wurde 
unternommen, doch brachte er keine nennenswerten Ergebnisse. 10 

Bei dieser Sachlage muB man annehmen, daB irgendjemand in 
US-Amerika sich hatte bemuhen miissen, hinter die Entwicklung in 
Deutschland zu kommen, soweit das eben in der damaligen Zeit 
moglich war. Und die neue deutsche Entwicklung in der Gummi- 
Produktion des Jahres 1942 vollzog sich in Auschwitz, dem Platz mit 
der am weitesten fortgeschrittenen Forschung in der Herstellung 
von Buna. 

Bei Behandlung der us-amerikanischen Gummikrise von 1942 ist 
der springende Punkt der, daB der amerikanische Geheimdienst 
gewuBt haben muB, was sich 1942 in Auschwitz abgespielt hat. Es 
ware naturlich wunderschon, wenn wir genau wiiBten, was der US- 
Geheimdienst iiber die Vorgange in und um Deutschland herum 
wahrend des Krieges herausgefunden hatte. Bekanntlich sind 
Geheimdienste bei der Preisgabe solcher Informationen sehr 
zuriickhaltend, sogar noch viele Jahre nach den zur Debatte 
stehenden Ereignissen. Von den Geheimdienst-Unternehmungen 
wahrend des Zweiten Weltkrieges kennen wir zwar einige Episoden, 
aber im ganzen gesehen wurde der Inhalt der alliierten Geheimerkun- 
dungen nicht preisgegeben. Und was Auschwitz anbetrifft, so wird 
es wohl noch sehr, sehr lange dauern, bis wir etwas iiber die 
damaligen Erkenntnisse des Geheimdienstes erfahren, wenn 
derartiges iiberhaupt jemals veroffentlicht werden sollte. 

Aus diesem Grund ist man bei dem Versuch, in Erfahrung zu 
bringen, wie weit das Wissen der alliierten Geheimdienste damals 
reichte, fast ausschlieBlich auf seinen gesunden Menschenverstand 
angewiesen. Die Schwierigkeit besteht nun darin, daB mein gesunder 
Menschenverstand von dem anderer Menschen sehr verschieden sein 
mag. Solche Auffassungsgegensatze durch Diskussionen in Uberein- 
stimmung zu bringen, diirfte daher sehr schwierig sein. Nun, mein 



65 



gesunder Menschenverstand sagt mir, daB die alliierten Geheim- 
dienste, ganz abgesehen von der Gummifrage, seit Mitte 1942 
gewuBt haben miissen, was sich im groBten deutschen Konzen- 
trationslager getan hat. Wenn zudem, wie jede Schilderung der 
Ausrottungslegende versichert, sich im Sommer 1942 so etwas 
Verbrecherisches wie eine geplante systematische Ausrottung von 
Juden in Auschwitz zugetragen hatte, dann — so sagt mir mein 
gesunder Menschenverstand — ist es auch absolut sicher, daB der 
US-Geheimdienst davon gewuBt haben muBte. 

Wenn der gesunde Menschenverstand anderer Leute nicht zu 
diesem gleichen SchluB kommt, dann ist es mehr als zweifelhaft, ob 
eine solche unterschiedliche Beurteilung durch eine Diskussion 
bereinigt werden konnte. Bei Auschwitz haben wir jedenfalls die 
Tatsache vor uns, daB es nicht nur als groBes Konzentrationslager 
(auch dann, wenn die Ausrottungslegende wahr und es ein 
Vernichtungslager gewesen ware) von besonderem Interesse war, 
sondern auch als Sitz der am weitesten fortgeschrittenen Produk- 
tionsstatte fur synthetischen Gummi. Im Jahre 1942 gab es im 
Deutschen Reich keine Stelle von groBerer Wichtigkeit und kein 
Industrieunternehmen von groBerer strategischer Bedeutung. Wenn 
also jemand die Behauptung aufstellt, daB der US-Geheimdienst und 
ebenso die ihm verbundenen alliierten Dienste nicht gewuBt haben, 
was in Auschwitz im Sommer 1942 geschah, so tut es mir leid, 
erklaren zu miissen, daB diese Geheimdienste total unwissend und 
unfahig gewesen sein miissen. 

Auschwitz war fur die USA im Sommer 1942 von allergroBtem 
Interesse auf Grund seiner enormen technischen Bedeutung. 
Howards groBes Interesse im Jahre 1940 an jeglicher Information 
iiber mogliche neue Entwicklungen, die direkt erlangt oder indirekt 
abgeleitet werden konnten, wurde bereits aufgezeigt. Im Jahre 1942 
muBten sich Amerikaner mehr denn je veranlaBt gesehen haben, sich 
solche Spezialinformationen zu beschaffen. Es ist sicher, daB der 
Geheimdienst die grundlegenden Fakten iiber die Industrie in 
Auschwitz herausgefunden hatte : eine Anlage fur Hydrierung und 
andere chemische Prozesse mit dem Ziel der Benzin- und 
Gummigewinnung. Es wurde bereits festgestellt, daB jede der 
deutschen Buna-Gummi-Produktionsstatten mit Verarbeitungs- 
methoden operierte, die sich in wichtigen Details von anderen 
unterschieden, und daB die Produktionsmethoden von Auschwitz 
auf den Spitzenergebnissen aufbauten, die man aus den Erfahrungen 
der verschiedenen anderen Herstellungsverfahren gewonnen hatte. 
Wir sind daher berechtigt zu vermuten, daB der Geheimdienst unter 
Beriicksichtigung der besonderen Dringlichkeit des Gummi- 
Problems und der besonderen Position von Auschwitz hinsichtlich 
dieser Dringlichkeit, sich mehr als sonst Miihe gemacht hat, um alle 
Einzelheiten iiber Auschwitz in Erfahrung zu bringen. Wahrschein- 
lich hat er sogar mittels Luftaufklarung jeden Quadratmeter auf 
fotografischen Platten festgehalten und die kompletten Infor- 
mationen verschiedenen Personen in den USA zuganglich gemacht. 
Wahrscheinlich hatte man auf diese Weise auch viele Einzelheiten 
ermittelt, die fur das Gummi-Problem von geringerer Bedeutung 
waren, wie z. B. die Beschaftigung von Haftlingen und Kriegsge- 
fangenen in Auschwitz. 



66 




Abb. 6 : Das Innere der Desinfektionskammer von Dachau. 
Fotografie des Autors, Aug. 1973 



67 



Obgleich Verschwiegenheit im Bereich der militarischen Geheim- 
dienste zur Dienstvorschrift gehort, so miissen wir dennoch 
vermuten, daB die Methoden der Nachrichtenbeschaffung iiber 
Auschwitz mehr oder weniger konventionell aufgebaut waren : 
Auswertung von Kontakten mit Wirtschaftsfiihrern der IG-Farben, 
die in neutralen Landern stationiert waren (Portugal, Spanien, 
Tiirkei, Schweden, Schweiz), Luftaufklarung (Flugzeuge, die fur 
einen solchen Zweck Verwendung fanden, hatten eine viel groBere 
Reichweite als Bomber, da sie ohne das Gewicht der Bewaffhung 
flogen), allgemeine Kenntnis der deutschen industriellen und 
wirtschaftlichen Gegebenheiten, Spione und Informanten in der 
deutschen Industrie und Regierung (u. a. Admiral Canaris) und 
Informanten gunstig situierter neutraler Organisationen (wie z. B. das 
Schweizer und Schwedische Diplomatische Korps und auch Firmen, 
die mit Deutschland in Geschaftsverbindung standen). Obgleich alle 
diese Arten zweifellos eine Rolle spielten, so blieb die Luftaufkla- 
rung wahrscheinlich mit Abstand vorrangig. Im Jahre 1942 hatte die 
Technik der Luftaufklarung bereits ein beachtlich hohes Niveau 
erreicht, so daB der Effekt, „selbst dort zu sein" auf vergroBerten 
Luftaufnahmen selbst bei Positionsbildern erzielt werden konnte, 
die unter schwerem FlakbeschuB aufgenommen worden waren. Da 
gab es auch noch andere Kanale fur den Informationsaustausch, 
deren Natur und Existenz von besonderer Bedeutung sind. 

Da wir nicht geniigend mit den technischen Problemen 
hinsichtlich Buna vertraut sind, wie sie zur damaligen Zeit 
maBgebend waren, haben wir keine Ahnung, welche Informationen 
die Amerikaner erlangt haben und was sie von den Geheimdienster- 
mittlungen ableiten konnten. Auch fehlt dafur der Sachverstand, um 
richtig beurteilen zu konnen, welche Fragen bei dem Basler Treffen 
die Standard-Oil-Leute im Sinn hatten und welche Teilantworten 
sich aus dem offiziell feierlichen Rahmen dieses Treffens ergeben 
haben. Wir konnen jedoch eine mogliche Antwort mit einem Beispiel 
anbieten, ohne damit den Anspruch zu erheben, daB sich alles um 
diesen besonderen Fall ranke. 

Wir haben gesehen, daB die erste deutsche Buna-Produktionsstatte 
bei Zschopau einen HerstellungsprozeB auf der Basis von 
Karbid-Azetylen-Butadien verwendete, wahrend die Anlage in Hiils 
auf der Basis von Hydrokarbon-Azetylen-Butadien arbeitete. Die 
neue Anlage in Ludwigshafen, die unmittelbar vor der Fertigstellung 
stand als das Baruch-Komitee zusammentrat, war auf die Herstellung 
von Azetylen durch Karbid umgestellt worden und konnte das 
Azetylen bis zur Butadien-Hohe anreichern. Da sowohl ein Karbid- 
als auch ein Hydrokarbon-ProzeB fur ein Herstellungsverfahren in 
den USA anwendbar war (was von 01 oder Getreide-Alkohol als 
Ausgangsbasis begonnen werden konnte), war es zweifellos 
wissenswert, ob Auschwitz den Karbid-ProzeB anwendete (was der 
Fall war) — dies wiirde die Preisgabe der Erfahrungen von Hiils mit 
der Hydrokarbon- Version bedeutet haben — , oder ob es die 
Produktion nach dem Hydrokarbon-Prinzip oder anderen Herstel- 
lungsverfahren betrieb. Diese Karbid-Hydrokarbon-Frage konnte 
durch die der Luftaufklarung zur Verfiigung stehenden Mittel 
wahrscheinlich beantwortet werden. 

Worin bestand fur das krisenbedrohte Amerika letztlich der Wert 
einer Detailinformation iiber die damalige deutsche Buna-Ent- 



68 



wicklung, die, wie wir meinen, im Sommer 1942 annahernd exakt in 
Erfahrung gebracht worden ist? Vielleicht war das Ermittlungser- 
gebnis unergiebig, wie das haufig bei derartigen Informationen der 
Fall ist; dies aber hieBe, daB den USA hinsichtlich der schwieriger 
Gummi-Situation im Jahre 1942 das Wesentliche entgangen sei. 

Die Betrachtung technischer Angelegenheiten hat sich hier 
durchaus als notwendig erwiesen, da es ein technischer Zusammen- 
hang war, der Auschwitz in Washington erstmals namhaft gemacht 
hat. Jedoch haben nicht diese Grundlagen unsere Aufmerksamkeit 
auf sich gezogen, sondern es war der Tatbestand, daB Auschwitz im 
Sommer 1942 fur die US-Insider geradezu exponiert war. Es bleibt 
aufzuzeigen, daB das Geschehen zu jener Zeit in Auschwitz solcher 
Art war, jenen Personen in den amerikanischen Fuhrungskreisen, die 
sich bemuhten, ihre Greuelgeschichten auf halbwahre Grundlagen zu 
stiitzen, die Behauptung von einer „Vernichtungsfabrik" nahezu- 
legen. 

Der unheimlichste Anblick, welcher Auschwitz darbot, wahrend das 
Baruch-Komitee Sitzungen hielt, war der einer Geisterfabrik; um den 1. 
August 1942 herum wurde die Buna-Anlage geschlossen. Es war 
keinerlei Aktivitat zu beobachten, mogliche Ausnahme ein 
gelegentlicher Wachmann. Dies muB ein groBes Erstaunen hervor- 
gerufen haben, und zweifellos wurden besondere Schritte un- 
ternommen, um herauszufinden, was da los war. 

Typhus grassierte in Auschwitz; eine Epidemie hatte die 
Buna-Anlage fur nicht weniger als zwei Monate geschlossen, so daB 
die Arbeit nicht vor Ende September wieder aufgenommen werden 
konnte. Zu dieser Zeit muB die Zahl der Toten einige Tausend 
erreicht haben, wenn auch hieruber groBe UngewiBheit herrscht. 
Es war deutsche Regel, die Korper der verstorbenen Haftlinge zu 
verbrennen, doch stellte die Epidemie die Auschwitz-Behorden vor 
unzureichende Krematorienverhaltnisse. Es gab dort ein kleines 
Krematorium in Auschwitz I, hingegen ausgedehnte Anlagen in 
Birkenau. Die hierfur vorgesehenen Plane datieren vom Januar 1942. 
Die Anlagen befanden sich 1942 im Bau, und die erste vollstandige 
Verbrennungseinheit, die aus 15 konventionellen Krematorien-Ofen 
bestand, war nicht vor Januar 1943 fertiggestellt. Es scheint, daB 
viele der Epidemie-Opfer unverzuglich in Gruben verbrannt worden 
sind, aber es ist ebenso moglich, daB viele vergraben worden sind, 
zumindest zeitweilig. DaB die Deutschen im Herbst 1942 
Krematorien in Birkenau bauten, war wahrscheinlich den standig im 
Einsatz befindlichen Luftaufklarern der Alliierten bekannt (so 
vermuten wir jedenfalls). Die Gebaude, in denen die Birkenau-Ofen 
installiert wurden, hatten gewisse Hallen, Raume oder Keller, von 
denen die Anklager sagen, es waren „Gaskammern" gewesen. 

Verschiedene Bucher bieten die Versionen der Abbildung 7 an, 
von der behauptet wird, eine Fotografie von Vergasungsopfern, die 
in Gruben verbrannt werden sollten, zu sein und von einem 
Auschwitz-Haftling im Jahre 1944 stammen solle. 11 Wir haben 
keine Moglichkeit, in Erfahrung zu bringen, wann, wo oder durch 
wen sie aufgenommen worden sein soil, selbst wenn einmal „David 
Szmulewski — Angehoriger der illegalen Widerstandsorganisation" — 
und ein an dermal „ David Grek" genannt werden. Udo Walendy hat 



69 



in seinem Buch „Bild ,dokumente' fur die Geschichtsschreibung?" 
unter den 52 Falschungsnachweisen gegeniiber in wissenschaftlichen 
Nachkriegsbiichern publizierten „Fotodokumenten" auch dieses 
Bild aufgefiihrt. In der VergroBerung und in Anatomievergleichen 
sowie bei Beachtung der Licht- und Schattenreflexe ist eindeutig 
erkennbar, daB es sich bei diesem Bild um fotografierte Malerei 
handelt. Ein Beweis mehr, daB „Der Schwindel des 20. Jahrhun- 
derts" auch mit einer Vielzahl von Bildfalschungen untermauert 
wurde; dies offensichtlich deshalb, weil die alliierten Weltmachte 
echtes Fotomaterial iiber Massenvernichtung aus erbeuteten 
deutschen Quellen nirgendwo erschlieBen konnten. Bild Nr. 7 ist von 
einem Druck reproduziert worden, den das von der polnischen 
kommunistischen Regierung unterhaltene Auschwitz-Museum zur 
Verfugung gestellt hatte. Dort werden einem weitere geheimnisvolle 
Sachen in geniigender Anzahl sowieso noch aufgetischt. Doch ganz 
gleich, wie immer man aus dieser Quelle stammende Unterlagen zu 
bewerten hat, solche Szenen mag es sicherlich in Auschwitz gegeben 
haben, als das Lager beim alliierten Geheimdienst ins Rampenlicht 
geraten war. 

In jedem Fall war Birkenau im wahren Sinn des Wortes ein 
„Todes-Lager". Tote, Sterbende und Kranke wurden dorthin 
geschafft, und nachdem das Krematorium errichtet war, wurden die 
Toten in diesem Gebaude aufbewahrt. Wenn jemand nun von einem 
„Vernichtungslager" spricht, obwohl das nicht stimmt, warum dann 
nicht lieber den Ausdruck „Todeslager" verwenden? 

Die Behauptungen iiber Massenvernichtungen von Juden wurzeln 
nicht bei den alliierten Geheimdiensten, sondern in den Operationen 
des Judischen Weltkongresses, dessen Fiihrer anfangs entweder 
davon nicht beruhrt waren oder aber zumindest iiber das, was in 
Auschwitz vor sich ging, nicht informiert waren. 

In diesem Zusammenhang miissen zwei womoglich irrefuhrende 
Erwartungen zuriickgewiesen werden. Die erste ist, daB die 
Propaganda der Alliierten bemuht gewesen ware, eine Auschwitz- 
Propaganda anzuheizen, zumal bekannt ge worden war, welche 
ausgezeichneten Wirkungen die Propagandamoglichkeiten zeitigten. 
Die zweite ist, daB die in der Propaganda der Alliierten beziiglich 
Auschwitz aufgestellten Behauptungen nahezu jeder realen 
Tatsachen entbehrt hatten. 

Wenn es, wie hier behauptet wird, kein deutsches Vernichtungs- 
programm gegeben hat, aber gewisse Propagandisten in den USA die 
Anerkennung einer solchen These, daB dies doch vorgelegen habe, 
fordern, so ware es ein in hochstem MaBe gravierender Fehler 
gewesen, hatten die Propagandisten zeitig Auschwitz oder 
irgendeinen anderen konkreten Platz als Vernichtungslager 
herausgestellt, denn dies wiirde den Deutschen ebenso zeitig 
ermoglicht haben, konkret zu antworten. Wenn hochgestellte 
Beamte der Vereinigten Staaten, so wie z. B. Roosevelt oder seine 
Kabinettsmitglieder spezifizierte Hinweise auf Vernichtungen 
abgegeben, Ortsnamen genannt hatten, wo diese Vernichtungen 
angeblich stattfinden wurden, wenn sie dies bekundet hatten, vor 
einem weltweiten Forum, wo ihre Feststellungen ein weltweites 
Echo entsprechend dem Rang ihrer Stellung gefunden hatten, so 
waren sowohl die Deutschen als auch die Alliierten in die Lage 
versetzt worden, der Sache auf den Grund zu gehen. Auf diese Weise 



70 



hatte es nicht lange gebraucht, um die Wahrheit herauszufinden. 
Doch ganz im Gegenteil erschien Auschwitz unter Hinweis auf ein 
Vernichtungslager — und dann noch unter auBerordentlich 
seltsamen Umstanden — unmittelbar nach dem „D-Day" (dem 6. 
Juni 1944 zu Beginn der alliierten Invasion in Nordfrankreich), als 
niemand solchen Geschichten irgendeine Aufmerksamkeit schenkte. 
Spater im Sommer 1944 verlagerte sich das Schwergewicht der 
alliierten Propaganda auf das Lager Lublin (Maidanek), welches die 
Russen gerade erobert hatten. Der erste Hinweis, der von einer 
US-Regierungsquelle ausging, die hoch genug war, um nicht ignoriert 
werden zu konnen, und der Vernichtungen in Auschwitz zum 
Inhalt hatte, erfolgte Ende November 1944, nachdem unterstellt 
werden konnte, daB die Vernichtungsaktionen abgeschlossen 
seien. 13 Auf der anderen Seite sprachen Leute wie Roosevelt und 
Churchill und ihre Minister nur in sehr allgemeinen moralisierenden 
Vokabeln iiber Vernichtungen. Dabei durfte es einmalig sein, daB — 
wenn man wirklich an die Massenvernichtung in Auschwitz glaubte 
— diese Herren nicht den Wunsch hatten, solche durch irgendwelche 
MaBnahmen zu unterbinden. 

Warum haben denn diese Herren nicht eine speziell auf Auschwitz 
ausgerichtete Anklage erhoben, auf die zu antworten die Deutschen 
dann verpflichtet gewesen waren? Eine derartige Herausforderung 
ist nie erfolgt! Ungeachtet der Tatsache, daB in alien Versionen der 
Vernichtungslegende diese Art Behauptungen bezuglich Auschwitz 
sicherlich im spaten Sommer 1942 ihren Anfang nahm, und 
ungeachtet der Tatsache, daB der militarische Geheimdienst der 
USA gewuBt haben muB, was sich auch immer in Auschwitz damals 
ereignet haben mag, — hat es bis sehr viel spater keinerlei 
Vernichtungsvorwurfe von irgendeiner hochgestellten Per- 

sonlichkeit gegeben. 

Die zweite irrefuhrende Erwartung ist, daB die amerikanische 
Propaganda bezuglich Auschwitz bar jeder Fakten gewesen sei. Wir 
haben bereits angedeutet, daB dies nicht zutrifft. Washington hatte 
ausgezeichnete und konkrete Informationen iiber Auschwitz, wie es 
uberhaupt iiber alle wichtigen Phasen der deutschen In- 
dustrietatigkeit unterrichtet war, und es wurde bereits vermerkt, daB 
die realen Fakten in Birkenau geeignet schienen, zu einer 
entstellenden Interpretation einzuladen. 

Die ersten „Insider"-Ereignisse in bezug auf die Vernichtungs- 
propaganda erfolgten im Zusammenhang mit einem Konflikt, in den 
sowohl das State Department (AuBenministerium der USA) als auch 
das Schatzministerium sowie der Judische WeltkongreB (und der 
„American Jewish Congress") — gefuhrt von Rabbi Stephen S. Wise, 
verwickelt waren. Die herausragenden Charaktere in dieser 
Geschichte sind Finanzminister Morgenthau, spater der nominelle 
Verfasser des beruchtigten „Morgenthau-Planes" zur Auspliinderung 
Deutschlands, AuBenminister Cordell Hull und Unterstaatssekretar 
Sumner Welles, die sich nur unter leichtem Zogern von der 
Propaganda mitziehen lassen wollten; dann Staatssekretar fur 
Auswartiges, J. Breckenridge Long, der sehr gegen diese Propaganda 
war. Beteiligt waren auch die Vertreter des Weltjudenkongresses in 
der Schweiz, Gerhard Riegner und Professor Paul Guggenheim, die 
Berichte angeblich europaischen Ursprungs an Wise oder andere 
Personlichkeiten in den USA ubermittelt haben vor allem an das 



71 



US-AuBenministerium, und zwar iiber den US-Botschafter in der 
Schweiz, Leland Harrison, oder den US-Konsul in Genf, Paul C. 
Squire. Die Hauptarbeit, in der die Vorgange um die Entstehung der 
Vernichtungslegende festgehalten werden, ist das Buch von Arthur 
D. Morse „While Six Million Died" (,,Wahrend sechs Millionen 
starben"), das bis zu einem gewissen Grad durch Henry L. Feingold 
„The Politics of Rescue" (Politik der Rettung) erganzt wird. 
Weiteres Material findet sich in Nachkriegsdarstellungen bei 
Morgenthau, den Historikern J. M. Blum und Anthony Kubek (sie 
interpretierten die Morgenthau-Papiere; der letztere stellte die 
US-Senatsveroffentlichung „Morgenthau-Tagebuch" zusammen), 

dem Historiker F. L. Israel (er hat die Papiere von J. Breckenridge 
Long zusammengefaBt), schlieBlich DuBois, der zunachst fuhrender 
Rechtsberater des Schatzamtes fur die Kontrolle auslandischer 
Fonds war. J. DuBois beteiligte sich im Zusammenhang mit 
Bemuhungen, den Fluchtlingen zu helfen, an diesen Vorgangen. 14 

Die erste Vernichtungsbehauptung ist anscheinend im Londoner 
Biiro des Weltjudenkongresses im Juni 1942 aufgestellt worden. Man 
formulierte die Story dergestalt, daB eine Million Juden in einem 
nicht naher bezeichneten „riesigen Schlachthaus fur Juden" getotet 
worden seien, das in Osteuropa eingerichtet worden ware. Der 
einzige Versuch, Beweise fur diese Behauptung zu erbringen, war 
eine Bemerkung, wonach die polnische Exilregierung in London 
bestatigende Nachrichten erhalten hatte. Die „New York Times" 
brachte die Behauptung in einem Bericht, auf den weiter unten 
eingegangen wird. 

Der Nachweis fur diese Meldung aus London war offensichtlich zu 
durftig, um als wirksame Propaganda dienen zu konnen. Am 8. 
August 1942 suchten Riegner und Guggenheim das US-Konsulat in 
Genf auf, das dem WeltjudenkongreB so weit entgegengekommen 
war, ihm sogar die diplomatischen Kanale zur Nachrichtenubermitt- 
lung dienstbar zu machen. Sie warteten mit einer Meldung auf, 
wonach ein anonymer deutscher Industrieller sie davon unterrichtet 
hatte, von einem BeschluB erfahren zu haben, alle nicht sowjetischen 
Juden unter deutscher Herrschaft zu toten. Es wiirden Gesprache, 
die der Industrielle mitgehort habe, im Fuhrerhauptquartier iiber die 
dabei anzuwendenden Methoden gefuhrt. Eine erorterte Methode 
ware das Vergasen mit Blausaure (Hydrogen-Cyanid-Gas) nach 
Zusammenfassung der Juden in osteuropaischen Lagern. Diese 
Geschichte fand iiber das USJ^onsulat in Genf mittels ameri- 
kanischer Diplomaten seinen Weg nach Washington, und durch 
britische Diplomatenkanale auch nach London. Der „ Industrielle" 
ist bis zum heutigen Tag anonym geblieben. 

Als das US-AuBenministerium diese Nachricht erhielt, wertete es 
sie aus und entschied, daB 

„es nicht ratsam erscheint angesichts . . . der reichlich fantasievollen Art der 
Behauptungen und der Unmoglichkeit, unsererseits Hilfe leisten zu konnen, 
wenn solche Handlungen wirklich vorgenommen wiirden, die Information, 
wie vorgeschlagen, an Dr. Wise weiterzuleiten." 

Dementsprechend wurde der Bericht unterdriickt, doch Wise 
erfuhr von seinem Inhalt sowieso. Man sagt, er habe es von London 
erfahren, es ist aber auch moglich, daB er den Bericht selbst verfaBt 



72 



hat und ihn dann iiber seine verschiedenen Verbindungen 
weitergeleitet und spater von seinem Totschweigen Kenntnis 
erhalten hat. 

Um gegen diese Behandlung des Vorganges durch das State 
Department zu protestieren, wandte sich Wise sofort an Welles, der 
die Entscheidung zum Verschweigen genehmigt hatte. Welles 
entgegnete ihm, die „ Information" sei etwas zu gehaltlos, um 
ernstgenommen zu werden, und man miisse so etwas wie eine 
Bestatigung haben, bevor man sie offentlich bekanntgeben konne. 
Welles wies sodann den US-Vertreter beim Vatikan an, den Versuch 
zu unternehmen, die Behauptungen mit Hilfe der Quellen des 
Vatikans zu uberprufen. In Washington war damals nahezu niemand 
bereit, diese Meldungen ernstzunehmen, und selbst Prasident 
Roosevelt hat dem Bundesrichter Felix Frankfurter versichert, die 
nach dem Osten deportierten Juden wiirden lediglich dafur 
eingesetzt, beim Bau von Befestigungen mitzuhelfen. 

Im September tauchten zwei anonyme Personen in Genf auf, die 
angaben, aus deutsch-beherrschten Gebieten entkommen zu sein. 
Sie meldeten die Vernichtung polnischer Juden und die Verwendung 
judischer Leichen zur Herstellung von Diinger. Dieses wurde iiber 
diplomatische Kanale nach Washington weitergegeben und es wurde 
erneut versucht, vom Vatikan eine Bestatigung zu erhalten (dieser 
hatte bis dahin die erste Bitte um Bestatigung ignoriert). Ungefahr 
um die gleiche Zeit hatte Wise eine Meldung von einem 
maBgebenden Mann des Weltjudenkongresses in Europa erhalten, 
aus der die „ Herstellung von Seife und Kunstdunger" aus judischen 
Leichen hervorging. 

Gegen Ende September 1942 kam Riegner mit zwei neuen 
Dokumenten an. Das erste sei, so sagte er, von einem (naturlich 
anonymen!) — dem deutschen Oberkommando angehorenden! — 
Offizier erstellt und habe Riegner iiber verschiedene Mittelsmanner 
erreicht. Der anonyme Offizier habe erklart, es waren mindestens 
zwei Fabriken in Betrieb, die aus judischen Leichen Seife, Leim und 
Schmierfette herstellten. AuBerdem ware festgelegt worden, daB 
jede judische Leiche 50. — Reichsmark wert sei. Das zweite 
Dokument bestand aus zwei chiffrierten Briefen, die — so hieB es — 
ein Schweizer, in Warschau lebender Jude geschrieben habe. Der 
anonyme Jude berichtete von Massenvernichtungen Warschauer 
Juden, die nach dem Osten deportiert worden seien. Alle diese 
Berichte erhielt Washington zugestellt, wo man sie dann in den 
Akten abheftete. 

Wir kommen nicht umhin, die Ahnlichkeit solcher Behauptungen 
mit der Propaganda aus dem Ersten Weltkrieg und den erschrecken- 
den Mangel an Originalitat und Einfallen auf Seiten des Welt- 
judenkongresses festzustellen. Es bedarf kaum der Erwahnung am 
Rande, daB die Seifen- und Leimfabriken nur ein sehr 
voriibergehendes Propagandaphanomen waren und daB die Russen 
als einzige die Stirn hatten, ahnliche Anschuldigungen in Niirnberg 
vorzubringen. Diese Beschuldigungen sind selbst damals weitgehend 
iibergangen worden, und m. W. hat seither niemand die Ortlichkeiten 
dieser Fabriken, die Identitat der Personen, die sie betrieben, oder 
ahnliche Einzelheiten spezifiziert. Reitlinger behauptet das Vor- 
handensein solcher Fabriken nicht; auch Hilberg glaubt nicht, daB es 
sie gegeben hat (S. 624). 



73 




Abb. 7 : Angebliche Leichenverbrennung in offenen Gruben 
In Auschwitz. Kommentar auf S. 69 — 70. 



74 



Am 10. Oktober 1942 unterrichtete der Vatikan schlieBlich den 
US-Reprasentanten, daB man nicht in der Lage sei, die vielen 
Berichte zu bestatigen, die man iiber scharfe MaBnahmen gegen die 
Juden gehort habe. 

Am 22. Oktober 1942 traf Riegner mit Botschafter Harrison 
zusammen und legte ihm weitere „Beweise" der gleichen Sorte vor, 
diesmal mit „Informationen" sowohl von einem noch anderen 
anonymen deutschen Informanten (dessen Namen Harrison jedoch 
in einem versiegelten Umschlag iibergeben und vor jedermann auBer 
dem OSS geheimgehalten haben soil), als auch von einem anonymen 
Beamten des Internationalen Roten Kreuzes. Harrison sandte dieses 
Material nach Washington; er schrieb aber auch zwei personliche 
Briefe Ende Oktober an Welles, worin er angab, daB er den Namen 
des deutschen Industriellen kenne, und gleichfalls, daB der anonyme 
Beamte des Roten Kreuzes Karl Jacob Burckhardt sei, der namhafte 
Kenner Voltaires und Goethes; er zahlte wahrend des Krieges zu den 
Prominenten des Internationalen Roten Kreuzes. Harrison legte eine 
Eidesstattliche Erklarung von Guggenheim bei, die dieser dem 
Squire am 29. Oktober vorgelegt hatte und in der von Meldungen 
eines anonymen deutschen Informanten die Rede war, die Riegners 
Behauptungen bestatigten. Der anonyme deutsche Informant berief 
sich bei seinen Angaben auf einen anonymen Beamten des deutschen 
Auswartigen Amtes sowie einen weiteren anonymen Beamten aus 
dem deutschen Kriegsministerium. Doch nicht genug hiermit : ein 
anonymer Informant aus der Schweiz, der in Belgrad lebte, habe 
ebenfalls bestatigende Nachrichten hieruber an Guggenheim 
ubermittelt. 

Um die Behauptungen zu erharten, verabredete Squire ein 
Interview mit Burckhardt, das am 7. November 1942 in Genf 
stattfand. In seinem Memorandum iiber das Interview, das Harrison 
am 9. November in Handen hatte, berichtete Squire unter 
Bezugnahme auf Burckhardts Informationen von einem Befehl 
Hitlers, Deutschland Ende 1942 judenfrei zu machen. Squire stellte 
das Interview so dar : 1B 

„lch fragte ihn sodann, ob das Wort ,Vernichtung' oder etwas Gleichbedeu- 
tendes verwendet worden sei, woraufhin er antwortete, daB die Worte ,muB 
judenfrei sein' benutzt worden waren. Dann machte er klar, daB, da es keinen 
Platz gabe, wohin die Juden verbracht werden konnten und das Gebiet von 
dieser Rasse geraumt werden musse, das Endergebnis offenkundig ware." 

Welch „solide" Grundlage fur eine solch schwerwiegende 
Anschuldigung! Da gibt ein unzureichend unterrichteter Schweizer 
Burger eine doppeldeutige Bemerkung wieder, die er von einem 
Mittelsmann habe, der dem WeltjudenkongreB wohlgesinnt und 
auBerdem bestrebt war, bosartige Auslegungen von Horensagen- 
Informationen auszutufteln! M. W. hat sich Burckhardt weder 
wahrend des Krieges noch nach 1945 iiber diese Zusammenhange 
jemals offentlich ausgesprochen. Er hat einige schriftliche Fragen 
beantwortet, die ihm durch Kaltenbrunners Verteidiger wahrend 
des IMT-Prozesses gestellt worden waren. Jedoch diese Fragen 
hatten sich lediglich auf Kaltenbrunners Bemuhungen gegen Ende 
des Krieges, dem Internationalen Roten Kreuz Zugang zu deutschen 



75 



Lagern zu verschaffen, bezogen. Niemand hat Burckhardt nach 
Vernichtungen gefragt. 16 

Ende November 1942 gingen beim US-AuBenministerium 
„Informationen" von einer anonymen Vatikan-Quelle in 
franzosischer Sprache ein, die aus einer dreiseitigen Schilderung von 
angeblich in Polen bekanntgewordenen Vorgangen bestanden. Das 
„Dokument" ist ohne Unterschrift, und die einzige Spur einer 
Bezeichnung ist eine handschriftliche Notiz „von Mr. F. in der 
Vatikan-Stadt" von unbekannter Hand auf der ersten Seite. Das 
„Dokument" besagt u. a. : 17 

„Es werden Bauernhofe zur Aufzucht von Menschen organisiert, wohin 
Frauen und Madchen gebracht werden zu dem Zweck, sie zu Muttern von 
Kindern zu machen, die man ihnen dann fortnimmt, urn sie in 
Nazi-Einrichtungen aufzuziehen . . . Massenexekutionen von Juden gehen 
weiter . . . Sie werden durch Giftgas in besonders dafur hergerichteten 
Kammern (oft in Eisenbahnwagen) und mit Maschinengewehren getotet, 
wonach die Toten und auch die Sterbenden mit Erde bedeckt werden . . . 
Berichte befinden sich in Umlaut, wonach die Deutschen ihre Leichen in 
Fabriken verwerten, in denen chemische Erzeugnisse hergestellt werden 
(Seifenfabriken)." 

Im Sommer und Herbst 1942 hatte Wise sich riihrig dafur 
eingesetzt, damit die alliierten Regierungen offentlich gegen die 
angeblichen Vernichtungen von Juden in Europa Stellung nehmen. 
Am 8. Dezember 1942 war Wise Anfuhrer einer Delegation im 
WeiBen Haus, wo er Prasident Roosevelt ein 20seitiges Dokument 
mit dem Titel „Vernichtungsschema" vorlegte, dem die 
artgleichen „Informationen" zugrundelagen, die wir behandelt 
haben. Entsprechender judischer Druck fuhrte hinsichtlich der 
mystischen Vernichtungen zu einer Kapitulation vor Wise, und am 
17. Dezember 1942 gaben die Alliierten unter Federfuhrung von 
Washington eine die Vernichtungsaktionen verurteilende Erklarung 
heraus. Eine zwei Tage spater herausgegebene zusatzliche Erklarung 
behauptete Vernichtungen in Belczek und in Chelmno, — doch 
Auschwitz wurde nicht erwahnt. 

Trotz dieser offentlichen Entladung widersetzte sich die von J. 
Breckenridge Long angefuhrte Gruppe dieser Propaganda weiterhin. 
Riegner informierte Harrison am 19. Januar 1943 dahingehend, daB 
„an einem Ort in Polen taglich 6.000 Juden getotet wiirden". Am 21. 
Januar leitete Botschafter Harriman dieses Material an das 
US-AuBenministerium sowie an nicht naher bezeichnete „private 
judische Organisationen" weiter, womit offenbar Wise gemeint war. 
Die Mitteilung wurde lediglich abgeheftet, und das Ministerium 
veroffentlichte nichts. Eine Zeitlang schwiegen hieruber auch die 
privaten judischen Organisationen. Am 10. Februar 1943 unternahm 
Longs Gruppe einen weiteren Schritt zur Unterdruckung derartiger 
Propaganda. Sie erteilte Harrison in einem von Welles unter- 
zeichneten Brief (der die Mitteilung angeblich nicht gelesen hat) 
unter besonderem Hinweis auf Harrimans Telegramm vom 21. 
Januar die Weisung, 

„ln Zukunft diirfen von Ihnen zur Weiterleitung an Privatpersonen in den 
Vereinigten Staaten bestimmte Berichte nicht mehr angenommen werden, es 



76 



sei denn, daB auBergewohnliche Umstande dies ratsam erscheinen lassen. 
Durch Versenden solcher privaten Berichte, die die Zensur neutraler Lander 
umgehen, riskieren wir die Moglichkeit, daB neutrale Lander es fur notwendig 
erachten konnten, Schritte zu unternehmen, die unsere offiziellen geheimen 
Wege der Nachrichtenubermittlung einschranken oder sperren konnten." 

Am 14. Februar 1943 schlieBlich veroffentlichte die „New York 
Times" die Geschichte. Wie erklart sich die Verzogerung von 4 
Wochen bei der Veroffentlichung des Vorganges, obgleich diese 
Mitteilung bei „privaten jiidischen Organisationen" bereits am 21. 
Januar 1943 eingegangen war? Denn es entsprach doch der 
offenkundigen Politik dieser Agenturen, derart unbewiesene 
Behauptungen jederzeit sofort zu veroffentlichen! Nun, es steht zu 
vermuten, daB gewisse unbekannte Personen hofften, das US- 
AuBenministerium wiirde, gemaB dem Prazedenzfall der Erklarung 
vom 17. Dezember 1942 die „ Information" selbst herausgeben; 
hatte dies doch der Geschichte eine groBere Glaubwurdigkeit 
gegeben, als ihr nunmehr beschieden sein muBte : eine Behauptung, 
autorisiert durch nichts anderes, als die ublichen Greuelmeldungen. 

Das Finanzministerium, das auf Grund von Morgenthaus langem 
Kreuzzug gegen Deutschland sich wiederholt mindestens seit 
1936 18 in die Fuhrung der AuBenpolitik eingemischt hatte, sollte 
wegen dieser Unterdruckung bzw. dem Verweigern eines amtlichen 
Forums fur die diesbezuglichen Anschuldigungen mit dem 
AuBenministerium bald in Streit geraten. Im Februar 1943 fuhrte 
ein zweiter und sogar noch triftigerer Grund zum ZusammenstoB 
zwischen den beiden Ministerien. Es wurde bekannt, daB die 
rumanische Regierung bereit war, 70.000 Juden auf rumanischen 
Dampfern unter der Flagge des Vatikans nach Palastina zu 
verschiffen (es ist unwahrscheinlich, daB die Rumanen sich wirklich 
Gedanken daruber gemacht haben sollten, wohin die Juden 
geschickt wurden, und so nehme ich an, daB das Fahrtziel Palastina 
irgendwie von den an der Formulierung der Vorschlage beteiligten 
Zionisten naher bezeichnet worden ist). Eine wichtige Bedingung 
wurde von „Beamten, denen die Vertretung judischer Interessen in 
Rumanien oblag", genau angegeben. Ein Kostenbeitrag von 
250.— Pfund Sterling (etwa 1.200.— Dollar, damals RM 4.800.—) pro 
Kopf wurde gefordert. Es bestanden weitere Schwierigkeiten. Die 
britische Politik vermied damals, sich die Araber zu Gegnern zu 
machen, insbesondere im Hinblick auf die katastrophalen Folgen 
eines arabischen Aufstandes wahrend des Krieges. So weigerten sich 
die Briten zunachst, so viele Juden in Palastina aufzunehmen. Die 
Briten vertraten den Standpunkt, daB, wenn solche Juden aus 
Europa hinaus sollten, die USA in Nordafrika Lager fur sie 
einzurichten hatten. Das britische Foreign Office wie auch das US 
State Department waren zudem der Ansicht, daB sich in einer so 
groBen Gruppe von Menschen unvermeidlich Spione befinden 
wurden, die logistischen Probleme bezuglich Transport und 
Unterbringung ungeheuer groB seien und daB schlieBlich das 
geforderte Geld in die Hande des Feindes fallen konnte (der fur 
alliierte Wahrung verschiedenartigen Bedarf hatte). Das US- 
Finanzministerium war bestrebt, sich in die Hilfe fur judische 
Fluchtlinge einzuschalten, und versuchte demzufolge, diese 



77 



Einwande zu iiberwinden. Im Juli 1943 hieB es, es wiirden fur die 
rumanischen Juden Bestechungsgelder in Hohe von 170.000 Dollar 
gefordert, und Finanzministerium wie WeltjudenkongreB schlugen 
vor, rumanisch-jiidische Geschaftsleute konnten das Bestechungs- 
geld aufbringen, wenn man es ihnen nach dem Krieg mit in der 
Schweiz deponierten Geldern zuriickerstatten wiirde. Jedoch die 
britischen Einwande gegen die Zulassung von Juden in Palastina 
standen fest. Die Bemuhungen, die Juden in andere Bestim- 
mungslander zu leiten, scheiterten an der Gegnerschaft der dafur in 
Frage kommenden Lander und auch an den Einwanderungs- 
bestimmungen der USA. 

Das US-AuBenministerium, insbesondere J. Breckenridge Long 
und seine Mitarbeiter, hielten all das Gerede tiber „Vernichtungen" 
fur nichts anderes als Erfindungen der Kriegspropaganda, dem 
gleichen Geiste erwachsen wie im Ersten Weltkrieg. Sie erwogen 
hingegen fortwahrend Vorschlage, „die vernichteten Menschen" aus 
Europa hinauszubringen. Erst im Januar 1944 unternahm das 
AuBenministerium Schritte, die Juden zu ermutigen, Polen zu 
verlassen und nach Ungarn zu gehen. Long schrieb, bei seiner 
Unterstutzung der Vorschlage von Wise bestiinde die Gefahr, daB 

„Hitlers Anschuldigungen berechtigt erscheinen konnten, wir kampften 
diesen Krieg wegen und auf Betreiben und Weisung unserer judischen Burger." 

Das State Department hielt das alles fur sinnlos und fur 
unvereinbar mit den Erfordernissen einer optimalen Kriegsanstren- 
gung. Long schrieb : 

„Wise setzt immer eine so scheinheilige Miene auf und pladiert dann fur die 
Jntellektuellen und tapferen Geister, Fluchtlinge vor den Folterungen der 
Diktatoren' oder mit ahnlich auf Wirkung abgestimmten Worten. Naturlich 
gehorte nur ein unendlich kleiner Bruchteil der Einwanderer zu jener 
Kategorie — und einige davon sind sicher deutsche Agenten ... Ich habe nicht 
auf die .Navemar' angespielt, ein Frachtschiff auf der Fahrt von Lissabon nach 
Havanna und New York, das mit Passagierkabinen nur fur 15 Personen 
ausgestattet, aber mit 1 .200 armen Juden an Bord auf und unter Deck mit 
keinerlei sanitaren Einrichtungen, ohne Bedienung, ohne Kuchen, zu 700. — bis 
1 .500. — Dollar pro Nase, vier schon tot, bevor Bermuda erreicht wurde, sechs 
dort ins Krankenhaus verbracht, wovon einer starb, Opfer der Gier ihrer 
Mitmenschen, — nicht Opfer der Politik Deutschlands oder der Vereinigten 
Staaten. Das Schiff ist eine Gefahr fur die Gesundheit in jedem Hafen, wo es 
anlegt und eine Schande fur die menschliche Gier, die das ermoglicht. Aber 
darauf habe ich in meiner Antwort an Rabbi Wise nicht angespielt. Jeder 
dieser Manner haBt mich. Ich bin fur sie die Verkorperung einer Nemesis. Sie 
alle meinen, daB jede Person, ganz gleich woher, ein Recht darauf hat, in die 
Vereinigten Staaten zu kommen. Ich bin der Ansicht, daB niemand irgendwo 
ein Recht hat, die Vereinigten Staaten zu betreten, wenn es die USA nicht 
wunschen." 

Das State Department verschleppte die Sache entweder, oder aber 
sabotierte das vorgeschlagene Projekt tatkraftig. Gegen Ende des 
Sommers 1943 wurde bekannt, daB 6.000 judische Kinder aus 
Frankreich herausgebracht werden konnen, und diese Moglichkeit 
spielte in das Problem hinein. 



78 



Die Leute vom Finanzministerium und dem WeltjudenkongreB 
blieben bei ihrem Drangen auf Durchfiihrung der vorgeschlagenen 
Plane und behaupteten fortwahrend alien Ernstes, die einzige 
Alternative sei der Tod der in Frage kommenden Menschen in der 
Hand Hitlers. Ganz offen wurde sogar die Klage erhoben, das Fehlen 
der Zustimmung zu diesen Planen sei gleichbedeutend mit dem 
„Dulden des Mordes an den Juden durch diese Regierung". 
Verschiedene Personen iibten auch Druck auf die Briten aus. Long 
war so in der Offentlichkeit und in Regierungskreisen zum 
Priigelknaben geworden. Erbittert schrieb er, daB „die jiidische 
Agitation darauf beruht, einen personlich anzugreifen. Sonst wiirde 
sie keine offentliche Beachtung finden. So bin ich vorlaufig die 
Zielscheibe". 

Als Ergebnis dieser Kampagne erzielten Wise und Morgenthau im 
Dezember 1943 einen Durchbruch, als schlieBlich Anstalten zur 
Evakuierung rumanischer Juden getroffen und Geld auf ein 
Schweizer Konto iiberwiesen wurden, das Riegner und das 
US-Finanzministerium kontrollierten. Rumanien streckte zudem im 
Dezember Friedensfiihler aus und erhielt die Zusicherung, wenn es 
seine Juden gut behandele, dann wiirde es selbst auch gut behandelt. 
Unverzuglich beschloB Rumanien, Juden zu repatriieren, die es ans 
Asow'sche Meer in RuBland umgesiedelt hatte. 

Diesen Sieg hatte Morgenthau am 20. Dezember bei einer 
Konferenz mit Hull, Long, Morgenthau und John Pehle, dem 
Kontrollchef fur auslandische Fonds im Finanzministerium 
errungen. Morgenthau hatte sich offensichtlich in dieser 
Angelegenheit zu einer Kraftprobe mit dem AuBenministerium 
entschlossen, denn bei der Konferenz erbat er sich beilaufig eine 
Kopie des vollstandigen Textes der Botschaft Welles' an Harrison 
vom 10. Februar 1944 (die „Unterdruckungsweisung"). Das 
AuBenministerium schickte sich drein, strich aber den Hinweis auf 
Harrisons Nachricht vom 21. Januar heraus, wodurch die Botschaft 
vom 10. Februar somit den Anschein eines ausgesprochenen 
Routinevorgangs erhielt. Beim Herausgeben dieser Botschaft hatte 
das AuBenministerium offensichtlich keine Ahnung, daB der 
vollstandige Inhalt dieser Korrespondenz bis zu DuBois im 
Finanzministerium durchgesickert war, und zwar durch Indiskretion 
von Donald Hiss vom State Department (Bruder von Alger Hiss und 
spater von Whittaker Chambers/Elizabeth Bentley als Kommunist 
identifiziert, obgleich er es bestritt). Donald Hiss war an die Kopien 
der Schreiben nur mit erheblichen Schwierigkeiten gelangt und hatte 
DuBois trotz Eingehen auf seine Bitte gewarnt, daB die Schreiben 
„das Finanzministerium nichts angingen" und er, Hiss, seine 
Stellung wegen dieser Indiskretion verlieren konne. 19 

Als Morgenthau die herausgeruckte Mitteilung erhalten hatte, 
wuBte er, daB er damit eine weitere Waffe gegen Long und seine 
Mitarbeiter besaB, dementsprechend fiihrte er einen ZusammenstoB 
herbei, indem er sich iiber die Abfassung des Schreibens beschwerte 
und verlangte, die unredigierten Akten zu sehen, die etwas spater 
herausgesucht wurden und so den plumpen Vertuschungsversuch 
des AuBenministeriums bloBstellten. Die Herren vom State 
Department sahen sich nunmehr erheblich in der Defensive. Eine 
weitere Priifung der Akten des AuBenministeriums (worauf das 
Finanzministerium jetzt bestehen konnte) ergab, daB Welles in 



79 



Beantwortung einer Bitte von Wise Harrison gekabelt hatte — und 
zwar im April — , mit Riegner zusammenzutreffen und neue 
Inform ationen zu iibermitteln, die Riegner angeblich erhalten haben 
sollte. Der verwirrte Harrison tat, wie ihm geheiBen (Riegners 
Inform ationen drehten sich um Vorschlage, jiidischen Fliichtlingen 
in Frankreich und Rumanien zu helfen). Auch auBerte er zu Welles, 
daB solches Material nicht der durch das Schreiben vom 10. Februar 
auferlegten Einschrankung unterliegen diirfe. 

Morgenthau blieb bei dem ZusammenstoB zwischen dem 
AuBenministerium und Finanzministerium siegreich. Roosevelt, der 
in die Angelegenheit mit hineingezogen wurde, stellte sich auf seine 
Seite, indem er im Januar 1944 das sogenannte „Kriegs- 
fliichtlingsamt" (,War Refugee Board" — WRB) griindete, das von 
Morgenthau, Hull und Kriegsminister Stimson geleitet wurde. 
MaBgebender Kritiker war jedoch „Morgenthaus blondhaariger 
Junge", John Pehle. Josiah DuBois wurde Rechtsberater. Dement- 
sprechend war es Morgenthaus Amt. Das WRB erhielt naturlich jene 
Amtsgewalten der drei Ministerien, die sich mit den vorgeschlagenen 
Planen zur Herausfuhrung der Juden aus Europa befaBten. So wurde 
das AuBenministerium darauf festgelegt, auf Empfehlung des WRB 
(War Refugee Board) Sonderattachees mit diplomatischem Status zu 
berufen (die UNRRA = Relief and Rehabilitation Administration, 
eingesetzt bereits im vorhergehenden November, sollte eine ahnliche 
Funktion erhalten, allerdings erst nach Kriegsende). 20 

Damit der Leser die Art dieser Entwicklung auch in ihrer 
Bedeutung richtig erfaBt, sollten wir iiber den eigentlichen 
Tatbestand hinaus zur Kenntnis nehmen, daB das WRB in 
erheblichem AusmaB schlichtweg als Werkzeug des Weltjudenkon- 
gresses und anderer zionistischer Organisationen dienen sollte. Der 
kommunistische Apparat war ebenfalls durch einen der Direktoren 
vertreten, denn die Person, der Morgenthau alle Vollmachten in den 
Zustandigkeitsbereichen des Kriegsfluchtlingsamtes ubertragen 
hatte, war Harry Dexter White, der sich spater als Sowjet-Agent 
entpuppte. White wurde im Fruhjahr 1938 Mitglied des engsten 
Kreises um Morgenthau. Eine Woche nach dem Uberfall auf Pearl 
Harbor gab Morgenthau bekannt, daB „an und nach diesem Tag Mr. 
Harry D. White, Staatssekretar des Ministers, die voile Verantwor- 
tung fur alle Angelegenheiten ubernehmen wird, mit denen das 
Finanzministerium im Zusammenhang mit auBenpolitischen 
Beziehungen befaBt ist ... " Die auBerordentlich allgemein gefaBte 
Formulierung dieser Weisung, so insbesondere jener Satz „im 
Zusammenhang mit . . . befaBt ist" sollten White in den 
nachfolgenden Jahren glanzende Moglichkeiten eroffnen. Anfang 
1943 erweiterte Morgenthau Whites Amtsbefugnisse : 

„Mit Wirkung dieses Tages bitte ich Sie, die Uberwachung und voile 
Verantwortung bezuglich aller wirtschaftlichen und finanziellen Vorgange zu 
ubernehmen, soweit sie das Finanzministerium betreffen ... im Zusammen- 
hang mit den Operationen der Armee und Marine und den zivilen 
Angelegenheiten in den auslandischen Regionen, in denen unsere Streitkrafte 
operieren oder moglicherweise operieren werden. Dazu gehort selbstver- 
standlich der Kontakt mit den Ministerien fur Auswartiges, des Heeres und der 
Marine sowie anderen Ressorts oder Behorden und Vertretern auslandischer 
Regierungen hinsichtlich dieser Vorgange." 



80 



White, der Anfang 1945 Staatssekretar im Finanzministerium 
wurde, nutzte diese Befugnisse weitestgehend aus, insbesondere im 
Zusammenhang mit der Besatzungspolitik in Deutschland. Da das 
WRB iiberwiegend ein Arm des Finanzministeriums war, fiel sein 
Wirken in den Kompetenzbereich von White. Bemerkenswert ist 
iiberdies, daB der Rechtsberater des War Refugee Board, DuBois, in 
enger Beziehung zu dem kommunistischen Agenten William L. 
Ullmann stand und auch das Testament von White beurkundet 
hat. 21 

Long hegte gemischte und, wie sich herausstellte, ahnungsvolle 
Gefuhle iiber die Folgen dieser Vorgange : 

„Es wird nur noch wenige Tage dauern, bevor ich die Zustandigkeit im 
Zusammenhang mit Fluchtlingen aufgebe und einem anderen das Vergnugen 
daran iiberlasse. Und es war eine schwere Verantwortung — innerhalb und 
auBerhalb unserer Grenzen, weil es 5 Millionen Juden im Land gibt, wovon 4 
Millionen in und urn New York herum konzentriert sind. Und wir haben keine 
arabische oder mohammedanische Bevolkerung, dagegen aber in wachsendem 
MaBe wirtschaftliche Interessen in den moslemischen Landern — vor allem am 
Ol. Uberdies hat unser Verbiindeter England kaum judische Burger, aber ein 
sehr groBes politisches Interesse am Nahen Osten. Somit griindet sich unsere 
Politik zunehmend . . . auf eine innere Situation, wahrend die britische sich 
ganzlich auf eine auBenpolitische Grundlage stutzt — und die beiden sind 
schwer miteinander zu vereinen . . . Es ist eine gute Nachricht fur mich . . . 
Dieses gewahrleistet mir, daB ich mich da heraushalte. Was sie tun konnen von 
dem, was ich nicht getan habe, kann ich mir nicht vorstellen." 

Long hat sich in dem letzten Punkt zweifellos verrechnet, denn das 
WRB erzielte schlieBlich doch Erhebliches bei UmsiedlungsmaBnah- 
men von Juden, und seine Aktionen zugunsten von Fluchtlingen 
finden in diesem Buch ihren Niederschlag. Unter Einschaltung des 
Roten Kreuzes half es in den letzten Kriegswochen auch ehemaligen 
KZ-Insassen. 22 Als Werkzeug von Wise und anderen Zionisten 
betrieb es uberdies in erheblichem AusmaB Propaganda 23 , und seine 
am deutlichsten zielgerichtete Propagandaleistung war ein Heft 
„ German Extermination Camps : Auschwitz and Birkenau" 
(Deutsche Vernichtungslager : Auschwitz und Birkenau), Ex- 
ekutivburo des Prasidenten, Washington, November 1944. Das Heft 
wird im folgenden bezeichnet als 

„WRB-Bericht" 

Der WRB-Bericht bewirkte die formelle Entstehung der 
„offiziellen" These der Vernichtungen mittels Gaskammern in 
Auschwitz. Alle wesentlichen Bestandteile und viele der spateren 
Einzelheiten des Auschwitz-Schwindels sind darin zu finden. Die 
Nurnberger Anklagen fuBen auf dem WRB-Bericht. Markante 
Reaktionen auf den WRB-Bericht zur Zeit seines Erscheinens sind 
nirgendwo sichtbar geworden. Jedoch ein amerikanischer Journalist, 
Oswald F. Schuette, schrieb daraufhin einen kritischen Brief an 
Stimson (einen der Unterzeichner des Berichts), erhielt aber keine 
befriedigende Antwort. 24 

Freilich vermochte der WRB-Bericht nicht, die Ansichten des 
US-AuBenministeriums zu andern, das von Anfang an iiber die 
Vernichtungspropaganda gespottet hatte. In Privatgesprachen mit 



81 



DuBois auBerten sich diese Manner unverhohlen iiber den 
WRB-Bericht : 

„Solch ein Zeug wie dieses ist schon seit 1942 aus Bern gekommen. 
. . . Vergessen Sie nicht, dieses ist ein Jude, der iiber die Juden redet . . . Dieses 
ist nichts weiter als eine Kampagne jenes Juden Morgenthau und seiner 
judischen Helfershelfer." 

Vom WRB-Bericht sagte man, er sei aus Bern nach Washington 
ubermittelt worden. Wir werden ihn griindlich untersuchen, 
nachdem wir uns einen Schlusselabschnitt der Kriegspropaganda in 
seiner Wirkung auf die Offentlichkeit angesehen haben. Zunachst 
miissen wir jedoch darauf hinweisen, daB einige sonst recht scharfe 
Beobachter die Rolle von Auschwitz in der Vernichtungsliteratur 
falsch interpretieren. Der namhafte amerikanische Publizist und 
Historiker, Elmer Barnes, schrieb 1967, daB die 

„Lager in Deutschland zunachst als Vernichtungslager prasentiert worden 
sind, wie Dachau, Belsen, Buchenwald, Sachsenhausen und Dora, doch wurde 
es nachgewiesen, daB es in jenen Lagern keine systematische Vernichtung 
gegeben hat. Daraufhin wurde die Aufmerksamkeit auf Auschwitz, Treblinka, 
Belczek, Chelmno, Jonowska, Tarnow, Ravensbruck, Mauthausen, Brezeznia 
und Birkenau gerichtet, welche die Liste nicht erschopfen, die anscheinend 

25 

nach Bedarf erweitert wurde." 

Die Grundlage fur Barnes' MiBverstandnis ist naturlich, daB die 
Massenmedien sich bei Kriegsende aus Sensationsgier in der Tat auf 
die in den deutschen Lagern vorgefundenen Zustande als Beweis fur 
Vernichtungen gestiirzt haben, und es trifft gleichfalls zu, daB diese 
Szenen als Massenpropaganda-„beweis" fur Vernichtungen gedient 
haben. Doch unsere Analyse zeigt, daB Auschwitz erst im Jahre 1944 
mit Bedacht als Kern des Vernichtungsschwindels ausgewahlt 
worden ist. Dieses Argument wird noch durch kritisch betrachtetes 
Material erhartet werden. 

Durch die Veroffentlichung des WRB-Berichts im November 1944 
hat sich Washington auf eine spezifische Form des Schwindels 
festgelegt. An diese Form hat man sich in den Niirnberger Prozessen 
gehalten, und noch heute unterscheidet sich die Form des 
Schwindels in keinem wesentlichen Anhaltspunkt vom WRB- 
Bericht. 

Nach seinem Sieg mit dem WRB-Bericht beschaftigte sich 
Morgenthau mit anderen Dingen, insbesondere mit den beabsichtig- 
ten politischen MaBnahmen im besetzten Deutschland. Nach seinem 
Empfinden beachteten die bestehenden Plane durchaus die Haager 
und Genfer Konventionen, zu deren Unterzeichnern die USA 
gehorten, und verhinderten solches Vorgehen wie Beschlagnahme 
privaten Eigentums ohne militarische Bedeutung, das Festhalten von 
Kriegsgefangenen lange nach dem Ende der Feindseligkeiten und die 
unnotige Auferlegung von Hungerrationen. Er setzte sich daher fur 
hartere MaBnahmen ein, die spater als Morgenthau-Plan bekannt 
geworden und von denen viele ubernommen und tatsachlich 
praktiziert worden sind. David Marcus forderte von der „CAD" 



82 



(,, Civil Affairs Division — Abteilung fiir Zivilverwaltung") aus 
Morgenthaus Ziele und hielt ihn iiber seine Gegner unterrichtet. 
Oberst Bernard Bernstein, seit langem mit Morgenthau eng liiert, 
tibte eine ahnliche Funktion im SHAEF-Hauptquartier in London — 
(Supreme Headquarter of the Allied European Forces) — aus. Auch 
Baruch half mit. 26 

Der ungeheuere Umfang der Aufgabe und dazu die „strittige" Art 
des Themas haben anscheinend den Mut zu einem grundlichen 
Studium der den Schwindel mit verursachenden Propaganda 
gelahmt. Es gibt Studien iiber besondere Aspekte. John F. Flynn hat 
sich in seinem „ While You Slept" (Wahrend Du schliefst) mit der 
Propaganda im Hinblick auf kommunistische und antikom- 
munistische Einfliisse, vor allem in Asien, befaBt. James. J. Martin 
schrieb eine Studie dariiber, wie die amerikanischen Medien die 
Sowjetunion, die Friedensfrage und die alliierten Terrorluftangriffe 
im Krieg abgehandelt haben. 

Es geht weit iiber die Krafte eines Einzelnen hinaus, einen 
Uberblick iiber die gesamte Greuel- und Vernichtungspropaganda im 
europaischen Bereich des Zweiten Weltkrieges zu vermitteln. Wir 
wollen uns hier bei dem Umfang des vorzunehmenden Uberblicks 
darauf beschranken, festzustellen, daB wir nur an der jiidischen 
Vernichtungsfrage interessiert sind und daran, was Leute von 
Gewicht getan haben. Wir erklaren daher, daB eine Untersuchung der 
Berichte iiber angebliche Judenvernichtung, wie sie in der „New 
York Times" vom Fruhjahr 1942 bis hindurch ins Jahr 1943 
erschienen sind, sowie eine Zusammenfassung der Propaganda von 
1944 alles ist, was gebraucht wird, um sich iiber die anstehenden 
Sachverhalte Klarheit zu verschaffen. 

Schon 1942 sprachen angeblich aus Europa stammende Berichte 
von „Massentotungen". Man sollte in Erinnerung behalten : die 
Herkunft solcher Berichte, die Ortlichkeit der angeblichen Totungen 
und die angebliche Methode des Totens. Denn nach dem Krieg gibt 
die Vernichtungslegende nur drei Varianten bei Massentotungen an : 
„Vergasungen" an sechs Orten in Polen, „Gaswagen" in RuBland 
sowie „MassenerschieBungen" in RuBland. — Im Kontrast hierzu die 
„New York Times" der Kriegszeit : 

6. April 1942, S. 2 

Berichte iiber Nazi-Blutbad unter Juden 

Kuibyschew, RuBland, 5. April (AP) — Der antifaschistische JudenausschuB 
berichtete heute, daB die Deutschen in und um Minsk 86.000 Juden getotet 
haben, 25.000 bei Odessa und „Zehntausende" in Litauen, Lettland und 
Estland. In Estland, so lautet der Bericht, ist die gesamte judische 
Bevolkerung, insgesamt 4.500, ausgeloscht worden. 

13. Juni 1942, S. 7 

Nazis beschuldigen Juden heftiger Bombenangriffe 

Berlin, 12. Juni (Von United Press in New York aufgezeichnete deutsche 
Rundfunksendung) 

Propagandaminister Joseph Goebbels sagte heute abend : Deutschland wurde 
eine ,Massen-Vernichtung' von Juden als Vergeltung fiir alliierte Luftangriffe 
auf deutsche Stadte durchfiihren. Er gab zu, daB diese Angriffe einen 
schweren Schaden angerichtet hatten. Dr. Goebbels stellte in einem Ar- 



83 




Abb. 8 : Lagerplatz in Belsen nach der britischen Eroberung 



84 



tikel der Zeitschrift ,Das Reich' test, daB die Juden in ganz Europa ,und 
vielleicht sogar iiber Europa hinaus' als Vergeltung fur die schweren Luft- 
uberfalle ausgerottet werden wurden. 

Goebbels' AuBerung richtete sich gegen die jiidisch-kontrollierte 
Presse, die er weitgehend fiir die Propagandaatmosphare verant- 
wortlich machte, wodurch die Terrorangriffe ermoglicht worden 
seien. Seine AuBerung in „Das Reich" lautete : 

„Die Juden treiben in diesem Krieg ihr frevelhaftes Spiel, und sie werden das 
mit der Ausrottung ihrer Rasse in Europa und vielleicht weit daruber hinaus 
zu bezahlen haben. Sie sind in dieser Auseinandersetzung nicht ernst zu 
nehmen, da sie weder britische noch amerikanische, sondern ausschlieBlich 
judische Interessen vertreten." 

Nun ist dies tatsachlich eine Vernichtungsdrohung. Ebenfalls 
vollig offentlich! Die primare Bedeutung des Wortes „Ausrottung" 
ist „Vernichtung" (das englische „uprooting" — mit der Wurzel 
herausreiBen — , dem das Wort verwandt ist, ist nur sekundar 
bedeutsam). Ahnliche, vollig offentliche AuBerungen hat Hitler 
gelegentlich auch gemacht. Beispiel dafur ist : 27 

„ . . . das Ergebnis dieses Krieges die Vernichtung des Judentums sein wird, 
. . . und . . . es werden nicht die arischen Volker ausgerottet werden, sondern 
das Judentum". 

Hierzu muB man bemerken, daB 

(a) extreme AuBerungen ein durchgehender Zug der NS-Rede- und 
Sprechtechnik waren, 

(b) die Vernichtungsmythologen es als notwendig erachten, zu 
behaupten, daB die Vernichtungen unter auBerster Geheimhaltung 
durchgefuhrt worden seien, wodurch es einigermaBen unhaltbar 
gemacht wird, derartige gelegentliche Anspielungen in den 
offentlichen Erklarungen der NS-Fiihrer als Beweise fiir Vernich- 
tungen hinzustellen, 

(c) es notwendig ist, die besonderen Umstande der Goebbels' schen 
AuBerung voll zu erfassen, das heiBt, sie war eine Reaktion auf die 
alliierten Terrorangriffe, 

(d) man in der Kriegszeit hitzige Dinge sagen kann — und 
blutriinstige AuBerungen sind von verantwortlichen Personen im 
Kriege auf beiden Seiten gefallen, 

(e) es haufig der Fall ist, daB ein vollstandiges Erfassen des 
Zusammenhanges notwendig ist, wenn man die spezifische 
Bedeutung einer Anspielung auf „Ausrottung" oder „Vernichtung" 
auslegt. 

Daruber hinaus ist das deutsche Wort „ Judentum" dem Sinne nach 
doppeldeutig, es kann auch „das judische Volk" bedeuten. LaBt uns 
jeden dieser funf Punkte der Reihe nach untersuchen. 

(a) Es ist durchaus bekannt, daB die NS-Redetechnik anstrebte, 
provokativ und ziindend zu sein, was auf jene Tage zuruckgeht, als 
die Nationalsozialisten eine Minderheit in Weimar-Deutschland 
bildeten. Es hat den Anschein, daB dieses ein Ergebnis einer 



85 



bewuBten und einstudierten Methode war, denn Hitler hat 1931 die 
Griinde dafiir in einem Privatinterview erklart : 28 

„Was irgendein wildgewordener Redakteur in meiner eigenen Presse schreibt, 
interessiert mien nicht . . . Wir konnen mit Fanatismus etwas machen. Wenn 
dieser Fanatismus das Burgertum erschreckt, urn so besser. Allein dieser 
Fanatismus, der jedem KompromiB aus dem Wege geht, schafft uns Kontakt 
mit den Massen." 

Oft hat er festgestellt, daB er mit Kraftausdriicken Aufmerk- 
samkeit erregen konnte. Natiirlich verfuhren alle NS-Fiihrer, 
insbesondere Goebbels, bis zu einem gewissen Grad ahnlich. Wahr 
ist aber auch, daB, nachdem die Nationalsozialisten zur Macht 
gelangt waren und die Herrschaft iiber Deutschland angetreten 
hatten, ihre offentlichen Erklarungen im Ton sehr viel gemaBigter 
wurden. Dennoch verlieB sie die Neigung als solche niemals ganzlich, 
und der Krieg sowie das Bemuhen, das offentliche Gehor in den 
alliierten Landern zu finden, lieB diesen Zug wieder etwas aufleben. 
Unter diesen Umstanden ist es genau genommen bemerkenswert, 
daB Hitler und Goebbels nur selten solche Erklarungen abgaben. 

(b) Die Vernichtungsmythologen sind zu dem Standpunkt 
gezwungen, daB die Nationalsozialisten das auBerste getan hatten, 
ihr „Totungsprogramm von kontinentalem AusmaB" geheimzu- 
halten und dies auch in hochst bemerkenswertem Umfang 
erreichten. Entgegen den Behauptungen einzelner Verfasser und der 
unbezweifelbaren Tatsache, daB alle moglichen Geriichte umliefen, 
wird unterstellt, daB den Juden ein Vernichtungsprogramm nicht 
bewuBt war. Wenn ihnen gesagt wurde, fur den Abtransport zu 
packen, dann taten sie justament das und gingen ohne Widerstand. 
Die Theresienstadter Juden haben sich noch im August 1944 
freiwillig fur den Transport nach Auschwitz gemeldet, auch sie 
hatten nicht die mindeste Ahnung von einem Vernichtungsplan in 
Auschwitz oder anderswo. Auf der anderen Seite waren die 
Nationalsozialisten angeblich nicht gewillt, irgendetwas in ver- 
traulichen Dokumenten festzuhalten, da, so erzahlt man uns, „das 
Abfassen von umsichtigen Protokollen zu den groBen Fertigkeiten in 
Hitlers Reich gehort habe". Wenn dies so ist, wie es die 
Vernichtungsmythologen vorbringen, dann muBten solcherart 
Bemerkungen ihre „Beweisfuhrung" erharten; es bleibt dennoch ihr 
Problem, daB sie konkrete Vorfalle erklaren mussen. 

(c) Die AuBerung von Dr. Goebbels muB so gesehen werden, wie 
sie ist : Die Reaktion eines professionellen Propagandisten auf die 
alliierten Bomberangriffe, wovon die deutsche Politik seit Mai 1940 
auf verschiedene Weise betroffen war. Da die diesbezuglichen 
Tatsachen zwar feststehen, doch nicht allzu bekannt sind, folgen sie 
hier in kurzer Zusammenfassung. Der an einer ausfuhrlicheren 
Darstellung interessierte Leser sei auf Veale und Colby verwiesen. 

Beim Ausbruch des Krieges im Jahre 1939 sah die deutsche 
Luftwaffe den Bomber als eine Form der Artillerie zur Un- 
terstiitzung militarischer Operationen zu Lande an. In diesem 
Verstandnis waren die Luftangriffe auf Warschau im September 
1939 und auf Rotterdam im Mai 1940 — die beide groBe Publizitat 
erhielten — erst dann durchgefuhrt worden, nachdem diese Stadte 
echte Kriegsschauplatze geworden und die Gesetze der Belagerung 



86 



zur Anwendung gekommen waren. „Flachenbombardierungen" 
spielten in deutschen Kampfhandlungen keine Rolle (obwohl sie von 
den deutschen militarischen Planern natiirlich Gegenstand von 
Uberlegungen waren). 

In England war das jedoch nicht der Fall, denn zu der Zeit, als die 
Deutschen ihre Bomber als Artillerie in den Niederlanden einsetzten, 
faBten die Briten den „glanzenden EntschluB", deutsche Zivilziele 
zu bombardieren, wobei sie sehr wohl wuBten, daB Hitler weder die 
Absicht noch den Wunsch hatte, sich auf einen Kampf dieser Art 
einzulassen (Hitler wollte in der Tat uberhaupt keinen Krieg mit 
England). Im Sommer 1940 (ab 20. Juni) setzten in maBigem 
Umfang deutsche Bombenangriffe auf Ziele in England ein, wobei 
lediglich ausgesprochen militarische Ziele angegriffen wurden, selbst 
als solche Stadte wie Hamburg und Bremen schon allgemein 
Angriffen ausgesetzt waren. Erst drei Monate danach sah sich Hitler, 
wenn auch unter groBtem Zogern, gezwungen, in gleicher Weise 
zuruckzuschlagen. Auf diese Weise wurde der nachhaltig 
aufgebauschte „Blitz"-Schwindel begrundet. Das britische Volk 
durfte nicht herausfinden, daB seine Regierung — einfach durch 
Einstellen der Angriffe auf Deutschland — die deutschen Luftan- 
griffe hatte beenden konnen. 

Die britischen Luftangriffe waren 1940 zwar ohne militarische 
Bedeutung, hatten aber nach Meinung des Volkes die deutsche 
Reichsregierung herausgefordert, etwas dagegen zu tun. Und dieses 
war der einzige Grund, daB die Deutschen als letztmoglichen Ausweg 
zu Vergeltungsangriffen iibergegangen waren. Bei Verkundung dieser 
MaBnahme erklarte Hitler in seiner Sportpalast-Rede am 4. 
September 1940 : 29 

„Und wenn die britische Luftwaffe zwei- oder drei- oder viertausend 
Kilogramm Bomben wirft, dann werfen wir jetzt in einer Nacht 150.000, 
180.000, 230.000, 300.000, 400.000 und mehr Kilo." 

Dies war eine handfeste Ubertreibung seiner Moglichkeiten im 
Vergleich zu den Briten; obwohl Hitlers Bomber zahlenmaBig den 
Briten damals uberlegen waren, so waren sie doch zur Unter- 
stiitzung der Truppen gedacht und keineswegs fur „Flachenbom- 
bardierungen", wofur die britischen Bomber eingerichtet waren. 
Nichtsdestoweniger sind heftige Worte billig und im Hinblick auf die 
Luftwaffe waren heftige Worte (manchmal mit Versprechungen auf 
geheime neue Waffen gekoppelt) so ungefahr alles, was Hitler und 
Goebbels 1940 oder in der folgenden Zeit als Gegenwehr gegen die 
britischen Bombenangriffe vorbringen konnten. In diesem Zusam- 
menhang miissen Goebbels' Worte gesehen und aufgefaBt werden. 

(d) Blutrunstige AuBerungen sind im Krieg auf beiden Seiten 
gefallen. In den USA gab es viele Beispiele fur ernsthaft vorgetragene, 
wilde Ansichten von Seiten anscheinend zivilisierter Menschen, die 
von gleichermaBen respektablen Menschen mit offenbar bedachtsa- 
men AuBerungen der Billigung hingenommen wurden. Da es so viele 
solcher Menschen gab, geniigt es, nur Clifton Fadiman anzufuhren, 
den bekannten Autor und Kritiker, der damals Literaturrezensent 
der Wochenzeitschrift „New Yorker" war. 

Fadiman war die groBe Leuchte des „ Writers War Board" (Kriegs- 



87 



ausschuB fur Schriftsteller), einer halboffiziellen Regierungs- 
behorde, die im Zusammenhang mit dem Krieg freiwillig fiir 
Staatsamter schrieb. Rex Stout fiihrte den Vorsitz in dem AusschuB. 
Nach dem Leitsatz, den Fadiman und Stout 1942 alien Schrift- 
stellern gemeinsam vorschrieben, sollten sie in ihren Arbeiten iiber 
den Krieg bestrebt sein, „einen aktiven HaB gegen alle Deutschen 
hervorzurufen und nicht nur gegen Nazi-Fiihrer". Dieses fiihrte zu 
einer hitzigen Kontroverse, und Schriftsteller und Beobachter 
ergriffen Partei in einer Debatte, die fiir Fadiman heiB genug wurde, 
um zu erklaren, daB er „nur einen Weg kenne, um einem Deutschen 
etwas klar zu machen, und der ist, ihn zu toten, und selbst dann, 
meine ich, begreifen sie es nicht". 

Dieses waren keine einzelnen Ausbruche, denn in seiner Spalte im 
„New Yorker" begriiBte Fadiman die Gelegenheit, seine Ansichten 
iiber die Deutschen in einem geordneteren Zusammenhang 
darzulegen. Im April 1942 hatte er die jugendliche Konzeption, die 
er brauchte, in einem Buch von de Sales gefunden, „The Making of 
Tomorrow" (Die Gestaltung von morgen). Das Einverstandnis des 
Lesers voraussetzend, wonach die Nazis zumindest die schlimmste 
„GeiBel fiir Jahrhunderte seien", schrieb er, daB de Sales' 

..Argument ganz einfach das ist, daB der gegenwartige Nazi-Angriff nicht im 
mindesten das uble Handwerk einer Gruppe von Gangstern, sondern vielmehr 
der letztendliche und vollkommene Ausdruck der tiefinnersten Instinkte des 
deutschen Volkes ist. Hitler ist die Verkorperung von Kraften, die groBer sind 
als er. Die Ketzerei, die er predigt, ist 2.000 Jahre alt. Welches ist die 
Ketzerei? Sie ist nicht mehr und nicht weniger als eine Rebellion gegen die 
westliche Zivilisation. Mister de Sales ist funf solchen deutschen Rebellionen 
nachgegangen, die mit Armin, dem Cherusker begannen. Zunachst ist man 
geneigt, der gewaltigen Anklage des Verfassers Skepsis entgegenzubringen — 
sein Antigermanismus mag denkbarerweise von seinen franzosischen 
Vorfahren herruhren. Doch wenn man seinem Argument folgt, so wird es 
immer zwingender, und die echten Proportionen treten mit groBer Klarheit 
hervor." 

Seine Besprechungen von Kriegsbiichern spiegelt die historische 
Situation wider, die er in de Sales' Unsinn entdeckt hatte. Hatte 
Howard K. Smith erklart, 

„wenn wir (den Deutschen) eine echte Alternative auf Vernichtung bieten 
konnen, so wird das Volk in unsere Hande fallen, obgleich dies nicht auf 
eigene Revolution zuruckzufuhren sein wird", 

so schrieb Fadiman hohnisch, daB 

„die Welt die Deutschen immer wieder beschwichtigt hat, seit ihre 
menschlichen Wolfsrudel zur Zeit Armins aus ihren Waldlagern hervorge- 
brochen sind. Das Ergebnis ist ein Europa, das sich am Rande des 
Selbstmordes befindet". 

Diesem folgte eine offene Zustimmung zu Hemmingways 

„auBergew6hnlichem . . . Vorschlag, daB die einzige letzte Regelung mit den 
Nazis die sei, sie zu sterilisieren. Genau das meint er, im chirurgischen Sinne". 



88 



Natiirlich sah Fadiman auch keinen Unterschied zwischen 
Nationalsozialisten und anderen Deutschen und machte Dorothy 
Thompsons „leidenschaftliches Argument" fur eine solche Unter- 
scheidung lacherlich, ebenso ihre Uberzeugung, „daB unsere 
Nachkriegsbemiihungen auf den ZusammenschluB einer euro- 
paischen Staatenfoderation gerichtet sein miissen, in der Deutsch- 
land unter einer demokratischen Fiihrung eine fuhrende Stellung 
zuzugestehen ist." Wenngleich Fadiman niemals das Toten aller oder 
der meisten Deutschen befurwortet hat, zumindest nicht mit so 
vielen Worten, so war dies doch der klare Sinn seiner Erklarungen. 
Immerhin, was kann man anderes tun mit „Wolfsrudeln, die aus 
ihren Waldlagern hervorgebrochen sind" und jetzt versuchen, den 
Rest der Welt zu versklaven, „die nur begreifen, wenn man sie totet", 
und die „keine echte Alternative zum Getotetwerden erhalten 
diirfen"? 30 

Clifton Fadiman war nur ein sehr prominentes und halboffizielles 
Beispiel einer „Geistesschule", die unter den Meinungsbildnern der 
USA im Krieg bestand. James J. Martin und Benjamin Colby haben 
umfassendere Arbeiten iiber die sich auf den HaB gegen die 
Deutschen griindende Alliierten-Propaganda veroffentlicht, wobei 
der letztere eine besonders grundliche Studie iiber den 
KriegsausschuB der Schriftsteller vorlegt. 

Das Klima der Kriegszeitstimmung in England war selbstver- 
standlich in etwa das gleiche und herrschte angesichts des fruheren 
Kriegseintritts Englands schon langer vor. Als Reaktion auf Hitlers 
Rede im Berliner Sportpalast iiber den Beginn der deutschen 
Luftangriffe auf britische Stadte, weidete sich der Londoner „ Daily 
Herald" daran, daB Hitler „eine rasende Anstrengung unternommen 
hat, sein bombengequaltes Volk zu beruhigen", das „sich in 
auBerster nervlicher Anspannung befindet und auch dann wach 
bleibt, wenn kein Alarm ist". In der gleichen Ausgabe des „Daily 
Herald" finden wir die Empfehlungen des Reverend C. W. Whipp, 
Vikar von St. Augustin in Leicester : 

„Die Befehle muBten lauten ,Fegt sie hinweg' und auf dieses Ziel wiirde ich 
unsere gesamte Wissenschaft konzentrieren, urn einen neuen und weitaus 
schrecklicheren Sprengstoff zu entdecken. — Diese deutschen Teufel (es ist 
das einzige Wort, das man verwenden kann) kommen uber unsere Stadte und 
richten ihre Maschinengewehre auf Frauen und Kinder. — 
Nun, alles, was ich erhoffe, ist, daB die RAF immer starker wird und 
hiniibergeht und Deutschland in Stucke schlagt. Ein Diener des Evangeliums 
sollte sich vielleicht nicht solchen Gefiihlen hingeben. Ich gehe aber noch 
weiter und sage ganz often, daB, wenn ich konnte, ich Deutschland von der 
Karte wischen wiirde. — Sie sind eine uble Rasse und sind seit Jahrhunderten 
ein Fluch fur Europa gewesen. Frieden kann erst sein, wenn Hitler und all 
jene, die an ihn glauben, zur Holle geschickt werden, welche der Ort ihrer 
Herkunft und ihrer letzten Heimstatt ist." 

Der „Daily Herald" vermerkt dazu, daB „Whipp eine erhebliche 
lokale Kontroverse hervorgerufen hat", womit offenkundig wird, 
daB es in England wie auch in den USA viele Menschen gab, die trotz 
der Typen wie Fadiman ihren klaren Kopf bewahrten. 

Reginald Hargreaves schlug in einem Artikel in der Juni-Ausgabe 
1941 der angesehenen britischen Zeitschrift „ National Review" 



89 



(nicht zu verwechseln mit der National Review, die 1955 in den USA 
gegriindet wurde) als Kriegsziel vor — im Unterschied zu einer 
unvermeidlichen Folge des Krieges — , daB 

„mindestens drei Millionen Nazi-Soldaten fur immer ausgeschaltet werden 
mussen, wobei es eine absolut unerlaBliche Voraussetzung fur die 
Waffenniederlegung ist, da(3 eine ausreichende Zahl der korrumpierten, 
brutalisierten und wahnsinnigen jungen Derwische des Nazismus tot auf dem 
Feld gelassen werden mul3". 

„Die Notwendigkeit" dafiir ergab sich aus der Uberlegung, daB 

„Deutschland sich durch seine ganze Geschichte als ausgesprochen 
unzivilisiert und ausschlieBlich der Verachtung und des Ekels wert erwiesen 
hat. Von Anfang an hat das Verhalten der teutonischen Volker sie fur die 
Rolle der Parias bestimmt — der ausgestoBene tollwutige Hund von 
Europa . . . 

Unser wirkliches Kriegsziel muB sein, nicht nur der militarische Triumpf im 
Felde, sondern auch die Verminderung des deutschen Volkes zu einem derart 
zusammengeschrumpften und begrenzten Zustand, daB es niemals wieder in 
der Lage ist, etwas zum Schaden der noch kommenden Generationen 
anzufangen. Unser Konflikt ist, trotz ruhrseliger gegenteiliger 
Versicherungen, ein Konflikt mit dem deutschen Volk; einer Rasse, so 
barbarisch, rauberisch, so gewissenlos und ausgesprochen unkultiviert, daB 
seine Beseitigung als GroBmacht die einzige Hoffnung fur eine Welt ist, die 
keine andere Wahl hat, als des Chirurgen Skalpell zu ergreifen und dieses 
Krebsgewachs aus ihrer Staatenorganisation herauszuschneiden, grundlich, 
gnadenlos, ein fur allemal." 

Derartige AuBerungen erscheinen um so ungewohnlicher, wenn 
man bedenkt, daB sie aus einem Volk kommen, das fur seine 
Tiefstapelei bekannt ist. 

(e) Der Sinn dieser Erorterung ist nicht nachzuweisen, daB in 
England und den USA eine Ubereinstimmung in diesen so gearteten 
Ansichten entstanden war, wonach alle Deutschen von Natur aus 
Ungeheuer seien und getotet oder zumindest sterilisiert werden 
muBten. Es wird jeder zustimmen, daB kein solches gemeinsames 
Denken existierte (und selbst die Vernichtungsmythologen wiirden 
meines Erachtens zustimmen, daB es auch in Deutschland keinen 
Konsens dariiber gab, die Juden zu vernichten). Dariiber hinaus lagen 
die von vielen Meinungsmachern in den USA und England 
befurworteten oder angedeuteten VolkermordmaBnahmen in ihrer 
wortlichen Bedeutung gar nicht im Bereich des Moglichen; das 
amerikanische und britische Volk hatten solche in ihren Namen 
begangene Taten gar nicht zugelassen. Das Ausschlaggebende ist, 
daB in der Hitze des Kriegsgeschehens die auBergewohnlichsten 
Dinge gesagt worden sind. GroBtenteils sind solche Irrsinnsanwand- 
lungen gar nicht verwirklicht worden, sie wurden aber dennoch zum 
Ausdruck gebracht. Leider kann man nur sagen „groBtenteils", denn 
ein beachtlicher Teil ist durchgefuhrt worden mittels der 
Kriegfuhrung an sich, des zivilen Bombenterrors, der Vertreibung, 
der Nachkriegsverbrechen, — mit Millionen Toten! 

Morderische Worte sind auf beiden Seiten gefallen. Nach meiner 
Ansicht und schwachen Erinnerung an die damaligen Zeiten scheint 



90 




Abb. 9 : ProzeB in Dachau 



91 



mir die Redeweise in den USA (insbesondere im Hinblick auf die 
Japaner) heftiger gewesen zu sein als alles, was in Deutschland 
wahrend der Kriegszeit im Umlauf gewesen zu sein scheint. 
Zugegebenerweise ist ein solcher Vergleich schwierig und diirfte mit 
Riicksicht auf das AusmaB nicht unternommen werden. Haben doch 
emmal die „6ffentliche Meinung" und zum anderen die politischen 
Fiihrer mit ihren AuBerungen in den beiden jeweiligen Systemen 
unterschiedliche Rollen gespielt. 

Auf der Achsenseite muB man vermerken, daB das faschistische 
Italien verschiedene anti-judische Gesetze hatte, die jedoch sehr 
milde zur Anwendung kamen und gewiB niemals bis zum Mord 
reichten. Selbst die Kriegsgegner jedenfalls haben dies dem 
faschistischen Regime Mussolinis niemals angelastet. Dennoch war 
die anti-judische Ausdrucksweise in der faschistischen Presse 
mindestens ebenso heftig wie alles das, was dieserart in Deutschland 
hervorgebracht worden war. Sollte die „New York Times" korrekt 
berichtet haben (22. Okt. 1941), so hatte die italienische Regierung 
sogar befurwortet, „alle italienischen Juden als Gefahr fur die innere 
Front zu vernichten, da dieses der Augenblick sei, mit halben 
MaBnahmen aufzuhoren". 

Ein letzter Punkt ist, daB man beim richtigen Auslegen von 
AuBerungen zur „Ausrottung" und „Vernichtung" Vernunft und 
Gespiir fur den Zusammenhang haben muB. Im amerikanischen 
Burgerkrieg forderten viele von Lincoln, den Siiden „zu vernichten", 
und es ist kein falsches Englisch zu sagen, daB Lincoln genau das 
getan hat, aber man hat es so aufgefaBt, damals wie jetzt, daB das 
Toten aller im amerikanischen Siiden Lebenden nicht in Betracht 
gezogen war. 

Ahnliches gilt fur die Erklarungen der NS-Fuhrer. Haufig 
verwendeten sie den Begriff „Jude" fur „Judentum" oder auch 
„Jude-Sein", was im Englischen „ Jewry" lautet. Dementsprechend 
kann Hitlers Ausdruck „Die Vernichtung des Judentums", zumal er 
meist aus dem Sinn- und Satzzusammenhang gerissen zitiert wird, 
rein buchstablich Totung bedeuten, aber er kann auch dahingehend 
ausgelegt werden, daB auf die Vernichtung des judischen Einflusses 
verwiesen wird, was der Politiker Hitler in Wirklichkeit gemeint hat, 
wenngleich es schon wahr ist, daB er seine Worte sorgfaltiger hatte 
wahlen konnen. 

In gleicher Weise hat Alfred Rosenberg in seiner IMT-Aussage 
argumentiert, daB „Die Ausrottung des Judentums" — eine 
Formulierung, die er gelegentlich benutzt hat — , keine Absicht zur 
Totung der einzelnen Juden bedeutet hatte, sondern im politischen 
Zusammenhang die Ausschaltung des judischen Einflusses in Politik 
und Wirtschaft, und dies auch nur im Herrschaftsbereich der 
Achsenmachte . 

Nach dieser langeren Abschweifung, die durch Goebbels' 
Ausdruck „ Ausrottung" notwendig ge worden ist, wenden wir uns 
einer Reihe von Berichten in der „New York Times" fur die Zeit von 
1942—1943 zu. 

14. Juni 1942, S. 1 

258 Juden It. Bericht in Berlin erschlagen wegen Bombenanschlag auf 
anti-rote Ausstellung 

tel. Bericht an die „New York Times" von George Axelsson. 



92 



Stockholm/Schweden, 13. Juni 

In der Kaserne GroB-Lichterfelde in den westlichen Vororten Berlins sind am 
28. Mai 258 Juden von der SS getotet und ihre Familien deportiert worden als 
Vergeltung fur einen angeblichen judischen Anschlag, die anti- 
bolschewistische Ausstellung „Sowjet-Paradies" im Lustgarten in die Luft zu 
sprengen . . . 

Wenn dort Bomben waren, sind sie offenkundig entdeckt worden, bevor sie 
explodieren konnten . . . 

Die SS wollte die Exekutionen veroffentlichen . . . statt dessen . . . sind die 
Fuhrer der judischen Kolonie zusammengerufen worden . . . 

30. Juni 1942, S. 7 

It. Bericht 1 .000.000 Juden von Nazis getotet. 

London, 29. Juni (U.P.) . . . klagten heute Sprecher fur den judischen 
WeltkongreB. 

Es hieB, Nazis hatten ein „riesiges Schlachthaus fur Juden" in Osteuropa 
eingerichtet . . . 

In einem Bericht an den KongreB hieB es, daB Juden in Massen von 
Deutschland, Osterreich, der Tschechoslowakei und den Niederlanden ins 
Innere Polens deportiert und von ErschieBungskommandos zu je tausend pro 
Tag erschossen wurden. 

Eine bei der polnischen Regierung in London eingegangene Mitteilung 
bestatigte, daB die Nazis „mehrere hunderttausend" Juden in Polen 
erschossen hatten. 

Heute ist von keinem solchen „ Schlachthaus", wo Exekutionen 
von ErschieBungskommandos vorgenommen wurden, mehr die 
Rede. Doch so begann die Vernichtungspropagandakampagne des 
judischen Weltkongresses. Es ist durchaus moglich, daB diese erste 
Mar ihren geistigen Ursprung in der seinerzeitigen „Ausrottungs"- 
Bemerkung von Goebbels gehabt hat. 

22. Juli 1942, S. 1 

Nazi-Bestrafung von Roosevelt vorgesehen 

. . . Prasident Roosevelt erklarte gestern abend in einer vor 20.000 Personen 
verlesenen Botschaft im Madison Square Garden. 

. . . Botschaft des Prasidenten, WeiBes Haus, Washington, 

17. Juli 1942 

Lieber Herr Wise : 

Burger teilen den Schmerz unserer judischen Mitburger uber das Wiiten der 
Nazis gegen ihre hilflosen Opfer. Es wird den Nazis genauso wenig gelingen, 
ihre Opfer zu vernichten, wie es ihnen gelingen wird, die Menschheit zu ver- 
sklaven. Das amerikanische Volk wird die Urheber dieser Verbrechen an 
einem Tag der Abrechnung, der ganz sicher kommen wird, unerbittlich zur 
Rechenschaft Ziehen 

Text der Churchill Botschaft 

Sie werden sich erinnern, daB Prasident Roosevelt und ich am 
vergangenen 25. Oktober unser Entsetzen zum Ausdruck gebracht haben . . . 
uber die Nazi-Schlachtereien und den Terror und unsere Entschlossenheit, 
eine Vergeltung fur diese Verbrechen unter die wesentlichen Ziele dieses 
Krieges einzureihen . . . 

Solche unklaren AuBerungen der obersten Kriegsherren, obwohl 
sie deutlich umrissener Anklagen ermangelten, hatten in der 
Offentlichkeit erheblich mehr Gewicht als jeder der einzelnen 

93 



Vorgange, hinter die sich die Regierungschefs dem Anschein nach 
durch ihre AuBerungen gestellt haben mogen. Wir werden sehen, daB 
die einzelnen Behauptungen der damaligen Zeit den Behauptungen 
bei den spateren Prozessen sehr wenig ahneln. Dennoch schien es 
Roosevelt und Churchill opportun, diese Propaganda zu fordern. 

3. September 1942, S. 5 

50.000 Juden sterben in Nazi-Festung 

London, 2. Sept. (U.P.) — Funfzigtausend Juden aus Deutschland und der 
Tschechoslowakei sind in die Festung Theresienstadt geworfen worden und 
einige tausend, die krank sind oder unter Anklage ,verbrecherischer 
Handlungen' stehen, befinden sich in unterirdischen VerlieBen, wo sie ,wie die 
Fliegen sterben', sagte ein Sprecher der tschechischen Regierung heute 
abend. ,Alle Hoffnung fur sie ist aufgegeben worden' sagte der Sprecher. Der 
Sprecher sagte, die Deutschen hatten einen Feldzug zur Vernichtung der 
Juden aus dem Protektorat eingeleitet und von 40.000 ehemals in Prag 
lebenden Juden seien nur noch 15.000 da. Pilsen und Brunn seien von Juden 
geraumt worden, sagte er, wobei viele von ihnen nach Theresienstadt 
verbracht wurden, dem groBten Konzentrationslager im Nazi-beherrschten 
Europa. 

Ein europaischer Beobachter sagte, die Deutschen planten, nicht nur die 
Juden Europas zu vernichten, sondern die auf der ganzen Welt. Er erklarte, die 
Nazis hatten in den vergangenen drei Jahren 2.000.000 Juden getotet . . . 

Das einzig Zutreffende an diesem Bericht ist die Tatsache, daB die 
Sterberate der Juden entsprechend der deutschen MaBnahme, alle 
Reichsjuden iiber 65 Jahre dorthin zu verbringen, in Theresienstadt 
ziemlich hoch war. Eine weitere Kategorie in Theresienstadt stellten 
die „privilegierten" Juden dar, — die Kriegsteilnehmer des Ersten 
Weltkrieges, vor allem jene mit hohen Auszeichnungen. Es waren 
auch noch andere Juden dort, von denen viele schlieBlich wegzogen; 
aber wenn sie gelitten haben, so war das nicht in Theresienstadt. Der 
Ort ist 1944 vom Roten Kreuz besichtigt worden, und der dariiber 
gefertigte giinstige Bericht argerte den Judischen WeltkongreB. 31 
Wenn Theresienstadt auch nicht das „groBte Konzentrationslager im 
NaziJoeherrschten Europa" war, spielt es hier dennoch eine 
bedeutende Rolle. 

5. Sept. 1942, S. 3 

U.S. tadeln Vichy wegen Judendeportationen 

Washington, 4. Sept. — Das State Department hat durch die amerikanische 
Botschaft in Vichy bei der franzosischen Regierung die massivsten 
Vorstellungen wegen Massendeportationen von Juden aus dem unbesetzten 
Frankreich erhoben, so wurde es heute vom Amerikanischen JudenausschuB 
bekanntgegeben. 

Der Protest folgte dem Vorstelligwerden von vier judischen Organisationen. 
Der Vorgang selbst wurde ihnen durch ein Schreiben des Unterstaatssekretars 
Sumner Welles mitgeteilt. 

. . . Herr Welles schrieb : 

,lch habe Ihre Mitteilung vom 27. August 1942 mit dem beiliegenden 
Schreiben erhalten ... in bezug auf die Massendeportation judischer 
Fluchtlinge aus dem unbesetzten Frankreich. 

Ich stimme mit den dazu gemachten Feststellungen, diese tragische Situation 



94 



betreffend, vollig iiberein, die der offentlichen Meinung der zivilisierten Welt 
erneut einen Schock zufugen. Es ist zutiefst bedauerlich, dal3 diese 
MaBnahmen in einem Land getroffen werden mussen, das traditionell bekannt 
ist fur sein Achten der Grundsatze der Freiheit, Gleichheit und der Toleranz.' 
Die amerikanische Botschaft in Vichy ... ist bei den hochsten Stellen in 
Vichy in scharfstmoglicher Form vorstellig geworden . . . Das Schreiben der 
vier Organisationen an den AuBenminister folgt : 

Im Namen der von uns vertretenen Organisationen . . . ersuchen die 
Unterzeichnenden unsere Regierung mit allem Respekt, der Regierung von 
Frankreich einen feierlichen Protest zu ubermitteln gegen die kurzlich von 
jener Regierung vollzogene Handlung, tausende von Fluchtlingen den 
Vertretern der Nazi-Regierung zur Deportation nach Polen und anderen 
nazi-besetzten Gebieten in Osteuropa auszuliefern. 

Es erreichen uns Berichte . . . , aus denen hervorgeht, daB die Regierung von 
Frankreich ... die Deportation von judischen Fluchtlingen durch die Nazis 
zulaBt, die in einer Reihe von Lagern im Suden Frankreichs interniert gewesen 
waren. Diese Aktion begann etwa am 8. August, als eine Gesamtzahl von 
3.600 Mannern, Frauen und Kindern zusammengetrieben, in Zuge verladen 
und losgeschickt wurden, — ohne ein Wort uber ihr Fahrtziel. 
Die Berichte stimmen darin iiberein, daB diese 3.600 das erste Kontingent 
einer Gesamtzahl von 10.000 judischen Fluchtlingen bildete, welche nach 
ostlichen Gebieten zu deportieren die franzosische Regierung zugestimmt 
hat . . . 

Die Massenverschickung von Juden aus Deutschland und aus Gebieten unter 
deutscher Besatzung ist seit der Eroberung Polens vor sich gegangen. 
Entsprechend der von den Nazis verkundeten Politik, die Juden Europas zu 
vernichten, sind Hunderttausende dieser unschuldigen Manner, Frauen und 
Kinder durch brutale Massenmorde getotet worden. Der Rest wird unter 
unbeschreiblich erbarmlichen Bedingungen in Ghettos in Osteuropa 
zusammengetrieben, wobei Zehntausende Hunger und Seuchen erlegen sind. 

An dieser Stelle bleibt nur zu vermerken, daB selbst die 4 judischen 
Organisationen sich bei ihren Vernichtungsbehauptungen nicht 
vollig sicher sind, da sie sich durch den Hinweis auf jene „in Ghettos 
Zusammengetriebenen" einen „Rest" offenlassen. Welles' Antwort, 
wenn auch „in volliger Ubereinstimmung" mit dem Schreiben, 
vermeidet es, sich direkt hinter die Vernichtungsbehauptungen zu 
stellen. 

24. Nov. 1942, S. 10 

Hebraische Zeitungen trauern 

Jerusalem, 23. Nov. (U.P.) — Die hebraische Presse erschien heute mit 
schwarzumrandeten Berichten uber Massenmorde an Juden in Polen. Die bei 
der judischen Presseagentur eingegangenen Berichte meldeten, daB eine 
systematische Vernichtung der judischen Bevolkerung von einer deutschen 
„Sonder-Vernichtungskommission" durchgefiihrt wiirde ... an der 
ehemaligen Grenze zwischen dem deutschen und russischen Polen. Tausende 
wurden in den Bug geworfen und ertrankt. 

13. Dezember 1942, S. 21 

Verspateter Kriegsbericht stutzt Glaubwurdigkeit. Rabbi Israel Goldstein 
erklarte : ,Authentische Berichte weisen auf 2 Millionen Juden hin, die bereits 
auf jede Weise teuflischer Barbarei abgeschlachtet worden sind, und auf Plane 
fur die vollige Vernichtung aller Juden, die den Nazis in die Hande fallen. Das 



95 



Abschlachten eines Drittels der jiidischen Bevolkerung in Hitlers Herrschafts- 
bereich und das angedrohte Abschlachten aller ist ein Massenmorden ohne 
Parallele! 

18. Dezember 1942, S. 1 

1 1 Alliierte verurteilen Nazikrieg gegen Juden. 

Sonderbericht an die „New York Times" 

Washington, 17. Dez. — Eine gemeinsame Erklarung von Mitgliedern der 
Vereinten Nationen wurde heute herausgegeben, in der Deutschlands 
.bestialische Politik der kaltblutigen Vernichtung von Juden . . . ' verurteilt 
wird. 

Die Erklarung wurde gleichzeitig durch das AuBenministerium in London und 
hier herausgegeben. 

Text der Erklarung : 

Aus all den besetzten Landern werden Juden unter schreckenerregenden 
und brutalen Begleitumstanden nach Osteuropa verbracht. In Polen, das zum 
Hauptschlachthaus der Nazis gemacht wurde, werden die von dem deutschen 
Eindringling eingerichteten Ghettos systematisch von alien Juden geraumt 
mit Ausnahme weniger hochqualifizierter Arbeiter, die in der Kriegsindustrie 
benotigt werden. Von keinem der Fortgefuhrten hat man je wieder gehort. 
Die Kraftigen laBt man langsam in Arbeitslagern sich zu Tode arbeiten. Die 
Schwachen laBt man an Erfrieren oder Hunger sterben, oder sie werden 
absichtlich bei MassenerschieBungen umgebracht. Die Zahl der Opfer dieser 
blutigen Greuel wird auf viele Hunderttausende vollig unschuldiger Manner, 
Frauen und Kinder beziffert. 

Hiermit begann das AuBenministerium, sich in die Vernichtungs- 
legende einzuschalten. Und da derartige AuBerungen aus einer 
anscheinend so offiziellen Quelle kamen, wurden sie zur Grundlage 
eines Sonderkommentares der „New York Times" des gleichen 
Tages : 

18. Dez. 1942, S. 26 

Hitlers Terror 

Trotz allem, was uber die Naziverfolgung der Juden geschrieben worden ist, 
werden die in der gemeinsamen, gestern im Namen der Vereinten Nationen in 
Washington, London und Moskau veroffentlichten Erklarung aufgefuhrten 
Tatsachen wie ein Schlag uber alle zivilisierten Menschen kommen, die sich 
noch eine Spur von menschlichem Anstand bewahrt haben. Denn diese 
Erklarung ist kein Aufschrei der Opfer selbst, vor dem die Ohren zu 
verschlieBen viele fur moglich hielten, weil es vielleicht ein besonderes, etwas 
zweifelhaftes Anliegen sein konnte. Es ist (aber) die offizielle Erklarung der 
eigenen, dahinterstehenden Regierungen, die auf amtlich festgestellten 
Tatsachen beruht . . . 

Es ist klar, man glaubte, daB Greuelbehauptungen, die anschei- 
nend aus dem AuBenministerium kamen, glaubwurdiger waren als 
solche, die von Gruppen wie dem WeltjudenkongreB stammten, und 
dies bezieht sich zweifellos auf das, was mit dem „Aufschrei der 
Opfer selbst" gemeint ist. Doch haben wir gesehen, daB hinter der 
„ gemeinsamen Erklarung" ebenfalls Mr. Wise stand. 

Mit der Erklarung vom 17. Dezember 1942 zeichnete sich der 
Beginn der Komplizenschaft seitens der amerikanischen und 



96 



britischen Regierungen beziiglich der Vernichtungslegende ab. Die 
deutsche Reichsregierung hat den Vorgang nicht als schwerwiegend 
angesehen, und v. Stumm aus der Presseabteilung des Auswartigen 
Amtes hat vor der neutralen Presse recht leichtfertig erklart, die 
alliierte Verlautbarung diene dem Zweck, den jiidischen Waren- 
hausern in New York und London eine groBeren Weihnachtsverkauf 
zu ermoglichen. 32 

20. Dez. 1942, S. 23 

Alliierte schildern Greuel an Juden 

Was mit den 5.000.000 (Millionen) Juden im deutschbesetzten Europa 
geschieht, die sich alle der Vernichtung ausgesetzt sehen, wird in einer gestern 
vom Informationsburo der Vereinten Nationen veroffentlichten Erklarung 
geschildert . . . 

Im Haupttext des Berichtes werden neue Methoden der Massentotung durch 
ErschieBen und todliches Gas genannt; ferner wird erklart, daB diese 
Vernichtung der Juden nicht als ,Einzelfall in einem Land' vor sich geht, 
sondern uber den ganzen Kontinent. Anfang Dezember 1942 gab das 
US-AuBenministerium einige Zahlen bekannt, aus denen hervorgeht, daB die 
Zahl der seit 1939 deportierten — und umgekommenen — Opfer im von der 
Achse beherrschten Europa bis jetzt die erschreckende Hohe von 2 Millionen 
erreicht hat, und daB 5 Millionen der Vernichtungsgefahr ausgesetzt sind . . . 

Das Dokument schlieBt : 

Gegenuber jenen, die die Morde und SchieBereien in den StraBen uberleben, 
werden bei der Deportation aus den Ghettos MaBnahmen angewendet, die 
jede Vorstellungskraft ubersteigen. Vor allem werden Kinder, alte Menschen 
und jene, die zum Arbeiten zu schwach sind, ermordet. Tatsachengerechte 
Angaben uber das Schicksal der Deportierten sind nicht zur Hand, doch liegt 
die Meldung vor — eine unwiderlegbare Meldung — , daB man Hinrich- 
tungsstatten in Chelmno und Belczek organisiert hat, wo jene, die die 
ErschieBungen uberlebt haben, in Massen durch Starkstrom und todliches Gas 
ermordet werden. 

Die angeblichen Totungen mittels Starkstrom in Belczek tauchten 
in der Propaganda wiederholt auf und werden in Kapital V 
behandelt. Diese Vernichtungsversion gehorte zu jenen, die nach 
dem Krieg rasch vergessen waren. Dennoch erkennen wir hier die 
klare Tendenz der Propaganda, sich den Behauptungen 
anzugleichen, die schlieBlich zum festen Bestandteil der Legende 
geworden sind, — die Gaskammern und die rund 6 Millionen 
wahrend des Krieges Getoteten. 

„28. Dez. 1942, S. 21 

Forderung Juden zu retten 

Albany, 27. Dez. (AP) 

Dr. Wise, President des amerikanischen Judenkongresses und des Weltjuden- 
kongresses . . . (forderte) die Aufstellung eines alliierten Plans, den 
Nazischlachtereien an Zivilisten ein Ende zu machen. 

,8. Jan. 1943, S. 8 

93 wahlten Freitod statt Nazi-Schande 

Dreiundneunzig judische Madchen und junge judische Frauen, Schuler und 
Lehrer einer Beth Jacob Schule in Warschau/Polen, wahlten den Mas- 
senselbstmord, urn dem Zwang der Prostitution mit deutschen Soldaten zu 



97 



entgehen, wie es in einem Schreiben des Lehrers heiBt, das gestern von Rabbi 
Seth Jung vom judischen Zentrum New Yorks veroffentlicht wurde. 

7. Febr. 1943, VI, S. 16 

Im Tal des Todes 

(Beitrag von Sholem Asch) 

. . . Gaskammern und Blutvergiftungsstationen in abseits gelegenen Land- 
gebieten eingerichtet sind, wo Dampfbagger Gemeinschaftsgraber fur die 
Opfer schaufeln. 

14. Febr. 1943, S. 37 

Tyrannei der Nazis gezeigt 

Warschau ist vorgesehen fur eine bewuBte Nazi-Methode fur Tod, Seuchen, 
Verhungern, Sklavenarbeit in der Wirtschaft und Massenbeseitigung der 
Bevolkerung, erklart das Buro fur Kriegsinformationen (OWI) in einer 
24seitigen Broschiire, „Erzahlung aus einer Stadt", die heute erschienen ist. 
Es wird erklart, daB Warschau der Erprobungsort fur Naziplane zur 
Welteroberung ist . . . 

. . . „es gibt zu dieser Zeit keine Moglichkeit, genau anzugeben, wie viele 
Polen von den Nazis in Warschau ermordet worden sind." Der Hinrichtungs- 
ort ist jetzt Palmiry nahe Warschau, wo die MassenerschieBungen entweder in 
der Dammerung und wahrend der Nacht vor sich gehen. 

14. Febr. 1943, S. 37 

„Beschleunigte" Hinrichtung gesehen 

Uber Massenhinrichtungen an Juden in Polen in beschleunigtem Tempo 
wurde von europaischen Vertretern des Weltjudenkongresses in einer von 
Rabbi Stephen S. Wise, President des amerikanischen Judenkongresses, 
veroffentlichten Meldung berichtet. An einem Ort in Polen werden taglich 
6.000 Juden getotet, wie es in dem Bericht vom 19. Jan. heiBt. Die in Polen 
verbliebenen Juden werden jetzt in funfundfunfzig Ghettos festgehalten, 
einige in den groBen Stadten und einige in den kleineren Stadten, die als 
Ghettos neu eingerichtet wurden. 

Dieses war die Propagandamar, um die es sich in dem Streit 
zwischen AuBenministerium und Schatzamt handelte. Wie schon im 
Zusammenhang mit den Bemerkungen iiber den Leitartikel der N.Y. 
Times vom 18. Dezember dargelegt wurde, hatte man ihr offenbar 
mehr Glauben geschenkt, wenn diese Mar es geschafft hatte, aus dem 
US-AuBenministerium hervorzugehen. Fur die Erfinder dieser 
seinerzeitigen Propaganda war es miBlich, daB sie sich mit Rabbi 
Wise als Strohmann-Quelle begniigen muBten. 

16. Febr. 1943, S. 7 

Nazis siedeln 30.000 Juden um 

Genf/Schweiz, 1 5. Febr. (ONA) 

Alle die Alten und Schwachen (aus Czestachowa, Polen) wurden von den 
Nazis nach Rawa-Russka in Galizien zur Hinrichtung verbracht, besagen 
Quellen aus dem Inneren Polens. 

23. Febr. 1943, S. 23 

Gegen Grausamkeiten protestiert 

Dreitausendfunfhundert Kinder . . . versammelten sich zur Trauer und zum 
Protest gegen Nazi-Greuel im Mecca Tempel, 133 West 55. StraBe . . . sechs 
Fluchtlingskinder berichteten von ihren Erlebnissen in den Handen der 
Nazis. 

2. Marz 1943, S. 1 u. 4 

Massenversammlung fordert : Rettet Juden vor dem Verderben 

98 



Sofortiges Einschreiten der Vereinten Nationen, urn so viele vor den mit 
Vernichtung bedrohten funf Millionen Juden wie moglich zu retten 
wurde auf einer Massendemonstration ... in Madison Square Garden gestern 
abend gefordert. . . . (Rabbi Hertz sagte) „erschreckend ist die Tatsache, dal3 
jene, die die Vier Freiheiten verkunden, bisher sehr wenig getan haben, um 
auch das Lebensrecht fur 6.000.000 ihrer judischen Mitmenschen zu sichern 
durch die Bereitschaft, jene zu retten, die noch der Folterung und dem 
Abschlachten durch die Nazis entgehen konnten." . . . (Wendell Willkie sagte) 
„Zwei Millionen Menschen, nur weil sie Juden sind, wurden bereits auf jede 
feindselige Weise, die sich Hitler ausdenken konnte, ermordet, Millionen 
anderer Juden . . . stehen unmittelbar vor ihrer Vernichtung ..." 

. . . (Chaim Weizmann sagte) „Zwei Millionen Juden sind bereits vernichtet 
worden ..." 

„Die Demokratien sehen sich vor einer klaren Aufgabe . . . Man lasse sie mit 
Deutschland via neutrale Lander uber die mogliche Freilassung der Juden in 
den besetzten Landern verhandeln . . . Man lasse die Tore von Palastina fur 
alle offnen, die die Kusten der judischen Heimat erreichen konnen . . . 

7. Marz 1943, S. 30 

600 Juden nach Schlesien geschickt 

Stockholm/Schweden, 6. Marz (Reuter) — Fast 600 norwegische Juden . . . 
haben, wie jetzt bekannt wurde, das polnische Oberschlesien erreicht. Die 
meisten Manner wurden zur Arbeit in die Gruben bei Kattowitz geschickt. 

10. Marz 1943, S. 12 

40.000 hier sehen Vorstellung zum Gedenken an Juden. Vierzigtausend 
Personen sahen und horten . . . gestern abend zwei Vorstellungen von „Wir 
werden niemals sterben", eine dramatische Massenauffuhrung zum Gedenken 
an die 2 Millionen in Europa getoteten Juden . . . Der Sprecher sagte „Es 
werden in Europa keine Juden mehr da sein als Vertretung, wenn der Frieden 
kommt. Die vier Millionen noch verbleibender Juden werden entsprechend 
dem Plan getotet. 

I.April 1943, S. 2 

Franzosische Juden von Nazis in die Vergessenheit geschickt 

Drahtbericht an die New York Times 

„London, 31. Marz — Ein System von „Todes-Konvois", wonach franzosische 
Juden zusammengetrieben und dann abtransportiert werden an verschiedene 
Orte in Osteuropa, wonach man nichts mehr von ihnen hort, so wurde es 
heute hier von der britischen Sektion des Weltjudenkongresses geschildert, die 
Anklage erhob, dal3 die „volle Kraft" des Nazi- und antijudischen Terrors sich 
jetzt in Frankreich konzentriere. 

Gestutzt auf Berichte aus erster Hand, die von einem prominenten 
franzosischen Juden stammten, der in ein neutrales Land entkommen war, 
erklarte der KongreB, der letzte „Konvoi" habe Frankreich am 20. Febr. 
verlassen. Er umfaBte 3.000 Juden aller Schichten und Altersgruppen, und 
alles, was daruber bekannt geworden ist, war, dalB das schlieBliche Fahrtziel 
irgendwo im Osten liegt. 

Mitte Februar, so setzt der KongreB hinzu, habe die Gestapo eine 
Haussuchung im Hauptquartier der General-Union Franzosischer Juden in 
Lyon vorgenommen, das gesamte Personal verhaftet, es in das Konzen- 
trationslager Drancy uberfuhrt und es seither ebenfalls in irgendein 
„Vernichtungslager" der anderen Seite Europas abtransportiert. 

Reitlinger erzahlt uns (S. 327), daB zwar weniger als ein Zehntel 
der aus Frankreich deportierten Juden die franzosische Staatsan- 



99 



gehorigkeit besaB. Mit seinen Zahlen, d. h. vielleicht 5.000 der 

40.000 franzosischen Juden deutet er an, daB die 5.000 sich 

vielleicht freiwillig zur Arbeit gemeldet haben oder genau 
genommen „Politische" oder Partisanen waren. 32 

12. April 1943, S. 5 

Nazis merzen Ghettos in zwei polnischen Stadten aus. London, 1 1 . April (AP) 
— Die polnische Telegraphen-Agentur sagte heute abend, die Deutschen 
hatten das Ghetto in Krakau in einem dreitagigen Massaker, das am 13. Marz 
begann, ausgemerzt, auch hatten sie das Ghetto in Litzmannstadt liquidiert. 
Das Schicksal der Juden im letzteren Ghetto sei unbekannt, doch die Agentur 
sagte, man glaube, sie seien auch getotet worden. 

20. April 1943, S. 11 

2.000.000 Juden ermordet 

London, 19. April (Reuter) — 2 Millionen Juden sind vernichtet worden, seit 
die Nazis ihren Marsch durch Europa 1939 begonnen haben und 5 weiteren 
Millionen droht die Gefahr der Hinrichtung. Diese Zahlen sind in dem 
sechsten vom Inter-Alliierten InformationsausschuB herausgegebenen Bericht 
uber die Zustande in den besetzten Gebieten enthullt worden. 

In dem Bericht heilBt es, todliches Gas und ErschieBungen gehorten zu den zur 
Vernichtung der Juden angewandten Methoden. 

20. April 1943, S. 11 

Auf Rettung der Juden gedrangt 

Die Jewish Agency (Jud. Agentur) fur Palastina drangte in einem an die 
Fliichtlingskonferenz auf Bermuda gestern gerichteten Memorandum darauf, 
es muBten sofortige RettungsmaBnahmen fur die 4.000.000 Juden eingeleitet 
werden, die man als noch lebend in den nazi-besetzten Landern einschatzt. 
Die Agentur, geleitet von Dr. Chaim Weizmann, wird im Mandat fur Palastina 
als Korperschaft anerkannt, urn die Regierung von Palastina zu beraten und 
mit ihr im Hinblick auf die Einrichtung der judischen Nationalheimstatt 
zusammenzuarbeiten. 

In dem Memorandum wird erklart, daB, sollte die bekanntgegebene Politik 
des Feindes weiterhin unkontrolliert bleiben, es nicht unmoglich sei, daB zu 
dem Zeitpunkt, an dem der Krieg gewonnen sein werde, der groBte Teil der 
judischen Bevolkerung Europas vernichtet sein wird. 

25. April, S. 19 

Schwache Hoffnung fur die Opfer der Achse gesehen 

Extra Kabel an die New York Times 

Hamilton/Bermuda, 24. April. — Unter Kriegszeitbedingungen ist eine 
Umsiedlung von Fluchtlingen im groBen Stil unmoglich, und weder die 
Vereinigten Staaten noch GroBbritannien — allein oder gemeinsam — konnen 
beginnen, das Fluchtlingsproblem zu losen. Die beiden konkreten Eindriicke 
haben sich nach fast einer Woche der Erorterungen des Fluchtlingsproblems 
durch die amerikanischen und britischen Delegationen hier herausgeschalt. 

Da fast alle Juden auBerhalb des europaischen Kontinents, vor 
allem jene in den USA, die Vernichtungsbehauptungen glaubten, 
iibten sie politischen Druck aus, der zur Konferenz auf Bermuda 
fiihrte. Man glaubte zu Recht 33 , daB die „ Nazis" die Auswanderung 
der Juden (unter angemessenen Bedingungen) aus Europa 
wiinschten, und dies versetzte die britische und amerikanische 
Regierung angesichts der Propagandagrundlage — fur ihren Krieg — 
in eine unangenehme Lage, die dazu zwang, standig doppelziingig 
herumzureden. 34 Wir haben den Streit zwischen dem AuBenmi- 



100 



nisterium und dem Schatzamt in dieser Hinsicht geschildert. Die 
Briten hatten zu diesem Zeitpunkt nicht die Absicht, Palastina zu 
offnen, und die Briten wie Amerikaner gedachten nicht, mitten im 
Krieg die Hilfsmittel fur massive Operationen bereitzustellen, die aus 
Griinden unternommen wurden, die nur insoweit giiltig gewesen 
waren, wie ihre Propaganda ernstgenommen wurde. Kein normal 
denkender Staatsmann glaubt seine eigene Propaganda. Dieses ist das 
Dilemma, vor das sich J. Breckenridge Long und andere Beamte des 
State Department gestellt sahen. 

Ein anderer Punkt, der hier festgehalten werden muB, ist der, daB 
die 6-Millionen-Zahl ihren Ursprung offenbar in der Propaganda von 
1942 — 1943 hat. Eine Prufung der Frage zum Entstehen der 6 
Millionenzahl konnte leicht zu dem SchluB fuhren, daB sie im IMT 
entstanden sei, als die Anklageschrift eine Zahl (aufgestellt vom 
WeltjudenkongreB) von 5.721.800 „vermiBter" Juden erwahnte und 
Wilhelm Hottl vom SD eine eidesstattliche Erklarung — 2738-PS — 
unterzeichnete und damit behauptete, er habe die Zahl „6 
Millionen" von Eichmann. Hottl zufolge hatte Eichmann sein 
Budapester Biiro in niedergedruckter Stimmung aufgesucht, weil er 
iiberzeugt war, daB der Krieg verloren sei, und befurchtet, daB die 
Alliierten ihn als einen Hauptkriegsverbrecher bestrafen wurden. 
Dann habe er erklart — ohne Anwesenheit anderer Zeugen — , daB 4 
Millionen in Vernichtungslagern getotet worden seien und daB 2 
Millionen den Tod auf verschiedene andere Weise gefunden hatten, 
hauptsachlich durch ErschieBen von Seiten der Einsatzgruppen in 
RuBland. 

Die 6-Millionenzahl scheint erstmals in Rabbi Goldsteins 
Erklarung vom 13. Dezember 1942 aufzutauchen, der dann die 
Darstellung vom 20. Dezember in gleicher Richtung folgte, in der 
eine Zahl von 7 Millionen herausgestellt wurde, die in Gefahr seien, 
vernichtet zu werden und nicht die in der Goldstein-Erklarung 
angedeuteten 6 Millionen. 

Doch das Aufscheinen der Vernichtungsbehauptung „Zwei 
Millionen getotet — 4 (oder 5) noch zu toten" in den Berichten tiber 
offentliche Ereignisse vom 2. und 10. Marz 1943 muB ernster 
genommen werden. Weitere Informationen iiber die letztere Affaire 
kann einer Anzeige entnommen werden, die am 10. Marz (N.Y. 
Times, S. 10) vom „AusschuB fur eine Judische Armee von 
staatenlosen und palastinensischen Juden" unter dem Vorsitz von 
Senator Johnson von Colorado erschien. In der Anzeige wird die 
gleiche Vernichtungsbehauptung aufgestellt (2 Millionen getotet, 4 
Millionen werden noch getotet). Zu Forderern dieser Organisation 
gehorten zahlreiche KongreBmitglieder und andere Prominente. 
Eine weitere ganzseitige Anzeige derselben Organisation am 16. Febr. 
1943 (S. 11) fuhrt 2 Millionen Getotete und 4 weitere Millionen noch 
zu Totender auf (dort wird auch behauptet, daB jene Araber, die sich 
der judischen Masseneinwanderung nach Palastina widersetzten, 
Nazi-Agenten seien). Die beiden Berichte vom 20. April deuten 
einen ziemlich weitverbreiteten Gebrauch der Vernich- 

tungsbehauptung in Form von den 2 Millionen Getoteten und den 
4 (oder 5) noch zu Totenden Anfang 1943 an. 

Wir sehen also einen sehr weitlaufigen Gebrauch der 6 (oder 7) 
Millionenzahl, lange vor Kriegsende, bei dem politischen „ Establish- 
ment", das die Anklagen in Nurnberg formulierte. So glaube ich, 



101 



konnen wir die Propaganda von Ende 1942/Anfang 1943 als den 
Ursprung der 6-Millionenzahl annehmen. Das vollige Losgelostsein 
jener Zahl von alien wie immer wahren Tatsachen spiegelt sich wider 
in Reitlingers ausgefeilten Entschuldigungen fiir seine Ansicht, daB 
er sich nur auf 4,2 bis 4,6 Millionen Juden festlegt, fast alle aus 
Osteuropa, die im Zweiten Weltkrieg umgekommen seien, wovon ein 
Drittel an „Uberarbeitung, Seuchen, Hunger und Elend" gestorben 
sei. 35 Doch sind Reitlingers Zahlen gleichermaBen fast losgelost 
von alien wirklichen Fakten. 

Keineswegs ist erstaunlich, daB sich jemand nach dem Krieg 
gefunden hat, um in Niirnberg zu erklaren, daB die Propagandazahl 
zutreffend sei. Hottl war in der Tat eine angemessene Wahl, da er 
einer von jenen stereotypen „Diensttuenden" war, an denen die Welt 
des Nachrichtendienstes krankt. Geboren 1915 trat er 1938 in den 
SD ein und erwarb sich bald einen Ruf, amtliche mit personlichen 
Geschaften zu verbinden. Er tat sich mit einer befreundeten 
polnischen Grafin zu Geschaften im polnischen Landbesitz 
zusammen, was 1942 zu einer SS-Untersuchung gefuhrt hat. Der 
Untersuchungsbericht bezeichnete ihn als „unredlich, ranke- 
schmiedend, kriecherisch . . . ein wahrer Schwindler" und schloB 
damit, daB er sich nicht einmal fiir die Mitgliedschaft in der SS eigne, 
ganz zu schweigen von einer so empfindlichen Organisation wie dem 
SD. Dementsprechend wurde er zum Mannschaftsgrad degradiert. 
Doch die dann Anfang 1943 folgende Berufung seines 
osterreichischen Landsmannes und Wiener Bekannten Kalten- 
brunner zum Leiter des Reichssicherheitshauptamtes scheint sein 
Geschick gewendet zu haben. Er stieg bis zum Kriegsende in den 
Rang eines Obersturmbannfuhrers auf und spielte in der Ausland- 
abwehr eine verantwortliche Rolle. Nach dem Krieg arbeitete er bis 
1949 fiir den US-Abwehrdienst, indem er Ex-SS-Leute als 
Informanten aufstellte. Es heiBt, er habe es geschafft, diese Aufgabe 
ziemlich lukrativ zu gestalten. Nach 1949 tauchte er in dem 
Schlangenpfuhl der Wiener Politik des Kalten Krieges unter und 
unterhielt Verbindungen mit Neo-Nazis, Sowjetagenten und 
nahezu jedem anderen. Eine besonders enge Beziehung hatte er mit 
einem Sowjetagenten Kurt Ponger, einem naturalisierten US-Burger, 
den er kennengelernt hatte, als Ponger noch Ubersetzer beim IMT 
war (Kurt Ponger, die gleiche Person wahrscheinlich, war auBerdem 
Anwalt der Anklage in Fall 4 — NMT). Hottl geriet beim 
Verber-Ponger Spionage-Fall von 1953 in Verdacht und wurde von 
US-Dienststellen im Marz in Wien verhaftet, aber wenige Wochen 
spater wieder entlassen. Mitte der funfziger Jahre veroffentlichte er 
zwei Bucher iiber seine Kriegserlebnisse (unter dem Pseudonym 
Walter Hagen). Im Jahre 1961 unterschrieb er der Anklagevertretung 
fiir den Eichmann-ProzeB eine eidesstattliche Erklarung (im 
wesentlichen die gleiche wie seine IMT-Erklarung). 36 

Verfasser meiner Richtung haben geschrieben, daB Hottl im 
Krieg ein Agent der Alliierten gewesen sei. Das trifft nicht zu. Das 
einzig Zutreffende an dieser Behauptung ist, daB Hottl gegen Ende 
des Krieges in Kontakt mit Allen Dulles vom OSS (Office of 
Strategie Service, einem amerikanischen Auslandsnachrich- 
tendienst) in der Schweiz gestanden hatte. Dies aber war ein Teil 
seiner Aufgabe; das Reichssicherheitshauptamt war mit dem 
Versuch befaBt, eine giinstige Beendigung der Feindseligkeiten zu 



102 




Abb. 10 : Massengrab in Belsen 



103 



erreichen, und Hottl ist einer jener gewesen, der mit den 
westlichen Alliierten in geheimer Verbindung stand. Ohne Zweifel 
haben viele dieser Abwehroffiziere wahrend der letzten 
Kriegswochen zu handeln begonnen, wobei sie ihr personliches 
Interesse im Auge hatten. Auch ware Hottl zu diesem Zeitpunkt des 
Krieges hocherfreut gewesen, als Agent der Alliierten eingereiht zu 
werden, und hatte dafur Dulles vielleicht freiwillig einige 
Gefalligkeiten erwiesen. Jedoch bieten diese Kontakte nicht mehr 
Beweise dafur, daB Hottl Agent der Alliierten gewesen ist, als dafur, 
daB Dulles Agent der Achse war (von Dulles sagt man sogar, daB er 
seine Gesprache mit antisemitischen Bemerkungen gewiirzt habe, 
wenn er versuchte, das Vertrauen einiger deutscher Kontaktleute zu 
gewinnen. 37 Wenn Hottl Agent der Alliierten gewesen ware, dann 
hatte er sich damit in einem seiner Biicher sicherlich gebriistet (,Die 
geheime Front" und „Hitlers Papierwaffe"), aber eine solche 
Behauptung hat er nicht aufgestellt. Die Einleitung zu „Die geheime 
Front" schrieb im ubrigen Ian Colvin, der genausoviel wie andere 
daruber weiB; zu diesem Sachverhalt auBert er sich nicht. 

27. April 1943, New York Times, S. 10 

Norwegische Deportierte sterben 

Stockholm/Schweden, 26. April (ONA) — Laut heutigen Berichten aus Oslo 
sind die meisten norwegischen judischen Frauen und Kinder, die aus dem 
Land deportiert worden sind, ... an Hunger gestorben. 

Deportierten-Transporte, die Oslo im November und Februar verlassen 
haben, wurden zu ihrem letzten Bestimmungsort im schlesischen Kohlenrevier 
urn Kattowitz verbracht . . . 

3 Mai 1943, S. 12 

England macht sich an Juden schuldig 

Ein Publikum von 1.500 Personen . . . horte Pierre van Paassen erklaren, daB 
Palastina die einzige Losung fur das Fluchtlingsproblem darstelle. 

. . . Mr. van Paassen sagte, GroBbritannien habe ein ,hohles Gespott' aus 
der Fluchtlingskonferenz auf Bermuda gemacht, weil es die Erorterung 
Palastinas von den moglichen Losungen ausgeschlossen habe. 

England ist der Ansicht, daB die Modernisierung Palastinas durch die Juden 
die Saulen seines Empire gefahrde . . . 

Dies ist der wahre Grund, daB viele Juden dem Tod entgegensehen, weil 
England die Tore Palastinas vor ihnen verschlossen halten will. 

20. Mai 1943, S. 12 

Eden knupft Sieg an die Hoffnungen der Fluchtlinge 

London, 19. Mai . . . Eden betonte, es sei nicht fair, die britische Regierung 
zu bezichtigen, die Lage zu ignorieren ... Er gab bekannt, daB das 
Kriegskabinett den Bermuda-Konferenzbericht gebilligt habe . . . 

London, 19. Mai (Reuter) . . . Der WeltjudenkongreB gab seiner tiefen 
Enttauschung uber die Ergebnisse der Bermuda-Konferenz Ausdruck. 
Die Note wies darauf hin, daB der Weg nach Palastina jetzt frei sei. 

22. Mai 1943, S. 4 

Im letzten Standort der Juden fielen 1 .000 Nazis 

Drahtloser Bericht an die New York Times 

London, 21. Mai. — Fast 1.000 Deutsche wurden in der Schlacht im 
Warschauer Ghetto wahrend der letzten zwei Wochen getotet oder 
verwundet, als die Nazis die endgultige Auflosung des Ghettos vornahmen . . . 
Weitere Meldungen von der antijudischen Kampagne wurden heute vom 

104 



SWIT, dem polnischen Geheimsender, aufgefangen. Er gab durch, die Nazis 
hatten begonnen, das Ghetto von Krakau und Stanislawow aufzulosen . . . 
Dabei wurde auf die Juden geschossen, wo immer man sie fand, oder sie 
wurden in Gaskammern getotet." 

7. Juni 1943, S. 15 

„Zusammenkunft der Hoffnung" abgehalten 

6.000 Kinder . . . nahmen gestern an einer „Zusammenkunft der Hoffnung" 
teil ... 

Jiidische Kinder und ihre Eltern werden von einem barbarischen Feind 
gefoltert und getotet . . . 

9. Juni 1943, S. 3 

London, 8. Juni (Reuter). — Nicht weniger als 3.500 Juden sind kurzlich aus 
Saloniki, Griechenland, nach Polen deportiert worden, so wurde gestern hier 
bekannt . . . Manner, Frauen und Kinder wurden unterschiedslos in 
Viehwagen zusammengedrangt, die dann versiegelt wurden, wurde 
hinzugesetzt. 

13. Juni 1943, S. 8 

Nazi-Vergasungen von Fluchtlingen gemeldet 

tel. Benefit an die New York Times 

Stockholm/Schweden, 12. Juni. — Uber 10.000 Juden sind seit dem letzten 
Oktober im Distrikt Brest-Litowsk getotet worden . . . laut dem schwedisch- 
sprachigen in Stockholm erscheinenden Jewish Chronicle. 

Tausende sind in hermetisch versiegelten Schuppen zu Tode vergast worden 
und andere wurden in Gruppen zu je 60 in angrenzenden Waldern erschossen, 
meldet die Zeitung . . . 

Als Dr. Robert Ley, Chef der Deutschen Arbeitsfront, kurzlich in Konigsberg, 
Bialystok und Grodno gesprochen hat, sagte er : „Die Juden sind das 
auserwahlte Volk, in Ordnung — aber nur zu Vernichtungszwecken." 

15. Juni, S. 8 

Nazis deportierten 52.000 Belgier 

London, 14. Juni (AP). — Die belgische Exilregierung stellte heute fest, dal3 
die Deutschen fast alle 52.000 belgischen Juden in Konzentrationslager in 
Deutschland, Polen und im besetzten RuBland verbracht hatten. 

Reitlinger berichtet fur Belgien die gleichen Verhaltnisse wie fur 
Frankreich. Unter den aus Belgien deportierten Juden waren 
„praktisch keine" belgischen Juden. Erwahnenswert ist, daB im 
wesentlichen das gleiche fur Italien und Danemark gait. 38 

21. Juni 1943, S. 2 

Bermuda-Gesprache gescholten 

Eine Resolution, die die Tatenlosigkeit' der Bermuda-Konferenz verurteilt 
und einen weiteren Anruf an President Roosevelt und Premierminister 
Churchill beschlieBt, Palastina fur Fluchtlinge zu offnen, wurde gestern von 
dem Orden der , Sonne Zions' einstimmig gefaBt . . . im Hotel Pennsylvania. 

21. Juni 1943, S. 3 

Rumanen des Mordes an 5.000 beschuldigt 

Bern/Schweiz, 20. Juni (UP). — Schweizer Zeitungen meldeten heute abend, 
daB 5.000 von den Achsenpropagandisten als bei Odessa begraben gemeldeten 
Leichen jene von rumanischen Juden gewesen sind, die von der rumanischen 
Geheimpolizei ermordet worden sind. Die rumanische Presse gab die 
Entdeckung des Massengrabes am 22. April bekannt und behauptete, es 
handele sich urn die Leichen von Rumanen, die von den Russen nach deren 



105 



Besetzung BeBarabiens und der Bukowina 1940 ermordet worden seien. 

23. Juni 1943, S. 8 

Hollands Juden von den Nazis hinausgesetzt 

London, 22. Juni (UP) — Alle Juden in Amsterdam sind von den Deutschen 
nach Polen deportiert worden, womit die Aussiedlung der gesamten judischen 
Bevolkerung der Niederlande abgeschlossen ist, berichtete die Aneta 
Nachrichtenagentur heute. 

Diese Geschichte ist nicht wahr. Dennoch ist die Mehrzahl der 
hollandischen Juden deportiert worden. Die Griinde fur die groBen 
Unterschiede der Politik in Holland (und Luxemburg) einerseits und 
in Belgien und Frankreich und anderen Landern andererseits werden 
in einem spateren Kapitel behandelt. Von den 140.000 
hollandischen Juden sind etwa einhunderttausend — und zwar 
hochstwahrscheinlich nicht nach Polen — deportiert worden. 39 

28. Juni 1943, S. 8 

London 27. Juni (Reuter). — Eine deutsche Rundfunksendung fuhrte 
heute den ungarischen Premier Nicholas von Kallay an, der geauBert habe, 
daB alles noch verbliebene Eigentum von Juden in Ungarn am Ende dieses 
Jahres in ,arische' Hande ubergehen werde. Dieses Eigentum soil an jene 
verteilt werden, die sich im Krieg ausgezeichnet haben, und an Familien mit 
vielen Kindern, heiBtes. 

29. Juni 1943, S. 6 

Nazis richten 150 Juden hin 

London, 28. Juni (Niederlandische Nachrichtenagentur). — Die Deutschen 
haben mit MassenerschieBungen unter Hollands, nach Polen deportierten 
Juden begonnen, so wurde heute abend gemeldet. . . . Im Dorf Turck sind 150 
Juden mit Maschinengewehren niedergemaht worden . . . Bei Socky . . . sind 
340 hollandische Juden mit dem MG erschossen worden und 100 Frauen 
und Kinder wurden in der Nahe von Potok niedergemacht . . . Sie gehorten zu 
den Tausenden von Juden, die von Holland in das beruchtigte Lager von 
Treblinka transportiert worden waren. 

Es erscheint seltsam, Leute aus einem Vernichtungslager 
abzutransportieren und sie erst danach zu toten. Wer immer diese 
Mar erdacht hat, war offenkundig nicht nur nicht dariiber 
unterrichtet, welchen Zwecken Treblinka dienen sollte, sondern 
auch nicht iiber die Hohe der Zahlen, die es iippig herumzu- 
schleudern gait. 

21. Juli 1943, S. 13 (immer noch „New York Times") 

Rasche Hilfe fur Europas Juden gefordert 

Sofortiges Handeln, urn die Juden aus den nazi-beherrschten Landern zu 
retten, wurde gestern abend von den Sprechern auf der Eroffnungssitzung der 
,Notkonferenz zur Rettung der Juden Europas' gefordert, die im Hotel 
Commodore stattfand . . . Vertreter Rogers wies darauf hin, daB etwa 3 
Millionen von Europas 7 Millionen Juden bereits umgekommen seien, und 
hob hervor, daB , dieses eine Frage ist, die nicht mit Stimmbandubungen und 
Routine-Protesten gelost werden kann' . . . ,Sicherlich gibt es genugend leeren 
Boden und unbevolkerte Gebiete, urn 4 Millionen gequalte Menschen 
unterzubringen', sagte er, ,Palastina ist der logische Ort. Es liegt naher und ist 
sogar uber Land zu erreichen, nicht nur uber das Meer 



106 



Graf Sforza gab der Hoffnung Ausdruck, daB Juden und Araber in Zukunft 
bei der Errichtung einer groBen Nahost-Foderation mit Palastina als Mitglied 
zusammenarbeiten konnten. 

2. August 1943, S. 10 

16 Millionen von der Achse zu Fluchtlingen gemacht 

Washington, 1. Aug. — Eine Ubersicht uber das europaische Problem der 
Fluchtlinge, die heute von der AuBenpolitischen Gesellschaft veroffentlicht 
wurde, stellt test, daB nur eine gemeinsame Anstrengung seitens der 
GroBmachte oder einer internationalen Organisation in der Lage sei, die 
Situation, die dem Ende des Krieges folge, zu bewaltigen . . . 

Auf der Grundlage von Berichten der Exilregierungen und anderer 
Informanten, so besagte der Bericht, wurde geschatzt, daB von den Juden, die 
1939 in europaischen Landern lebten, die jetzt von der Achse besetzt seien, 2 
Millionen bereits deportiert worden oder an verschiedenen Arten der 
MiBhandlung oder absichtlichen Totung umgekommen seien . . . 

Die AuBenpolitische Gesellschaft scheint sich in ihren Vernich- 
tungsbehauptungen nicht mehr sicher zu sein, denn sie vermittelt 
den Eindruck, daB die meisten Juden „ deportiert" worden seien, 
obwohl die Propagandisten zu diesem Zeitpunkt bereits von 3 
Millionen toten Juden reden. 

8. Aug. 1943, S. 11 

Anklage : 2 Millionen Morde durch Nazis 

London, 7. Aug. — .Polish Labor Fights' (Die polnische Arbeiterschaft 
kampft), eine heute hier erschienene Publikation, gab eine Darstellung uber 
ein von den Deutschen betriebenes Haus in Treblinka (Polen), das der 
Vernichtung von Juden dient. Allein an diesem Ort, so hieB es, haben die 
Deutschen 2 Millionen Personen ermordet . . . Sobald die Zellen gefullt sind, 
wurden sie geschlossen und verriegelt. Durch Offnungen wurde Dampf 
hindurchgetrieben, und das Ersticken der Opfer beganne. Zunachst konne 
man Schreie horen, aber diese lieBen allmahlich nach, und nach 15 Minuten 
ware alles still. Die Exekution ist voruber ... Oft ist ein Totengraber zu 
schwach, urn, wie befohlen, zwei Leichen zu tragen, und so bindet er Arme 
oder Beine zusammen und lauft, die Leichen hinter sich herzerrend, zum 
Grabergrund. 

Nach dem Krieg hieB die Geschichte naturlich, daB die Leichen 
verbrannt worden seien, nicht vergraben. Denn es gab diese 
Millionen vergrabener Judenleichen einfach nicht. 

27. Aug. 1943, S. 7 

Bericht deckt Schicksal von 8,3 Millionen Juden auf 

eine 300seitige Aufstellung gestern von dem amerikanischen 
JudenkongreB sowie dem WeltjudenkongreB der Offentlichkeit ubergeben. 

Uber 3 Millionen Juden sind durch geplantes Verhungern, Zwangsarbeit, 
Deportierung, Pogrome und methodisches Morden seit dem Ausbruch des 
Krieges 1939 in von Deutschen betriebenen Vernichtungszentren in Osteuropa 
umgekommen, wie es in dem Bericht genannt ist. Wahrend 1 ,8 Millionen 
Juden durch Wegzug ins Innere der Sowjetunion gerettet worden sind, ist es 
180.000 gelungen, in andere Lander auszuwandern. 



107 




Abb. 11 : Britischer Wachposten im Lager Belsen 



108 



In der Aufstellung wird erklart, daB 1 ,7 Millionen Juden Opfer von 

organisierten Massakern und Pogromen geworden seien . . . , daB 750.000 

Juden durch Hunger und dessen Folgen umgekommen und 350.000 wahrend 
der Deportation gestorben seien. 

Eine Tabelle, die aufzeigt, wie die Vernichtung durchgefuhrt wurde, . . . folgt : 



Deutschland 


110.000 


Polen 


1.600.000 


UdSSR 


650.000 


Litauen 


105.000 


Lettland 


65.000 


Osterreich 


19.500 


Rumanien 


227.500 


Jugoslawien 


35.000 


Griechenland 


18.500 



Belgien 


30.000 


Holland 


45.000 


Frankreich 


56.000 


Tschechoslowakei 


64.500 


Danzig 


250 


Estland 


3.000 


Norwegen 


800 


Insgesamt 


3.030.050 



27. Aug. 1943, S. 7 

Geplante Nazi Mordpolitik von amtlicher alliierter Behorde offengelegt 

London, 26. Aug. (UP) — Der interalliierte InformationsausschuB . . . hat 
heute abend Deutschland, Italien und beider Satelliten . . . eines geplanten 
Programms fur Diebstahl in groBem AusmaB, Mord, Folterung und Barbarei 
ohne Beispiel in der Weltgeschichte beschuldigt . . . 

Polen. — Erschopfung, Folterung, Krankheit und ErschieBungen haben von 
dem Zeitpunkt an, an dem eine Person in ein Konzentrationslager verbracht 
wurde, eine Lebenserwartung von nur 9 Monaten entstehen lassen. Die 
Zustande sind besonders schlimm im Lager Auschwitz, wo 58.000 Personen 
umgekommen sein sollen. Mindestens 1 Million Juden sind in Polen wahrend 
der vergangenen 3 Jahre umgebracht worden, verhungert oder totgeschlagen. 
In Warschau gestatten die Essensrationen nur 23,4% der zum Leben 
notwendigen Kalorien. 

Dieses war einer der sehr wenigen genauen Hinweise vor 1944 auf 
das KZ Auschwitz (obwohl die Meldungen vom 7. Marz und 27. 
April versteckte Hinweise enthielten). Das Interessante bei diesem 
Hinweis auf Auschwitz ist, daB er im wesentlichen zutrifft, wenn 
man auch der Zahl 58.000 nicht vertrauen kann und „Folterungen" 
und „ ErschieBungen" nicht als Ursachen fur die hohe Sterberate 
eingeschlossen werden diirfen. Immerhin weist diese Meldung 
uneingeschrankt die Nachkriegsbehauptungen iiber die Vernichtung 
zuriick, denenzufolge in Auschwitz fast taglich Tausende getotet 
worden seien, was spatestens im Sommer 1942 begonnen und bis 
Herbst 1944 fortgesetzt worden sein soil. 

8. Okt, 1943, S. 5 

Gesamtsauberung Europas von Juden 

Stockholm/Schweden, 7. Okt. — Hiesige gutunterrichtete Kreis erklarten 

heute, daB ein in Berlin erlassenes Dekret die Entfernung aller Juden aus 

Europa vor dem Ende des Krieges anordnet. In der Quelle heiBt es, daB der 
Befehl von Hitler selbst erteilt worden sei. 

. . . Die treibende Kraft hinter der Verfolgung danischer Juden ist der 
sogenannte ,Judendiktator', Sturmmann Eighmann . . . , der in Palastina als 
Kind deutscher Emigranten geboren wurde und dort aufwuchs und bekannt 
ist fur seinen sadistischen HaB gegen die Juden. Er hat die gesamte 
Vernichtungsaktion gegen die Juden in Deutschland und den besetzten 
Gebieten geleitet . . . 



109 



Dieses scheint Eichmanns Debut in der Propaganda zu sein und 
wahrscheinlich die Quelle des Mythos, daB er in Palastina 
aufgewachsen sei (er wurde in Solingen/Deutschland geboren und 
wuchs in Linz, Osterreich auf). 

3. Nov. 1943, S. 4 

Frau Mikolajczyk Geisel der Deutschen 

Die 43jahrige Frau des polnischen Premiers Stanislaw Mikolajczyk wird von 
den Deutschen als Geisel im KZ Auschwitz festgehalten und steht vielleicht 
vor der unmittelbaren Exekution, so berichtete gestern die polnische 
Telegraphenagentur aus London . . . Auschwitz ist das beruchtigtste deutsche 
Gefangnis in Polen, wo Tausende hilfloser Opfer zu Tode gefoltert worden 
sind . . . Die Namen der fur das Massaker an polnischen Juden hauptverant- 
wortlichen Deutschen wurden in einer polnischen Erklarung in London 
angegeben. 

,Es gibt 10 davon, angefiihrt von Ludwig Fischer, dem Nazigouverneur des 
Warschauer Bezirks ... Ein Mitglied des polnischen Nationalrates sagte, daB 
die meisten Juden in Polen bereits ausgetilgt seien'. 

29. Nov. 1943, S. 3 

50.000 Kiewer Juden als getotet gemeldet 

Kiew/RuBland. 22. Okt. (verspatet). — MaBgebliche Stellen in Kiew 
erklarten heute, daB die Deutschen zwischen 50.000 und 80.000 Kiewer 
judischer Manner, Frauen und Kinder Ende September 1941 mit 
Maschinengewehren erschossen hatten, und zwei Jahre spater — als die 
Wiedereroberung Kiews durch die Rote Armee unmittelbar bevorzustehen 
schien — russische Kriegsgefangene gezwungen hatten, alle Leichen zu 
verbrennen, wobei alle Beweise fur das Verbrechen beseitigt worden seien . . . 
Auf Grund dessen, was wir gesehen haben, ist es diesem Berichterstatter 
unmoglich, die Wahrheit oder Unrichtigkeit des uns Berichteten zu 
beurteilen. 

6. Dez. 1943, S. 10 

Gefangenentotungen den Deutschen angelastet 

London, 5. Dez (UP). — Beweise, daB russische Kriegsgefangene in 
deutschen Konzentrationslagern erschossen und verbrannt worden seien, sind 
der tschechischen Emigrantenregierung von einem tschechischen Offizier 
angeboten worden, der mehrere Jahre in einem deutschen Gefangenenlager 
verbracht hat, bevor er nach England entkommen ist ... Die Zahne des 
Offiziers waren herausgefallen, nachdem er auf den Mund geschlagen worden 
war; auf einem Ohr war er taub infolge eines Hiebes auf den Kopf, und auf 
seinem Korper befand sich die Narbe eines Hakenkreuzes, die, wie er sagte, 
ihm von den Deutschen eingeschnitten worden ware, zu denen er wegen der 
Behandlung einer Infektion gegangen war . . . Juden waren willkurlich aus den 
Gefangenen im Lager ausgesucht und erschossen worden, sagte er . . . 

Dieses beendet die Aufzahlung entsprechender Meldungen der 
„New York Times" fur die Zeitspanne Fruhjahr 1942 bis zum Jahre 
1943. Eine Auswahl meinerseits war naturlich notwendig, aber ich 
glaube, daB damit ein angemessenes Bild von der Art Meldungen 
geboten worden ist, die in angeblichen Intelligenzkreisen umliefen. 
Was nicht wieder eingefangen werden kann, ist die hysterische 
Atmosphare jener Zeit. Der kritische Leser wird die verhaltnismaBig 
hohe Seitenzahl vieler der angefuhrten Meldungen bemerkt haben, 
besonders jener, die genaue Beispielbehauptungen von Massento- 



110 



tungen enthalten. In der praktischen Politik zahlt jedoch nur die 
erste (Titel-) Seite! Wenn Roosevelt etwas gesagt hatte, so wurde das 
normalerweise auf der Titelseite gebracht, aber nur, weil er es gesagt 
hatte, nicht weil es irgendetwas Interessantes oder Markantes war. 
Die behaupteten Vernichtungen von Juden scheinen wahrend des 
Krieges kein groBes Gewicht fur die Offentlichkeit bzw. Verof- 
fentlicher gehabt zu haben, wenn man dies vom Mangel jeder 
Hervorhebung solcher Meldungen her beurteilt. Um es anders 
auszudriicken : Wenn man einige Zeit damit verbringt, die Zeitungen 
von damals durchzusehen, so wird ein hohes MaB von Feindseligkeit 
gegen die Nationalsozialisten offenkundig, wenn auch der genaue 
Grund hierfur schwerlich auszumachen ist. Infolgedessen fehlt so 
etwas wie ein emotioneller Zug in unserer Aufstellung, aber das ist 
unvermeidlich. 

Zwei wesentliche Bemerkungen im Hinblick auf die Vernichtungs- 
propaganda : (1) Die Legende hat ihren Ursprung unter den 
Zionisten und (2) Auschwitz ist erst sehr spat im Kriege als 
Vernichtungslager hingestellt worden. 

Wir haben gesehen, daB sich die ersten Vernichtungsbehauptungen 
nicht einmal auf einen Fetzen von Nachrichtenangaben stiitzen. 
Zionisten, hauptsachlich der WeltjudenkongreB, haben ihren 
Nonsens lediglich den alliierten Regierungen vorgelegt, insbesondere 
der US-Regierung, und verlangt, daB diese sich hinter ihren Unsinn 
stellen. Die ersten Reaktionen in Washington waren die, iiber die 
Behauptungen zu spotten. Doch mittels unterschiedlicher 
politischer Druckausiibung — und nur auf Grund jenes Druckes und 
nicht, weil unterstiitzende Informationen vom militarischen 
Nachrichtendienst vorlagen! — unterstiitzte Washington schlieBlich 
die Vernichtungspropaganda. Auf diese Weise gaben hohe Beamte 
nichtssagende offentliche Erklarungen zu ihrer Untermauerung und 
lieBen Propagandaburos spezifischere Angaben obskurer Art 
anfertigen. Die anfangliche Propaganda hatte Ziige, die sich bis heute 
in der Legende erhalten haben, wie die 6-Millionenzahl, und auch 
solche, die rasch in Vergessenheit gerieten wie die Seifenfabriken 
z. B., obwohl die Urheberschaft fur beide Angaben bei den gleichen 
Zionistenkreisen liegt. 

Der Ausdruck „ Zionisten" wird hier nicht als Deckname fur 
Judisch" verwendet. Wenn der Schwindel, wie das Beweismaterial 
zeigt, ein judischer Schwindel ist und zwar in dem Sinne, daB er von 
Juden erfunden wurde, so ist er doch auch ein zionistischer 
Schwindel in dem Sinne, daB er von Juden, die Zionisten waren, 
zugunsten zionistischer Ziele erfunden wurde. Der zionistische 
Charakter der Propaganda ist recht klar. Man merke sich die 
Personen, die auf MaBnahmen drangten, Juden aus Europa 
auszusiedeln (unter den Umstanden ein verstandlicher Vorschlag), 
gekoppelt mit solchen Vorschlagen und Forderungen, solche Juden in 
Palastina anzusiedeln, was beweist, daB die zionistischen Pro- 
pagandisten sehr viel mehr im Sinn hatten, als lediglich Hilfe fur 
Fluchtlinge und Opfer der Verfolgung*. 

* In seiner Sammlung „Morgenthau Era Letters" — Leserbriefe aus der Morgenthau-Ara beklagt 
der Deutsch-Amerikaner Prof. Austin J. App in seinem Schreiben an die Zeitschrift 
.Progressive" (Madison/Wisconsin) am 4. 1. 1947 das Buhnenspiel des Zionisten Ben Hecht 
„Let's rob-lie-kill-to-get Palestine" — „l_a(3t uns rauben, lugen, morden, um Palastina zu 
bekommen". — Anm. d. 0. 



Ill 



Auch haben wir bereits vermerkt, daB Auschwitz in der 
Vernichtungspropaganda der Jahre 1942 und 1943 fehlte, obschon, 
hatte es Vernichtungen an einem so markanten Ort gegeben, 
militarische Nachrichtendienste und auch andere mit Sicher- 
heit davon erfahren hatten. GewiB, der Lagerbereich Auschwitz 
tauchte wohl in der Propaganda auf, doch die kennzeichnenden 
Behauptungen (allerdings im Umfang uberhoht), die sich auf eine 
hohe Sterberate mehr oder weniger normaler Ursachen bezogen, 
trafen im wesentlichen zu. Immerhin gab es keine Behauptungen von 
Gaskammern oder Vernichtungen. Naturlich mache ich den 
Vorbehalt, daB ich nach einem vertretbar grundlichen Studium den 
Namen Auschwitz in der Vernichtungspropaganda von 1942 — 1943 
nicht gesehen habe. Treblinka, Belczek und Chelmno kamen in den 
Zeitungsmeldungen iiber Verbrechen vor, nicht aber Auschwitz. 

Diese Erkenntnis wird von den Zeitschriften und Buchern der 
Zeitspanne bestatigt, die ich gepruft habe. Drei Zeitschriften ragen 
besonders hervor. „ Commonweal" brachte am 4. Juni 1943 einen 
Artikel von Jacques Maritain, worin zusammengefaBt wurde, was er 
offensichtlich auf Grund einiger Untersuchungen fur die 
Hauptkennzeichen des Vernichtungsprogramms halt. Auschwitz 
wird nicht erwahnt, obschon Vernichtungen mittels „Giftgas, 
Starkstrom, Massenzusammendrangung in geschlossenen Raumen, 
wobei nach und nach Erstickung die Folge ist, Erstickung ... in 
versiegelten Giiterwagen" erwahnt sind. Besonders auf Chelmno 
wurde hingewiesen. 

Die „New Republic" vom 30.8.1943 war eine Sondernummer zu 
der Lage der Juden in Europa, der keinerlei Hinweis auf Auschwitz 
zu entnehmen war. Eine doppelseitige Anzeige, eingeruckt vom 
„Judischen ArbeiterausschuB" (New York), erwahnt nur Treblinka, 
Belczek und „hermetisch versiegelte Wagen, in denen und wo Juden 
vergiftet werden." 

„ Survey Graphic" vom April 1943 bringt einen zweiseitigen 
Artikel von William L. Shirer. Das Thema bildet eine lange 
Aufzahlung deutscher Greueltaten. Shirer erwahnt Auschwitz, aber 
lediglich in Verbindung mit einer angeblich hohen Sterberate von 
250 Polen pro Tag, verursacht durch „ErschieBungen, un- 
menschliche Behandlung, Hunger und Epidemien". Shirer be- 
hauptet Vernichtungen in Belczek. 

Der Shirer-Artikel fuhrt einen Bericht der polnischen Regierung in 
London vom 7. Marz 1943 als Quelle fur die Angaben iiber 
Auschwitz an. Dieses ist der fruheste Hinweis auf Auschwitz in der 
Propaganda, den ich kenne. Der einzige Anwarter auf eine noch 
fruher aufgestellte Behauptung, von dem ich weiB, tritt in „The 
Black Book of Polish Jewry" (,Das Schwarzbuch der polnischen 
Judenheit") von J. Apenszlak, Hrsg. 1943, auf. Auf den Seiten 56 
und 59 werden Berichte im „East London Observer" Anfang 1942 
erwahnt, wonach die Asche von Juden, die nach Auschwitz ver- 
bracht worden waren, an ihre Verwandten zuriickgesandt wurde (im 
Widerspruch zur Nachkriegspropaganda). Doch soweit ich fest- 
stellen konnte, hat es den „East London Observer" gar nicht 
gegeben! „The Black Book" — man bedenke! — behauptet ebenfalls 
keine Vernichtungen in Auschwitz, spricht hingegen von Vernich- 
tungen durch Gasmobile in Chelmno (S. 115 — 117, in 



112 



Ubereinstimmung mit spateren Behauptungen), durch Starkstrom in 
Badern in Belczek, gefolgt von Vergrabungen (S. 131, nicht in 
Ubereinstimmung), durch tagelanges Verbleiben in Guterwagen 
nahe Belczek, wo anschlieBend die Leichen verbrannt wurden 
(S. 137 ff, nicht in Ubereinstimmung). SchlieBlich erwahnt es auch 
Dampfbader in Treblinka mit nachfolgendem Vergraben der 
Leichen (S. 143, nicht in Ubereinstimmung), dazu der Dieselmotor, 
dessen Abgase in spateren Versionen der Mar zum Toten verwendet 
wurden, wird hier im „The Black Book" zum Ausheben der Graber 
benutzt. 

Eine einzige Quelle bleibt, die den Eindruck vermittelt, daB 
Auschwitz in der Vernichtungspropaganda Anfang 1943 oder noch 
fruher erscheint. Dies geschieht in dem Buch „The Devil's Chemists" 
(,Des Teufels Chemiker") von Josiah DuBois, dem wir als Beamten 
des Finanzministeriums im Krieg begegnet sind. Im NMT nach 1945 
war DuBois Hauptanklager beim IG-Farben-ProzeB, und sein Buch 
ist eine Darstellung des Prozesses und anderer solcher Vorgange, die 
er als dazugehorig betrachtet. Seinen Ausfuhrungen zufolge gelangte 
eine Meldung iiber Auschwitz im November 1942 auf seinen 
Schreibtisch. Die Meldung ubermittelte den Inhalt einer Aufzeich- 
nung, ein „verknulltes Testament der Verzweiflung", angeblich von 
einem Arbeitshaftling in Auschwitz geschrieben und dann im 
Untergrund von Hand zu Hand nach Bern weitergereicht : 

„Wir arbeiteten in der riesigen Buna-Fabrik . . . Dort stand eine Kette von 
Wachposten, und wer den Bereich uberschritt, wurde ohne Warnung ,beim 
Fluchtversuch' erschossen. Dennoch wurden solche Versuche jeden Tag 
unternommen, sogar von einigen, die versuchten, an den Wachen 
vorbeizukriechen, weil sie nicht mehr laufen konnten." 

Die Aufzeichnung widmete sich auch den Ter Meers (von 
IG-Farben) „stereotypen Sinnverknupfungen von Hakenkreuz, 
Reitpeitsche und handfestem Spott" (was zu keiner Zeit in Ter 
Meers Leben charakteristisch war). Die angebliche Herkunft und 
Geschichte der Aufzeichnung lassen die ganze Sache ziemlich albern 
erscheinen, aber man muB das starke tatsachenentsprechende 
Element in der Aufzeichnung zur Kenntnis nehmen; ungefahr zu 
dieser Zeit waren viele Arbeiter in Auschwitz tatsachlich in einer 
Verfassung, die es ihnen nicht erlaubte zu arbeiten oder auch nur zu 
gehen. Folglich war diese Botschaft keine echte Vernichtungspro- 
paganda und wir konnen nicht sicher sein, daB sie wirklich existierte. 
Wenn aber doch, so deutete sie lediglich an, daB die Propagandisten 
Ende 1942 sehr wohl wuBten, was in Auschwitz vor sich ging. 

DuBois schickt sich sodann an, den Leser falsch zu unterrichten, 
daB die beiden Botschaften vom Januar und April 1943, die Harrison 
an das State Department geschickt hatte und die weiter oben 
erortert wurden, auf Auschwitz verweisen wurden; d. h. es ware 
Auschwitz, wo jeden Tag 6.000 getotet worden seien. Damit gibt 
DuBois ganz einfach Falschangaben weiter. Sein Motiv scheint zu 
sein, daB er als Anklager im IG-Farben-ProzeB versucht hat, die 
Bedeutung von Auschwitz in jeder Beziehung so groB wie moglich 
herauszustellen. Somit hat er in die Vorgange etwas hineingelesen, 
was dort einfach nicht steht. 40 



113 



Was haben nun aber die Deutschen tiber die alliierten Propaganda- 
geschichten gesagt? V. Stumm von der Auslandspresseabteilung des 
Auswartigen Amtes hat die Vernichtungsbehauptungen lacherlich 
gemacht, als sie zuerst von den alliierten Regierungen aufgestellt 
worden waren. Das war seitens der Deutschen Reichsregierung 
ein seltener Fall, auf ein spezifisches Propagandamachwerk der 
Alliierten einzugehen. Die Wochenzeitschrift „Das Reich", 
herausgegeben vom Goebbels-Ministerium, und der „Volkische 
Beobachter", die Tageszeitung der NS-Partei, kommentierten zur 
„Greuelpropaganda" viel, aber allgemeiner Art, doch man ging sehr 
wenig auf einzelne Propagandabehauptungen ein. Die gewohnliche 
Situation war die des ,Kein Kommentar zu judischen Vernich- 
tungsbehauptungen', ebensowenig wie zu anderen spezifischen 
Propagandabehauptungen, z. B. Aushungern und Foltern ameri- 
kanischer und britischer Kriegsgefangener und die verschiedenen 
Schauergeschichten Hollywoods wie die Blutentnahme bei Kindern 
in besetzten Landern zur Verwendung in der Wehrmacht. 

Der Grund fiir diese relative Schweigsamkeit zu spezifischen 
Propagandabehauptungen war zweifellos der, daB es vom deutschen 
Standpunkt nicht notig war, sich mit ihrem Inhalt zu befassen. Man 
hatte das alles schon einmal im Ersten Weltkrieg gesehen. 
Dementsprechend lag die Pressebehandlung der „Greuel- 
propaganda" auf einer hoheren Ebene; und anstatt sich um den 
spezifischen Inhalt der Meldungen zu kummern, behandelte man 
Fragen von politischem Interesse, denen die Propaganda diente und 
mit dem Grad und Weg des judischen Einflusses in der alliierten 
Presse, (s. dazu z. B. „Das Reich" vom 20. Dezember 1942). 

Das offizielle Festlegen in Washington auf die Behauptung, daB 
Auschwitz ein Vernichtungslager sei, erfolgte im November 1944 
nach der angeblichen Beendigung des Totungsprogrammes und 
zwar in Form des Berichts vom „Kriegsfluchtlingsamt" (War 
Refugee Board). 

(Die Behauptung ist viele Male in der Propaganda Anfang 1944 
aufgetaucht; diese Meldungen werden in einem spateren Kapitel 
behandelt). Die Freigabe des Berichts wurde von der „New York 
Times" am 26. November 1944 (S. 1) gemeldet, und es wurden einige 
Ausziige gebracht. 

Der WRB-Bericht ist als aus zwei Berichten bestehend beschrie- 
ben, wovon einer von „zwei jungen slowakischen Juden" und der 
andere von „einem polnischen Major" geschrieben sei, die alle drei 
vom Fruhjahr 1942 bis zum Fruhjahr 1944 Haftlinge in Auschwitz 
gewesen waren, wo sie dann entkamen (die beiden Juden am 7. 
April). Eine kurze Erganzung soil von zwei anderen jungen Juden 
geschrieben worden sein, die am 27. Mai 1944 geflohen und in die 
Slowakei gelangt waren (bis 1945 unter deutscher Herrschaft), um 
ihren Bericht zu verfassen, der angeblich am 6. August 1944 in der 
Schweiz angekommen sein soil. Die Verfasser sind vollig anonym, 
was damit gebuhrend entschuldigt wird, daB „deren Namen vorlaufig 
im Interesse ihrer eigenen Sicherheit nicht bekanntgegeben werden 
konnen". Doch sie blieben bis heute anonym, was bezeichnend 
genug ist. 

Die Abschnitte 1, 2 und 3 bilden den ersten und groBeren Teil des 
Berichts (Abschnitt 4 stellt den 2. Teil dar). Jener erste Teil soil von 
einem slowakischen Juden geschrieben worden sein, der in 



114 



Auschwitz am 13. April 1942 ankam, wo er (auf seine linke 
Brustseite tatowiert) eine Registriernummer um 29.000 herum 
erhielt. Er wurde schlieBlich Registrator im Krankenbau von 
Birkenau. Der erste Abschnitt bietet im wesentlichen eine 
ausfiihrliche Aufstellung fiir die in Auschwitz eintreffenden Ziige mit 
den fiir die Zeit von April 1942 bis April 1944 ausgegebenen 
Registriernummern. Ungefahr 55 Gruppen von Transporten 
(manchmal gehorte mehr als ein Transport zu einer Gruppe) sind 
aufgefuhrt mit den zugegebenermaBen ungefahren fiir jede Gruppe 
ausgegebenen Personal-Registriernummern. In dem fortlaufenden 
Nummerierungssystem, in dem keine Zahl zweimal aufgefuhrt ist, 
beginnen sie bei 27.400 und gehen bis 189.000. Fiir jede Gruppe sind 
die vertretenen Nationalitaten sowie andere Informationen ent- 
halten (z. B. jiidisch oder arabisch, politische Gefangene oder 
andere, gelegentliche Namen von Einzelpersonen, Zahlen fiir 
„Vergaste" anstatt „Registrierte" usw.) 

Der WRB-Bericht, wenn er annahernd korrekt in diesen Dingen ist 
(wobei ihm zu entnehmen ist, daB die als „vergast" bezeichneten 
Personen entweder nie existiert haben oder an einen anderen Ort 
verbracht worden sind), ist eine der beiden bekannten Quellen fiir 
eine betrachtliche Anzahl solcher Informationen (die andere ist die 
herangezogene Reihe von Berichten des hollandischen Roten 
Kreuzes, die das Thema von Anhang C bildet). 

Fast alle diese Informationen stammen von dem Verfasser des 
ersten Abschnitts vom WRB-Bericht. Doch nachdem dieser aus dem 
Lager Auschwitz entwichen war, machten die WRB-Verfasser 
weitere Aufzeichnungen fiir die Zeitspanne vom 7. April bis 27. Mai 
1944 und fiigten sie dem Bericht hinzu. 

Der 2. Abschnitt des Berichts soil von einem slowakischen Juden 
geschrieben worden sein, der im Lager Lublin um den 4. Juni 1942 
herum eintraf, aber um den 30. Juni 1942 herum nach Auschwitz 
verlegt worden sein will. GemaB dem 1. Abschnitt des Berichts hatte 
er eine Registriernummer um 44.000 herum erhalten miissen, die 
auf seinem linken Unterarm eintatowiert worden ware (das 
Tatowierungssystem hatte sich geandert). Die zwei Verfasser der 
ersten beiden Abschnitte des Berichts sind zwei junge slowakische 
Juden, die zusammen am 7. April 1944 geflohen waren. Der 3. 
Abschnitt des Berichts ist eine kurze Erganzung und der 4. Abschnitt 
ist der Beitrag des mysteriosen „polnischen Majors". 

Die Anonymitat der Verfasser des Berichts ist zweifellos einer der 
wunden Punkte, doch die noch groBere Unwahrscheinlichkeit bildet 
der Inhalt des WRBJSerichts. Eine Priifung zeigt, daB die in dem 
Bericht, der hochstwahrscheinlich auf Halbwahrheiten aufbaut, 
gemachten Angaben derart sind, daB sie aus Informationen der 
Nachrichtendienste zusammengebastelt erscheinen und nicht von 
„zwei jungen slowakischen Juden und einem polnischen Major", die 
„entkommen sind", stammen. Deutschlands Gegner hatten 
bestimmte Mittel zum Sammeln von Informationen iiber deutsche 
Lager und iiber Vorgange in Europa. Zweifellos benutzten sie auch 
solche Informationen unter Beimengung betrachtlicher Zutaten, um 
u. a. einen WRBJSericht zusammenzustellen. Es ist einfach 
unglaubwiirdig, daB sie ausgerechnet in bezug auf das In- 
dustriezentrum Auschwitz in einer so miBlichen Position gewesen 
sein sollen, um gezwungen zu sein, sich auf Informationen von 



115 



gefliichteten, anonymen, jungen, "iiber alles unterrichteten" 
Haftlingen zu verlassen. Natiirlich schlieBt dies nicht die mogliche 
Verwendung von Berichten ehemaliger Angestellter oder Lagerin- 
sassen, entwichener oder sonstiger Personen als erganzende Angaben 
aus. 

Der WRB-Bericht bietet die folgenden Informationen (oder auch 
Schatzungen, Vermutungen, Behauptungen, Erfindungen) : 

1. Die Anzahl der Haftlinge in Auschwitz I im April 1942, die dort 
vorherrschenden Nationalitaten sowie die Hauptgriinde fur die Haft. 
Beschreibung des Systems der Registrierung und das „ Stern- 
System" der Haftlingszeichen. Eine Liste verschiedener Fabriken in 
dem Gebiet (Teil I, 1—2). 

2. Eine genaue Karte des Bereichs, vergleichbar mit unserer 
Abbildung 1. (Teil I, 4) 

3. AusmaBe in bezug auf die Ausdehnung des Lagers Auschwitz I, 
seine Zaune und Wachturme. Gleiches fur Birkenau. Beschreibung 
der Baracken. (Teil I, 5 — 7) 

4. Im Fall des naturlichen Todes eines Haftlings wurde ein 
Sterbeschein ausgestellt und zur zentralen Lagerverwaltung in 
Oranienburg gesandt. War ein Haftling vergast worden, so wurde sein 
Name in ein besonderes Register eingetragen und „S.B." (, Sonder- 
behandlung") gekennzeichnet. (Teil I, 9) 

5. Vier Gebaude, als Krematorien I, II, III und IV ausgewiesen, 
waren im Fruhjahr 1944 in Birkenau in Betrieb. Mindestens eines 
dieser Krematorien war seit Februar 1943 funktionsfahig. Jedes 
Gebaude enthielt : (A) 1 Heizraum mit Ofen; (B) 1 groBe Halle; (C) 1 
Gaskammer. In den ersten beiden Gebauden waren 36 Ofen und in 
den anderen zwei je 18. Drei Leichen kamen gleichzeitig in einen 
Ofen, und das Verbrennen dauerte anderthalb Stunden. So konnte 
man 6.000 Leichen pro Tag beiseiteschaffen. Dies gait gegeniiber 
dem Verbrennen in Gruben als eine Verbesserung (also gegeniiber 
der vorher angewandten Methode). (Teil I, 14 — 15). 

6. Das spezifische Mittel zur Erzeugung von Gas fur die Gaskammer 
war ein Pulver mit der Bezeichnung „Cyklon", hergestellt von einem 
Hamburger Konzern. Wenn es der Luft ausgesetzt war, gab es 
Cyanidgas frei, und binnen 3 Minuten totete es einen jeden 
innerhalb der Gaskammer. Die Behalter fur das Cyklon waren 
beschriftet mit : „Zum Gebrauch gegen Ungeziefer" (I, 16). 

7. Prominente Personlichkeiten aus Berlin wohnten der In- 
betriebnahme des ersten Krematoriums in Marz 1943 bei. Das 
„Programm" bestand im Vergasen und Verbrennen von 8.000 
Krakauer Juden. Die Gaste (Namen waren nicht genannt) schienen 
hochst befriedigt von den Ergebnissen (Teil I, 16). 

8. Eine genaue Aufstellung der Nummern und Einstufungen der 
Insassen in Birkenau im April 1944 (Teil I, 23 — 24). 

9. Jeder Block hat einen „ Blockaltesten", „der Gewalt iiber Leben 
und Tod hat". Bis zum Februar 1944 waren fast 50% der 
Blockaltesten Juden, doch wurde dies auf Befehl aus Berlin 
abgestellt. Dem Blockaltesten untersteht der Blockschreiber. Wenn 
der Blockschreiber irrtumlich einen Tod eingetragen hat, was haufig 
vorkommt, dann wird der Buchungsfehler durch Toten des 
entsprechenden Nummerntragers ausgeglichen. Berichtigungen sind 
nicht zugelassen (Teil I, 25). 



116 



10. Eine Passage, dem „verknullten Testament der Verzweiflung" 
auffallend ahnlich : „Wir arbeiteten in der riesigen Buna-Fabrik, zu der 
wir jeden Morgen friih um 3 Uhr getrieben wurden . . . Da unser 
Arbeitsplatz auBerhalb der langen Kette von Wachposten lag, wurde 
er in kleine Abschnitte von 10 x 10m aufgeteilt, jeder von einem 
SS-Mann bewacht. Wer wahrend der Arbeitszeit iiber diese Quadrate 
hinaustrat, wurde ohne Warnung sofort wegen „Fluchtversuch" 
erschossen . . . Sehr wenige nur konnten die Belastung ertragen, und 
obwohl eine Fluent aussichtslos schien, wurde sie jeden Tag 
versucht". (Teil I, 30). 

11. Eine „vorsichtige Schatzung der Zahlen vergaster Juden in 
Birkenau — zwischen April 1942 und April 1944", zusammengefaBt 
in Tabellenform. Die Zahlen erscheinen in den veroffentlichten 
Akten des IMT-Prozesses und werden hier als Abbildung 25 
wiedergegeben (Teil I, 33). 

12. GroBe Aufregung als Folge der Fluent der beiden jungen 
slowakischen Juden (dieses ist wahrscheinlich von den Verfassern 
des Zusatzabschnitts 3 geschrieben). Die Freunde und Vorgesetzten 
der beiden Entkommenen wurden eingehend verhort. Da die beiden 
„Blockschreiber" waren, wurden alle Juden, die solche Funktionen 
ausiibten, zur Strafe und als VorbeugungsmaBnahme abgesetzt. 
Dieses widerspricht naturlich der Einlassung im „Vorwort" des 
WRBJSerichts, daB die Deutschen die Identitat oder auch die 
Registriernummern der beiden Geflohenen nicht kannten, was die 
Herausgeber be wegen hatte, die Namen der Geflohenen „im 
Interesse ihrer eigenen Sicherheit" nicht bekanntzugeben. (Teil I, 
34). 

13. Mit dem 15. Mai 1944 begannen die ungarischen Juden, und 
zwar ungefahr 15.000 pro Tag in Birkenau einzutreffen. 90% 
wurden sofort getotet, und — da dies die Kapazitat der Ofen 
uberstieg — erneut in Gruben verbrannt, wie fruher schon einmal. Die 
10%, die in Birkenau weder getotet noch registriert wurden, schob 
man schlieBlich in Lager nach Deutschland ab : so nach Buchenwald, 
Mauthausen, GroBJ^.osen, Gusen, Flossenbiirg, Sachsenhausen etc. 
(Teil I, 36—37). 

14. Ein neues Nummerierungssystem fur Haftlinge trat Mitte Mai 
1944 ebenfalls in Kraft. Zur gleichen Zeit berichteten die 
schlesischen Zeitungen von einem Besuch Himmlers im 
nahegelegenen Krakau. Diese Presseberichte unterlieBen es offenbar 
zu erwahnen, daB Himmler auf dieser Reise auch Birkenau 
aufgesucht und seine Begleitung speziell eine Besichtigung des 
Krematoriums I vorgenommen hatte (Teil I, 37 — 38). 

15. Im Spatsommer 1943 hatte eine Gruppe von 4 wiirdigen 
hollandischen Juden Auschwitz aufgesucht, um die Lebensver- 
haltnisse der hollandischen Juden zu inspizieren (die dann von den 
Deutschen besonders aufgebessert wurden durch neue Kleidung, 
gutes Essen etc.) Die Gruppe sah nur einen Teil der nach Auschwitz 
verbrachten hollandischen Juden, man erklarte ihr jedoch, daB die 
ubrigen in ahnlichen Lagern seien. Die Gruppe gab sich damit 
zufrieden und unterzeichnete eine Erklarung, daB in Auschwitz alles 
in guter Ordnung vorgefunden worden war. Nach dem Unter- 
schreiben „druckten die 4 Juden einen Wunsch aus, das Lager 
Birkenau sehen zu wollen und insbesondere die Krematorien, iiber 
die sie einige Geschichten gehort hatten . . . Die Gruppe wurde dann 



117 




Abb. 12 : Gefangene Aufseherinnen von Belsen 



118 



nach Birkenau gebracht . . . und sofort zum Krematorium Nr. I. Hier 
wurden sie riicklings erschossen. Angeblich wurde ein Telegramm 
nach Holland gesandt, das von einem ungliicklichen Autounfall 
kiindete, dem die 4 Herren nach Verlassen des Auschwitzer Lagers 
zum Opfer gefallen seien." (Teil I, 38). 

16. Das Gebiet um Auschwitz innerhalb eines Radius von 100 km 
war evakuiert worden, und die vom Lager nicht ubernommenen 
Gebaude muBten abgerissen werden. (Teil II, 6). 

17. Beschreibung des Krankenbaues von Auschwitz I und die 
Vorgange darin. Im Herbst 1942 war die Sterberate im Krankenbau 
so hoch, daB Berlin eine Erklarung anforderte. Bei der Prufung stellte 
sich heraus, daB der „Lagerarzt" Schwachen und Kranken und 
bestimmten zum Tode verurteilten Insassen, auch einigen als Waisen 
betrachteten Jugendlichen todliche Injektionen verabreicht hatte. 
Zur „Bestrafung" wurde der Lagerarzt fur die gleiche Aufgabe zur 
Buna-Fabrik geschickt (womit wahrscheinlich Monowitz gemeint ist 
— die SS stellte auch weiterhin einige Dienstleistungen fur das von 
IG-Farben verwaltete Gelande zur Verfugung) (Teil II, 8 — 10). 

18. Als Folge der schlechten Behandlung konnte ein Jude 
ungeachtet seiner physischen Kondition nicht langer als 2 Wochen 
durchhalten (Teil II, 12). 

19. Im Sommer 1942 wurden die Juden im Birkenwald (wo 
Birkenau gelegen war) in besonders verschluBdichten Gebauden, die 
so aussahen wie Duschbader, vergast. Da die Krematorien nicht 
fertig waren, wurden die Leichen in Massengrabern verscharrt, was 
zur Verwesung fuhrte. Im Herbst 1942 waren die 4 Krematorien 
fertiggestellt, und viele Leichen wurden wieder ausgegraben und 
verbrannt (das ist die Darstellung des polnischen Majors, die jener der 
beiden jungen slowakischen Juden widerspricht, welche geschrieben 
haben, daB ein Teil der neuen Krematorien im Februar 1943 in 
Betrieb genommen worden sei, daB die Leichen vor diesem Datum in 
Graben verbrannt wurden) (Teil II, 16 — 17). 

20. Einzelheiten daruber, wann genau entschieden wurde, unter 
welchen Umstanden ein bereits zum Tode Verurteilter hinzurichten 
ware. (Teil II, 16—17). 

Das Vorhergehende ist wirklich anschaulich fur den Inhalt des 
WRB-Berichts. Es ist eine Mischung von Wahrheit, Vermutung und 
Erfindung, dessen tatsachengerechter Teil zusammengesetzt sein 
konnte — und dies offenkundig auch war — auf der Grundlage 
interner 1944 zuganglicher Informationen. 

Der Widerspruch in den beiden Darstellungen von Vernichtungen 
bewirkt es, die Glaubhaftigkeit der Behauptung zu erhohen, daB es 
sich um unaufgeforderte Berichte entkommener Haftlinge handelt, 
aber es ist nicht klar, daB solche gesteigerte Glaubwurdigkeit das 
Motiv dafur gewesen ist, ihn so zusammenzustellen. Die erste 
Version, daB groBe Krematorien Anfang 1943 in Birkenau in Betrieb 
gewesen seien und daB vor jener Zeit Massenverbrennungen in 
Graben vorgenommen worden seien, ist die eine. Die dann spater 
vorgebrachte Version (und die zutreffende im Hinblick auf den 
Zeitpunkt der Verfugbarkeit der Krematorien) iiber Massengraber 
konnte auch einige Wahrheiten enthalten, da im Sommer eine 
Typhusepidemie geherrscht hatte, zu einer Zeit, in der nur 
unzulangliche Krematoriumsmoglichkeiten bestanden. 



119 



Reitlinger benutzt den WRB-Bericht als Quelle. Dies ist nicht 
vollig gerechtfertigt, aber auch nicht ganz ohne Berechtigung. Man 
muB annehmen, daB vieles von dem Material wahr ist. Die 
Kompetenz der Verfasser stent auBer Frage. Dennoch muB man in 
dieser Hinsicht vorsichtig sein und darf nur das akzeptieren, was 
durch Vernunft oder unabhangiges Beweismaterial erhartet wird. 
Sieht man die subjektive und propagandistische Rolle des Berichts 
als gegeben an, denkt jedoch daran, daB ein gut organisierter 
Schwindel notwendigerweise viele giiltige Tatsachen enthalt, so ist 
dieses durchaus vertretbar. 

Man kann recht genau die Wege beschreiben, iiber die 
Informationen aus dem Lager flossen. In Fallen, da es bedeutende 
industrielle Aktivitat gab, kamen die Lagerinsassen unvermeidlich 
mit vielen Menschen in Kontakt, die keine Haftlinge waren 
(Firmenangestellte, Eisenbahner etc.), und diese Beziehungen 
bildeten die Grundlage fur ein ausgedehntes System heimlicher 
Mitteilungskanale. Auschwitz bot naturlich zahlreiche und 
ausgezeichnete Gelegenheiten fur solche Verbindungen, und durch 
die kommunistische Organisation bestanden viele sehr gangbare 
Kanale zu den Untergrundzentren, besonders im nahegelegenen 
Krakau. Informationen iiber das Lager, zu denen auch, wie 
behauptet wird, Durchschlage von aus Berlin oder Oranienburg 
kommenden Befehlen gehorten, gingen standig aus Auschwitz 
hinaus. Diese Kanale wurden gleichermaBen benutzt, um Dinge wie 
Geld, Medikamente und gefalschte Papiere in das Lager zu senden. 
Uberdies waren die Kommunisten fur verbotenes Rundfunkhoren in 
alien Lagern weitgehend organisiert. Wenn sie Empfanger besaBen, 
so hatten sie auch Sender. Zeugen haben ausgesagt, daB 
Lagerinsassen Rundfunksender besaBen, und Reitlinger glaubt, daB 
die Auschwitz-Haftlinge Sender hatten. 41 

Um in die Informations- und Propagandakanale hineinzuleuchten, 
muB man das War Refugee Board (Kriegsfluchtlingsamt in den USA) 
und das OSS (Office of Strategic Services, ein geheimer 
US-Nachrichtendienst) beachten. Das WRB unterhielt standige 
Verbindung mit den Vorgangen in Ungarn, selbst noch nach der 
deutschen Besetzung im Marz 1944. Es hatte z. B. einen Agenten 
Raoul Wallenberg im diplomatischen Korps Schwedens, und es 
bestanden auch noch weitere Kontakte durch judische Organisa- 
tionen. Judische Fiihrer in Budapest waren standig in Fuhlung mit 
jenen in der Slowakei, diese wiederum mit dem polnischen 
Judentum, insbesondere u. a. in Krakau. 42 

Vielleicht noch bedeutender als das WRB, wenn seine Rolle in dem 
Schwindel auch nicht annahernd so offenkundig ist, war das Office 
of Strategic Services (Amt fur strategische Dienste), der Vorganger 
des CIA (Central Intelligence Agency = Zentrale Nachrichten- 
agentur). Das OSS ist zu Beginn des Zweiten Weltkrieges unter 
Leitung des Generals William Donovan errichtet worden. Seine 
Aufgaben waren Nachrichten politischer Natur (z. B. Sabotage, 
Propaganda, Guerilla- bzw. Partisanenkampf) im Unterschied zu 
konventionelleren Formen der militarischen Nachrichtendienste, 
deren Tatigkeit in etwa den Aktivitaten des deutschen SD ahneln 
konnten, oder auch der Abwehr, obwohl hochgestellte Person- 
lichkeiten in Washington dariiber klagten, daB der OSS sich 



120 



unbegrenzter Gelder erfreue und keine Grenzen seiner Vollmacht 
kenne. 

Mit nur wenigen Ausnahmen bestand das OSS nicht aus 
militarischem Personal, sondern aus Personen, die aus dem 
Privatsektor angeworben waren. Dementsprechend gehorten ihm 
auch viele politische Typen an, von Kommunisten bis zu emigrierten 
Monarchisten. Angesichts ihrer Organisation stellten die Kom- 
munisten naturlich eine bedeutende Streitmacht im OSS, ungeachtet 
ihrer Zahl. 

Das OSS war intensiv mit Propaganda befaBt. Das OWI (Office of 
War Information = Amt fur Kriegsnachrichten), das prominenteste 
US-Propagandaorgan im Krieg, war 1942 vom OSS abgespalten 
worden. Es war die Propaganda-Division des „ Office of the 
Coordinator of Information" (Koordinierungsamt fur Nachrichten) 
(Donovan) gewesen, als es sich abspaltete, und der Rest der 
Donovan-Organisation erhielt den Namen OSS. Trotz dieser 
Trennung blieb das OSS weiterhin mit Propaganda befaBt. Und als 
das anglo-amerikanische PWB (Psychological Warfare Branch = Amt 
fur psychologische Kriegfuhrung) in Eisenhowers Hauptquartier 
gebildet wurde, bezog es sein amerikanisches Personal vom OWI 
sowie vom OSS. 

Eine weitere Propagandaaktion des OSS, fur die eine groBe Anzahl 
von „progressiven Schriftstellern" engagiert wurde, war die MO 
(Moral Operations Branch = Amt fur Kampfgeiststarkung). Die 
Aufgabe der MO war „schwarze Lugenpropaganda", bzw. „schwarze 
Propaganda". D. h. MO spezialisierte sich auf die Herstellung von 
Propaganda, die so ausgerichtet war, als kame sie aus den Reihen des 
Feindes. MO verteilte auf diese Art gefalschte Zeitungen und 
militarische Befehle unter dem feindlichen Personal, betrieb 
heimliche Sender, die vortauschten, aus dem Bereich des Feindes zu 
senden, und brachte Geruchte in der Achse und den achsenbesetzten 
Landern auf. Zu seinen Mitgliedern gehorten „gleichermaBen 
Liberale und Kommunisten, die sich alle der idealistischen 
Auslegung des Kampfes gegen den Faschismus verschrieben hatten". 

Ein belangvoller Aspekt der OSS-Tatigkeit war, daB es sich die 
Jewish Agency in Palastina zur Mitarbeit herangeholt hatte (die in 
Wirklichkeit die inoffizielle israelische Regierung jener Zeit war). 
Die Jewish Agency war auf Grund ihrer ausgedehnten und 
luckenlosen Kontakte zu Juden in Europa, besonders im Balkan, in 
der Lage, viele wichtige Aufgaben fur das OSS zu ubernehmen. Daher 
waren auch die Kanale zu Juden in Ungarn, der Slowakei und 
anderen Landern gangbar. 

SchlieBlich verdient hervorgehoben zu werden, daB das OSS eine 
bedeutsame Rolle im Anklagerstab beim IMT-ProzeB, vor allem in 
den Anfangen, gespielt hat. 43 

Um was es in dieser Erorterung des WRB-Berichts geht, ist 
bestimmt nicht, daB dieser im OSS oder dem WRB erfunden worden 
ist. Ich kenne die Verfasser nicht und glaube auch nicht, daB diese 
Frage von erheblicher Bedeutung ist. Der Hauptpunkt ist der, daB 
zwei „ Internationale", die Kommunisten und Zionisten, wichtige 
Funktionen im Nachrichtendienst, in der Propaganda und im 
Fluchtlingshilfsprogramm der USA gespielt haben. Das WRB, das 
tatsachlich seine Befehle von Harry Dexter White, Henry 
Morgenthau jr. und dem WeltjudenkongreB und anderen Zionisten 



121 



erhielt, sowie das OSS mit seinem Mitarbeiterstab von Kommunisten 
sowie seinen Verbiindeten der Jewish Agency, zeigen, daB die 
Situation in jedem Sinne bestens geeignet war — zum Ausbriiten 
einer Propagandaliige von der jiidischen Vernichtung, zusammen- 
gebraut iiber Auschwitz, die zur Vorsicht geniigend wahre Tatsachen 
enthielt, um dem Gedankenlosen einzureden, daB die Behauptungen 
wahr seien. 

Das Innere des Lagers Auschwitz war — bei aller Anstrengung der 
Fantasie — nicht von den Alliierten isoliert. Die tuchtigste 
Nachrichten-Organisation der Welt, die kommunistische Partei, 
konnte jede gewunschte Information an jeden denkbaren Bestim- 
mungsort ubermitteln. Auch die allgegenwartige Zionistische 
Internationale befand sich in einer Position, alles zu fabrizieren und 
zu vermitteln, was immer fur die jeweilige Gelegenheit angemessen 
schien. Selbst wenn der Inhalt des WRB-Berichts zutreffen wiirde, so 
ware eine Flucht von Haftlingen uberhaupt nicht notwendig 
gewesen, um die „Fakten" in die Hande der Alliierten gelangen zu 
lassen. Man beachte, daB man uns erzahlt hat, daB der gesamte Inhalt 
des WRB-Berichts von 3 von einander unabhangigen Fluchtun- 
ternehmen sowie bemerkenswert gut unterrichteten Lagerinsassen 
stamme. Angesichts dessen, was wir iiber die Nachrichtenkanale 
wissen, die seinerzeit bestanden, ist dies im hochsten Grade albern. 

Die Verfasser des WRB-Berichts blieben fur eine ganze Zeit langer 
als „vorlaufig" anonym. Der Bericht wurde ein Dokument der 
Anklage in Nurnberg unter der Nummer 022-L. Das beschreibende 
Begleitmaterial zu dem Dokument datiert vom 7. August 1945 (die 
„Mitarbeiter-Analyse des Beweismaterials" scheint iiber die Anony- 
mitat der Verfasser besorgt zu sein). Es wird von einem gewissen Dr. 
Joseph Elias berichtet, „protestantischer Pfarrer judischer Herkunft, 
Organisator des jiidischen Widerstands in Ungarn, Leiter von Jo 
Pasztor Bizottsag, der die ersten zwei slowakischen Juden nach ihrer 
Flucht befragt hatte". Dann wird von „Dr. G Soos — Sekretar der 
ungarischen Widerstandsbewegung MFM, der den ersten Bericht (der 
ersten beiden slowakischen Juden) nach Italien gebracht hat", 
gesprochen. Die Organisation „Jo Pasztor" war echt, aber von 
Aktivitaten eines Elias oder Soos in Verbindung mit diesen 
Vorgangen ist, so scheint es, nichts bekannt. Uber die Herkunft der 
Berichtsteile, die den drei anderen Leuten zugeschrieben werden, 
erfahren wir nichts. Es heiBt, R. D. McClelland, der Berner 
Reprasentant des WRB habe den Bericht Anfang Juli 1944 nach 
Washington gesandt (der zusatzliche Teil war darin vermutlich nicht 
enthalten). 

Der WRB-Bericht wurde zum Beweis beim IMT als Dokument 
022-L am 14. Dezember 1945 von Major Walsh vorgelegt. 44 Die 
Verteidigung erhob im IMT keine Einwande gegen die Aufnahme des 
Berichts in das Beweismaterial. Beim IG-Farben-ProzeB legte die 
Anklage den Bericht (Dokumenten-Buch 89) als Beweismaterial vor, 
aber die Verteidigung erhob Einspruch, und dieser Einwand „in 
bezug auf die Zustandigkeit und Erheblichkeit fur das jeweilige 
einzelne Dokument in dem Buch" wurde von jenem Gericht 
aufrechterhalten. Das Ergebnis der dann folgenden rechtlichen 
Argumentationen war, daB das Gericht zustimmte, eine gewisse, sehr 
doppeldeutige Juristische Notiz" von den Dokumenten zu 
nehmen. 45 



122 



Die Anonymitat wurde fur einige weitere Jahre gewahrt, da die 
erste Ausgabe (1953) von Reitlingers „Endlosung" die Verfasser als 
anonym ansieht. Bei der Behandlung des Vergasungsbeginns 
verweist er auf „den sehr glaubwiirdigen Bericht des Birkenau- 
Blockschreibers, welcher im April 1944 nach Ungarn entkam" 
(S. 120). In einem anderen Zusammenhang erwahnt er, daB wir 
Informationen iiber Theresienstadter Juden, die nach Auschwitz 
verbracht wurden, „einem jiidischen Arzt aus der Slowakei" 
verdanken, der im April 1944 nach Ungarn entkam. Dieser Mann 
habe die Aufzeichnungen in der Krankenabteilung von Birkenau 
angefertigt (S. 190). 

Bei der Erorterung des WRB-Berichts sagt uns Reitlinger 
schlieBlich, „das wichtigste dieser Dokumente ist der Bericht des 
anonymen jiidischen Doktors aus der Slowakei, der im April 1944 
nach Ungarn lluchtete" (S. 622). In alien drei Fallen bezieht sich 
Reitlinger auf den Verfasser des ersten Abschnitts des WRB- 
Berichts, der, wie es heiBt, dieser slowakische Jude war, der am 13. 
April 1942 im Lager eintraf und eine Registriernummer um 29.000 
herum erhielt. Reitlinger bezeichnete ihn als Arzt, aber der Bericht 
verdeutlicht es in Wirklichkeit nicht, was er war; er war vermutlich 
ein „Intellektueller" oder ein „Buroangestellter". 

Das nachste Stadium scheint die Veroffentlichung des Buches „Im 
Schatten des Todes" von J. Oskar Neumann 1956 in Israel gewesen 
zu sein. Neumann war einer der Anfiihrer der verschiedenen 
Judenrate und der Widerstandsbewegungen in der Slowakei 
gewesen. In seiner Darstellung war Rabbi Michael Dov Ber 
Weissmandel (oder Weissmandl) ursprunglich ein ungarischer Jude, 
der in einem Teil Ungarns lebte, der nach dem Ersten Weltkrieg von 
der Tschechoslowakei annektiert worden war, der Anfiihrer des 
jiidischen Widerstands in der Slowakei. In Neumanns Geschichte 
erscheinen die beiden jungen slowakischen Juden wie nach Plan in 
der Slowakei, so auch der polnische Major (in Wirklichkeit besagt der 
WRB-Bericht nicht, wohin der polnische Major entkommen ist). 
Neumann vermittelt den Eindruck, als hatte er diese Leute wirklich 
kennengelernt : „Doch hier sitzen Augenzeugen, die die voile 
Wahrheit gesagt haben". Seine Schilderung erwahnt die zwei 
Verfasser des dritten zusatzlichen Abschnitts in dem WRB-Bericht 
nicht, er teilt uns auch nicht die Namen oder tatowierten 
Registriernummern der Entkommenen mit. Da sie in groBer Gefahr 
waren, von der Gestapo entdeckt zu werden, die nach ihnen 
fahndete, wurden sie „in eine abgelegene Gebirgsgegend auf 
Erholung gesandt." Rabbi Weissmandel ubermittelte den Bericht 
nach Budapest, in die Schweiz und in andere Orte, um andere Juden 
zu warnen und Hilfe herbeizubringen. 46 

Weissmandel emigrierte nach dem Krieg in die USA und 
begriindete ein orthodoxes Talmud-Seminar im Staat New York. Er 
verstarb im November 1957. Doch seine Kriegserinnerungen 
erschienen posthum 1960, leider in Hebraisch, das ich nicht lesen 
kann. Der WRB-Bericht ist eines der Hauptthemen seines Buches. 
Ich habe angenommen, daB seine Darstellung im wesentlichen der 
Neumanns ahnlich ist, weil beide Verfasser in ahnlicher Lage waren 
und die gleichen Verbindungen hatten. Jedoch, ich kann mich 
irren. 47 



123 




Abb. 13 : Krematorium in Dachau. Links die Tiir der Desin- 
fektionskammer mit dem Giftgas-Totenkopf- 

Warnzeichen. Der Duschraum befindet sich zwi- 
schen Krematorium und der Desinfektionskammer. 



124 



Es scheint, daB sich das nachste Ereignis um Reitlinger dreht. Die 
Anonymitat der beiden Verfasser des WRB-Berichts ist ein 
auffallender und storender Zug in der ersten Ausgabe des Reitlinger' 
schen Buches; ich bin sicher, daB ihm das bewuBt ist. Dies hat ihn 
zweifellos sehr bekiimmert, denn es sieht so aus, daB er sich 
aufmachte, die Verfasser des Berichtes ausfindig zu machen; 
er schreibt in seiner zweiten Ausgabe, 1968 erschienen, daB Rudolf 
Vrba, Verfasser des „wichtigsten Teils" des WRB-Berichts, d. h. des 
ersten Abschnitts, sich „ 1960 in Cardiff in der Krankenhaus-Praxis 
befand". Reitlingers Verbindungsaufnahme mit Vrba im Jahr 1960 
scheint dementsprechend das erste Auftreten eines angeblichen 
Verfassers dieses Berichts in irgendeiner Art historischer Aufzeich- 
nung zu sein. Vrba wurde offenbar als Folge der Nachforschungen 
Reitlingers prasentiert. Die Stadt Cardiff in Siid-Wales ist iibrigens 
nur etwa 200km von Reitlingers Haus in Sussex entfernt. 

Reitlinger erwahnt keinen der anderen Verfassernamen. Er befaBt 
sich mit einem hektographierten Buch von Silberschein, dem 
Kollegen Riegners im WeltjudenkongreB in der Schweiz, das die 
„vollstandige Version" des Berichts enthielte. 48 

Beide Verfasser der ersten beiden Abschnitte dieses WRB-Berichts 
(die zwei jungen slowakischen Juden) erhielten ihre Identitat im 
groBen Eichmann-ProzeB 1961. Zwei Zeugen sagten zum Bericht 
aus, und er wurde offenbar mit der Erklarung angeboten, daB die 
ersten zwei jungen slowakischen Juden Alfred Wetzler (oder Weder) 
und Rudolf Vrba (fruher Rosenberg oder Rosenthal), damals in 
England wohnhaft gewesen seien. Das Dokument wurde mit der 
Begriindung abgelehnt, daB gewisse Widerspruche in den vorgelegten 
Zahlen weiterer Erklarung bedurften. Daher legte die Anklage gegen 
Ende des Prozesses eine eidesstattliche Erklarung dieses Vrba vor. 
Die eidesstattliche Erklarung sagt aus, wie Vrba zu solchen 
beeindruckend ausfuhrlichen Zahlen bezuglich der Transporte nach 
Auschwitz gelangt sei, die einen Hauptzug des WRB-Berichts bilden. 
Seine Erklarung vermittelt den Eindruck, daB, wahrend er 
Unterstiitzung von verschiedenen Leuten erhielt, er fur die 
Aufstellung der Zahlen allein verantwortlich war, und er gibt weder 
den Namen preis noch erwahnt er auch nur den Gefahrten, der 
angeblich mit ihm im April 1944 geflohen sei. Er erwahnt einen 
Philipp Miiller, der ihm etwas bei den Zahlen geholfen habe, weil 
Miiller „offenkundig der gegenwartig einzig noch am Leben 
befindliche ist". Vrbas eidesstattliche Erklarung wurde vom Gericht 
abgelehnt, weil es keinen Grund fur die Anklage gab, ihn nicht zur 
Aussage nach Jerusalem zu bringen. 49 

Vrba trat 1964 erneut im Auschwitz-ProzeB in Frankfurt auf. Sein 
Buch „I cannot forgive" (, Ich kann nicht vergeben") — Mitverfasser 
Alan Bestic — kam gleichfalls 1964 heraus, kurz vor seinem 
Auftreten in Frankfurt. Vrbas Gefahrte seiner angeblichen Flucht 
erschien ebenfalls. Alfred Wetzler soil der andere junge slowakische 
Jude gewesen sein. Wetzler war (1964 = 46 Jahre) ein Angestellter in 
der Tschechoslowakei, der am 13.4.1942 in Auschwitz eintraf und 
die Haftlingsnummer 29162 erhielt. Er war Blockschreiber in 
Birkenau gewesen. Vrba wurde als ein 40 Jahre alter Biochemiker 
identifiziert, der in England lebte, der am 30.6.1942 in Auschwitz 
angekommen war und die Haftlingsnummer 44070 erhalten hatte. 
Auch er war Blockschreiber in Birkenau gewesen. Sie waren, wie sie 



125 



aussagten, am 7.4.1944 gefliichtet und hatten ihren Weg nach 
PreBburg/Tschechoslowakei gefunden, wo sie ihren Bericht fur die 
judischen Alteren und auch den papstlichen Nuntius gefertigt 
hatten. Der Bericht wurde von Rabbi Weissmandel nach Budapest 
geschmuggelt. 50 

Die Geschichte von 1964 unterscheidet sich daher von dem, was 
den Verfassern der IMT-Beweisanalyse 1945 berichtet worden ist. 
Der gewichtigste offenbare Widerspruch liegt jedoch in der 
Bewertung der Zahlenangaben in Beziehung zu den Transporten 
nach Auschwitz. In seiner eidesstattlichen Erklarung von 1961 (in 
der Wetzler nicht erwahnt wird) und auch in seiner Zeugenaussage in 
Frankfurt gibt sich Vrba als in erster Linie verantwortlich fur die 
Zahlen an. Der WRB-Bericht bringt andererseits, wahrend er die 
Zahlen den beiden Mannern zuschreibt, die Zahlen im ersten 
Abschnitt des Berichts, dessen alleiniger Verfasser Wetzler gewesen 
sein soil. 

Vrba erklart in seinem Buch von 1964 nicht, warum er 16 Jahre 
gewartet hat, um sich iiber seine Flucht aus Auschwitz und die 
Ubergabe seiner Statistiken zu auBern, die erst dann anschlieBend in 
Washington veroffentlicht wurden. Sein Buch folgt ungefahr den 
Darstellungen im WRB-Bericht, mit einigen Widerspruchen von 
verschiedenem Gewicht. Vrba beschreibt z. B. in seinem Buch 
(S. 128), daB die Madchen, die im Gelande „ Canada" arbeiteten, bei 
guter Gesundheit gewesen seien. Hingegen im WRB-Bericht (Teil I, 
S. 31) sind diese Frauen „geschlagen und roh behandelt worden und 
ihre Sterblichkeit ist sehr viel hoher gewesen als unter den 
Mannern". Eine andere Merkwurdigkeit in seinem Buch ist seine 
Behauptung, beim Bau der Krematorien mitgeholfen zu haben 
(S. 16, im WRB-Bericht nicht erwahnt), dann seine Schilderung eines 
alliierten Luftangriffes am 9. April 1944, woriiber es keine amtlichen 
Angaben gibt (S. 233; — er schreibt, daB er und Wetzler sich nach 
ihrer Flucht am 7. April drei Tage in einem Holzhaufen in Auschwitz 
versteckt gehalten hatten). Wetzler schaffte es, nur ganz knapp in 
Vrbas Buch erwahnt zu werden. Vrba sagt nichts iiber den 
polnischen Major oder die zwei Juden aus, die, wie andernorts 
behauptet, spater geflohen seien und die Zahlen der Auschwitz- 
Transporte erganzt hatten. In dem Buch verweisen die anderen 
Gefangenen auf ihn unter dem Namen „Rudi", obgleich sein 
Originalname und der Name, unter dem er in Auschwitz bekannt ist, 
vermutlich Walter Rosenberg lautet (siehe u. a. Garlinski und/oder 
Suhl 51 ). Vrba sagt nichts von Ausruhen in einem Zufluchtsort in den 
Bergen nach der Flucht. (Den Angaben des Internationalen 
Suchdienstes in Arolsen/Westdeutschland zufolge, flohen am 7. 
April 1944 zwei Juden namens Wetzler und Rosenberg aus dem 
Lager Auschwitz.) 

Ebenso schlussig wie unsere Bewertung der Geschichte Vrbas 
sowie der verschiedenen Widerspruche zwischen dem WRB-Bericht 
und bekannten Tatsachen ist der allgemeine Tonfall des Buches und 
seine Schilderung, wie sich verschiedene Personen im Lager 
verhalten hatten. Dafur, daB das Buch ausgesprochen un- 
glaubwiirdiges Material in diesem Zusammenhang bringt — und zwar 
von Anfang bis Ende — , ist das beste Beispiel die Darstellung Vrbas 
von einem angeblichen Besuch Himmlers am 17. Juli 1942 (S. 9 — 15, 
— im WRB-Bericht nicht erwahnt). Die Gefangenen — so heiBt es 



126 



dort — muBten fur eine Inspektion Aufstellung nehmen, und das 
Orchester stand zum Aufspielen bereit als Himmler eintraf. Wahrend 
sie warteten, stand der Kapellmeister 

„mit erhobenem Taktstock bewegungslos, urn die Musik fur den geehrten Gast 
zu dirigieren. 

Und dann geschah es, die Katastrophe, die jeder Darsteller befurchtet. Der 
Anblick des Schreckens, wie er nur fur groBe Augenblicke verzeichnet ist; die 
Krise, die jedem Augenblick der Wahrheit unablassig folgt. 

In der zehnten Reihe auBerhalb unseres Blockes entdeckte der Blockalteste an 
Yankel Meisels Kittel Lucken in seiner Knopfreihe. Es bedurfte einiger 
Sekunden, die Ungeheuerlichkeit des Vergehens voll zu erfassen. Dann fallte 
er inn mit einem Hieb. Unserer Sicht entzogen, . . . prugelten und traten sie 
ihn aus dem Leben . . . 

Himmlers Gefolge war etwa 15m entfernt. Der Taktstock ging in 
Bewegung . . . und das Orchester folgte ihm ... mit Auszugen aus Aida . . . Es 
war der „Triumpfmarsch" . . . 

Er lie(3 uns ausrichten und schnappte : ,lch bin der Reichsfuhrer. Wir wollen 
mal sehen, wie Ihr Euch vor mir benehmt'. 

Langsam schritt er unsere Reihen ab, ein kleiner Morder, der einen groBen 
nachaffte, jeden von uns anstarrend. Wenn er schwarze Fingernagel fand oder 
die Holzschuhe nicht ordentlich gewichst, dann brullte er den Ubeltater mit 
Schimpfworten an und stieB ihn mit seinem dicken Bambusstock. Wie im 
Kindergarten inspizierte er uns sogar hinter den Ohren und schlenderte dann 
durch die Baracken, wo er nach Decken suchte, die nicht akkurat 
zusammengelegt waren." 

Vrba erwahnt einen zweiten Besuch Himmlers im Januar 1943 
(S. 15 — 19); dieser scheint jenem vom Marz 1943 mit Wiirdentragern 
aus Berlin zu entsprechen, war jedoch diesmal der AnlaB, um der 
Vergasung von 3.000 polnischen Juden zuzusehen. Der Vorgang war 
fur 9 Uhr vormittags angesetzt, aber Himmler brauchte bis 11 Uhr, 
um fertig zu fruhstucken, und so muBten die 3.000 Juden zwei 
Stunden in der Gaskammer warten. Himmler sah schlieBlich dem 
Vergasen in heiterer und gelockerter Stimmung zu, unterhielt sich 
mit dem Kommandanten und anderen und warf gelegentlich einen 
Blick durch das Guckloch, um zu beobachten, wie die Juden vergast 
wurden. 

Das Buch bleibt bei diesem ausgesprochen unglaublichen Tonfall 
bis zum Ende. Mag es der, der es ertragen kann, lesen. 

Reitlinger zitiert in der zweiten Ausgabe seines Buches Vrbas 
Buch mit keinem Wort. Zwar bezeichnet er Vrba als den Verfasser 
des ersten — „wichtigsten" — Abschnittes, doch ist den Angaben zu 
entnehmen, daB diese Rolle dem Wetzler zugeschrieben werden 
muB. Fiir G. Reitlinger erscheint weder bedeutsam noch belangvoll, 
daB Vrba erst 18 Jahre alt war, als er seinen Aussagen zufolge 
begann, die Zahlen und andere Angaben iiber die Transporte nach 
Auschwitz zu sammeln — mit der Absicht, diese Informationen der 
AuBenwelt zuganglich zu machen. 

Soweit ich weiB, ist die Anonymitat des polnischen Majors bisher 
nicht geluftet worden. Namen wurden fur die beiden Autoren des 
erganzenden Abschnitts prasentiert (Czezlaw Mordowicz, der seinen 
Namen geandert hat in Petr Podulka, und Arnost Rosin, der seinen 



127 



Namen geandert hat in Jan Rohac), doch weiB ich nicht, ob diese 
Namen iiberhaupt mit irgendeiner authentischen Person in 
Verbindung zu bringen sind. Dariiber hinaus sind weder Elias noch 
Soos noch Wetzler noch Vrba (oder alias Rosenberg oder Rosenthal) 
noch Weissmandel trotz der zeitweilig umstrittenen Rolle, die das 
Dokument 022-L in diesen Prozessen gespielt hat, als Zeugen vor den 
Niirnberger Tribunalen aufgetreten. 

In „Hefte von Auschwitz" 1964, Nr. 7 veroffentlichte die 
kommunistische Regierung Polens ein „Kalendarium", in dem 
festgehalten ist, daB zwei Juden namens Mordowicz und Rosin am 
27. Mai 1944 aus dem Lager Auschwitz entflohen sind. Seitdem gab 
es viele erfolgreiche Ausbruche aus jenem Lager (viel, viel mehr, als 
sich Vrba traumen lieB — vergl. S. 217 von Vrba mit S. 312 von 
Garlinski). Obgleich das Datum dieser polnischen Quelle korrekt 
sein mag, so beweist sie damit immer noch nicht die Autorenschaft 
der „anonymen Fluchtlinge" des WRB-Berichtes, insbesondere 
wenn man berucksichtigt, daB die vier geflohenen Juden aus 
Griinden der Geheimhaltung andere Namen angenommen haben und 
daB drei von diesen vier ihren Tarnnamen nach dem Krieg 
beibehalten haben sollen. 

Einzelheiten iiber die Hintergrunde bei der Abfassung des WRB- 
Berichts werden wahrscheinlich nie vollig aufgedeckt werden. Aber es 
ist durchaus moglich, daB seine Urheber zu weit damit gegangen 
sind, einen Bericht vorzutauschen, der auf mysteriose Weise in die 
Slowakei und dann in die Schweiz geschmuggelt worden sei. Sollte er 
in der Slowakei geschrieben worden sein, dann ist zu unterstellen, 
daB Rabbi Weissmandel — zumindest! — zu den Mitverfassern gehort 
hat. Es ist auch moglich, daB, wie behauptet, der Bericht dem 
papstlichen Geschaftstrager in der Slowakei, Giuseppe Burzio, 
iibergeben wurde und dieser ihn nach Rom weitergeleitet hat. Burzio 
ist — soweit besteht Klarheit — von jiidischen Propagandisten 
angegangen worden und hat mindestens einige dieser Angaben Rom 
zugeleitet. Beispiele, die Burzio dem Vatikan ubermittelt hat, waren 
Behauptungen vom Marz 1942, daB die Deutschen junge judische 
Frauen aus ihren Familien geholt hatten, um sie zu Prostituierten fur 
deutsche Soldaten an der Ostfront zu machen (komplette 
Fantasien!), sowie ein Brief aus dem Fruhjahr 1943 von einem 
PreBburger Priester, der behauptete, daB er sowohl aus jiidischen als 
auch deutschen Quellen wisse, daB deutsche Seifenfabriken von 
Juden, die ihrerseits mit Maschinengewehren oder Gaskammern 
vernichtet worden waren, Seife herstellen wiirden. 

Die gegenwartige Stellungnahme des Vatikans ist, daB er genauso 
wenig wie „die jiidischen Organisationen" wuBte, daB die 
„Deportationen Teil einer allgemeinen Massenvernichtungsaktion 
gewesen sind". (Vergleiche auch Anhang E). B2 

Auf jeden Fall ist es offenkundig, daB der WRB JSericht unecht ist. 
Die dortigen Angaben sind nicht solcherart Informationen, welche 
Fluchtlinge ausfuhren wiirden. Die Behauptung, daB zwei weitere 
Juden spater entkommen seien, um diese Angaben zu erganzen, ist 
mehr als doppelt lacherlich. Anstatt unmittelbar nach dem Krieg mit 
scheinbaren Verfassern des Berichts hervorzukommen, um die 
Liigen starker abzustiitzen, sieht es so aus, als wenn angenommen 
wurde, daB die ganze Sache belanglos ware, bis aus irgendeinem 
Grund (vielleicht war es Reitlingers Neugierde?) sechzehn Jahre 



128 



spater ein Verfasser prasentiert wurde. Die Geschichte dieser Person 
ist nicht glaubwiirdig. — So wurde die Auschwitz-Legende geboren! 



129 




Abb. 14 : Senator Wherry in Dachau — bei der Entlausung 



130 



IV Auschwitz 



Wir betrachten jetzt die besondere Auschwitz-„Vernichtungsle- 
gende", die man uns bietet. 

Die Gerichtsverfahren, die die Zeugnisse erbrachten, auf denen die 
Ausrottungsbehauptungen fuBen, fanden in einem erschopften, 
hungernden Deutschland statt, dessen Bevolkerung nichts anderes 
tun konnte, als sich den Anordnungen der Besatzungsmachte zu 
fiigen. Dies war die politische Wirklichkeit. Wie ausgefiihrt wurde, 
war es die „Zionistische Internationale", die die spezifischen 
Aussagen, welche iiber die Vernichtungen aufgestellt wurden, 
vorbereitete. Hochgestellte und erfahrene Beamte Washingtons 
schenkten ihnen keinen Glauben. Die fiihrende Personlichkeit bei 
der Gestaltung der Rechtsgrundlagen fur die Kriegsverbrech- 
erprozesse war niemand anders als der amerikanische Anklagever- 
treter im IMT-ProzeB. In diesem ProzeB hatten sich die Richter 
voreilig auf die augenscheinliche Schuld der Angeklagten festgelegt. 
Ihre „Erkenntnisse" waren fiir die nachfolgenden Gerichtsverfahren 
formalrechtlich bindend. Die wichtigsten Nachfolgeprozesse waren 
die, die der Erzzionist Marcus organisierte, der spatere Held von 
Israel und damalige Leiter der U.S. War Crimes Branch, einer 
Behorde, die im Zusammenhang mit bestimmten gerichtlichen 
Untersuchungen in Folterungen von Zeugen verwickelt war. Die 
„Ehre" der Staaten, die die Gerichtsverfahren durchfuhrten, wurde 
der These von der „auBergewohnlichen Nazi-Brutalitat" geopfert. Es 
ist schwer einzusehen, wie man unter solchen Bedingungen etwas 
anderes als einen SchauprozeB erwarten konnte. Diese und die 
folgenden Kapitel zeigen, daB die sich auf Auschwitz beziehenden 
Beschuldigungen das sind, was man erwarten sollte. 

Zunachst muB die Frage gestellt werden, was das wesentliche 
Kennzeichen, die „Handelsmarke" eines Betruges von diesen 
AusmaBen ist. Kein vernunftiger Verfasser einer solchen Geschichte 
wurde eine Darstellung anbieten, die in alien oder den meisten 
Einzelheiten unwahr ist. 99% wirklicher Fakten konnen in einer 
Geschichte enthalten sein, deren Hauptaussage in keinerlei 
Wahrheitszusammenhang hiervon steht. Diese Erkenntnis fuhrt den 
Urheber des Betruges auf den sichersten Weg an sein Vorhaben 
heran : den Sinn der giiltigen Tatsachen zu entstellen. 

Dies ist die Grundstruktur der Auschwitz-Vernichtungslegende. 
Es wird hier nachgewiesen, daB jede in dieser Legende enthaltene 
wirkliche Tatsache jeweils eine routinemaBige Bedeutung hatte 
(nicht haben konnte, sondern hatte), die nichts mit der Vernichtung 
von Menschen zu tun hat. So miissen jene, die von Vernichtung 
reden, ihre Zuflucht zu einer These nehmen, die eine abartige 
Interpretation von Tatsachen zulaBt. 



131 



Kommandant von Auschwitz war in der Zeit von Mai 1940 bis 
Ende 1943 der SS-Sturmbannfiihrer Rudolf HoB. Wahrend des 
IMT-Prozesses hatte er fur die Anklagebehorde einige Affidavits 
unterzeichnet, deren bekanntestes das Datum vom 5. April 1946 
tragt. 1 In Ubereinstimmung mit einer allgemeinen IMT- und 
NMT-Praxis wurde er danach vom Verteidiger Kaltenbrunners am 
15. April 1946 in den Zeugenstand gerufen. 2 Der Hauptinhalt seiner 
Aussagen im Kreuzverhor bestand in einer Bestatigung des Affidavits 
vom 5. April; daneben machte er noch zu bestimmten Punkten 
erganzende Aussagen. 

HoB wird allgemein als der Starzeuge der Anklagebehorde 
betrachtet, und — ungeachtet der Entstehungsgeschichte des 
Auschwitz-Betruges, wie sie im WRB-Bericht enthalten ist, — stellt 
fiir die Vernichtungsmythologen im wesentlichen das HoB-Affidavit 
die Geschichte der Judenvernichtung in Auschwitz dar oder, genauer 
gesagt, den Rahmen fiir diese Geschichte. Alle Fiirsprecher der 
Auschwitz-Legende legen eine auf das HoB-Affidavit zuruckgehende 
Geschichte vor, die lediglich Abweichungen bei den Zahlenangaben 
enthalt, wie sie durch IMT, NMT und ahnliche Quellen erganzt 
wurden. Keiner der maBgebenden Vernichtungsmythologen stellt 
den WRB-Report besonders heraus. Allein Reitlinger scheint in 
Verbindung damit ein Problem von einiger Bedeutung zu spiiren. 

Daher mag es angebracht sein, das HoB-Affidavit hier vollstandig 
wiederzugeben. Danach werden seine Einzelpunkte einer Priifung 
hinsichtlich des ihnen beigemessenen Beweiswertes unterzogen. Die 
verhangnisvolle Doppeldeutigkeit von Belegen wird dabei als 
charakteristisches Merkmal hervortreten. Es werden Widerspruche, 
Ungereimtheiten, blodsinnige Unglaubwiirdigkeiten und Liigen 
aufscheinen. Ferner wird die Analyse einiges iiber den psycho- 
logischen Hintergrund der Gerichtsverfahren offenbaren. 

Auch dem Quellennachweis wird die erforderliche Beachtung 
zuteil werden, einschlieBlich solcher Falle, wo es zweckmaBig 
erscheint, lieber auf Hilberg oder Reitlinger zu verweisen als auf ein 
Originaldokument, zu dem der Leser wahrscheinlich keinen leichten 
Zugang findet. 

Das HoB-Affidavit 

„Ich, Rudolf, Franz, Ferdinand HoB, nach entsprechender 
Vereidigung, bezeuge und sage wie folgt aus : 

1. Ich bin 46 Jahre alt und bin seit 1922 Mitglied der NSDAP; 
Mitglied in der SS seit 1934, Angehoriger der Waffen-SS seit 1939. 
Seit dem 1. Dezember 1934 gehorte ich der SS-Wacheinheit an, dem 
sogenannten Totenkopf-Verband. 

2. Seit 1934 hatte ich unausgesetzt mit der Verwaltung von 
Konzentrationslagern zu tun und war in Dachau im Dienst bis 1938; 
dann als Adjutant in Sachsenhausen von 1938 bis zum 1. Mai 1940, 
zu welcher Zeit ich zum Kommandanten von Auschwitz ernannt 
wurde. Ich befehligte Auschwitz bis zum 1. Dezember 1943 und 
schatze, daB mindestens 2.500.000 Opfer dort durch Vergasung und 
Verbrennen hingerichtet und ausgerottet wurden; mindestens eine 
weitere halbe Million starb durch Hunger und Krankheit, was eine 
Gesamtzahl von ungefahr 3.000.000 Toten ausmacht. Diese Zahl 
stellt ungefahr 70 oder 80 Prozent aller Personen dar, die als 
Gefangene nach Auschwitz geschickt wurden, die iibrigen wurden 



132 



ausgesucht und fur Sklavenarbeit in den Industrien der Konzen- 
trationslager verwendet. Unter den hingerichteten und verbrannten 
Personen befanden sich ungefahr 20.000 russische Kriegsgefangene 
(die friiher von der Gestapo aus Kriegsgefangenenlagern 
ausgesondert waren); diese wurden in Auschwitz in Wehrmacht- 
transporten, die von regularen Offizieren und Mannschaften 
befehligt wurden, eingeliefert. Der Rest der Gesamtzahl der Opfer 
umfaBte ungefahr 100.000 deutsche Juden und eine groBe Anzahl 
meist judischer Einwohner aus Holland, Frankreich, Belgien, Polen, 
Ungarn, der Tschechoslowakei, Griechenland oder anderen 
Landern. Ungefahr 400.000 ungarische Juden wurden allein in 
Auschwitz im Sommer 1944 von uns hingerichtet. 

3. Das WVHA (Wirtschafts- und Verwaltungs-Hauptamt), gefuhrt 
von Obergruppenfuhrer Oswald Pohl, war fur die gesamten 
Verwaltungsaufgaben verantwortlich wie die Quartierbeschaffung, 
Ernahrung und arztliche Versorgung in den Konzentrationslagern. 
Vor Errichtung des RSHA waren das Geheime Staatspolizeiamt 
(Gestapo) und das Reichskriminalpolizeiamt fur die Verhaftungen, 
Verschickungen in Konzentrationslager und fur die dort vollzogenen 
Bestrafungen und Hinrichtungen verantwortlich. Nach Bildung des 
RSHA wurden alle diese Funktionen wie bisher ausgeiibt, aber 
gemaB den Befehlen, die von Heydrich als Chef des RSHA 
unterzeichnet waren. Wahrend Kaltenbrunner Chef des RSHA war, 
wurden die Befehle betreffend Schutzhaft, Verschickungen, 
Bestrafung und Sonderhinrichtungen von Kaltenbrunner oder von 
Miiller, dem Leiter der Gestapo, als Kaltenbrunners Vertreter, 
unterzeichnet. 

4. Massenhinrichtungen durch Vergasung begannen im Laufe des 
Sommers 1941 und wurden bis zum Herbst 1944 fortgesetzt Bis zum 
1. Dezember 1943 beaufsichtigte ich personlich die Hinrichtungen 
in Auschwitz und weiB auf Grund meines laufenden Dienstes in der 
Inspektion der Konzentrationslager im WVHA, daB diese Massen- 
hinrichtungen wie oben erwahnt fortgefuhrt wurden. Alle Massen- 
hinrichtungen durch Vergasung fanden unter dem direkten Befehl, 
unter der Aufsicht und Verantwortlichkeit des RSHA statt. Ich 
erhielt unmittelbar vom RSHA alle Befehle zur Ausfuhrung dieser 
Massenhinrichtungen. 

5. Am 1. Dezember 1943 wurde ich Chef des Amtes I im Amt 
Gruppe D des WVHA, und in diesem Amt war ich verantwortlich fur 
die Koordination aller Angelegenheiten, die sich zwischen dem 
RSHA und den unter der Verwaltung des WVHA stehenden 
Konzentrationslagern ergaben. Ich blieb in dieser Stellung bis zum 
Ende des Krieges. Pohl, als Chef des WVHA, und Kaltenbrunner, als 
Chef des RSHA, hielten oft gemeinsame Beratungen ab und traten 
mundlich und schriftlich haufig in Angelegenheiten, die Konzen- 
trationslager betrafen, miteinander in Verbindung. Am 5. Oktober 
1944 brachte ich Kaltenbrunner an seinem Amtssitz im Berliner 
RSHA einen ausfuhrlichen Bericht iiber das Konzentrationslager 
Mauthausen. Kaltenbrunner bat mich um einen kurzen mundlichen 
Bericht iiber den Inhalt und sagte, er wiirde jede Entscheidung 
solange zuruckhalten bis er Gelegenheit habe, ihn in alien 
Einzelheiten zu studieren. Dieser Bericht befaBte sich mit 
Arbeitszuweisungen an einige hundert Gefangene, die zum Tode 
verurteilt waren . . . sog. ,namenlose Gefangene'. 



133 



6. Die ,Endlosung' der jiidischen Frage bedeutete die vollstandige 
Ausrottung aller Juden in Europa. Ich hatte im Juni 1941 den Befehl 
erhalten, in Auschwitz Vernichtungsmoglichkeiten einzurichten. Zu 
jener Zeit gab es im Generalgouvernement schon drei weitere 
Vernichtungslager : Belczek, Treblinka und Wolzek. Diese Lager 
unterstanden dem Einsatzkommando der Sicherheitspolizei und des 
SD. Ich besuchte Treblinka, um festzustellen, wie die Vernichtungen 
ausgefuhrt wurden. Der Lagerkommandant von Treblinka sagte mir, 
daB er 80.000 im Laufe eines halben Jahres liquidiert hatte. Seine 
Aufgabe war hauptsachlich die Liquidierung aller Juden aus dem 
Warschauer Ghetto. Er hat Monoxydgas verwendet, und ich hielt 
seine Methoden fur nicht sehr wirksam. Als ich daher das Ver- 
nichtungsgebaude in Auschwitz errichtete, nahm ich Zyklon B in 
Verwendung, eine kristallisierte Blausaure, die wir in die Todeskam- 
mer durch eine kleine Offnung einwarfen. Es dauerte je nach den 
klimatischen Verhaltnissen 3 bis 15 Minuten, um die Menschen in 
der Todeskammer zu toten. Wir wuBten, wann die Menschen tot 
waren, weil ihr Schreien aufhorte. Wir warteten gewohnlich 
ungefahr eine halbe Stunde, bevor wir die Tiiren offneten und die 
Leichen entfernten. Nachdem man die Korper herausgeschleppt 
hatte, nahmen unsere Sonderkommandos den Leichen die Ringe ab 
und zogen das Gold aus den Zahnen dieser Leichname. 

7. Eine andere Verbesserung gegenuber Treblinka war, daB wir 
Gaskammern bauten, die 2.000 Menschen auf einmal fassen 
konnten, wahrend die 10 Gaskammern in Treblinka nur je 200 
Menschen aufhahmen. Die Art und Weise, in der wir unsere Opfer 
auswahlten, war folgende : 2 SS-Arzte waren in Auschwitz tatig, um 
die einlaufenden Gefangenentransporte zu untersuchen. Die 
Gefangenen muBten an einem der Arzte vorbeigehen, der bei ihrem 
Vorbeimarsch sofort die Entscheidung fallte. Die Arbeitsfahigen 
wurden ins Lager geschickt. Andere wurden sofort in die 
Vernichtungsanlagen geschickt. Kinder in sehr jungen Jahren 
wurden stets vernichtet, da sie auf Grund ihrer Jugend unfahig 
waren, zu arbeiten. Noch eine andere Verbesserung gegenuber 
Treblinka war, daB in Treblinka die Opfer fast immer wuBten, daB 
sie vernichtet werden sollten, wahrend wir uns in Auschwitz 
bemuhten, die Opfer zum Narren zu halten und sie im Glauben zu 
lassen, sie hatten ein Entlausungsverfahren durchzumachen. 
Naturlich erkannten sie auch haufig unsere wahren Absichten, und 
wir hatten aus diesem Grunde manchmal Aufruhr und Schwierigkei- 
ten. Sehr haufig wollten Frauen ihre Kinder unter den Kleidern 
verbergen, aber wenn wir sie fanden, wurden die Kinder naturlich zur 
Vernichtung geschickt. Wir sollten diese Vernichtungen im 
geheimen ausfuhren, aber der faule und Ubelkeit erregende 
Gestank, der von der ununterbrochenen Korperverbrennung 
ausging, durchdrang die ganze Gegend, und alle Leute, die in den 
umliegenden Gemeinden lebten, wuBten, daB in Auschwitz 
Vernichtungen im Gange waren. 

8. Von Zeit zu Zeit erhielten wir besondere Gefangene von der 
lokalen Gestapo-Behorde. Die SS-Doktoren toteten solche 
Gefangene durch Benzin-Injektionen. Die Arzte hatten Befehl, 
ordentliche Todesbescheinigungen auszustellen und konnten 
irgendeinen beliebigen Grund als Todesursache angeben. 

9. Von Zeit zu Zeit fuhrten wir an weiblichen Insassen 



134 



medizinische Versuche durch, auch Sterilisation und Versuche im 
Zusammenhang mit Krebs. Die meisten Personen, die bei diesen 
Experimenten zu Tode kamen, waren ohnehin von der Gestapo zum 
Tode verurteilt worden. 

10. Rudolf Mildner war ungefahr von Marz 1941 bis September 
1943 Chef der Gestapo in Kattowitz. In dieser Eigenschaft sandte er 
haufig Gefangene nach Auschwitz zur Einkerkerung oder Hinrich- 
tung. Er besuchte Auschwitz bei verschiedenen Gelegenheiten. Der 
Gestapo-Gerichtshof, das SS-Standgericht, das Personen verhorte, 
die verschiedener Verbrechen beschuldigt wurden, wie Kriegsgefan- 
gene, die gefliichtet waren et cetera, trat haufig in Auschwitz 
zusammen, und Mildner wohnte den Verhandlungen gegen solche 
Personen oft bei, die gewohnlich nach dem Urteilsspruch in 
Auschwitz hingerichtet wurden. Ich fuhrte Mildner durch die 
gesamte Vernichtungsanlage in Auschwitz, an der er sehr interessiert 
war, da er Juden aus seinem Gebiet zur Hinrichtung nach Auschwitz 
senden muBte. 

Ich verstehe englisch, in welcher Sprache obenstehender Text 
niedergelegt ist. Die obigen Angaben sind wahr; diese Erklarung 
gab ich freiwillig und ohne Zwang ab. Nach Durchlesen der 
Angaben habe ich dieselben unterzeichnet und vollzogen in 
Niirnberg, Deutschland, am 5. Tage des April 1946. 

Rudolf HoB" 

Was nicht im Affidavit aufscheint, ist, daB HoB in den zwanziger 
Jahren fur einen politischen Mord 5 Jahre im Gefangnis saB 3 , und — 
vor ahem im Krieg — ungewohnlich schnell bis zum Standartenfuhrer 
aufgestiegen ist. 4 Abb. 29 ist ein Lagerplan von Birkenau. 5 

Wir untersuchen nunmehr die bedeutenden Punkte des Affidavits : 
Ziffer 2 : Es ware niitzlich und wichtig gewesen, wenn HoB 
angedeutet haben wiirde, welcher Art die Konzentrationslager- 
Industrien von Auschwitz waren und welche groBe Bedeutung diese 
Industrien fur die Deutschen hatten. In den umfangreichen 
Niederschriften der IMT-Zeugnisse scheint es nur einen genauen 
Hinweis auf die Beschaffenheit der Auschwitz-Industrien zu geben. 
Er findet sich in der Zeugenaussage der politischen Gefangenen 
Vaillant- Couturier, die beilaufig etwas iiber eine „Munitions- 
fabrik" bemerkt hat (zweifellos die Krupp'sche Zunderfabrik) und 
iiber eine „groBe Bunafabrik, aber da (sie) dort nicht arbeitete, 
wuBte sie nicht, was dort hergestellt wurde". 6 Es mag noch andere 
Hinweise — insbesondere in Dokumenten geben, doch wenn es sie 
gibt, dann sind sie ziemlich tief vergraben. 

Nicht einmal HoB klammerte sich an die Zahl von 2,5 Millionen 
vergaster Opfer. Im privaten Gesprach zur Zeit seiner Zeugenaussage 
und ebenso wahrend seines eigenen Gerichtsverfahrens 1947 in Polen 
(er wurde gehangt) nannte er die Zahl 1.135.000. Die niedrigste 
Angabe jener, die behaupten, dort hatten Vergasungen stattge- 
funden, nennt 750.000 Opfer." Die Russen sprachen von 4 
Millionen Op fern, einschlieBlich solcher, die durch „Injektionen", 
MiBhandlungen usw. getotet worden seien. Ihre hochste Zahlenan- 
gabe scheint sich allerdings auf 7 Millionen zu belaufen. 8 

Besonders merkwurdig ist, daB die Erwahnung von 400.000 
Opfern aus Ungarn mit der Legende von den ungarischen Juden 
ubereinstimmt. Diese Eigentumlichkeit bestand sogar schon vor der 



135 



HoB-Erklarung und besteht bis auf den heutigen Tag fort. Es war am 
5. Mai 1944, da Eichmann vermutlich den westlichen Alliierten iiber 
den Mittelsmann Joel Brand ein Tauschgeschaft „Lastwagen gegen 
Juden" vorgeschlagen hatte. 9 Die anhaltende Hervorhebung der 
ungarischen Juden scheint sich daraus zu ergeben, daB sich die 
besondere Aufmerksamkeit seit 1960 auf die Aktivitaten von Adolf 
Eichmann richtete. Fur den Ursprung dieses Eifers kann ich nur die 
Erklarung anbieten, daB die Probleme der ungarischen Juden mit der 
deutschen Besetzung Ungarns im Marz 1944 begannen, gerade zu der 
Zeit, da auch die amerikanische Kriegsfluchtlingsbehorde (War 
Refugee Board), die im Januar 1944 eingerichtet worden war, ihre 
Tatigkeit aufzunehmen begann. Ein beachtlicher Teil der 
Aufmerksamkeit des WRB war daher auf Ungarn ausgerichtet. 10 

Ziffer 4: HoB legt den Beginn der Vergasungen in den Sommer 1941. 
Er wurde im Dezember 1943 zur Inspektion der Kon- 
zentrationslager in Oranienburg versetzt, weiB aber „auf Grund 
(seiner) weiterbestehenden Pflichten", daB „diese Massenexe- 
kutionen fortgesetzt wurden". Ein Wissen iiber wichtige Ereignisse in 
Auschwitz fiir die Zeit seiner Zugehorigkeit zur Inspektion der 
Konzentrationslager zu behaupten, erscheint einleuchtend. Bei einer 
Vernehmung als Zeuge bekundete HoB jedoch, er sei im Sommer 
1941 direkt zu Himmler befohlen worden und habe bei der 
damaligen Unterredung als KZ-Kommandant vom Reichsfiihrer-SS 
unmittelbar den Befehl zur Vernichtung der Juden erhalten — mit 
der Auflage, er solle hieruber unbedingt „strengstes Stillschweigen" 
bewahren und nicht einmal seinen unmittelbaren Vorgesetzten 
Gliicks herausfinden lassen, was er tue. Glucks — um es geradeheraus 
zu sagen — war zu jener Zeit der Inspekteur der Konzentrationslager 
und unterstand unmittelbar dem Reichsfuhrer-SS. 11 

Ziffer 6: HoB behauptet, „ihm sei im Juni 1941 befohlen worden, in 
Auschwitz Einrichtungen fiir Vernichtungsmoglichkeiten zu 
schaffen". Damit wiederholte er das bereits unter Ziffer 4 
mitgeteilte Datum, und in seiner Zeugenaussage zur Unterstiitzung 
seines Affidavits griff er erneut auf dieses Datum zuriick. Es scheint 
also kein Zweifel daran moglich, daB HoB wissentlich und 
wohliiberlegt den Sommer 1941 als Beginn der Judenvernichtung 
angab und daB sich ein Fehler hier nicht eingeschlichen haben kann. 
Ebenso bezeugt HoB, daB zur Zeit des Himmler JSefehls die 
KZ-Inspektion (Glucks) Himmler „unmittelbar unterstellt" war. 
Dies konnte nur vor Marz 1942 gewesen sein, denn dann ubernahm 
Oswald Pohl, Chef des WHVA (Wirtschafts- und Verwaltungs- 
Hauptamt, — Ziffer 3), die KZ-Inspektion, und Glucks wurde Pohl 
unterstellt, der seinerseits Himmler unterstand. Vor dem Monat 
Marz 1942 scheint die KZ-Inspektion eine selbstandige Organisation 
gewesen zu sein und wird unmittelbar Himmler unterstanden haben, 
obgleich sie Verbindungen sowohl zu Heydrich als auch zu Jiittners 
Fuhrungshauptamt hatte. HoB war naturlich mit dieser verwal- 
tungsmaBigen Gliederung vertraut, da Pohl Ende April 1942 eine 
Zusammenarbeit aller KZ-Kommandanten und Fuhrungskrafte der 
KZ-Inspektion zu deren Unterrichtung veranlaBt hatte. 12 

Dessen ungeachtet besteht Reitlinger aus bestimmten, spater noch 
erkennbar werdenden Griinden darauf, daB HoB den Sommer 1942 
— und nicht 1941 — gemeint habe. Zunachst setzt die HoB-Erklarung 
voraus, daB der Treblinka-Besuch nach den groBen Deportationen 



136 



der Warschauer Juden in dieses Lager stattfand. HoB versicherte das 
ausdriicklich in einer anderen eidesstattlichen Erklarung. Damit ist 
der Treblinka-Besuch auf das Jahr 1942 festgelegt. Weiter erfolgte 
der erste groBe Judentr an sport (2.000 Menschen) nach Birkenau den 
bei Reitlinger angegebenen Quellen zufolge im Marz 1942, als „die 
kleine Vergasungseinrichtung im Birkenwald gerade zu arbeiten 
begonnen hatte". 13 Allerdings vermehren solche Argumente die 
Verwirrung nur noch, wenn man uns daneben erzahlt, daB HoB den 
Vernichtungsbefehl im Sommer 1942 erhalten habe (Reitlinger). 

Dieses sind ganz einfach jene Arten von Widerspriichen, die man in 
einem Wust von Liigen erwarten sollte. Wie dem aber auch sei, fur 
unsere Untersuchung sollten wir davon ausgehen, daB HoB wirklich 
den Sommer 1942 gemeint habe. In jedem Fall behauptet HoB aber, 
daB es zur Zeit des Himmlerbefehls drei andere Vernichtungslager 
gegeben habe, daB er Treblinka besichtigt habe und daB in diesem 
Lager bereits ein halbes Jahr hindurch Vernichtungen stattgefunden 
hatten. Damit wird der Beginn der Gaskammermorde auf Anfang 
1942 festgesetzt, wenn wir Reitlingers Standpunkt akzeptieren. 

Man muB zugeben, daB Vergasen mit Kohlenmonoxyd 
unzweckmaBig ist. Kohlenmonoxyd soil in Belczek durch die 
Abgase eines Dieselmotors und im Lager Treblinka durch die Abgase 
erbeuteter russischer Panzer und Lastwagen gewonnen worden 
sein. 14 

Man muB ebenso zugeben, daB Zyklon B wesentlich wirksamer 
war, da es aus Kristallen bestand, die in Verbindung mit Luft 
„Blausauregas" (Hydrogen-Cyanid-Gas) entwickelten. Es gab kein 
todlicheres Gas, und das Zyklon war in der Tat ein gut bekanntes 
und weit verbreitetes Ungeziefervernichtungsmittel, das die 
deutsche Gesellschaft fur Schadlingsbekampfung (DEGESCH) 
entwickelt hatte. Vor dem Krieg war es weltweit als Ungezieferver- 
nichtungsmittel auf dem Markt 16 , wobei das Wort „Zyklon" 
„Wirbelsturm" bedeutet, d. h. das Produkt war ein „Wirbelsturm" 
gegen die Ungezieferplage. Wahrend des Krieges wurde es uberall in 
der Wehrmacht und in den Konzentrationslagern, und daher auch in 
Auschwitz als Ungeziefervernichtungsmittel verwendet. Besteller 
und Empfanger des Zyklons in Auschwitz war das sog. Referat fur 
Schadlingsbekampfung. 16 

Auf die durch Lause verursachte standige Typhusgefahr wurde 
bereits hingewiesen, auch haben wir die furchtbaren Folgen gesehen, 
die sich aus einem volligen Zusammenbruch der Desinfek- 
tionsmaBnahmen in Belsen ergeben haben. Im Hinblick auf die 
besondere Anfalligkeit des Auschwitz-Kattowitz-Gebietes 

gegeniiber der Typhus tragenden Laus, im Hinblick auf die 
Epidemien in Auschwitz, die WerksschlieBungen erzwungen haben, 
schlieBlich im Hinblick auf die auBerordentliche Wichtigkeit der 
Auschwitz-Industrie fur die deutschen Kriegsanstrengungen ist es 
nicht uberraschend, daB das Zyklon in Auschwitz und seiner 
Umgebung fur den vorgesehenen Zweck in reichlichen Mengen 
benotigt wurde. Dieses chemische Erzeugnis wurde im WRB-Bericht, 
aber auch schon fruher, und wird bis auf den heutigen Tag als Quelle 
jenes Gases bezeichnet, das fur die Vernichtung von Juden in 
Auschwitz verwendet worden sei. 

Es ist unrichtig, wenn behauptet wird, die Rolle des Zyklon als 
Ungeziefervernichtungsmittel sei verheimlicht worden. Der 



137 



WRB-Bericht erwahnt die antiparasitare Rolle des Zyklons, und eine 
zweifache Bestimmung des Zyklons in Auschwitz wird in den 
IMT-Protokollen ausdriicklich angesprochen. 17 Gerade dieses 
Zyklon B hat sich als Hauptmerkmal eines Betruges erwiesen, weil es 
eine doppelte bzw. falsche Interpretation erfahren hat, ohne daB 
dies in der Endlosungs-Literatur erortert, ja vielfach nicht einmal 
angedeutet wird. Nur Hilberg macht die unmaBgebliche 18 Bemer- 
kung, daB „sehr wenig fur die Entseuchung gebraucht wurde", und 
zitiert dann nicht iiberzeugende Quellen. Reitlinger macht es nicht 
besser. 

Die hauptsachliche Verwendung des Zyklons erfolgte in Desinfek- 
tionsraumen und Kasernen. Alles wurde versiegelt und dann die 
notige Menge Zyklon, das in griinen Blechdosen geliefert wurde, in 
die Raume eingelassen. Nach angemessener Zeit, als die Lause und 
sonstigen Insekten und Seuchentrager tot waren, wurden die 
Raume entluftet. Das Zyklon konnte fur die Desinfektion von 
Kleidung auch in sog. „Entwesungskammern" verwendet werden, 
wie sie die deutsche Entwesungsindustrie auf den Markt gebracht 
hatte, obgleich zu jener Zeit fur die Desinfektion von Bekleidung 
auch Dampfbader in Gebrauch waren, besonders als ortsfeste 
Anlagen. Die Entwesungskammern haben sich als mobile Anlagen 
fur haufigen Standortwechsel bewahrt und wurden deshalb 
vorgezogen. 

Die US-Army, die wahrend des Krieges ebenfalls mit Ungeziefer zu 
tun hatte, besaB ahnliche Einrichtungen und hatte eine sog. 
„Feldkammer" entwickelt. Da die Vereinigten Staaten erst im 
Dezember 1941 in den Krieg eintraten, hatten sie Zeit, das neu 
entwickelte „DDT" fur jene Zwecke zu ubernehmen, fur die die 
Deutschen das Zyklon verwandten. 19 Naturlich brachten die 
Amerikaner das „DDT" in ihren „Lagern", und zwar den 
Konzentrationslagern als auch anderen zur Anwendung. Das DDT 
war als weiterentwickeltes Ungeziefervertilgungsmittel vielseitiger, 
z. B. auch nicht annahernd so todlich fur menschliche Wesen wie 
Zyklon. Daher enthielt es auch keinen „Warnstoff" — ein 
Reizmittel, dem Zyklon beigegeben — , der sich vor dem Cyanidgas 
des Zyklon bemerkbar machte. Nun gab es jedoch auch Zyklon ohne 
diesen Reizstoff. Doch auch dies ist nicht sonderbar, da es allgemein 
ublich war, bei der Fertigung von Produkten fur militarische Zwecke 
kostenspielige Zusatze wegzulassen. So fehlte in der Tat dieses 
Reizmittel bei dem in den Konzentrationslagern verwendeten 
Zyklon. 

Die Doppelrolle des Zyklon wurde vor dem IMT am 28.1.1946 in 
der Aussage eines Zeugen des franzosischen Anklagers DuBost 
hervorgehoben. Dann legte DuBost am 30.1.1946 das Dokument 
1553-PS als Beweismittel vor. Es bestand aus einer Anzahl von an 
den SS-Sturmfuhrer Kurt Gerstein adressierten Rechnungen iiber 
verschiedene Mengen Zyklon, die nach Oranienburg und Auschwitz 
gesandt worden waren, sowie einer weitschweifigen Darlegung 
(statement), die Gerstein zugeschrieben wurde. Nach einiger 
Unschlussigkeit wegen gewisser rechtlicher Formalien nahm das 
Gericht beide Teile des Dokuments als Beweismittel an. Die 
Behauptungen von Rassinier und Reitlinger, das „ statement" sei 
vom Gericht zuruckgewiesen worden, stehen dem nicht entgegen. 20 
Zwei Rechnungen sind in den IMT-Protokollbanden und ein Teil des 



138 



„ statement" in den NMT-Protokollbanden abgedruckt. 21 Die 
beiden in den IMT-Protokollbanden wiedergegebenen Rech- 
nungsabdrucke zeigen eine Rechnung iiber 195kg Zyklon fur 
Oranienburg und eine Rechnung iiber die gleiche Menge fur 
Auschwitz. Wahrscheinlich war das Oranienburger Zyklon fur 
andere Lager bestimmt, wahrend das nach Auschwitz gelieferte 
Zyklon auf die kleineren Lager und moglicherweise auf die 
Kohlengruben aufgeteilt werden sollte. 

Der Fall Gerstein zeigt, daB selbst intelligente Menschen grenzen- 
los fur Absurditaten empfanglich sind, wenn sie erst eine Luge als 
Wahrheit erkannt haben. Es ist dies derselbe Gerstein, der in 
Hochhuths Schauspiel „Der Stellvertreter" als Hauptfigur auftritt. 

Gersteins Amtsbezeichnung in der SS lautete „Chefdesinfektions- 
offizier im Hauptgesundheitsamt der Waffen-SS". 22 Als solcher war 
er fur die Uberwachung der Ausgabe des Desinfektionsbedarfs an alle 
von der SS verwalteten Lager verantwortlich. Uber das, was ihm am 
Ende des Krieges zugestoBen war, gibt es zwei Versionen. Nach der 
einen traf er zufallig mit amerikanischen Vernehmungsoffizieren in 
einem Hotel in Rottweil, Schwarzwald, zusammen und berichtete, 
daB er eine verantwortliche Stellung in der „Nazi-Partei" innegehabt 
habe und dabei als Geheimagent fur den Anti-Nazi-Pastor Niemoller 
gearbeitet habe, daB er bei der Einrichtung der Gaskammern 
beteiligt gewesen sei und daB er darauf vorbereitet sei, als Zeuge vor 
jedem Gericht aufzutreten. Er handigte ihnen dann ein 7seitiges 
Dokument in franzosischer Sprache sowie eine Notiz in englischer 
Sprache und einige Zyklon-Rechnungen aus; danach verschwand 
er. 23 Der anderen Version zufolge fand er sich irgendwie im Pariser 
Militargefangnis Cherche-Midi ein, verfaBte mit eigener Hand ein 
Dokument in franzosischer Sprache, fiigte diesem die Zyklon- 
Rechnungen bei und erhangte sich dann im Juli 1945 selbst. 24 In 
keinem der beiden Falle wurde weder er noch seine Leiche gefunden. 
Er verschwand angeblich spurlos, lediglich ein „ statement" und 
einige Zyklon-Rechnungen hinterlassend, die zum Dokument 
1553-PS wurden. Die erste Version ist diejenige, die im Begleit- 
schreiben zum Dokument wiedergegeben wird. 

Selbst wenn man uns nicht eine so offensichtlich faule Geschichte 
iiber Gerstein vorsetzen wurde, hatten wir Zweifel an der Echtheit 
des „ statement" allein seines Inhalts wegen. Denn die darin 
enthaltene Darstellung ist lacherlich, z. B. daB Gerstein seine Stellung 
innerhalb der SS mit der Absicht ubernahm, den Versuch einer 
Sabotage der Massenvernichtungen zu unternehmen (,ein Mann, der 
in die Holle eingedrungen war, mit der einzigen Absicht, vor der Welt 
Zeugnis abzulegen und den Opfern zu helfen" 26 ). Der Text des 
„ statement" einschlieBlich des durch das NMT publizierten Teils ist 
hier als Anhang A beigefugt. Das „ statement" ist bei unserer 
Untersuchung zwar bedeutungslos, doch sollte der Leser sich dies 
einmal ansehen. Es ist absolut unsinnig und daher auch nicht 
verwunderlich, wenn selbst Leute, die dieser Geschichte 
Ernsthaftigkeit beimessen, eine „Zweideutigkeit des Guten" und 
„ein gewisses Unbehagen, eine Unfahigkeit" fiihlen, „ Gerstein als 
Person vollstandig zu erklaren" 26 . Das Schauspiel „Der Stellvertreter" 
beginnt mit „ Gerstein", wie er sich einen Zugang zum Em- 
pfangsraum der papstlichen Gesandtschaft in der Berliner 



139 



RauchstraBe erzwingt, um dort dem papstlichen Nuntius atemlos die 
Geschichte seines „ statement" zu berichten! 

Vollkommen unverzeihlich ist, daB Hilberg und Reitlinger ein so 
offensichtlich unechtes „ statement" als Quelle benutzen, noch dazu 
ohne jede Rechtfertigung. Immerhin verweist Reitlinger darauf, daB 
Hitler niemals Lublin besichtigt habe, wie das „ statement" 
versichert. 27 

DEGESCH war nicht die einzige Firma, die mit dem 
„Entwesungsgeschaft" befaBt war. Auch die Firma Tesch und 
Stabenow versorgte Kunden mit Zyklon und mit Ausriistung fur 
„Entwesungskammern", die gewohnlich eine GroBe bis zu 10 
Kubikmeter hatten. In Kapitel II sahen wir, daB anscheinend in 
Dachau eine solche „Gaskammer" existierte, die naturlich wahrend 
der fruhen Phasen der Propaganda als Mordkammer vorgefuhrt 
wurde, obgleich heute nicht einmal mehr versucht wird zu 
behaupten, sie sei etwas anderes als ein Desinfektionsraum gewesen. 

Tesch und Weinbacher, Angestellte der Firma Tesch und 
Stabenow, die einige Ausriistung fur „Entwesungskammern" an das 
Lager GroB-Rosen verkauft hatten, wurden fur ihre Tatigkeit im 
Entwesungsgeschaft aufgehangt. Ihre Einrede, sie hatten nicht 
gewuBt, daB ihre Waren anders als zu Desinfektionszwecken benutzt 
worden seien, und ihre Hilfseinrede, sie hatten einen Auftrag der SS 
nicht zuriickweisen konnen, wurden durch das britische Mili- 
targericht verworfen. 28 

Ziffer 7 : Nach den Affidavits von HoB und EntreB aus dem Jahre 
1947 29 waren die ersten, im Sommer 1942 in Gang gesetzten 
Gaskammern behelfsmaBige Einrichtungen (Widerspruch zum 
Affidavit aus 1946). Es handelte sich hierbei um zwei alte, luftdicht 
hergerichtete Bauernhauser mit versiegelten Fenstern. Im 
Auschwitz-ProzeB 1963 — 1965 wurde davon ausgegangen, daB der 
„Bunker" in Bild 29 eine dieser fruhen Gaskammern gewesen sei. 30 
Die Beschaffenheit der spateren „ Gaskammern" wird noch 
untersucht werden. 

An dieser Stelle bietet es sich an, Einwande hinsichtlich der 
Reihenfolge der Verantwortlichkeiten und Befugnisse fur diese 
MaBnahmen zu erheben. HoB sagte, er habe seinen Befehl 
unmittelbar von Himmler wahrend des Sommers 1942 erhalten. Dies 
bedeutet, daB Himmler nicht Gliicks allein, sondern auch Pohl 
iiberging, als er dem Lagerkommandanten einen derart gewichtigen 
Befehl erteilt habe. Hierbei bestand er ausdruckiich darauf, daB 
Gliicks nicht wissen sollte, was vor sich ging. Himmler begab sich 
somit drei Zustandigkeitsebenen abwarts, um einen konspirativen 
Befehl zu geben, und ordnete noch besonders an, daB HoB etwas 
geheim halten sollte, was niemals geheim bleiben konnte. Dieser 
„ Sachverhalt" ist ganz auBergewohnlich. 

Doch das ist noch nicht alles. Nach der Geschichte, die uns HoB in 
seinem Affidavit und in seiner Zeugenaussage bietet, die aber auch 
durch noch andere Quellen erganzt wird, iiberlieB die deutsche 
Regierung die Mittel der Totung und das dazu erforderliche Material 
der Urteilskraft und der Eingebung eines ortlichen 

Lagerkommandanten. HoB entschied den Umbau zweier alter 
Bauernhauser. HoB fand das Zyklon im Lager verfugbar und ent- 
schied, daB es eine wirksamere Methode zur Losung des 



140 



Judenproblems gewahrleistete als die, die man in Treblinka 
anwandte, wo man einige eroberte russische Panzer und Lastkraft- 
wagen fiir die Vernichtungen benutzte. All dies ist idiotisch. Und 
Reitlinger ist das „Problem" der Verantwortlichkeit fiir den 
Zykloneinsatz offensichtlich unbequem, doch er kommt iiber diese 
Schwierigkeit nirgends hinweg, ja er vergroBert sie noch durch die 
Andeutung, Hitler (!) habe sich letztlich „nicht mit Begeisterung" 
fiir das Zyklon entschieden. 31 

Man erzahlt uns, daB die nicht arbeitsfahigen Juden sofort nach 
ihrer Ankunft vergast worden seien (und deshalb zum groBten Teil in 
keiner schriftlichen Aufzeichnung erscheinen), aber ein dieser 
Behauptung widersprechender Bericht ist sogar im WRB-Report 
enthalten. Diesem Report zufolge erreichte ein Familientransport 
von 4 oder 5.000 Juden aus Theresienstadt Birkenau im September 
1943. Die Ankommenden behielten ihr Gepack und wurden als 
Familien in jenem Lagerteil untergebracht, der in Bild 29 be- 
zeichnet ist. Man erlaubte ihnen, frei zu korrespondieren, fiir die 
Kinder wurde eine Schule eingerichtet und die Manner waren nicht 
zur Arbeit verpflichtet. Sie wurden als fiir 6 Monate in Quarantine 
befindlich betrachtet. Es wird behauptet, daB sie am 7. Marz 1944 
vergast worden seien und daB „die jungen Leute singend in den Tod 
gegangen seien". Die Verwandten dieser Juden erhielten vom 23. 
oder 25. Marz datierte Postsendungen, doch es wird behauptet, diese 
Post sei bereits am 1. Marz von den Absendern geschrieben und in 
Befolgung deutscher Anordnungen nachdatiert worden. 

Dieser Vorgang wurde mit einer anderen Gruppe judischer 
Familien wiederholt. Es handelte sich um 5.000 Menschen, die im 
Dezember 1943 aus Theresienstadt ankamen und deren Quarantine 
im Juni 1944 beendet werden sollte. Einige Manner wurden zur 
Arbeit herangezogen. Nach Berichten angeblich Uberlebender 
standen im Mai 1944 : 2.000 auf der Beschaftigungsliste, 1452 waren 
noch in Quarantine und 1575 wurden als in „Vorbereitung zum 
Transport" angesehen, was nach Reitlinger „Warten auf die 
Gaskammern" bedeutete. Dies wurde noch einmal mit einer Gruppe 
Theresienstadter Familien wiederholt, die im Mai 1944 ankam. 32 Da 
alle diese Menschen unter „ Quarantine" gestellt wurden, sind ihre 
Quartiere mit Sicherheit bevor sie hineingefuhrt wurden und 
vielleicht auch, wahrend sie dort lebten, mit Zyklon desinfiziert 
worden. Heute wird uns zugemutet zu glauben, daB die Deutschen 
ihre spatere Totung mit demselben Produkt planten! 

Im wesentlichen die gleiche Geschichte wurde bei der Beweisauf- 
nahme vor dem IMT wiederholt. 33 Das Vorhandensein solchen 
Materials im WRBJSericht ist kein Geheimnis. Was auch immer den 
Theresienstadter Juden in den Jahren 1943 bis 1944 widerfuhr, war 
in Europa ziemlich gut bekannt. Als im Oktober 1943 aus Danemark 
360 Juden abtransportiert wurden, brachte man sie nach 
Theresienstadt, „ . . . damit man dem danischen Konig mit mehr 
Anspruch auf Glaubwiirdigkeit versichern konne, daB ihnen nichts 
geschehen wurde". 34 Wir wiesen bereits im vorangehenden Kapitel 
auf die im Juni 1944 erfolgte Kontrolle durch das Rote Kreuz hin; 
die Beziehungen des Roten Kreuzes zu Theresienstadt werden im 
folgenden Kapitel weiterbehandelt werden. Auf Grund eines 
Besuchs von Theresienstadt 1945 berichtete das Rote Kreuz von 



141 



Verlegungen nach Auschwitz, ohne damit argwohnische Andeutun- 
gen zu verbinden. 

Es war durchaus logisch, davon zu sprechen, daB die Theresien- 
stadter Juden sich in „Vorbereitung zum Transport" befunden 
hatten, als ihre Quarantine vor der Beendigung stand, da bekannt ist, 
daB viele Juden aus Theresienstadt nach dem Osten deportiert 
wurden. Eine durch die israelische Regierung verbiirgte Quelle, die in 
Theresienstadt ihren Ursprung hat, ergibt, daB die Deutschen von 
1941 bis 1944 Juden aus Theresienstadt nach Minsk in RuBland und 
Riga in Lettland verbracht hatten. Man muBte schon einige 
„Vernichtungslager" passieren, um von Theresienstadt in diese 
Stadte zu gelangen. Die erwahnte Quelle berichtet weiter, daB junge 
Theresienstadter Juden sich noch im August 1944 eifrig fur 
Transporte nach Auschwitz gemeldet hatten. 35 Rabbi Leo Baeck 
erklarte, daB jemand im August 1943 aus Auschwitz geflohen und 
nach Theresienstadt zuruckgekehrt sei und dort Baeck von 
Vergasungen erzahlt habe. Baeck hat angegeben, warum er zu dieser 
Zeit niemandem hiervon erzahlte, was — wie uns zweifellos damit 
gesagt werden soil — erklart, wie es moglich gewesen ist, daB alle 
diese Leute in ihrer „Unwissenheit" eifrig bemuht waren, nach 
Auschwitz zu kommen. 36 

Wie dem auch sei, der die Theresienstadter Juden betreffende 
Abschnitt der AuschwitzJ^egende ist offensichtlich Unsinn, sogar 
ohne den Beweis des Gegenteils. DaB die Deutschen drei 
verschiedene Gruppen von Menschen einer Kategorie, fur die in 
Birkenau ein Vernichtungsprogramm existierte, dort fur 6 Monate 
beherbergen wollten, ist nicht glaubhaft. 

Wenn wir noch eine andere Quelle priifen, bei der es sich um 
statistisches Zahlenmaterial iiber Transporte nach Auschwitz 
handeln soil, treffen wir auf die gleiche Lage. Die Angaben des 
Niederlandischen Roten Kreuzes sind von groBerer Zuverlassigkeit 
als die des WRBJSerichtes, obgleich sie weitgehend begrenzt sind. 
Wie aus Anhang C ersichtlich, zeigen diese Angaben, daB im groBen 
und ganzen alle mannlichen Juden, welche im Juli und August 1942 
aus den Niederlanden nach Auschwitz deportiert wurden, nach 
Birkenau gekommen sind und Registrationsnummern erhalten 
haben. Es ist auch bekannt, daB diese hollandischen Juden Briefe an 
Bekannte in den Niederlanden geschrieben haben, in denen sie die 
Arbeit in Auschwitz als „hart aber ertraglich", die Verpflegung als 
„angemessen", die Schlafgelegenheit als „gut", die hygienischen 
Bedingungen als „zufriedenstellend" und die allgemeine Behandlung 
als „korrekt" bezeichneten (dies berichtete der Judenrat in 
Amsterdam mit dem Zusatz, er wisse von 52 solchen Briefen). Fur 
Reitlinger sind dies „Ratsel", denn — so sagt er — „zu gewissen 
Zeiten wurden ganze Transporte in das Lager aufgenommen." 37 

Der Begriff „sofortige Entscheidungen" (spot decisions) ist, soviel 
wir wissen, nach dem HoB-Affidavit nicht mehr gebraucht worden. 
Allgemein wird von „Selektionen" gesprochen; man erzahlt, daB 
„Selektionen" bei den ankommenden Transporten auf der 
Grundlage der Arbeitseignung erfolgten. Dies wird im wesentlichen 
wahr sein; bei der Ausdehnung und Verschiedenartigkeit des 
industriellen Tatigkeitsbereichs in Auschwitz waren „Selektionen" 
zur Feststellung der Arbeitsfahigkeit sowie der Eignung fur leichte 



142 



oder schwere Arbeit erforderlich. Auch war zu beriicksichtigen, ob 
ein Transport aus Gefangenen, freiwilligen Arbeitern, umgesiedelten 
Juden (wie die Theresienstadter Juden) oder anders zusam- 
mengesetzt war. Auch wurden die Transporte zweifellos auf 
Mangelberufe hin durchkammt, wie etwa auf medizinisches 
Personal, Ingenieure, Fachhandwerker usw. Die Ver- 

nichtungslegende behauptet demgegenuber, daB bei dieser 
sorgfaltigen Aussonderung und Auswahl nur eine Personengruppe 
gesucht wurde : die nicht arbeitsfahigen und damit zur Vernichtung 
bestimmten Juden. Diese Behauptung ist schon durch die 
Beweisfuhrung ernstlich in Frage gestellt. 

Und dann soil ausgerechnet diese Gruppe in die Millionen 
gegangen sein! 

Unter „Selektion" ankommender Transporte ist nicht jene 
behauptete einzige Art von Selektionen fur die Gaskammer zu 
verstehen. Em hollandischer Jude, Dr. Elie A. Cohen, wurde im 
Jahre 1943 inhaftiert, weil er versucht hatte, die Niederlande ohne 
Genehmigung zu verlassen. Im September wurde er mit seiner 
Familie nach Auschwitz verbracht, wo er von ihr getrennt wurde; er 
sah sie niemals wieder. Spater schrieb er iiber seine Erfahrungen als 
Mitglied der Krankenhausverwaltung in Auschwitz I ein Buch : 
„Menschliches Verhalten in den Konzentrationslagern". Cohen 
stellt gewisse Gaskammer-Selektionen im Haftlingskrankenhaus 
dar : 38 

„Nachdem die ,H.K.B. (Haftlingskrankenbau)-Verwaltungsstelle' 

Nachricht gegeben hatte, daB der Lagerarzt dabei war, eine Selektion 
durchzufuhren, wurde der ganze Block tatig wie ein Bienenschwarm, denn 
alles hatte schmuck und sauber zu sein . . . wahrend jedermann in 
Achtungstellung stand, trat er mit seinem Gefolge ein : S.D.G. (Sanitatsdienst- 
grad), Blockalteste und Blockschreiber. Die kranken Juden standen schon in 
einer Reihe, nackt selbstverstandlich. Gleichzeitig mit Vorlage der 
Karteikarte mit den personlichen Aufzeichnungen uber jeden Gefangenen 
stellte der Blockarzt, in dessen Ohr der Krankenhausarzt die Diagnose 
flusterte, dem Lagerarzt den Patienten zur Untersuchung vor ... in 90% aller 
Falle wurde die Karte dem S.D.G. ausgehandigt, was fur den Patienten Tod 
durch Vergasung bedeutete, auBer wenn die politische Abteilung das 
Gegenteil anordnete, was bei Schutzhafthaftlingen (gewohnlichen 
Kriminellen) haufig vorkam. 

Nicht nur abgezehrte Gefangene, sondern ebenso einige, die gut genahrt 
aussahen, wurden zeitweise fur die Gaskammer bestimmt; gelegentlich hatten 
sogar Angehorige der Haftlingsverwaltung, die offiziell davon ausgenommen 
waren, ein gleiches Schicksal zu erleiden. Es wurde daher, insbesondere im 
Hinblick auf den „medizinischen Stil" des Lagerarztes allgemein vermutet, 
daB nicht nur Arbeitsunfahige zur Totung ausgewahlt wurden, sondern daB 
der entscheidende Faktor dabei sein muBte, daB jeweils eine bestimmte Zahl 
von Personen zu vergasen war. 

Offiziell kannte niemand das letzte Ziel dieser Prozedur wirklich, nicht einmal 
das Personal der Verwaltungsstelle, denn hinter die Namen der Vergasten 
wurden die Buchstaben S.B., die Kurzbezeichnung fur Sonderbehandlung, 
gesetzt." 



143 




Abb. 15 : Leichen in einem Zug bei Dachau 



144 



Cohen berichtet nicht, daB er irgendwelche Gaskammern gesehen, 
erlebt habe. Der einzige Beweis, den er dafiir heranzieht, solche 
Szenen als „Vergasung" auszudeuten (eine solche Ausdeutung ist 
von den schlichten Tatsachen her sicher nicht angezeigt), besteht in 
den Nachkriegsbehauptungen iiber Judenvernichtungen in 

Auschwitz sowie in der Tatsache, daB es innerhalb des Lagers 
Geriichte iiber Judenvernichtungen irgendwo bei Auschwitz gegeben 
habe. Sicher zirkulierten solche Geriichte iiber Judenvernichtungen, 
hat doch eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes von 
derartigen Geriichten unter britischen Kriegsgefangenen in Ausch- 
witz III im September 1944 berichtet. 39 Jedoch laBt sich aus den 
Geriichten so gut wie nichts schlieBen, zumal ihr systematisches 
Ausstreuen zur psychologischen Kriegfuhrung der Gegner Deutsch- 
lands gehorte. Wir haben gesehen, daB das OSS und naturlich die 
Kommunisten sich intensiv mit der Verbreitung von Geriichten und 
„Greuelpropaganda" beschaftigten. Eingeweihte hohe Beamte der 
US-Regierung — und naturlich auch das britische Informations- 
ministerium — haben das Verbreiten solcher Informationen bewuBt 
gefordert. Wahrend des IG-Farben Prozesses stellte der 
Anklagevertreter Minskoff dem Zeugen der Verteidigung Munch die 
folgende Frage : 40 

„Herr Zeuge, ist es nicht eine Tatsache, daB wahrend der Zeit, als Sie in 
Auschwitz waren, alliierte Flugzeuge Flugblatter uber Kattowitz und 
Auschwitz abwarfen, mit denen die Bevolkerung uber die Vorgange in 
Birkenau unterrichtet wurde?" 

Miinch wuBte das nicht. Doch Minskoff wuBte hier Bescheid, da er 
wahrend des Krieges ein iiber die Auslandstatigkeit orientierter 
Rechtsanwalt im Finanzministerium gewesen und vermutlich gut 
iiber die WRB-Vorgange informiert war. Das WRB hatte mit dem 
Kriegsinformationsamt verschiedentlich bei Flugblattaktionen 

zusammengearbeitet. Leiter der Anklagebehorde im IG-Farben 
ProzeB war DuBois, der vorher Hauptberater des WRB gewesen war; 
er schrieb, daB er in seinem „Amt im Jahre 1944 gewuBt habe, was in 
Auschwitz vor sich ging". In seinem Buch erwahnte er zustimmend 
den die Minskoff-Frage enthaltenen Teil der Zeugenaussage. 41 Dies 
ist ein guter Beweis fur eine amerikanische Flugblattaktion iiber 
Auschwitz, obgleich das Verfahren ziemlich unvollkommen gewesen 
sein diirfte. Meiner Meinung nach erfolgte eine solche Flug- 
blattaktion, wenn sie wirklich durchgefuhrt worden ist, bei Nacht 
und unter Verwendung einer geringen Stiickzahl. 

Indessen waren Flugblatter gar nicht notig, um die Lager mit 
Geriichten zu versorgen, da die gut organisierten Kommunisten sehr 
aktiv auf diesem Gebiet waren. Hire iiberlegene Organisation, die sich 
auch mit dem unerlaubten Abhoren von Rundfunksendungen 
befaBte, hatte die anderen Haftlinge von ihren „Neuigkeiten" 
regelrecht abhangig gemacht. 42 So konnten Geschichten iiber die 
Lager auf den verschiedensten Wegen — mit und ohne 
„Feindsender" — in diese hinein- oder aus diesen hinausgelangen. 

Die oben erwahnte Delegation des Roten Kreuzes hatte versucht, 
die Auschwitz-Lager zu besichtigen, kam aber anscheinend nicht 



145 



weiter als bis in den Verwaltungskomplex von Auschwitz I und in die 
Unterkiinfte der britischen Kriegsgefangenen. Die letzteren durfte 
sie auf Grund der bestehenden internationalen Abkommen 
aufsuchen; hinsichtlich der anderen Bereiche waren die deutschen 
Offiziere „liebenswiirdig und zuriickhaltend". Die Delegation 
berichtete ohne Kommentar, daB die britischen Kriegsgefangenen 
von Lagerinsassen keine Bestatigung der Geriichte erhalten hatten. 
Als spater die Sowjets die britischen Kriegsgefangenen im AnschluB 
an die Besetzung des Lagers verhorten, stellte sich heraus, daB sie 
auch dann — trotz dieser Geriichte — von „Verbrechen iiberhaupt 
nichts wuBten". 43 

Spatere Ereignisse haben dann in vielen Fallen die Geriichte in 
„Wissen" umgewandelt. Ankommende Juden hatten sicherlich 
keinerlei Verdacht auf Vergasungen. 44 

Mit den „Selektionen" werden wir einer weiteren Tatsache 
gegeniibergestellt, die eine doppelte Auslegung zulaBt. Es gibt keinen 
Zweifel daran, daB die umfassenden industriellen und sonstigen 
Beschaftigungsmoglichkeiten eine „Auswahl" der Menschen fur 
verschiedene herkommliche Zweckbestimmungen erforderte. Von uns 
aber verlangt man, dieser Tatigkeit eine „Vernichtungsabsicht" 
beizumessen. 

Bevor wir uns von Cohen abwenden, sollten wir noch bemerken, 
daB es im Krankenbau von Auschwitz I sowohl kranke, 
ausgemergelte als auch andere Juden gab. 45 

„Der H.K.B, war in funf guten, aus Stein gebauten Hauserblocks 
untergebracht. Es gab einen Block fur Chirurgie, einen fur In- 
fektionskrankheiten, einen fur innere Krankheiten, einen fur Schonung 
(weniger schwere Falle) und Block 28 (Bestrahlung, medizinische 
Experimente, Spezialistenraume, Aufnahmen). Die Kranken lagen in 
dreistockigen Betten auf Strohsacken unter zwei baumwollenen Decken und 
einem Bettlaken, bekleidet mit einem Hemd (spater zusatzlich noch mit einer 
Unterhose). Jede Woche wurden die Patienten gebadet, alle zwei Wochen 
erhielten sie .saubere' Unterkleidung und ein .sauberes' Bettlaken. Es gab 
wenig Fliegen, keine Lause. Jede Schlafstelle war selten mit mehr als zwei 
Personen belegt. Aber . . . selbst Patienten mit hohem Fieber muRten ihre 
Betten verlassen, urn zur Toilette zu gehen oder sich in dem kalten Waschraum 
morgens zu waschen. Mit Hilfe der SS konnte man immer Medikamente 
,organisieren', wenn auch nicht in ausreichenden Mengen, sogar Sulfonamide 
eingeschlossen; diese waren durch groBe Judentransporte aus alien 
europaischen Landern hereingebracht worden." 

Cohen fiigt hinzu, daB die Zustande in den Krankenabteilungen — 
anderer Lager — , iiber die er nur gelesen hat, viel schlechter gewesen 
seien. Der Krankenbau von Auschwitz I war offensichtlich keine 
Luxuseinrichtung, doch zeigte er auf Seiten der Deutschen das 
ernstliche Bemuhen um gesundheitliche Wiederherstellung der 
erkrankten Haftlinge, inklusive der Juden. Diese Beobachtung steht 
ebenfalls der Behauptung entgegen, daB die Arbeitsunfahigen geto- 
tet worden seien. Cohen berichtet von gewissen Selektionen, de- 
ren Griinde unbekannt blieben. Moglich, daB die als nicht mehr 
arbeitsfahig angesehenen Haftlinge nach Birkenau geschickt worden 



146 



sind. Dies ware durchaus verstandlich, zumal sich herausgestellt hat, 
daB die Nichtarbeitsfahigen aus dem Monowitzer Krankenhaus 
ebenfalls nach Birkenau verlegt worden waren. 

Der Ausdruck „ Sonde rbehandlung" wird als eines der Tarnworte 
fur Vergasung ausgegeben. Wenn gesagt wird, daB soundsoviele 
Juden in einem Transport nach Auschwitz irgendeinem deutschen 
Bericht oder Dokument zufolge vergast worden seien, so beruht das 
darauf, daB dem Wort „ Sonde rbehandlung" die Bedeutung 
„ Vergasung" unterschoben wird. Von den in Frage stehenden 
Dokumenten gibt es zwei an der Zahl; sie sind abgedruckt (nicht im 
Original wiedergegeben) in einer Publikation der polnischen 
Regierung aus dem Jahre 1946. Beide Dokumente sollen von einem 
SS-Sturmfuhrer Schwarz unterzeichnet sein. Sie sagen aus, daB aus 
verschiedenen judischen Transporten von Breslau und Berlin nach 
Auschwitz im Marz 1943 eine bestimmte Anzahl von Juden zur 
Arbeit ausgesondert und der Rest „ sonde rbehande It" worden sei. 
Soviel ich weiB, handelt es sich hierbei nicht um Nurnberger 
Dokumente; die Originale, wenn es sie gibt (was ich nicht in Abrede 
stellen will), befinden sich in polnischen Archiven. 46 

Es gibt ein offenbar echtes Dokument der Gestapo in Dusseldorf, 
das im einzelnen die Art und Weise angibt, in der die Hinrichtungen 
von Fremdarbeitern fur gewisse Vergehen durchzufuhren waren, und 
das den Ausdruck „ Sonde rbehandlung" im Sinne von Exekution 
gebraucht. Weiterhin gibt es ein Dokument, das als Beweismittel in 
den Eichmann-ProzeB eingefuhrt wurde und das die Exekution von 
drei Juden als „Sonderbehandlung" bezeichnet. 47 

So scheint es richtig zu sein, daB der Begriff in dem bestimmten 
Zusammenhang Exekution bedeutete, aber zumindest ebenso sicher 
ist, daB er innerhalb der SS eine gleichermaBen unbestimmte 
Bedeutung hatte wie in englischsprachigen Landern die Worte 
„besondere Behandlung" (special treatment); es gibt ausreichende 
Beweise hierfur. Wahrend des IMTJ?rozesses brachte der Anklager 
Amen im Kreuzverhor Kaltenbrunner dazu, zuzugeben, daB der 
Begriff „ Exekution" bedeutet haben konnte, sofern es von Himmler 
angeordnet war. Bei dem Versuch, Kaltenbrunner personlich mit der 
„ Sonde rbehandlung" in Verbindung zu bringen, legte Amen sodann 
triumphierend ein Dokument vor, demzufolge Kaltenbrunner fur 
bestimmte Leute Sonderbehandlung angeordnet hatte. Amen 
forderte dann Kaltenbrunner auf, zu dem Dokument Stellung zu 
nehmen, ohne es zu lesen. Es gab eine erbitterte Auseinanderset- 
zung, aber Kaltenbrunner wurde schlieBlich erlaubt, das Dokument 
zu lesen. Er fuhrte dann lebhaft aus, daB die in dem Dokument 
erwahnte Sonderbehandlung fur Leute in der „Winzerstube" und im 
„Walzertraum" gedacht war, daB diese beiden Einrichtungen 
elegante Hotels gewesen seien, in denen angesehene Personen 
interniert waren, und daB „ Sonderbehandlung" in ihrem Fall 
bedeutete, daB sie frei korrespondieren sowie Pakete empfangen und 
eine Flasche Champagner pro Tag erhalten konnten und anderes 
mehr. 48 

Poliakov gibt einige Dokumente wieder, die zeigen, daB 
„ Sonderbehandlung" innerhalb der SS noch eine andere Bedeutung 
hatte. Die Dokumente behandeln MaBnahmen, die im Fall von 
Schwangerschaften ergriffen werden sollten, die durch unerlaubten 
Geschlechtsverkehr von polnischen Zivilarbeitern und 



147 



Kriegsgefangenen verursacht wurden. Eine Priifung nach rassischen 
Gesichtspunkten sollte dariiber befinden, ob das Kind abgetrieben 
oder „germanisiert" (durch eine deutsche Familie adoptiert) werden 
sollte. Der Ausdruck „Sonderbehandlung" war in diesem Fall eine 
Verweisung entweder auf „Germanisierung" oder „Abtreibung". 

Im Eichmann-ProzeB wurden einige Dokumente in das Beweisver- 
fahren eingefuhrt, die sich mit der Behandlung von 91 Kindern aus 
Lidice in Bohmen-Mahren befaBten. Diese Kinder waren auf Grund 
von Repressalien verwaist, die in Lidice nach Heydrichs Ermordung 
durchgefiihrt worden waren. Eine bestimmte Anzahl wurde fur die 
Germanisierung herausgesucht und der Rest zur Sammelstelle fur 
verdrangte Personen in (Litzmannstadt) Lodz geschickt, die das 
Reichssicherheitshauptamt verwaltete. Der Leiter der Sammelstelle, 
Krumey, betrachtete diese Kinder als einen Sonderfall innerhalb der 
Sammelstelle, denen wahrend ihres dortigen Aufenthaltes „Sonder- 
behandlung" zu gewahren war. Dieser oder der gleichbedeutende 
Ausdruck „gesonderte Behandlung" wurde im Auswartigen Amt 
auch in Verbindung mit gesonderten Kategorien von 
Kriegsgefangenen — z. B. bei Priestern — gebraucht. 49 

Himmler lieB sich etwas unklar iiber den Begriff „Sonderbehand- 
lung" aus, als er den „Korherr-Bericht" priifte — Dokumente 
NO-5193 bis 5198. Korherr war Chef-Statistiker der SS und 
bereitete Ende 1942/Anfang 1943 einen Bericht iiber die Lage der 
europaischen Juden fur Himmler vor. Im Marz 1943 berichtete er, 
daB insgesamt 1.873.594 Juden verschiedener Nationalitat durch ein 
Programm der „Evakuierung" erfaBt worden waren, mit der 
beilaufigen Bemerkung „einschlieBlich Theresienstadt und 

einschlieBlich Sonderbehandlung". Der Bericht teilte auch die 
Anzahl der Juden in den Ghettos Theresienstadt, Lodz und dem 
Generalgouvernement sowie in den Konzentrationslagern und 
deutschen Stadten mit. AuBerdem war darin vermerkt, daB von 
1933 bis zum 31. Dezember 1942 in deutschen 

Konzentrationslagern 27.347 Juden verstorben waren. 

Nachdem Himmler den Bericht gepruft hatte, wies er Korherr 
durch Brandt an, den Ausdruck „ Sonderbehandlung" im Bericht 
nicht zu benutzen und den Transport in den Osten naher zu 
spezifizieren. Ungeachtet dessen enthalt das uns vorliegende 
Dokument den Begriff in der dargelegten Form. Das Dokument gibt 
keinen Hinweis, wie der Begriff auszulegen ist; da er jedoch in 
Verbindung mit Theresienstadt auftaucht, erscheint es angebracht, 
ihn in einem giinstigen Sinn auszulegen, namlich als Hinweis auf eine 
Art bevorzugte Behandlung. 

Kurz danach schrieb Himmler in einem angeblich von ihm 
unterzeichneten Dokument, daB er den Bericht „als allenfallsiges [sic] 
Material fur spatere Zeiten und zwar zu Tarnungszwecken" 
betrachte. Was zu tarnen gewesen sei, wird in dem Dokument nicht 
angegeben. Doch bezeugte Eichmann in seinem ProzeB, daB die 
deutsche Regierung nach der StalingradJ^atastrophe im Januar 
1943 den Gang der Deportationen aus „Tarnungsgrunden" 
beschleunigt habe, „um das deutsche Volk dariiber zu beruhigen, 
daB drauBen alles in Ordnung ware". Himmler wies besonders darauf 
hin, daB der Korherr JSericht „im Augenblick" nicht veroffentlicht 
werden diirfe, aber seine Bemerkung iiber eine Tarnung konnte 
dennoch in dem von Eichmann angedeuteten Sinn aufgefaBt werden 



148 



(Eichmanns Feststellung stand nicht in Zusammenhang mit dem 
Korherr-Bericht) . B0 

Weitere Dokumente sind 003-L, ein Brief des SS-Generals 
Katzmann, in dem von 434.329 ausgesiedelten Juden aus Siid-Polen 
als „ sonde rbehande It" gesprochen wird, und NO-246, ein Brief von 
Arthur Greiser an Himmler mit dem Datum 1. Mai 1942, worin um 
Genehmigung einer Sonderbehandlung gebeten wird, die in bezug 
auf etwa 100.000 Juden im Warthegau (Teil des annektierten Polen) 
dahingehend spezifiziert wird, diese von der AuBenwelt 
abgeschlossen zu halten. Greiser wurde durch einen polnischen 
Gerichtshof trotz einer Intervention des Papstes zu seinen Gunsten 
am 20. Juli 1946 zum Tode verurteilt. Zu alledem gibt es noch einen 
Brief von Lohse, der in Kapitel VI besprochen werden wird. 51 

Zusammenfassend laBt sich im Hinblick auf die von einer 
Sonderbehandlung sprechenden Dokumente sagen, daB selbst dann, 
wenn man alle wichtigen Dokumente — auch die hinsichtlich ihrer 
Authentizitat fragwurdigen — fur echt halt, jene Dokumente, die sich 
auf Auschwitz beziehen, keine Interpretation des Begriffs im Sinne 
von „Vernichtung" bedingen. DaB der Begriff „ Sonderbehandlung" 
mehr als eine Bedeutung in einer deutschen Behorde hatte, ist nichts 
Besonderes. Zum Beispiel verstehe ich, daB beim Zentral- 
Nachrichten-Dienst (Central Intelligence Agency) termination" 
Hinrichtung oder Mord bedeuten kann. Gleichwohl konnte der 
Begriff gewiB auch auf die Entlassung einer Maschinenschreiberin 
wegen Fehlens im Dienst angewandt werden. 

Die Ausfuhrungen in Ziffer 7 des HoB-Affidavits iiber das 
Bemuhen, „in den Opfern die Vorstellung zu erwecken, sie hatten 
sich einem EntlausungsprozeB zu unterziehen", sind selbstver- 
standlich folgerichtig, da jedermann beim Betreten eines deutschen 
Lagers einen EntlausungsprozeB der von HoB in seinem Affidavit 
und seiner Zeugenaussage beschriebenen Art durchzumachen hatte : 
— Entkleiden, Rasieren, Duschen. 52 Wieder stehen wir einer 
Tatsache gegeniiber, die fur eine zweifache Interpretation geeignet 
ist. 

Der letzte Gegenstand in Ziffer 7 bezieht sich auf Verbrennungen. 
Nach HoB und alien anderen Berichten iiber Massenvernichtungen 
fanden die Verbrennungen der Leichen in Graben oder Gruben statt, 
bevor es dort die modernen Krematorien gab. 53 Die neuen Krema- 
torien sollen fur die Vernichtung der Juden bestimmt gewesen 
sein, aber wir deuteten bereits im vorhergehenden Kapitel eine 
herkommlichere Zweckbestimmung an. Wir wollen uns ihre 
Geschichte ansehen. 

Die Vorbereitenden Stadien der Planung und Auftragserteilung fur 
ihre Errichtung reichen wohl in den Beginn des Jahres 1942 zuriick 
und diese Tatsache an sich macht es zumindest schwer, zu glauben, 
daB sie in Beziehung zu irgendeinem Vernichtungsprogramm 
standen, das Himmler im Sommer 1942 befohlen hatte. Die 
Konstruktionsplane fur vier Krematorienbauten tragen das Datum 
vom 28. Januar 1942. B4 Am 27. Februar 1942 besichtigte der Leiter 
der Bauabteilung des WirtschaftsverwaltungsJTauptamtes der SS, 
Brigadefuhrer Dr. Ing. Hans Kammler, ein Ingenieur, der auch die 
Einrichtung der deutschen V-WaffenJ3asen und der unterirdischen 
Flugzeugfabriken leitete, Auschwitz und hielt dort eine Besprech- 
ung ab, bei der beschlossen wurde, lieber fiinf statt (wie zuvor 



149 



geplant) zwei Krematoriumsfeuemngen, eine jede mit drei Ofen 
oder Tiiren, einzurichten. 55 Diese Sache wurde also nicht der 
Eingebungskraft von HoB iiberlassen. In der Vernichtungslegende 
erhielt HoB — wie auch immer — entscheidenden EinfluB auf die 
Verwendung von Zyklon. Die vorgesehenen 15 Ofen fur ein Bauwerk 
oder Gebaude wurden am 3. August 1942 bei der Firma Topf & 
Sohne/Erfurt, in Auftrag gegeben. 66 Die Ofen entsprachen dem 
Standardtyp, den die Firma Topf & Sonne (1962 noch in Wiesbaden 
geschaftlich tatig) verkaufte. Bild 26 soil eine Fotographie eines der 
Krematorien von Auschwitz sein. Jeder Ofen war dazu bestimmt, 
wie alle Standard-Krematoriums-Ofen, jeweils eine Leiche zur Zeit 
aufzunehmen. Es gibt keinen Beweis fur den Einbau irgendeines 
nicht standardgemaBen Ofens, der irgendwie geeignet war, mehr als 
eine Leiche zur Zeit aufzunehmen. Die Firma Topf hatte auch Ofen 
fur Lager geliefert, die nicht als Vernichtungslager ausgegeben 
werden, wie z. B. Buchenwald. 57 

Die Plane fur die vier zur Aufnahme der Krematorien bestimmten 
Bauwerke, die mit II, III, IV und V numeriert waren (Krematorium I 
scheint das schlieBlich stillgelegte Krematorium I in Auschwitz I 
gewesen zu sein, das vier Ofen enthielt), 58 zeigen, daB es in jedem 
Bauwerk einen groBen Saal oder Raum gab. Bei Nummer II und III 
lag er unter der Erdoberflache und wurde als Leichenkeller 
bezeichnet; seine AusmaBe betrugen 2,4m Hohe und 210m 2 
Grundflache bzw. 2,3m Hohe und 400m 2 Grundflache. Die Sale in 
den Gebauden, die die Krematorien IV und V beherbergten, 
befanden sich iiber der Erdoberflache und wurden als Badeanstalten 
bezeichnet; jede von ihnen hatte eine Hohe von 2,3m und eine 
Grundflache von 580m 2 . Den Feststellungen im Auschwitz- 
ProzeB von 1963 — 1965 zufolge war die Lage der Gebaude so, wie es 
auf Bild 29 dargestellt ist. 

Die Bauabteilung von Auschwitz wurde bei der Errichtung der 
Krematorien nicht nur durch die Firma Topf & Sonne, sondern auch 
durch die SS-Gesellschaft DAW (Deutsche Ausriistungswerke) 
unterstiitzt, die mit mannigfaltigen Erzeugnissen behilflich war. Die 
ersten Ofen wurden im Krematorium II installiert; es waren — wie 
wir bereits erwahnten — 15 an der Zahl : fiinf Drei-Ofen-Einheiten. 
Die Einrichtung nahm beachtliche Zeit in Anspruch, obwohl sie — 
wie die Dokumente zeigen — mit planmaBiger Eile vor sich ging. Die 
NMT-Protokollbande enthalten das folgende Dokument NO-4473 in 
englischer Ubersetzung; wenn der Leser meint, daB einiges in dem 
Dokument meiner These widerspricht, sollte er sich mit seinem 
Urteil noch zuruckhalten : 59 

„29. Januar 1943 

An den Chef der Amtsgruppe C, SS-Brigadefuhrer und General- 
major der Waffen-SS, Dr. Ing. Kammler 

Betr. Krematorium II, Bauzustand. 

Das Krematorium II wurde unter Einsatz aller verfugbaren Krafte trotz 
unsagbarer Schwierigkeiten und Frost bei Tag- und Nachtbetrieb bis auf 
bauliche Kleinigkeiten fertiggestellt. Die Ofen wurden im Beisein des Herrn 
Oberingenieurs Prufer der ausfuhrenden Firma, Firma Topf & S6hne, Erfurt, 
angefeuert und funktionieren tadellos. Die Eisenbetondecke des 
Leichenkellers konnte infolge Frosteinwirkung noch nicht ausgeschalt 
werden. Dies ist jedoch unbedeutend, da der Vergasungskeller (gas chamber) 
hierfur benutzt werden kann. 



150 



Die Firma Topf & Sohne konnte infolge Waggonsperre die Be- und 
Entluftungsanlage nicht wie von der Zentralbauleitung gefordert rechtzeitig 
anliefern. Nach Eintreffen der Be- und Entluftungsanlage wird jedoch mit 
dem Einbau sofort begonnen, so daB voraussichtlich am 20.2.1943 die Anlage 
vollstandig betriebsfertig ist. 

Wir fugen einen Bericht (Anm. des Verfassers : dem Dokument nicht 
beiliegend) des Prufingenieurs der Firma Topf und Sohne, Erfurt, bei. 

Der Leiter der Zentralbauleitung der Waffen SS 
und Polizei Auschwitz, 

Verteiler SS-Hauptsturmfuhrer 

1 SS-Ustuf. Janisch und Kirschneck 

1 Registratur (Akte Krematorium) 

F.d.R.D.A. 

gez. (Unterschrift unleserlich) 

SS-Ustuf. (F)" 

Ich lege dieses Dokument dahin aus, daB die Ofen, obwohl das 
Krematorium II noch nicht vollstandig fertiggestellt war, im Januar 
1943 fur Verbrennungen benutzt werden konnte, trotz der 
Unmoglichkeit, den Leichenkeller in Gebrauch zu nehmen. Die 
Ubersetzung des Dokumentes in den NMT-Protokollen verwendet 
fur „Vergasungskeller" den Begriff „gas chamber". 

Am 12. Februar 1943 schrieb die Firma Topf nach Auschwitz und 
bestatigte einen Auftrag iiber funf dreiteilige Verbrennungsofen fiir 
das Krematorium III, die vollstandige Herrichtung war fiir den 10. 
April vorgesehen. Ich habe keinerlei Dokumentation gesehen, mit 
der die Installation irgendwelcher Ofen in den Krematorien IV und 
V bestatigt wird, wenn nicht ein Brief eines SS-Untersturmfuhrers in 
Auschwitz so ausgelegt werden sollte, in dem ein Vorschlag der Firma 
Topf zur Einrichtung von zwei dreiteiligen Verbrennungsofen in der 
Nahe der „Bader fiir besondere Zwecke" erwahnt wird. 60 An den 
Krematorien IV und V wurden jedoch Zimmermannsarbeiten 
ausgefiihrt. 61 

Das fuhrt uns an das Problem der Ofenzahl in Birkenau heran; es ist 
ein Problem, weil die Deutschen die Krematorien zerstort haben 
sollen, bevor sie Auschwitz verlieBen. 62 Es standen offenbar — so 
miissen wir annehmen — wenigstens 30 Ofen einige Zeit im Jahre 
1943 zur Verfugung, und zwar je 15 in den Krematorien II und III. 
Der Beweis dafur, daB Ofen in den Krematorien IV und V installiert 
worden seien, ist bescheiden. Er besteht hauptsachlich im 
Erscheinen eines Arbeitskommandos, das dem angeblichen 
Dienstplan fur Birkenau vom 11. Mai 1944 und irgendeiner 
Zeugenaussage zufolge diesen Krematorien zugewiesen wurde (es ist 
dasselbe Dokument, in dem von den Theresienstadter Juden die 
Rede ist). Russen und Polen behaupten, daB jedes dieser 
Krematorien 8 und die anderen beiden je 15 Ofen hatten; also 
insgesamt 46 Ofen. Im WRB-Report wurden fiir die Krematorien II 
und III je 36 und in IV und V je 18 Ofen erwahnt, insgesamt also 108 
Ofen. 63 

Reitlinger spricht in der Annahme, daB jedes Krematorium 15 
Ofen hatte, von 60 Ofen. Seine einzige Quelle hierfur sind die 
Aufzeichnungen eines gewissen Miklos Nyiszli, dem wir nichts 
abnehmen sollten, am allerwenigsten eine Zahl. Die Nyiszli- 



151 




Abb. 16 : US-KongreB Mitglieder inspizieren Duschraum in 
Dachau. Von lks.n.r. : Senator Wherry (Nebraska), 
Senator Brooks (Illinois), Vorhys (Ohio), Richards 
(South Carolina). Ihnen wird erzahlt, daB dies die 
Gaskammer gewesen sei. 



152 



Niederschrift macht den Eindruck, als handele es sich um einen 
Bericht iiber die personlichen Erlebnisse eines ungarisch-jiidischen 
Arztes, der im Mai 1944 nach Auschwitz deportiert wurde. Sie 
erschien 1951 in franzosischer Sprache in den Marz-April-Ausgaben 
der Zeitschrift „Les Temps Modernes" mit einem Vorwort des 
Ubersetzers T. Kremer. Rassinier hat iiber seine unermudlichen 
spateren Bemiihungen berichtet, mit Nyiszli Kontakt aufzunehmen 
und herauszufinden, ob er wirklich existierte; die einzige Person, die 
es fraglos zu geben schien, war indessen der Ubersetzer Kremer. 64 
Eine englische Ubersetzung von Richard Seaver, herausgegeben von 
Bruno Bettelheim, wurde im Jahre 1960 in New York unter dem 
Titel „Auschwitz" veroffentlicht. Nyiszli war damals offenbar tot, 
verschollen, da laut besonderer Angabe das Copyright bei „N. 
Margareta Nyiszli" lag. Wie bei verstorbenen Autoren mit 
Doktorgrad iiblich, wird in der New Yorker Ausgabe von 1960 die 
Titelseite einer Dissertation von „Nicolaus Nyiszli", Breslau 1930, 
wiedergegeben. Von dem Buch erschienen im Jahre 1961 auch 
Ausgaben in franzosischer und deutscher Sprache. 

Rassinier zufolge ist es schwierig genug, die in den verschiedenen 
Ausgaben angegebenen Zahlen miteinander in Einklang zu bringen, 
doch ist es nicht einmal moglich, innere Ubereinstimmung in einer 
einzigen Ausgabe zu finden. In der Ausgabe von 1960 lesen wir 
(Seite 55), daB die 60 Ofen „mehrere tausend" Leichen pro Tag 
einaschern konnten. Weiter unten (Seite 87) wird uns erzahlt, daB 
der „tagliche AusstoB zwischen 5.000 — 6.000 Toten schwankte, 
wenn die beiden (Verbrennungsgruben) gleichzeitig benutzt 
wurden, eine etwas bessere Leistung als die der Krematorien"; doch 
spater (Seite 92) erfahren wir, daB die Krematorien II und III allein 
mindestens 10.500 Leichen taglich beseitigen konnten. Das ist ein 
volliges Durcheinander. 

Die Nyiszli zugeschriebenen Aufzeichnungen beinhalten auch, 
was ich als Grund fur eine Zeugenablehnung ansehe; in ihnen wird 
behauptet, die SS habe anfanglich gesunde Haftlinge grundlos 
regelmaBig geschlagen (z. B. Seiten 25, 27, 44, 57). Es ist bekannt, 
daB es das nicht gab. Abgesehen von moglichen humanitaren 
Einwanden gegen solche Schlage, waren die Haftlinge eine 
Einnahmequelle fur die SS. Zahlreich waren die Klagen von Seiten 
der SS gegen verschiedene Formen der MiBhandlung, die angeblich 
in den IG-Farben-Werken vorkamen. Andererseits verbot die SS aus 
Sicherheitsgrunden aber auch eine Verbriiderung zwischen dem 
Wachpersonal und den Haftlingen. Die SS-Wachen hatten Befehl, 
von den Haftlingen „Abstand" zu halten; sie durften nicht einmal 
mit ihnen sprechen, sofern es nicht unumganglich war. Diese 
Regelung war naturlich schwer durchzusetzen und ihre regelmaBige 
und recht haufige Verletzung hatte Ermahnungen Pohls an die 
Lagerkommandanten zur Folge, mit denen eine angemessene und 
systematische Belehrung des Wachpersonals gefordert wurde. 65 

Trotz einer gewissen Erwahnung von Brutalitaten der SS-Wachen 
durch Autoren anderer Bucher erwahnt Cohen solche Erfahrungen 
Auschwitz betreffend nicht und bemerkt sogar, daB die 
„Aufnahme-Zeremonie" bei seinem Transport „ohne 

Gewalttatigkeit verlief. Jedoch berichtete er von einem besonders 
konstruierten holzernen Tisch, der benutzt wurde, um Haftlinge auf 
das Hinterteil zu schlagen. Das war eine formlich geregelte Art der 



153 



Bestrafung von Haftlingen fur verschiedene Vergehen in den Lagern. 
Als „verscharfte" Priigelstrafe wurde das Schlagen auf den nackten 
Hinterteil bezeichnet. 66 Wenn ein Auschwitz-Zeuge von 
regelmaBigen und grundlosen Schlagen zu sprechen beginnt, so mag 
er wohl in einigen Dingen die Wahrheit sagen, doch muB seine 
allgemeine Glaubwiirdigkeit verneint werden. 

Auf Grund der verfiigbaren Beweise ist die Annahme 
gerechtfertigt, daB es im Friihjahr 1943 in Birkenau 30 Ofen gab und 
ein Jahr spater 46 Ofen. Bevor wir die Behandlung der Zahl der 
Krematoriumsofen abschlieBen, sollten wir noch bemerken, daB es 
gewisse Zweideutigkeiten in den Dokumenten iiber die Krematorien 
gibt. Am augenfalligsten ist die Tatsache, daB der WRB-Report 
anscheinend nicht die einzige Quelle ist, welche die Birkenauer 
Krematorien lieber mit den Nummern I bis IV als mit II bis V 
bezeichnet. Die Deutschen taten dies manchmal selbst, oder es 
scheint so, z. B. nach dem Dokument NO-4466. 67 

Die zahlenmaBige Grenze, bis zu der Menschen durch ein 
Programm der angedeuteten Art vernichtet werden konnten, wird 
nicht durch die Geschwindigkeit bestimmt, mit der Menschen 
vergast und die Gaskammern entluftet werden konnten, sondern 
durch die Zeit, in der Leichen verbrannt werden konnten. Bei 
Abschatzung der Kapazitat der Krematorien ist es rein rechnerisch 
moglich, einige eindrucksvolle Zahlen vorzulegen. Eine Stunde 
konnte damals als eine sehr gute Zeit fiir die Verbrennung einer 
Leiche gelten; die abgezehrten Leichen wiirden dabei kaum einen 
Unterschied ergeben haben. 68 Wenn wir eine Stunde fiir 
Reinigungsarbeiten und andere MaBnahmen in Rechnung stellen, 
konnte ein Ofen vielleicht 23 Leichen taglich, 30 Ofen konnten also 
690 und 46 Ofen 1.058 Leichen taglich verbrennen. Damit konnte 
jahrlich die beachtliche Zahl von 240.000 bis 360.000 Leichen 
erreicht werden, doch ist dabei selbstverstandlich zu 
berucksichtigen, daB Auschwitz 46 Ofen fiir nicht mehr als ein Jahr 
zur Verfugung gehabt haben konnte, da man annimmt, daB die 
Vernichtungen im Herbst 1944 eingestellt worden sind. 

Gleichwohl ist die folgerichtige Ableitung der vorstehenden 
Zahlen Unsinn; die Dinge verlaufen nicht in dieser Weise. Menschen 
— insbesondere die Konzentrationslager-Haftlinge, die die Krema- 
torien zu bedienen hatten — arbeiten nicht so ausdauernd, solche 
Anlagen konnen nicht fortlaufend benutzt werden und die 
benotigten Hilfsmittel treffen nicht mit mathematischer 
RegelmaBigkeit ein. Wenn wir mit mehr Realismus ein Nachlassen 
der Wirkungen zugestehen, wenn wir einen Zeitverlust fiir 
regelmaBige und unregelmaBige Unterhaltungsarbeiten in Rechnung 
stellen und wenn wir die einer iibermaBigen Aufnahmefahigkeit 
gesetzten technischen Grenzen berucksichtigen, erhalten wir Zahlen, 
die im allgemeinen auf der Linie vorausbedachter Epidemien liegen. 
Auch ist es moglich, daB — wie der WRB-Bericht versichert — noch 
ein Riickstand von vorlaufig erdbestatteten Leichen einzukal- 
kulieren war. 

Es ist klar, daB ein solches Unternehmen wie Auschwitz im Falle 
einer Anordnung, tote Haftlinge zu verbrennen, entsprechende 
Moglichkeiten zur Einascherung vorsehen wurde. So haben wir 
wieder eine doppeldeutige Tatsache vor uns, wenn wir der 
Vernichtungslegende glauben sollen. Zusatzlich zu der iiblichen 



154 



Darstellung iiber die Zweckbestimmung der Krematoriumsofen wird 
uns nahegelegt, eine zweite Deutung der Einascherung anzuerkennen. 
Weiter unten werden wir unter Beweis stellen, daB die Anzahl der 
Krematoriumsofen durchaus mit der „normalen" Todesrate 
vereinbar war. 

Das ist indessen merit die letzte, einer unterschiedlichen 
Interpretation fahigen Tatsache, der wir in Verbindung mit den 
Einascherungen begegnen. HoB erzahlt uns namlich, „alle Menschen 
in den umliegenden Gemeinden" hatten wegen des „widerwartigen 
und ekelerregenden Gestankes der ununterbrochenen Leichenver- 
brennungen gewuBt, daB die Vernichtungen weitergingen". Wenn 
ich in der Vernichtungsgeschichte genau zwei Punkte auswahlen 
muBte, um sie als klaren Beweis dafur festzuhalten, daB diese ganze 
Sache ein Betrug ist, so wiirde es dieser Punkt und dazu die 
angebliche Rolle des Zyklon sein. 

Die Kohlehydrierung und andere chemische Herstellungsver- 
fahren, die es in der Gegend von Auschwitz gab, sind bekannt fur die 
Erzeugung von iiblen Geruchen. Man besuche nur den nordlichen 
Teil des Raffineriegelandes der Standard Oil (N.J.) bei New Jersey 
oder andere Raffinerien, und man wird das sehen oder riechen. Der 
einzige Unterschied von Bedeutung, den Auschwitz hinsichtlich der 
Bedingungen fur eine Geruchsbelastigung bot, war, daB die von den 
Deutschen als Ausgangsprodukt verarbeitete Kohle eine erheblich 
„schmutzigere" Geruchsquelle war als Rohol. Wenn man uns 
erzahlen will, daB die Verbrennung von 30 bis 46 Leichen in einem 
modernen Krematorium mit diesem Gestank industriellen 
Ursprungs konkurrieren, ja ihn sogar ubertreffen konnte, so wissen 
wir, daB das, was uns hier vermittelt werden soil, keine einer 
unterschiedlichen Interpretation fahige Tatsache, sondern eine 
offensichtliche Luge ist. Gegenwartig hat sich die Leichenverbren- 
nung wegen der lautstarken Einwande verschiedener Fanatiker im 
19. und fruhen 20. Jahrhundert zu einem weitestgehend „sauberen" 
ProzeB entwickelt. 69 HoB kann nicht geglaubt werden. 

Unsere Untersuchung hat ein vorher nicht vermutetes, aber fast 
unausweichliches Merkmal des groBen Betruges enthullt : die 
Ubertreibung. Bei Verfolgung des Grundsatzes, daB seine Geschichte 
hauptsachlich oder fast nur beweiskraftige Tatsachen enthalten 
sollte, verfallt der Urheber des Betruges leicht in den Irrtum, so viele 
Tatsachen wie moglich in die Geschichte aufzunehmen; er begeht 
dabei den Fehler, den wir soeben gesehen haben. Seine Geschichte 
ware ohne jene „Tatsache" besser gewesen. Es liegt nur am Ablauf 
der Zeit, daB dies ein schwerer Fehler geworden ist. Einstmals war sie 
durchaus wirksam wegen einer allgemeinen hysterischen und leicht 
erregbaren Gemutsstimmung, die heute unmoglich nachzuvollziehen 
ist. DuBois schrieb im Jahre 1952 :™ 

„lm Zeugenstand hatte Schneider ausgesagt, er habe niemals etwas von 
irgendwelchen Vernichtungen gehort, obgleich er sich erinnerte, eines Tages 
entlang der HauptstraBe an einem .unbenutzten Krematorium' 
vorubergegangen zu sein. Zu jener Zeit wurden in diesem ,unbenutzten' 
Krematorium bis zu 1.000 Leichen taglich verbrannt. Die Flammen schossen 
15 Meter hoch in die Luft; der Gestank durchzog die Gegend 40 Meilen nach 
Norden hin, bis er sich mit dem Gestank des Warschauer Krematoriums 
vereinigte; die Geriiche wurden die Nase eines jeden innerhalb einer halben 



155 



El' ^i 




4 i 1 


j" ^re- 









Abb. 17 : Inspektion des Dachauer Krematoriums durch 

Vorhys, Mitglied des US-Reprasentantenhauses. 

Von den 4 Ofen sind hier 3 zu sehen. 



156 



Meile gereizt haben, und Schneider — ein Naturwissenschaftler mit einem 
besonders guten Geruchssinn — war in einer Entfernung von 100 Metern an der 
Stelle vorubergegangen." 

Es erscheint unmoglich, daB DuBois am Ende eines Buches, 
welches (auBerhalb der Fachliteratur) die zutreffendste Beschrei- 
bung der chemischen Industrie von Auschwitz enthalt, so etwas 
schreiben konnte, jedoch es ist so. Gemessen mit den MaBstaben eines 
normalen Irrtums bei der Beurteilung eines Sachverhaltes, ist dies 
nicht erklarlich, hingegen im Bereich hysterischer Anfalle wohl. 

Man mochte meinen, daB irgendjemand HoB an dieser Stelle der 
Verhandlung mit Einwanden hatte konfrontieren mussen. Es gab 
zwar einen Widerspruch, doch er war nur schwach und unklar. Der 
folgende Wortwechsel fand gegen Ende der Zeugenvernehmung von 
HoB statt (Kaufman war der Verteidiger von Kaltenb runner) : 71 

„Prasident : Der letzte Satz von Ziffer 7 bezieht sich auf den widerwartigen 
und ekelerregenden Gestank. Wie lautet Ihre Frage hierzu? 

Dr. Kaufman : Ob die Bevolkerung hieraus schlieBen konnte, daB eine 
Vernichtung von Juden stattfand. 

Prasident : Das ist wirklich eine zu offenkundige Frage, nicht wahr? Sie 
konnten unmoglich wissen, wer dort gerade vernichtet wurde. 

Dr. Kaufman : Das genugt mir. Ich habe keine weiteren Fragen." 

Es ist moglich, daB zur Zeit dieses Wortwechsels eine Verstan- 
digungsschwierigkeit bestand, daB ein MiBverstandnis vorlag und 
Kaufman in seiner Frage tatsachlich eher „Menschen" als „ Juden" 
meinte. In jedem Fall zeigt diese Episode die auBerst unwirkliche 
Atmosphare, die den IMT-ProzeB beherrscht haben muB; HoB wurde 
bei einer plumpen und durchsichtigen Luge nicht erwischt. Fur uns 
ist es unmoglich, den Geist des Verfahrens zu begreifen; wir konnen 
es nur als eine Art von Hysterie ansehen. Speer war zugegen, er 
konnte diese Luge leicht durchschaut haben. Schlief er, resignierte er 
angesichts der Unzulanglichkeit des Widerstandes? Wollten er oder 
sein Verteidiger sorgsam vermeiden, in die Frage der Juden- 
vernichtung hineingezogen zu werden? Nur er kann es uns sagen, wir 
wissen es nicht. Sicher ist nur, daB der Geist des Gerichtsverfahrens 
so beschaffen war, daB nicht einmal eine so einfache Wahrheit 
durchdringen konnte, namlich die, woher die wirkliche Quelle des 
Gestanks kam. Sie hatte sehr schnell gezeigt, daB der Zeuge log und 
die eigentliche Grundlage fur die Beschuldigungen gar nicht erst 
hatte herangezogen werden diirfen. 

Der Gestank war die Grundlage fur eine ganze Reihe von 
Zeugenaussagen iiber die Vernichtungen 72 und ihre Verwendung in 
einem besonderen Zeitpunkt des IG-Farben-Prozesses, die noch in 
einem spateren Kapitel zu besprechen sein wird, war nicht nur 
ziemlich erheiternd, sondern zeigt und erlautert zugleich einen 
wichtigen Gesichtspunkt, an den man denken sollte, wenn man die 
Akten dieses Gerichtsverfahrens liest. 

Christophersen stellt in seiner Broschure Uberlegungen an zu den 
Hmweisen auf den durchdringenden Gestank in der Gegend von 
Auschwitz. Das einzige, an das er sich erinnert, war eine 
Schmiedewerkstatt im Lager Auschwitz I; Wenn Pferden die Hufe 



157 



beschlagen wurden, entstand ein Gestank, der in der unmittelbaren 
Nachbarschaft wahrgenommen werden konnte. Dies jedoch konnte 
Christophersen zufolge einen Gestank von dem AusmaB, wie er in 
Verbindung mit den Leichenverbrennungen behauptet wird, nicht 
erklaren. 

Im Hmblick auf die Moglichkeit, daB Christophersen den Gestank 
industriellen Ursprungs vergessen haben konnte, bat ich ihn, 
daraufhin sein Gedachtnis zu iiberpriifen, ob irgendein Geruch dem 
Gestank brennenden Fleisches nahegekommen sein konnte. 
Christophersen erinnerte sich an keinen Geruch industriellen 
Ursprungs. Ich trat ebenfalls mit Staglich in Verbindung, der sich mit 
Bestimmtheit nur an saubere und frische Luft in der Nahe von 
Auschwitz erinnerte. 

Die Erinnerungen von Christophersen und Staglich sind durchaus 
mit der Theorie vereinbar, daB es sich bei dem Gestank der 
Betrugslegende um nichts anderes handelte als um den Gestank der 
IG-Farben-Betriebe. In der Karte des Auschwitzgelandes (Bild Nr. 1) 
lag die Unterkunft Christophersens wahrend seines Auschwitz- 
Jahres bei Raisko, er hatte nur gelegentlich in Auschwitz I und 
Birkenau zu tun. Staglich war in dem Dorf Osiek untergebracht, das 
ungefahr 6 Meilen (etwa 9 km) sudlich der Stadt Oswiecim 
(Auschwitz) liegt; er erwahnt, daB er das „KZ-Lager Auschwitz" 
(vermutlich ist Auschwitz I gemeint) „drei oder vier Mai" besucht 
habe. Das „Monowitz" genannte Lager war entweder innerhalb oder 
in unmittelbarer Nahe des Ortes Monowitz und entweder 
unmittelbar ostlich oder westlich der IG-Farben-Betriebe (Eisenbahn- 
linien, Fliisse und StraBen machen dies deutlich) gelegen. Staglich 
und Christophersen befanden sich somit 6 bis 8 km von Auschwitz I 
entfernt. Weder sie noch die Menschen in jenem Lager, in Birkenau 
und erst recht in Raisko und Osiek durften daher die Diinste der 
chemischen Industrie (die — verglichen mit einer typisch ameri- 
kanischen Raffinerieanlage — doch recht bescheiden war) nicht 
nachhaltig gerochen haben. Auf der anderen Seite waren mit dem 
IG-Farben-ProzeB, bei dem der durchdringende Gestank ein 
bestandiges Merkmal der Zeugenaussagen war, Personen betroffen, 
die in der Nahe der IG-Farben-Betriebe gelebt oder gearbeitet haben. 
So bemerkten sie in der Tat einen Gestank, ihre Zeugenaussage war 
insoweit richtig, nur knupften sie eine irrefuhrende Erklarung daran. 

Der letzte in Ziffer 7 behandelte Gegenstand sind die 
Gaskammern, die — abgesehen von den anfanglich von HoB 
erwahnten Bauernhausern — in die Krematorien eingebaut gewesen 
sein sollen. Reitlinger und Hilberg gehen bei dieser Behauptung 
verschiedene Wege. Reitlinger bezeichnet das Dokument NO-4473, 
dessen in den NMT-Protokollen enthaltene Ubersetzung oben 
wiedergegeben wurde (Seite 150), als Beweis fur eine Gaskammer im 
Krematorium II. Das beruht auf einer Falschubersetzung. 

Die Krematoriumsofen in Auschwitz werden haufig als „Gasofen" 
bezeichnet, was aber kaum der Klarstellung dient, da alle modernen 
Krematoriumsofen — mit Ausnahme elektrischer Ofen, die sich 
wahrend der dreiBiger Jahre eines kurzen Daseins erfreuten — 
„Gasofen" sind : ein Brennstoff-Luftgemisch, das man als „Gas" 
ansehen kann, wird in die Ofen eingefuhrt, um die Verbrennung zu 
beginnen, in Gang zu halten und zu beenden. Der benutzte 
Brennstoff kann „Gas" sein; Stadtgas oder irgendeine Art von 



158 



Fliissiggas ist popular. Solch ein Krematoriumsofen wird „gas- 
befeuert" (gas fired) genannt wegen der Verwendung von Gas als 
Brennstoff. Andere Ausfiihrungen sind „6lbefeuert" (oil fired) oder 
„kohle- oder sogar koksbefeuert". Immer aber handelt es sich um 
„Gasofen", da in alien drei Fallen den Ofen ein Brennstoff- 
Luftgemisch unter Druck zugefiihrt wird. 73 

Das ubliche deutsche Wort fur den hier in Frage stehenden Begriff 
ist „Gaskammer". Aber das im Dokument NO-4473 gebrauchte 
Wort, das mit „gas chamber" (Gaskammer) iibersetzt wurde, ist 
„Vergasungskeller", was Reitlinger ebenso falsch mit „gassing 
cellar" (Gaskeller) iibersetzte 74 . Nun hat das Wort Vergasung zweierlei 
Bedeutungen. Die Hauptbedeutung (und die einzige in einem 
technischen Zusammenhang) ist Vergasung mittels eines Vergasers, 
Fliissiggas umsetzen in einen Gaszustand, bzw. in ein Gasgemisch, 
d. h. irgendetwas in ein Gas verwandeln, nicht dagegen ein Gas auf 
irgendeinen Gegenstand zur Anwendung bringen. Ein Vergaser dient 
zur Erzeugung eines Gas-Luftgemisches, wahrend „Vergasung" in 
einem technischen Zusammenhang stets „ gasification" — Gas- 
anreicherung — bedeutet, womit gewohnlich in einem solchen 
Zusammenhang „Gasbildung" gemeint ist. 

Vergasung hat aber noch eine zweite Bedeutung, die im Ersten 
Weltkrieg in den militarischen Sprachgebrauch eingefuhrt wurde : 
einen Feind mit Gas angreifen. Warum das Wort „Vergasung" in 
diesem Sinne gebraucht wurde, ist unklar; vielleicht weil die in jenem 
Krieg verwendeten Gase tatsachlich in Staubform auftraten und 
durch Entladung gewisser Chemikalien in die Luft erzeugt wurden : 
Vergasung. 

Die Ubersetzung „gassing cellar" (,Vergasungskeller") ist also 
nicht absolut ungenau; sie ist eben nur voreingenommen und 
voreilig. Ein „Gasofen" erfordert eine Art von Gasanreicherung, ein 
Gas-Luftgemisch. Im Fall der gasbefeuerten Ofen von Utting und 
Rogers im Jahre 1932 bedeutete das : 7B 

„Die in Scheitel und Sohle des Feuerraumes eingesetzten Brenner werden 
durch eine Mischung von Luft und Gas unter Druck gespeist; die Mischung 
wird durch Ventilatoren reguliert, die sich in einem besonderen Raum 
befinden. Die gesonderte Kontrolle von Luft und Gas gewahrleistet eine 
bessere Regulierung der Temperatur des Feuerungsraumes." 

Der „besondere Raum" ist in Wirklichkeit ein grofler Vergaser, 
olbefeuerte Krematoriumsofen sind ahnlich in der Ausfuhrung, so 
daB die meisten gasbefeuerten Ofen leicht auf die Verwendung von 
Ol umgestellt werden konnen. 

Die Ofen von Birkenau scheinen koks- oder kohlebefeuerte Ofen 
gewesen zu sein. 76 Bei dieser Verbrennungsart ist mit Riicksicht auf 
den anfanglich festen Zustand des Brennstoffs ein besonderer 
Feuerungsvorgang notwendig. Die beiden zumeist ublichen Metho- 
den der Erzeugung von Brenngasen aus Kohle und Koks sind 

(1) die Erzeugung von „Koksofengas" mittels Luft, die durch eine 
brennende Kokslage hindurchgeleitet wird, und 

(2) die Erzeugung von „Wassergas" mittels Dampf, der durch den 
Koks hindurch geleitet wird. 77 

Die ersten Koksverbrennungsofen waren zur Erzeugung von 



159 



Koksofengas ausgeriistet. 78 Die Verfahren zur Erzeugung solcher 
Gase und die Verfahren ihrer Vermischung mit Luft werden in 
Deutschland „Vergasung" genannt. Die kohlebefeuerten Krema- 
toriumsofen, die W. H. Lawrence im Lager Lublin nach dessen 
Eroberung durch die Russen sah, enthielten eine Ausriistung, 
einschlieBlich Ventilatoren, die der im obigen Zitat dargelegten sehr 
ahnlich war. Lawrence nannte gelegentlich „Gaskammer", was 
augenscheinlich ein Dampfbad war. 79 

Auf jeden Fall ist es offensichtlich, daB die Krematorien in 
Auschwitz eine Einrichtung zur „Vergasung", d. h. zur Zufuhrung 
eines Brennstoff-Luftgemisches in die Ofen, erforderten und daB die 
Ubersetzung des Dokumentes NO-4473 zu berichtigen sein wird, 
vielleicht in „ Generator-Gas-Keller". Ich habe diese Erklarung des 
Wortes „Vergasungskeller" durch technisch maBgebende deutsche 
Quellen bestatigt gefunden. Die Griinde fiir die Installation einer 
solchen Ausriistung in besonderen Spezialraumen oder sogar 
-gebauden sind hochstwahrscheinlich der beachtliche Larm, der 
durch die Ventilatoren und — in kohlebefeuerten Ofen — durch die 
Hitze der brennenden Kohle verursacht worden sein muB. 

Fiir das Dokument NO-4473 gilt notwendigerweise die 
Hauptbedeutung des Wortes „Vergasung", ist es doch in einem 
technischen Zusammenhang verfaBt. Es handelt sich um einen Brief 
des Leiters der Bauabteilung Auschwitz an den Chef des SS- 
Ingenieurwesens und verweist auf einen Vorgang — die Vergasung — , 
der bei alien Krematorien gang und gabe ist. Die Ausdrucksweise des 
Briefes laBt darauf schlieBen, daB es seltsam ware, Leichen im 
Vergasungskeller vorzufinden, da sie normalerweise in jenem Raum 
gelagert werden, der zutreffend mit „cellar used as a mortuary" 
(Leichenkeller) iibersetzt ist. 

Das Dokument NO-4473 fuhrt tatsachlich — wie so viele 
Anklagedokumente — zu einer Zuriickweisung der Behauptungen 
der Anklage, wenn es richtig verstanden wird. Wir sehen, daB es im 
Krematorium II wenigstens zwei Keller gab, einen Leichenkeller und 
einen Vergasungskeller, und daB keiner von beiden eine „Gas- 
kammer" war. 

Nun ist das Dokument NO-4473 in den NMT-Akten bei einer 
Auswahl von Beweisdokumenten der Anklagebehorde zu finden, die 
sich auf Fall 4 (Verfahren gegen die Konzentrationslagerverwaltung) 
beziehen. Es ist anzunehmen, daB die Anklagebehorde ihre Auswahl 
sorgfaltig getroffen hat. Dennoch ist es — so begrenzt es in seiner 
Aussage auch ist — Dokumentarbeweis dafur, daB in den 
Krematorien von Birkenau „Gaskammern" existierten. Die drei 
„gasdichten Turme", die laut Dokument NO-4465 80 bei den DAW 
in Auftrag gegeben worden sind, gehoren offensichtlich nicht zur 
Sache. 

Hilberg geht anders, sogar noch fragwiirdiger an die Untersuchung 
heran. Er behandelt unerklarlicherweise das mit dem Dokument 
NO-4473 aufgeworfene Problem iiberhaupt nicht; dariiber hinaus 
zitiert er aus dem Dokument, ohne den Satzteil anzufuhren, in dem 
das Wort Vergasungskeller enthalten ist. Er erklart einfach, daB die 
Leichenkeller in den Krematorien II und III und die Badeanstalten in 
den Krematoriumsgebauden IV und V in Wirklichkeit Gaskammern 
gewesen seien. Keinerlei Beweis wird hierfiir angeboten; die von 
Hilberg zu diesem Punkt zitierten Dokumente sprechen nicht von 



160 



Gaskammern. 81 Der einzige „Beweis" dafiir, daB die Leichenkeller 
und Badeanstalten in dieser Weise zu interpretieren seien, findet sich 
in den Affidavits und der Zeugenaussage (27. und 28. Juni 1947) des 
Zeugen (nicht Angeklagten) im Fall 4 Wolfgang Grosch, eines 
Ingenieurs und Sturmbannfiihrers der Waffen-SS, der diese 
Einrichtungen Gaskammern „taufte", wobei das Vorhandensein von 
Zyklon in Auschwitz die augenfallige Rechtfertigung fur solche 
„Taufe" abgab. 82 Grosch war jedoch ein sehr unsicherer Zeuge, da 
er in seinen Affidavits vom 20. Februar und 5. Marz 1947 von der 
Existenz der Gaskammern zu wissen behauptete, dann aber am 26. 
Juni 1947, am Vortage seiner Zeugenaussage, alle diese Fest- 
stellungen wahrend seiner Vernehmung zuriickzog und jede 
Kenntnis von Gaskammern in Abrede stellte. 83 Keine von Groschs 
Aussagen ist in den NMT-Aktenbanden enthalten, und Hilberg 
zitiert seine Aussagen oder Affidavits nicht. 

Es besteht keinerlei Grund, die Behauptungen iiber die 
„ Leichenkeller" und die „Badeanstalten" anzuerkennen, hingegen 
alle Ursache, sie zuriickzuweisen. Was den „ Leichenkeller" 
anbetrifft, so haben wir bemerkt, daB die in Auschwitz befindlichen 
Erleichterungen zur Leichenbeseitigung nichts Besonderes waren 
und daB sogar das Dokument NO-4473 erkennen laBt, daB der 
Leichenkeller im Krematorium II als Aufbewahrungsort fur die 
Leichen dienen sollte. Was die Badeanstalten anbetrifft, so haben wir 
darauf hingewiesen, daB das Reinigen unter der Brause in alien 
deutschen Lagern eine regelmaBige MaBnahme bei alien ankom- 
menden Haftlingen war; es muB daher in Birkenau Brausebader 
gegeben haben. Nun befinden sich nach dem Lagerplan auf Seite 370 
(Fig. 29) die „baths" oder Badeanstalten, die mit den Krematorien 
IV und V verbunden waren, in der Nahe der Klaranlagen (filtration 
plants) und ebenso in der Nahe von „Kanada", wo die Kleidung der 
ankommenden Haftlinge aufbewahrt wurde. 84 Das „ steam bath" 
(Dampfbad) diente zweifellos der Desinfektion der Bekleidung, die 
entweder vor ihrer Lagerung erfolgte oder, nachdem die Kleidung 
den Haftlingen zeitweilig weggenommen war. 86 Wenn es eine Sauna 
fur ankommende Haftlinge war, so wiirden die Haftlinge nach deren 
Benutzung auf jeden Fall ein kaltes Brausebad benotigt haben. Die 
Leute legten ihre Kleidung in der Nahe von „Kanada" ab und gingen 
dann baden. Was konnte einfacher sein? 

Keine verstandesmaBigen Uberlegungen konnen bewirken, daB 
diese Gaskammern Wirklichkeit waren. Die Behauptung, daB die 
Brausebader, die sich in denselben Gebauden wie einige der 
Krematoriumsofen befunden haben sollen, in Wahrheit Gas- 
kammern gewesen seien, ist genau so unbegrundet wie die gleiche 
Behauptung iiber das Dachauer Brausebad, das sich in dem 
Krematoriumsgebaude jenes Lagers befand. 

Gelegentlich kommen unbedeutende Zweifel dariiber auf, ob die 
Brausebader sich wirklich in denselben Gebauden wie die 
Krematorien IV und V befanden, weil der Lagerplan im 
WRB-Report die Bader in einem besonderen Gebaude verzeichnet. 
Doch ist das unwichtig. 

Damit ist die Analyse der in Ziffer 7 des HoB-Affidavits 
angesprochenen Punkte abgeschlossen. 



161 



BRAUSEBAD 




Abb. 18 : Eingang zum Dachauer Duschraum, der zur ,Gas- 
Kammer' erklart wurde. 



162 



Letzte Ziffer : Dies ist ein unbedeutender Punkt. Es erscheint 
seltsam, daB das HoB-Affidavit in englischer Sprache verfaBt ist. Wir 
haben keinen Anhaltspunkt dafiir, daB HoB die englische Sprache 
verstand, doch konnte er — wie viele Deutsche — einiges davon 
verstanden haben. 

Wie dem auch immer sei, ein verstandiger Deutscher, der ein 
Dokument von dieser Wichtigkeit „freiwillig und ohne Zwang" zu 
unterzeichnen hatte, wiirde sich dabei nicht mit gewohnlichen 
Fremdsprachenkenntnissen begniigen; entweder wiirde er sich selbst 
als Fachmann fur die englische Sprache betrachtet oder darauf 
bestanden haben, eine deutsche Ubersetzung zu unterzeichnen (ein 
Verlangen, dem man hatte Beachtung schenken miissen). HoB war 
augenscheinlich nicht in der Verfassung, auf irgendetwas zu 
bestehen. 

Es gibt keinen Zweifel daran, daB HoB durch eine Zusam- 
menarbeit mit der Anklagebehorde sein Leben zu erkaufen hoffte, 
und wahrscheinlich hat man ihm auch ein bestimmtes Angebot 
gemacht. Doch die Belohnung fur HoB' Aussagewilligkeit bestand 
darin, daB er 1 Monat nach seiner Zeugenvernehmung vor dem IMT 
an Polen ausgeliefert wurde. In Polen verfaBte er pflichtschuldigst 
eine „Autobiografie" fur seine Kerkermeister, in der er u. a. erklarte, 
bei den Vernichtungen nur auf Befehl gehandelt zu haben. Er wurde 
„verurteilt" und im April 1947 ermordet. Die „Autobiografie" 
wurde — Jahre nach seinem Tod — 1951 in polnischer Ubersetzung 
und 1959 in deutscher und englischer Sprache veroffentlicht. 

Die Rolle von Birkenau 

Birkenau erfullte die normalen Funktionen eines deutschen 
Konzentrationslagers. Wenn wir auf die „ Rolle" von Birkenau 
aufmerksam machen, so verweisen wir darauf, daB Birkenau der 
Schauplatz grauenhafter, schauerlicher Funktionen gewesen sei. 

Meiner Kenntnis nach war Birkenau dazu bestimmt, jene Haftlinge 
aufzunehmen, die zur Kategorie der Nichtarbeitsfahigen gehorten, 
aber — aus welchen Griinden auch immer — unter der Aufsicht der 
SS-Verwaltung von Auschwitz standen. So war Birkenau ausersehen, 
die chronisch oder zeitweilig Kranken, die Sterbenden, die Toten, 
die Unmundigen, die Alten, diejenigen, fur die zeitweise keine 
Beschaftigung vorhanden war, und jene, fur die Auschwitz als 
Transitlager diente, aufzunehmen. Alle diese Gruppen konnten 
entweder aus anderen Lagern (einschlieBlich der vielen kleinen Lager 
des Gebiets von Kattowitz) oder aus ankommenden Transporten 
stammen. Diese Theorie beruht auf folgenden Uberlegungen. 
Erstens war Birkenau — wie erwahnt — deutlich das Hauptlager 
(,principal" camp), soweit es darum ging, den Haftlingen 
Tatigkeiten zuzuweisen. Auschwitz I war das „Stamm"-lager 
(main camp) im verwaltungsmaBigen Sinn. Es bestand nur aus 
umgestalteten und erweiterten Kasernenbauten, wahrend Birkenau 
von Anbeginn als viel groBeres Lager geplant und auf die besonderen 
Erfordernisse der SS-Tatigkeiten in diesem Gebiet ausgerichtet war. 

Zweitens wurde bereits vermerkt, daB die aus dem Krankenhaus 
von Monowitz als arbeitsunfahig Entlassenen nach Birkenau 
geschickt wurden. 

Drittens gab es Familienlager in Birkenau (das Zigeunerlager und 
das Theresienstadter Lager, siehe Bild 29). Wir hatten gesehen, daB 
deren Insassen wahrend ihres vorbestimmten begrenzten Aufent- 

163 



halts als „in Vorbereitung zum Transport" befindlich bezeichnet 
wurden, so daB diese Familienlager eindeutig als Transitlager 
anzusprechen sind, jenen vergleichbar, die es in Belsen und 
Westerbork gab. Die Bestimmung solcher Transporte wurde 
angedeutet und wird in einem spateren Kapitel noch weiter 
behandelt werden. 

Viertens waren nur in Birkenau jene ungewohnlich groBen 
Einrichtungen zur Verbrennung der Toten hergestellt worden. 

Fiinftens war es fur einen sehr hohen Prozentsatz der Insassen von 
Birkenau ganz normal, nicht beschaftigt zu sein. In den zwei Jahren 
vom Sommer 1942 bis zum Sommer 1944 — so bemerkt Reitlinger — 
„war nur ein Bruchteil der halbverhungerten und an den 
verschiedensten Krankheiten leidenden Insassen von Birkenau 
beschaftigt gewesen". Am 5. April 1944 wurden 15.000 der 36.000 
Insassen von Birkenau als „ arbeitsunfahig" angesehen, wahrend von 
den 31.000 anderen Gefangenen des Auschwitzgebietes nur 
ungefahr 3.000 in diese Kategorie fielen. Einen Monat spater wurden 
zwei Drittel der 18.000 Insassen des Birkenauer Mannerlagers als 
„transportunfahig", „ arbeitsunfahig" und „nicht zugewiesen" 
eingeteilt und in Kranken- und Quarantaneblocks eingewiesen. 86 

Das macht es naturlich unmoglich, die oft verkundete Annahme 
anzuerkennen, daB Krankheit, Arbeitsunfahigkeit oder die Verschick- 
ung nach Birkenau Totung bedeutete. Diese Annahme ist besonders 
in Verbindung mit kranken Leuten geauBert worden, die von 
Monowitz nach Birkenau verlegt wurden; bestarkt wurde sie durch 
die Tatsache, daB die Kleidung solcher Lagerinsassen nach 
Monowitz zuruckkam. Die Ruckgabe der Bekleidung war naturlich 
der Tatsache zuzuschreiben, daB die Leute vom Haushalt der 
IG-Farben in den Haushalt der SS ubernommen wurden. 87 

Sechstens gab es eine ungewohnlich hohe Todesrate in Birkenau, 
wenn auch die Zahlen — ausgenommen fur besondere Zeiten — 
einigermaBen schwer zu schatzen sind. Das erste insoweit 
bedeutende Ereignis ist die Typhusepidemie des Sommers 1942, die 
um den 1. August herum zur SchlieBung der Buna-Fabrik fur die 
Dauer von zwei Monaten gefuhrt hat. Der Hauptbeweis hierfur ist der 
WRB-Report, 88 es gibt aber noch zusatzliche Beweise : (1.) Typhus- 
epidemien in der Gegend von Auschwitz stehen auBer Frage. 89 
(2.) Die durch das hollandische Rote Kreuz vorgelegten Unterlagen 
(Anhang C) belegen, daB die durchschnittliche Todesrate im 
Birkenauer Mannerlager in der Zeit vom 16. Juli bis 19. August 1942 
bei etwa 186 Toten pro Tag lag, wobei die Zahlen gegen Ende dieser 
Periode bemerkenswert hoher waren als zu Beginn. (3.) In 
Amsterdam gibt es einen Einzelband des Birkenauer Totenbuchs (es 
ist auch im Bericht des niederlandischen Roten Kreuzes erwahnt). 
Dieser Band enthalt Todesbescheinigungen fur die ftinf Tage vom 28. 
September bis 2. Oktober 1942. Die Zahl der Toten betragt 1.500 
und die angegebenen Todesursachen entsprechen den typischen 
Bedingungen einer Typhusepidemie, wenn Reitlinger auch die 
registrierten Todesursachen wie „Herzmuskelschwache" und andere 
anscheinend als „erfundene . . . fantasievolle Diagnosen der 
Haftlingsarzte, die ihre Patienten vor der ,Transportliste' oder der 
Phenolspritze zu retten suchten," ansieht. 90 Tatsachlich sind solche 
Todesursachen typisch fur Typhuserkrankungen. Unter dem Stich- 



164 



wort „Typhus Fever" lesen wir in der Encyclopaedia Britannica (11. 
Auflage) folgendes : 

„Typhusfieber kann in jedem Stadium der Erkrankung und zu Beginn der 
Genesung zum Tode fuhren, und zwar entweder — ein besonders haufig 
auftretender Umstand — durch plotzliches Aussetzen der Herztatigkeit 
infolge Hinzutretens einiger nervlich bedingter Erscheinungen, wie 
Hirnhautentzundung oder gesteigerte Schlafsucht, oder durch einige andere 
Komplikationen, wie etwa Bronchitis. Ferner tritt der Tod mitunter vor der 
Krise wegen volliger Erschopfung ein, besonders in jenen Fallen, in denen die 
korperliche oder seelische Widerstandskraft infolge schwerer Arbeit, 
unzureichender Ernahrung und zu wenig Schlaf oder durch unmaRigen 
Lebenswandel herabgesetzt ist." 

Im Hinblick auf die Gepflogenheit, kranke Haftlinge nach 
Birkenau zu schicken, hat es den Anschein, daB die Opfer der 
Typhusepidemie ohne Riicksicht auf den Ort ihrer Beschaftigung als 
Todesfalle von Birkenau registriert wurden. Dem WRB-Bericht 
zufolge gab es wahrend der 2 oder 3 Monate der Epidemie 15.000 bis 
20.000 Todesfalle in Auschwitz. 91 Ungeachtet der Un- 
zuverlassigkeit dieser Quelle scheint diese Behauptung wenigstens 
hinsichtlich der GroBenordnung mit anderen Informationen 
ubereinzustimmen, die wir fur Auschwitz in bezug auf diesen 
Zeitraum haben, wenn sie auch etwas ubertrieben scheint. Der 
Sommer 1942 war auch bei weitem der schlechteste in Auschwitz. 

Die „Phenolspritzen", die Reitlinger erwahnt, treten im ubrigen an 
so vielen Stellen der Literatur auf, daB es sie wirklich gegeben zu 
haben scheint. Demzufolge werden todkranke Konzentra- 
tionslagerhaftlinge — zuweilen — durch Phenolinjektionen ins Herz 
getotet worden sein. 92 

Die tatsachlich sehr hohe Todesrate in Auschwitz wahrend des 
Sommers 1942 gibt naturlich im besten Fall nur mittelbar Stoff fur 
irgendein „Vernichtungs"-Problem, da es sich um registrierte 
Todesfalle infolge ublicher Todesursachen handelt, nicht dagegen 
um Totungen, deren Durchfuhrung man geheimzuhalten suchte. Sie 
haben auch nichts mit den Juden als solchen zu tun, obgleich einige 
der Opfer Juden waren. 

Reitlinger untersucht die hohe Todesrate in Auschwitz und gibt 
eine geschatzte Zahl von 160 bis 179 Toten taglich als normale 
Todesrate an. Doch beziehen sich die von ihm zugrundegelegten 
Zahlen im wesentlichen auf den Sommer 1942, der eine besonders 
katastrophale Zeit war. Im Zusammenhang mit den hohen 
Todesraten sollten wir die Tatsache beachten, daB die Vertreter der 
Vernichtungslegende Reitlinger und Hilberg solche Ereignisse in 
Auschwitz stark herausstellen, obwohl sie den Unterschied zwischen 
hohen Todesraten und Vernichtungen anerkennen. Daher ist fast 
unglaublich, daB sie die Moglichkeit einer Existenz der Krematorien 
wegen dieser hohen Todesraten uberhaupt nicht in Betracht ziehen. 
Im Gegenteil gehen beide davon aus, daB die Krematorien 
ursprunglich dazu vorgesehen waren, das Vernichtungsprogramm 
durchzufuhren. 

Fur Industriebetriebe und sonstige Arbeitsvorhaben waren diese 
hohen Todesraten selbstverstandlich untragbar. Ende 1942 wurden 
daher besondere MaBnahmen in Gang gesetzt, um die Todesraten der 



165 



Konzentrationslager zu vermindern. Und Himmler befahl am 28. 
Dezember 1942 „die Zahl der Todesfalle in den Konzentra- 
tionslagern um jeden Preis herabzusetzen". 93 Am 20. Januar 1943 
ordnete Gliicks in einem Rundschreiben an alle KZ-Kom- 
mandanten an, „mit alien Mitteln zu versuchen, die Sterblichkeits- 
ziffer im Lager herunterzudriicken". Am 15. Marz 1943 schrieb Pohl 
am Himmler, 94 

„daB der Gesundheitszustand . . . der durch die Justizverwaltung uberstellten 
Haftlinge katastrophal ist. In alien Lagern ist mit einem Verlust von 
wenigstens 25 — 30% zu rechnen ... bis jetzt waren es 10.191 Gefangene 
von denen 7.587 Mauthausen-Gusen zugewiesen wurden. Insgesamt starben 
hiervon 3.853; von diesen starben 3.306 in Mauthausen-Gusen. Die Ursache 
... ist wahrscheinlich die, daB die zahlreichen Gefangenen, die Jahre 
hindurch in Haft waren, infolge der Uberfuhrung in ein anderes Milieu 
korperlich geschwacht sind . . . eine groBe Zahl von Tuberkulosekranken 
wurde ebenfalls eingeliefert." 

Am 10. April erbat Pohl Himmlers Zustimmung zum Entwurf 
eines Briefes an den Reichsminister der Justiz. In diesem von 
Himmler gebilligten und vermutlich auch abgesandten Brief wird 
ausgefuhrt, daB von 12.658 an die Konzentrationslager uberstellten 
Haftlingen bis zum 1. April 5.935 verstorben waren. Pohl beklagte 
sich in diesem Brief dariiber, daB diese 

„erschreckend hohe Sterblichkeitsziffer darauf zuruckzufuhren ist, daB die 
Haftanstalten buchstablich nur solche Insassen abgegeben haben, die in 
schlechtester korperlicher Verfassung sind (und) daB trotz aller arztlichen 
Bemuhungen der . . . Tod der Gefangenen nicht aufgehalten werden kann . . . 
Ich wunsche nicht, in den Konzentrationslagern eine Quarantanestation zu 
unterhalten ..." 

Was hier hineinzuspielen scheint, sind Ressortrivalitaten oder 
zumindest ein Interessenkonflikt. Die deutschen Gefangnisverwal- 
tungen hatten zweifellos ihre eigenen wirtschaftlichen Vorstel- 
lungen und zogerten nicht nur, sich von ihren gesunden Gefangenen 
zu trennen, sondern waren auch bestrebt, vor allem die kranken 
Haftlinge abzugeben. 

Wir wissen nicht, ob Pohl mit den Gefangnisverwaltungen eine 
bessere Zusammenarbeit erreichte. Am 30. September 1943 war er 
jedoch in der Lage, iiber Fortschritte zu berichten, die hauptsachlich 
hygienischen, ernahrungsmaBigen und verfahrensmaBigen 

MaBnahmen zuzuschreiben waren; er legte dem Reichsfuhrer-SS die 
folgenden zwei Ubersichten mit der Versicherung vor, daB die 
erreichten Erfolge in Anbetracht des Einsetzens der kiihlen 
Witterung von Dauer sein wurden : 95 



166 



Todesfalle in Konzentrationslagern, Juli 1942 bis Juni 1943 



Monat 

Juli 1942 

August 

September 

Oktober 

November 

Dezember 

Januar 1943 

Februar 1943 

Marz 

April 

Mai 

Juni 



Zahl der Insassen 



Tote 



98.000 


8.329 


115.000 


12.217 


110.000 


11.206 


85.800 


8.856 


83.500 


8.095 


88.000 


8.800 


123.000 


9.839 


143.100 


1 1 .650 


154.200 


12.112 


171.000 


8.358 


203.000 


5.700 


199.500 


5.650 



Prozent 

8,5 
10,62 
10,19 
10,32 
9,69 
10,00 
8,0 
8,14 
7,85 
4,71 
2,80 
2,83 



Todesfalle fiir den Monat August 1943 



Konz. Lager 


Zahl der 


Tote 


Prozentsatz 


Prozentsatz 


Anderung des 




Insassen 




(August) 


(Juli) 


Prozentsatzes 


Dachau 


1 7,300 


40 


0,23 


0,32 


- 0,09 


Sachsenhausen 


26.500 


194 


0,73 


0,78 


- 0,05 


Buchenwald 


17.600 


118 


0,67 


1,22 


- 0,55 


Mauthausen-Gusen 


21.100 


290 


1,37 


1,61 


- 0,24 


Flossenburg 


4.800 


155 


3,23 


3,27 


- 0,04 


Neuengamme 


9.800 


150 


1,53 


2,14 


- 0,61 


Auschwitz (Manner) 


48.000 


1.442 


3,00 


2,96 


+ 0,04 


Auschwitz (Frauen) 


26.000 


938 


3,61 


5,15 


- 1,54 


Gro3-Rosen 


5.000 


76 


1,52 


2,69 


- 1,17 


Natzweiler 


2.200 


41 


1,87 


1,63 


+ 0,24 


Bergen-Belsen 


3.300 


4 


0,12 


0,39 


- 0,27 


Stutthof (Manner) 


3.800 


131 


3,45 


5,69 


- 2,24 


Stutthof (Frauen) 


500 


1 


0,20 


0,00 


+ 0,20 


Lublin (Manner) 


11.500 


882 


7,67 


4,62 


+ 3,05 


Lublin (Frauen) 


3.900 


172 


4,41 


2,01 


+ 2,40 


Ravensbruck (Manner) 


3.100 


26 


0,84 


0,76 


+ 0,08 


Ravensbruck (Frauen) 


14.100 


38 


0,27 


0,24 


+ 0,03 


Riga Herzogenbusch 


3.000 


1 


0,03 


0,33 


- 0,30 


Insgesamt : 


224.000 


4.699 


2,09 


2,23 


- 0,14 



So hatte Auschwitz nach mehr als halbjahrigen Bemiihungen, die 
Todesrate in den Lagern zu senken, immer noch etwa 80 Todesfalle 
taglich im Durchschnitt. Da sich, wie wir gesehen haben, beinahe alle 
Arbeitsunfahigen in Birkenau befanden, ereigneten sich fast alle 
diese Todesfalle dort. Auschwitz scheint auBerdem ziemlich 
anfallige Haftlinge anderer Konzentrationslager zugewiesen 
bekommen zu haben. 96 

Der Bericht des Niederlandischen Roten Kreuzes (Band 2) 
enthalt auch einige Angaben iiber die Sterblichkeit in Auschwitz 
wahrend der Jahre 1942/43. Fiir die Zeit vom 30. Oktober 1942 bis 
25. Februar 1943 werden die Todesfalle auf durchschnittlich 360 
pro Woche beziffert, fiir die Zeit vom 26. Februar bis 1. Juli 1943 auf 
ungefahr 185 pro Woche. AuBerdem sollen von den hollandischen 
Juden, die im Juli-August 1942 in Birkenau eintrafen (vgl. Seite 
142), in der Zeit vom 30. Oktober 1942 bis 1. Juli 1943 insgesamt 
124 gestorben sein. Doch erscheint diese Gesamttodeszahl ziemlich 
niedrig und schwer zu vereinbaren mit den oben angefuhrten Zahlen, 
so daB hier irgendein Irrtum oder ein MiBverstandnis vorliegen 
konnte. 



167 



Es ist offensichtlich, daB diese Todesfalle — so beklagenswert sie 
auch sind und wo und bei wem die Verantwortung hierfiir auch 
immer liegen mag — nichts mit Volkermord oder mit den Juden als 
solchen zu tun hatten. Vom Standpunkt der hoheren SS-Verwaltung 
aus waren sie „katastrophal" und man gab sich Miihe, sie unter 
Kontrolle zu bringen. Angesichts solcher Totenzahlen ist es in keiner 
Weise auffallend, daB es in Auschwitz Moglichkeiten zur Lagerung 
und Verbrennung von Leichen gab, die schlimmste Zeiten mit 
Hunderten von Toten taglich im voraus beriicksichtigten. 

Die Sterblichkeit in Auschwitz besserte sich wahrend des 
Kriegsverlaufs nur unbedeutend. Als wahrend des Jahres 1944 die 
Belegung des Lagers auf 100.000 Haftlinge oder mehr angewachsen 
war (wahrscheinlich in Anbetracht der Gebietsverluste im Osten, die 
die Evakuierung von Arbeitslagern erforderlich machten), betrug die 
Sterblichkeitsquote in Birkenau 350 bis 500 Menschen wochentlich 
(was, wie wir gesehen haben, sich auf fast die gesamte Todesquote 
von Auschwitz bezog). 97 

Es ist tragisch, daB — sogar in der Neuzeit — im Kriege 
eingerichtete „ Lager" fur viele ihrer Insassen zu Todesfallen 
geworden sind. Die Griinde hierfiir gleichen einander : ungeordnet 
zusammengewurfelte Menschen in ubereilt aufgebauten Lagern 
treffen auf unzulangliche sanitare Verhaltnisse und eine unsichere 
Ernahrungs- und Versorgungslage. So hatten wahrend des ameri- 
kanischen Biirgerkriegs die Gefangenenlager im Norden, wie z. B. 
Rock Island und Camp Douglas, Todesquoten von zwei bis vier 
Prozent im Monat. Diese Zahlen wurden sogar noch ubertroffen in 
Lagern des Siidens, wie z. B. Florence, wo Diarrho und Skorbut bei 
einer Gefangenenzahl von etwa 12.000 Menschen 20 bis 50 
Todesfalle taglich zur Folge hatten. Die Bedingungen in Anderson- 
ville waren noch furchtbarer; dort kamen 13.000 der insgesamt 
50.000 Kriegsgefangenen der Union um. 98 Wahrend des 
Burenkrieges in Sudafrika in den Jahren 1899 bis 1902 wurden in 
britischen Konzentrationslagern ungefahr 120.000 Nichtkom- 
battanten der weiBen burischen Bevolkerung und 75.000 schwarze 
Afrikaner festgehalten. Die Sterblichkeitsquote der Buren reichte 
von 120 bis zu 340 Toten jahrlich, bezogen auf je 1000 Haftlinge 
(1,1% bis 3,4% monatlich), wahrend die Sterblichkeit der burischen 
Kinder — vor ahem aufgrund von epidemisch auftretenden Masern — 
im Jahr bei 600 Todesfallen pro Tausend lag (7,35% monatlich). 
Ungefahr 20.000 burische Frauen und Kinder starben in diesen 
Lagern. 99 Wahrend des Ersten Weltkrieges legten die Deutschen 
russische Kriegsgefangene mit anderen Nationalitaten zusammen, 
was Typhusepidemien in ihren Gefangenenlagern zur Folge hatte. 
Die Verhaltnisse waren denjenigen auffallend ahnlich, die sich in den 
Konzentrationslagern des Zweiten Weltkrieges ergaben. 100 Wir 
haben gesehen, daB die Russen in den Konzentrationslagern — 
besonders in Auschwitz — als Arbeitskrafte eingesetzt wurden; sie 
waren daher zweifellos eine der Hauptursachen fur die Typhus- 
erkrankungen. Da sie nicht als gewohnliche Konzentrations- 
lagerhaftlinge angesehen wurden, ist ungewiB, ob sie in den oben 
aufgefuhrten Todeszahlen der Lager enthalten sind. Doch hatten sie 
sicherlich ihren Anteil an der allgemeinen Sterblichkeitsziffer in den 
Lagern und ihre Leichen wurden in denselben Krematorien 
verbrannt, nur sind Zahlen nicht verfugbar. 



168 



Band 5 der NMT-Protokolle, behandelt den Fall 4 — USA gegen 
Pohl. Teil B prasentiert „Das Konzentrationslager-System" aus dem 
hervorgeht, daB die Konzentrationslager bemerkenswert hohe 
Sterblichkeitsziffern hatten. Im AnschluB daran wird in Teil E „Das 
Vernichtungsprogramm" mit Dokumenten bekannt gemacht, die 
zeigen, daB die Deutschen die Krematorien in diesen Lagern gerade 
zur Zeit des Auftretens der hohen Sterblichkeitsziffern gebaut 
haben. Durch diesen Zusammenhang wird zwar versucht, glaubhaft 
zu machen, daB damit ein „Vernichtungsprogramm" bewiesen 
wiirde", doch ist diese SchluBfolgerung falsch. 

Ziehen wir die unterschiedlichen Sterblichkeitsziffern in den 
verschiedenen Lagern in Betracht, so erweist sich, daB die Zahl der 
Krematoriumsofen in Auschwitz mit jener der anderen Lager, in 
denen Vernichtungen nicht stattgefunden haben, durchaus 
vergleichbar war. Im Jahre 1942 wurden in Dachau und 
Sachsenhausen Krematorien gebaut; jedes von ihnen enthielt 4 Ofen. 
In Dachau hatte ein Krematorium mit 2 Ofen bereits vor dem Jahre 
1942 bestanden; dieses altere Krematorium wurde nach dem Jahre 
1942 weiter benutzt. Es ist hochst wahrscheinlich, daB es sich mit 
einem fruheren Krematorium in Sachsenhausen genau so verhielt. 
Fur Buchenwald gab es vor dem Krieg Einascherungsmoglichkeiten 
in den nahegelegenen Stadten Weimar und Jena. Nach Kriegsbeginn 
wurden Krematoriumsofen im Lager gebaut und gegen Ende des 
Jahres 1941 hatte Buchenwald ein Krematorium mit 6 Ofen. Es hat 
den Anschein, daB das Krematorium in Weimar bis zum Kriegsende 
weiter benutzt wurde. 101 Es ist auch moglich, daB die Ofen in den 
Konzentrationslagern von Auschwitz, Dachau usw. zur Einasche- 
rung von Leichen solcher Menschen herangezogen wurden, die mit 
den Lagern nichts zu tun gehabt hatten (z. B. russische 
Kriegsgefangene) . 

Dies also ist unsere Ansicht iiber die Erscheinung der „Todeslager" 
unter den NSJ^onzentrationslagern. Sie stimmt nicht mit der von 
Christophersen und Staglich uberein, die keine hohen Todeszahlen 
bemerkten und nicht davon iiberzeugt sind, daB es umfangreiche 
Einrichtungen zur Einascherung in Auschwitz gegeben habe. Unsere 
Ansicht grundet sich auf die erheblichen Dokumente der Anklagebe- 
horden und vergleichbares Beweismaterial. Ihre Meinung beruht auf 
ihren Beobachtungen in Auschwitz im Jahre 1944. Es mag scheinen, 
daB ihren Beobachtungen mehr zu trauen ist als dem dokumen- 
tarischen Material, doch glaube ich, daB eine sorgfaltige Betrachtung 
der Dinge fur unsere Theorie spricht, wobei ich ihre Beobachtungen 
nicht in Abrede stellen will. 

Sehr einfache Uberlegungen erklaren die Beobachtungen von 
Staglich und Christophersen. Zunachst sind Todesfalle keine 
Angelegenheit, die die Lagerverwaltung von Auschwitz ausposaunt 
haben wiirde. Die Todesfalle und die damit verbundenen Einascher- 
ungen waren naturlich so weit wie moglich verheimlicht worden. So 
beschwerte sich Pohl Mitte 1943 den Lagerkommandanten 
gegeniiber daruber, daB die Krematoriumsgebaude allzu offentlich 
an ausgesprochen bekannten Stellen lagen, wo sie „von alien 
moglichen Leuten begafft werden konnen". Als Antwort auf Pohls 
Klage hatte HoB um die Krematorien II und III einen Grungurtel 
pflanzen lassen. Daruber hinaus war es iiblich, Leichen nur abends 
zum Krematorium zu bringen. 102 DaB Christophersen und Staglich, 



169 



die nur lose Beriihrung mit Birkenau hatten, keine Kenntnis von der 
hohen Todesrate und den groBen Krematorien hatten, ist mithin 
vollkommen verstandlich. 

Moglicherweise sind zahlreiche Dokumente gefalscht worden. In 
der Tat gab es in Niirnberg eine ausgedehnte Praxis der 
Dokumentenfalschung. Doch gibt es keine Anhaltspunkte dafiir, daB 
die Dokumente iiber die Todesfalle in den Lagern und den Bau der 
Krematorien gefalscht worden sind, und zwar aus dem einfachen 
Grund, weil darin nichts iiber Vernichtung enthalten ist, wovon der 
Leser sich bei einer Uberprufung der „Auswahl" an Dokumenten im 
NMT-Protokollband 5 iiberzeugen kann. Sie sprechen von einer zu 
bestimmten Zeiten sehr hohen Sterblichkeit in Strafinstitutionen 
(Konzentrationslagern), die ein verhaltnismaBig kleines Land, das 
gegen eine uberwaltigende Ubermacht um seine Existenz kampfte, 
fur Arbeitsleistungen auszunutzen suchte. DaB die hohe Sterb- 
blichkeitsziffer eine Folge davon gewesen sein kann, ist durchaus 
einleuchtend. 

Wenngleich die von uns betrachteten Dokumente nichts iiber 
Vernichtungen aussagen, bleiben sie insofern irgendwie un- 
befriedigend, als man daraus kein vollstandiges Bild iiber die 
Ursachen der Sterblichkeit und iiber die Opfer erhalt. Die vom 
Justizministerium iiberstellten kranken Haftlinge erklaren nicht 
alles. Das Bild muB durch MutmaBungen und SchluBfolgerungen 
vervollstandigt werden. Wir wollen hierzu unsere Eindriicke 
wiedergeben. 

Die deutschen Konzentrationslager der dreiBiger Jahre hatten 
ausschlieBlich Straf- und Sicherungsfunktionen, dagegen keine 
wirtschaftlichen zu erfullen. Nach Beginn des RuBlandkrieges 
erfuhren die Lager eine rasche Ausdehnung und erhielten auBerdem 
ihre wirtschaftlichen Aufgaben. Auf diese Weise ereignete sich im 
Jahre 1942 in den Konzentrationslagern dreierlei : 

(a) Die rasche Ausdehnung wurde von einem allgemeinen Chaos, 
unerwarteten Problemen und organisatorischen Schwierigkeiten 
begleitet, wie sie iiblich sind, wenn neue Unternehmungen ins Werk 
gesetzt werden. Das trifft besonders auf Auschwitz zu, das ein neues 
Lager und im Begriff war, sich rasch zum groBten aller Lager zu 
entwickeln. 

(b) Die fortgesetzten deutschen Siege und Eroberungen in RuBland 
hatten Massen von russischen Kriegsgefangenen zur Folge, von 
denen ein Teil in die Konzentrationslager aufgenommen wurde. 

(c) Den Lagern wurden durch das Justizministerium kranke 
Haftlinge zugewiesen. Es gab wahrscheinlich weitere Probleme, doch 
scheinen mir diese drei Faktoren eine hohe Sterblichkeit wahrend 
der letzten Monate des Jahres 1942 bis zum Fruhjahr 1943 
ausreichend zu erklaren. 

Wenn auch die Sterblichkeit gegen Ende des Jahres 1943 immer 
noch beklagenswert hoch war, so stand sie doch — im Vergleich zu 
der des Vorjahres — einigermaBen unter Kontrolle und blieb es auch 
bis zum Zusammenbruch am Ende des Krieges. Die Aussage des 
Kommandanten von Birkenau (vgl. Anhang D) zeigt, daB die 
Todesfalle in Auschwitz wahrend des Jahres 1944 hauptsachlich 
unter den gewohnlichen Strafgefangenen auftraten, die aus den 
Haftanstalten iiberstellt worden waren. Ich habe keine Dokumente 
entdeckt, die den bereits untersuchten vergleichbar waren, aus 



170 



denen sich fur das Jahresende 1943 oder einen nachfolgenden 
Zeitraum hohe Sterblichkeitsziffern ergeben. 

Die Rolle, die Birkenau in der betriigerischen Legende spielt, ist 
hochst einfach. Wie jedes groBe Industriewerk war Auschwitz 
zwecks groBter Leistungsfahigkeit planmaBig organisiert. Die 
unbeschaftigten Gefangenen waren in Birkenau untergebracht. 
Daher waren auch die Transitlager in Birkenau. Dies erklart die 
Einrichtung der dortigen Zigeuner- und Judenlager. Auch die 
Kranken, Schwerkranken, Sterbenden und — moglicherweise — auch 
die Toten wurden nach Birkenau gebracht. Eine solche Konzen- 
tration des Elends gibt Birkenau naturlich die Bedeutung eines mit 
Leichenraumen und Krematorien versehenen „Todeslagers", falls 
jemand es vorzieht, die Dinge so zu umschreiben. Tatsachlich 
ereignete sich die Halfte aller Todesfalle im gesamten deutschen 
Konzentrationslagerbereich wahrend der Jahre 1942 bis 1944 in 
Birkenau. Wenn auch die ganze Angelegenheit recht unsinnig wirkt, 
sobald man sie naher untersucht, so haben die Propagandisten doch 
mit ihrer Entscheidung, Birkenau zum Vernichtungslager zu 
erklaren, erkennbar eine sehr uberlegte Wahl getroffen. Die 
Sterblichkeitsquote im Konzentrationslagerbereich war sehr hoch; 
nahezu am hochsten war sie in Auschwitz, das das groBte KZ war, 
und die dortigen Todesfalle konzentrierten sich auf Birkenau. 

Zusammenfassung 

In der Einfuhrung zu diesem Kapitel wurde versprochen, es werde 
sich zeigen, daB die Auschwitz-Legende mit dem grundlegenden 
Kennzeichen der groBen Luge behaftet sei : einer andersartigen 
Ausdeutung tatsachlicher Geschehnisse. Dies ist wirklich in jeder 
wesentlichen Beziehung erkennbar : 

1. Das Zyklon wurde zur Desinfektion und angeblich ebenso zur 
Vernichtung von Menschen verwendet. 

2. Die „Selektionen" waren mit Rucksicht auf die Beschaftigungsart 
in Auschwitz und angeblich ebenso zur Vernichtung von 
Menschen erforderlich. 

3. Es ware nicht ungenau (wenn auch vielleicht etwas irrefuhrend), 
Birkenau als „Todeslager" zu bezeichnen, insbesondere wahrend 
bestimmter Zeitraume (vor allem z. Zt. des Baruch-Komitees und 
sogleich danach); es diente angeblich ebenso der „ Vernichtung". 

4. Entkleiden und Baden ging den Entlausungen voraus und angeb- 
lich auch der Vernichtung von Menschen. 

5. Herkommliche Krematorien gab es sowohl im Hinblick auf die 
Rolle Birkenaus als „Todeslager" wie auch im Hinblick auf seine 
Rolle als „Vernichtungslager . 

6. Einige Leichenkeller waren Raume zur Aufbewahrung von 
Leichen, doch wird gleichzeitig behauptet, andere seien in 
Wirklichkeit ,Gaskammern" gewesen. Die beiden Arten von 
Leichenkellern befanden sich nahe beieinander in Birkenau. 

7. Einige Badeanstalten waren Einrichtungen zum Baden, 
gleichzeitig aber wird behauptet, andere seien in Wirklichkeit 
„Gaskammern" gewesen. Die beiden Arten von Badeanstalten 
befanden sich dicht an dicht in Birkenau. 

8. Der Gestank, den die Bevolkerung jenes Gebietes wahrnahm, 
hatte seinen Ursprung nicht nur in der Kohlehydrierung und 
anderen chemischen Prozessen, sondern angeblich ebenso — 
zumeist sogar ausschlieBlich! — in den Leichenverbrennungen. 

171 



9. Ein Zusatz des Ubersetzers : Beachtlich fiir die Ubersetzung des 
gesamten Sachverhaltes erscheint es, daB das deutsche Wort 
„Entwesung" mit dem englischen Ausdruck „ extermination" 
identisch ist, ein Ausdruck jedoch, der, ruckubersetzt, wiederum 
auch mit „Vernichtung" absolut gleichzusetzen ist. Macht man im 
Deutschen hier eine klare begriffliche Einengung auf Ungeziefer — 
Seuchentrager — , so ist dies im Englischen nicht der Fall, so daB 
mit der Verwendung des Begriffes oder gar die grundsatzliche 
Interpretation des Begriffes „ extermination" auf „Vernichtung 
von Menschen" propagandistisch leicht suggeriert und glaubhaft 
gemacht werden kann. 

Angesichts der in dieser Untersuchung dargelegten Gesichts- 
punkte ist es wirklich nur Nachsicht, bezuglich dieser neun 
Feststellungen von der Moglichkeit einer zweifachen Ausdeutung 
der tatsachlichen Geschehnisse zu sprechen. Bei den auf eine 
Menschenvernichtung hinauslaufenden Deutungen handelt es sich 
offensichtlich um Liigen. Und die letzte, sich auf den Gestank 
beziehende Luge ist ein „Zuviel an Tatsachen". Die Urheber der 
betrugerischen Legende hatten niemals die Tatsache des Gestanks 
mit in ihre Geschichte aufnehmen diirfen. 

Die Sachverhalte, die im Widerspruch zu den Behauptungen 
stehen, die Ungereimtheiten und Unglaubwurdigkeiten sind 
herausgestellt worden. Himmler gibt seine Befehle unmittelbar an 
HoB und uberlaBt allein ihm die Mittel und Wege zu ihrer 
Durchfuhrung. Die Befehlsgebung fand — wie ausdrucklich betont 
wird — im Sommer 1941 statt; andererseits hatte sie im Sommer 
1942 stattgefunden haben miissen, denn HoB begann ein halbes 
Jahr nach Aufstellen der Plane fiir die 4 Krematorien, die fiir die 
„ Menschenvernichtung" gebraucht wurden, zu improvisieren. In 
Wirklichkeit bleiben die Krematorien jedoch nicht der Ein- 
gebungskraft von HoB iiberlassen. Auch anderes nicht. Judische 
Familien mit Kindern wohnen monatelang in Birkenau, ihre 
Unterkiinfte sind vorher mit ebendemselben chemischen Produkt 
desinfiziert worden, mit dem sie schon bei ihrer Ankunft getotet 
worden sein sollen. Doch dann sollen sie spater damit getotet 
werden. Doch dieses und ahnliches konnte HoB mit Sicherheit nicht 
selbst entscheiden. 

Die Untersuchung der Auschwitz-Frage ist damit nicht 
abgeschlossen. Sie war bislang auf die Ereignisse innerhalb von 
Auschwitz gerichtet und hat noch nicht das Schicksal irgendeiner 
besonderen jiidischen Bevolkerungs- oder Volksgruppe in Auschwitz 
einer Betrachtung unterzogen. Der Vollstandigkeit halber ist dies 
noch nachzuholen, und wir konnen uns insoweit kein besseres 
Beispiel denken als das, welches die Verbreiter der Ausch- 
witzlegende selbst ausgewahlt haben : die ungarischen Juden, deren 
Schicksal — oder wie immer man es sonst nennen sollte — unter 
besonderer Beriicksichtigung der Aussagen iiber Auschwitz jetzt im 
nachsten Kapitel untersucht werden wird. 



172 



V Die Ungarischen Juden 

Seit der Zeit, als die Deutschen und ihre Verbiindeten dem Roten 
Kreuz — und zwar sowohl dem Internationalen Komitee (ICRC) als 
auch den verschiedenen nationalen Sektionen — eine nicht 
unbetrachtliche Freiheit eingeraumt haben, in dem von den 
Achsenmachten beherrschten Europa tatig zu sein, ergab es sich, daB 
das ICRC in der Lage war, tiber einen groBen Teil des Geschehens, die 
europaischen Juden betreffend, zu berichten. Die Berichte einer 
solchen neutral plazierten Organisation sind naturlich im 
Zusammenhang mit unseren Problemen von groBer Bedeutung. 

Wir sagen „neutral plazierten", besser als „neutralen" Organisa- 
tion, da es keine absolute politische Neutralitat gibt. Jede 
Organisation ist politischen Zwangslagen ausgesetzt. Alles bleibt 
eine Frage der Abstufung. 

Zwei ICRC-Veroffentlichungen sind fur uns von groBerem 
Interesse. Das erste sind die „Documents sur l'activite du CICR en 
faveur des civils detenus dans les camps de concentration en 
Allemagne (1939 — 1945)", Genf 1947. Dies ist eine Sammlung von 
Dokumentenwiedergaben von Korrespondenzen zwischen dem 
ICRC und den verschiedenen Regierungen und Rote-Kreuz- 
Gesellschaften sowie Berichte von ICRC-Delegierten an das ICRC. 
Kommentare, die nur ausreichen, um die Dokumente zu inter- 
pretieren, sind vom Roten Kreuz erstellt. Die Dokumentation ist 
unschatzbar und wird in diesem Buch wiederholt erwahnt. Eine 
andere Publikation des Jahres 1947 war „Inter Arma Caritas", doch 
dies war hauptsachlich ein Bemuhen um Offentlichkeitswirkung. 

Die zweite wichtige Publikation ist der dreibandige Bericht des 
Internationalen Komitees des Roten Kreuzes iiber seine Aktivitaten 
wahrend des Zweiten Weltkrieges, Genf 1948. Dieser hat 
historischen Dokumentationswert. Dokumente selbst erscheinen 
hier nur gelegentlich. Im gegenwartigen Kapitel wird ein Auszug vom 
ersten Band des Berichtes im vollstandigen Text zitiert, und zwar die 
Seiten 641 — 657. Ich glaube, daB in diesem Auszug aus dem Bericht 
ein gewisser politischer Druck offensichtlich ist, aber es wird fur den 
Leser nicht notwendig sein, meine Empfindungen im Hinblick auf 
besondere Bekundungen dieses Drucks in dem Auszug zu teilen, um 
die Hauptfolgerung anzuerkennen, die ich aus diesem Auszug ziehe. 
Jedoch werden einige augenscheinlich dringliche Fragen wahrend 
des ersten Lesens auftauchen. Und alles, was hier schon gesagt sein 
kann, ist, daB zwei Punkte im Gedachtnis behalten werden sollten : 

1. Dieser Bericht wurde im Jahre 1948 veroffentlicht, zu einer 
Zeit, da die Autoren nicht fehlgehen konnten, vor allem im Hinblick 
auf die politisch empfindliche Natur der beschriebenen Materie, 
vollig mit den Alliierten-Behauptungen vertraut zu sein, die 



173 



ihrerseits erschopfend sowohl in den Kriegsverbrecherprozessen als 
auch in der Presse beziiglich des Schicksals der europaischen Juden 
zum Ausdruck gebracht worden waren. Wir erwarten hier keine 
sorglosen Bemerkungen. 

2. Wir fragen das ICRC nicht als eine besondere Autoritat um Rat; 
d. h. wir sind lediglich an den Berichten interessiert, welche in den 
Kompetenzbereich des ICRC fallen. Es gab Delegationen in 
verschiedenen europaischen Landern, die stark mit jiidischen 
Affaren befaBt waren, und was wir zu wissen wiinschen, ist, was 
diesen Juden geschehen ist, soweit das ICRC befahigt war, dies zu 
beobachten. Unser Nachdruck liegt in der Tat auf den Juden der 
Slowakei (ostliche Tschechoslowakei), in Kroatien (Nord- 
Jugoslawien) und Ungarn. Wir sind an Ungarn interessiert, doch die 
Probleme der anderen Lander gehen ineinander iiber, und in dem 
AusmaB, in dem die Deutschen die Dinge kontrollierten, gab es 
keinen Grund fur groBere Unterschiede in der Judenpolitik. 

Von einem Zahlengesichtspunkt her mag es scheinen, daB Polen in 
diesem Problem als das Schlusselland hatte ausgewahlt werden 
sollen. Jedoch bleibt die Tatsache, daB Ungarn der Schlussel ist, 
weil die Schopfer der Legende vorgezogen haben, Ungarn und nicht 
Polen auszuwahlen, um die Zeugnisse fur ihre Behauptungen 
anzubieten. Sie bieten keinen Beweis fur Vernichtungen von 
polnischen Juden, abgesehen von Zeugenaussagen und den 
allgemeinen VernichtungslagerJSehauptungen, die unsere Analyse 
bereits ad absurdum gefuhrt hat. Durch einen glucklichen Umstand 
ist es moglich, sich durch die Berichte des ICRC dariiber zu 
informieren, was in Ungarn geschah, doch dies ist nicht so im Fall 
Polen. Der Grund dafur ist der, daB die Deutschen dem ICRC nicht 
gestatteten, sich mit jiidischen Affaren in Landern zu befassen, in 
denen sie sich als der Souveran betrachteten. Jedoch die 
Verbundeten der Deutschen, die als unabhangige Staaten angesehen 
wurden, lieBen es zu, daB sich das ICRC mit den jiidischen 
Angelegenheiten befaBte. So entsteht die zentrale Bedeutung 
Ungarns in der Untersuchung der Legende. 

Da gibt es einen zweiten Gesichtspunkt, fur den der Auszug des 
Berichtes von groBter Wichtigkeit in unseren Studien ist, er wird im 
folgenden Kapitel deutlicher herausgestellt. 

Der Auszug aus dem Bericht wird hier vollstandig wiedergegeben, 
weil er in einer Form geschrieben ist, daB es schwierig ist, ihn an 
bestimmten Stellen zu zitieren, ohne sich der Moglichkeit 
auszusetzen, wegen Entstellung der Behauptung angegriffen zu 
werden. Dies wird nach dem Lesen klar werden. 

VI Spezial-Kategorien von Zivilisten 

(A) Juden 

„Unter dem Nationalsozialismus wurden die Juden in der Tat AusgestoBene, 
durch eine harte Rassengesetzgebung dazu verurteilt, Tyrannei, Verfolgung und 
systematische Vernichtung zu erdulden. Keine Art von Schutz wurde ihnen 
gewahrt; da sie weder Kriegsgefangene noch Zivilinternierte waren, bildeten sie 
eine eigene Kategorie, ohne in den GenuB irgendeiner Konvention zu geraten. 
Die Oberaufsicht, zu der das Internationale Rote Kreuz zugunsten von 
Kriegsgefangenen und Zivilinternierten ermachtigt war, war ihnen gegenuber 
nicht anzuwenden. In den meisten Fallen waren sie Staatsangehorige jenes 



174 



Staates, der sie in der Gewalt hatte und der, sich auf seine oberste Autoritat 
berufend, keinerlei Intervention zu ihren Gunsten duldete. Diese unglucklichen 
Burger teilten das gleiche Schicksal wie politische Deportierte, sie waren ihrer 
zivilen Rechte beraubt, ihnen wurde eine schlechtere Behandlung zuteil als den 
nationalen Feinden, die schlieBlich die Vorteile einer Konvention genossen. Sie 
wurden in Konzentrationslager und Ghettos gepfercht, zur Zwangsarbeit 
verpflichtet, groben Brutalitaten ausgesetzt und in Todeslager geschickt, ohne 
daB irgendjemandem erlaubt wurde, sich in diese Angelegenheiten 
einzumischen, die Deutschland und seine Verbiindeten zum ausschlieBlichen 
Kompetenzbereich ihrer Innenpolitikgehorig betrachteten. 

Es sollte jedoch ins Gedachtnis zuruckgerufen werden, daB die in Italien gegen 
die Juden ergriffenen MaBnahmen unvergleichlich weniger hart waren, und daB 
in den Landern unter dem direkten EinfluB von Deutschland ihre Lage allgemein 
weniger tragisch war als in Deutschland selbst. Das Komitee konnte sich nicht 
selbst von diesen Opfern lossagen, zu deren Gunsten es die meisten dringlichen 
Appelle erhielt, fur die jedoch der Spielraum fur HilfsmaBnahmen besonders 
eingeschrankt war, zumal seine Aktivitaten angesichts des Fehlens jeglicher 
gesetzlichen Basis zum groBen AusmaB vom guten Willen der kriegfiihrenden 
Staaten abhing. 

Das Komitee hat in der Tat durch Einschaltung des Deutschen Roten Kreuzes 
urn Informationen hinsichtlich der Zivildeportierten ,ohne Unterschied von 
Rasse und Religion' ersucht, was jedoch kurzerhand mit folgenden 
Formulierungen verweigert wurde : ,Die verantwortlichen Behorden lehnen 
Informationen uber die nicht-arischen Deportierten ab.' So fuhrten Nachfragen, 
die sich hauptsachlich mit Juden befaBten, zu keinem Ergebnis, und 
wiederholte Proteste wurden von den betreffenden Behorden ubel vermerkt 
worden sein und sich vollstandig entgegengesetzt ausgewirkt haben — sowohl fur 
die Juden als auch fur den Gesamtbereich der Aufgaben des Komitees. Obwohl 
das Komitee nutzlose Proteste vermied, tat es doch in der gezogenen 
Konsequenz das auBerste, urn den Juden mit praktischen MaBnahmen zu helfen, 
und seine Delegierten drauBen uber diese Richtlinien zu unterrichten. Die 
Richtigkeit dieser Politik bestatigte sich durch die erzielten Ergebnisse. 

Deutschland. — Sogar zu der Zeit, als die deutsche Wehrmacht ihre Siege 
errang, stieB das Bemuhen des Komitees hinsichtlich der Juden auf fast 
unuberwindbare Hindernisse. Gegen Ende des Jahres 1943 jedoch gestatteten 
die deutschen Behorden dem Komitee, Hilfspakete an Konzentrations- 
lagerinsassen zu senden, deren Namen und Adressen ihm bekannt war und von 
denen viele Juden waren. Das Komitee war in der Lage, ein paar Dutzend Namen 
zu sammeln. Mit diesen durftigen MaBnahmen wurde dann ein System von 
zunachst individueller und dann kollektiver Hilfe fur politische Haftlinge 
begonnen, dessen AusmaB in diesem Bericht an anderer Stelle notiert ist. Jeder 
Empfanger schickte verschiedene Namen zuriick, und diese wurden der 
Adressenliste zugefugt : auf diese Weise gaben die Empfanger oft die ersten 
Nachrichten uber vermiBte Personen. Gegen Ende des Krieges enthielt die 
Registratur des Komitees fur politische Gefangene (judische und nicht- 
judische) uber 105.000 Namen. 

Wahrend des letzten Kriegsjahres waren die Delegierten des Komitees in der 
Lage, das Lager Theresienstadt zu besichtigen, das ausschlieBlich Juden 
vorbehalten war und unter Sonderbedingungen verwaltet wurde. Entsprechend 
den vom Komitee in Erfahrung gebrachten Nachrichten wurde dieses Lager von 
gewissen Fiihrern des Reiches als ein Experiment eingerichtet, die den Juden 
gegenuber augenscheinlich weniger feindselig gegenuberstanden, als jene, die fur 
die Rassenpolitik der deutschen Regierung verantwortlich waren. Das Bestreben 
dieser Manner war, den Juden die Moglichkeit fur ein kommunales Leben in 



175 



einer Stadt unter ihrer eigenen Verwaltung und nahezu vollstandigen 
Autonomie zu geben. Bei vielen Gelegenheiten wurde den Delegierten des 
Komitees freigestellt, Theresienstadt zu besichtigen, doch weil die 
Lokalbehorden Schwierigkeiten machten, fand der erste Besuch erst im Juni 
1944 statt. Der judische Altestenrat (elder in charge) informierte die Delegation 
in Gegenwart eines Vertreters der deutschen Behorden, daB 35.000 Juden in der 
Stadt ansassig waren und daB die Lebensverhaltnisse ertraglich waren. Auf 
Grund des von den Fuhrern verschiedener judischer Organisationen 
ausgedruckten Zweifels hinsichtlich der Zuverlassigkeit dieses Berichts, bat das 
Komitee die deutsche Regierung, seinen Delegierten einen zweiten Besuch zu 
genehmigen. Nach muhsamen Verhandlungen, die von der deutschen Seite 
reichlich verzogert wurden, waren zwei Delegierte in der Lage, das Lager am 6. 
April 1945 zu besuchen. Sie bestatigten den gunstigen Eindruck, den man beim 
ersten Besuch erhalten hatte, aber ermittelten, daB die Lagerstarke sich 
zusammensetzte aus : nur 30.000 Internierten, einschlieBlich 1.100 Ungarn, 
11.050 Slowaken, 800 Hollander, 290 Danen, 8.000 Deutschen, 8.000 
Tschechen und 760 staatenlosen Personen. Sie befurchteten daher, daB 
Theresienstadt ein Durchgangslager ware und erkundigten sich nach dem letzten 
Transport von Personen nach dem Osten. Der Fuhrer der Sicherheitspolizei des 
Protektorates erklarte, daB die letzten Transporte nach Auschwitz 6 Monate 
vorher abgegangen waren und 10.000 Juden erfaBt hatten, die zur Arbeit in der 
Verwaltung und fur die Ausweitung des Lagers eingesetzt werden sollten. Dieser 
hochgestellte Beamte versicherte den Delegierten, daB keine Juden kunftig mehr 
deportiert wurden. 

Wenngleich andere Lager, die ausschlieBlich Juden vorbehalten waren, fur 
Inspektionen zugunsten humanitarer Zwecke bis zum Kriegsende nicht 
freigegeben wurden, war das Komitee schlieBlich doch in verschiedenen 
Konzentrationslagern, in denen Juden in der Minderheit waren, aktiv und 
wirksam. Wahrend der Endmonate ubernahm das Komitee in dringenden 
Fallen eine Aufgabe von groBter Bedeutung, indem es diese Internierten 
besuchte und ihnen Hilfe gab, sie mit Nahrung versorgte, Evakuierungen so 
gut wie Massenexekutionen in letzter Minute verhinderte und sogar die 
Leitung in den kritischen Stunden, manchmal Tagen ubernahm, die zwischen 
dem Ruckzug der deutschen Truppen und der Ankunft der Alliierten 
Streitkrafte vom Westen oder Osten lagen. 

Ein mehr ins einzelne gehender Bericht von diesen verschiedenen Aktivitaten 
ist in den Kapiteln uber die politischen Haftlinge sowohl in diesem Band als auch 
in Band II niedergelegt, aber auch in einer besonderen Publikation mit dem Titel 
.Documents sur I'activite du CICR en faveur des civils detenus dans les camps 
de concentration en Allemagne, 1939 — 1945.' 

Wenig ist bekannt uber die Rolle, die das Komitee in Landern spielte, deren 
Regierungen mehr oder weniger dem deutschen EinfluB ausgesetzt waren und in 
denen besondere Gesetze hinsichtlich der Juden, ahnlich jenen der deutschen 
Gesetzgebung angenommen waren. 

Durch seine Delegierten, besonders in Budapest, Bukarest, PreBburg, Zagreb 
und Belgrad war das Komitee in der Lage, den best moglichen Gebrauch von 
seiner moralischen Autoritat zu machen. Zugute kam seinen Delegierten die 
gewogene Einstellung einiger nicht-deutscher Behorden, die mehr oder weniger 
freie Hand hatten und nicht auf einer riicksichtslosen Durchfiihrung einer 
Rassenpolitik analog der deutschen Regierung bestanden. In seiner Eigenschaft 
als neutraler Vermittler war das Komitee in der Lage, Hilfslieferungen im Wert 
von uber zwanzig Millionen Schweizer Franken zu uberbringen und zu verteilen, 
die weltweit von jiidischen Wohlfahrtorganisationen, besonders vom .American 
Joint Distribution Committee of New York' gesammelt worden waren. Ohne 
die Hilfe des ICRC ware diese konzentrierte Anstrengung einer umfassenden 



176 



Gemeinschaft zweifellos vergeblich gewesen, da keiner judischen Organisation 
in Landern unter deutscher Kontrolle tatig zu sein gestattet war. Ein 
detaillierter Bericht dieses bedeutenden Hilfswerkes befindet sich im Band III. 

Die Bemuhungen des Komitees waren nicht auf die oben beschriebenen 
Aktivitaten beschrankt. Mit der Zeit wurde es in der Tat eine ,Schutzmacht' fur 
die Juden, die bei den Regierungen zu ihren Gunsten intervenierte und in 
einigen Fallen ein wirkliches Schutzrecht ausubte, indem es den Vorzug der 
Exterritorialitat fur Krankenhauser, Ambulanzen und Hilfsorganisationen 
zugestanden erhielt und auch als Vermittler von Streitigkeiten anerkannt 
wurde. Dies war seine Aufgabe besonders in Rumanien und Ungarn fur mehr als 
ein Jahr wahrend der letzten Phase des Krieges in den Jahren 1944 und 1945. In 
den Landern, in denen die Bemuhungen des Komitees weniger betrachtlich 
waren, waren sie nichtsdestoweniger fur die Juden von groBem Vorteil. Dies mag 
in einer kurzen Zusammenfassung beschrieben sein, bevor die Tatigkeiten des 
Komitees in Ungarn und Rumanien aufgezeigt werden. 

Frankreich. — Im November 1940 erhielt das Komitee von den Behorden die 
Erlaubnis fur eines seiner Mitglieder, Lager im Suden zu besuchen, wo sich unter 
den Zivilinternierten eine Anzahl Juden befand. Besonders das Lager bei Gurs 
enthielt 6.000 Juden aus der bayerischen Oberpfalz. Der Besuch ergab einen 
deutlichen Uberblick uber die Situation innerhalb des Lagers sowie uber die 
dringende Notwendigkeit einer Hilfe. Angemessene Schritte zugunsten der 
Internierten wurden unternommen. 

Die Juden aus Polen, die sich in Frankreich aufgehalten und Genehmigungen 
zur Einreise in die Vereinigten Staaten besessen hatten, wurden von den 
deutschen Besatzungsbehorden als Staatsburger der USA betrachtet. Anerkannt 
haben sie gleichermaBen die Gultigkeit von ungefahr 3.000 Ausweisen, die von 
den Konsulaten sudamerikanischer Staaten an Juden ausgegeben worden waren. 
Diese betreffenden Personen wurden in den fur Amerikaner vorbehaltenen 
Lagern bei Vittel zusammengefaBt. Als im Jahre 1942 die sudamerikanischen 
Staaten mit Deutschland uber den Austausch von Internierten verhandelten, 
ergab es sich, daB die Mehrheit der bei Vittel Internierten Behelfsausweise hatte 
und folglich in Gefahr waren, deportiert zu werden. Das ICRC intervenierte zu 
ihren Gunsten uber die Berliner Delegation und erreichte fur sie ein Verbleiben 
bei Vittel; nur einige wenige wurden deportiert. 

Griechenland. — Unmittelbar nach der deutschen Besetzung wurde das 
Komitee gerufen, sich in den Fall von 55.000 Juden in Saloniki einzuschalten, 
die Opfer der Rassengesetzgebung geworden waren. Im Juli 1942 wurden alle 
Manner zwischen 18 und 45 Jahren registriert, und die Mehrheit von ihnen 
wurde in Arbeitsbataillone einberufen. Die Delegation versorgte sie mit 
medizinischen und sanitaren Gebrauchsgegenstanden. Im Mai 1943 wurden 
diese Arbeiter nach Deutschland geschickt, und die Delegation in diesem Land 
bestand auf ihrem Recht, ihnen Lebensmittelpakete zu geben. Dieses Verhalten 
fuhrte zu Schwierigkeiten mit den deutschen Behorden, die in ihrer 
Verstimmung die Abberufung eines Delegierten forderten. 

Slowakei — Viele tausend Juden wurden gezwungen, das Land zu verlassen 
und sich in den sogenannten ,Arbeitsdienst' einzureihen, der aber in der Tat die 
groBere Anzahl in die Vernichtungslager uberfuhrt zu haben scheint. Zur 
annahernd gleichen Zeit hatte eine groBe Anzahl der judischen Minderheit die 
Erlaubnis, im Lande zu bleiben, und zu gewissen Zeiten wurde die Slowakei 
geradezu als Zufluchtsort fur Juden angesehen, hauptsachlich fur jene, die aus 
Polen kamen. Jene, die in der Slowakei verblieben waren, schienen bis gegen 
Ende August 1944 in ziemlicher Sicherheit zu sein, bis dann ein Aufstand gegen 
die deutschen Truppen ausbrach. Es ist wahr, daB das Gesetz vom 15. Mai 1942 
einige tausend Juden in die Internierung brachte, doch waren die 



177 




Abb. 19 : Befreite Dachau-Haftlinge miBhandeln SS-Wach- 

mann 



178 



Lagerbedingungen, was Nahrung und Unterbringung anbetraf, ertraglich; auch 
wurde den Internierten zu nahezu gleichen Bedingungen wie auf dem freien 
Arbeitsmarkt Geld bezahlt. Im Jahre 1944 hatte die judische Gemeinde erreicht, 
eine nahezu vollstandige Einstellung der erzwungenen Einwanderung in die von 
den Deutschen kontrollierten Lander sicherzustellen. 

Wahrend der Zeit des Aufstandes fliichteten die internierten Juden aus den 
Lagern; einige kehrten nach Hause zuruck und andere verbargen sich im 
Gebirge. Die nachfolgenden UnterdriickungsmaBnahmen erfaBten die 
judische Bevolkerung in ihrer Gesamtheit. Die deutschen Militarbehorden 
forderten die slowakische Regierung auf, umfassende Festnahmen mit dem Ziel 
einer Deportation der Juden nach Deutschland vorzunehmen. Der am 16. Nov. 
1944 erlassene Befehl sah vor, daB alle Juden im Lager Sered zu mustern seien 
und daB alle Juden, die in der Hauptstadt leben, schon vorher, am 20. Nov. in 
der Stadthalle von PreBburg mit diesem Ziel zu versammeln seien. An demselben 
Tag ging der Delegierte in die Stadthalle und notierte, daB nur 50 Juden dem 
Aufruf gefolgt waren. Der Rest hatte sich verborgen, wie die slowakischen 
Behorden es vorhergesehen hatten, entweder durch Flucht in das Land oder 
durch Verbergen innerhalb der Stadt in den sog. „Bunkern". Die SchluBfolge- 
rung aus dieser Situation ziehend, schrieb der Prasident des ICRC dem Chef der 
slowakischen Regierung und bat ihn urn Beendigung der Deportationen. 
Monsignor Tiso erhielt diesen Brief am 2. Jan. 1945 und antwortete am 10. Jan. 
langatmig. Er rief die Tatsache in Erinnerung zuruck, daB bis zu jenem 
Zeitpunkt die Juden nicht behelligt worden waren, fugte jedoch hinzu, daB seine 
Regierung unter dem Eindruck des Aufstandes gezwungen sei, dem Druck 
nachzugeben, der ihr nunmehr auferlegt sei. Er beendete seine Ausfiihrungen 
mit den Worten : ,Um es zusammenzufassen : Es bleibt vollig wahr, daB wir uns 
bei der Losung der jiidischen Frage bemiiht haben, den Prinzipien der 
Menschlichkeit im vollen AusmaB unserer Macht treu zu bleiben'. Offizielle 
Hilfe fur die Fluchtlinge in den .Bunkern' stand auBer Frage. Die Delegation in 
PreBburg erreichte jedoch mit Unterstutzung des slowakischen Roten Kreuzes 
und in den Provinzen der katholischen Kirche, sie mit Vorraten zu versorgen, die 
ihren Sprechern ubergeben wurden und die gewahrleisteten, sie wahrend der 
letzten Monate des Krieges am Leben zu erhalten. 

Der Vertreter des Komitees war nicht in der Lage, die Erlaubnis zum Besuch 
des Lagers von Sered zu erhalten. Ihm wurde jedoch gestattet, das Lager von 
Marienka zu betreten, wo Juden fremder Nationality interniert waren. 

Kroatien. — Vom Mai 1943 bis Ende 1945 gab die Delegation der jiidischen 
Gemeinde von Zagreb Hilfe und zwar in Form einer monatlich ungefahren 
Summe von 20.000 Schweizer Franken, die zu ihren Gunsten vom Joint 
Committee of New York gespendet worden war. AuBerdem machte die 
Delegation ihr betrachtliche Mengen von Nahrungsvorraten, Kleidung und 
Medikamenten zuganglich. Im Oktober 1944 sperrten die deutschen Behorden 
auf den Grundlagen von MaBnahmen in den benachbarten Landern die Juden 
von Zagreb ein und nahmen ihre Lebensmittelvorrate an sich. Die Delegation 
wurde sofort bei der kroatischen Regierung vorstellig und sorgte fur die 
Ruckgabe der Vorrate. 

Ungarn. — Wie in der Slowakei wurden die Juden relativ geschont, insofern als 
die Lokalregierung gewisse Handlungsfreiheiten hatte. Aber als der deutsche 
Druck vom Marz 1944 an geltend gemacht wurde, wurde die Lage der Juden 
kritisch. Die Beseitigung der Regierung Horthy im Oktober 1944 zugunsten 
einer an Deutschland gebundenen Regierung provozierte eine gefahrliche Krise : 
Exekutionen, Plunderungen, Deportationen, Zwangsarbeit, Verhaftungen, — 
dies war das Los der jiidischen Bevolkerung, die grausam litt und viele an Toten 
verlor, vor allem in den Provinzen. Es war an diesem Punkt, als das Komitee, urn 



179 



diese Leiden zu mildern, mit Elan und Autoritat in Aktion trat. Zur selben Zeit 
wurde die vom Konig von Schweden veranlaBte Hilfe mit betrachtlichem Mut 
und Erfolg von der schwedischen Gesandtschaft in Budapest, unterstutzt von 
einigen Mitgliedern des schwedischen Roten Kreuzes, den Betroffenen 
zuganglich gemacht. 

Bis zum Marz 1944 stand es den Juden, die das Privileg eines Visums fur 
Palastina hatten, frei, Ungarn zu verlassen. Am 18. Marz 1944 forderte Hitler 
den ungarischen Reichsverweser Admiral Horthy auf, ihn in seinem 
Hauptquartier aufzusuchen. Er druckte seinen Unwillen dahingehend aus, daB 
,in Ungarn nahezu eine Million Juden in der Lage waren, in Freiheit und ohne 
Einschrankungen zu leben'. Noch bevor der Reichsverweser nach Budapest 
zuruckgekehrt war, hatten deutsche Truppen mit der Besetzung Ungarns 
begonnen, urn Ungarn daran zu hindern, aus dem Bundnis mit Deutschland 
auszuscheren. Diese Besetzung legte dem ungarischen Staatsoberhaupt eine 
neue Regierung auf, die sehr viel mehr von der deutschen Autoritat abhangig 
war, als die vorangegangene. Die Auswanderungsmoglichkeit fur Juden wurde 
rundheraus aufgehoben, und die Verfolgung begann. Dies war eine 
Angelegenheit, die das ICRC in scharfster Weise anging. Der Prasident 
appellierte an den Reichsverweser Admiral Horthy : ,Die uns zur Kenntnis 
gelangten Angelegenheiten scheinen uns', so schrieb er am 5. Juli 1944, ,so sehr 
im Gegensatz zu den ritterlichen Traditionen des ungarischen Volkes zu stehen, 
daB es fur uns schwierig ist, auch nur einen Hauch jener Informationen, die wir 
erhalten haben, zu glauben. Im Namen des ICRC erlaube ich mir, Eure Hoheit zu 
bitten, uns Instruktionen zu geben, die es uns ermoglichen, diesen Geruchten 
und Anklagen entgegenzutreten'. Der Reichsverweser antwortete am 12. 
August : ,Es steht unglucklicherweise nicht in meiner Macht, unmenschliche 
Akte zu verhindern, die niemand aufrichtiger verachtet als mein Volk, dessen 
Gedanken und Gefuhle ritterlich sind. Ich habe die ungarische Regierung 
aufgefordert, die Losung der judischen Frage in Budapest durchzufuhren. Es 
bleibt zu hoffen, daB diese Erklarung keine ernsthaften Komplikationen auslost'. 

Im Geist dieser Antwort gestatteten die ungarischen Behorden der Delegation 
in Budapest, Schilder in Lager und Internierungsgebauden fur Juden 
anzubringen, die auf ihren Schutz durch das Rote Kreuz hinwiesen. Wenn die 
Verwendung dieser Schilder (schwer vereinbar daruber hinaus mit den genauen 
Bedingungen der Genfer Konvention) nicht ausgedehnter war, so war dies dem 
Umstand zuzuschreiben, daB der Judische Senat in Budapest der Meinung war, 
daB diese MaBnahme zweifellos an Wirksamkeit verlieren wurde, wenn sie 
generell angewendet wurde. Die ungarische Regierung zeigte sich daruber hinaus 
willens, eine Wiederaufnahme der judischen Auswanderung zu begunstigen. Das 
Komitee nahm mit den Regierungen GroBbritanniens und der USA Fuhlung auf 
und erhielt wahrend des August als auBerst dringende Angelegenheit eine 
gemeinsame Erklarung von diesen beiden Regierungen, die ihren Wunsch zum 
Ausdruck brachten, die Emigration von Juden aus Ungarn mit alien 
erdenklichen Mitteln zu unterstutzen. 

Urn dieses Ziel zu erreichen, wurde das Komitee ersucht, Budapest seitens der 
Regierung der USA folgende Botschaft zu ubermitteln : ,Die Regierung der 
Vereinigten Staaten von Amerika wurde vom ICRC davon in Kenntnis gesetzt, 
daB die ungarische Regierung bereit ist, gewisse Kategorien von Fluchtlingen aus 
Ungarn auswandern zu lassen . . . Die Regierung der USA, indem sie die 
humanitaren Gesichtspunkte im Hinblick auf die Juden in Ungarn 
berucksichtigt, wiederholt jetzt spezifiziert ihre Versicherung, daB sie 
Vorkehrungen zur Betreuung aller Juden treffen wird, urn Sorge zu tragen fur 
alle Juden, denen unter den gegenwartigen Umstanden gestattet wird, Ungarn zu 
verlassen, und die das Territorium der Vereinten Nationen oder neutraler 



180 



Lander erreichen, und daB sie fur solche Leute Behelfsunterkunfte als 
Fliichtlinge finden werde, wo sie in Sicherheit leben mogen. Die Regierungen 
der neutralen Lander sind von diesen Versicherungen in Kenntnis gesetzt 
worden, und sie wurden ersucht, Juden aus Ungarn, die ihre Grenzen erreichen, 
die Einreise in ihr Land zu gestatten.' 

Am 8. Oktober verkundeten die ungarischen Behorden in Ubereinstimmung 
mit den dem Komitee ubermittelten Zusagen die endgultige Beendigung der 
Deportationen und gaben zur Kenntnis, dal3 das Lager Kistarsca fur judische 
Intellektuelle, Doktoren und Ingenieure aufgelost worden sei und die Insassen 
entlassen worden seien. 

Die durch diese Erklarung genahrte Hoffnung war kurzlebig. Wenige Tage 
spater setzte die voile Welle der groBen Leidender ungarischen Juden ein. Unter 
dem Eindruck des Riickzuges der deutschen Wehrmacht hatte Admiral Horthy 
entschieden, die Verbindung seines Landes mit Deutschland aufzulosen. Am 15. 
Oktober bat er die Alliierten Machte um einen Waffenstillstand mit Ungarn. 
Diese Proklamation hatte unter den Juden eine gewaltige Wirkung, die in ihren 
Demonstrationen gegen die Besatzungsmacht begeistert waren. Obgleich die 
deutsche Armee sowohl in Ost- wie in West-Europa auf dem Ruckzug war, hatte 
sie in Ungarn doch noch einen festen Halt. Der Reichsverweser scheiterte mit 
seinem Plan und wurde eingesperrt. Ungarische Unterstutzer der Deutschen 
ergriffen die Macht und leiteten eine Unterdruckung ein, die an Heftigkeit 
zunahm, je naher die Front ruckte und bereiteten Budapest fur den 
Belagerungszustand vor. Es wird behauptet, daG von judischen Hausern aus auf 
deutsche Truppen geschossen worden sei. Wie auch immer sich dies verhalten 
haben mag, jedenfalls richtete sich die Unterdruckung vor allem gegen die 
Juden. Unverzuglich wurde entschieden, sie aus Budapest herauszubringen und 
ihr Eigentum zu konfiszieren. 60.000 Juden, die zur Arbeit fahig waren, sollten 
nach Deutschland geschickt werden, — zu Ful3, in Gruppen zu je tausend, via 
Wien. DarCiber hinaus wurden von den Arbeitsfahigen Manner zwischen 
sechzehn und sechzig und Frauen zwischen vierzehn und vierzig zur 
Zwangsarbeit bei ungarischen Befestigungsanlagen kommandiert. Der Rest der 
judischen Bevolkerung, einschlieBlich der Arbeitsunfahigen und Kranken, 
wurde in vier oder funf Ghettos in der Nahe von Budapest zusammengefaBt. Die 
einzigen Juden, die der Evakuierung entrinnen konnten, waren jene, die im 
Besitz von Ausweisen mit Visa fur Palastina, Schweden, Schweiz, Portugal oder 
Spanien waren. 

Diese MaBnahmen wurden zu Beginn mit Grausamkeiten und Diebstahlen 
begleitet, gegen die die Delegation unverzuglich protestierte. Das In- 
nenministerium, das diesem Vorgehen Beachtung schenkte, gab einen ErlaB 
heraus, demzufolge Plunderungen vom 20. Oktober ab verboten waren. In der 
Zwischenzeit gewahrte die Delegation Mitgliedern des Judischen Senats von 
Budapest Unterschlupf. Da ihre Lage offensichtlich bedrohlich war, erneuerte 
die Delegation ihre Appelle an die deutschen Behorden als auch an die 
ungarische Regierung, und am 29. Oktober verkundete der Rundfunk, daB den 
ICRC-Gebauden die Exterritorialitat gewahrt worden sei, ahnlich wie dies bei 
den Gesandtschaften der Fall war. 

Seine Position war gestarkt worden, der Delegierte widmete sich selbst mit um 
so groBerer Zuversicht der Hilfsarbeit, die er in bezug auf die Juden bereits 
mutig durchgefuhrt hatte. ,Es ist hart,' schrieb er, , einen Begriff von den 
Schwierigkeiten zu erlangen, die ich zu bewaltigen hatte, um gegen eine Bande 
auszuhalten, in deren Handen die Macht liegt, und dann in einer Zeit des 
Durcheinanders, da Mord und Aggression an der Tagesordnung waren, sich zu 
zwingen, eine gewisse Zuruckhaltung zu zeigen und dem Rote-Kreuz-Emblem 
den Respekt zu bewahren 



181 



Das Schicksal der Kinder, deren Eltern in Arbeitslager deportiert worden 
waren, war besonders tragisch. Der Delegierte erreichte mit Unterstutzung der 
,Jo Pasztor'-Organisation, ungefahr zwanzig Heime einzurichten, in denen diese 
Kinder, zuweilen begleitet von ihren Muttern, untergebracht werden konnten. 
Das Krankenhauspersonal bestand aus erfahrenen Schwestern und aus Juden, 
deren Tatigkeit in diesen Heimen ihnen ein Schutzzertifikat gewahrleistete, 
ahnlich jenen, die der Delegierte seinen Mitarbeitern ausstellte. 

Die Reprasentanten des Komitees eroffneten auch Suppenkuchen, von denen 
jede in der Lage war, taglich ungefahr hundert heiBe Mahlzeiten auszugeben. 
Empfangs- und Versorgungszentren wurden errichtet, ebenso auch 
Krankenhauser mit Kinder- und Mutterschaftsabteilungen, sowie eine Erste 
Hilfe-Station, geoffnet fur die Offentlichkeit ,ohne Unterschied der Rasse und 
des Glaubens'. Daruber hinaus gab der Delegierte dreiBigtausend Schutzbriefe 
aus, die, obgleich sie keine legale Basis hatten, von den Behorden respektiert 
wurden und ihre Inhaber von der Zwangsarbeit freistellten. 

Im November stromten hunderttausend Juden aus den Provinzen nach 
Budapest hinein. Die Regierung beschloB, sie in einem Ghetto zusam- 
menzufassen, einschlieBlich jener Juden, die in Budapest verblieben waren und 
im besonderen auch fur Kinder, die in Rot-Kreuz-Heimen untergebracht waren. 
Der Delegierte schrieb : ,lch sah es als meine Hauptaufgabe an, das Ghetto-Leben 
so tragbar wie eben moglich zu gestalten. Ich hatte unglaubliche 
Schwierigkeiten zu uberwinden, urn bei taglichem Aushandeln mit den 
ungarischen Nazis Bedingungen und Konzessionen zu erhalten, die zu einem 
gewissen Grade die Voraussetzungen zum Leben fur jene innerhalb des Ghettos 
schufen. Ununterbrochen wurden Verhandlungen mit dem Judischen Senat auf 
der einen Seite und der Stadtverwaltung auf der anderen Seite gefuhrt, urn 
zumindest ein Minimum an Lebensmittelvorraten fur das Ghetto sicherzustellen 
zu einer Zeit, da der gesamte Verkehr auf Grund der standigen Bombardierung 
lahmgelegt und die Versorgung immer schwieriger geworden war. Der Delegierte 
stellte sicher, daB die Rationen fur Juden auf 920 Kalorien festgelegt wurden, 
d. h. zwei Drittel des Minimums der ungarischen Gefangnisration. Spater war es 
moglich, eine leichte Anhebung dieser Zahl zu erreichen, und zwar dank der 
Ausgabe von Hilfslieferungen. 

Trotz der Bemuhungen des Delegierten wurden die in das Ghetto verbrachten 
Kinder zu 60 in einen Raum gesteckt, den es weder moglich war zu saubern 
noch zu desinfizieren. Indem er auf die Gefahr von Epidemien hinwies, erreichte 
er, daB die Kinder von einer Inspektion begutachtet wurden, die 500 der 800 
untersuchten Kindern erlaubte, in ihre Heime, aus denen sie gekommen waren, 
zuruckgeschickt zu werden, und die die ubrigen 300 Kinder in Krankenhauser 
einwies. Die anderen Kinder verlieBen das Ghetto nicht, doch sorgten sich 
Verwandte oder Freunde urn sie. Daruber hinaus sandte die Delegation mit 
Erlaubnis der Regierung funf Personen in das Ghetto mit dem Auftrag, offizielle 
und detaillierte Berichte uber den Bedarf an Nahrung und Kleidung fur jedes 
Kind zu erstellen. SchlieBlich wurden auf Initiative des Delegierten eintausend 
Waisenkinder ,ohne Unterschied der Rasse oder Religion' ausgesucht und in der 
Abtei von Panonalma, einem Benediktinerkloster, das dem Delegierten vom 
Bischof von Gyor zur Verfugung gestellt worden war, untergebracht. Dieses 
Refugium unter dem Schutz des Roten Kreuzes wurde von den deutschen und 
ungarischen Truppen wahrend ihres Ruckzuges respektiert und auch von der 
Sowjetarmee. Die Hingabe und GroBzugigkeit des Bischofs von Gyor war fur 
den Delegierten eine fruchtbare Hilfe in seinem von ihm durchgefuhrten 
Wohlfahrtswerk. Seine Aufgabe war es, die Ernahrungs- und Unterbringungslage 
zu verbessern und die Konvois von Juden, die in Arbeitslager nach Deutschland 
deportiert wurden und die gezwungen waren, an einem Tag Strecken von 



182 



funfundzwanzig bis dreiBig Kilometer zuruckzulegen, zu betreuen. Der Bischof 
organisierte entlang der Strecke ein Hilfszentrum, das er finanzierte und das 
von Reprasentanten des Komitees verwaltet wurde. Er gab Unterkunft vor 
schlechtem Wetter, zumindest fur einige Stunden, fur tausende von Juden 
wahrend dieses schrecklichen Exodus. Die ,Transportgruppen' der Delegation 
gaben ihnen an der StraBe Nahrungsmittel, bezahlten die Bauern, urn die 
schwachsten — funfzehn oder zwanzig gleichzeitig — in ihren Karren zu fahren, 
kummerten sich urn den physischen Zustand und versorgten die Kranken mit 
Medikamenten. 

Am 12. November hing uber den mit dem Zeichen des Roten Kreuzes 
geschutzten Krankenhausern eine erneute Drohung, versuchte doch die Polizei 
mit einem Haftbefehl die Juden herauszuholen. Der Delegierte, gestutzt auf die 
ihm gewahrte Autoritat, protestierte bei der Regierung. Als Ergebnis wurden die 
Polizeikrafte angewiesen, ihre VertreibungsmaBnahmen aus den Hospitalern 
einzustellen. 

Es muB ins Auge springen, welche Schwierigkeiten und Gefahren bei jeder 
wechselnden Gegebenheit in einer Stadt, die heftigsten Bombardierungen 
ausgesetzt war, von den Reprasentanten des Komitees zu uberwinden waren. Sie 
wurden in ihrem mutigen Werk von dem unermudlichen Pflichteifer der 
Mitglieder des Judischen Senats unterstutzt, sowie von der gleichermaBen 
hochherzigen Aktivitat der Reprasentanten der beiden Hauptschutzmachte, der 
Schweiz und Schwedens. 

Sobald Budapest befreit war, errichtete der Delegierte zusammen mit den 
judischen Organisationen mit den Mitteln des New Yorker Joint Committees 
Vorratsstellen fur Lebensmittel und die wichtigsten Medikamente. Die 
russischen Militarbehorden haben angeordnet, daB alle Auslander Budapest zu 
verlassen hatten. Als unser Delegierter gehen muBte, zollte ihm ein ungarischer 
Minister Anerkennung, indem er erklarte, daB er in einer Zeit der historischen 
Krise erfolgreich dahingehend gewirkt habe, daB er die Hauptstadt in ein 
,Protektorat von Genf verwandelt habe. 

Rumanien. — Die Aufgabe des Delegierten war eine sehr wichtige gemaB den 
Gegebenheiten, die in diesem Lande fur den Aufkauf von Nahrungsmitteln 
vorlagen. Finanzhilfe und Hilfe in Form von Sachgutern konnte von Bukarest 
nach Polen und benachbarte Lander geschickt werden. Das Komitee traf mit 
dem dortigen nationalen Roten Kreuz eine Vereinbarung hinsichtlich der 
Hilfeleistung in Rumanien, wobei unser Delegierter Gelder fur den Kauf von 
Gutern weiterleitete. Es sollte hervorgehoben werden, daB wohlhabende 
rumanische Juden ihre in Not geratenen Glaubensgefahrten in groBem MaBe 
unterstutzt haben. Von 1943 an wurde die Arbeit des Komitees in Rumanien 
durch die Tatsache erleichtert, daB der Delegierte das Vertrauen der 
rumanischen Regierung gefunden hatte. 

Wahrend des September 1940, als die ,Eiserne Garde' mit Unterstutzung der 
Gestapo und der deutschen SS, die Macht ergriffen hatte, waren die Juden 
Verfolgungen und Deportationen in Todeslager ausgesetzt. Spater, unter der 
Diktatur von Marschall Antonescu, wurden sie weniger streng behandelt. 
Besonderes Verstandnis zeigte der Vizeprasident des Rates, Mr. Mihai 
Antonescu, der mit der Losung der judischen Frage betraut war. ,Die 
rumanische Regierung', so schrieb er dem Delegierten in Bukarest, ,widerruft 
jede materielle Losung, die im Gegensatz zu den zivilisierten Sitten und in 
MiBachtung des christlichen Geistes steht, der im BewuBtsein des rumanischen 
Volkes dominiert.' 

Im Dezember 1943 hatte Mr. Mihai Antonescu ein Gesprach mit diesem 
Delegierten, das die Aktivitaten des Komitees hinsichtlich der Juden 
erleichterte. Dieses Gesprach fuhrte hauptsachlich zur Erleichterung des Falles 



183 



der jenseits des Dnjestr in die Ukraine deportierten Juden, die Eingeborene von 
Bessarabien und der Bukowina waren. Diese Provinzen waren nach dem Ersten 
Weltkrieg nach Rumanien zuruckgekehrt, gerieten aber wieder unter 
sowjetische Herrschaft auf Grund der Bedingungen des Vertrages zwischen der 
Sowjetunion und Deutschland zu Beginn des Zweiten Krieges. Nach der 
Umgruppierung im Jahre 1941 besetzte Rumanien, das sich mit Deutschland 
gegen die UdSSR verbunden hatte, diese zwei Provinzen erneut. Die Rumanen 
hielten die Juden fur schuldig, zu eilfertig eine Ruckkehr zur russischen 
Alliance begruBt zu haben, und deportierten sie dann. Der Plan der rumanischen 
Regierung, wie er in einer Vereinbarung mit Deutschland festgelegt worden war, 
scheint eine Ansiedlung dieser Juden im Gebiet des Asow'schen Meeres 
vorgesehen zu haben. Dies konnte jedoch nicht durchgefuhrt werden, solange 
die UdSSR nicht besiegt war. Angesichts der russischen Siege entschied die 
rumanische Regierung gegen Ende 1943, die Uberlebenden der bedauerns- 
werten Wanderung zu repatriieren, deren Zahl von 200.000 auf 78.000 
abgefallen war. Mr. Mihai Antonescu begruBte die Gelegenheit des Kontaktes 
durch den Delegierten in Bukarest, ihn mit der Mission einer Anfrage zu 
betrauen, urn die Mittel zu beschaffen, diese Repatriierung durchzufuhren; er 
autorisierte ihn, nach Transnistrien zu fahren, urn dort an diese unglucklichen 
Menschen Kleidung und Hilfsguter zu verteilen. Daruber hinaus erreichte der 
Delegierte eine Versicherung, daB die Czernowitzer Juden, die einzigen, die 
noch gezwungen waren, den gelben Stern zu tragen, davon befreit werden 
sollten, da dieses Merkzeichen sie der Brutalitat der durchziehenden deutschen 
Truppen ausliefern wiirde. SchlieBlich wurde zugestimmt, daB die Verkaufe des 
Roten Kreuzes unabhangig von offiziellen Rationen erfolgen konnten. 

Als der Delegierte den Vizeprasident des Rates bei seiner Ruckkehr erneut 
sah, lenkte er seine Aufmerksamkeit hauptsachlich auf die Not der Kinder, die 
ihre Eltern verloren flatten und in Transnistrien sich selbst uberlassen blieben. Mr. 
Mihai Antonescu versprach, wochentlich 150 Kindern die Ausreise nach 
Palastina oder sonstwohin zu gestatten, wenn das Komitee ihre Reise 
organisieren konne. Drei Monate spater bot die rumanische Regierung zwei 
erstklassige, kurzlich gebaute Dampfer an, die „Transilvania" und die 
„Bessarabia", die sich damals in den turkischen Gewassern befanden. Er schlug 
vor, das Komitee sollte diese Dampfer kaufen, vorbehaltlich eines 
Ruckkaufrechts fur Rumanien. Somit konnten diese Schiffe fur Transporte von 
Emigranten unter Schweizer Flagge benutzt werden. Die Schweiz als 
Schutzmacht fur britische Interessen, konnte in der Tat als die Schutzmacht fur 
Juden, die fur Palastina bestimmt sind, angesehen werden, zumal diese Juden bei 
ihrer Ankunft britischen Staatsburgern gleichgestellt werden sollten. 

Bis zu dieser Zeit war das Losungsmittel der Emigration nichts mehr als eine 
magere Bemantelung der Leiden der Juden. Bulgarien schloB seine Grenzen fur 
Auswanderer, die mit Sammelausweisen reisten, und nur Juden unter 18 Jahren 
oder uber 45 waren in der Lage, die Turkei zu erreichen, und zwar mit 
individueller Erlaubnisscheinen. Der Transport von rumanischen Hafen aus 
uber See wurde die besten Beforderungsmittel fur die Emigration erforderlich 
gemacht haben. Aber neben den Schwierigkeiten, denen man bei den im 
Aufbruch befindlichen Juden begegnete, muBte dem politischen Problem 
Rechnung getragen werden, das sich bei den britischen Behorden durch das 
Hereinstromen der Juden ergab, die von der Mehrheit der ansassigen 
Bevolkerung im britischen Mandatsgebiet als Eindringlinge angesehen wurden. 
Das erste Schiff, die „Struma", die — unabhangig von einer Aktion des Komitees 
— Constanza mit Zielrichtung Palastina zu Beginn des Jahres 1942 verlieB, 
wurde in Istanbul auf Grund eines Maschinenschadens zuruckgehalten und 
wurde anschlieBend wieder nach Rumanien zuruckgeschickt, da es unmoglich 



184 



war, die erforderliche Erlaubnis fur eine Weiterreise zu erhalten. Es wurde 
versenkt und 750 Emigranten ertranken. Diese in einer Katastrophe endende 
Pionier-Expedition war eine Lektion fur die Notwendigkeit von vorheriger 
Uberlegung. 

Das Komitee wurde gebeten, den Emigrantentransporten den Schutz des 
Rote-Kreuz-Zeichens zu gewahren und wurde diesem auf der Basis einer sehr 
liberalen Auslegung der Bestimmungen der zehnten Haager Konvention von 
1907 zugestimmt haben, die die Verwendung von Hospitalschiffen regeln, 
wobei auch hinzugezahlt wurde, daB Lastboote, die unter ihrer Kontrolle fahren 
und Hilfsguter fur Kriegsgefangene und Zivilinternierte transportieren, durch 
das Rote-Kreuz-Zeichen gedeckt waren. Jedoch hatte es beabsichtigt, dies in 
Ubereinstimmung mit alien hiervon betroffenen Machten durchzufuhren. Daher 
machte das Komitee seine Zustimmung von den folgenden Bedingungen 
abhangig : Die Transportorganisationen sollten neutrale Schiffe chartern, die 
von dem Reprasentanten des Komitees begleitet wurden und die nur 
ausschlieBlich fur den Transport von Emigranten benutzt werden durften. Die 
Schiffe sollten nicht vorher ausfahren, bevor nicht eine Sicherheitsgewahrleis- 
tung von alien betreffenden Kriegfuhrenden vorliegt sowie ihre Zustimmung 
zur vorgesehenen Fahrtroute. Diese Bedingungen wurden unglucklicherweise 
niemals erreicht. Die .Bellacita' war jedoch von Rumanien ermachtigt, einen 
taglichen Dienst fur den Transport judischer Kinder von Constanza oder 
Mangalia nach Istanbul durchzufuhren; sie fuhr unter dem Schutz des 
rumanischen Roten Kreuzes. Das Komitee hatte alle Kriegfuhrenden von diesen 
Fahrten in Kenntnis gesetzt. 

Der Delegierte in Bukarest war vor eine sehr schwere Entscheidung gestellt, als 
die Frage akut wurde, Juden fur Palastina in zwei bulgarische Schiffe, die ,Milka' 
und die ,Maritza' einzuschiffen, die beide von zionistischen Organisationen 
gechartert worden waren. Ein ahnliches Schicksal schien fur sie zu befurchten, 
wie fur jene, die mit der , Struma' gefahren waren. Daruber hinaus stimmten die 
Fuhrer der jiidischen Organisationen nicht zu, die Namen fur eine 
Emigrantenliste bekanntzugeben, und die rumanischen Behorden baten das 
Komitee zu vermitteln. Der Delegierte beschrankte sich auf eine Kontrolle der 
Ausreisebescheinigungen und forderte auf diese Weise ihre Ausreise. Sie 
erreichten wenige Tage sparer sicher Istanbul. Im August 1944 stimmte das 
Komitee schlieBlich zu, daB Schiffe, die Emigranten transportieren, das 
Rote-Kreuz-Zeichen verwenden konnten, auch dann, wenn gewisse vorgesehene 
Bedingungen nicht vorlagen. 

Am 23. August nutzte der Konig von Rumanien den Ruckzug der deutschen 
Truppen aus, um der Diktatur des Marschalls Antonescu ein Ende zu bereiten 
und um in Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten einzutreten. Die 
Rassengesetze wurden deshalb in Rumanien aufgegeben. 

Das Komitee setzte seine Hilfsarbeit jedoch in bezug auf die Juden fort, und 
zwar bis unmittelbar vor AbschluB der Feindseligkeiten. 

In ihrem Bericht vom Dezember 1944 stellte die Delegation in Bukarest fest, 
daB sie dank der Lieferungen des Joint Committee of New York und der 
Sammlungen, die am Ort durchgefuhrt worden waren, in der Lage war, 183.000 
rumanischen Juden zu Hilfe zu kommen, die sich zusammensetzten aus : 17.000 
Deportierten, die aus Transnistrien repatriiert worden waren; 30.000 Mannern, 
die zusammen mit ihren Familien (90.000 Personen) von der Zwangsarbeit 
befreit wurden; 20.000 Evakuierten von kleinen Stadten und Dorfern; 10.000 
Evakuierten aus der Kriegszone; 20.000 heimatlosen Personen als Ergebnis der 
Bombardierungen; 20.000 Arbeitern und Angestellten, die aus ihrem 
Beschaftigungsverhaltnis entlassen worden waren; und 6.000 Ungarn, denen es 



185 



gelungen war, den Deportationen zu entgehen, und die in Nord-Transsylvanien 
gefunden worden waren. 

Diesem humanitaren Werk wurde vom Prasidenten der amerikanischen Union 
der rumanischen Juden Anerkennung gezollt. Er schrieb im Marz 1945 dem 
Komitee-Delegierten in Washington wie folgt : 

,Die Arbeit des International Roten Kreuzes in bezug auf die Hilfe fur die 
judische Bevolkerung in Rumanien und die nach Transnistrien transportierten 
Juden wurde in ihrer wahren Bedeutung nicht nur von Dr. Safran, dem 
Chef-Rabbi in Rumanien und der judischen Gemeinde in Rumanien gewurdigt, 
sondern auch von vielen tausenden Mitgliedern unserer Union, deren eigene 
Verwandte von dieser Hilfe profitiert haben. Das Komitee des International 
Roten Kreuzes hat wirklich unserem Volk in Rumanien einen unschatzbaren 
Dienst geleistet.' 

Mr. Joseph C. Hyman, Vizeprasident des .American Joint Distribution 
Committee of New York' hat das MaB an Dankbarkeit gegenuber dem 
Internationalen Roten Kreuz bereits offentlich kundgetan. In einem Artikel, 
der am 16. Februar 1945 in dem Journal , News' unter der Uberschrift ,Das 
gemeinschaftliche Verteilungskomitee bewirkt eine Zusammenarbeit mit dem 
Internationalen Roten Kreuz' zitierte er wie folgt : ,Tausende von Juden in den 
kurzlich befreiten Landern und in den deutschen Konzentrationslagern 
verdanken ihr Leben der Zufluchtstatte und der ihnen vom Internationalen 
Roten Kreuz gewahrten Hilfe. In jenen Teilen der Welt, in denen die J.D.C. 
amerikanische Hauptagentur fur die Rettung und Betreuung in Not geratener 
Juden in Ubersee nicht direkt arbeiten kann, wissen wir, daB wir mit dem 
Internationalen Roten Kreuz rechnen konnen ... urn in unserem Sinne zu 
handeln, der leidenden Judenheit zu helfen'." 

Band 3 des Berichtes, besonders die Seiten 73 — 84, 335 — 340, 
479 — 481, 505 — 529, enthalt zusatzliches Material, das zitiert werden 
kann, falls es erforderlich ist. 

Man vergegenwartige sich, daB unser Objekt hier ist, ein 
verstandliches und korrektes Bild dessen zu zeichnen, was den Juden 
in der Slowakei, Kroatien und Ungarn geschehen ist. Jedoch gibt es 
in dem zitierten Auszug einiges, was zumindest einige Anmerkungen 
verdient. 

Da gibt es geniigend Hinweise fur „Vernichtungen", um den 
gewohnlichen Leser zu dem Eindruck zu fuhren, daB das Rote Kreuz 
die Vernichtungsbehauptungen anerkennt. Jedoch erscheint in der 
Riickschau eine solche Einlassung nicht so zwingend und selbst wenn 
man dies dennoch unterstellt, ist es nicht sehr bedeutend. Uns wird 
erzahlt, daB „die Juden durch eine harte Rassengesetzgebung zur 
systematischen Vernichtung verdammt" worden seien, doch gab es 
da, wie gut bekannt ist, keine solche Gesetzgebung, die als 
Aufforderung zum Massenmord auszulegen gewesen ware. Ebenso 
verhalt es sich mit der Terminologie „sie wurden in Todeslager 
verbracht", was wahr war fur solche, die, zur Zwangsarbeit 
eingezogen, in die KZJ^ager geschickt wurden — zur schlimmsten 
Zeit (1942 — 1945). Es „scheint", daB „viele tausend" Juden aus der 
Slowakei in „Vernichtungslager" verbracht worden seien. Es mag die 
Frage eines jeden sein, was unter „Todeslager" zu verstehen ist, in 
die einige Juden aus Rumanien im Jahre 1940 geschickt worden 
waren. Was immer es bedeuten mag, es war nicht eine deutsche 
MaBnahme. 



186 



Im Band 3 lesen wir (Seite 479), daB, „als sich die militarischen 
Operationen auf ungarischen Boden zubewegten (Anfang Oktober 
1944), der ICRC-Delegierte in Budapest die auBersten Anstren- 
gungen machte, die Vernichtung der ungarischen Juden zu 
verhindern". Weiter unten (S. 513 — 514) lesen wir, daB wahrend des 
Krieges „die mit Vernichtung bedrohten Juden als letzter Ausweg 
generell in unmenschlichster Weise deportiert, in Konzentra- 
tionslager eingesperrt, der Zwangsarbeit unterworfen oder zu Tode 
getrieben wurden". Die Deutschen „zielten mehr oder weniger offen 
auf ihre Vernichtung ab". 

Wir konnen zwei mogliche Griinde fiir das Vorliegen solcher 
(ubertriebenen und/oder sehr allgemeinen) Hinweise sehen. Der er- 
ste ist der, daB sie vorhanden sind, weil die Autoren des Berichtes — 
oder die meisten von ihnen — auf der Basis neuer Berichte, der 
Kriegsverbrecherprozesse, des Tatbestandes der Deportationen, der 
Tatsache der Nazi-Feindschaft gegeniiber den Juden und der 
Tatsache, daB die Deutschen die Juden aus Europa 
herauswunschten, die Vernichtungsbehauptungen aus der Kriegs- 
und Nachkriegszeit glaubten (wobei sie offensichtlich keinen 
umgebrachten Juden gesehen haben). Der zweite mogliche Grund 
ist, daB die Hinweise dort um der politischen Offentlichkeitswirkung 
willen gemacht worden sind : z. B. obgleich die Deutschen und 
Ungarn dem ICRC erlaubt haben, in Ungarn tatig zu sein und die 
Russen es rausgeschmissen hat, hat man in dem Bericht es trotzdem 
fiir angebracht gehalten zu sagen, daB Budapest angesichts der 
Eroberung durch die Russen „befreit" worden ware. 

Der kritische Leser wird offensichtlich wunschen, daB die erste 
Erklarung fiir das Aufscheinen dieser Hinweise, zumindest fiir 
Diskussionszwecke anerkannt wurde. Wir haben keine Einwande 
hiergegen. Es macht wenig Unterschied in der Analyse, zumal wir 
alle von dem Bericht erwarten, dariiber informiert zu werden, was 
den Juden der Slowakei, Kroatiens und Ungarns nun wirklich 
zugestoBen ist. Das Aufscheinen von Hinweisen iiber „Vernich- 
tung", zu einer Zeit in den Bericht eingebracht, als die ins einzelne 
gehenden Vernichtungsbehauptungen groBte Publizitat erzielten, 
ist fiir unseren Fall ausgesprochen hilfreich, dies umso mehr, da die 
Moglichkeit der Vernichtung der meisten oder vieler der Juden aus 
der Slowakei, Kroatien und Ungarn sehr genau ein Teil des 
eigentlichen Untersuchungsgegenstandes des Berichtes ist. Das 
Fehlen von Behauptungen iiber Vernichtungen sollte nicht so 
interpretiert werden, daB die Moglichkeit von Vernichtung kein Teil 
der behandelten Materie sei, sondern dahingehend, daB das ICRC 
keine Vorgange hatte beobachten konnen, die mit Vernichtungs- 
behauptungen ubereinstimmten. 

Hat man diese Betrachtungen im Gedachtnis, so fragt man sich, was 
sagt der Bericht iiber das Schicksal der Juden in der Slowakei, 
Kroatien und Ungarn aus? Die Ausdehnung des deutschen 
Einflusses hatte sich vor 1944 erheblich verandert. Eine Anzahl von 
slowakischen Juden war nach dem Osten transportiert worden, doch 
deutet der Bericht hier keine Spekulationen iiber Vernichtungen an 
und anerkennt offensichtlich, daB sie lediglich deportiert sind. Im 
Jahr 1944 war der deutsche EinfluB in den drei Landern 
gleichermaBen einheitlich, und nichts sehr konsequentes geschah bis 
zum Herbst 1944, als die Deutschen viele der Juden aus sehr 



187 



einleuchtenden Sicherheitsgriinden internierten oder zu internieren 
versuchten und auch eine Anzahl ungarischer Juden nach 
Deutschland zur Arbeit deportierten. 

Was die ungarischen Juden anbetrifft, so startete ein gewisser 
Anteil zwischen Marz und Oktober 1944, doch waren, aus welchem 
Grunde auch immer, die Ereignisse, die im Oktober 1944 nach der 
Inhaftierung von Horthy begannen, auBerst ernst. Der Auszug des 
Berichtes geht mit Nachdruck auf diesen Punkt an zwei Stellen ein, 
und daruber hinaus, um das kritische Datum auf den Herbst 1944 
festzulegen, stimmt er vollig mit der identischen Behauptung fur die 
ahnlich betroffene Slowakei und Kroatien uberein. 

Es war nach dem 15. Oktober, als die „volle Flut der groBen 
Drangsal der ungarischen Juden einsetzte" und zwar auf Veranlas- 
sung des „deutschen Druckes, der bereits vom Marz 1944 an zu 
spiiren war," der aber im Oktober 1944 „eine gewaltsame Krise 
provozierte : Exekutionen, Raubereien, Deportationen, 

Zwangsarbeit, Inhaftierungen". „Die Juden litten grausam und 
verloren viele Getotete, besonders in den Provinzen". 

Um zu wiederholen : Da gab es gewisse Ereignisse vor dem Oktober 
1944 inclusive Deportationen, aber der Bericht bestatigt un- 
umwunden, daB die Ereignisse fur die Mehrzahl der ungarischen 
Juden im Oktober 1944 begannen. 

Die erwahnten „Exekutionen" und „Raubereien" verweisen 
wahrscheinlich auf private Aktionen der Ungarn hin, die vielleicht 
durchgefuhrt worden waren mit ausdruckiicher Ermunterung oder 
zumindest mangelnder Beachtung der neuen Satelliten Regierung. 
Der Bericht ist voll von prazisen Angaben iiber „Deportationen" und 
„Zwangsarbeits"-MaBnahmen, die im Oktober 1944 verfugt 
worden waren. Juden wurden zur Arbeit an Befestigungen in Ungarn 
herangezogen und die Deutschen beschlossen, 60.000 nach 
Deutschland zur Arbeit zu schicken (die Zahl der bei dieser Aktion 
wirklich Verschickten belief sich zwischen 35.000 und 45.000). War 
kein Eisenbahntransport verfugbar, so muBten die Juden zu FuB 
gehen, wenigstens bis Wien, doch organisierte das Rote Kreuz 
entlang der Marschroute Hilfe. 1 

Es ist nicht moglich, daB die ICRCJJelegation in Ungarn die 
anti-judischen MaBnahmen hatte ubersehen konnen, die bedeutend 
fruher im Jahre 1944 geschehen waren, und die sogar an 
Ernsthaftigkeit, viel weniger in der Entwicklung behindert, den 
Ereignissen gleichkamen, die im Oktober 1944 begannen. Nach 
alledem wurde der judische Senat von Budapest in die Rote Kreuz 
Gesandtschaft verlegt. Somit waren die Abgesandten des Roten 
Kreuzes zweifellos voll iiber die ungarisch-judischen 

Angelegenheiten informiert. Hinzu kommt, daB die spateren 
Vernichtungsbehauptungen die Delegierten an die viel drastischeren 
Ereignisse zu Anfang des Jahres 1944 hatten „erinnern" miissen, 
wenn sie tatsachlich geschehen waren, wie wir in Kiirze sehen 
werden. 

Bevor wir dazu ubergehen, die besonderen Behauptungen iiber 
Vernichtungen der ungarischen Juden zu untersuchen, sollten wir 
kurz einige wenige Punkte, die in dem Auszug im Zusammenhang 
mit Theresienstadt vermerkt sind, beriihren. 

Wir hatten in fruheren Kapiteln Gelegenheit, auf Theresienstadt in 
Bohmen und Mahren zu verweisen (es liegt im Westen der 



188 



Tschechoslowakei), und unsere Hinweise stimmen mit jenen des 
Auszuges iiberein. Was in der Einschatzung des RK-Berichtes 
fesselnd ist, ist der Bericht, daB „ dieses Lager von gewissen Fiihrern 
des Reiches als Experiment errichtet worden sei, die offensichtlich 
den Juden gegeniiber weniger feindselig gegeniiberstanden als jene 
Verantwortlichen fur die Rassenpolitik der deutschen Regierung. 
Diese Manner wiinschten den Juden die Moglichkeit fiir ein 
eigenstandiges kommunales Leben in einer Stadt unter ihrer eigenen 
Verwaltung mit fast volliger Autonomie zu schaffen." 
Jiidische Angelegenheiten wurden von Eichmanns Behorde im RSHA 
der SS verwaltet, und es war Adolf Eichmann — „Spezialist fiir alle 
jiidischen Fragen" — , der den Chef der Sicherheitspolizei in Bohmen 
und Mahren, Oberst Erwin Weinemann, begleitete, als dieser die 
Rote-Kreuz-Delegation am 6.4.1945 bei ihrem Besuch durch 
Theresienstadt fiihrte. AnlaBlich einer Versammlung am Abend 
erklarte Eichmann den Delegierten, „daB Theresienstadt eine 
Schopfung des Reichsfiihrers-SS Himmler sei" und erlauterte die 
hiermit im Zusammenhang stehende Philosophie, genau wie sie uns 
in dem Auszug des Berichtes wiedergegeben worden ist. Eichmann 
fugte hinzu, daB er „personlich nicht vollstandig mit diesen 
Methoden einverstanden sei, doch als guter Soldat gehorche er 
naturlich den Befehlen des Reichsfuhrers blindlings". 2 

Es ist daher ganz klar, daB Theresienstadt eine Angelegenheit der 
SS war, die hierfur „die gewissen Fiihrer des Reiches" stellte. 
Zusatzlich ist bekannt, daB es der Chef des Reichssicherheits- 
hauptamtes — Reinhard Heydrich — war, der die Theresienstadt- 
Entscheidung gefallt hat, kurz nachdem er seinen zweiten Posten als 
stellvertretender Reichsprotektor fiir Bohmen-Mahren im 

September 1941 angenommen hatte. 3 

Was das Rote Kreuz in Theresienstadt gesehen hatte, war Teil der 
regularen SS-Politik. Es ist von einigem Interesse, daB der Bericht 
uns mitteilt — wenn auch ohne Kommentar — , daB die Delegation 
sich nach den „Deportationen nach dem Osten" erkundigt hat und 
daB das ICRC keinerlei Spekulationen iiber irgendwelche ernsten 
Interpretationen fiir den Fall eines „Transportes nach Auschwitz" 
anstellte, — trotz der durchaus bekannten Behauptungen des 
Auslandes in diesem Zusammenhang. 

In kritischer Auswertung des Rote-Kreuz-Berichtes muB man 
offensichtlich in zweierlei Hinsicht Vorsicht walten lassen : 

Erstens sollte man einige Urteile in bezug auf den Selbstzweck- 
Aspekt des Berichtes mit Zuruckhaltung aufnehmen. Die typischen 
Anhaltspunkte, in denen Publikationen einer Wohlfahrtorganisation 
selbstgefallig zu sein pflegen, bestehen in einer Ubertreibung der 
Wirksamkeit der unternommenen MaBnahmen. Oder in den Fallen, 
da es offensichtlich ist, daB keine wirksamen MaBnahmen 
durchgefuhrt worden sind, wird die Schuld fiir das Fehlen von 
Wirksamkeit rasch auf die starken Fauste der beteiligten Machthaber 
geschoben (und oft gibt es sehr gute Griinde fiir solche 
Behauptungen). So sollten wir nicht dariiber bedriickt sein, wenn 
ersichtlich wird, daB die ungarischen jiidischen Kinder oder die 
Juden, die nach Wien gegangen waren — beiden von ihnen wurde 
vom Roten Kreuz geholfen — , in Wirklichkeit etwas mehr gelitten 
haben mogen, als der Bericht den Anschein gibt. 



189 



Ein zweiter Vorbehalt betrifft das unvermeidliche politische 
Vorurteil, als Ergebnis des auBenpolitischen Druckes. Die 
„Befreiung" von Budapest durch die Russen zeigt dies in der 
Abfassung der Berichts. Die Situation von 1948 verdeutlicht, daB, 
sobald sich ein politisches Vorurteil festsetzt, es ein antideutsches 
Vorurteil ist. Wir beobachten, daB dieses in dem Bericht existiert, 
doch unter Berucksichtigung des Kompetenzbereiches des ICRC und 
seiner Delegationen, so scheint dies doch nicht hervorzutreten. 

Meine Darlegung hangt keineswegs von der Interpretation des 
Berichtes ab. Ich biete keine Parallele zu den Vernichtungs- 
behauptungen, die darauf bestehen, daB Begriffe wie Leichenkeller, 
Badeanstalt, Sonde rbehandlung und „Bereitschaft zum Abtrans- 
port" eine den Kriegspropagandabehauptungen zugeordnete 
Bedeutung hatten. Da gibt es keinen Streit mit jemandem, der darauf 
besteht, den Bericht dahingehend interpretieren zu miissen, daB die 
Deutschen die Juden auszurotten versucht hatten, wenn wir einzig 
und allein zu wissen wiinschen, was konkret die ICRC-Delegierten 
in ihren Positionen der Slowakei, Kroatiens und Ungarns zu 
bezeugen in der Lage waren. 

Untersuchen wir nun die Vernichtungsbehauptungen an Hand der 
einschlagigen Propaganda des Jahres 1944 und setzen sie in 
Vergleich zu den Nachkriegsbehauptungen, insbesondere jenen, die 
sich mit den ungarischen Juden befassen. Bei beiden — der 
Propaganda von 1944 und den spateren Beschuldigungen — gibt es 
erhebliche Unterschiede, aber auch Ahnlichkeiten. Unser Uberblick 
iiber die Kriegspropaganda bedient sich erneut der „New York 
Times" als Quelle. 

Im Jahre 1944 dauerte die Greuel- und Vernichtungspropaganda 
an : 

12. Februar 1944, S. 6 

Ein junger polnischer Jude, der von einer Massenexekution entfliehen 
konnte . . . gab eine Geschichte wieder, (daB in Belczek) . . . Juden nackt auf 
eine Metallplattform gezwungen wurden, die als hydraulisches Hebewerk 
arbeitete und die Juden in eine groBe mit Wasser gefullte Grube 
herunterlieB . . . 

Sie wurden durch den Strom innerhalb des Wassers hingerichtet. 

Diese Behauptung wurde auch von London, und zwar bereits im 
November 1942 4 aufgestellt (Die New York Times hatte sie am 
20.12.1942 ubernommen). Der Nachdruck der Propaganda wahrend 
des Fruhlings und Sommers 1944 lag jedoch auffallend bei den 
ungarischen Juden. So vernehmen wir unmittelbar nach der 
deutschen Besetzung : 

21. Marz 1944, S. 4 

Das Schicksal von 800.000 Juden in Ungarn war ein unmittelbares Anliegen 
der judischen Kreise in Stockholm. 

Prasident Roosevelt mischte sich mit einer Rede, die fur ihn vom 
WRB (Kriegsfluchtlingsbehorde) vorbereitet worden war, direkt ein : 



190 



25. Marz 1944, S. 4 

In der Zwischenzeit setzt sich in den meisten Teilen Europas, aber auch in 
Teilen von Asien die systematische Folter und das Morden von Zivilisten — 
Manner, Frauen und Kinder — durch die Nazis und Japaner unablassig fort. In 
den von Aggressionen unterworfenen Gebieten werden unschuldige Polen, 
Tschechen, Norweger, Hollander, Danen, Franzosen, Griechen, Russen, 
Chinesen, Filipinos und viele andere zu Tode gehungert oder erfroren oder 
kaltblutig in einer Kampagne von Wildheit ermordet. 

Die Schlachtereien von Warschau, Lidice, Scharkow und Nanking, die brutale 
Folter und das Morden durch die Japaner, nicht nur von Zivilisten, sondern 
auch unserer eigenen (galant) tapferen amerikanischen Soldaten und Flieger 

— dieses sind die erschreckenden Beispiele dafur, was Tag fur Tag vor sich 
geht, Jahr fur Jahr, wo immer die Nazis und die Japaner die militarische 
Kontrolle ausuben und freie Hand haben, ihren barbarischen Absichten zu 
folgen. In einem der schwarzesten Verbrechen der gesamten Geschichte — 
begonnen von den Nazis in den Tagen des Friedens und von ihnen nun 
hundertmal vervielfacht in den Zeiten des Krieges — , die vollstandige 
systematische Ermordung der Juden in Europa geht unablassig jede Stunde 
weiter. Als Ergebnis der Ereignisse der letzten wenigen Tage sind nun 
Hunderttausende von Juden, die zwar unter Verfolgung lebten, aber 
schlieBlich einen Zufluchtsort vor dem Tod in Ungarn und dem Balkan 
gefunden hatten, mit Ausrottung bedroht, seitdem Hitlers Truppen immer 
tiefer in diese Lander eindringen; DaB diese unschuldigen Menschen, die 
schon ein Jahrzehnt des Hitler'schen Wahnsinns uberlebt haben, am Vorabend 
des Triumpfes uber das Barbarentum, der seine Verfolgung symbolisiert, noch 
zugrundegehen sollen, wurde eine groBe Tragik bedeuten . . . 

Alle, die wissentlich an der Deportation von Juden zu ihrem Tod in Polen oder 
Norwegen und Franzosen zu ihrem Tod in Deutschland teilnehmen, sind 
gleichermaBen schuldig wie der Henker. Alle, die diese Schuld teilen, werden 
die Bestrafung teilen ... In der Zwischenzeit und bis zum — wie jetzt sicher ist 

— errungenen Sieg werden die Vereinigten Staaten in ihren Bemuhungen nicht 
nachlassen, den Opfern der Brutalitat der Nazis und Japaner zu Hilfe zu 
kommen. 

Soweit es die Notwendigkeit der militarischen Operationen erlaubt, wird 
diese Regierung alle Moglichkeiten wahrnehmen, die ihr zur Verfugung 
stehen, urn alien beabsichtigten Opfern der Nazi- und Jap-Henker — 
unabhangig von ihrer Rasse oder Religion oder Hautfarbe — bei der Rettung 
zu helfen. Wir rufen die freien Volker Europas und Asiens auf rechtzeitig ihre 
Fronten fur alle Opfer der Unterdriickung zu offnen. Wir werden Orte fur 
Zuflucht finden, und wir werden die Mittel und Wege finden, fur ihren 
Lebensunterhalt und Unterstutzung zu sorgen, bis der Tyrann aus ihren 
Heimatlandern vertrieben ist, und sie zuruckkehren konnen. 

Im Namen der Gerechtigkeit und Humanitat laBt alle freiheitsliebenden 
Volker zusammenstehen fur dieses rechtmaBige Unternehmen. 

1. April 1944, S. 5 — „New York Times" jeweils 

Ungarn verkundet anti-judische Erlasse . . . aufgebaut auf den Nurnberger 
Nazi-Gesetzen. 

deren Natur weiter spezifiziert wurde als 
16. April 1944, S. 17 
... die Registrierung und Beschlagnahme alien judischen Eigentums . . . 



191 



28. April 1944, S. 5 

Kurzliche Berichte aus Ungarn besagen, daB 300.000 Juden von den 
ostlichen und nordostlichen Teilen des Landes in sogenannte Sammellager 
verbracht wurden. 

10. Mai 1944, S. 5 von Joseph M. Levy 

Es ist ein Tatbestand, daB Ungarn sich nun auf die Ausrottung der 
ungarischen Juden mit den teuflischsten Methoden vorbereitet . . . Sztojays 
Regierung ist dabei, die Vernichtung von einer Million menschlicher Wesen zu 
beginnen. Die Regierung in Budapest hat in verschiedenen Teilen Ungarns die 
Schaffung von „Spezial-Badern" fur Juden verfugt. Diese Bader sind in 
Wirklichkeit groBe Gaskammern, die fur Massenmorde hergerichtet worden 
sind, ahnlich denen, die in Polen im Jahre 1941 installiert worden waren. 

18. Mai 1944, S. 5 von Joseph M. Levy 

80.000 Juden der Karpathenprovinzen sind in Mordlager nach Polen 
verbracht worden. 

9. Juni 1944, S. 5 

300.000 ungarische Juden sind in Lagern und Ghettos (innerhalb Ungarns) 
interniert worden. 

18. Juni 1944, S. 24 

Kurzliche AuBerungen des ungarischen Ministerprasidenten Dome Sztojay, 
denenzufolge die Juden ausgerottet werden, urn Platz zu schaffen fur 
amerikanische Ungarn, die nach dem Krieg in ihr Heimatland zuruckkehren 
konnen . . . 

20. Juni 1944, S. 5 — weiterhin „New York Times" 

7.000 tschechoslowakische Juden, die in Theresienstadt interniert 
worden waren, wurden in die Gaskammern der beruchtigten deutschen 
Konzentrationslager bei Birkenau und Auschwitz getrieben. Bestatigung uber 
die Vernichtung dort von ungezahlten Tausenden wurde kurzlich von einem 
jungen Polen, der in beiden Lagern eingesperrt gewesen war, nach London 
gebracht. 

25. Juni 1944, S. 5 

Eine (polnische Untergrund-) Nachricht besagt, daB neue Massenmorde im 
Auschwitzer Konzentrationslager stattfinden. Sie werden in folgender 
Reihenfolge mittels Gas durchgefiihrt : Juden, Kriegsgefangene, gleich 
welcher Nationalitat, und Invaliden . . . Hunderttausend Juden sind schon 
nach Auschwitz zur Hinrichtung verbracht worden . . . 

27. Juni 1944, S. 6 

Hull rief die Ungarn auf, ihre MiBhandlung der Juden einzustellen und 
warnte sie, daB jene deutschen Offiziere und Manner, ... die ... an diesen 
Grausamkeiten, Massakern und Exekutionen . . . teilgenommen haben, 
bestraft werden. 

2. Juli 1944, S. 12 

Ungarische Quellen in der Tiirkei berichten, daB die 350.000 Juden . . . 
zusammengefaBt worden sind fur Deportationen in die Todeslager nach Polen. 
Am 17. Juni sind 400.000 nach Polen verschickt worden. Die verbleibenden 
350.000 werden, so wird erwartet, am 24. Juli zu Tode gebracht werden. 

Am 3. Juli 1944, S. 3 erschien der „Report", der ein 
„WRB-Report" war, als ein Bericht der zwei Hilfskomitees in der 
Schweiz und spezifizierte die Information dahingehend, daB seit 
dem 6. April 400.000 ungarische Juden nach Auschwitz JSirkenau 
verschickt worden seien. Die Krematorien wurden so dargestellt, daB 
sie 50 Brennstatten hatten, von denen jede 8 — 10 Korper 



192 



gleichzeitig erfassen konnte. Am 6. Juli (S. 6) ist die Geschichte 
wiederholt worden. Sogar Eden bekraftigte die Behauptungen, und 
der Judische WeltkongreB 

wurde in seiner Stellungnahme vor mehr als zwei Wochen zitiert, daB die 
100.000 Juden, die kurzlich von Ungarn nach Polen deportiert worden waren, 
in dem beruchtigten deutschen Todeslager Auschwitz vergast worden sind. 
Zwischen dem 15. und 27. Mai fuhren taglich 62 Eisenbahnwaggons mit 
judischen Kindern . . . und 6 Wagen mit judischen Erwachsenen durch die 
Plaszow-Station in der Nahe von Krakau. Massendeportationen haben 
ebenfalls von Theresienstadt/Tschechoslowakei begonnen, wo die Juden bis 
dahin unbelastigt geblieben waren. 

13. Juli 1944, S. 3 

2.500 judische Manner, Frauen und Kinder . . . werden im Lager Auschwitz 
und Birkenau dieses Wochenende ankommen, wahrscheinlich mit Vorwissen 
von ihrem Schicksal. 

Am 15. Juli 1944 (S. 3) verurteilte Hull erneut das behauptete 
Toten von ungarischen Juden. Dann gab es eine Nachricht vom 
„Polnischen Untergrund" : 

4. August 1944, S. 5 

Kurier . . . erklarte, daB die ungarischen Juden immer noch nach Auschwitz 
verbracht werden, 12 Eisenbahnzugladungen je 24 Stunden. In aller Eile to- 
ten die Deutschen kleine Kinder mit Knuppeln. Viele Korper werden in 
offenen Feuern verbrannt, sagt er, weil die Krematorien uberladen sind. 

Am 11. August 1944 (S. 4) wird ein Brief von Horthy an den Konig 
von Schweden zitiert, in dem er erklart, daB die Deportationen von 
Juden gestoppt worden seien und daB ihnen erlaubt worden sei, 
Ungarn zu verlassen. 

Da sind zu viele Widerspruche in der Propaganda, um spatere 
Behauptungen auf einen Nenner zu bringen. Jedoch ahneln die 
Behauptungen der Propaganda einander irgendwie. Die gegenwartige 
Geschichte ist die, daB zwischen Mitte Mai und irgendwann Anfang 
Juli 1944 annahernd 400.000 ungarische Juden von Gebieten 
auBerhalb der Hauptstadt Budapest mit der Eisenbahn von den 
Deutschen deportiert und nahezu alle von ihnen in Birkenau getotet 
worden seien. Die Totung sei der Hauptzweck der Deportationen 
gewesen. Diese Operation reinigt Ungarn im wesentlichen von den 
Juden mit Ausnahme von Budapest, wo die Juden allgemein in Ruhe 
gelassen worden seien. Sogar Birkenau war nicht vorgesehen fur eine 
solch groBe Zahl von Totungen, so daB viele Korper in 
Verbrennungsgruben geschafft und viele erschossen anstatt vergast 
worden sein sollen. Dies ist diese Geschichte trotz Reitlingers 
unfundierten Versuchen, die Anzahl der Getoteten auf 200.000 
herabzusetzen. Der „Beweis" fur die Vernichtung einer groBen 
Anzahl ungarischer Juden, wenn uberhaupt anerkannt, laBt einfach 
ein solches weites Abweichen von der 400.000 Zahl nicht zu. 6 

Augenscheinlich ist, daB so etwas nicht geschehen und weltweite 
Publizitat erzielen konnte, ohne daB die ICRCJJelegation in 
Budapest davon etwas erfahren hatte. Solche massiven und 



193 




Abb. 20 : Befreiungstag in Dachau 



194 



gewaltigen Ereignisse — sie konnten nicht beilaufig vergessen sein 
von Personen, die den Beitrag „Ungarn" des von uns gepriiften 
Auszuges geschrieben haben. Der Auszug verdeutlicht nachhaltig, 
daB die groBen negativen Ereignisse, die die ungarischen Juden 
betrafen, im Oktober 1944 nach der Inhaftierung von Horthy 
begonnen haben. Dariiber hinaus enthalt der Bericht die allgemeinen 
Hmweise iiber „Vernichtungen", obgleich jede Vernichtung 
ungarischer Juden, ware sie wirkiich geschehen, in dem Bericht 
genau erwahnt sein wiirde. Es gibt in der Tat keinen Wahrheitsbeweis 
fur die behauptete Vernichtung von ungarischen Juden. 

Bei diesem Punkt ist es angemessen, einige Hinweise iiber die 
jiidische Bevolkerung Ungarns zu Beginn des Jahres 1944 
anzubringen. Die Nationalsozialisten benutzten eine Zahl von etwa 
700.000 oder 750. 000. 7 Ruppins Buch berichtet, daB die jiidische 
Bevolkerung Ungarns von etwa 440.000 auf 448.000 im Herbst 
1938 angestiegen sei, was auf die Annexion von Teilen der Slowakei 
zuruckzufuhren war. Im Fruhjahr 1939 wurde die Karpatho-Ukraine 
annektiert, so daB im Juni 1939 ungefahr 590.000 Juden in Ungarn 
lebten. Es ist bekannt, daB eine gute Zahl von nicht-ungarischen 
Juden, hauptsachlich polnischen i. J. 1939 nach Ungarn geflohen 
waren, so daB Ruppins Vorkriegszahl von 590.000 leicht auf 
700.000 angeschwollen sein konnte — oder auch auf 750.000 — , wie 
die Nationalsozialisten sie verwandten. Ruppins Zahl fur die 
jiidische Bevolkerung von Budapest belauft sich auf 200.000 im Jahr 
1930. Diese Zahl wiirde nicht aufzustocken sein durch Annexionen, 
aber sie wiirde zu einem gewissen Grad zu erganzen sein wahrend der 
dreiBiger Jahre durch deutsche und osterreichische Juden und zu 
einem groBeren Umfang durch polnische und andere Juden nach 
1939. Man kann zu Recht annehmen, daB im Fruhjahr 1944 in 
Budapest ungefahr 300.000 Juden gelebt haben. So haben wir eine 
annahernd gute Vorstellung der ungarischen und Budapester 
jiidischen Bevolkerung im Jahr 1944. Die Deportation von 400.000 
oder mehr nicht JSudapester Juden im Fruhjahr 1944 wiirde die 
Deportation restlos aller Juden bedeutet haben, die nicht in 
Budapest gewohnt haben. Der RotenJ^reuzJJelegation konnte dies 
nicht verborgen geblieben sein. GleichermaBen schwierig zu 
verstehen ist, wo die ,,100.000 Juden", die im November „aus den 
Provinzen nach Budapest hereinstromten", hergekommen sein 
konnten. 8 

Da gibt es auch noch andere Argumente gegen die 
Vernichtungsbehauptungen. Erstens sollen diesen Behauptungen 
zufolge Anfang Mai auf der Konferenz in Wien spezielle 
Vorkehrungen getroffen worden sein, vier Ziige pro Tag 
bereitzustellen (wir kommen hierauf noch zuriick), um die 
Deportationen zu bewerkstelligen. Diese Ziige sollen sogar im 
Fahrplan vorgesehen gewesen sein. Dies bezieht sich auf die kritische 
Zeit wenige Wochen vor und nach dem „ D-D ay" — 6. Juni 1944, 
Invasionsbeginn der Alliierten in Nordfrankreich — , auf die Zeit 
verzweifelten Mangels an jeglichem Eisenbahn-Transportmaterial, 
da beide Fronten drohten zusammenzubrechen. Ausgerechnet zu 
diesem Zeitpunkt sorgten die Deutschen fur einen Aufwand von 
extra Transportraum, der die Reserven eines jeden 

Eisenbahnsystems unter den besten Umstanden bereits iiberfordert 
haben wiirde. Das gerade ist nicht glaubhaft. Man moge sich 



195 



erinnern, daB eine Eisenbahnreise von Budapest nach Auschwitz 
schrecklicher ist als die Landkarte anzeigt, und zwar angesichts der 
Berge in der ostlichen Tschechoslowakei. 

Ein weiteres zusatzliches Argument gegen die Vernichtungs- 
behauptungen verweist auf die oft gestellte Frage, warum die 
Alliierten niemals versucht haben, die Gaskammern mit einem 
Bombenteppich zu belegen, zumal die ganze Welt den Zeitpunkt der 
beabsichtigten Vernichtung der ungarischen Juden „wuBte"? Diese 
Frage kann betrachtlich ausgeweitet werden. 

Am 8. Juni 1944 wurde der 15. US-Luftflotte, die in Siid-Italien 
stationiert war, befohlen, ein Schwergewicht ihrer Bombenangriffe 
auf Ziele im Erdolgebiet zu legen, und sie erhielt dafur eine Liste von 
speziellen Olzielen in Ost- und Sudost-Europa. Das Hauptziel und 
jenes, dem am meisten Aufmerksamkeit gewidmet wurde, war das 
Ploesti-Gebiet in Rumanien. Jedoch war auch Auschwitz eines der 
Ziele dieser Liste : erstmals war es am 20. August 1944 bombardiert 
worden, und nachfolgend erneut im September 1944 (235 Tonnen), 
sowie im Dezember. 9 

Nun war es bei den alliierten Bomberoperationen ublich, 
ausgedehnten Gebrauch von der Luftaufklarung zu machen. Ein 
Anliegen dabei war die Feststellung des durch die Angriffe 
angerichteten Schadens und ein anderes die Planung von Angriffen : 
die Vorbereitung der Entscheidung, ob das Ziel einen Angriff lohnen 
wurde oder nicht und auch dariiber, wie umfangreich und welcher 
Art die Abwehr im Zielgebiet beschaffen ist. 10 

Es ist sicher, daB die Luftaufklarer Auschwitz und die umliegende 
Gegend fotografiert hatten und zwar eingehend bald nach dem 
Befehl vom 8. Juni 1944. In diesem Fall sollten die Amerikaner in 
der Lage gewesen sein, aktuelle Fotografien aller dieser nach 
Auschwitz in Bewegung befindlichen, dort umgebrachten und in 
offenen Gruben verbrennenden Juden zu erstellen. Sie sollten sich 
verpflichtet gefuhlt haben, besondere MaBnahmen zu ergreifen, um 
uns entweder bereits zum Zeitpunkt der behaupteten Totungen oder 
aber zur Zeit der spateren Prozesse fotografisches Beweismaterial fur 
ihre Behauptungen zu prasentieren. Naturlich, um vollig 
iiberzeugend zu sein, hatte die erstere Zeit gewahlt werden sollen, 
bevor die Russen nach dem Januar 1945 Auschwitz kontrollierten. 

Bei aller Aufmerksamkeit, die die ungarischen Juden und auch 
Auschwitz seinerzeit in der Offentlichkeit erzielt hatten und trotz 
des Roosevelt- Versprechens, wie es am 25. Marz 1944 publiziert 
worden war, riihrten die Amerikaner nicht einen Finger. Weder 
haben sie sich in die behaupteten Deportationen eingeschaltet durch 
Bombardieren der besonderen Eisenbahnlinien, die von Ungarn nach 
Auschwitz fuhrten — und es bot sich hierfur praktisch nur eine 
einzige an! — , noch durch Bombardieren, Zerstoren der behaupteten 
„ Gaskammern". Sie versaumten nicht nur, uns mit fotografischem 
Beweismaterial zu versorgen, sie scheinen dariiber hinaus die Beweise 
uberhaupt nicht zu haben, — obgleich sie Fotografien von Auschwitz 
aus der Kriegszeit selbstverstandlich erstellt haben. 

Alle diese Betrachtungen — wilde Undurchfuhrbarkeit der 
Vernichtung der ungarischen Juden im Fruhling und Sommer 1944 
und das Nichtvorhandensein von irgendwelchen sachdienlichen 
Konsequenzen aus der alliierten Luftherrschaft, — zwingen den 
RoteJAreuzJSerichterstatter ungeachtet der opportunen 



196 



Voreingenommenheit gegeniiber den deutschen und ungarischen 
Behorden, ihre Darstellung so zu formulieren, daB nichts, was einer 
Vernichtung der ungarischen Juden ahnelt oder nahekommt, daraus 
schliissig gefolgert werden konnte oder miiBte. 

Zunachst sollten wir in bezug auf das Datum des ersten 
Luftangriffes auf Auschwitz noch einiges zur Kenntnis nehmen : Wir 
bemerkten im Kapitel III, daB Rudolf Vrbas Behauptung, daB es am 
9.4.1944 einen Luftangriff auf Auschwitz gegeben habe, seine 
Glaubwurdigkeit unterhohlt. Wir haben oben angegeben, daB 
Auschwitz erstmals im August 1944 bombardiert worden war. Diese 
Erkenntnis stiitzt sich auf die „Einsatz-Chronologie", herausgegeben 
von Carter und Mueller, die die U.S. Air Force im Jahre 1973 
veroffentlicht hat, auBerdem auch auf das Standardwerk und 
halboffizielle Ausgabe von Craven, Cate und der „U.S. Air Force 
Historical Division" (Historische Abteilung der U.S. Luftwaffe) 
„The Army Air Forces in World War II". Die letztere Publikation 
behandelt auch die Einsatze des RAF Bomber Command (des 
Kommandostabes der britischen Luftwaffe — Royal Air Force), 
hauptsachlich im Zusammenhang mit Angriffen auf Olraffinerie- 
ziele. Die entsprechende, vier Bande umfassende Arbeit von Charles 
Webster und Noble Frankland „The Strategie Air Offensive Against 
Germany 1939 — 1945" stiitzt seine Darlegungen hinsichtlich der im 
deutschen Machtbereich befindlichen Energieversorgungsziele auf 
die Publikationen von Craven u. a. 

Aus der gesamten offiziellen US-amerikanischen sowie britischen 
Air-Force-Literatur ist nicht ein einziger Hinweis darauf zu finden, 
daB jemals irgendein Angriff auf ein Auschwitzer „Vernichtungs- 
lager" geplant oder geflogen worden sei, um die „technischen 
Einrichtungen" fur die Menschenvernichtung auszuschalten oder ein 
bekanntes Vernichtungsprogramm der Deutschen fur die Zukunft 
unmoglich zu machen. Es gibt nicht einmal einen einzigen 
Schriftwechsel der Alliierten unter einander, der das Thema „Die 
Deutschen vernichten Juden" dort oder dort offiziell zur Diskussion 
gestellt hatte; es war auch nie ein Konferenzthema der Alliierten 
wahrend des Krieges, wie es auch nie eine gemeinsame oder gar 
neutrale Untersuchung an den Orten des „Geschehens" gegeben hat. 
(notwendige Erganzung d. U.) 

Ein Luftangriff Anfang April 1944 scheint mit Sicherheit nicht 
stattgefunden zu haben. Auschwitz war unter dem strategischen 
Gesichtspunkt nur ein „01ziel". Craven und andere bieten eine 
ausgezeichnete Aufstellung der Luftflotten-Olkampagne. Da gab es 
einen spektakularen Angriff auf Ploesti im Jahre 1943, aber es gab 
keine aufrechterhaltene OhKampagne bis zum Fruhjahr 1944, und 
zwar auf Grund von Meinungsverschiedenheiten zwischen den 
alliierten Fuhrern, die sich auf die Prioritaten von Bombenzielen 
bezogen. Im Mai 1944 sind nur 1,1% der alliierten Bomben auf 
Olziele gefallen. Am 17. Marz 1944 wurde die 15. US-Luftflotte 
angewiesen, bei der ersten Gelegenheit Angriffe gegen Ploesti zu 
unternehmen, doch heimlich unter der Generaldirektive, die die 
Bombardierung von Transportzielen forderte, die den Deutschen im 
Kampf gegen die Russen dienen. Der erste dieser Angriffe erfolgte 
am 5.4.1944, auch gab es Angriffe am 15. und 24.4. In alien drei 
Fallen waren sie hauptsachlich gegen die Eisenbahnzentren in der 
Nahe von Ploesti gerichtet, in der Hoffnung, daB hierdurch den 



197 



Olraffinerien ein erheblicher Schaden zugefiigt werden wiirde. 
Ol-bezogene Bombardierungen durch in England stationierte 
Flugzeuge begannen nicht vor dem 19.4, aber diese wurden auch 
unter einer anderen Objektbezeichnung als 01 durchgefiihrt. Die 15. 
US-Luftflotte fiihrte verschiedene weitere Angriffe gegen Ploesti vor 
dem 8. Juni-Befehl aus, nachdem die Olkampagne offiziell und 
ausgedehnt aufgegriffen worden war. 11 

So war die Situation in Wirklichkeit. Es ist daher sicher, daB es im 
April oder auch Mai 1944 keinen Luftangriff auf Anlagen in oder 
bei Auschwitz gegeben hat. Der Punkt ist, daB es im April 1944 
innerhalb des alliierten Kommandos schwierig war, Angriffe gegen 
sog. Wahlziele — wie solche bei Ploesti — zu rechtfertigen. Nicht 
emmal die weniger entfernt liegende Olanlage bei Blechhammer — 
groBer als IG-Farben in Auschwitz — ist bis lange nach April 1944 als 
Ziel genannt gewesen. 

Nur die Luftflotten der USA und GroBbritanniens kommen bei 
dem Problem moglicher Luftangriffe auf Auschwitz im Zeitraum 
zwischen April und September 1944 in Frage. Die Russen befaBten 
sich nicht mit strategischen Industrie-Luftangriffen dieser Art. 

Unsere SchluBfolgerung, fuBend auf der US-Air-Force-Literatur, 
wird von den Erinnerungen zweier Deutscher bestatigt, die im 
Jahr 1944 in Auschwitz waren. Thies Christophersen, Autor der 
Broschure „Die Auschwitz-Luge", schrieb, daB der erste Luftangriff 
„im Herbst 1944" erfolgt sei. Christophersen scheint sich der 
Tatsache nicht bewuBt zu sein, daB in der Frage des Datums des 
ersten Luftangriffes auf Auschwitz eine Bedeutung liegt. 

Dr. Wilhelm Staglich, dessen Aussage in dem deutschen 
Monatsmagazin „ Nation Europa" veroffentlicht worden ist, machte 
keine solchen Hinweise. Aber er schrieb, daB er als Soldat einer 
Flakeinheit in der Nahe von Auschwitz von Mitte Juli bis ungefahr 
Mitte September 1944 stationiert war. Auf eine neutral gefaBte 
Anfrage des Verfassers, ohne Hinweis auf die Natur der hiermit im 
Zusammenhang stehenden Bedeutung antwortete Staglich, daB er 
sich an keinen Luftangriff auf Auschwitz erinnere und er auch keine 
Zerstorungen gesehen habe, er sich zudem gut an seine Ankunft in 
Auschwitz erinnere, da sie unmittelbar im AnschluB an den 20. Juli 
(Attentat auf Hitler) erfolgte, sein Erinnerungsvermogen hinsicht- 
lich seines spateren Versetzungsdatums hingegen weniger verlaBlich 
sei. Als ich schlieBlich feststellte, daB der erste Angriff dieser Art am 
20. August 1944 stattgefunden hatte, schrieb ich ihm noch einmal 
und bat, sich diesbezuglich erneut Gedanken zu machen bzw. zu 
erkundigen. In der Tat fand seine Frau noch einen damaligen Brief, 
geschrieben am 20. August 1944, mit dem Satz : „Wir hatten heute 
Vormittag den ersten Angriff auf unser Schutzobjekt". Fur mich ist 
diese Episode sehr instruktiv fur die VerlaBlichkeit eines 
Gedachtnisses. 

Das August-Datum wird ebenfalls bestatigt von dem italienischen 
Juden Primo Levi, der in seinem Buch „Se Questo e un Uomo" (zu 
Beginn im Kapitel I fatti dell'estate) feststellt, daB der erste 
Luftangriff auf Auschwitz im August 1944 stattfand, zu einer Zeit, 
als er sich bereits fiinf Monate dort im Lager aufgehalten hatte. 

Eine weitere Bestatigung ist dem „Kalendarium" zu entnehmen, 
das in „Hefte von Auschwitz" (Nr. 7 + 8/1964) publiziert worden 
ist. Dort findet sich als erster Hinweis fur Luftangriffe auf Auschwitz 



198 



das Datum 6. September 1944. Ebenfalls die Vernichtungs- 
mythologisten bestatigten vollig unser Ergebnis hinsichtlich des 
ersten Luftangriffes auf Auschwitz. Gerald Reitlinger nimmt zum 
Datum des ersten Luftangriffes nicht ausgesprochen Stellung, doch 
bemerkt er (S. 383) „das Versagen der Alliierten, die Passe zwischen 
Ungarn und Auschwitz in der Zeit von Mai und Juli 1944 zu 
bombardieren". Hilberg ist we it entfernt von dem wirklichen 
Datum, indem er den ersten Angriff auf den 16. Dezember 1944 
festlegt (S. 632), und dieses Datum wird von Levin anerkannt 
(S. 701). Friedman liegt verhaltnismaBig richtig, indem er den 
Angriff auf den 13. September 1944 datiert. 

ZusammengefaBt : Alle Belege zwingen zu der SchluBfolgerung, 
daB es im April 1944 keinen Luftangriff auf Auschwitz gegeben hat. 
So bedeutet Rudolf Vrbas Behauptung, damals von einem HolzstoB 
aus einen solchen erlebt zu haben, eine weitere Erschutterung seiner 
Glaubwurdigkeit. Fur Vrba diirfte es zudem noch schwieriger sein, 
sich auf sein gutes Gedachtnis zu berufen, zumal dieses Ereignis im 
Leben Vrbas eine entscheidende Rolle gespielt hat, im Gegensatz zu 
Dr. Staglichs. 

Doch zuriick zu unserem gegenwartigen Untersuchungsgegen- 
stand : Wir priifen die Beweismittel, die fur die Vernichtung der 
ungarischen Juden angeboten werden. Es sind hauptsachlich 
Beweise mittels „Dokumenten". 

Wir wollen das IMT -Affidavit (2605-PS) von Kastner, das er am 
13. September 1945 niedergelegt hat, im wesentlichen auBer acht 
lassen. Kastner war ein ungarischer Jude, der in Budapest 1944 in 
Kontakt mit Eichmann und seinen Mannern stand. In seinem 
Affidavit erklarte Kastner, daB 475.000 ungarischer Juden am 
27.6.1944 deportiert worden seien. Er liefert auch eine allgemeine 
„Geschichte des vollstandigen Vernichtungsprogramms", die sich 
darauf stiitzt, was angeblich SS-Standartenfuhrer Kurt Becher und 
SS-Hauptsturmfuhrer Dieter Wisliceny Kastner erzahlt haben 
sollen. DaB er das Vertrauen dieser Manner gehabt haben mag, ist 
durchaus moglich, doch wurde er 1954 als einfluBreiches Mitglied 
der Ben Gurion Mapai-Partei in Israel von einem anderen ungarischen 
Juden beschuldigt, ein Kollaborateur von Becher, einem 
Vorgesetzten Eichmanns in den SS-Operationen in Ungarn gewesen 
zu sein. Das Ergebnis der Verleumdungsaktion mit Verurteilungen 
Kastners erzeugte in Israel eine groBere politische Krise, deren 
katastrophale Konsequenzen durch die Ermordung Kastners im 
Jahre 1957 abgewendet wurden 12 . Kastner wurde ein weiteres 
Opfer des Schwindels. 

Wisliceny, Eichmanns Untergebener in Ungarn, gab ebenfalls ein 
Affidavit und zwar am 29. November 1945 und bekraftigte die 
Zeugenaussage vor dem IMT am 3. Januar 1946. 13 Dieses Affidavit 
ist ein weiteres sonderbares Beispiel dafur, wie in englischer Sprache 
verfaBte Affidavits kritiklos von deutschen Gefangenen un- 
terzeichnet wurden, obgleich sie falsche bzw. ungewohnliche 
Begriffe enthalten, wie hier z. B. „Kopfe" statt „Personen", die sich 
auf dem Transport befinden. 

In Wislicenys Geschichte sind schriftliche Befehle enthalten, die 
von Himmler im Fruhjahr 1942 erteilt worden seien, um die Juden 
zu vernichten. Die Befehle waren u. a. gerichtet an den „Inspekteur 
der Konzentrationslager", der gemaB einer spateren HoB-Aussage 



199 



von Himmler auf gar keinen Fall ausersehen war, tiberhaupt etwas 
iiber das Programm zu erfahren. 

Der Hauptbeweis ist eine Sammlung von angeblichen Dokumen- 
ten des Deutschen Auswartigen Amtes. Im Marz 1944 wurde ein Dr. 
Veesenmayer des Deutschen Auswartigen Amtes als „Generalbe- 
vollmachtigter" nach Ungarn gesandt, um fur die deutsche Regie- 
rung in Unterstiitzung des Sonderbotschafters Ritter tatig zu sein. 
Veesenmayer stand angeblich in haufiger Telegrammverbindung mit 
dem Auswartigen Amt in Berlin. Ein Dokument NG-2263, 
abgedruckt in Bild 30, ist typisch fur jene, die als derartige 
Telegramme, die aus dem Archiv des Auswartigen Amtes stammen 
sollen, ausgegeben werden. Als Telegramm, das vom Auswartigen 
Amt empfangen worden ist, tragt es naturlich nicht eine Unterschrift 
von Veesenmayer; Die Bestatigungen bestehen in Stempeln des 
Auswartigen Amtes, die benutzt worden sind, und der hand- 
schriftliche Vermerk auf der linken Seite besagt, daB das Dokument 
unter „ Ungarn" registriert ist; er tragt die Initialen v. Thadden mit 
dem Datum : v. Th. 4/7. es lautet : 

„(i) Abtransport Juden aus Zone III planmaBig mit 50.805 abgeschlossen. 
Gesamtziffer aus Zonen I— III 340.162. 

(ii) Konzentrierung in Zone IV und Abtransport mit 41.499 planmaBig 
abgeschlossen. Gesamtziffer 381 .661 . Fortgang der Aktion ist gesondert mit 
Fernschreiber — Nr. 279 vom 27. Juni, Nr. 287 vom 29. Juni und Nr. 289 vom 
30. Juni nach Fuschl berichtet worden. Konzentrierung in Zone V (bisher 
nicht erfaBter Raum westlich der Donau ohne Budapest) hat 29. Juni be- 
gonnen. Gleichzeitig hat kleinere Sonderaktion in Vorstadten von Budapest 
als VorbereitungsmaBnahme begonnen. Ferner laufen noch einige kleine 
Sondertransporte mit politischen, intellektuellen, kinderreichen und Fach- 
arbe iter- Juden." Veesenmayer. 

Es ist eine Sammlung von „Dokumenten", welche den „Beweis" 
fur die Deportation von iiber 400.000 ungarischen Juden zwischen 
dem 15. Mai und Anfang Juli 1944 erbringen. Nach meiner Feststellung 
sind die wesentlichen „Dokumente" unten aufgefuhrt. Die Art der 
Bestatigung ist in jedem Fall angezeigt. Naturlich handeln nicht alle 
Dokumente von jiidischen Angelegenheiten, die sich auf Deporta- 
tionen wahrend der fraglichen Zeitperiode beziehen. Nur solche 
Dokumente sind aufgefuhrt, von denen man behauptet, daB sie im 
Sinne einer Bestatigung der Vernichtungen interpretiert werden 
miiBten. 

NG-2059 Mikrofilmkopie eines Telegrammes von Veesenmayer an das 
Auswartige Amt (AA) vom 8. Mai 1944. 

Eine gewisse Anzahl von Juden, die fruher fur Deportation vorgesehen waren, 
sind statt dessen zur Arbeit an militarischen Objekten in Ungarn angesetzt 
worden. Die Anforderung von 100.000 arbeitsfahigen Juden durch die 
Organisation Todt (Speer-Ministerium) muB an Glucks, an das WVHA 
gerichtet werden, der mit der Deportation der ungarischen Juden befaBt ist. — 
Die Bestatigung tragt die Initialen v. Th. 

NG-2060 in zwei Teilen. Der zweite Teil ist eine Mikrofilmkopie eines 
Telegramms von Veesenmayer an Ribbentrop via Ritter vom 21. April 1944. Es 



200 



berichtet, dal3 100.038 ungarische Juden als Ergebnis von „Sonderaktionen" in 
Lagern zusammengefaBt wurden. 

Die Bestatigungen sind ein Stempel „Streng Geheim" und Initialen v. Th. Das 
dem Dokument beiliegende beschreibende Material (die „amtliche Beweisan- 
alyse") deutet an, daB Geigers Initialen ebenfalls erschienen, doch ist die 
Prufung des restlichen Materials (in diesem Fall nur der englischen 
Ubersetzung) nicht bestatigt. 

NG-2061 Mikrofilm-Kopie eines Telegramms von Veesenmayer an das AA 
vom 20. Mai 1944. 

Es berichtet von Inhaftierungen solcher Personen, die im Untergrund gegen 
die Deutschen tatig waren und von „abgefangenem Nachrichtenmaterial, das 
sich auf angebliche Bedingungen in den deutschen Konzentrationslagern im 
Generalgouvernement bezieht. Im besonderen ist das Geschehen im Auschwitzer 
Lager in Einzelheiten beschrieben." 

Die Bestatigungen sind ein Stempel des AA und die Initialen v. Th., obgleich 
die amtliche Beleganalyse aussagt, daB es von Geiger abgezeichnet sei. 

NG-2190 Der erste Teil enthalt einen Hinweis fur den zweiten Teil, gez. v. Th. 
und Wissberg und Wagner, gestempelt „Streng Geheim". Der 2. Teil ist ein 
Bericht v. Thadden an das AA iiber antijudische MaBnahmen in Ungarn, datiert 
mit 26. Mai 1944. 

Es wird berichtet, daB die Ungarische Regierung der Deportation aller 
ungarischen Juden in die Ostgebiete zugestimmt habe, mit Ausnahme der 
80.000, die fur Arbeiten an militarischen Objekten zuruckgehalten werden 
sollten. Die Zahl der ungarischen Juden wird auf 900.000 bis 1 Million 
geschatzt. Die meisten Juden auBerhalb Budapests seien in Ghettos konzentriert 
worden. Einer Information vom 24. Mai zufolge seien 116.000 in taglichen 
Schuben von 14.000 in das Generalgouvernement deportiert worden. Der 
Judenrat in Budapest (derselbe, der im Auszug des Rot-Kreuz-Berichtes als 
„Judischer Senat" erscheint) sei vergewissert worden, daB diese MaBnahmen nur 
gegen die nicht assimilierten Juden gerichtet seien und daB die ubrigen anders 
behandelt wurden. Jedoch erwartet die SS in jedem Fall bei kunftigen 
Konzentrations- und DeportationsmaBnahmen Schwierigkeiten. Plane fur 
zukunftige MaBnahmen seien ausgearbeitet. Probleme, die sich aus der 
unterschiedlichen Interpretation zwischen den Deutschen und den Ungarn 
daruber ergeben, wer Jude sei, wurden diskutiert. Es wird geschatzt, daB 
ungefahr 1/3 der ungarischen Juden, die nach Auschwitz deportiert wurden, 
arbeitsfahig seien und daB diese unmittelbar nach ihrer Ankunft an Sauckel, die 
Organisation Todt usw. zu iibergeben seien. — 

Gestempelt „Streng Geheim" und gez. v. Th. Der 3. Teil enthalt eine Note fur 
den 4. Teil, abgezeichnet von Wagner und v. Thadden mit handgeschriebenen 
Empfehlungen an Eichmann. Der 4. Teil ist eine Zusammenfassung von 
Thaddens Bericht mit keiner Bestatigung. 

NG-2230 Eine Abschrift von zwei Briefseiten, datiert mit 24. April 1944 v. 
Thadden an Eichmann, bezugnehmend auf den Inhalt von NG-2233 (als 
nachstes zur Diskussion stehend). Beide Seiten tragen die Initialen v. Th. 
Datum-Stempel und handgeschriebene Hinweise am FuB der einen Seite. 
Beachte : zum zweiten Mai stoBe ich auf das Dokument NG-2230, es war ein 
vollig anderes Dokument, so daB hier ein Irrtum vorliegen mag. 

NG-2233 In zwei Teilen. Der 1. Teil ist eine Abschrift eines Telegramms von 
Veesenmayer an Ritter, datiert mit 23. April 1944. Es berichtet uber die Arbeit 
bei der Internierung von Juden in den Karpatho-Ghettos. 150.000 Juden seien 
schon erfaBt worden. Es wird geschatzt, daB 300.000 Juden von der Aktion 
betroffen sein wurden, wenn die Aktion abgeschlossen sein wird. Die 
Internierung von Juden in anderen Gebieten soil dann folgen. Am 15. Mai 



201 



beginnend sollen 3.000 Juden taglich nach Auschwitz uberfuhrt werden, und 
urn ihren Transport nicht aufzuhalten, soil die Uberfuhrung von 50.000 Juden, 
die von Veesenmayer fur Arbeiten im Reich gefordert habe, zeitlich 
aufgeschoben werden. Aus Grunden der Sicherheit, der Ernahrung und des 
Schuhzeugs wird es als nicht praktisch angesehen, sie zu FuB zu senden. — 

Die Bestatigung ist der Stempel des AA (registrierte Unterlage). Der 2. Teil des 
Dokumentes ist eine Durchschrift eines Briefes von Thadden an Eichmann, 
datiert mit 24. April, die das Wesentliche des Telegramms wiederholt. Initialen 
v.Th. 

NG-2235 Eine Durchschrift eines Telegramms von Wagner an Veesenmayer, 
datiert mit 21. Mai 1944. Es wird berichtet, dal3 Thadden in Kurze Budapest 
besuchen wird, urn die Verteilung des Eigentums der deutschen und ungarischen 
Juden im Rahmen der allgemeinen europaischen Losung der Judenfrage zu 
diskutieren. Abgezeichnet v. Wagner. Dort erscheinen auch die Initialen „VM" 
auf dem Dokument, doch ist nicht anzunehmen, daB man hieraus auf die 
Initialen Veesenmayers schlieBen kann. 

NG-2236 Eine getippte Erinnerung von Wagner an Steengracht, datiert mit 6. 
Juli 1944. Wagner teilt mit, daB es der Reichspolitik entspricht, die judische 
Auswanderung zu verhindern. Die Anfrage des War Refugee Board uber die 
Schweiz, daB die Emigration der ungarischen Juden nach Palastina erlaubt 
werden sollte, muBte abgelehnt werden, weil dies die Araber verfeinden wurde. 
Gleichwohl wurde die Schweiz-amerikanische Intervention am Ende des Monats 
zu spat kommen, denn die anti-judische Aktion in Ungarn wurde zu dem 
Zeitpunkt schon abgeschlossen sein. — 

Gestempelt „Geheim", gezeichnet von Wagner. Initialen v. Th. und wahr- 
scheinlich von Henke. 

NG-2237 Mikrofilmkopie eines Telegramms von Veesenmayer an das AA, 
datiert mit 10. Juni. — Es wird berichtet, daB die MaBnahmen fur die 
Konzentrierung der Juden, die im Norden von Budapest wohnen, begonnen 
habe und daB die Deportation dieser Juden am 1 1 . Juni beginnen wurde. 

Die Bestatigung ist ein Stempel des AA und Initialen v.Th. 

NG-2238 Schreibmaschinengeschriebene Erinnerung von Wagner, in der er 
vorschlagt, daB Besprechungen mit der Schweiz und Schweden uber die 
Emigration von ungarischen Juden in schleppender Gangart behandelt werden 
sollten, bis die Behandlung der Juden, die in Ungarn verbleiben, definitiv 
entschieden sei. 

Datiert mit 16. Sept. 1944. Gez von Wagner, Initialen v. Th. und unleserlich 
von anderen. 

NG-2262 Mikrofilmkopie eines Telegramms von Veesenmayer an Ritter, 
datiert mit 4. Mai, derzufolge der Beginn der Evakuierung von 310.000 Juden 
der Karpaten- und Transsylvaniengebiete nach Deutschland fur Mitte Mai 
beabsichtigt sei. Vier tagliche Transporte, jeder 3.000 Menschen umfassend, 
seien vorgesehen. Die notwendigen Eisenbahn-Absprachen wurden auf einer 
Konferenz in Wien am 4. Mai erfolgen. 

Stempel des AA und Initialen v. Th. 

NG-2263 Mikrofilmkopie eines Telegramms von Veesenmayer an das AA, 

datiert mit 30 Juni 1944: 381.661 ungarische Juden sollen urn den 30. Juni 

deportiert worden sein. Umstellungen begannen westlich der Donau, ohne 
Budapest, doch auch in den Vorstadten von Budapest. 

Stempel des AA und Initialen v. Th. 

NG-2424 in zwei Teilen. Der erste Teil ist ein maschinengeschriebener Brief 
des Pressechefs des AA Schmidt an den Staatssekretar des AA Steengracht, 
datiert mit 27. Mai, der eine Propagandakampagne vorschlagt, . . . („man auBere 
Anlasse und Begrundungen fur die Aktion schafft, z. B. Sprengstoffunde in 



202 



judischen Clubhausern und Synagogen"), die irgendwelchen Aktionen gegen die 
Juden von Budapest vorangehen soil. — Initialen von Wagner, — Der zweite Teil 
ist eine maschinengeschriebene Telegramm-Abschrift v. Thaddens nach 
Budapest, datiert mit 1 . Juni, die in diesem Sinne fortfahrt. 

NG-2980 In drei Teilen : (1 ) Getippte Abschrift eines Telegramms von Wagner 
nach Budapest, datiert mit 21 . Mai. Thadden kundigt seinen Besuch in Budapest 
an, um das judische Problem durchzusprechen. — 

Gestempelt; Initialen von Wagner. 

(2) Nicht abgezeichnete Durchschrift eines Briefes von Thadden an Wagner, 
welcher ein Deckungsbrief fur Thaddens Bericht uber seine Aktivitaten in 
Budapest ist. — Gestempelt „Streng Geheim". 

(3) Ein getippter 5-Seiten-Bericht, datiert mit 25. Mai : Der Spezialreferent fur 
judische Fragen bei der deutschen Botschaft in Budapest, von Adamovic, habe 
„keine Ahnung von den wahren Absichten (oder) der gegen die Juden 
praktisch durchzufiihrenden MaBnahmen". AnlaBlich eines Besuches im Amt 
Eichmann habe er erfahren, daB 116.000 Juden in das Reich deportiert worden 
seien und mit weiteren 200.000 ebenso verfahren werden wurde. Die 
Konzentration von 250.000 Juden aus den Provinzen nordlich und 
nordwestlich von Budapest wurde am 7. Juni beginnen. Weitere Plane wurden 
durchgegeben. Schatzungsweise blieben etwa 80.000 arbeitsfahige Juden in 
Ungarn zum Arbeitseinsatz zuruck. Die vollstandige Operation soil Ende Juli 
abgeschlossen sein. — Der Bericht hat 5 Seiten und als einzige Bestatigung einen 
Stempel „Streng Geheim" auf Seite 1 . 

NG-5510 Getippte Abschrift eines Telegramms von Veesenmayer an das AA, 
datiert mit 8. Mai : Graf Bethlen und Dr. Schilling sind nicht mit der 
Judenaktion einverstanden; daher empfiehlt Veesenmayer ihre Entlassung. — 
„Graf Bethlen erklarte, daB er kein Massenmorder zu werden wunsche und er 
daher lieber zurucktrete". — Stempel „Streng Geheim", handgeschriebener 
Hinweis fur die Registratur unter „Ungarn". 

NG-5532 Getippte Abschrift eines Telegramms von Veesenmayer an 
AuBenminister v. Ribbentrop, datiert mit 9. Juli. Hier wird die Absicht des 
ungarischen Innenministers Jaross wiedergegeben, die Budapester Juden in der 
Umgebung der Hauptstadt zu konzentrieren und dann, wenn „ . . . jeweils 
30 — 40.000 Juden beisammen sind, zum Abtransport in das Reich freizugeben". 
— Keinerlei Bestatigung. 

NG-5533 Getippte Abschrift eines Telegramms von Veesenmayer an das AA, 
datiert mit 14. Juni : Zahlreiche ungarische Juden seien in die Slowakei 
eingesickert, „seitdem wir uns nach dem 19. Marz auf sie gesturzt haben." — 
Gestempelt mit „Ungarn" und unten handgeschrieben „Staatssekretar". 

NG-5565 Getippte Abschrift eines Telegramms von Thadden an die deutsche 
Botschaft in PreBburg, datiert mit 2. Mai. : Ankundigung einer Konferenz fur 
den 4 — 5. Mai in Wien fur Eisenbahn-Organisationsfragen in bezug auf „eine 
groBere Anzahl ungarischer Juden zum Arbeitseinsatz in die Ostgebiete". — 
Gestempelt „Geheim", Initialen v. Th. 

NG-5567 Mikrofilmkopie eines Telegramms von Veesenmayer an das AA, 
datiert mit 17. Juni. Sie enthalt eine Gesamtzahl von 326.009 der in das Reich 
deportierten ungarischen Juden. — Gestempelt, Initialen v. Th. (die amtliche 
Nachweis-Analyse besagt, daB das Dokument von Wagner und Reichel 
abgezeichnet ist, doch dies fand bei den von mir gepruften Dokumenten keine 
Bestatigung). 

NG-5568 Mikrofilmkopie eines Telegramms von Veesenmayer an das AA, 
datiert mit 8. Juni : 

„Bei Durchfuhrung JudenmaBnahmen in Ungarn ist von Grundsatz 
Geheimhaltung der Termine fur den Abtransport und der Zonen, die nach- 



203 



einander gesaubert werden, ausgegangen worden, urn Beunruhigung judischer 
Elemente und hierdurch Abwanderungsversuche zu vermeiden. Dies gilt 
namentlich fur das Stadtgebiet Budapest, das als letzte Zone in Aussicht 
genommen ist und wo in dieser Beziehung Schwierigkeiten erwartet werden 
mussen." 

Gestempelt und mit Blaustift gezeichnet v.Th. 

NG-5569 Verschiedene Teile. Der erste und groBte Teil ist eine 
Mikrofilmkopie eines Telegramms von Ludin in PreBburg/Slowakei an das AA, 
datiert mit 14. Juni : Wachmannschaften hatten Transportzuge aus Ungarn 
bestiegen und den Juden Geld und Schmuck geraubt, auch hatten sie einige 
Juden erschossen. Die Beute hatten sie anschlieBend benutzt, um sich in einem 
nahegelegenen Restaurant zu betrinken. — Gestempelt. 

Die nachsten vier Teile sind Anmerkungen, die den Vorfall von verschiedenen 
Seiten schildern. — Verschiedene Stempel. Initialen von Wagner, v. Th. und v. 
Mirbach. 

NG-5570 Mikrofilmkopie von 5 Telegrammen. Das erste ist datiert mit 14. 
Oktober und berichtet von Planen, uber 50.000 Juden zu FuB von Ungarn in das 
Reich zu schaffen. Vertraulich ist hinzugefugt, daB „Eichmann beabsichtigt, . . . 
nochmals weitere 50.000 Juden anzufordern, um Endziel Ausraumung des 
ungarischen Raumes zu erreichen . . . " — 

Gestempelt und handgeschriebene Hinweise. 

Die nachsten vier Teile setzen OrganisationsmaBnahmen hinsichtlich der 
Budapester Juden und jener Juden auseinander, die zum Arbeitseinsatz 
deportiert wurden. — Stempel und Initialen von Wagner und v. Th. 

NG-5571 Maschinengeschriebene Telegramme, die zwischen Veesenmayer u. 
Altenburg vom AA ausgetauscht wurden, datiert mit 25. und 26. Juni. Im 
Hinblick auf die „Beendigung der Judenbereinigung" in Ungarn sollte die 
Ungarische Regierung das Reich mit entsprechenden Mengen an Nahrungs- 
mitteln entschadigen. — Stempel. 

NG-5573 Getippter Bericht von Wagner an v. Ribbentrop, datiert mit 27. 
Oktober. Von den 900.000 Juden, die in Ungarn waren, sind 437.402 zum 
„Arbeitseinsatz in die Ostgebiete" verbracht worden. Eine Auseinandersetzung 
daruber, ob den ungarischen Juden die Ausreise gewahrt werden soil, folgt. — 
Gestempelt. Initialen von Mirbach. 

NG-5576 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von 
Veesenmayer an das AA, datiert mit 30. Juni. Horthy widersprach den 
MaBnahmen gegen die Budapester Juden, stimmte hingegen hinausgezogerten 
MaBnahmen zu. So begann „die Sammlung in der letzten Provinzzone V (soweit 
sie nicht den Raum westlich der Donau mit Ausnahme von Budapest erfaBt). 
Gleichzeitiges Sammeln wird durchgefuhrt innerhalb des Kommandobereiches 
des 1. Polizeikommandos in abgesonderten Vororten von Budapest, um so 
leichter in die Hauptstadt eindringen zu konnen". — Gestempelt. 

NG-5594 Anonymes Telegramm von Budapest an das AA, datiert mit dem 18. 
April. 

„ . . . der magyarischen Bevolkerung . . . der dringende Wunsch nach einer 
schnellen und radikalen Losung der Judenfrage bemerkbar mache, da die 
Angst vor der Rache der Juden groBer sei als die vor der russischen Brutalitat." 

— Handgeschriebene Notizen fur die Ablage. 

NG-5595 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von 
Veesenmayer an das AA, datiert mit 28. April : „Sonderaktionen" in Ungarn 
hatten zur Inhaftierung von 194.000 Juden gefuhrt. — 

Gestempelt und handgeschriebene Notizen. 

NG-5596 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, datiert mit 28. April : 194.000 Juden durch Sonderaktionen 



204 



und ungarische Plane inhaftiert, urn die Budapester Juden innerhalb der Stadt 
im Hinblick auf alliierte Luftangriffe zu verteilen. — Stempel. 

NG-5597 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, datiert mit 30. April : 194.000 Juden durch Sonderaktionen 
inhaftiert; Diskussion von Juden, die versuchen, zum Arbeitseinsatz in Ungarn 
herangezogen zu werden, um Konzentrationslagern aus dem Wege zu gehen. — 
Stempel und handgeschriebene Anmerkungen. 

NG-5599 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, datiert mit 5. Mai: 196.000 Juden durch Sonderaktionen 
inhaftiert. — Stempel und handgeschriebene Anmerkungen. 

NG-5600 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, datiert mit 6. Mai : Die Juden sind eingekreist und denken, daB 

sie eine zeitlich begrenzte Unterbringung in den eingerichteten Sonder- 

lagern ..." erfahren. — Stempel. 

NG-5602 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 24. Mai: 110.556 ungarische Juden sind in das Reich 
transportiert worden. — Stempel und handschriftliche Anmerkungen. 

NG-5603 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 19. Mai: 51.000 ungarische Juden deportiert. — Stempel, 
handschriftliche Anmerkungen und unleserliche Initialen. 

NG-5604 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 20. Mai : 62.644 ungarische Juden deportiert. — Stempel, 
handschriftliche Anmerkungen. 

NG-5605 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms Veesenmayer 
an das AA, 20. Mai : Gleicher Bericht wie in NG-2061 . — Handgeschriebene 
Anmerkungen. 

NG-5607 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 16. Mai : Die Deportation der 300.000 Juden, die im 
Karpathengebiet und in Transsylvanien konzentriert waren, hat am 14. Mai mit 
vier Spezialzugen zu taglich 3.000 Juden begonnen. — Stempel, handschriftliche 
Anmerkungen. 

NG-5608 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 25. Mai : 138.870 ungarische Juden sind in das Reich 
deportiert worden. — Stempel und handgeschriebene Anmerkungen. 

NG-5613 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 20. Juli : Die ungarischen Nazis hielten die Franziskaner an, 
eine Danksagungsmesse einzufugen, um die Deportation der Juden zu feiern, 
aber der Bischof lehnte ab, und gewisse Kompromisse muBten erzielt werden. — 
Stempel und handgeschriebene Notizen. 

NG-5615 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 11. Juli : 437.402 ungarische Juden deportiert. — Stempel und 
handgeschriebene Anmerkungen. 

NG-5616 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 8. Juli : 422.91 1 ungarische Juden in das Reich deportiert. — 
Stempel. 

NG-5617 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 17. Juni : 340.142 ungarische Juden in das Reich deportiert. — 
Stempel und handgeschriebene Notizen. 

NG-5618 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 17. Juni : 326.000 ungarische Juden in das Reich deportiert. 
— Stempel und handgeschriebene Notizen. 

NG-5619 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 13. Juni : 289.357 Juden aus den Karpathen und 
Transsylvanien-Gebieten deportiert. Kunftige Deportationsplane 



205 



ausgearbeitet. — Stempel und handgeschriebene Notizen. 

NG-5620 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 8. Juni : Dieses Dokument wurde in der Sammlung vermiBt, 
obwohl es laut amtlicher Beleganalyse vorliegen muBte; augenscheinlich ist es 
jedoch den vorausgegangenen ahnlich. 

NG-5621 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 2. Juni; 247.856 ungarische Juden in das Reich deportiert. — 
Stempel und handgeschriebene Notizen. 

NG-5622 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 1. Juni : 236.414 ungarische Juden in das Reich abgeschoben. 

— Stempel. 

NG-5623 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer an das AA, 1. Juni : 217.236 ungarische Juden in das Reich abgeschoben. 

— Stempel und handgeschriebene Notizen. 

NG-5624 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Veesen- 
mayer andas AA, 31. Mai : 204.312 ungarische Juden in das Reich abgeschoben. 

— Stempel und handgeschriebene Notizen. 

NG-5637 Getippte Erinnerungen von Wagner an Steengracht, 21. Mai 1943. — 
Wagner berichtet iiber einen Besuch des ungarischen Botschafters. Diskutiert 
wurden Schwierigkeiten im Hinblick auf die Losung des judischen Problems in 
Ungarn. Die Deportationen sollten in einzelnen Schuben erfolgen, und, urn die 
zuruckgebliebenen nicht zu alarmieren, sollte jenen, die deportiert wurden, 
erlaubt werden „etwas zum Leben zu verdienen, . . . damit sie zunachst fur 
kiirzere Zeit gewisse Existenzmoglichkeiten . . . haben". — Stempel und 
abgezeichnet von Wagner. 

NG-5684 Maschinengeschriebene Abschrift eines Telegramms von Vee- 
senmayer an v. Ribbentrop, 6. Juli : Ein 6-Seiten-Bericht uber eine Konferenz 
mit Horthy, der erwahnte, daB er jeden Tag eine Flut von Telegrammen aus alien 
Teilen des Auslandes und Ungarn erhalte, z. B. auch vom Vatikan, vom Konig 
von Schweden, von der Schweiz, vom Roten Kreuz und anderen Parteien 
bezuglich der ungarischen Juden. Er setzte sich dafur ein, die judischen Arzte in 
Ruhe zu lassen und ebenfalls die judischen Arbeitskompanien, die zu 
kriegswichtigen Einsatzen herangezogen worden sind. Veesenmayer sagte ihm, 
daB „die Losung der judischen Frage . . . zwar von den Ungarn ausgetragen 
wurde, (aber) niemals ohne die Unterstutzung von SS und SD betrachtet werden 
konne". — Initialen von Steengracht. 

Einige wenige Worte zu den allgemeinen Bedingungen, unter 
denen diese Dokumenten-Analyse durchgefiihrt worden ist, bevor 
wir fortfahren, dieses Belegmaterial zu interpretieren. Wenn man 
nach Washington geht, um Dokumente zu priifen, wird man die 
typische Erfahrung machen, daB dort deponierte Dokumente 
gepruft sind und jeweils aus nicht weniger als aus vier Teilen 
bestehen : Erstens mag eine Fotokopie des Originals vorliegen. Sollte 
dies dennoch nicht so sein, so liegt zumindest eine vervielfaltigte 
Wiedergabe des Dokumentes in der Originalsprache — hier also 
Deutsch — vor. So gibt es anstelle von handgeschriebenen Notizen 
maschinengeschriebene Vermerke mit dem Hinweis, daB es sich um 
handgeschriebene Niederschriften handelt. Zweitens gibt es eine 
englische Ubersetzung des fremdsprachigen Originales. Drittens gibt 
es als Anhang nahere Beschreibungen, „die amtliche Beleganalyse". 
Im Hinblick auf diese Voraussetzungen wurden fur diese geprufte 
Kollektion nur wenige Widersp ruche notiert. 



206 



Doch vom Inhalt her hatten gewisse Dokumente nicht in der Liste 
sein sollen, denn sie enthullen solche Widerspriiche. Wenn es auch 
keinen Zweifel geben sollte, daB einige ungarische Juden fur den 
Arbeitseinsatz in das Reich deportiert worden sind — andere fiir den 
gleichen Zweck in Ungarn verblieben sind — , so liegt es dennoch auf 
der Hand, daB in die Produktion dieser Dokumente ein ganz 
betrachtlicher Umfang an Falschung eingearbeitet worden ist. Sie 
wurden nach dem Kriege geschrieben! DaB Ereignisse, wie sie die 
Dokumente aussagen — wie z. B. der Transport von 400.000 
ungarischen Juden in das Reich (oder Polen) in der Zeit zwischen 
Mai und Juli 1944 in Wirklichkeit nicht stattgefunden hat, ist auf 
Grund der bereits dargelegten Sachverhalte sicher. Jedoch gibt es 
auch Griinde fiir eine gewisse Unebenheit hier, denn die Falschung 
scheint nicht im Zusammenhang mit der Auschwitz-Vernichtungs- 
Legende geschaffen worden zu sein. Falschung ist ein riskantes 
Geschaft! So wurden wir, obgleich Falschung fiir diese Dokumente 
eine Sicherheit zu sein scheint, doch wiinschen, daB ein 
unabhangiges Gremium den Falschungsvorwurf iiberpriift. 

Falschung ware weniger riskant, wiirde sie nicht auch die 
Falschung von Signaturen mit einschlieBen. Wenn die Zusam- 
menarbeit mit den Personen, die die gefalschten Dokumente 
abgezeichnet oder mit ihren Initialen versehen haben, erreichbar ist, 
dann mag es scheinen, daB das Risiko, eine Falschung zu entlarven, 
erheblich verringert sein diirfte. So sollten wir einen strengen Blick 
auf die Bestatiger dieser Dokumente werfen. Wenn NG-5684 
ausgenommen wird, so haben wir „Bestatigungen" mit den Initialen 
und/oder Signaturen (oder behauptete Initialen oder Signaturen) 
von Geiger, Wissberg, Hencke, Reichel, Mirbach, Wagner und v. 
Thadden, wobei die groBe Mehrzahl von den letzten beiden stammt. 
Diese sieben Leute haben eine sehr interessante Gemeinsamkeit : 
keiner von ihnen war Angeklagter im Fall 11 oder in irgendeinem 
Gerichtsverfahren der Alliierten. Im Fall der ersten fiinf konnte dies 
noch als sachgerecht gedeutet werden, einmal im Hinblick auf den 
geringen Rang der Person oder im Hinblick auf ihre AuBenseiterrolle 
bei den zur Debatte stehenden Verbrechen. So haben die ersten fiinf 
Personen nur geringe Beriihrung mit dem Fall 11 (WilhelmstraBen- 
ProzeB — Auswartiges Amt). Mirbach erschien als Zeuge der 
Verteidigung und Hencke war Vertrauensmann der Verteidigung. 14 

Mit Wagner und v. Thadden ist jedoch die Immunitat vor 
Verfolgung durch die Alliierten auBerst mysterios, wenn man nicht 
begreift, daB die offensichtlich sichere Herstellung der 
diskriminierenden ungarischen Dokumente grundsatzlich ihre 
Zusammenarbeit erforderlich gemacht hatte. Wir sollten somit ihre 
Funktionen im Auswartigen Amt und ihre Erfahrungen nach dem 
Kriege untersuchen. 

Eberhard v. Thadden war Beamter in der Abteilung „ Inland II" 
des Auswartigen Amtes. Zur Aufgabe dieser Abteilung gehorte die 
Zusammenarbeit mit der SS, und so war v. Thadden, um es 
rundheraus zu sagen, der „ Juden-Experte" des Auswartigen Amtes. 
Zusammenarbeit mit Eichmann in bezug auf die Durchfuhrung der 
Richtlinien fiir die Politik gegeniiber den Juden, was immer diese 
auch gewesen sein mogen, war ein ganz normaler Teil seiner 
Pflichten. NG-2233 und NG-2980 sind zummdest in dieser Hinsicht 
akkurat. Horst Wagner war Mitglied des personlichen Stabs des 



207 



ReichsauBenministers v. Ribbentrop und als Chef von „ Inland II" 
war er v. Thaddens Vorgesetzter. Wie die Dokumente korrekt 
feststellen, war er gleichermaBen in die Judenpolitik der deutschen 
Regierung verwickelt. Das Auswartige Amt wurde von 
verschiedenen alliierten Militartribunalen angeklagt, mit der 
Ausrottung der Juden befaBt gewesen zu sein. Und hierfiir wurde v. 
Ribbentrop vom IMT fur schuldig befunden. Die Hauptangeklagten 
im Fall 11 waren einige Beamte des Auswartigen Amtes, die meisten 
von ihnen durchschnittliche Diplomaten, wobei naturlich die 
Verwicklung in AusrottungsmaBnahmen gegeniiber Juden einer der 
Vorwurfe war. Sowohl ex officio, d. h. von ihrer Position her, als 
auch unter Berucksichtigung der Dokumente, die wir durchgesehen 
haben, hatten sich v. Thadden wie Wagner zu Beginn des Falles 11 in 
ernsten Schwierigkeiten befunden haben mussen. Mehr noch : Sie 
konnten in diesem WilhelmstraBenprozeB nicht als unbekannt 
gelten. Z. B. wahlte die „New York Times", als sie die Eroffnung des 
Falles 11 ankiindigte, 8 prominente „Angeklagte oder Zeugen," — 
und v. Thadden war einer in der Liste. 15 

So ist unter normalen Voraussetzungen unerklarlich, daB sie in 
jenem Gerichtsverfahren nicht Angeklagte waren. Beide erschienen 
als Zeugen der Anklage. 16 Seltsame Ereignisse setzten sich bei ihnen 
fur verschiedene Jahre fort. Was v. Thadden anbetrifft, so versuchten 
deutsche Gerichte die ins Auge fallende Freistellung vor Verfolgung 
zu korrigieren. Als er 1949 aus amerikanischem Gewahrsam 
entlassen wurde, da klagte ihn ein deutsches Gericht in Niirnberg im 
Dezember 1950 an, doch ging er nach Koln in die britische Zone, 
und eine Auslieferung wurde abgelehnt. Dann klagte ihn ein Kolner 
Gericht im Mai 1952 an, doch fand ein ProzeB niemals statt. Er 
unterzeichnete eine Stellungnahme der Anklage im Eichmann- 
ProzeB 1961. 1964 wurde er erneut verhaftet, aber wieder 
freigelassen, nachdem er eine Kaution von 500.000 Dollar 
aufgebracht hatte. Im November 1964 starb er an den Folgen eines 
Autounfalles. 

Ahnlich erging es Horst Wagner, der 1949 von den deutschen 
Behorden inhaftiert worden war. Er brachte es fertig, nach Spanien 
zu fliehen und anschlieBend nach Italien. Auslieferungsverfahren 
begannen 1953, doch scheiterten sie. 1958 kehrte er freiwillig nach 
Deutschland zuriick, um einen Antrag auf Pension zu stellen. In 
Essen wurde er verhaftet. Obwohl er fruher aus dem Lande geflohen 
war, schien er nur kurz in Untersuchungshaft verblieben zu sein, 
wenngleich nicht vor April 1960 eine offizielle Kaution in Hohe von 
50.000 DM fur seine Freilassung bestimmt worden war (er scheint 
somit bereits vor der Kaution auf freien FuB gesetzt worden zu sein). 
Wagner nahm sich Ernst Achenbach zum Rechtsbeistand, der 
Wagner in seiner Praxis auch beschaftigte. Wagners ProzeB wurde 
schlieBlich auf den 20. Mai 1968 festgesetzt, 10 Jahre nach seiner 
Ruckkehr nach Deutschland. Doch 12 Tage vor diesem Termin legte 
Achenbach sein Mandat nieder mit der Begriindung, daB er nicht 
genug Zeit zur Vorbereitung dieses Falles gehabt habe. Ein neuer 
ProzeBtermin wurde bestimmt, — fur 1969. Nunmehr wurde Wagner 
von Dr. Laternser vertreten, der wenige Wochen vor dem neuerlichen 
Termin eines naturlichen Todes starb. SchlieBlich wurde abermals 
ein anderes Datum fur den ProzeB vorgemerkt, doch drei Tage vor 
diesem 29. Mai 1972 wurde Wagner ins Krankenhaus eingeliefert, 



208 



um sich einer Augenoperation zu unterziehen. Der ProzeB wurde auf 
den 3.7.1972 vertagt. Wagner erschien im Gericht, aber mit Kriicken, 
kaum fahig, seinen Platz zu erreichen, stohnend vor undefinierbaren 
Schmerzen. Ein weiterer Terrain wurde fur Oktober 1972 
ausgemacht, doch schien sich Wagner nicht erholt zu haben, so daB 
das Gericht den Fall auf unbestimmte Zeit verschoben hat. Gegen 
Ende des Jahres 1975 lebte Wagner in ruhiger Zuruckgezogenheit in 
einer Vorstadt von Diisseldorf 17 

So viel zu den Dokumenten-Belegen, die die Vernichtungsbehaup- 
tungen gegeniiber den ungarischen Juden stiitzen. Wagner und v. 
Thadden sind ebenso wie HoB und andere den „neuen 
Meistersingern von Nurnberg" gefolgt, aber sie taten es 
augenscheinlich in einer intelligenten Form, seitdem sie vor 
Verfolgung sicher waren. In diesem Zusammenhang diirfte ein 
detailliertes Studium der Dokumente durch einige Experten sehr 
lohnend sein. Z. B. der Ausdruck „nach Deutschland" in NG-2262 
klingt fur mich ebenso sonderlich wie mir „to America" in einem 
offiziellen State Department Document erscheinen wurde, doch bin 
ich nicht der angemessene Richter in dieser Angelegenheit. In jedem 
Fall trugen Wagner und v. Thadden ein Wissen iiber die Existenz 
gefalschter Dokumente mit sich, was andere nicht besaBen. So war 
z. B. auch HoB in totaler Abhangigkeit von der Gnade der Alliierten. 
Ich habe nicht alle Dokumente der NG-Serie gepriift; deren gibt es 
mehr als 5.000. Und daher kann ich nicht die Moglichkeit oder sogar 
Wahrscheinlichkeit zuruckweisen, daB daruber hinaus noch weitere 
existieren. Es ist auch moglich, daB einige auch mit einigem 
Gekritzel versehen worden waren, von dem man dann sagte, es seien 
Initialen, worauf ich keine unmittelbare Antwort weiB. Jedoch hat 
das Studium der Dokumente recht tiefschurfend zu sein, will man 
den Forschungszweck erreichen. Ich ging weit iiber jene Dokumente 
hinaus, auf die Hilberg und Reitlinger verwiesen haben, weit genug, 
um mich dreimal von der grundlegenden Abhangigkeit zwischen 
diesen Belegunterlagen und der Nachkriegszusammenarbeit v. 
Thadden und Wagner mit den Alliierten zu vergewissern. 

Wagner und v. Thadden waren nicht die einzigen Deutschen, die 
mit den ungarischen Juden zu tun hatten und die auf geheimnisvolle 
Weise vor Verfolgung bewahrt geblieben waren. SS-General Otto 
Winkelmann, Hoher SS- und Polizeifuhrer fur Ungarn und 
Befehlshaber aller SS-Operationen in Ungarn, war ebenfalls ein 
Zeuge der Anklage im Fall 11. SS-Standartenfuhrer Kurt Becher, 
Reprasentant des SS-Fuhrungshauptamtes in Ungarn (und somit 
von Himmler), diente der Anklage beim IMT. In der Tat stand 
niemand dieser Fuhrungskrafte, die fraglos mit deutschen 
MaBnahmen gegeniiber den ungarischen Juden zu tun hatten oder 
hatten haben miissen, ganz gleich, um welche es sich immer 
gehandelt haben mag, vor Gericht in Nurnberg oder anderswo (mit 
Ausnahme von Eichmann). Eichmann wurde bei den Niirnberger 
Prozessen vermiBt, und die anderen legten fur die Anklage gegeniiber 
jenen Zeugnis ab, die allenfalls am auBersten Rande hatten beteiligt 
sein konnen. 

Niemand sollte iiberrascht sein, die schmutzigsten Praktiken 
hinter diesen Prozessen zu entdecken. Wir haben gesehen (vergl. 
S. 21 — 26), daB bei den Methoden, „Beweise" zu produzieren, keine 
ethischen Grenzen respektiert wurden. Wir sollten daher einen 



209 



scharferen Blick auf jene werfen, die mit dem Fall 11 beauftragt 
waren. Man erinnere sich, daB es sich nicht um einen wirklichen 
„Anklage"-ProzeB gehandelt hat, mit dem ein groBes Gericht 
befaBt war, und die Anklagebehorde — wie man sich beim Lesen des 
Buches von DuBois vergewissern kann — in jedem einzelnen Fall 
selber dariiber entschied, wer vor Gericht gebracht wurde — und 
unter welchem Vorwand. 

Der WilhelmstraBen-ProzeB war nicht recht vergleichbar mit den 
anderen vom NMT durchgefuhrten Verfahren. Alle anderen hatten 
einen besonderen Zweckcharakter, wie die Aufstellung auf S. 16 
zeigt. Der Minister- oder WilhelmstraBenfall glich etwas einem 
„kleinen IMT", d. h. ausgewahlte Leute von deutschen Ministerien 
wurden vor Gericht geschleppt, und der ProzeB hatte einen 
entsprechend weiten Umfang. So wurde er in eine Sektion 
„Wirtschaftsministerien" und eine Sektion „politische Ministerien" 
aufgeteilt, von denen jede ein anderes Strafverfolgungspersonal hatte. 

Die fur unser Anliegen wichtige Sektion und der politisch in der 
Tat wichtigste Fall, der vor das NMT kam, war die „ Sektion 
politische Ministerien" des Falles 11, dessen Hauptanklager Robert 
M. W. Kempner war, der bereits zur historischen Figur geworden ist. 
Es erscheint nutzlich, hier eine kurze Zusammenfassung von den 
„Hohepunkten" seiner Karriere zu prasentieren. 

Kempner, ein Jude, war im Jahre 1899 in Deutschland geboren, 
studierte Jura und war in den Zwanziger Jahren im PreuBischen 
Innenministerium tatig. In den Jahren 1928 — 1933 war er 
Chefberater der PreuBischen Staatspolizei (unter dem In- 
nenminister) und spezialisiert auf die Ursachenforschung fur das 
Emporwachsen der NSDAP. Er wurde in seiner Eigenschaft als 
Beamter der Staatsanwaltschaft in Berlin und nachfolgend als 
Justiziar der preuBischen Polizei ein Anti-Naz^Kreuzfahrer und 
hatte damals energisch, allerdings ohne Erfolg, versucht, die NSDAP 
auf Gesetzeswege auszuschalten und Hitler als „lastigen Auslander" 
auszuweisen. 

Als die Nationalsozialisten 1933 die Regierung in Deutschland 
ubernahmen, wurde er entlassen, kurzfristig verhaftet, doch konnte 
er, obgleich er Jude war, seine Rechtsanwaltpraxis fur kurze Zeit als 
Berater fur internationales Recht und judische Wanderungsprobleme 
und auch fur die deutsche Taxifahrerorganisation fortsetzen. 1935 
ging er nach Italien und nahm an einer kleinen Schule in Florenz eine 
Verwaltungs- und Lehrstelle fur politische Wissenschaften an. Die 
MussoliniJ^.egierung schloB die Schule im Jahr 1938. Die Schule, so 
auch Kempner, siedelte nach Nizza/Frankreich um. Bei der Schule 
blieb er jedoch nicht mehr lange und emigrierte im Jahre 1939 in die 
Vereinigten Staaten. Seine Mutter hatte bereits eine 
Forschungstatigkeit an der Universitat von Pennsylvania, und es 
scheint, daB sie ihm eine Forschungs-Assistentenstelle an jener 
Universitat verschafft hat. 18 

Er nahm unmittelbar seinen Anti-NaziJAreuzzug wieder auf. 
Irgendwie hat er es fertiggebracht, aus Deutschland einige 
preuBische Polizeiunterlagen herauszuschmuggeln, zu denen er 
Beitrage geliefert hatte, und diese wurden die Ausgangsbasis fur ein 
Buch, das er 1943 privat herausgab. In dem Buch versuchte er 
oberflachlich aufzuzeigen — aufbauend auf seinen Erfahrungen — , 
was in und mit Deutschland nach dem Krieg getan werden musse, um 



210 



den Nationalsozialismus dauerhaft auszumerzen. Es erreichte keine 
weite Verbreitung, doch zusammen mit einigen anderen Biichern 
und Artikeln, die er schrieb, errang er sich den Ruf eines Experten 
zur „Bekampfung der Nazis". Auch einige Schallplattenaufnahmen 
von Konferenzen hoherer NS-Fiihrer hat er herausgeschmuggelt. 
Diese waren von der PreuBischen Polizei wahrend seiner Dienstjahre 
erstellt worden. Er stiftete sie der Universitat von Pennsylvania. 
Ebenfalls schrieb er in beachtlichem Umfang „Anti-Nazi-Briefe" an 
die Zeitungen. Als sich der Krieg dem Ende zuneigte, schrieb er, daB 
die „ Nazi Jjuhrer" in den U.S.A. vor Gericht gestellt werden sollten, 
und zwar vor ordentliche Gerichte der U.S.A. In der Zwischenzeit 
hat er die us-amerikanische Staatsbiirgerschaft erhalten. 19 

Wahrend des Krieges arbeitete er sowohl fur das US-Justizmin- 
isterium als auch fur den OSS (US Office of Strategie Services, den 
Vorganger des CIA. den amerikanischen Geheimdienst). Das OSS 
beauftragte ihn mit Anfertigen von Listen Deutscher „Anti-Nazis", 
die von der kunftigen Besatzungsregierung in Deutschland mit 
Posten betraut werden konnten. Er war einer aus einer groBen 
Gruppe deutscher Juden in dem OSS (zu ihnen gehorte z. B. auch 
Herbert Marcuse). 

Zum Kriegsende wechselte Kempner zum Kriegsministerium iiber 
und begleitete die US-Army bei ihrem Einmarsch nach Deutschland 
„auf der Besoldungsliste des Obersten Generalrichters" (Judge 
Advocate General). Vor Eroffnung des IMT-Tribunals dient er in 
einer kaum bedeutenden Rolle als Verbindungsmann der 
Staatsanwaltschaft mit Beratern der Verteidigung. Spater wurde er 
der Abteilung zugeteilt, die die US-Anklageschriften gegen die 
einzelnen Angeklagten erstellte. Wahrend des Tribunals war er ein 
offensichtlich einfaches Mitglied des Strafverfolgungspersonals und 
spezialisiert fur die Strafverfolgung des Reichsinnenministers Frick. 
Es scheint nicht, daB er besonders prominent gewesen sei, obgleich 
er unmittelbar nach dem ProzeB einen Magazin-Artikel iiber die 
groBe Arbeit des Militartribunals im Hinblick auf die Erziehung der 
Deutschen an die „New York Times" geschrieben hat. Die Totung 
der deutschen militarischen und politischen Fuhrer war noch nicht 
ausgefuhrt worden, als er bereits mit groBer Genugtuung 
voraussagte, daB die „verdammten Nazis" in unbekannten Grabern 
begraben wiirden, „um fanatische Pilgerfahrten von noch 
begeisterten Nazis von vornherein zu vereiteln". In der Tat war die 
schlieBliche Handhabung noch hysterischer, denn die Korper von 
Goring u. a. wurden fotografiert (um anschlieBend in der Presse und 
im Film hamisch kommentiert zu werden), dann in US- 
Armee-Uniformen gesteckt, geheim nach Dachau verbracht und 
dort eingeaschert. Die Asche wurde dort in den FluB gekippt. 20 

Als er 1947 die Verantwortung im Fall 11 ubernahm, stand 
Kempner den Nachrichten zufolge in einem verwandtschaftlichen, 
aber nichts desto weniger hoch wichtigen Zusammenhang mit 
unserem Untersuchungsgegenstand. In den Jahren 1943 und 1944 
sind im „Land der freien Presse" einige „Prozesse wegen 
Volksverhetzung" gegen Amerikaner durchgefuhrt worden, deren 
Ansichten iiber die US-Regierungspolitik als unwillkommen 
betrachtet wurden. Der US-Anklager war O. John Rogge, ein Mann 
aus Ohio, von dem seine Familie wie auch Freunde schon in seiner 
Jugend erwartet hatten, daB er Beamter wurde. Er wurde statt dessen 



211 



Jurist, und es wird berichtet, daB er es an der Harvard Justiz-Schule 
zur brillanten Vollendung gebracht habe. Generalstaatsanwalt Biddle 
wahlte inn aus, um den „Volksverhetzungs"-Fall zu verfolgen. Er 
loste William P. Maloney ab, dessen Methoden Proteste von 
verschiedenen einfluBreichen KongreBmitgliedern ausgelost hatten. 
Die Verfahrensweise betraf 30 Angeklagte und stand in 
vollstandigem Gegensatz zu den US-Verfassungsprinzipien. Sie 
wurden zufallig gegenstandslos als der Vorsitzende Richter im 
November 1944 starb und das ganze Verfahren fur fehlerhaft erklart 
wurde. Als die Regierung plante, den Fall wieder aufzugreifen, hatte 
das Oberste Gericht ein anderes Urteil wegen Volksverhetzung 
aufgehoben, und groBe Zweifel stiegen im Justizministerium daruber 
auf, ob es weise sei, den Spektakel fortzusetzen. Wir hoffen, der 
Leser wird bei dieser langen Abweichung bei der 
„Volksverhetzungs" -Episode innerhalb der gegenwartigen 

Abweichung bei Kempner verharren, denn die zu ziehende 
SchluBfolgerung ist hochst wichtig. 21 

Rogge verlor das Interesse in dem „Volksverhetzungs"-Fall als 
solchem, doch verlor er nicht das Interesse an dem Generalthema 
einer inneren „faschistischen" Gefahr in den USA. Im Fruhling 1946 
ging er fur eine llwochige „Informations"-Sammlungsexpedition 
nach Deutschland und turmte einige angebliche Fakten aufeinander, 
die er in einem Bericht zusammenfaBte und dem Justizministerium 
gegen Ende des Jahres unterbreitete. Da jedoch seitens des 
Justizministeriums auf das von ihm eingereichte Material keine 
unmittelbare Reaktion erfolgte, wurde er ungeduldig, so scheint es, 
und konnte sich seinerseits nicht mehr zuruckhalten. Er entschloB 
sich daher herumzufahren und Vortrage zu halten, in denen er 
einiges von jenen „Informationen" ausplauderte, die er beim 
Ausfragen der Deutschen gesammelt hatte. In einer Rede beim B'nai 
B'rith in New York im Oktober 1946 berichtete er in sehr 
allgemeinen Redewendungen, daB die „Faschisten noch eine GroBe 
in der Welt und diesem Lande darstellen . . . Jetzt konnen die 
Faschisten noch spitzfindigere Verkleidungen vornehmen; sie 
konnen daherkommen und einfach sagen ,Ich bin ein Anti- 
Kommunist'. „Ein paar Tage spater prazisierte er noch sehr genauer, 
wovon er sprach. John L. Lewis, Prasident der Vereinigten 
Bergwerksarbeiter, und der alte William R. Davis, Grander und 
Unternehmer einer Olgesellschaft, habe, so erklarte er in einer Rede 
im Swarthmore College, mit Goring und Ribbentrop konspiriert, um 
Prasident Roosevelt in den Wahlen von 1936, 1940 und 1944 zu 
schlagen. Auf Grand des „Beweismaterials", das er in Deutschland 
erlangt habe, konnten andere prominente Amerikaner nach Ansicht 
der „ Nazis gegen die Kriegsteilnahme der Vereinigten Staaten 
organisiert werden" einschlieBlich, so sagte er, Senator Burton K. 
Wheeler, der fruhere Vizeprasident John N. Garner, der fruhere 
Prasident Herbert Hoover und der GroBe Flugelmann der 
Demokraten James A. Farley. Rogge hat einiges von seinem Material 
ebenfalls an Drew Pearson gegeben, und es erscheint in Pearsons 
Leitartikel zu ungefahr der gleichen Zeit. Fur solche flagrante 
Verletzung der Regeln und Normen des Justizministeriums und des 
juristischen Berufes und auch vermutlich, weil er auf einige wichtige 
politische Zehen getreten ist, wurde Rogge unverzuglich vom 
Generalstaatsanwalt Clark aus dem Justizministerium entlassen. 



212 



Rogge verteidigte sein Handeln, indem er erklarte, daB er alles in 
allem lediglich „ein Studium des internationalen Faschismus 
durchgefiihrt habe, denn die Leute, iiber die Nachforschungen 
angestellt wurden, sind ein Teil einer internationalen Bewegung, um 
die Demokratie sowohl hier als auch drauBen zu zerstoren". Wieder 
wurde er konkret : zwei der Leute, denen er die Drohung „Faschist" 
zu sein, entgegenhielt, waren Dr. Douglas MacCollum Stewart und 
Mr. George T. Eggleston, seinerzeit ein Redaktionsmitglied des 
„Reader's Digest". Rogge sagte, daB er in Deutschland Infor- 
mationen iiber sie von fruheren deutschen Diplomaten erlangt habe, 
die vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor offizielle 
Verbindungen mit den USA hatten. Die „Prawda" beschrieb Rogges 
Entlassung als einen Skandal. 22 

Zur Zeit vor Pearl Harbor hatten Stewart und Eggleston in dem 
„Scribner's Commentator", der dafur eingetreten war, die USA aus 
dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten, publiziert. Wahrend des 
Jahres 1941 hatte Stewart eine groBe Summe Geld erhalten, 38.000 
Dollar, und konnte sich nicht erklaren, von wem. Er erzahlte den 
Untersuchungsrichtern beim „Volksverhetzungs"-ProzeB 

1943 — 1944, daB er dieses Geld in seinem Haus gefunden habe. Da 
eine solche Geschichte selbst fur einen unparteiischen Beobachter 
lacherlich anmutet, wurde er vom Staatsanwalt und auch vom 
Richter wegen dieser Auskunft angegriffen. Seine Weigerung, die 
Aussage zu andern, fuhrte zu einer 90tagigen Gefangnisstrafe wegen 
Verachtlichmachung des Gerichts (er wurde nach 75 Tagen 
begnadigt). 

Im Verlaufe des Jahres 1946 wurde man im Justizministerium 
— einschlieBlich sogar Rogge — davon iiberzeugt, daB 
„Volksverhetzungs"-Vorwurfe bei Gericht keine Aussicht auf 
Erfolg hatten, so daB der Fall, der 1943 eroffnet worden war, 
schlieBlich abgeschlossen wurde. Dennoch stand nach wie vor 
Stewarts Aussage im Raum, was eine gute Grundlage fur ein 
Meineidverfahren zu sein schien. So wurde Stewart im Marz 1947 
der ProzeB gemacht wegen Meineides, den er vor dem obersten 
Kriegsgericht geleistet habe. 

Die Staatsanwaltschaft trug vor, daB Stewart 15.000 Dollar von 
den 38.000 Dollar von der deutschen Regierung erhalten habe, und 
gab zwei Zeugen zum Beleg fur diese Behauptung an. Baron Herbert 
von Strempel, fruherer Erster Sekretar in der deutschen Botschaft in 
Washington, bezeugte, daB er Stewart gegen Ende 1941 15.000 
Dollar im Hotel Pennsylvania in New York gegeben habe. Das Geld 
habe er, wie er sagte, von Dr. Hans Thomsen, dem deutschen 
Botschaftsrat, erhalten. Thomsen bezeugte dann die Geschichte von 
Strempel. Die Zeugenaussage von Strempel und Thomsen war in 
der Tat die Konsequenz jener Information, die Rogge auf seiner 
Expedition in Deutschland 1946 gesammelt hatte. 

Stewarts Verteidigung legte jedoch Beweise dafur vor, daB er 
1941 groBe Summen Geld von amerikanischen Quellen bekommen 
hatte. Sie trug vor, daB einige wohlhabende Amerikaner seinerzeit 
den starken Angriffen ausgesetzten Kurs, die USA aus dem Kriege 
heraus zu halten, anonym unterstiitzen wollten, so daB sie Stewart 
anonyme Geldzuwendungen machten. Ob diese Behauptung einen 
Wahrheitsgehalt hatte oder schlechthin die Wahrheit war, daB 
Stewart in der Tat das Oberste Kriegsgericht angelogen hatte 



213 




Abb. 21 : Tiir der Desinfektionskammer von Dachau 



214 



insofern, als er nicht die Identitat seiner amerikanischen Geldgeber 
preisgegeben hatte, ist fur unsere Angelegenheit kaum wichtig. 
Beachtlicher hingegen war das Kreuzverhor der Verteidigung, dem 
die deutschen, von der Anklagevertretung bestellten Zeugen 
unterzogen wurden. Denn die Verteidigung war in der Lage, die 
Anklage zu diskreditieren, indem sie nachwies, daB die 
Zeugenaussagen erpreBt worden waren. Baron von Strempel sagte 
aus, daB er in Hamburg von zwei britischen Agenten verhaftet 
worden war, die, nachdem er sie nach ihrem Haftbefehl gefragt 
hatte, „lachten, ihre Gewehre von ihrer Schulter nahmen und 
erklarten, dies sei ihr Haftbefehl". Dann verbrachte er vier Wochen 
in einem amerikanischen Vernehmungszentrum und weitere sieben 
Monate in einem abgeschlossenem Lager, wo er weiterhin 
andauernden Verhoren ausgesetzt gewesen ist. „Niemals war seine 
Gesundheit so schlecht wie in dieser Zeit". Er wurde verhort — von 
Robert M. W. Kempner — , aber wiinschte nicht, dariiber zu sprechen. 
Richter Laws war gezwungen, Herrn von Strempel darauf 
hinzuweisen, daB er die Fragen des Verteidigers Magee iiber diese 
Seite seiner Erfahrungen zu beantworten habe. SchlieBlich sagte er, 
daB Kempner ihm gesagt habe, wenn er „irgendwelche Vorgange in 
der Botschaft verheimliche", er vor Gericht gestellt und zum Tode 
verurteilt werden wurde. Dann erzahlte er die ganze Geschichte. 
Unaufhorliche, intensive Befragungen durch die Vernehmer 
erzeugten in ihm ein Gefuhl, als sei er hypnotisiert worden. O. John 
Rogge wurde einer jener Vernehmer Strempels in Deutschland. 
Wahrend der Vernehmung durch Rogge wurden ihm, wie er sagte, 
seine Krawatte und seine Schnursenkel abgenommen, dann wurde er 
in Einzelhaft gesteckt, den ganzen Tag ohne Nahrung unentwegt 
ausgefragt und stand „die ganze Zeit unter Zwang". Er gab zu, daB er 
eine Aussage unterzeichnet habe, sagte jedoch, daB dies aus Furcht 
vor weiterer Einzelhaft geschehen sei. Er machte diese fur den 
Staatsanwalt so vernichtende Zeugenaussage, trotz der Tatsache, 
daB die Vereinigten Staaten ihm 70 Dollar pro Woche zahlten, 
zusatzlich Hotelkosten im Zusammenhang mit seinem Erscheinen 
als Zeuge gegen Stewart. Es gab freilich trotzdem noch eine 
Vergeltungsmoglichkeit fur die Vereinigten Staaten, namlich einige 
Arten von „Kriegsverbrecher"-Beschuldigungen gegen Strempel 
zu erheben. GleichermaBen wurde Thomsen dem Kreuzverhor 
unterworfen. Er gab dann zu, Strempel habe ihm von der 
Todesdrohung berichtet, und erklarte weiter, Rogge habe ihm 
„Anweisungen gegeben", sich an bestimmte Details zu erinnern. Das 
Gericht fand Stewart fur unschuldig. So erschien Kempner bereits 
vor Beginn des Falles 11 in den Zeitungen. 23 

In Prufung der Volksverhetzungs-Affare sind wir daher dem 
WilhelmstraBen-ProzeB in einer Art und Weise begegnet, daB 
Kempner die Bildflache als Vernehmer und Hauptverfolger 
eingesperrter fruherer Beamter des deutschen Auswartigen Amtes 
betrat. Der Zusammenhang mit Fall 11 gibt sogar noch mehr her, 
seitdem Stewarts Verteidiger im ProzeB 1947, Warren E. Magee, 
kurze Zeit spater Mitberater von Baron von Weizsacker, dem 
Hauptangeklagten im Fall 11, wurde. Wir haben daher den 
ungewohnlichen Tatbestand, daB zwei in den Fall 11 verwickelte 
Seiten nahezu gleichzeitig in einem regularen US-Verfahren gegen 
einander standen und daB das Vernehmungsergebnis gefangener 



215 



Deutscher von der Verteidigung erfolgreich widerlegt worden ist. 
Dieses ist eine auBergewohnliche und wichtige Bestatigung jener Art 
von Aktivitat, die wir bei den Beweisunterlagen schon angedeutet 
haben. Dies muB auch hinter den Kulissen des NMT durchgesickert 
sein, — Zuckerbrot- und Peitschentaktik verschiedener Arten 
einschlieBlich sogar in einigen Fallen Dritte-Grad-Methoden (um 
korrekt zu sein, konnte man nicht in alien Fallen die Beweismittel als 
„erzwungen" ausgeben). 

Magees Erfolge auf dieser Linie waren iiberdies mit dem 
Stewart-ProzeB noch nicht beendet. In einer anderen 
auBergewohnlichen Personenauswahl fiir einen Zeugen der Anklage 
benutzt Kempner Friedrich Gaus, der den Ruf hatte, „Ribbentrops 
boser Geist" gewesen zu sein. Er wurde Hauptzeuge der Anklage 
gegen v. Weizsacker, nicht etwa Angeklagter. Magee hatte auch dank 
seiner Eigenschaft als Amerikaner augenscheinlich Zugang zu 
Dokumenten, die deutschen Rechtsanwalten vorenthalten wurden. 
So war er in der Lage, dem Gericht nachzuweisen, daB Kempner 
Gaus gedroht hatte, ihn an die Russen auszuliefern, wenn Gaus nicht 
mit der Anklagebehorde zusammenarbeite; — eine haufige und 
wirksame Drohung, welche in verschiedenen Variationen 
verabreicht wurde. Hafliger, einer der Angeklagten im Fall 11, war 
Schweizer Burger, doch wurde ihm vom Vernehmer Sachs unter 
Bezugnahme auf seine Aussage vor Gericht gesagt, daB, sollte er auf 
seiner Schweizer Staatsburgerschaft bestehen bleiben, er den Russen 
ausgeliefert werden wurde. Und Sachs bedeutete ihm nachdrucklich, 
daB es keine diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und 
der UdSSR gebe. Ein Weiteres : v. Thadden gestand im Kreuzverhor 
durch den Verteidiger Dr. Schmidt-Leichner ein, daB Kempner im 
Zusammenhang mit einer Exekution, die vermutlich deutsche 
Kommandofuhrer in Frankreich durchgefuhrt haben, 

„mir zu verstehen gegeben hat, daB es fur mich zwei Moglichkeiten gabe, 
entweder zu bekennen oder den franzosischen Behorden ubergeben und vor 
ein franzosisches Tribunal gestellt zu werden, wo das Todesurteil fur mich 
sicher ware. Mir wurde eine Uberlegungszeit von 24 Stunden gewahrt, 
innerhalb derer ich mich zu entscheiden hatte." 

Ein Schweizer Journalist schrieb seinerzeit, daB Kempner und 
Kollegen versuchten, „den Nazismus als ein Gebrau der oberen 
Klassen zu entstellen", um die Sozialstruktur Deutschlands, wie sie 
vor dem Nationalsozialismus herrschte, zu zerstoren. 24 

Rogge hatte eine lange und interessante Karriere, doch wurde eine 
grundliche Zusammenfassung zu weit abfuhren. Um ihm gegeniiber 
fair zu sein, sollten wir sagen, daB sein Verhalten im Zusammenhang 
mit den „Volksverhetzungsverfahren" einen nicht verleiten sollte 
anzunehmen, daB er im Hinblick auf die personlichen Freiheiten 
gefuhllos ware. Denn als die ersten Nachkriegsschritte fiir ein 
antikommunistisches inneres Sicherheitssystem unternommen 
worden waren, begann er aufzuschreien iiber die „Treibjagden", und 
in den folgenden Jahren wurde er Vorsitzender „of the N.Y. State 
(Henry) Wallace for President Committee", eine logische 
Ernennung, weil Rogge alles das verkorperte, was im Zuge der 
Annaherung im Handeln mit der Sowjetunion ungewohnlich war. 
Von der linksbeflugelten „ Nation" wurde er 1950 als „der einzig 



216 



Unabhangige in verschiedenen kommunistischen Kongressen, 
Komitees und Delegationen" charakterisiert. Im Marz jenen Jahres 
reiste er nach Moskau, um am „WeltkongreB der Partisanen des 
Friedens" teilzunehmen. Er erklarte den Sowjets, daB der Kalte 
Krieg gleichermaBen ein Fehler beider Seiten sei, und stand bei 
einem offiziellen Treffen im Kreml auf und zitierte Thomas 
Jefferson, ein Verhalten, das von seinen sowjetischen Gastgebern gar 
nicht geschatzt wurde. Die „Nation" kommentierte weiter, daB 2B 

„es leicht sei, O. John Rogge als einen weltfremden Wichtigtuer, einen geistig 
zerfahrenen Liberalen abzustempeln, der sosehr den Kontakt mit der Realitat 
verloren habe, daB er glaube, die Ubel dieser Welt seien lediglich das Ergebnis 
unglucklichen MiBverstehens ... Er hat gezeigt, warum die russischen 
Herrscher sogar ihre eigenen Anhanger, die Kontakt mit dem Westen haben, 
mit Argwohn betrachten." 

Zuriick zu Kempner. Als im Jahre 1949 die Bonner Regierung 
konstituiert wurde, warnte er vor einem dort neu aufkeimenden 
„Nazismus". Solch ein Blick hinderte ihn jedoch zwei Jahre spater 
nicht, als Reprasentant Israels in Bonn Verhandlungen iiber die 
Wiedergutmachung gegeniiber den Juden zu fuhren. Schon im 
nachsten Monat griff er die Begnadigungen und die Herabsetzung 
von Urteilen gegeniiber den „Kriegsverbrechern" an, die von den 
Vereinigten Staaten gewahrt worden waren. 26 

Als nachstes erschien Kempner im Zusammenhang mit der im 
Jahre 1952 vom US-Senat durchgefuhrten Untersuchung des 
Massenmordes von Katyn (1940), der ein allgemein bekanntes 
sowjetisches Verbrechen, dessen Handhabung durch das IMT voiles 
Licht auf die Absurditat wirft, die Behauptungen des Tribunals zu 
respektieren, noch einmal als Verbrechen Stalins bestatigt hat. 

Am 13. April 1943 verkiindeten die Deutschen, daB im Wald v. 
Katyn nahe der Stadt Smolensk (ungefahr in der Mitte zwischen 
Minsk und Moskau) Massengraber entdeckt worden sind von rund 
10.000 durch die Russen im Jahre 1939 gefangen genommenen 
polnischen Offizieren. Vier Tage spater verkundete das 
Verteidigungsministerium der Polnischen Exilregierung in London, 
daB es das Internationale Rote Kreuz um eine Untersuchung 
ersuchen werde. Die Deutschen unterstiitzten diesen Vorschlag, die 
Sowjets jedoch widersprachen ihr, erklarten die Londoner Polen zu 
„Kollaborateuren Hitlers" und brachen am 26. April 1943 die 
diplomatischen Beziehungen mit ihnen ab. 

Infolge der sowjetischen Opposition weigerte sich das Rote Kreuz, 
die Untersuchung vorzunehmen. Jedoch legte die Reichsregierung 
die Massengraber von Katyn offen und ermoglichte verschiedenen 
Parteien Polens, einer Gruppe auslandischer Korrespondenten, auch 
deutschen Journalisten, Abordnungen britischer und 

amerikanischer Kriegsgefangener, einer technischen Abteilung des 
Polnischen Roten Kreuzes sowie einer internationalen 

Expertenkommission von Gerichtsmedizinern, die Graber zu 
inspizieren. Diese Kommission schloB ihre Untersuchung mit einem 
Bericht ab, der absolut sicher unter Beweis stellte, daB diese 
polnischen Offiziere von den Sowjets vor Ausbruch des deutsch- 
sowjetischen Krieges im Juni 1941 ermordet worden waren. 



217 



Anfangs als die Graber entdeckt worden waren, verwendete die 
deutsche Propaganda die Zahlen 10.000 und 12.000, da man die 
annahernde Zahl der in sowjetische Gefangenschaft geratenen 
polnischen Offiziere kannte. Und diese Zahlen wurden im Kriege 
auch am meisten verbreitet. „Konsequenterweise" beschuldigte die 
Anklage des IMT die Deutschen der Ermordung von 11.000 
polnischen Offizieren bei Katyn, obgleich im Jahre 1943 nur 4.253 
Opfer freigelegt worden waren. Diese Zahl war seinerzeit von 
Berlin zwar auch publiziert, doch nicht so groB herausgestellt 
worden, wie die erstere Zahl, wobei allerdings zu erganzen bleibt, 
daB von den iibrigen, nicht aufgefundenen polnischen Offizieren 
niemals mehr ein Lebenszeichen vernommen worden ist, so daB mit 
Sicherheit zu unterstellen ist, daB sie demselben sowjetischen 
GenickschuB-Kommando zum Opfer gefallen sind. 

Was beim IMT im Hinblick auf diese Anklage geschah, illustriert 
den Hohn gegeniiber einer auch nur annahernd legalen 
Gerichtsbarkeit. Nun, die Zeugenaussage eines Mitgliedes der 
Gerichtskommission war naturlich von Interesse. So zogen die 
Sowjets Professor Marko Markov heran, einen Bulgaren, der zu den 
Unterzeichnern des Kommissionsberichtes gehorte. Bulgarien stand 
nunmehr unter sowjetischer Kontrolle, was zur Folge hatte, daB 
Markov seine Meinung geandert hatte. Neuerdings bezeugte er die 
sowjetische Version, daB die Deutschen ihn eingeschuchtert hatten 
und er nur deshalb seinerzeit dem Kommissionsbericht zugestimmt 
hatte. 27 

Auf der anderen Seite beantragte Gorings Verteidiger, den 
Vorsitzenden der damaligen Kommission, Professor F. Naville, zur 
Zeugenaussage vor das IMT zu laden. Nun konnte man erleben, wie 
wirkungslos das Tribunal war, die Wahrheit zu ermitteln, selbst wenn 
sich einzelne Mitglieder darum bemuht haben mogen : Naville war 
Schweizer, lebte in Genf und konnte nicht gewaltsam zur Aussage 
gezwungen werden, und in der Tat lehnte er ab. Sein Motiv liegt auf 
der Hand. Der Verteidiger von Generalfeldmarschall Keitel bat 
ebenfalls, daB Naville — der gleichzeitig Reprasentant des 
Internationalen Roten Kreuzes war — einige Fragen beantworte (in 
bezug auf eine andere Angelegenheit), was ihm schriftlich 
unterbreitet werden konnte, doch kam auch diese Befragung nicht 
zustande. So war das IMT von seiner Zusammensetzung her 
gegeniiber Zeugen aus neutralen Landern voreingenommen und 
unfahig oder auch Unwillens, sich durchzusetzen. Die Verteidigung 
konnte schlieBlich nur drei deutsche Soldaten als Zeugen 
heranziehen, mehr wurden nicht zugelassen. 28 

Die Entscheidung des Tribunals im Fall Katyn war eine Schande 
sogar unabhangig von dem Sachverhalt : In aller Stille wurde der Fall 
beiseitegeschoben und erscheint nicht mehr im Urteil. Weder 
wurden die Deutschen fur „schuldig" noch fur „ nicht schuldig" an 
diesem sowjetischen Verbrechen befunden. 

Das US-Reprasentantenhaus, das im Jahr 1952 den Katyn- 
Massenmord erneut untersuchte, beauftragte ein Un- 

tersuchungskomitee, in Frankfurt/Main entsprechende Befragungen 
durchzufuhren. Angehort wurden Vertreter der Anklagebehorde des 
IMT, aber auch der Verteidigung, so z. B. auch Dr. Otto Stahmer 
(Verteidiger von Hermann Goring). Uberraschenderweise wahlte das 
Komitee als Sprecher fur die amerikanische Anklage den Robert 



218 



M. W. Kempner aus, obwohl es hierfiir keinen hinreichenden Grund 
gegeben hat. Als einziges Mitglied der Anklage beim IMT wurde der 
Richter Jackson vom Komitee befragt, doch brachte sein Erscheinen 
im November in Washington fur die Sache nichts. 

Dem Bericht iiber die offentlichen Befragungen zufolge erklarte 
Kempner, daB das Katyn-Massaker gemaB des Verstandnisses des 
Anklagepersonals „eine eindeutige russische Affare gewesen sei . . . 
Die Russen hatten sie von Beginn an richtig in die Hand 
genommen . . . wir hatten sowieso kein Recht, uns da 
einzumischen". Nichtsdestoweniger errang Goring — Kempner 
zufolge — nach Anhorung der Zeugen in diesem Fall einen Sieg. So 
stellte das Fehlen des Falles Katyn im IMT-Urteil die Integritat der 
Niirnberger Prozesse in Frage, und diese Erkenntnis schwang auch in 
den Fragen der Komitee-Mitglieder mit. Kempner wurde iiber seine 
mogliche Teilnahme bei der Hinterkulissen-Tatigkeit des US- 
Anklagestabes in Sachen Katyn befragt, und er leugnete, daB es eine 
solche geheime Absprache zwischen irgendjemandem auf der 
amerikanischen und der russischen Seite gegeben habe. 29 

Die „New York Times" berichtete, der Ton der Frankfurter 
Anhorung machte deutlich, daB „die Prinzipien, die das 
ProzeBgeschehen in Niirnberg beherrschten, in Frage gestellt worden 
waren. Beamte der Vereinigten Staaten driickten privat Bedenken 
iiber die Situation aus". 30 In der „ Chicago Tribune" wurde eine 
Geheimsitzung in der Nacht vor der Anhorung zitiert, in der 
Kempner zugegeben habe, daB das US-Anklagepersonal beim IMT 
Beweise dafur in der Hand gehabt hat, denen zufolge die Sowjets die 
Katynmorde begangen haben. 

Das Komitee fur die Massaker im Wald von Katyn gelangte zu dem 
SchluB, daB die US-Regierung die Wahrheit iiber Katyn sowohl 
wahrend des Krieges als auch unmittelbar danach unterdriickt hat. 
Im besonderen verschwand ein Bericht von Oberstleutnant John H. 
Van Vliet, Jr., einem jener amerikanischen Kriegsgefangenen, der als 
Zeuge bei den Massengrabern zugegen gewesen ist, „ sowohl bei den 
Unterlagen der Armee als auch beim State Department". Ebenfalls 
wurde herausgefunden, daB die Federal Communications 
Commission (BundesnachrichtenvermittlungsJ^ommission) die 

Rundfunkstationen eingeschuchtert hat, um Kritik an den Sowjets 
zu unterdriicken. 31 

In den Jahren nach 1952 gab es fur Kempner im Hinblick auf die 
„ Nazis" wenig zu tun, doch anlaBlich der Eichmann-Affare war er 
wiederum ganz in Aktion und diente der Israelischen Regierung als 
Berater im Sammeln von Beweismaterial fur den ProzeB. Er steuerte 
fur die „Yad Vashem Studies" einen Beitrag fur die Methoden bei, 
„ Nazis bei Gericht auszuquetschen", und er veroffentlichte in 
Deutschland ein Buch, das alte Propagandamythen wieder 
auffrischte. 1972 bestatigte er das Material, demzufolge sich Martin 
Bormann in Argentinien befinden solle, und forderte die Vereinigten 
Staaten auf, auch die anderen Alliierten, den BormannJjall im 
Rahmen des „Internationalen Militartribunals" erneut 

aufzurollen. 32 Bormann war letztmalig beim Endkampf in Berlin 
1945 in der InvalidenstraBe gesehen worden; das IMT hat ihn in 
absentia zum Tod verurteilt. 

An SchluBfolgerungen konnen fur Kempners Karriere gezogen 
werden : (1) Er ist als fanatischer „Anti-Nazi" zu charakterisieren, 



219 



der in den zwanziger Jahren diesen Weg bereits begonnen hatte, als 
die Nationalsozialisten sicherlich nicht krimineller waren, als andere 
Gruppen auf der gewalttatigen und chaotischen deutschen 
politischen Biihne (die Kommunisten und Sozialdemokraten hatten 
ebenfalls Privatarmeen!) (2) Er war eine wichtige Figur in den 
Prozessen, die die Vereinigten Staaten in Niirnberg durchgefuhrt 
haben. Die Presse beschrieb ihn gegen Ende des IMT als „Jacksons 
Experten in deutschen Angelegenheiten" und als den „Chef der 
Ermittlung und Forschung fiir . . . Jackson". 33 SchlieBlich 
ubernahm er die wichtigste Anklage beim NMT — WilhelmstraBen- 
ProzeB — . Zwar war James M. McHaney Vorsitzender jener 
Abteilung, die die Falle 1, 4, 7, 8, 9, 12 vorbereitete, doch beschreibt 
die Enzyklopadie Judaica Kempner als „ Chefanklager" bei den 
NMTJ?rozessen. 34 

(3) Gibt es gute Griinde dafur, daB Kempner die Macht, die er bei 
den Militartribunalen hatte, miBbraucht und mit ungehorigen 
Mitteln — einschlieBlich Drohungen und Zwangsmittel — 
„Beweise" produziert hat. Der Stewart-Fall macht diese 
SchluBfolgerung zwingend. Kempner war es auch, der Macht iiber 
Leben und Tod von Eberhard v. Thadden und Horst Wagner hatte. 

Kempner — WilhelmstraBenprozeB — Judenschicksal in Ungarn 
1944 — Dokumente — fragwurdige Zeugen — E. v. Thadden und 
Horst Wagner — dies alles stellt einen unverkennbaren 
Zusammenhang dar. Es ist offensichtlich, daB jeder, der die 
Authentizitat der UngarnJoezogenen Dokumente, aus denen die 
Vernichtung der Juden zu folgern ware, aufrechterhalten will, 
gezwungen ist, eine gequalte Geschichte zu produzieren, deren 
Struktur wir nicht einmal in den Ansatzen Glauben schenken 
konnen. (vergl. letzte Anm. d. U. S. 382 unten) 

Eine andere Person, die in den Dokumenten erwahnt ist, ist 
Veesenmayer, der im Zusammenhang mit einigen dieser Dokumente 
befragt wurde. Die Generallinie, die er bei seinen Aussagen einnahm, 
war mit Blick auf das erstrebte Ziel vernunftig : Freispruch oder 
mildes Urteil. Seiner Darlegung zufolge hatten die erwahnten 
MaBnahmen gegeniiber den ungarischen Juden zu jener Zeit 
keineswegs die Bedeutung, wie sie ihnen nachtraglich unterstellt 
wiirden. Er bekundete, daB er am Tag oft 20 Anweisungen, im 
Verlauf eines Monats sogar vollig widerspruchliche, erhalten habe. 
Seine Berichte waren von seinen Assistenten vorbereitet und von 
ihm nur fluchtig uberflogen und dann abgezeichnet worden. Als ihm 
Berichte mit seiner Unterschrift gezeigt wurden, wonach im April 
1944 zwei Transporte zu je 2000 Juden fiir den Arbeitseinsatz nach 
Auschwitz abgegangen seien, bemerkte er, daB er sich daran nicht 
genau erinnern konne, es aber durchaus moglich sei, er jedoch 
niemals gewuBt habe, was Auschwitz ware. Als ihm das Dokument 
NG-5567 vorgelegt wurde, demzufolge er am 17.6.1944 berichtet 
habe, daB 326.009 Juden von Ungarn deportiert worden seien, war 
seine Antwort ebenfalls „gut moglich". Er nahm keine feste Position 
in dieser Angelegenheit ein, weder eine bestatigende noch 
dementierende, und vermied, sich darin zu verstricken. Was 
Veesenmayer hingegen klar sagte, war, daB er mit der Evakuierung 
der Juden aus Budapest befaBt war, weil angesichts des Vormarsches 
der Roten Armee eine Revolte zu befurchten war. Gedrangt, sich 
naher dariiber auszulassen, erklarte er, daB 



220 



„in Praxis die Frage darin bestand, ob die Front halten wird oder nicht. Wenn 
Budapest revoltiert, wurde die gesamte Front aufgerollt werden . . . Wenn ich 
an solchen Gesprachen teilnahm, was ich nicht leugne, daB es moglich ist, 
dann nahm ich ausschlieBlich vom militarischen Gesichtspunkt daran teil : was 
kann ich tun, um die Ostfront so lange wie moglich zu halten? Nur von 
diesem Gesichtspunkt." 

Veesenmayer wurde zu 20 Jahren Gefangnis verurteilt, doch wur- 
de er Anfang 1952 wieder freigelassen. 35 

Eines scheint von den meisten Neuhistorikern — oder wie es so 
schon heiBt „Zeitgeschichtlern" — total vergessen zu werden : Da gab 
es Krieg wahrend des Zweiten Weltkrieges! Die Deutschen dachten 
daruber nach, wie dieser Krieg zu gewinnen ware, nicht iiber die 
Vernichtung der Juden! Die Behauptung von NG-2233, daB das 
Vernichtungsprogramm Vorrang beim Eisenbahntransportwesen 
vor der Beforderung von Waffen, Munition und Nachschub fur die 
Truppe gehabt habe, ist absolut lacherlich! 

Der Bericht des Roten Kreuzes iiber Ungarn erklarte, daB die 
grundsatzliche deutsche Politik im Jahre 1944 darauf abgezielt habe, 
die osteuropaischen Juden zu internieren, da sie ein Sicherheitsrisiko 
darstellten, als die Front naherruckte. So mogen die Dokumente, die 
iiber diesbeziigliche Konzentrationen von groBen Zahlen ungarischer 
Juden berichten, zuweilen korrekt sein. Dies entsprach auch der 
Politik in benachbarten Landern. Dennoch scheint es unwirklich, 
daB auch nur annahernd 400.000 zusammengefaBt worden sein 
sollen. Das wiirde eine ganz gewaltige Operation bedeutet haben. 

Ein Vergleich der Angaben des Roten Kreuzes mit den vorgelegten 
Dokumenten erweist zahllose dieser „ Dokumente" als Falschungen. 
Gluckiicherweise besitzen wir die zwei Bande umfassende Sammlung 
von Reproduktionen ausgewahlter Original dokumente : „The 
Destruction of Hungarian Jewry", hrsg. von Randolph L. Braham. 
Indem man die hier enthaltenen Dokumente priift und jene 
zuriickweist als Falschungen, die die angeblichen Verschickungen 
von 400.000 ungarischen Juden „belegen", erhalt man eine 
glaubhafte Geschichte. 

Am 14.4.1944 stimmte Ungarn der Deportation von 50.000 
arbeitsfahigen Juden fur den Arbeitseinsatz in Deutschland zu 
(S. 134, NG-1815). Am 19.4. fordert Veesenmayer Giiterwaggons 
an, deren Bereitstellung „den groBten Schwierigkeiten begegnet", — 
selbst fiir den Transport von 10.000 arbeitsfahigen Juden (S. 138, 
NG-5546). Am 27.4. notiert Veesenmayer den bevorstehenden 
Abschub von 4.000 arbeitsfahigen Juden nach Auschwitz (S. 361, 
NG-5535). Am selben Tag berichtet Ritter iiber Verzogerungen bei 
der Deportation von 50.000 Juden unter Hinweis auf Mangel an 
Eisenbahntransportgut (S. 362, NG-2196). Am 11. Juli verweist Vee- 
senmayer auf die Schwierigkeit, die Judenpolitik in Ungarn wegen 
der in Rumanien und der Slowakei vorherrschenden milderen 
Einstellung durchzufiihren (S. 194, NG-5586). Am 25.8 gibt 
Veesenmayer Himmlers Befehl durch, die Deportationen in Ungarn 
einzustellen (S. 481, keine Dok. Nr.), und am 18.10 berichtet 
Veesenmayer iiber die neuen Juden-MaBnahmen in Ungarn (S. 226, 
ohne Dok. Nr.); eine glaubhafte Geschichte, die mit dem Bericht des 
Roten Kreuzes ubereinstimmt. 



221 



Die Autoren des Schwindels haben auch hier beim Thema Ungarn 
in einen effektiven Tatbestand eine abwegige Interpretation 
eingestreut. Da gab es tatsachlich Deportationen von ungarischen 
Juden im Friihling 1944, u. a. auch nach Auschwitz. Jedoch waren 
die fur den Arbeitseinsatz gedachten Transporte sehr stark 
eingeschrankt durch das nicht integrierte europaische 

Eisenbahnnetz, und sie scheinen nicht auch nur in annaherndem 
MaBe wie ursprunglich geplant oder erwogen durchgefuhrt worden 
zu sein. 

Die deutsche Politik den Juden gegeniiber war jedoch nicht allein 
auf deren Arbeitseinsatz abgestellt, sondern es wirkte auch weiterhin 
der Gedanke an eine Auswanderung bzw. Aussiedlung nach. Die 
Vorkriegspolitik Deutschlands, die auch in gewissem MaBe in den 
ersten Kriegsjahren fortgesetzt wurde, bestand darin, mit alien 
Mitteln eine Auswanderung der Juden zu ermutigen. Nachdem 
jedoch aus dem Krieg ein Weltkrieg geworden war, anderte sich die 
Politik der Reichsfuhrung, versteifte sich aber auch die 
Aufnahmewilligkeit des Auslandes, so daB die Realisierung 
derartiger Absichten schier unuberwindbaren Schwierigkeiten 
begegnete. Ein weiterer wesentlicher Grund war, daB der 
WeltjudenkongreB und andere zionistische Organisationen 

samtliche Juden als Kombattanten gegen Hitler deklariert hatten, 
und emigrierende Juden als Soldaten gegen die Deutschen eingesetzt 
werden konnten und wiirden. Zu den weniger beachtlichen Grunden 
konnte der deutsche Wunsch zu zahlen sein, zwischen Englander und 
Araber durch Forderung einer judischen Emigration nach Palastina 
einen Keil zu treiben. So bestand die Grundsatzhaltung der 
Deutschen in der zweiten Halfte des Krieges darin, eine Emigration 
von Juden auf dem Wege eines Austausches mit Deutschen, die im 
Ausland interniert worden waren, vorzunehmen, insbesondere in 
solchen Fallen, da Juden eine Einreise nach Palastina nicht gewahrt 
werden sollte. Belsen war, wie wir gesehen haben, ein solches 
Transitlager. 

Die bekannte JoeFBrand-Affaire — vorgeschlagener Austausch 
von ungarischen Juden fur Lastkraftwagen — entsprach der gleichen 
Art des Denkens auf deutscher Seite, lediglich mit abgeanderten 
Austauschformen. Die Deutschen waren willens, die Juden im 
Austausch fur jene Lastkraftwagen und Ausriistungsgegenstande 
emigrieren zu lassen. Da gab es nichts Unglaubhaftes in der 
Brand-Affaire, vorausgesetzt, man versteht, daB es sich nicht um 
Leben oder Tod der ungarischen Juden handelte. 

Obgleich die Angelegenheit Brand nicht ausgefuhrt worden war, 
waren doch kleine Gruppen ungarischer Juden mit Genehmigung der 
Deutschen und LTngarn nach Schweden, in die Schweiz und in die 
USA ausgewandert. Eine erheblich groBere Anzahl wechselte 1944 
illegal nach Rumanien und die Slowakei iiber. Die Verteidigungs- 
dokumente Steengracht Nr. 75, 76, 77 und 87 vermitteln ein Bild 
dieser Situation. 

Die west-alliierte Propaganda aus dem Jahr 1944, wie sie durch die 
wiedergegebenen Zitate der „New York Times" illustriert wurde, 
erwies, daB Auschwitz erst unmittelbar nach der alliierten Landung 
in der Normandie am 6. Juni 1944 in das Thema eingeblendet wurde, 
als niemand solchen Geschichten irgendeine Beachtung schenkte. 
Und, wie gezeigt, erfolgte diese Einblendung auf einer der 



222 



Mittelseiten der dickleibigen „New York Times". Doch man hielt 
sich nicht einmal lange mit Auschwitz auf, anfangs jedenfalls nicht. 
Denn im Sommer 1944 wechselte man das Schwergewicht dieser 
Diffamierung bereits auf das Lager Lublin (spater „Maidanek" 
genannt) iiber, welches von den Sowjets Ende Juli 1944 erobert 
wurde. Der propagandistische Unsinn erhielt Nahrung durch die von 
den Sowjets herausgestellten 5 Krematorienofen, das bekannt 
gewordene Zyklon B, angebliche Knochenreste und die zeitgerecht 
und wirksam sowjetamtlich verbreitete Marchen-Geschichte von 
Konstantin Simonow „Ich sah das Vernichtungslager", der die 
„Welt6ffentlichkeit" u. a. auch mit dem neuesten Pro- 
pagandaschlager versorgte : „besonders vervollkommnetes 

Krematorium — fur Blitzverbrennung" (Simonow, Verlag der 
sowjetischen Militarverwaltung in Deutschland, S. 5), den 
„Kunstdunger" aus menschlichen Aschenbergen nicht zu vergessen. 
Lublin bzw. Maidanek blieb fur die alliierte Propaganda das 
Hauptvernichtungslager bis in den Herbst 1944 hinein. 36 

Doch dann war es plotzlich wieder Auschwitz, wo die „ Nazis" in 
einem ihrer wichtigen Industriezentren ausgerechnet technische 
Einrichtungen zur Massenvernichtung von Juden — und auch der 
ungarischen Juden — installiert hatten, wo sie doch gerade dort so 
dringend Arbeitskrafte benotigten, — fur Waffen und Aus- 
riistungsgegenstande. Zwar stellten sich die 30 oder 46 Kremato- 
riensofen als unzureichend heraus, um die taglich eintreffenden 
10.000 Leute „zu verarbeiten", — dies und noch vieles andere wird 
uns ja in stets neuen Versionen erzahlt! — , so daB die Korper in 
offenen Gruben hatten verbrannt werden mussen. Doch sei das 
Ganze offenbar so perfektioniert gewesen, daB man es irgendwie 
mittels niemals aufgefundener „Knochenmuhlen" usw. fertigge- 
bracht habe, die Korper der vernichteten Juden spurlos ver- 
schwinden zu lassen. Die sogenannte „Sauberung von den unga- 
rischen Juden" entging bezeichnenderweise der Aufmerksamkeit 
der Delegation des Internationalen Roten Kreuzes in Budapest, die 
doch sehr stark mit den judischen Affairen befaBt war. Der einzige 
„Beweis" fur alles dies, wie er uns von der USAJ^.egierung prasen- 
tiert wird, besteht aus „Dokumenten", deren Authentizitat von den 
„ Juden-Spezialisten" Wagner und v. Thadden bestatigt ist oder 
scheint, die ihrerseits von den Dokumenten selber belastet werden. 
Jedoch die USAJ^.egierung hatte ausgerechnet diese Herren v. 
Thadden und Wagner im WilhelmstraBenprozeB nicht verfolgt, wo 
die Anklageunterlagen und -vollmachten in den Handen eines 
lebenslangen NaziJTassers (Kempner) waren und wo ein amerika- 
nischer Anwalt die Beweisunterlagen als erzwungen nachzuweisen 
in der Lage war, wie er es gerade zuvor in einem regularen ProzeB 
in Washington, in dem Kempner eine Rolle spielte, durchexerziert 
hatte. Die USAJ^.egierung versagte trotz alien Geredes im Jahre 
1944, sich in diese Auseinandersetzung mit Vorlage von Luft- 
aufhahmen iiber die behaupteten Vorgange in Auschwitz einzu- 
schalten. 

Kann irgendjemand eine solche Geschichte glauben? 



223 




Abb. 22 : US-KongreB-Mitglieder inspizieren 

torium in Buchenwald, das 6 Ofen hatte 



das Krema- 



224 



VI Et Cetera 



Die Vernichtungsbehauptungen haben sich nach dem Krieg so auf 
Auschwitz konzentriert, daB dieses Buch hier zu Ende sein konnte. 
Da der Kern der Vernichtungslegende falsch ist, gibt es keinen 
Grund, warum der Leser irgendeinen anderen Teil davon glauben 
sollte, auch wenn das Beweismaterial auf den ersten Blick vielleicht 
relativ annehmbar erschiene. Hunderte von extra dafur 
ausgebildeten Sachverstandigen sind nach Europa mit der Aufgabe 
entsandt worden, Beweismaterial fur die Vernichtungen und damit 
verbundenen Verbrechen zu sammeln, und wir haben gesehen, 
welche Mar sie im Hinblick auf Auschwitz aufgetischt haben : ein 
Fantasiegebilde aus Meineid, Falschung, Tatsachenentstellung und 
unrichtiger Auslegung von Dokumenten. Es besteht kein AnlaB, 
mehr oder besseres hinsichtlich der weniger bekannten Einzelheiten 
der Vernichtungslegende zu erwarten. Dennoch muB das iibrige der 
ganzen Sache untersucht werden. 

Die Beweise fur Vernichtungen in Belczek, Chelmno, Lublin, 
Sobibor und Treblinka sind wertmaBig kaum mehr als Null. Es 
existieren die eidesstattlichen Erklarungen und Aussagen des HoB 
sowie das „Gerstein-Dokument". Auch gibt es den Entwurf zu 
einem Schreiben des Dr. Wetzel, eines Nationalsozialisten, der auBer 
Verfolgung gesetzt wurde, worin es heiBt : 

„Nach Sachlage bestehen keine Bedenken, wenn diejenigen Juden, die nicht 
arbeitsfahig sind, mit den Brack'schen Hilfsmitteln beseitigt werden." 
(NO-365). 

Der Entwurf ist maschinengeschrieben und anscheinend mit den 
Initialen Wetzels abgezeichnet, der Leiter des Rassepolitischen 
Amtes der NSDAP gewesen und 1941 dann in das Ostministerium 
Rosenbergs versetzt worden war, wo er als Sachverstandiger fur 
judische Angelegenheiten wirkte. Es gibt keinen Beweis dafur, daB 
der an Hinrich Lohse, den Reichskommissar fur das Ostland, 
gerichtete Brief jemals abgeschickt worden ist (Karte, Abb. 4). Ein 
ahnliches Dokument mit dem maschinegeschriebenen Namen 
Wetzel „unterzeichnet", ist NG-2325. Wetzel ist zu keinem der 
Niirnberger Prozesse als Zeuge gerufen worden. Erst 1961 wurde er 
angeklagt, doch verschwand sein Fall gleich danach aus den Akten, 
und man hat nichts mehr von ihm gehort, auBer, daB er 1966 doch 
noch unter Anklage gestellt worden sein soil; selbst wenn dies 
zutreffen sollte, bliebe es merkwurdig, daB er nicht in dem 1965 in 
der Sowjetzone erschienenen „Braunbuch" aufgefuhrt ist. Jeden- 
falls hat nie ein offizieller ProzeB stattgefunden. 1 

Der in Wetzels Schreiben erwahnte Viktor Brack war ein mit dem 
Euthanasie-Programm befaBter Beamter der Reichskanzlei. Den 
Nachkriegsbehauptungen zufolge sollen die Gaskammern in Polen, — 



225 



abgesehen von den angeblichen in Auschwitz, aus dem Euthanasie- 
Programm „entwickelt" worden sein, bei dem — wie freiweg 
behauptet wird — „Gaskammern" eingesetzt gewesen seien. Trotz 
Bracks Aussage ist es nur schwer zu glauben, daB Euthanasie in 
deutschen Krankenhausern nach einer Methode praktiziert worden 
sei, bei der 20 oder 30 Personen gleichzeitig mit Kohlenmonoxyd 
vergast worden sein sollen. 2 Auschwitz muB naturlich von dieser 
„Entwicklung" aus dem Euthanasie-Programm ausgeschlossen 
werden, und zwar u. a., auf Grund der Aussagen von HoB, die 
bestimmte Nachkriegshistoriker ja fur so wichtig halten. Reitlinger 
und Hilberg haben sich anscheinend keine Sorgen um die auf diese 
Weise bei der Konstruktion der Legende entstandene Verwirrung 
gemacht. 

Das Euthanasie-Programm entstand nach einem ErlaB Hitlers vom 
1.9.1939; es ermachtigte zur Gnadentotung unheilbar Kranker. 
Spater erfaBte es auch noch die hoffnungslos Geisteskranken. Dies 
Programm stieB auf tiefe Feindseligkeit in bestimmten Kreisen des 
deutschen Volkes, vor allem, weil kurz danach Geruchte un- 
bekannter Herkunft umliefen, denen zufolge kranke und alte Leute 
durch „Massenvergasungen" umgebracht worden sein sollen. Am 
6.11.1940 schrieb Kardinal Faulhaber von Munchen an das 
Justizministerium und formulierte die Einwande der katholischen 
Kirche dahingehend, daB 3 

„heute in unserem Volk eine groBe Unruhe eingetreten ist, weil das 
Massensterben der Geisteskranken uberall besprochen wird und leider auch 
uber die Zahl der Toten, die Art des Todes und anderes die sinnlosesten 
Geruchte auftauchen." 

Es dauerte nicht lange, bis das Euthanasie-Programm von der 
Propaganda aufgegriffen wurde. BBC brachte im Dezember 1941 
eine Rede von Thomas Mann, worin er das deutsche Volk 
aufforderte, mit „den Nazis" zu brechen. Im Rahmen seiner 
Aufzahlung von NS-Verbrechen sagte Mann : 4 

„ln deutschen Krankenhausern werden die Schwerverletzten, die Alten und 
Kranken mit Giftgas getotet — 2 — 3.000 in einer einzigen Anstalt, wie ein 
deutscher Arzt sagte." 

Hier tauchen anscheinend erstmals „Gaskammern" in der 
Propaganda auf, jedoch wurde diese Behauptung, soweit zu ersehen 
ist, nicht mit der Vernichtungspropaganda in Verbindung gebracht, 
die ein halbes Jahr spater begann und in deren Verlauf offenkundig 
kein Bezug auf das Euthanasie-Programm genommen wurde. Die 
Verknupfung des Euthanasie-Programms kam erst viel spater. 

Das IMT in Niirnberg unternahm 1945/1946 keinen Versuch, 
Euthanasie und (,Endlosungs"-) Vernichtungen in Zusammenhang 
zu bringen. Dieses ubernahm dann ein Zeuge der Verteidigung. In 
den letzten Verhandlungstagen des IMT trat Konrad Morgen als 
Zeuge der Verteidigung fur die SS auf. Morgen war der Mann, der den 
um Kommandant Koch von Buchenwald geknupften Mord- und 



226 



Kormptionsring aufgedeckt hatte. Dementsprechend wurde Morgen 
als „guter" SS-Mann gewertet, im Gegensatz zu den „blutdiirstigen 
Schurken", die seine Kollegen und Kameraden gewesen sein sollen. 
Als Zeuge der Verteidigung fiir die SS unter anscheinend 
hoffnungslosen Umstanden, trug Morgen eine Geschichte vor, die 
von nicht zu leugnender Logik getragen war, so daB seine Aussagen 
auch fur unsere Analyse von Bedeutung bleiben. 

Morgen sagte aus, er sei im Verlauf seiner Inspektionen in den 
Lagern, die er amtlich durchzufiihren hatte, unerwartet auf 
Vernichtungsprogramme in Auschwitz und Lublin gestoBen, doch 
sei eine Beteiligung der SS nicht vorhanden oder nur minimal 
gewesen. In Lublin seien Vernichtungen durch Wirth von der 
Kriminalpolizei durchgefuhrt worden, und zwar mit Beihilfe 
judischer Arbeitskommandos (denen man einen Teil der Beute 
versprochen hatte). Der Aussage Morgen zufolge habe Wirth drei 
weitere Vernichtungslager in Polen geleitet. Wenngleich die 
Kriminalpolizei verwaltungsmaBig dem RSHA unterstand, war 
Kriminalkommissar Wirth kein Angehoriger der SS. Morgen wies 
darauf hin, Wirth sei zur Reichskanzlei abgestellt gewesen, habe 
sich am Euthanasieprogramm beteiligt (was zutreffen mag) und 
habe spater einen Befehl aus der Reichskanzlei erhalten, die 
Vernichtungsaktivitaten auf Juden auszuweiten. Obwohl der einzige 
Kernpunkt in Morgens Zeugenaussage in dem fragwiirdigen Versuch 
bestand, die SS zu entlasten, wird sie von Reitlinger und Hilberg als 
„Beweis" angesehen. Beide „Zeitgeschichtler" ubergehen jedoch 
bewuBt die Tatsache, daB Morgen in dem Versuch, die SS zu 
entlasten, auch bezeugte, daB das Vernichtungslager in Auschwitz in 
Monowitz gelegen habe, einem Teil jenes Lagerkomplexes, der vom 
IG-Farbenkonzern verwaltet worden war. Morgen ist zwar nicht so 
weit gegangen, zu behaupten, daB die IG-Farben ein eigenes 
Vernichtungsprogramm besessen hatten, jedoch erklarte er, daB die 
einzige Beteiligung von seiten der SS aus einigen baltischen und 
ukrainischen Angeworbenen bestanden hatte, die als Wachen 
eingesetzt waren, und daB „die ganze technische Seite fast 
ausschlieBlich in den Handen der Gefangenen gelegen hatte". 5 

Morgens Manover gab der Anklage offenkundig neuen Auftrieb, 
zumal es noch nicht vorgekommen war, Vernichtungen und 
Euthanasie miteinander in Verbindung zu bringen. Da es zu spat war, 
im IMT auf diesen Punkt einzugehen, wurde er als Fall 1 im NMT 
(das ausschlieBlich die Amerikaner veranstalteten) aufgerollt. 
(Genau genommen wird im „Gerstein-Bericht" ein loser 
Zusammenhang zwischen Euthanasieprogramm und „Endlosungs- 
Programm" hergestellt — siehe Anhang A. Der „Gerstein-Bericht" 
wurde lange vor Morgens Aussage als „Beweismaterial" im IMT 
vorgelegt, doch hatte sich bis dahin kaum jemand mit dessen Text 
naher befaBt). Fiir uns ist dieses Schaffen von Zusammenhangen 
zwischen Vernichtungen und Euthanasie ein weiteres Beispiel fiir 
erfundene „Zusatze". Die Erfinder waren so sehr darauf aus, einige 
echte Fakten in ihre Darstellung zu bringen, daB sie nicht auf den 
Gedanken kamen, einen handfesten Schwindel wesentlich besser 
dadurch wirken zu lassen, indem man einiges weglaBt. 

Die Aussagen von Morgen scheinen die einzigen „Beweise" fiir 
Vergasungen in Konzentrationslagern Polens — Auschwitz 
ausgenommen — zu sein. Zur Logik von Morgens Verhalten vor den 



227 



Gerichten der Alliierten bzw. den Amerikanern noch ein Wort : Fur 
ihn muBte es sicher erscheinen, daB das Militartribunal der Sieger die 
Existenz der Vernichtungen zum Dogma erhoben hat und in dieser 
Frage unnachgiebig bleiben wiirde. So lenkte er das Gericht auf die 
Theorie hin, daB jemand anders als die SS schuldig war. 

Bevor wir uns den Einsatzgruppen in RuBland zuwenden, 
erscheint es angebracht, verschiedene AuBerungen zu analysieren, 
die tatsachlich oder angeblich von verschiedenen „ Nazis" — zumeist 
nach dem Krieg — gemacht worden sind und die ausdrucklich oder 
indirekt Vernichtungen behauptet haben. Hierzu gehoren im 
wesentlichen AuBerungen deutscher Zeugen und Angeklagter bei 
den „Kriegsverbrecherprozessen". Will man solche AuBerungen 
bewerten, so muB der simplen Tatsache Rechnung getragen werden, 
daB die prozeBfuhrenden Machte sich auf die Legende von der 
Vernichtung der Juden, insbesondere hinsichtlich Auschwitz als ein 
ehern feststehendes Faktum festgelegt hatten, und daB weder das 
IMT noch das NMT laut „ Londoner Protokoll" vom 8.8.1945 „an 
Beweisregeln gebunden" war — Art. 19 — und „nicht Beweis fur 
allgemein bekannte Tatsachen fordern, sondern sie von Amts wegen 
zur Kenntnis nehmen" sollte — Art. 21 — . Ihre politischen Anfuhrer 
hatten die entsprechenden Anklagen bereits lange Zeit bevor sie 
auch nur ein Schnipsel dessen besaBen, was man heute als „Beweis" 
bezeichnet, erhoben. Demzufolge waren die Gerichte a priori — 
zumal sie bekanntlich politische Gerichte der einen kriegfuhrenden 
Partei und nicht etwa Neutrale waren! — auf die 
Vernichtungslegende verpflichtet. Ein Befund, daB es keine 
Vernichtungen gegeben habe, lag bei diesen Prozessen ganz einfach 
nicht im Bereich der politischen Moglichkeiten. 

Andererseits waren die Gerichte, mit einer Handvoll von 
Ausnahmen, nicht unbedingt in bezug auf einzelne Personen 
festgelegt. Dennoch ist bekannt, daB in den meisten Fallen trotz 
fehlender personlicher direkter oder indirekter Schuld bzw. 
Verantwortlichkeit eine Verurteilung durchaus im Bereich der 
Moglichkeit, um nicht Wahrscheinlichkeit zu sagen, lag. Bei alien 
Anklagefallen muBte mit diesen unleugbar vorhandenen 
Wahrnehmungen gerechnet werden. Und selbst bei jenen Personen, 
deren Falle, gemessen nach den MaBstaben alliierter Justizpraxis, 
hoffnungslos waren, muBten die Rechtsanwalte so vorgehen, als 
bestiinde eine Chance fur ein gunstiges Urteil. Betrachtet man diese 
Prozesse unter einem solchen Gesichtspunkt, so ist es sinnvoll, sie 
chronologisch durchzugehen. 

Der erste diesbezugliche ProzeB war nicht das IMT, sondern der 
„Belsen-ProzeB", durchgefuhrt von einem britischen Militargericht 
gegen Deutsche, die das Lager Belsen verwaltet hatten, nachdem es 
von den Alliierten besetzt worden war. Der Kommandant, 
SS-Hauptsturmfuhrer Joseph Kramer (die sog. „Bestie von Belsen") 
war naturlich der Hauptangeklagte. Die Bedeutung des Belsen- 
Prozesses leitet sich jedoch von der Tatsache her, daB Kramer im 
Jahre 1944, also vorher, Lagerkommandant von Birkenau gewesen 
war. Kramers ProzeB wurde im Herbst 1945 durchgefuhrt und 
endete im November, als das IMT in Nurnberg seine Prozesse begann. 
Kramer wurde im Dezember 1945 gehenkt. 

Uns liegt die ausfuhrliche erste Aussage Kramers vor, die er im 
Verhor durch die Briten zu Protokoll gegeben hatte. Die Bedeutung 



228 



dieser Aussage liegt darin begriindet, daB sie gemacht wurde, bevor es 
den Deutschen bekannt war, daB die alliierten Tribunale ohne 
Riicksicht auf Tatbestande unerschiitterlich von der Realitat der 
Vernichtungen ausgingen. Obwohl somit Kramers Darlegung einer 
sonst anzutreffenden „ProzeB-Logik" entbehrt, stimmt sie vollig mit 
dem iiberein, was wir hier vorgelegt haben. (Kramers Aussage = 
Anhang D) : Krematorien gab es in jedem der Konzentrationslager. 
In einigen Lagern war die Zahl der Sterbefalle ziemlich hoch, vor 
allem in Auschwitz, das ja ein groBes Lager war und eine 
dementsprechend ausgedehnte Einascherungsanlage benotigte. 
Kramers Erklarung ist, was die beklagenswerten Zustande der Lager 
anbetrifft, recht offen und enthalt auf diese Weise eine zutreffende 
Schilderung der Lager. In bezug auf die Greuel versicherte er : 

„lch habe von den Behauptungen ehemaliger Haftlinge in Auschwitz gehort, 
die sich auf eine dortige Gaskammer bezogen, auf MassenerschieBungen und 
Auspeitschungen, auf Grausamkeiten dort beschaftigter Wachleute, und daB 
dies alles entweder in meiner Gegenwart oder mit meinem Wissen geschehen 
sei. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, daB es von Anfang bis Ende unwahr 
ist." 

Spater riickte Kramer — sofern man seiner zweiten Erklarung 
vertrauen kann, bzw. der diesbeziiglichen Veroffentlichung 
(ebenfalls im Anhang D) — von seinem festen Standpunkt ab, gab die 
Existenz einer Gaskammer in Auschwitz zu, verneinte jedoch nach 
wie vor eine eigene Verantwortung hierfur. Die Vernichtungen 
hatten der unmittelbaren Kontrolle der zentralen Lagerverwaltung 
in Auschwitz I unterstanden. In seinem ProzeB gab Kramer zwei 
Griinde fur diese sich widersprechenden Erklarungen an : 6 

„Der erste ist, daB mir bei meiner ersten Erklarung gesagt wurde, die Haftlinge 
hatten behauptet, diese Gaskammern hatten unter meinem Befehl gestanden, 
und der zweite und hauptsachliche Grund ist, daB Pohl mir das Ehrenwort 
abgenommen hatte, ich hatte zu schweigen und durfe niemandem von der 
Existenz der Gaskammern berichten. Als ich meine erste Erklarung abgab, 
fiihlte ich mich noch an mein gegebenes Ehrenwort gebunden. Als ich im 
Gefangnis in Celle meine zweite Erklarung abgab, waren diese Personen, an 
die ich mich ehrenwortlich gebunden gefuhlt hatte — Adolf Hitler und 
Reichsfuhrer Himmler. — nicht mehr am Leben, und da dachte ich, ich sei 
nicht mehr daran gebunden." 

Die Abwegigkeit dieser Erklarung, daB Kramer in seinen ersten 
Verhoren versucht habe, Dinge geheimzuhalten, die seine 
Vernehmer ihm unentwegt vorhielten und die schon die Spalten der 
alliierten Presse fullten, schreckte ihn und seine Verteidiger nicht ab, 
sie bei Gericht vorzubringen. Die Logik der Verteidigung Kramers 
war im Grunde mit der Aussage von Morgen identisch. Kramer blieb 
bemuht, zu versuchen, eine Geschichte vorzutragen, die ihn von 
einer Verwicklung in Massenmorde in Birkenau entlastete. Die 
Wahrheit, daB Birkenau kein Vernichtungslager gewesen ist, hatte 
keine Chance, vom Gericht akzeptiert zu werden. Die Wahrheit in 
dieser Form zu behaupten, ware fur Kramer zwar heroisch, aber auch 
selbstmorderisch gewesen. Selbst wenn er personlich ein Held hatte 



229 



sein wollen, so gab es doch stark wirkende Argumente gegen ein 
solches Heldentum. Seine Familie benotigte ihn dringend; sein 
Verteidiger bemuhte sich um ein giinstiges Urteil. Grundsatzlich sind 
Anwalte keine Historiker, die wahrheitsgemaBes Geschehen 
erforschen, so sind auch Behauptungen Kramers, daB HoB und das 
RSHA schuldig seien, nicht als historische Wahrheitsbelege zu 
werten. 

Einer weiteren Behauptung zufolge soil Kramer als damaliger 
Kommandant von Natzweiler 80 Menschen fur medizinische 
Experimente vergast haben. Diese Personen waren angeblich in 
Auschwitz nach unbekannten Kriterien aussortiert und dann nach 
Natzweiler verbracht worden, um dort getotet zu werden, weil man 
die Leichen frisch im nahegelegenen StraBburg benotigte. Kramer 
bestatigte diese Angaben in seiner zweiten Erklarung, doch da dies 
uneingeschrankt und unmiBverstandlich in seiner ersten Erklarung 
abgestritten wird, neige ich dazu, dies fur unwahr zu halten. 

Es mag durchaus moglich sein, daB in Natzweiler eine Reihe von 
Personen exekutiert worden ist, als ein anderer Kommandant dort 
war, und daB die Leichen anschlieBend im Anatomischen Institut 
StraBburg seziert worden sind (wo man ganz sicher Leichen fur 
Forschungszwecke hatte). In keinem Falle jedoch hat diese 
Angelegenheit etwas mit einem Vernichtungsprogramm zu tun. 

Eine historische Wahrheitsforschung anhand der Unterlagen des 
IMT-Prozesses zu betreiben ist angesichts der groBen Zahl der 
Angeklagten — aber auch der diesbezuglichen Aktenberge — 
auBerordentlich schwierig. Jeder der Angeklagten nahm seine 
eigenen Moglichkeiten wahr, sich von wirklichen oder imaginaren 
Verbrechen zu entlasten. Die Verhandlungsprotokolle sind nicht 
recht geeignet, um das Verhalten der IMT -Angeklagten zu studieren, 
hingegen erganzen die Aufzeichnungen des Gefangnispsychologen in 
Niirnberg, Dr. G M. Gilbert — „Nurnberger Tagebuch" — diese 
Niederschriften immerhin so weit, als sie tiber die Reaktionen der IMT- 
Angeklagten nicht nur im Verhandlungssaal, sondern auch 
innerhalb des Gefangnisses Aufschlusse vermitteln. Freilich kann 
man auch der Darstellung Gilberts kein absolutes Vertrauen 
schenken, hat er doch Gesprache der Angeklagten unter einander als 
auch mit ihm nachtraglich aus dem Gedachtnis in sein „Tagebuch" 
eingetragen. Sein Manuskript ist dariiber hinaus von einem 
ehemaligen Angestellten des „ Office of War Information" (eines 
US-Nachrichten-, sprich Geheimdienstes), aber auch von den 
Anklagern Jackson und Taylor kritisch durchgesehen worden. 
Gleichwohl mag sein Buch allgemein zutreffend sein, aber im 
Hinblick auf Einzelheiten ist Reserve geboten. 

Die IMT-Angeklagten sind unmittelbar nach der deutschen 
Kapitulation im Mai 1945 verhaftet, in Einzelhaft gesperrt, verhort 
und 6 Monate lang propagandistisch „konditioniert" worden, bevor 
sie erstmals als Gefangene (in manchen Fallen sogar uberhaupt zum 
ersten Mai) einander gegenubertraten. 

Vier wichtige Bemerkungen sind hier einzublenden : 

1. AuBer Kaltenbrunner — was nicht iiberraschend ist — hatten 
alle Angeklagten bezuglich der KZ-Greuel und Judenvernichtungen 
einen gleichlautenden Verteidigungsstandpunkt vorgetragen, und 
zwar unabhangig davon, an welches AusmaB solcher Behauptungen 
sie selbst geglaubt haben mogen : es war alles der Fehler Hitlers und 



230 



der SS Himmlers. Kaltenbrunner, der als Ersatzmann des toten 
Himmler gait, war krank als der ProzeB begann, und kam erst wenige 
Wochen nach ProzeBbeginn zu den anderen hinzu. Als er erschien, 
wichen ihm die iibrigen Angeklagten aus, und er blieb den anderen 
gegeniiber wortkarg bis zum Ende. 

2. Mit Ausnahme von Kaltenbrunner und vielleicht einem oder 
zwei anderen begriffen diese hohen deutschen Staatsdiener die 
katastrophalen Zustande in den Lagern iiberhaupt nicht, die mit dem 
Zusammenbruch des Reiches einhergingen und die den Grund boten 
fur Szenen, die die alliierte Propaganda als „Beweise" fur 
Vernichtungen prasentierte. DaB diese Reaktionen keineswegs alle 
simuliert waren, liegt in der Natur der Sache. Die Verwaltung der 
Lager war weit entfernt von den Amtssitzen fast aller Angeklagter, 
und uberdies waren sie seit der deutschen Kapitulation alle 
Zielscheiben der sattsam bekannten Propaganda gewesen. In dem 
MaBe, wie sie eingestanden oder vorgaben einzugestehen, daB es 
Massenermordungen gegeben hat, fur die Hitler und Himmler 
verantwortlich waren, stiitzten sie ihre Anschauung genau auf jene 
Szenen, die man bei Kriegsende in den deutschen Lagern 
vorgefunden hatte, und die sie offenkundig falsch verstanden oder 
vorgaben falsch zu verstehen. Dieses kommt in der Darstellung 
Gilberts anlaBlich einer Auseinandersetzung mit Goring deutlich 
zum Ausdruck : 7 

„Diese Greuelfilme!" fuhr Goring fort. „Jeder kann einen Greuelfilm 
machen, wenn sie Leichen aus den Grabern holen und dann einen Traktor 
zeigen, der sie wieder zuruckschaufelt." 

,So leicht konnen Sie das nicht zuruckweisen', antwortete ich, ,wir haben Ihre 
Konzentrationslager tatsachlich mit Leichen und Massengrabern ubersat 
vorgefunden. Ich habe sie selbst in Dachau gesehen! — und Hadamar!' 

„Oh, aber nicht so zu Tausenden aufgeschichtet, wie man hier sieht!" 

,Sagen Sie mir ja nicht, was ich nicht gesehen habe! Ich habe Leichen 
buchstablich in Wagenladungen gesehen!' 

„Oh, dieser eine Zug." 

, — und aufgeschichtet wie Klafterholz im Krematorium — und halb 
verhungerte und verstummelte Haftlinge, die mir erzahlten, wie die 
Schlachterei jahrelang so gegangen ist — und Dachau war bei weitem nicht das 
schlimmste! Sie konnen nicht einfach 6.000.000 Morde abschutteln!' 

„Ach, ich bezweifle, daB es 6.000.000 waren", sagte er verzagend und 
bedauerte offenbar, daB er damit angefangen hatte, — ,aber wie ich immer 
gesagt habe, es reicht, wenn nur 5% davon wahr sind'. — Dann schwieg er 
duster." 

Dies ist nur ein Beispiel. Gilberts Buch veranschaulicht, daB, wann 
immer das Thema der KZ-Greuel aufkam, die Angeklagten an die in 
den deutschen KZs bei Kriegsende vorgefundenen Zustande 
dachten. 

3. Die meisten der Angeklagten mogen wahrend des Prozesses die 
Erwartung gehegt haben, nicht unbedingt mit Exekution oder 
langen Gefangnisstrafen rechnen zu miissen. Der ProzeB war juristisch 
volliges Neuland, und die Angeklagten wuBten, daB die offentliche 
Meinung in den westalliierten Landern, insbesondere in USA und 
England, den „Kriegsverbrecherprozessen" durchaus ablehnend 



231 



gegeniiberstand. So blieb ihr Bemiihen lebendig, das Notwendige zu 
tun, um die Flut der Nachkriegshysterie zu uberstehen. 

4. Die Vernichtung der Juden war nur einer der vielen in Niirnberg 
erhobenen Anklagen. Im Riickblick scheint es, als sei dies die 
Hauptanklage gewesen, doch dominierten damals die „Planung, 
Vorbereitung, Beginn und Fuhrung eines Angriffskrieges" im 
Vokabular des Tribunals, — als sogenannte „Verbrechen gegen den 
Frieden". 

Was die Art der Verteidigung anbelangt, so mag es geniigen, Speer 
und Kaltenbrunner, naturlich auch Goring zu erortern. 

Speers ProzeBstrategie war relativ einfach, denn er muBte nicht 
hangen. Er erklarte, daB er niemals in der Situation war bzw. 
Gelegenheit hatte, irgendetwas von Verbrechen in Erfahrung zu 
bringen, die die Alliierten der deutschen Fuhrung vorhielten. Noch 
heute laBt man ihm diesen Unsinn durchgehen, ohne sich bemuBigt 
zu fuhlen, Abstriche von den Vorwurfen zu machen. In Wirklichkeit 
hatten Speer und seine Mitarbeiter sehr wohl mit 
ZwangsmaBnahmen zu tun gehabt, z. B.. mit Deportationen 
arbeitsfahiger ungarischer Juden im Fruhjahr 1944 zum 
Arbeitseinsatz in unterirdischen Flugzeugwerken in Buchenwald. 8 
Jeder Eisenbahntransport, der mit Prioritat fiir ungarische Juden zur 
Vernichtung gefahren ware, im Gegensatz zu deren 

Arbeitseinsatzort, ware Speer bekannt gewesen, wenn so etwas 
tatsachlich vorgekommen ware. Hatte Speer wahrheitsgemaB 
ausgesagt, so wiirde er erklart haben, daB er in seiner hohen Position 
dies erfahren hatte, wenn ein solches zur Anklage stehendes 
Vernichtungsprogramm vorgelegen hatte, und daB seines Wissens ein 
solches Programm nicht bestanden hatte. Hatte allerdings Speer dies 
wahrheitsgemaB bekundet, durfte er mit seinen Kollegen an den 
Galgen gekommen sein. 

Speer bietet in seinem Buch einen einzigen lacherlichen „Beweis" 
an, eine Begebenheit, die er im Krieg erlebt habe und von der er 
nunmehr aussagt er hatte sie als die Andeutung eines 
Vernichtungsprogramms auslegen miissen, und das war der Rat 
seines Freundes Karl Hanke (den Hitler in den letzten Kriegstagen als 
Nachfolger Himmlers zum Reichsfuhrer-SS ernannt hatte) im 
Sommer 1944, Speer „moge niemals einer Aufforderung 
nachkommen, ein Konzentrationslager in Oberschlesien zu 
inspizieren". Speer serviert auch eine angebliche Bemerkung Gorings 
unmittelbar vor dem IMTJ?rozeB iiber judische „Uberlebende" in 
Ungarn : „So, da gibt es noch welche? Ich dachte, die hatten wir alle 
um die Ecke gebracht. Da hat einer wieder nicht gespurt!" 9 Eine 
solche sarkastische Bissigkeit ware in jener Situation verstandlich, 
denn Goring hat das Vorhandensein eines Vernichtungsprogramms 
niemals konzediert und unbeirrt betont, daB er nur ein Programm 
zur Auswanderung und Evakuierung von Juden aus dem deutschen 
Bereich in Europa kannte. 

Eugene Davidson erwahnt in der Einfuhrung zu Speers Buch (S. 
Kap. IV), daB viele hollandische Juden, die nach Birkenau verschickt 
worden waren — „im Sichtkreis der Gaskammern" sozusagen — 
nichts von einem Vernichtungsprogramm wuBten. Sie schrieben 
zufriedene Briefe nach Holland. 10 Ein zusatzliches Kuriosum : Die 
AuBerungen iiber AusrottungsmaBnahmen gegeniiber Juden 
befinden sich nicht in der Originalversion des Speer'schen 



232 



Manuskriptes; sie wurden auf Drangen des Verlegers (und ... ?) in 
den Text eingefiigt, ehe er in die Offentlichkeit gelangte. 11 

Goring hat im Gegensatz zu den anderen Angeklagten wahrend des 
ganzen Prozesses angenommen, daB er zum Tode verurteilt werden 
wiirde, und so kommt seine Aussage der Wahrheit, so wie er sie 
kannte, wohl am nachsten. Obwohl er niemals ein Programm zur 
Judenvernichtung zugegeben hat, so hat er auch nicht begriffen, was 
in den deutschen Lagern am Ende des Krieges geschehen war. Nur 
vor diesem Hintergrund wird verstandlich, daB er als einzige 
Erklarung Himmler verdachtigte, in geheime Massenmorde 
verwickelt zu sein. Gleichwohl hat er niemals einen von den 
Kriegsgegnern unterstellten Umfang akzeptiert. 12 

Bleibt noch anzumerken, daB Goring nicht, wie eine Legende 
behauptet und auch Speer bekundet hatte, Morphinist gewesen ist. 
Der Niirnberger Gefangnispsychiater, Douglas Kelley, hat diese 
Geschichte berichtigt. 13 

Kaltenbrunners Lage erschien in der Niirnberger Atmosphare von 
1945/1946 von vornherein hoffnungslos gewesen zu sein, und 
wahrscheinlich hat sein Verteidiger dies ebenso empfunden. 
Dennoch muBte er irgendwie eine Verteidigung vorbringen, die — 
soweit sie uns hier interessiert — auf zwei Hauptpunkten beruhte : 

1. Kaltenbrunner war Chef des RSHA (Reichssicherheits- 
hauptamt), dem die Sicherheit oblag. Er war nicht Chef des WVHA 
(Wirtschaftsverwaltungshauptamt), das die Konzentrationslager 
verwaltete. Dementsprechend erklarte er, so gut wie nichts mit den 
Vorgangen innerhalb der Lager zu tun gehabt zu haben, — mit der 
einzigen Ausnahme, die seinen Befehl vom Marz 1945 betraf, den 
Delegierten des Internationalen Roten Kreuzes zu gestatten, sich in 
den Lagern einzurichten, um die Ubergabemodalitaten zu 
erleichtern. (Woher er diese Vollmacht hatte, wissen wir nicht). In 
seiner Verteidigung legte er diesem Befehl groBe Bedeutung bei, und 
anstatt gerade und offen von den katastrophalen Zustanden in den 
Lagern am Ende des Krieges zu reden, ubertrieb er seine 
Befehlsaktion im Zusammenhang mit den ICRC, um ihr den 
Anschein zu geben, als sei sie gegen die KZs als solche gerichtet, die 
er, wie er sagte, selbstverstandlich immer beklagt hatte. 

2. Kaltenbrunners zweites Verteidigungsargument war, daB sein 
Vorganger Heydrich, und nicht er, es gewesen war, der die Politik 
gegeniiber den Juden organisiert hatte, was immer diese Plane und 
MaBnahmen gewesen sein mogen. Er ubernahm das 
Reichssicherheitshauptamt im Jahr 1943 auf Grund einer Weisung 
Himmlers, den Nachrichtendienst des SD weiter auszubauen. 
Kaltenbrunner entstellte die Verhaltnisse insofern, als er 
behauptete, daB Himmler niemandem zubilligte, zur Hohe eines 
Heydrich aufzusteigen. Ein nachfolgender Chef des RSHA sollte sich 
lediglich mit Nachrichtenbeschaffung befassen und keine 
Befehlsgewalt iiber die Polizei und die Sicherheitsfunktionen des 
RSHA erhalten, schon gar nicht iiber die Gestapo, die politische 
Gefangene in Konzentrationslager verbrachte, und auch nicht iiber 
Eichmanns Biiro, das Judendeportationen iiberwachte. Demzufolge 
gab es nach Kaltenbrunner nichts, wofiir er beziiglich der 
Judenvernichtung verantwortlich gemacht werden konnte, die, wie 
er einraumte, genau so stattgefunden hatte, wie es in der alliierten 
Anklage stand (mit Ausnahme des unterstellten Beginns im Jahre 



233 



1939 oder 1940). Freilich — wie er aussagte — hatte er im Sommer 
1943 von dem Vernichtungsprogramm, das Eichmann als Mitglied 
seines Amtes durchfiihrte, aus der Auslandspresse und von 
Feindsendern erfahren. Er habe Himmler 1944 veranlaBt, es 
zuzugeben, und protestierte dann zunachst bei Hitler und spater bei 
Himmler. Das Vernichtungsprogramm sei im Oktober 1944 gestoppt 
worden, „hauptsachlich auf seine Intervention hin". 14 Die Art und 
Weise, wie Kaltenbrunner die Informationen iiber die Vernichtungen 
erfahren haben will, paBt, mogen sie auch Unsinn sein, zu der 
auBersten Geheimhaltung, die im Zusammenhang mit den 
„Endlosungsgeschehen" angeblich immer bestanden hat. 

Ein gewohnlicher Mensch, sogar ein unterrichteter Kritiker, kann 
durchaus die Verteidigungsstrategie Kaltenbrunners miBverstehen, 
weil er sich kaum in einen Angeklagten versetzen kann, der um 
seinen Kopf und nicht um die historische Wahrheit kampft, — 
angesichts einer Manifestation des Hasses und der Hysterie. Der 
Versuch, seinen Kopf zu retten, hieB soviel wie eine Argumentation 
aufzustellen, die sich den vorherrschenden Umstanden anpaBt; und 
selbst ein optimales Pladoyer unternimmt unter solchen Umstanden 
nicht den Versuch, das Gericht in bezug auf Sachverhalte 
umzustimmen, denen es sich aus politischen Griinden unzuganglich 
verschlieBt. 

Im Kramer-ProzeB, gleichermaBen wie im IMT waren die Gerichte 
nicht unabhangig, sondern weisungsgebundene Instanzen ihrer 
politischen Fuhrung, wobei vor allem fur das IMT das „Londoner 
Statut" vom 8.8.1945 mit seinen einmalig-neuen zu zeitweiligen 
„Neuen Internationalen Volkerrechtsregeln" hochstilisierten 

„Rechtsgrundsatzen" ausschlieBlich maBgebend war und keinerlei 
Berufungsmoglichkeiten, weder im Bereich der alliierten Machte 
noch von neutralen Machten vorsah. So waren diese Militartribunale 
a priori auf den BeschluB festgelegt, daB das besiegte Deutschland 
ein Programm zur Judenvernichtung gehabt und dieses auch 
durchgefuhrt habe. Bei den spateren NMT-Prozessen, die nur von 
den Amerikanern gefuhrt wurden, waren die Tribunale von 
vornherein weisungsgemaB an das bereits gefallte Grundsatzurteil 
des IMT gebunden, demzufolge die Urteile im ProzeB gegen die 
„Hauptkriegsverbrecher" bereits „den Beweis fiir die festgestellten 
Tatsachen erbracht" hatten. Wenn auch das IMT-Tribunal dies nur 
„von Amts wegen" (vergl. „Londoner Statut") zur Kenntnis 
erhalten hatte, so behauptete es doch „im Namen des Rechts und der 
Wahrheit", daB Millionen Menschen, vorwiegend Juden, — Kinder, 
Frauen, Manner — auf Befehl der nationalsozialistischen Fuhrung in 
deutschen Konzentrationslagern und auch im Machtbereich der 
Einsatzgruppen bzw. uberhaupt der deutschen Truppen vorsatzlich 
und ohne militarische Notwendigkeit liquidiert worden seien. Vor 
allem soil dies in Auschwitz geschehen sein, das „fur diesen 
Hauptzweck abgestellt worden war", wobei zu den in den dortigen 
„technischen Anlagen" durchgefuhrten Ermordungen auch die viel 
zitierten ,,400.000 ungarischen Juden" hinzuzurechnen seien. 15 
Waren die Anklager im NMT dafur bekannt, die Aufmerksamkeit der 
Richter auf diese Konsequenz des Grundsatzurteils zu lenken, so 
fehlte Angeklagten wie Zeugen die Basis fiir eine rechtsstaatubliche 
Verteidigung und Informationsbeschaffung. 16 



234 



Zwei Falle seien zur Veranschaulichung herausgegriffen : der 
Angeklagte Oswald Pohl stritt das Vernichtungsprogramm nicht ab, 
verneinte jedoch eine personliche Beteiligung und verwies auf 
Gestapo und SD, die nicht zu seinem Aufgabenbereich als Chef des 
Wirtschaftsverwaltungshauptamtes gehorten. 17 Sogar die 

eidesstattliche Erklarung und Zeugenaussage von Rudolf HoB 
unterstiitzten ihn in dieser Auffassung. Dennoch wurde Pohl 
gehenkt. 

Als Zeuge der Verteidigung trat im ProzeB gegen den IG-Farben- 
Konzern ein Arzt aus Auschwitz, Munch, auf (s. S. 145), nachdem er 
vorher von einem polnischen Gericht freigesprochen worden war. 
Munch sagte aus, daB, wenngleich er von Vernichtungen gewuBt, ja 
sogar eine Vergasung gesehen habe, die Menschen auBerhalb des 
Lagerbereiches von Auschwitz, also auch in Deutschland, davon 
nichts gewuBt haben. „Die ganze Sache war so meisterhaft 
organisiert gewesen, daB selbst jemand, der zwei- oder dreimal im 
Jahr fur ein oder zwei Tage eine Fabrik in Auschwitz besuchte," 
nichts von den Vernichtungen erfahren habe. Nach Munch gehorten 
alle Angeklagten naturlich zu jener Kategorie, die gar nichts wissen 
konnten, wobei andererseits SS-Leute und Haftlinge zwar davon 
gewuBt, doch dariiber aus Furcht vor Bestrafung nicht zu Zivilisten 
gesprochen hatten. IG-Farben-Ingenieur Faust, z. B.., den Munch in 
Auschwitz recht gut gekannt hatte, wuBte nichts von 
Vernichtungen. Munch bemerkte auch einige Male, daB alles, was 
man von den Vernichtungen hatte feststellen konnen, der uberall 
wahrnehmbare Geruch der Leichenverbrennungen gewesen sei. 
Keiner der vielen Chemiker in diesem ProzeB hat sich die Muhe 
gemacht, darauf hinzuweisen, daB die chemische Industrie in jenem 
Bereich ebenfalls einigen Gestank verursachte. Merkwiirdig an 
Miinchs Aussagen blieb, daB er die Krematorien und Gaskammern in 
eine Gegend verwies, — „einen oder anderthalb Kilometer 
sudwestlich des Birkenau-Lagers, getarnt von kleinen „Geholzen". 
Die Aussagen Miinchs 18 sind lediglich als eine weitere Illustration 
fur die Formulierung von Verteidigungsargumenten in jener 
Atmosphare zu werten. Das Vorgehen war darauf ausgerichtet, nicht 
Sachverhalte zu bestreiten, in denen sich das Gericht von vornherein 
entschieden hatte, sondern Zusammenhange zu prasentieren, die die 
Angeklagten von personlicher Schuld entlasteten. Folglich wurde 
stereotyp behauptet, das Vernichtungsprogramm habe diese und 
jene Vorgange enthalten, die offensichtlich machten, daB die 
Angeklagten entlastet seien. Aber, augenscheinlich, um einen 
Anspruch begrunden zu konnen, daB diese Vorgange existierten, war 
es notig auszusagen, daB das Programm als solches Tatsache gewesen 
sei. 

Der nachste ProzeB, der eine Untersuchung wert ist, ist jener gegen 
Adolf Eichmann. Es sei daran erinnert, daB Eichmann im Mai 1960 
von israelischen Agenten aus Buenos Aires illegal entfuhrt und nach 
Israel verbracht wurde, um dort Opfer eines Prozesses zu werden, der 
alle Rekorde der Illegalitat brach, zumal der prozeBfuhrende Staat 
zur Zeit der angeblichen Verbrechen nicht einmal bestanden hatte. 
Die durch diesen Rahmen gekennzeichneten Verhandlungen wurden 
am 11.4.1961 eroffnet. Das Jerusalemer Gericht fallte am 
15.12.1961 das Todesurteil, das am 31. Mai 1962 ausgefuhrt wurde. 



235 



Um Eichmanns Verteidigung zu verstehen, ist seine Lage vor dem 
ProzeB, wie sein Rechtsanwalt sie sah, zu beriicksichtigen. Es war 
eine ausgesprochen politische Situation, verflochten mit einer 
Entschlossenheit der Israelis, einen SchauprozeB abzuziehen. War 
auch hier der Duktus der israelischen Offentlichkeit und somit 
offensichtlich auch des israelischen Gerichts von vornherein 
festgelegt, so blieb, doch als einzige Hoffhung der Verteidigung, ein 
Pladoyer in der Erwartung vorzutragen, daB Israel im Gegensatz zur 
Nurnberger Rachejustiz der Siegermachte des Zweiten Weltkrieges 
sich mit Rucksicht auf die Weltmeinung zu einer mehr den 
rechtsstaatlichen Grundsatzen verpflichteten Haltung bereitfinden 
konnte. So kam auch hier ein Abstreiten der Existenz eines 
Vernichtungsprogramms als Verteidigungsargument kaum in Frage, 
hingegen aber eine detailliierte Darlegung der eigenen Tatigkeiten 
und Verantwortlichkeiten, die deutlich machten, daB er — 
Eichmann — weder einen „Fuhrerbefehl" zur Vernichtung von 
judischen Menschen gekannt, noch selbst einen Menschen 
umgebracht hatte, er somit von dieser Art Anklagen zu entlasten 
ware. So griindete sich Eichmanns Verteidigung darauf, daB er 
lediglich in Befolgung von Befehlen, die Ungehorsam nicht duldeten, 
Transporte von Juden organisiert hatte, auf deren letzte 
Zweckbestimmung er keinen EinfluB und iiber die er auch keine 
Kenntnis hatte. DaB er lediglich nur ein „Radchen in einem groBen 
Getriebe" gewesen war, ist mehr oder weniger von alien jenen 
akzeptiert worden, die sich mit seinem ProzeB naher befaBt haben. 
So schrieb z. B.. Hannah Arendt in ihrem „Ein Bericht von der 
Banalitat des Bosen — Eichmann in Jerusalem", Munchen 1965, 
S. 101/102 : 

„Himmler herrschte auGer uber diese sieben Hauptamter (des RSHA) auch 
noch uber ein ganz anderes organisatorisches Gebilde, das ebenfalls bei der 
Durchfuhrung der ,Endlosung' eine entscheidende Rolle spielte. Dies waren 
die Hoheren SS- und Polizeifiihrer, die in den besetzten Gebieten 
Befehlsgewalt hatten und nicht dem RSHA, sondern Himmler direkt 
unterstellt waren. Sie waren im Rang stets hoher als Eichmann und seine 
Mitarbeiter eingestuft. Anders war es mit den Einsatzgruppen, die dem 
Kommando von Heydrich als dem Chef des RSHA unterstanden — was 
naturlich nicht heiBt, daB Abteilung IV-B-4 unbedingt etwas mit ihnen zu tun 
hatte, geschweige denn ihnen Befehle erteilen konnte . . . 

Inzwischen waren alle Amter und Organisationen in Staat und Partei, 
Wehrmacht und SS intensiv mit der ,L6sung' dieses Problems beschaftigt . . . 
S. 191 : Nach der Auskunft von Dr. Rudolf Mildner, dem Gestapo-Fuhrer fur 
Oberschlesien und spateren Chef der Sicherheitspolizei in Danemark, der in 
Nurnberg als Belastungszeuge ausgesagt hat, gingen Deportationsbefehle von 
Himmler schriftlich an Kaltenbrunner, den Chef des RSHA, der dann Muller, 
den Chef der Gestapo bzw. des Amtes IV im RSHA, davon benachrichtigte. 
Dieser seinerseits gab die Befehle mundlich an seinen Referenten in IV-B-4, 
also an Eichmann, weiter. Himmler schickte Befehle auch an die in den 
jeweiligen Gebieten stationierten Hoheren SS- und Polizeifiihrer und 
benachrichtigte dann Kaltenbrunner entsprechend. Und auch dariiber, wie die 
deportierten Juden zu behandeln seien, wie viele sofort umzubringen und wie 
viele zur Zwangsarbeit iibrigzulassen seien, entschied Himmler : Seine Befehle 
dariiber gingen an Pohls WVHA, das sie an Richard Gliicks, den Inspekteur der 



236 



Konzentrations- und Vernichtungslager, weitergab, und dieser wiederum 
reichte sie an die Kommandanten der Lager weiter." 

Der Verteidiger Eichmanns in seinem Jerusalemer ProzeB, Dr. 
Robert Servatius, erganzte diesen Sachverhalt in seinem Pladoyer wie 
folgt : 

„Die Nachprufung zeigt, daB der Angeklagte nur technische Durch- 
fuhrungsbesprechungen hatte fur MaBnahmen, die Vorgesetzte bereits 
grundsatzlich abgesprochen hatten. Der Angeklagte hatte auch nicht die 
behaupteten Sondervollmachten. Die engeren Mitarbeiter des Angeklagten 
bekunden, daB der Angeklagte im Gegenteil sehr streng an die Weisungen 
seines Vorgesetzten Muller gebunden war und dessen Weisungen standig 
einholte . . . 

Hatte der Angeklagte Sondervollmachten zu Verhandlungen mit hoheren 
Stellen gehabt, so ware es nicht nur ublich, sondern notwendig gewesen, ihm 
einen entsprechenden Rang zu verleihen. Nur dann konnte er sich dort als 
Verhandlungspartner entsprechend durchsetzen." 19 

Einige weitere Passagen dieses Pladoyers verdienen festgehalten zu 
werden : 

„Jetzt weiB man es : Es lag kein Mordbefehl des Fuhrers vor . . . 

Es muB zunachst auffallen, daB kein Dokument vorliegt, das die 
Zusammenarbeit des Angeklagten mit den Vernichtungslagern beweist . . . 

Wie steht es mit den Beweismitteln der Verteidigung? 

Der Angeklagte konnte keine eigenen Entlastungsdokumente herbeischaffen. 
Ihm standen nicht die Archive der Welt und die Machtmittel der Regierungen 
zur Seite. Sachverstandige, die ihn hatten unterstiitzen konnen, schenkten der 
Verteidigung kein Gehor. Die taglichen Pressefanfaren und die Posaunender 
Publikationen hatten sie scheu gemacht. Sie hielten sich die Ohren zu. Dieser 
Larmfeldzug der Presse gegen den Angeklagten war ein Contempt of Court 
groBten AusmaBes. Die Verteidigung hat es schwer, hiergegen aufzukommen. 

Und die Zeugen der Verteidigung? 

Diese horten die drohenden Worte des Anklagers; sie furchteten, daB sie in 
jedem Fall nichts Erfreuliches erwartet, selbst wenn sie vor dem Gericht in 
Israel erscheinen konnten. Sie haben es vorgezogen fortzubleiben. 

Ein Indizienbeweis, aus dem Angeklagten eine Haupt- und Schlusselfigur der 
VernichtungsmaBnahmen zu machen, ist nicht gelungen . . . " IS 

Eichmanns Kommentare zu zwei Dokumenten erweckten den 
Eindruck, daB er trotz seines relativ niedrigen Ranges 
moglicherweise sogar erfolgreich VernichtungsmaBnahmen 

sabotierte habe. Das erste dieser Dokumente war die Beschwerde des 
Kommandanten des Umsiedlungslagers Lodz vom 24.9.1941, worin 
dieser auf die Uberfullung des Lagers durch eintreffende Juden- 
transporte enormen Umfanges hinwies : „Und jetzt stellt man mich 
vor ein fait accompli, und ich habe 20.000 Juden innerhalb der 
kiirzest moglichen Zeit aufzunehmen, und dann soil ich noch 5.000 
Zigeuner unterbringen." Das Schreiben ist an den ortlichen Chef der 
Gebietsverwaltung gerichtet. Das zweite Dokument ist ein Antwort- 
schreiben eben dieses Chefs, worin er am 9.10.1941 die Beschwerde 



237 




Abb. 23 : Die hauptsachlichen deutschen Lager. Alle behaup- 
teten „Vernichtungslager" befinden sich im kom- 
munistischen Machtbereich 



238 



nach Berlin weiterleitet und hinzusetzt, daB Eichmann sich wie ein 
„Pferdehandler" benommen und den Judentransport nach Lodz 
dirigiert hatte, obgleich der Transport nicht genehmigt gewesen sei. 
Eichmanns Aussage zu diesen Dokumenten war die, daB die 
Beschwerde berechtigt gewesen war, denn er habe die Juden 
tatsachlich ohne Vollmacht nach Lodz verbringen lassen, da es nur 
zwei Ortlichkeiten gegeben hatte, die Transporte hinzuleiten, 
namlich nach dem Osten (wohin er sie hatte verschicken sollen) oder 
nach Lodz. Doch da er gewuBt habe, daB im Osten damals 
Vernichtungen durchgefuhrt worden seien, in Lodz hingegen nicht, 
er jedoch TotungsmaBnahmen scharfstens miBbilligt habe, habe er 
die Transporte ungeachtet der unzureichenden Zustande nach Lodz 
dirigiert. 20 

Dieses Vorgehen kehrt auch in Eichmanns Vorschlagen 
„Lastwagen gegen Juden" im Jahre 1944 wieder. Geschickt 
versuchte er, in die Bemuhungen von deutscher Seite, den Handel 
abzuschlieBen, den nicht geringen Anteil seiner eigenen Initiative 
einzuflechten, was wiederum seinen Einsatz zeigen sollte, Juden zu 
retten. 21 

Bleibt noch zu erganzen, daB sich die StoBrichtung der Anklage im 
Kreuzverhor Eichmanns nicht direkt mit Ereignissen der Kriegszeit 
befaBte, sondern in dem Versuch bestand, Eichmann vor Gericht auf 
all das festzunageln, was er angeblich gegeniiber seinen israelischen 
Vernehmern in dem Jahr seiner Untersuchungshaft ausgesagt hat, 
und auf das, was er einem gewissen Sassen im Jahre 1957 in 
Argentinien gesagt haben soil, den er 1955 erstmals in Buenos Aires 
kennengelernt haben will. Eichmann und Sassen — ein ehemaliger 
Angehoriger der SS — planten, ein Buch iiber die Judenverfolgungen 
wahrend des Krieges zu schreiben, wobei Eichmann davon ausging, 
daB er — mit Ausnahme vielleicht eines kleinen Kreises — ein total 
vergessener Mann sei. Das Buch sollte sich auf Tonbandaufnahmen 
stiitzen, die in einer Reihe von Frage-Antwort-Sitzungen zwischen 
Eichmann und Sassen gemacht worden waren, wobei Sassen das 
Manuskript schreiben und herausbringen sollte. Eichmann lehnte die 
ursprunglich vorgesehenen Dialoge ab : 

„Als mir diese Fragen gestellt wurden, sollte ich von Zeit zu Zeit sagen, daB 
ich mien nicht erinnern konne und es nicht wisse; aber das war offensichtlich 
keine Methode, ein Buch zu schreiben . . . Und da kamen wir uberein, daB es 
nicht so wichtig sei, an was ich mich erinnerte, — die Hauptsache sei, die 
Ereignisse zu beschreiben, wie sie sich zugetragen hatten; dann sprachen wir 
uber das Copyright, uber die Lizenz fur Journalisten und Autoren, wonach wir 
berechtigt waren, die Ereignisse zu schildern — selbst wenn ich mich mehr an 
Einzelheiten erinnerte. Es sollte schlieBlich im wesentlichen eine Schilderung 
dessen sein, was geschehen war. Und dies war es, was schlieBlich 
niedergeschrieben worden ist. 

Sassen bedeutete mir dann, ich sollte uber jeden Punkt etwas sagen, damit die 
notwendige Menge Stoff zusammenkame . . . 

Es wurde auch vereinbart, daB Sassen alles in Buchform herausbringen wurde, 
wobei wir als Ko-Autoren in Erscheinung treten wurden." 

Sassens Material erschien schlieBlich im Herbst 1960 im 
LIFE-Magazin, und es ist klar, das das Ganze ein Verkaufsschlager, 



239 



im Unterschied zu einem historisch verlaBlichen Buch darstellen 
sollte. Sassen hatte einiges von dem Tonband auf Schreibmaschine 
iibertragen, wahrend Eichmann Bemerkungen und Berichtigungen 
mit der Hand einfugte, ja er gab sogar handschriftliche Kommentare 
auf 83 ganzen Seiten. Nach Veroffentlichung der Serie im 
LIFE-Magazin und der Spontanreaktion Israels spielte Sassen der 
israelischen Anklagebehorde zahlreiche Ablichtungen von 300 
maschinengeschriebenen Seiten mit handschriftlichen Einfugungen, 
die von Eichmann stammen sollen, zu. Hierbei soil es sich um ein 
Transkript von 62 der 67 aufgenommenen Sitzungen sowie der 
83seitigen handschriftlichen Aufzeichnungen Eichmanns handeln. 
Originaldokumente sind offenbar nicht beschafft worden, wobei 
nicht auszuschlieBen ist, daB in den iibersandten Unterlagen 
Verfalschungen und Abanderungen vorgenommen worden sind. Im 
Hinblick auf die originalen Tonbander kommentierte die Anklage : 

„Wir wissen nichts uber die Bander selbst. Ich weiB nicht, ob die Leute, die an 
diesen Unterredungen teilnahmen, das Band verwahrt haben oder ob sie es 
loschten und fur andere Aufgaben wiederverwendeten." 

Die Verteidigung bestritt die Echtheit dieser Dokumente und 
erklarte, der groBte Teil der Berichtigungen am Rand sei in dem 
eigentlichen Dokument nicht enthalten gewesen. Dr. Servatius 
fuhrte als Verteidiger weiter aus, daB, diirfte Sassen als Zeuge vor 
Gericht erscheinen, bewiesen werden konnte, 

„da(3 er das, was der Angeklagte gesagt habe, fur seine eigenen Zwecke 
verandert und entstellt habe. Er habe ein Propaganda-Buch schreiben wollen; 
es konnte bewiesen werden, wie die Worte entstellt worden sind." 

Die Anklagevertreter versicherten indessen dem Gericht, daB man 
Sassen, wiirde er nach Israel kommen, den ProzeB wegen seiner 
SS-Zugehorigkeit machen wiirde. Bleibt zu erganzen, daB das 
LIFE-Magazin, das anscheinend von Sassen das gleiche Material 
erhalten hatte, dieses als authentisch behandelt hat, was jedoch 
weder juristisch noch historisch etwas zu bedeuten hat. 22 

Wir beenden die kurze Erorterung des Eichmann-Prozesses mit 
einer Berichtigung der propagandistisch groB herausgestellten 
Reaktion, er hatte am Ende des Krieges erklart, daB er „freudig ins 
Grab springen wiirde in dem BewuBtsein, daB 5 oder 6 Millionen 
Juden getotet worden seien." Eichmann sagte aus, daB er tatsachlich 
am Ende des Krieges gegeniiber seinen Mitarbeitern eine ahnlich 
bittere AuBerung getan habe, aber daB die 5 Millionen Getoteten 
nicht „Juden" gewesen waren, sondern „Feinde des Reiches", also 
feindliche Soldaten, vor allem Russen. Wahrend er es in seiner 
Verteidigung auf sich nahm, die allgemeine Realitat von 
Vernichtungsaktionen nicht zu bestreiten, betonte er, daB er nicht in 
der Lage sei, auch nur annahernd eine Zahl getoteter Juden 
anzugeben und daB alle ihm in diesem Zusammenhang 
zugeschriebenen AuBerungen falsch waren, so naturlich auch die 
„Eidesstattliche Erklarung" von Wilhelm Hottl. 23 



240 



Die in den sechziger Jahren in Westdeutschland durchgefiihrten 
„NSG"-Prozesse (, NS-Gewaltverbrechen-Prozesse") sind fiir eine 
historische Wahrheitsforschung kaum der Erwahnung wert und 
iiberdies wegen der Obskuritat der Angeklagten ziemlich schwierig 
zu untersuchen. 

Der ehemalige Hamburger Finanzrichter Dr. Wilhelm Staglich hat 
die Zusammenhange der politischen Justiz und historischen Wahr- 
heitfindung im Nachkriegsdeutschland teils in seiner Verfassungs- 
beschwerde vom 17.8.1975, teils in einer unten angegebenen Publi- 
kation zutreffend und komprimiert dargestellt : 

„Bekanntlich haben die Alliierten nach dem Zusammenbruch des 
Deutschen Reiches samtliche deutschen Archive gestohlen und bisher nur 
geringfugige Teile davon zuruckgegeben. Man kann sicher sein, daB das erst 
nach grundlicher Uberprufung geschehen ist und vor allem entlastende 
Aktenstucke uns bestimmt weiter vorenthalten werden. 

Auch der wissenschaftlichen Forschung ist insoweit noch lange nicht alles 
Material zuganglich. Man kann ferner dessen sicher sein, daB die deutschen 
Archive von den Alliierten besonders grundlich nach belastendem Material 

— insb. zur sog. „Endlosung" — durchsucht worden sind. Wenn trotzdem 
bisher nichts ans Licht gefordert wurde, was die angeblichen 
Massenvernichtungen auf Befehl der Reichsregierung uberzeugend und 
eindeutig beweist, man sich vielmehr immer noch dafur im wesentlichen 
auf sehr zweifelhafte Aussagen meist toter ,Zeugen' — z. T. sogar bereits als 
gefalscht erkannt — berufen muB, so durften weniger die sagenhaften 
Gaskammern von Birkenau als vielmehr deren Fragwurdigkeit offenkundig 
sein. Dies urn so mehr, als einige einwandfreie Dokumente und allgemein 
bekannte Tatsachen zeigen, daB auch die Juden in den besetzten 
Ostgebieten, u. a.. in Auschwitz, dringend als Arbeitskrafte benotigt 
wurden. . . . 

So nahm z. B.. das Frankfurter Schwurgericht in seinem von Arndt und 
Scheffler (siehe FuBnote) zitierten Urteil in der Strafsache gegen Mulka u. a.. 

— Az 4 Ks 2/63 — vom 19.8.1965 (sog. Auschwitz-Urteil) fur seine 
allgemeinen Feststellungen uber die angeblichen Judenvernichtungen in 
Auschwitz in erster Linie auf die ,iiberzeugenden und fundierten 
Sachverstandigengutachten' — der Sachverstandigen des Instituts fur 
Zeitgeschichte — Bezug, denen sich das Gericht ,in vollem Umfang 
angeschlossen' hat (S. 85 der Urteilsgrunde). Daneben stutzte es sich auf die 
bereits erwahnten Aufzeichnungen des ersten Lagerkommandanten Rudolf 
H6B, die dieser im Krakauer Gefangnis vor seiner Hinrichtung 
niedergeschrieben haben soil. Dabei lag dem Gericht nicht einmal das 
Original dieser Aufzeichnung vor, sondern nur eine vom Institut fur 
Zeitgeschichte besorgte Fotokopie, deren Echtheit — d. h. Ubereinstimmung 
mit der angeblichen Originalurkunde — das Gericht auf Grund einer entspr. 
Versicherung des Sachverstandigen Dr. Broszat als erwiesen ansah. Erganzend 
meinte das Gericht noch, daB die in diesem .Dokument' gegebene Schilderung 
der allgemeinen Verhaltnisse in vielen Punkten auch durch die Zeugen 
bestatigt worden sei. Auf die Idee, daB diese Zeugen die .Aufzeichnungen' 
entweder vor ihrer Aussage selbst gelesen haben, oder jedenfalls bei ihrer von 
dem Verteidiger Laternser nachgewiesenen ,Vorbereitung' auf den ProzeB im 
polnischen Justizministerium entsprechend instruiert worden sein konnten. 
ist das Gericht offenbar nicht gekommen. In einem normalen StrafprozeB 
ware eine solche ,Beweisfuhrung' undenkbar! 



241 



An diesem einen Beispiel des beruhmten Auschwitz-Prozesses ist deutlich die 
fur alle Prozesse dieser Art geltende Methode abzulesen, wie die angeblichen 
Massenvergasungen bisher „festgestellt" wurden und noch werden. Vor 
Gericht werden „Gutachten" erstattet, in denen die Richtigkeit dieses 
Tatbestandes unter Hinweis auf vollig unzureichende Unterlagen und 
„Dokumente" versichert wird. Die Gerichte akzeptieren mangels eigener 
Sachkenntnis sowie auch weitgehender Ausschaltung des gesunden 
Menschenverstandes — vielleicht aber auch aus Opportunitatsgrunden — diese 
Gutachten als „uberzeugend und fundiert". Es kann keine Rede davon sein, 
daB schon einmal irgendein Dokument, mit dem die zeitgeschichtlichen 
Gutachter ihre zweckbestimmten Aussagen zu untermauern suchten, von 
einem Gericht kritisch unter die Lupe genommen worden ware. Fur die 
Gerichte sind die Ausfuhrungen der Gutachter grundsatzlich — wie es haufig 
so schon heiBt — „gesicherte Erkenntnisse der Zeitgeschichte". Die 
„Zeitgeschichtler" wiederum berufen sich dann, wie anhand dieser jungsten 
Veroffentlichung des Instituts fur Zeitgeschichte nachzuweisen ist, fur ihre 
Darstellung „vor allem" auf die „Ergebnisse gerichtlicher Untersuchungen 
und Verfahren". So beruft sich einer auf den anderen, zweifellos eine recht 
eigenartige Methode der „Geschichtsschreibung". 

„Diese NSG-Verfahren, die keiner der modernen Strafzwecke mehr erfordern 
wurde, sollen — so geht dies aus einer Abhandlung des Herrn Broszat vom 
Institut fur Zeitgeschichte in Munchen hervor — unter MiBbrauch richterlicher 
Autoritat der Festschreibung der von auslandischen Machtgruppen 
dogmatisierten Greuelpropaganda dienen. Zum andern wird aus den 
Bemerkungen Broszats deutlich, wie unvollkommen bisher durch die 
offizielle Zeitgeschichtsforschung die von interessierter Seite erwunschten 
oder sogar geforderten historischen Tatbestande belegt werden konnten. Und 
endlich wird uber die aus dieser eigenen Unzulanglichkeit heraus geborene 
Methode der Geschichtsschreibung uber die deutschen KL kein Zweifel mehr 
gelassen : die deutsche Justiz wurde und wird zur Handlangerin einer hochst 
obskuren u. vielfach anfechtbaren Zeitgeschichtsforschung herabgewurdigt! 
Zum Trauma deutscher Richter wird es mit Sicherheit einmal werden, daB 
sie einer solchen Entwicklung nicht rechtzeitig Widerstand entgegengesetzt 
haben, wie es die Ehre deutschen Richtertums eigentlich erfordert hatte ..." 
(Quelle : „Das Institut fur Zeitgeschichte — eine Schwindelfirma?" — 
Deutscher Arbeitskreis Witten, Heft 2, 1976, S. 15—17). 

Wir hatten dieses Zitat nicht so ausfiihrlich gebracht, wiirde es 
nicht von einem deutschen Richter stammen und wiirde es sich nicht 
mit einer quasi amtlichen Veroffentlichung des offiziellen „Bonn" 
neuesten Datums auseinandersetzen, die das komprimierte 
Eingestandnis enthalt, daB „die meisten Vorarbeiten fur eine 
abschlieBende Bilanz noch fehlen" und es keinerlei Spuren der 
angeblich getoteten Millionen Toten in den Lagern Chelmno, 
Sobibor, Belczek, Treblinka und Auschwitz gibt. 

Von den „NSG-Prozessen" ragte der „Auschwitz-ProzeB" heraus, 
dessen erstes Opfer Richard Baer war, der Nachfolger von HoB und 
letzte Kommandant vom Lager Auschwitz. Auch nach seiner 
Verhaftung am 20.12.1960 blieb Baer bei den Verhoren beharrlich 
bei seiner Aussage, daB die Gaskammern von Auschwitz ein Mythos 



(Bezug : Sonderdruck Beilage der Zeitschrift „Das Parlament" v. 8.5.1976 Arndt/ 
Scheffler „Organisierter Massenmord". — Ausfuhrliche Sachkritik dieser Publikation in : 
Udo Walendy „Die Methoden der Umerziehung", 1976, 4973 Vlotho, Verlag fur 
Volkstum und Zeitgeschichtsforschung) 



242 



seien. Leider erlebte er es nicht, diesen Standpunkt vor Gericht zu 
vertreten, denn am 17.6.1963 verstarb er im Gefangnis im Alter von 
51 Jahren, der Verlautbarung nach an Kreislaufschwache; seine Frau 
hingegen hielt den Tod ihres vorher gesunden Mannes fur 
ausgesprochen mysterios. 24 

Als die Verhandlungen schlieBlich im Dezember 1963 in 
Frankfurt begannen, war der Hauptangeklagte K. L. Mulka, eh. 
SS-Hauptsturmfiihrer, der fur kurze Zeit der Adjutant von HoB in 
Auschwitz gewesen war. Mulka war schon einmal kurz nach dem 
Kriege im Zusammenhang mit seinem Dienst in Auschwitz vor ein 
deutsches Gericht gestellt worden, gleichermaBen wie einige weitere 
Angeklagte. Das Gericht ignorierte naturlich die gesetzlichen 
Vorschriften nicht vollig und bemuhte sich zu erklaren, daB die 
Regierung in Bonn sich als Rechtsnachfolger des Dritten Reiches 
betrachte und daher zustandig sei, Personen gerichtlich zu verfolgen, 
die sich wahrend des Krieges Gesetzesubertretungen haben 
zuschulden kommen lassen. Das Gericht hatte somit von der 
Tatsache auszugehen, daB das Toten von Menschen, also auch 
Juden, im nationalsozialistischen Deutschland selbstverstandlich 
illegal war. Das Frankfurter Gericht hat sogar selbst in seiner 
Urteilsbegrundung eine bezeichnende Sachdarstellung gegeben : 2B 

„Diese Feststellung der Schuld hat aber das Gericht vor auBerordentlich 
schwere Aufgaben gestellt. AuBer wenigen und nicht sehr ergiebigen 
Urkunden standen dem Gericht zur Rekonstruktion der Taten der 
Angeklagten fast ausschlieBlich Zeugenaussagen zur Verfugung. Es ist eine 
Erfahrung der Kriminologie, daB Zeugenaussagen nicht zu den besten 
Beweismitteln gehoren. Dies um so mehr, wenn sich die Aussage der Zeugen 
auf Vorfalle bezieht, die vor 20 Jahren oder mehr unter unsaglichem Leid und 
Qualen von den Zeugen beobachtet worden sind. Selbst der ideale Zeuge, der 
nur die reine Wahrheit sagen will und der sich rnuht, sein Gedachtnis zu 
erforschen, ist nach 20 Jahren manchen Erinnerungslucken unterworfen. Er 
gerat in die Gefahr, Dinge, die er tatsachlich erlebt hat, auf andere Personen zu 
projizieren, und Dinge, die ihm von anderen in diesem Milieu sehr drastisch 
erzahlt wurden, als eigenes Erlebnis aufzufassen. Auf diesem Weg aber gerat er 
in die Gefahr, Zeit und Ort seiner Erlebnisse zu verwechseln. 

Es ist gewiB fur Zeugen eine Zumutung gewesen, wenn man sie heute noch 
nach alien Einzelheiten ihrer Erlebnisse fragt. Es hieBe die Zeugen 
uberfordern, wenn man heute, nach 20 Jahren, noch wissen will, wann, wo 
und wie im einzelnen wer was gemacht hat. Aus diesem Grunde ist auch 
wiederholt von den Zeugen Erstaunen geauBert worden dariiber, daB man von 
ihnen eine so prazise Wiedergabe des damaligen Geschehens verlangt hat. Es 
ist selbstverstandlich und auch die Pflicht der Verteidigung gewesen, nach 
diesen Einzelheiten zu fragen. Und es ist durchaus unrecht, der Verteidigung 
etwa zu unterstellen, sie wolle diese Zeugen der Lacherlichkeit anheimgeben. 
Im Gegenteil, man muB sich doch nur einmal vergegenwartigen, welche 
unendliche Kleinarbeit in einem MordprozeB unserer Tage geleistet wird, wie 
aus kleinen Mosaiksteinchen das Bild des wahrhaften Geschehens im 
Augenblick des Mordes zusammengesetzt wird. Es steht dem Gericht zur 
Verfugung zunachst die Leiche, das Obduktionsprotokoll, das Gutachten der 
Sachverstandigen uber die Ursachen fur den Eintritt des Todes und der Tag, an 
dem die Tat geschehen sein muB, die Einwirkung, die zum Tode des 
betreffenden Menschen gefuhrt hat. Es stehen zur Verfugung die Mordwaffe, 



243 



die Fingerabdrucke, die den Tater identifizieren, es stent zur Verfugung der 
FuBabdruck, den er hinterlassen hat, als er in das Haus des Ermordeten 
eintrat, und es sind noch vielerlei Einzelheiten vorhanden, die dem Gericht 
die unabdingbare GewiBheit verschaffen, daB dieser Mensch von einem ganz 
bestimmten Tater zu Tode gebracht worden ist. 

All dies fehlt in diesem ProzeB. Wir haben keine absoluten Anhaltspunkte fur 
die einzelnen Totungen, wir hatten nur die Zeugenaussagen. Diese 
Zeugenaussagen waren jedoch mitunter nicht so exakt und prazis, wie das in 
einem MordprozeB erforderlich ist. Wenn deshalb die Zeugen gefragt wurden, 
in welchem Jahr eine Tat geschah oder in welchem Monat, so ist dies durchaus 
im Interesse der Wahrheitsfindung erforderlich gewesen. Und diese Daten 
stellten mitunter den einzigen Anhaltspunkt fur das Gericht dar, urn zu 
uberprufen, ob das von den Zeugen geschilderte Ereignis sich tatsachlich so 
zugetragen haben muB, wie der Zeuge es schildert, oder ob der Zeuge hier 
einem Irrtum oder einer Personenverwechslung zum Opfer gefallen ist. 
Trotzdem war sich das Gericht naturlich bewuBt, daB es eine auBerordentliche 
Belastung der Zeugen gewesen ist, wenn sie angesichts des Lagermilieus, wo 
ihnen kein Kalender, keine Uhr und nicht die primitivsten Merkmoglichkeiten 
zur Verfugung standen, nun noch in minutioser Form Ausdruck geben sollten 
uber alles, was sie damals erlebt haben. Und trotzdem muBte das Gericht noch 
feststellen konnen, ob tatsachlich der einzelne Angeklagte einen wirklichen 
Mord wo und wann veriibt hat. Das eben fordert das Strafgesetzbuch. 

Es handelt sich sicher hier urn einen normalen StrafprozeB, mag er auch einen 
Hintergrund haben, wie er wolle. Das Gericht konnte nur urteilen nach den 
Gesetzen, die von ihm beschworen worden sind. Und diese Gesetze erfordern 
nach der subjektiven und nach der objektiven Seite eine genaue Feststellung 
von der konkreten Schuld eines Angeklagten. Gerade die Uberforderung der 
Zeugen beweist, wie unendlich schwer es ist, nach 20 Jahren noch konkrete 
Vorgange festzustellen und festzuhalten. Wir haben Zeugen vernommen, die 
dem Gericht zunachst so glaubwurdig erschienen, daB wir sogar Haftbefehl 
auf ihre Aussage hin ausgestellt haben. Bei einer eingehenden Uberprufung der 
Zeugenaussagen in stundenlangen Beratungen muBte jedoch festgestellt 
werden, daB diese Aussagen nicht unbedingt stichhaltig waren und nicht 
unbedingt der objektiven Wahrheit entsprechen muBten. Gerade fur diesen 
Zweck muBten auch gewisse Zeiten erfragt werden und Urkunden daraufhin 
uberpruft werden, ob der Angeklagte, der von dem Zeugen belastet worden 
war, zu der bestimmten Zeit uberhaupt im Lager Auschwitz untergebracht, ob 
er dort die Tat begangen haben konnte, oder ob der Zeuge etwa die Tat auf 
einen Falschen projizierte. 

Angesichts dieser Unsicherheit der Zeugenbekundung — und ich spreche jetzt 
nur von den Zeugen, denen das Gericht den guten Willen zur Wahrheit, zur 
subjektiven und objektiven Wahrheit, durchaus glaubt und abgenommen hat 
— muBte das Gericht die Zeugenaussagen ganz besonders prufen. Man hat vor 
einigen Wochen in den Zeitungen lesen konnen, daB ein Mitglied des 
Konzentrationslagers Buchenwald verurteilt worden ist wegen Ermordung 
eines Haftlings, von dem heute feststeht, daB er lebt und gar nicht ermordet 
worden ist. Derartige Beispiele sollten doch sehr zu denken geben. Diese Falle 
von Justizirrtum dienen nicht dazu, die Rechtssicherheit zu starken und den 
Glauben an das Recht zu stutzen. Aus diesem Grunde hat auch das Gericht 
alles vermieden, was irgendwie auch nur im entferntesten auf eine 
summarische Entscheidung hindeuten konnte. Das Gericht hat mit groBer 
Sorgfalt und mit allem Ernst jede einzelne Aussage eines jeden Zeugen 
uberpruft und hat infolgedessen in einer ganzen Reihe von Anklagepunkten 
keine Verurteilung aussprechen konnen, da sichere Voraussetzungen fur ein 



244 



solches Urteil nicht geschaffen werden konnten. Dabei waren die 
Moglichkeiten der Nachprufung dieser Zeugenaussagen nur sehr beschrankt. 
Alle Tatspuren sind vernichtet worden. Die Urkunden, die dem Gericht 
wichtige Hilfsmittel hatten darstellen konnen, sind verbrannt worden ..." 

Obwohl diese Zugestandnisse des Frankfurter Schwurgerichts bei 
der Meinungs- und Urteilsbildung iiber solche Prozesse schliissig sein 
sollten, miissen wir feststellen, daB das Gericht die Fakten dieser 
Lage im schlieBlichen Urteil falsch bewertet hat. Die groBe 
Mehrheit der Zeugen waren Staatsbiirger des Sowjetblocks, abhangig 
von all dem Zwang und der eigenen wie familiaren 
Existenzbedrohung, die eine vom System unerwunschte Aussage 
nach sich ziehen wiirde. Das Schwurgericht beklagte, daB „diese 
Zeugenaussage nicht so genau und zutreffend sei, wie es 
wunschenswert ware", wobei noch zu bemerken bleibt, daB mit 
Sicherheit versucht worden ist, das „Erinnerungsvermogen" der 
Zeugen auszurichten. Hatte doch das „ Internationale Auschwitz- 
Komitee" zudem sein Hauptquartier zu jener Zeit in Frankfurt 
aufgeschlagen und „Informationsblatter" iiber die erschiitternden 
Verhaltnisse ausgegeben, die in Auschwitz angeblich vorgelegen 
hatten. Diese „Informationsblatter" waren den Zeugen ubermittelt 
und von diesen gelesen worden, bevor sie zur Zeugenaussage geladen 
waren. Es gab dort sogar eine Ausstellung, auch mit Fotos von den 
Angeklagten, die sowieso laufend durch die Presse publik gemacht 
worden sind. Ein „ Lager- AusschuB" ist tatig geworden; vom 
damaligen Oberstaatsanwalt Bauer sowie dem Oberburgermeister 
von Frankfurt ist bekannt geworden, daB sie Zeugen offene 
oder/und versteckte Vorschlage bzw. Anhaltspunkte verschiedenen 
Grades gemacht haben. 26 

Die Farce weitete sich auch auf die Zusammenhange aus, mit 
denen sich das Gericht befaBte, und die sich auf die Urteile bezogen. 
Mulka wurde fur schuldig befunden und deshalb zu 14 Jahren 
Zwangsarbeit verurteilt, weil er als der zweite Mann der Verwaltung 
des „groBen Vernichtungslagers" war, in zumindest einem Fall 
Zyklon B angefordert und er den Fahrzeugpark befehligt hatte, 
womit die Verurteilten befordert wurden, — weil er zudem einigen 
Schriftverkehr in bezug auf Transporte gefuhrt hatte, und 
schlieBlich, weil er am Bau der Krematorien beteiligt gewesen war. 
Jedoch nach weniger als 4 Monaten wurde er aus Krankheitsgriinden 
entlassen. — Der Angeklagte Franz Hofmann, eh. Hauptsturmfuhrer, 
erhielt lebenslanglich aus dem einfachen Grund, weil er, obwohl fur 
schuldig im Zusammenhang mit Vernichtungen befunden, eigentlich 
vor Gericht gestellt worden war, weil er mit einer Flasche nach einem 
Haftling geworfen hatte, der spater an einer Kopfverletzung 
gestorben war. Dieser Fall hat das Gericht offensichtlich starker 
beeindruckt als die Massenvernichtungen, was kaum uberraschend 
ist, weil dieser Flaschenwurf-Vorfall als einer jener Falle anerkannt 
werden konnte, die im Gefangenenbereich nun einmal vorkommen. 
Obwohl zu lebenslanglicher Haft verurteilt, wurde Hofmann kurz 
darauf unter Berufung auf vorhergehende Haftzeiten wieder auf 
freien FuB gesetzt. 27 

Durchsucht man historische Bucher nach Vorgangen, die den 
Prozessen gegen die „Kriegsverbrecher" vergleichbar sind, so 



245 



unterscheiden sich jene politisch motivierten Prozesse friiherer Zeit 
durch das Fehlen einer jener hysterischen, publizistisch weltweit 
verbreiteten Atmosphare und der hiermit synchron gesteuerten 
Geschichtsentstellungen, die das politische Gefiige eines ganzen 
Kontinentes tangieren. Bei fruheren Prozessen jener Art handelte es 
sich zudem um wenige Opfer — man denke an Maria Stuart, Konigin 
von Schottland, oder an Johanna von Orleans. Als weitere 
Prazedenzfalle bieten sich neben den Prozessen im Verlauf der 
franzosischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts nur die 
Hexenprozesse des Mittelalters an. In den Hexenprozessen 
empfanden es die Angeklagten ebenfalls oftmals als tunlich, unter 
den fur sie obwaltenden Umstanden sich den Anklagen bis zu einem 
gewissen Grade zu unterwerfen. In vielen Fallen bot ein 
Teilgestandnis den einzig moglichen Verteidigungsversuch. Bei der 
Vollstreckung der Urteile sah man Szenen wie diese : 28 

„Auf einem Schafott standen die verurteilten Hexen, ein armseliges Hauflein, 
und auf einem anderen die Masse der Begnadigten. Die reuige Heldin, deren 
Gestandnis verlesen wurde, machte vor nichts halt, so wild und 
unwahrscheinlich es auch sein mochte. An dem Sabbath aBen sie zerhackte 
Kinder; und als 2. Gang tote, aus ihren Grabern geholte Zauberer. Kroten 
tanzten und sprachen, klagten verliebt uber die Unfreundlichkeit ihrer 
Liebesgefahrtinnen und holten den Teufel, sie zu schelten. Dieser begleitete 
die Hexen mit groBer Hoflichkeit nach Hause und leuchtete ihnen auf dem 
Weg mit dem flammenden Arm eines ungetauften Kindes ..." etc. etc. 

Auf diese Weise wurden Fantasie und Emotionen der Richter und 
des Volkes angefacht, und es gab sogar Mittel und Wege, dies noch 
weiter zu treiben, indem man behauptete, man sei eine Hexe und 
damit wisse man von dem Treiben gewisser anderer Hexen und 
kenne sich darin aus, wie man sie herausfinde usw. 

Sowohl bei den Hexenprozessen und den sog. „Kriegsver- 
brecherprozessen" wird mit hohen Zahlen von Opfern jongliert und 
mit einer unerschopflichen Variationsbreite unglaublichster 
Beschuldigungen. Beide Arten verlaufen in eine Atmosphare der 
Unwirklichkeit und Hysterie. Jener Mensch, der behauptet, bzw. 
jenen Glauben schenkt, die behaupten, ein moderner Staat habe in 
einem Zentrum der chemischen Industrie unter Verwendung eines 
Ungeziefermittels massenweise Menschen umgebracht, was durch 
den standig gegenwartigen Gestank vernehmlich gewesen sei, ist ein 
Aquivalent zu jenem, der in fruheren Jahrhunderten jenen geglaubt 
hat, die behaupteten, Ungluck brachten Leute, die mit Kroten 
sprachen und Geschlechtsverkehr mit dem Teufel betreiben etc. 

Ein weiterer wichtiger Zusammenhang zwischen Hexenprozessen 
und „Kriegsverbrecherprozessen" besteht darin, daB die Folterung 
von Zeugen und Angeklagten in beiden eine Rolle gespielt hat. 
Historiker, die das Geschehen des Kriegsverlaufes 1939 — 1945 
untersuchen, haben, da sie wissen, daB es im Zusammenhang mit 
„Kriegsverbrecherprozessen" zuweilen Folterungen gegeben hat, zu 
berucksichtigen, inwieweit hierdurch Aussagen manipuliert worden 
sind. Wurden derartige Vorgange in den Dachauer Prozessen bereits 
angedeutet (I. Kap.), so hat sich Ahnliches im BelsenJ?rozeB auf 
britische Veranlassung hin zugetragen : Joseph Kramer und andere 



246 



Angeklagte wurden gefoltert, zuweilen so stark, daB sie um ihren 
Tod flehten. 29 Auf der anderen Seite scheint es, daB die sog. 
„Hauptkriegsverbrecher" offenbar zu prominent gewesen sind, um 
sie Folterungen zu unterwerfen, obwohl Julius Streicher hier eine 
Ausnahme gebildet haben mag. Streicher beschwerte sich vor dem 
IMT, daB er nach seiner Verhaftung von Negersoldaten geschlagen 
worden ware. Auf Antrag des Anklagers Jackson wurde diese 
Aussage aus den Akten gestrichen, weil „das Gericht sonst eine 
Untersuchung hatte durchfiihren mussen". Streicher hat als 
Schriftleiter und Herausgeber der vielfach Argernis erregenden 
Zeitung „Der Sturmer" nicht nur Juden, Freimaurer und Geistliche 
angegriffen, — sondern gelegentlich sogar auch prominente 
Nationalsozialisten. „Der Sturmer" wurde von nahezu alien 
fuhrenden Nationalsozialisten als zu aggressiv und schadlich 
beurteilt, doch, wenn Streicher auch aus jeglichen Dienststellungen 
der NSDAP entfernt worden war und er vor ahem mit Goring eine 
langwierige Auseinandersetzung hatte, so hat Hitler ihn aus 
Dankbarkeit dafur gewahren lassen, weil er Nurnberg der NSDAP 
erschlossen hatte. „Der Sturmer" wurde zwar im Dritten Reich nicht 
verboten, doch wurde Streicher 1940 als Gauleiter von Nurnberg 
abgesetzt; er hatte niemals eine Position in der Reichsregierung. 
Daher schien seine Anwesenheit in der ersten Reihe der Angeklagten 
im IMT abwegig. 30 

Wenn es auch niemals eine generelle oder gar massive Enthullung 
iiber Folterungen gegeniiber Angeklagten und Zeugen des IMT- 
Prozesses gegeben hat, so sind doch unsere Bedenken in diesem 
Zusammenhang nicht von der Hand zu weisen, vor allem wenn man 
unter „ Folterungen" nicht nur physische Qualereien bis hin zu 
Schwerverletzungen oder Tod versteht, sondern gleichermaBen 
Dunkelhaft in Stehzellen, Hunger, Kalte, ErschieBungsdrohungen 
auch gegeniiber Angehorigen oder Untergebenen von einst, 
Scheinurteile, Auslieferungsdrohungen hier z. B.. an die Sowjets, 
Enteignungen, Erpressungen jedweder Form auch gegeniiber den 
Familien, Protokoll- und Dokumentenfalschungen, Entzug jeglicher 
Entlastungsbeweismittel, massiver Auslieferung gegeniiber weltweit 
durchgefuhrten Dauerverunglimpfungen usw. Beriicksichtigt man 
ferner, daB die Niirnberger Tribunalverfahren in erster Linie als eine 
„UmerziehungsmaBnahme mit Langzeitwirkung gegeniiber dem 
deutschen Volk" seitens der Siegermachte gedacht war, so kam es 
gar nicht einmal darauf an, die Angeklagten selbst zu foltern in 
diesem oder jenem AusmaB, als vielmehr manipulierbare „ Zeugen" 
zu gewiinschten Aussagen zu bewegen, gefalschte Unterlagen der 
Offentlichkeit als „Dokumente" zu prasentieren, um diese auch 
nachwachsenden „Historikern" „amtlich zur Kenntnis zu geben" 
(man denke stets an diesen so formulierten Auftrag des als 
„ Londoner Protokoll" bezeichneten Vertrages der UdSSR, USA 
und GroBbritanniens vom 8.8.1945 — Art. 21!) und auf diese Weise 
einen propagandistischen Rahmen zu schaffen, der der 
Weltoffentlichkeit „die deutsche Schuld" in jeglichem Bereich 
„glaubhaft" darbietet. Fur diese Aufgabenstellung ware es gar nicht 
zweckdienlich gewesen, die Hauptangeklagten besonderen 

Folterungen zu unterwerfen. 

Wir neigen sogar der Ansicht zu, daB selbst Adolf Eichmann von 
seinen jiidischen Haschern nicht — zumindest nicht im 



247 



mittelalterlichen Sinn gefoltert worden ist, obwohl er gewaltsam aus 
Argentinien entfiihrt worden war und eine Erklarung unterzeichnet 
hatte, daB er „freiwillig" nach Israel gekommen sei, eine Erklarung, 
die die Anklage dem Gericht in Jerusalem als Zeugenmaterial 
unterbreitet hatte. Diese Ansicht griindet sich auf die Aussage 
Eichmanns vor Gericht, daB er zwar anfangs nach der Verhaftung 
eine recht grobe Behandlung habe erdulden miissen, doch er 
keinerlei weitere Beschwerden mehr vorgetragen hat. Doch da er 
sicher hierfur taktische oder sonstige Griinde hatte, ist ein 
abschlieBendes Urteil hieriiber nicht zu fallen. 31 

Nach all den manipulierten MaBnahmen, die den einseitigen und 
rechtsverwilderten Rahmen fur die Niirnberger Militartribunale 
geschaffen haben, ist es nicht mehr zumutbar zu glauben, daB die 
Anklagebehorden in Niirnberg irgendwelche moralischen 

Gewissensbisse gehabt haben sollen, physische oder psychische 
Zwangsmittel jedweder Art gegeniiber den Angeklagten zur 
Anwendung zu bringen, zumal die eine Partei der Richter — die Sow- 
jets — durch jahrzehntelange Praxis der Offentlichkeit solcher 
Art Schauprozesse in ungezahlter Variation demonstriert hatten. In 
alien solchen Prozessen waren die Angeklagten schlieBlich 
„hirngewaschen" und zwar derartig, daB sie sich vor dem Gericht 
regelrecht niedergeworfen und sich als die verkommensten 
Kreaturen auf Erden bezeichnet hatten. 32 Nichts schien fur solche 
Anklager und Richter unerreichbar zu sein. 

Wenn es auch fur uns nach wie vor wichtig ist zu wissen, welche 
Aussagen die Hauptangeklagten von Niirnberg 1945/1946 zu dem 
„Endlosungs-Progamm" bzw. uberhaupt zu irgendwelchen 

VernichtungsmaBnahmen gegeniiber Partisanen oder Juden gemacht 
haben, so sind diese ihre Aussagen auf Grund der geschilderten 
Gesamtlage keine schlussigen Beweismittel, wenn sie nicht durch 
wirkliche Faktenbeweise untermauert werden konnten. 

Ein paar jener AuBerungen, — angeblich von fuhrenden 
Nationalsozialisten — nach dem Krieg groB herausgestellt, nachdem 
die betr. Personen tot waren, auch die Zeugen, die derartiges gehort 
haben sollen — , mogen erwahnt werden. 

Am 17. April 1943 traf Adolf Hitler mit Admiral Horthy auf dem 
SchloB KleBheim zusammen. Hitler soil Horthys milde Politik 
gegeniiber den Juden kritisiert und klargemacht haben, daB die 
Dinge in Polen anders lagen : 

„Wenn die Juden dort nicht arbeiten wollten, wiirden sie erschossen. Wenn sie 
nicht arbeiten konnten, muBten sie verkommen. Sie waren wie 
Tuberkelbazillen zu behandeln, an denen sich ein gesunder Korper anstecken 
konne. Das ware nicht grausam, wenn man bedenke, daB sogar unschuldige 
Naturgeschopfe wie Hasen und Rehe getotet werden muBten, damit kein 
Schaden entstehe." 

Der Beweis, daB Hitler dies gesagt haben soil, befindet sich in dem 
angeblichen Sitzungsprotokoll und auBerdem in den diesbezuglichen 
Aussagen von Dr. Paul Otto Schmidt — dem eh. Chefdolmetscher 
Hitlers, der gewohnlich bei solchen Sitzungen anwesend gewesen 
war und die Protokolle geschrieben hatte — vor dem IMT in 
Niirnberg. Schmidt hatte 1946 ausgesagt, er ware bei der 
Zusammenkunft dabeigewesen, das Protokoll ware echt und von 



248 



ihm geschrieben. Doch in seinem spateren Buch erlauterte er, er ware 
nicht anwesend gewesen, da Horthy ausdriicklich gewiinscht habe, 
daB er den Raum verlasse. 33 

Da gibt es auch noch eine Erklarung in dem angeblichen 
Testament Adolf Hitlers : 

„lch habe aber auch keinen Zweifel daruber gelassen, daB wenn die Volker 
Europas wieder nur als Aktienpakete dieser internationalen Geld- und 
Finanzverschworer angesehen werden, dann auch jenes Volk mit mir zur 
Verantwortung gezogen werden wird, das der eigentlich Schuldige an diesem 
morderischen Ringen ist : das Judentum! Ich habe weiter keinen daruber im 
unklaren gelassen, daB diesmal nicht nur Millionen erwachsener Manner den 
Tod erleiden und nicht nur Hunderttausende an Frauen und Kinder in den 
Stadten verbrannt und zu Tode bombardiert werden durften, ohne daB der 
eigentlich Schuldige, wenn auch durch humanere Mittel, seine Schuld zu 
buBen hat ..." 

Diese Erklarung wird haufig als Eingestandnis von Vernichtungen 
ausgelegt, doch ist sein Inhalt zumindest doppeldeutig. Immerhin 
sollte das angesprochene „Bezahlen" durch „ humanere Mittel als 
Krieg" erfolgen. Die Juden, die sich in Hitlers Herrschaftsbereich 
befunden hatten, hatten Besitz und Stellung in Europa verloren, 
und dieser Sachverhalt bietet vielleicht die zutreffende Inter- 
pretation. Verlust von Besitz und Stellung konnte eine elend 
unangemessene Bezahlung fur die MaBnahmen sein, die den Juden 
angelastet worden sind, aber es ist bekannt, daB nahezu alle Politiker 
vor dem Verlassen dieser Welt geneigt sind, die Bedeutung ihres 
Wirkens zu ubertreiben. 

Nach wie vor ist zu befurchten, daB der Text dieses Testamentes 
verfalscht worden ist, da seine Entdeckung durch britische und 
amerikanische (Geheimdienst-) Beamte erst am 29.12.1945 
bekanntgegeben wurde und nur das letzte Blatt abgezeichnet ist. Nur 
der in Hitlers Kanzlei benutzten Schreibmaschine nebst amtlicher 
Briefbogen hatte es bedurft, um eine nicht erkennbare Veranderung 
vorzunehmen. 34 

Da gibt es ferner eine angeblich von Himmler in Posen im Oktober 
1943 gehaltene Rede. Die englische Ubersetzung des hier zitierten 
Teils steht in den NMT-Banden; einiges davon im original deutschen 
Wortlaut : 3B 

„lch will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel 
erwahnen. Unter uns soil es einmal ganz often ausgesprochen sein, und 
trotzdem werden wir in der Offentlichkeit nie daruber reden. Genau so wenig, 
wie wir am 30. Juni 1934 gezogert haben, die befohlene Pflicht zu tun und 
Kameraden, die sich verfehlt hatten, an die Wand zu stellen und zu erschieBen, 
genau so wenig haben wir daruber jemals gesprochen und werden je daruber 
sprechen. 

Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des judischen Volkes. 
Es gehort zu den Dingen, die man leicht ausspricht. — „Das judische Volk wird 
ausgerottet", sagt ein jeder Parteigenosse, „ganz klar, steht in unserem 
Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung machen wir". Und dann 
kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen 



249 



anstandigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine 
ist ein prima Jude. Von alien, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es 
durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heiBt, wenn 
100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1.000 daliegen. 
Dies durchgehalten zu haben, und dabei — abgesehen von Ausnahmen 
menschlicher Schwachen — anstandig geblieben zu sein, das hat uns hart 
gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes 
Ruhmesblatt unserer Geschichte, denn wir wissen, wie schwer wir uns taten, 
wenn wir heute noch in jeder Stadt — bei den Bombenangriffen, bei den 
Lasten und bei den Entbehrungen des Krieges — noch die Juden als 
Geheimsaboteure, Agitatoren und Hetzer hatten. Wir wurden wahrscheinlich 
jetzt in das Stadium des Jahres 1916/1917 gekommen sein, wenn die Juden 
noch im deutschen Volkskorper saBen. 

Die Reichtumer, die sie hatten, haben wir ihnen abgenommen. Ich habe einen 
strikten Befehl gegeben, den SS-Obergruppenfiihrer Pohl durchgefuhrt hat, 
daB diese Reichtumer selbstverstandlich restlos an das Reich abgefuhrt 
wurden. Wir haben uns nichts davon genommen . . . Wir hatten das moralische 
Recht, wir hatten die Pflicht gegenuber unserem Volk, dieses Volk, das uns 
umbringen wollte, umzubringen. Wir haben aber nicht das Recht, uns auch 
nur mit einem Pelz, mit einer Uhr, mit einer Mark oder mit einer Zigarette 
oder mit sonst etwas zu bereichern. Wir wollen nicht am SchluB, weil wir 
einen Bazillus ausrotteten, an dem Bazillus krank werden und sterben ..." 

DaB Himmler derartige AuBerungen wirklich getan hat, ist 
ausschlieBlich von zweifelhaften Unterlagen belegt, wozu auch eine 
Tonaufnahme von undefinierbarer Herkunft und auBerordentlich 
schlechter Qualitat zu zahlen ist, die allein schon aus diesen zwei 
Indizien als Beweismittel ausfallt. Der angebliche Text der Posener 
Rede ist ein Teil des „Dokumentes 1919-PS" und zahlt in den 
IMT-Banden iiber 63 Seiten. Die hier angefuhrte Passage erscheint als 
ein Absatz von 1,5 Seiten, der gesondert im Text unter der 
Uberschrift „ Juden-Evakuierung" abgesetzt ist. Das Manuskript der 
Rede, das keine weitere Bezeichnung aufweist, soil (laut 
erklarendem Text zu dem ProzeBdokument) in Rosenbergs Akten 
gefunden worden sein. Es wurde im IMT als Beweismaterial als Teil 
des Dokumentes 1919-PS vorgelegt; Im ProzeBverlauf hat man nicht 
dargetan, wo das Dokument gefunden worden ist. Niemand hat 
Rosenberg dariiber befragt. (Ein Mysterium reiht sich hier an das 
andere!) Dagegen ist Rosenberg zu 3428-PS befragt worden, einem 
weiteren angeblich in seinen Akten gefundenen Dokument, und er 
bestritt dies schon allein mit der Darlegung, daB es sich uberhaupt 
nicht in seinen Akten befunden haben konne. 36 Ferner wurde 
behauptet, daB im Verlauf des Falles 11 „die Rosenberg-Akten 
erneut gepruft wurden und dabei 44 Wiedergaben entdeckt wurden, 
die einer Schallplattenaufnahme der Posener Rede Himmlers vom 4. 
Oktober 1943 entsprechen sollten". 37 Diese Wiedergaben sollen das 
Dokument NO-5905 sein und wurden wahrend der Aussagen des 
Angeklagten Gottlob Berger als Beweisstuck vorgelegt. Berger war 
SS-Obergruppenfiihrer und ehemaliger Chef der SS-Verwaltung, 
Himmlers personlicher Verbindungsmann zum Rosenberg- 

Ministerium fur die besetzten Ostgebiete und gegen Ende des Krieges 
Amtschef fur Angelegenheiten der Kriegsgefangenen. Bei seiner 
direkten Befragung hatte Berger ausgesagt, daB er nichts von 



250 



irgendeinem Vernichtungsprogramm gewuBt habe. Zwar hatte 
Himmler tatsachlich in Posen 1943 eine „langwierige" Rede 
gehalten, und zwar vor hoheren SS-Offizieren, zu denen er — Berger 
— ebenfalls gehort habe, doch sei das „Dokument 1919-PS" auf gar 
keinen Fall eine zutreffende Niederschrift seiner Rede. Er erinnere 
sich namlich genau, daB es sich in einem Teil der Rede um bestimmte 
belgische und hollandische SS-Fiihrer gehandelt habe, die bei dem 
Treffen anwesend gewesen waren, und 38 

„Das steht nicht in der schriftlichen Ubertragung. Ich kann mit Sicherheit 
sagen, daB er nicht von der Ausrottung der Juden gesprochen hat, weil der 
AnlaB zu diesem Treffen der war, diese ungeheueren Spannungen zwischen 
der Waffen-SS und der Polizei zu glatten und auszugleichen." 

Wahrend des Kreuzverhors lieB der Anklager Petersen eine Platte 
abspielen, auf der jemand die ersten Satze der angeblichen 
Ausfuhrungen sprach, doch bestritt Berger zunachst, daB es die 
Stimme Himmlers sei, doch nach einem erneuten Abspielen meinte 
er, „es konnte Heinrich Himmlers Stimme sein". Die Platten wurden 
dann als Beweisstucke angeboten. Berger ist nicht weiter zur 
Echtheit der Stimme verhort worden und ist unmittelbar nach 
Abspielen der Platten Weiteres erlassen worden. Nur mit Zogern hat 
das Gericht diese Grammophonaufnahmen als Beweisstucke 
akzeptiert : 

„Richter Powers : „Nun, ich denke, es liegt hier auf den ersten Blick 
ausreichend Beweismaterial vor, daB es die Stimme Heinrich Himmlers ist, um 
das vorliegende Beweisstuck rechtens anzunehmen. Es gibt jedoch keinen 
Beweis, daB (die Rede) in Posen oder an einem anderen Ort gehalten worden 
ist. Die Platten werden als Beweisstucke fur das allgemeine Verhalten 
Himmlers in die Akten aufgenommen." 

Der einzige — „auf den ersten Blick" — Beweis fur die Echtheit der 
Stimme (an nur einer Stelle der Rede) war m. W. die Erklarung 
Bergers an einer Stelle, daB die Stimme „die von Heinrich Himmler 
sein konnte". 

Nach unserer Beurteilung legte die Anklage nicht einen Fetzen des 
Beweises vor, daB es die Stimme von Heinrich Himmler war, oder 
auch, daB die Posener Rede uberhaupt auf Platten aufgenommen 
worden ist. Reitlinger vermerkt, daB eine „Teilaufnahme" der 
Posener Rede existiere, — doch sagt er weder, welcher Teil, noch wie 
es moglich war, iiber solche Zusammenhange „hochster Geheimhal- 
tungsstufe" wahrend des Krieges uberhaupt vor einem solch groBen 
Kreis zu reden oder gar Schallplattenaufnahmen zu fertigen, zumal 
Himmler selbst erklart haben soil, daB er davon „niemals sprechen 
will . . . offentlich". 39 Und dann sollen auBerdem noch diese Platten 
ausgerechnet in die Hande seines politischen Rivalen Alfred 
Roenberg gefallen sein! Bedenkt man alles dies, so kann man sicher 
sein, daB wir hier eine weitere Falschung vorliegen haben. 

Es ist zutreffend, daB Pohl im Verfahren 4 bezeugt hat, er ware bei 
der Posener Rede anwesend gewesen und Himmler habe dabei 



251 



tatsachlich Bemerkungen iiber Judenvernichtungen gemacht. Doch 
Oswald Pohl hat in seiner Verteidigung Nutzen aus der Tatsache zu 
ziehen versucht, der Gestapo und dem RSHA Vernich- 
tungsbeschuldigungen anzulasten, da ihn dies zu entlasten und ihm 
beim Siegertribunal MaBigung im Urteil einzutragen schien. Pohls 
Hinweis, daB er erst durch diese Posener Rede aus dem Munde 
Himmlers von VernichtungsmaBnahmen gehort habe, riickten diese 
gemaB seiner Aussage soweit auBerhalb seiner dienstlichen 
Verantwortlichkeit, daB er damit selbst nichts zu tun gehabt haben 
konnte. Bedauerlich ist, daB das Tribunal durch diese sicherlich 
eigennutzige Verteidigungsstrategie Pohls in der Annahme bestarkt 
wurde, daB alle die unterstellten Aussagen von Heinrich Himmler 
Fakten seien. 40 

Wenden wir uns nunmehr einem weiteren „Dokument" zu : 
Gewissen Bemerkungen im Tagebuch von Dr. Joseph Goebbels. Wie 
der Herausgeber erklart, „wurden die Aufzeichnungen auf Papier 
mit feinem Wasserzeichen maschinegeschrieben, gingen dann durch 
verschiedene Hande, bis sie in den Besitz eines Mr. Frank E. Mason 
gelangten". Dementsprechend ist die Authentizitat des 

Gesamtmanuskriptes auBerst fragwurdig, selbst wenn diese fur viele 
Teile des Materials irgendwie nachweisbar ist. Bemerkenswert : 
David Irving hat in seinem Buch „ Hitler und seine Feldherren" 
(S. Ill) die von Rudolf Semmler veroffentlichten „Tagebucher" von 
Goebbels zu jenen gezahlt, iiber die er als Historiker „entsetzt und 
deprimiert war", da sie sich „bei genauem Hinsehen als Falschungen 
erwiesen, oder bei denen sich herausstellte, daB man sie in wichtigen 
Passagen frisiert hatte — ohne Ausnahme immer zu Hitlers 
Nachteil". — Falschung mittels Schreibmaschine ist einfach. Die 
gebundene Ausgabe der „ Diaries" enthalt sogar die Erklarung der 
US-Regierung, daB sie „sich fur die Authentizitat des Manuskriptes 
weder verbiirgt noch sie bestreitet". Wilfried von Oven hat in seinem 
Buch „Mit Goebbels bis zum Ende" (Buenos Aires 1949) bekundet, 
daB die auf einer Spezialschreibmaschine niedergelegten Tagebucher 
am Ende des Krieges verbrannt worden sind, daB aber vorher ein 
Mikrofilm angefertigt worden sei. 41 Wie immer dem auch sei : 
Ausfuhrungen in den nach Kriegsende veroffentlichten 

Tagebuchnotizen des ehemaligen Reichspropagandaministers iiber 
Vernichtungen von Juden stellen keinerlei historischen 
Faktenbeweis dar, zumal selbst seine Gegner ihm nie unterstellt 
haben, jemals Tatzeuge solcher Aktionen gewesen zu sein, er solches 
also hochstens vom Horensagen hatte erfahren konnen. 

Der noch verbleibende Teil der Vernichtungslegende dreht sich 
um die Vernichtung russischer Juden in Gaswagen oder durch 
ErschieBung seitens der „Einsatzgruppen". Dies ist der einzige Teil 
der Legende, der ein Kornchen Wahrheit enthalt. 

Zur Zeit des deutschen Angriffes gegen die Sowjetunion im Juni 
1941 wurde ein Fiihrerbefehl des Inhalts erlassen, worin es heiBt, 
daB in Erwartung einer ahnlichen sowjetischen MaBnahme der Krieg 
mit dem Bolschewismus nicht auf der Grundlage der traditionellen 
„Regeln fur die Kriegfuhrung" durchgekampft werden wurde. Es 
seien daher notwendige Vorkehrungen zu treffen, um vor allem der 
Partisanenaktivitat zu begegnen. Himmler wurde ermachtigt, 
„selbstandig und in eigener Verantwortung" zu handeln. Jedermann 
wuBte, daB damit ErschieBungen von Partisanen und deren 



252 



Kollaborateure eingeschlossen war. Vier Einsatzgruppen des SD mit 
einer Gesamtstarke von 3.000 Mann (d. h. je Gruppe zwischen 500 
und 1.000 Mann) wurden mit dieser nicht verheiBungsvollen 
Aufgabe betraut. Gutunterrichtete Stellen haben es iibrigens 
bestatigt, daB solche Operationen gegen die Partisanen auf dem 
sowjetischen Kriegsschauplatz unerlaBlich waren, zumal sich die 
Sowjets keinerlei internationalen Regeln fur die Kriegfuhrung 
unterworfen hatten. 42 

Wir hatten Gelegenheit, in verschiedenen Fallen zur Kenntnis zu 
nehmen, daB Juden im Kriege im Riicken der deutschen Front 
tatsachlich eine Gefahr fur die Sicherheit der Truppen bildeten. Der 
Auszug aus dem Bericht des Internationalen Roten Kreuzes macht 
dies sehr deutlich. Aufgabe der Einsatzgruppen war es, sich dieser 
Gefahren, die allerdings keineswegs von Juden allein heraufbeschwo- 
ren wurden, mit alien Mitteln zu erwehren. Und so braucht man uns 
nichts weiter vorzumachen, um in dem Verdacht bestarkt zu 
werden, daB die Einsatzgruppen viele Juden erschossen haben 
miissen, obwohl wir nicht wissen, ob „viele" = 5.000, 25.000 oder 
100.000 bedeuten. DaB auch viele Nichtjuden hiervon betroffen 
waren, das liegt in der Natur jener Kriegfuhrung. 

Die Nachkriegs-Anklagen allerdings gehen weit dariiber hinaus. Es 
wurde den Einsatzgruppen vorgeworfen, sich nicht nur mit der 
Kontrolle und Bekampfung des Partisanenkomplexes befaBt zu 
haben, sondern ohne militarische Notwendigkeit Juden (und 
Zigeuner) nur deshalb vernichtet zu haben, weil sie einer anderen 
Rasse und einem anderen Glauben angehorten. Doch allein schon 
von der Vernunft her muB der Gedanke zuriickgewiesen werden, daB 
die Einsatzgruppen bei ihrer Gesamtstarke von 3.000 Mann ihre Zeit 
und Krafte — als Grundhaltung — darauf verwendet haben sollten 
oder konnten, Ziele zu verfolgen, die nichts mit militarischen 
Erwagungen zu tun hatten. Hier stehen wir erneut vor einem 
Sachverhalt, der sich verschiedenartig interpretieren laBt. 

Es gab keinen schriftlichen Befehl, Juden zu vernichten. Gleich- 
wohl erhielten die Kommandeure der Einsatzgruppen ihre Befehle 
mundlich und zu verschiedenen Zeitpunkten. Ohlendorf befehligte 
Gruppe D in SiidruBland und erhielt seine Befehle mundlich im 
Juni 1941 von Streckenbach (vergl. Anm. d. Ub. S. 388). Rasch, 
der mit Gruppe C unmittelbar nordlich von Ohlendorf operierte, 
erhielt seine Befehle erst im August. Die Gruppen A und B wurden 
im Bereich der baltischen Staaten und im Siidosten davon tatig; 
ihre Befehlsgeber waren Stahlecker und Nebe 43 

Den Hauptbeweis fur Vernichtungen bildet ein gewaltiger Berg 
von „Dokumentenmaterial", der ganz einfach ein Witz ist. Da gibt es 
das beruhmte „Dokument 501-PS", das die Sowjets bei einem 
SchauprozeB vorgelegt haben, den sie im Dezember 1943 
aufgezogen hatten. 44 Ein Teil davon besteht aus einem Schreiben an 
Rauff in Berlin, geschrieben von einem SS-Untersturmfuhrer Becker. 
Es handelt sich wahrscheinlich um das einzige Dokument, das 
angeblich von Becker abgezeichnet worden ist. Zur Zeit des 
Niirnberger Prozesses soil Becker langst tot gewesen sein. Dieses 
Dokument lautet : 4B 

„Die Uberholung der Wagen bei der Gruppe D und C ist beendet. Wahrend die 
Wagen der ersten Serie auch bei nicht allzu schlechter Wetterlage eingesetzt 



253 



werden konnen, liegen die Wagen der zweiten Serie (Saurer) bei Regenwetter 
vollkommen fest . . . Die Wagen der Gruppe D habe ich als Wohnwagen tarnen 
lassen . . . geben die Fahrer durchweg Vollgas. Durch diese MaBnahme 
erleiden die zu Exekutierenden den Erstickungstod und nicht wie vorgesehen, 
den Einschlaferungstod." 

Der Text des „Dokumentes" klingt genauso falsch, wie man es von 
einem derartigen Dokument erwartet. Angeblich ist es von einem 
vollig unbekannten SS-Junker verfaBt und fiel den Sowjets 1943 
„zufallig" in die Hande! Alexander Solschenizyn erwahnt in seinem 
„Archipel Gulag" einen Fall des Bayern Jupp Aschenbrenner, den 
die Sowjets dazu gebracht haben, eine ahnliche Erklarung zu un- 
terschreiben, daB er im Krieg mit Gaswagen gearbeitet habe, doch 
konnte Aschenbrenner spater beweisen, daB er zu der Zeit, in der 
er angeblich mit solchen Wagen gearbeitet haben soil, in Wirklich- 
keit in Munchen war, um sich als ElektroschweiBer auszubilden. 46 

Das am haufigsten zitierte Material ist eine Sammlung von Doku- 
menten, die vorgeben, Tagesberichte und andere Einsatzmeldun- 
gen der Einsatzgruppen an Himmler und Heydrich fur die Zeit von 
Juni 1941 bis Mai 1942 zu enthalten. Die Nummern der Doku- 
mente sind 180-L (angeblich ein Bericht von Stahlecker, in Himm- 
lers Akten gefunden!) 47 , — 2273-PS (ein weiterer angeblicher 
Tatigkeitsbericht Stahlecker bis zum 31.1.1942, — „von den Rus- 
sen in Riga erbeutet"; Stahlecker kam im Marz 1942 um) 48 , — 
119-USSR und viele andere, zu zahlreich, um sie alle aufzuzah- 
len; die meisten tragen Nummern um NO-3000 herum. Neben 
der Schilderung regularer Partisanenbekampfung enthalten die Be- 
richte Einzelaktionen von MassenerschieBungen gegeniiber Juden, 
wobei die Zahl der Opfer meist in die Tausende geht. In den 
meisten Fallen wird vermerkt, daB viele Kopien, manchmal bis zu 
hundert in die Verteiler zum Vertrieb gegeben wurden. Sie sind 
hektografiert, Unterschriften sind selten, und wenn welche vorhan- 
den sind, stehen sie auf unverdachtigen Seiten. Dokument NO- 
3159 tragt beispielsweise als Unterschrift R. R. Strauch, doch nur 
auf einem Deckblatt, das die Einsatzorte der verschiedenen Ein- 
heiten der Einsatzgruppen angibt. Auf der gleichen Linie liegt das 
Dokument NO- 1128, angeblich ein Bericht Himmlers an Hitler, 
u. a., iiber die Exekution von 363.211 Juden in RuBland von Aug. 
bis Nov. 1942. Diese Behauptung findet sich auf einer maschine- 
geschriebenen Tabelle, S. 4, wahrend die angeblich von Himmler 
stammenden Initialen — ohnehin leicht zu falschen mit zwei senk- 
rechten Strichen + einem Querstrich = „H"! — auf der irrelevanten 
ersten Seite stehen sollen. 49 

In diesem Zusammenhang nehme der Leser bitte zur Kenntnis, 
daB, wenn er sich mit gedruckten Wiedergaben von Dokumenten 
in den IMT- und NMT-Banden befafit, handschriftliche Signa- 
turen nicht als selbstverstandlich angenommen werden diirfen, es 
sei denn, es ist ausdruckiich vermerkt, daB die Signatur hand- 
schriftlich ist! „gez." bedeutet im allgemeinen nur den maschine- 
geschriebenen Namen. Dokument 180-L ist z. B. in den Banden 
des IMT in deutsch wiedergegeben, wahrend sich in den 
NMT-Banden Ausziige in englisch befinden. In beiden Fallen wer- 
den Unterschriften angegeben, aber das eigentliche Dokument 



254 



weist lediglich „gez. Dr. Stahlecker" an zwei Stellen in Maschinen- 
schrift auf. 50 

Zwei Dokumente gibt es, von denen es heiBt, daB Hinrich Lohse, 
der eh. Reichskommissar fiir die Ostgebiete, sie abgefaBt habe. 
Lohse war auch jener, an den das Schreiben von Wetzel iiber das 
„Brack-Mittel" (S. 225) gerichtet war. Eines der Dokumente dreht 
sich um die „Sonderbehandlung", das in S. 149 ff Erwahnung fin- 
det. Wie Wetzel ist auch Lohse in Nurnberg niemals als Zeuge 
aufgetreten. Jedoch : Im Gegensatz zu Wetzel ist Lohse vor ein 
deutsches Nachkriegsgericht gestellt worden, das ihn zu 10 Jahren 
Haft verurteilt hat. Allerdings ist er 1951 wegen Krankheit entlas- 
sen worden, erhielt eine Pension, die ihm kurze Zeit darauf auf 
offentliche Proteste hin wieder entzogen worden ist. Was die ihm 
zugeschriebenen Dokumente anbelangt, so bemerkt Reitlinger, daB 
sie „ihn vor den alliierten Militartribunalen und vielleicht sogar vor 
dem Galgen „bewahrt hatten, weil sie zwar von Greuel sprechen, 
doch so formuliert sind, daB sie den Verfasser als Gegner der Ver- 
brechen ausweisen. Das Dokument iiber die „ Sonde rbehandlung" 
ist ein Schreiben Lohses an Rosenberg vom 18. Juni 1943. Das 
eigentliche Dokument — 135-R — scheint, so behauptet man, 
ein nicht abgezeichneter Durchschlag des Schriftwechsels zu sein, 
den man in irgendwelchen SS-Akten gefunden habe. Die betref- 
fende Passage lautet : B1 

„Da(3 die Juden sonderbehandelt werden, bedarf keiner weiteren 
Erorterung. DaB dabei aber Dinge vorgehen, wie sie in dem Bericht des 
Generalkommissars vom 1. Juni 1943 vorgetragen werden, erscheint kaum 
glaubhaft. Was ist dagegen Katyn?" 

Drei nicht abgezeichnete Berichte, angeblich von dem General- 
kommissar Wilhelm Kube fiir WeiBruBland, sind dem Dokument 
beigefugt. Das zweite Lohse-Dokument ist 3663-PS und dies ist 
eines von mehreren Dokumenten, die durch groBe Unregel- 
maBigkeiten (Formfehler) seit der „Bearbeitung" durch das YIVO 
(Jiddisches Wissenschaftsinstitut) in New York gekennzeichnet 
sind, bevor sie als Niirnberger ProzeB-Dokumente vorgelegt wur- 
den. Es gibt rund 70 solcher Dokumente, die Sergeant Szajko 
Frydman von der 82. US-Airborn-Division im September 1945 im 
Rosenberg-Ministerium gefunden haben will. Frydman war jedoch 
sowohl vor als auch nach seinem Dienst in der Army Mitarbeiter 
des YIVO (das YIVO ist in der Tat derartig aktiv in der Lieferung 
von angeblich im Rosenberg-Ministerium gefundenen Dokumenten 
gewesen, daB man dort gut und gern auch Aufklarendes iiber die 
Herkunft des angeblichen Textes der Himmler'schen Posen-Rede 
erfahren konnte!) Der erste Teil des Dokumentes ist auf den Brief- 
bogen des Ministeriums geschrieben. Es ist ein Schreiben an Lohse 
vom 31. Oktober 1941 und tragt eine maschinegeschriebene Sig- 
natur von Dr. Leibrandt, sowie einen unleserlichen handschrift- 
lichen Vermerk von irgendeinem anderen. Es lautet : 

„Von Seiten des Reichs- und Sicherheitshauptamtes wird Beschwerde da- 
ruber gefuhrt, dafi der Reichskommissar Ostland Judenexekutionen in 
Libau untersagt habe. Ich ersuche in der betreffenden Angelegenheit um 
umgehenden Bericht." 



255 




Abb. 24 : Russischer „Seifen-Beweis" beim IMT 



256 



Der zweite Teil des Dokumentes ist die Antwort, handgeschrie- 
ben auf der Riickseite des ersten Teils, moglicherweise von 
Trampedachs und mit den Initialen Lohses (mit dem Buchstaben 
„L" etwa 3,5 cm hoch) versehen. Es lautet : 

„lch habe die wilden Judenexekutionen in Libau untersagt, weil sie in der 
Art der Durchfuhrung nicht zu verantworten waren. Ich bitte, mich zu 
unterrichten, ob Ihre Anfrage vom 31. Oktober als dahingehende Weisung 
aufzufassen ist, daB alle Juden im Ostland liquidiert werden sollen? Soil 
dieses ohne Rucksicht auf Alter und Geschlecht und wirtschaftliche Inter- 
essen (z. B.. der Wehrmacht an Facharbeitern in Rustungsbetrieben) ge- 
schehen? 

Selbstverstandlich ist die Reinigung des Ostlandes von Juden eine vordring- 
liche Aufgabe; ihre Losung muB aber mit den Notwendigkeiten der Kriegs- 
wirtschaft in Einklang gebracht werden. 

Weder aus den Anordnungen zur Judenfrage in der „braunen Mappe", noch 
aus anderen Erlassen konnte ich bisher eine solche Weisung entnehmen." 

Lohse konnte keinen denkbaren Grund haben, die Authentizitat 
dieser Dokumente in einer Zeit hysterischer Menschenjagd zu be- 
streiten, denn sie entlasteten ihn ganz deutlich, obwohl in ihnen 
von Vernichtungen die Rede ist. Und dennoch werden durch diese 
Bekundung Lohses unter Nachkriegstribunalverhaltnissen fiir den 
Historiker diese „Dokumente" noch nicht unbedingt zu Tatbestan- 
den. 

Ein weiteres Dokument des YIVO ist 3428-PS, angebliches 
Schreiben von Kube an Lohse, worin von Transporten deutscher, 
polnischer und anderer Juden in das Gebiet von Minsk und von der 
Liquidierung einiger von ihnen berichtet wird. Aus der untersuch- 
ten, hektografierten Zusammenfassung wird keineswegs deutlich, 
ob das Dokument wirklich handschriftlich abgezeichnet gewesen 
ist. Wilhelm Kube wurde im September 1943 ermordet. 52 

Andere Dokumente tragen die Nummern 3660-PS bis 3669- 
PS. Die Dokumente werden verschiedenen Leuten zugeschrieben, 
z. B.. Kube und Gewecke, und in jedem Fall beschreibt das Begleit- 
material, daB der Verbleib des Originals unbekannt sei und nur 
eine Fotokopie vorliege. Mit nur zwei Ausnahmen sind keine hand- 
schriftlichen Abzeichnungen vorhanden. 

Selbst Reitlinger scheint ob der Existenz dieser Berichte sowie 
anderer Dokumente dieser Art verwirrt zu sein, denn er 
schreibt : B3 

„Es ist nicht leicht zu verstehen, warum die Morder eigentlich so reich- 
haltige Beweise fur ihre Taten hinterlieBen, denn trotz des viele Namen 
umfassenden „Verteilers" scheinen Knoblochs Berichte vor allem dazu be- 
stimmt gewesen zu sein, Himmler und Heydrich zu beeindrucken. Hier 
finden sich neben zahllosen Versuchen, die tagliche Ernte des Todes so zu 
prasentieren, daB sich hochst eindrucksvolle Gesamtzahlen ergeben, auch 
ziemlich amateurhafte Bemuhungen um eine politisch wertende Bericht- 
erstattung." 

Diese „Amateur-Machwerke" sind es, daB man hier von einer 
Falschung iiberzeugt ist. Der Inhalt dieser Berichte ist in der Aus- 
wahl der berichtenden Vorgange einfach albern. Um einige Bei- 



257 



spiele aus den im NMT Band 4 verwendeten Ausziigen zu 
bringen : 54 

„Die Taktik, Terror gegen Terror einzusetzen, funktionierte wunderbar. Die 
Bauern kamen 20 km und mehr weither zum Hauptquartier des Teil- 
kommandos der Einsatzgruppe A, zu Ful3 oder geritten, urn Meldungen 
uber Partisanen zu machen, Meldungen, die in den meisten Fallen richtig 
waren . . . 

In diesem Zusammenhang soil von einem Einzelfall berichtet werden, der 
die Richtigkeit des Grundsatzes .Terror gegen Terror' beweist. In dem Dorf 
Jachnowa wurde auf Grund eines Berichts des Bauern Jemeljanow und nach 
weiteren Nachforschungen und Durchsuchungen festgestellt, daB Partisanen 
in dem Haus der Anna Prokowiewa zu essen erhalten hatten. Das Haus 
wurde am 8.8.1941 urn etwa 21 Uhr abends niedergebrannt und seine 
Bewohner festgenommen. Kurz nach Mitternacht setzten Partisanen das 
Haus des Informanten Jemeljanow in Brand. Ein Einsatzkommando, das am 
folgenden Tag nach Jachnowa geschickt wurde, ermittelte, daB die Bauerin 
Ossipowa den Partisanen gesagt hatte, es sei Jemeljanow gewesen, der die 
Meldung erstattet hatte, die unsere Aktion ausgelost hat. Ossipowa wurde 
erschossen und ihr Haus niedergebrannt. Ferner wurden zwei 16jahrige 
Jugendliche des Dorfes erschossen, weil sie nach ihrem eigenen Einge- 
standnis die Information weitergegeben und den Partisanen Kurierdienste 
geleistet haben . . . 

Einige Juden, die von den litauischen Schutzmannschaften nicht grundlich 
genug durchsucht worden waren, zogen Messer und Pistolen und sturzten 
sich mit Rufen wie ,Es lebe Stalin!' und ,Nieder mit Hitler!' auf die 
eingesetzten Polizeimannschaften, von denen 7 verwundet wurden. Der 
Widerstand wurde sofort gebrochen. Nachdem 150 an Ort und Stelle er- 
schossen worden waren, ging der Abtransport der ubrigen Juden zum Exe- 
kutionsplatz reibungslos vonstatten . . . 

Im Verlauf der groBeren Aktion gegen Juden sind 3.412 Juden in Minsk, 
302 in Wilejka und 2.007 in Baranowice erschossen worden. Die Bevol- 
kerung begruBte diese Aktionen, als sie bei der Durchsuchung der Be- 
hausungen entdeckte, daB die Juden immer noch groBe Lebensmittelvorrate 
besaBen und ihre eigene Versorgung auBerst gering war. 
Immer wieder treten die Juden auf, insbesondere im Bereich des Schwarz- 
marktes. In der Minsker Kantine, die die Bevolkerung mit Lebensmitteln 
versorgt und der Stadtverwaltung untersteht, haben 2 Juden groBe Unter- 
schlagungen und Bestechungen begangen. Die auf diese Weise ergaunerten 
Lebensmittel wurden auf dem Schwarzen Markt verkauft." 

Es ist unschwer zu erkennen, warum diese Dokumente existie- 
ren; Die Verfasser der Liigen wurden auBer Zeugenaussagen keine 
Beweise fur ihre Behauptungen haben. Wir haben gesehen, daB es 
iiber Auschwitz eine Fiille von sichtbaren Fakten gab, womit man 
arbeiten konnte, und deren Bedeutung entstellt werden konnte. 
Transporte von Juden nach Auschwitz, von denen viele nicht wie- 
der an ihren ursprunglichen Wohnort zuruckgekehrt sind, umfang- 
reiche Sendungen von Herstellungsmaterial fur Blausaure-Gas 
und komplette Leichenverbrennungsanlagen, die Aussortierungen, 
schlieBlich der Gestank. Mit den Einsatzgruppen war das anders. 
Da gab es nur eines : die ErschieBungen. Fur sich allein gesehen 
macht diese Tatsache als Beweisunterlage keinen Eindruck, und 
diese Uberlegungen sind zweifellos der AnlaB gewesen, diese „Do- 



258 



kumente" so haufenweise zu fabrizieren. Dieses steht im Gegen- 
satz zu dem Auschwitz-Schwindel, dessen Dokumentenfalschung 
ein nicht annahernd so hohes AusmaB erreicht hat, wobei zudem 
die Falschungen auch sorgfaltiger ausgerichtet worden waren. Im 
Hinblick auf Auschwitz haben wir es mit in den USA fabrizierten 
Liigen zu tun, wahrend bei den Einsatzgruppen-Unterlagen Moskau 
der Urheber war, — mit der entsprechend plumperen Handschrift. 

Erwahnenswert ist, daB die Anschuldigungen bezuglich der 
Gaswagen in der sowjetischen Propaganda erst mitten im Krieg 
erhoben worden sind. Judenmassaker waren behauptet worden, 
naturlich, und zwar bereits im Entwicklungsstadium der Kriegs- 
propaganda. Und die „New York Times"-Geschichte vom 6. 
April 1942 (siehe S. 83) ist ein Beispiel dafur. Es wurde dort aber 
nicht behauptet, daB die Massaker mittels Gaswagen praktiziert 
wurden. Ein sowjetisches Propaganda-Machwerk der damaligen 
Zeit war das Buch „We shall not forgive" (,Wir werden nicht 
vergessen") des Verlages fur fremdsprachige Bucher in Moskau, 
1942. Das Buch beginnt mit einer von Molotow am 27. April 1942 
geschriebenen Zusammenfassung der Verbrechen, die angeblich 
von Deutschen bei ihrem Angriff auf die Sowjetunion begangen 
worden, sein sollen. Die ubrigen Teile des Buches behandeln die 
Anschuldigungen eingehend mit Kommentaren und Fotos, mit 
einigen klar erkennbaren Falschungen darunter. Da die Deutschen 
praktisch mit jedem nur vorstellbaren Verbrechen belastet werden, 
legt man ihnen naturlich auch Judenpogrome und -massaker zur 
Last, doch seltsam : Gaswagen kommen darin nicht vor! Soweit 
uns bekannt ist, sind die ersten Behauptungen von Vernichtungen 
in Gaswagen auf russischem Gebiet (gegeniiber den diesbezuglichen 
Anschuldigungen im polnischen Chelmno) im Juli 1943 aufge- 
kommen, und zwar anlaBlich eines sowjetischen Prozesses gegen 
elf Russen, die der Kollaboration mit Deutschen in Krasnodar 
angeklagt waren. Dieses deutet darauf hin, daB die russischen 
Gaswagen-Beschuldigungen durch die Gaskammer-Propaganda 
angeregt worden sind, die im Westen gegen Ende 1942 einsetzte 
— wahrscheinlich aber auch als Propagandareaktion gegeniiber den 
seit April 1943 weltweit bekannt gewordenen Katyn-Massen- 
morden der Sowjets an den polnischen Offizieren im Jahre 1940. 
Jedenfalls ist das spate Auftreten der Gaswagen-Beschuldigungen, 
genau wie im Fall der Auschwitz-Propaganda, ein weiteres Indiz 
dafur, daB die Beschuldigungen Erfindungen sind. 55 

Auch eine bestimmte Sorte von Zeugenaussagen sollte hier noch 
zur Sprache kommen. Z. B. die Aussage von Otto Ohlendorf — 
SS-Gruppenfuhrer und Wirtschaftsfuhrer — , der mit Himmler 
einige Differenzen gehabt hatte und als Folge davon sich dann fur 
ein Jahr zur Kommandogruppe D, Sommer 1941 bis Sommer 
1942, versetzt sah, und zwar nach SiidruBland. Ohlendorf war der 
gebildetste von alien jenen, die in derartige Vorgange verwickelt 
waren, und auf seine Aussage bezieht man sich am haufigsten. 

Im IMT-Verfahren hatte Ohlendorf als Zeuge der Anklage im 
Sinne der Vernichtungsbehauptungen Erschiitterndes ausgesagt. 56 
Die vorher gegen ihn zur Anwendung gebrachten Repressalien 
stellen den Schlussel fur seine Darlegungen dar. Er sagte aus, er 
habe den mundlichen Befehl erhalten, zusatzlich zu seinen Auf- 
gaben die Vernichtung von Juden zu ubernehmen, Gaswagen 



259 



waren eingesetzt gewesen, um Frauen und Kinder zu toten, — das 
Dokument 501-PS ware authentisch (Beckers Schreiben) und 
die Wehrmacht ware ebenfalls in diese Dinge verwickelt. Damit 
bildete diese Belastung in Sachen Einsatzgruppen einen Teil des 
IMT-Urteiles, worin sogar festgestellt wurde, daB Ohlendorf mit 
der Gruppe D Juden getotet habe. 57 Diese Feststellungen in dem 
IMT-Urteil — gewertet als „Beweis fiir festgestellte Tatsachen" — 
wurden spater im Verfahren gegen ihn im Fall 9 fiir ihn verhang- 
nisvoll, da die Amerikaner die Bindung an die IMT Grundsatz- 
urteile fur die Nachfolgeprozesse verfiigt hatten. 

Gleichwohl war Ohlendorfs NMT-Zeugenaussage widerspruch- 
lich. Er war an seine IMT-Aussage gekettet, die ihm die Anklage 
mit Bedacht vorhielt, doch versuchte er sich irgendwie heraus- 
zuwinden, und das Ergebnis war eine vollig zusammenhanglose 
Geschichte. 58 Er zog seine fruhere Aussage zuriick, wonach es 
spezifische Vernichtungsbefehle gegeben habe, aber im Kreuz- 
verhor erklarte er, er habe zwar Juden und Zigeuner getotet, doch 
als Folge von PartisanenbekampfungsmaBnahmen; es habe kein 
Programm gegeben, Juden und Zigeuner aus rassischen oder re- 
ligiosen Griinden zu toten. Die Gesamtzahl aller von Gruppe D 
exekutierten Personen hatte wahrend seines Jahres in RuBland rd. 
40.000 und nicht 90.000 betragen, wie er vor dem IMT ausgesagt 
hatte. Keine der Zahlen gibt irgendeinen Sinn, wenn Exekutionen 
nur im Zusammenhang mit MaBnahmen gegen Partisanen aus- 
gefuhrt wurden, sie sind aber erst recht ohne Sinn, wenn man 
gleichzeitig alle Juden und Zigeuner — Frauen und Kinder ein- 
geschlossen — erschieBen soil. 

Ohlendorfs Aussage vor dem NMT ist demzufolge widerspriich- 
lich, weil sie von den aussichtslosen Umstanden, in denen er sich 
1945/1946 befunden hat, nicht zu trennen war. Der einzige Teil 
der Ohlendorf schen Aussage, die vielleicht von Wert ist, ist sein 
Einwand, daB die Berichte der Einsatzgruppen „redigiert" seien. 
Ohlendorfs Aussage steht auch im Widerspruch zu der des eh. 
SS-Obersturmbannfuhrers Haensch, der ein Sonderkommando der 
Gruppe C sieben Wochen lang gefuhrt hatte. Die Tatsache, daB 
Haensch nicht schon fruher als Zeuge aufgetreten war, als andere 
vor Gericht standen, und die Tatsache, daB sein Rang niedriger 
war, hob die Zwangsumstande einer Haft in seinem Fall etwas auf, 
und gab ihm eine Freiheit, die Ohlendorf versagt geblieben war. 
Haensch sagte aus : 

„daB ihm beim Befehlsempfang nicht ein einziger Mensch jemals etwas von 
Juden als solchen im Zusammenhang mit ErschieBungen durch 
Einsatzgruppen gesagt hatte und daB sein Sonderkommando tatsachlich nicht 
die Aufgabe gehabt hatte, Juden als solche zu erschieBen." 

Haensch schatzte, daB sein Sonderkommando etwa 60 Menschen 
wahrend seines Einsatzes erschossen habe. Alle diese Angaben 
standen im absoluten Gegensatz zu den angeblichen Berichten der 
Einsatzgruppen, worauf das Tribunal in seinem Urteil ausfuhrlich 
einging und abschlieBend zum Fall Haensch feststellte : 59 

„Man kann die Erklarung des Angeklagten nur als fantastisch abtun, wonach 
sein Vorganger, der eingestandenermaBen Tausende von Juden auf 



260 



Fuhrerbefehl erschossen hat, und dessen Programm der Angeklagte Haensch 
fortsetzen sollte, nichts zu Haensch von dem Programm gesagt haben soil. 
Und wenn Haensch kuhn erklart, daB er zum ersten Mai uberhaupt von einem 
Gemunkel uber einen Fuhrerbefehl erfahren habe, als er 6 Jahre sparer in 
Nurnberg ankam, dann gehort er in eine Kategorie von Unglaubwurdigkeit, die 
jeder Beschreibung spotter." 

Ohlendorf und Haensch wurden beide zum Tode durch Erhangen 
verurteilt. Ohlendorf wurde 1951 hingerichtet, aber Haenschs 
Urteil wurde zu 15 Jahren Gefangnis umgewandelt. 

Naturlich ist die grundlegende Argumentation aller Angeklagten 
im Fall 9 — und auch in fast alien anderen Verfahren — , die gewesen, 
daB, was immer sie getan haben, sie in Ausfuhrung von Befehlen 
taten, deren Verweigerung durch Exekution geahndet worden ware. 
Die Anklager von Nurnberg haben einen Befehlsnotstand fur 
deutsche Offiziere im Krieg abgelehnt. Dabei habe ich den starken 
Verdacht, daB jeder Anklager und Richter im Siegertribunal dem 
Befehl gehorcht hatte, die Luftangriffe auf Hamburg, Dresden, 
Hiroshima und Nagasaki mitzumachen (wobei iibrigens keiner 
militarische Griinde hatte). 

Ich mochte nicht den Eindruck erwecken, daB ich ErschieBungen 
von offensichtlichen Zivilisten, Frauen und Kindern durch 
Einsatzgruppen im Zusammenhang mit ihrem Kampf in RuBland 
bestreite. Alle Erfahrungen im Einsatz gegen Partisanen, ob von den 
Briten, Franzosen oder den Amerikanern gefuhrt, besagen, ganz 
unabhangig von fragwiirdigen Beweisen bei den Nurnberger 
Prozessen, daB sich derartige Ereignisse abgespielt haben. Im 
Vietnamkrieg haben die Amerikaner vieles dabei mit 
Napalmbomben erledigt, und dann machten sie ein groBes Theater 
darum, daB ein kleiner Leutnant erwischt wurde, als er dazu 
Revolverkugeln benutzte! (Der Fall My Lai des Leutnants Calley). 

Es ist ein ungluckliches Faktum, daB der Partisanenkampf, der 
irregulare Guerilla-Krieg — naturlich auch die Erfordernisse, 
derartige Operationen zu bekampfen — zu dem Schmutzigsten 
uberhaupt im Kampfgeschehen gehort, daB der Partisanenkampf 
keine deutsche Erfindung ist — daB er aber inzwischen zur regularen 
Erscheinung der Geschichte des 20. Jahrhunderts geworden ist. Es 
ist ein schmutziges Geschaft, wenn beide Seiten hochzivilisiert und 
von ahnlicher Kultur sind (ein gutes Beispiel ist die britische 
Kampagne gegen den irischen Aufstand 1916 — 1920, in dem beide 
Seiten mit beachtlicher Brutalitat vorgegangen waren). 
Gravierender wirkt sich ein solcher Guerillakrieg aus, wenn eine 
Seite einer unzivilisierten oder halbzivilisierten Seite entstammt, 
dann namlich steht man vor einer Situation, die fur einen normal 
zivilisierten Menschen so gut wie nicht zu begreifen ist, zumal er 
selbst keine praktische Erfahrung damit haben kann. Es ist nur allzu 
einfach, von unserem wohnlichen Heim aus, uns moralisch iiber 
Aktionen zu entriisten, bei denen es nachher heiBt „ Zivilisten, 
Frauen und Kinder seien getotet worden", ohne Anlasse und 
Umstande zu berucksichtigen und ohne neutrale, vorurteilsfreie 
Untersuchung. 

Was ich bestreite, ist, daB man gefangenen ProzeBzeugen 
Glaubwurdigkeit unterstellen konnte, die behaupten, daB 3.000 
Mann iiber militarische Aufgaben hinaus Ausrottungen 



261 



vorgenommen hatten, die den Einsatz von ungleich starkeren 
Kraften erfordert hatten. Wir konnen, vor allem angesichts der 
offenkundigen Falschungen und Meineide, die im Zusammenhang 
mit den Einsatzgruppen vorliegen, dieses als Propaganda abtun. Was 
sich wirklich zugetragen hat, wird man wegen der Kargheit 
verlaBlichen Beweismaterials nur annahernd, wenn iiberhaupt je in 
Erfahrung bringen konnen. 



262 



VII Die Endlosung 



Wir haben gezeigt, daB die Vernichtungen ein Propaganda- 
schwindel sind, d. h., wir haben dargelegt, was den Juden nicht 
geschehen ist. Um unsere Untersuchung zu vervollstandigen, 
miissen wir zeigen, was denn nun wirklich passiert ist. 

Die Frage, was mit den europaischen Juden geschehen ist, kann 
relativ leicht beantwortet werden, wenn man nur eine allgemeine 
Antwort erwartet. Schwieriger ist eine Antwort schon, erwartet 
man eine statistische Genauigkeit. Fur die allgemeine Antwort 
wiirden vielleicht die dazugehorigen deutschen Dokumente aus- 
reichen, z. B. um zu erfahren, was hohe deutsche Staatsbeamte 
iiber ihr politisches Vorgehen gesagt haben. 

So ist die allgemeine Linie der deutschen Judenpolitik einfach 
zu erkennen : sie ist im NMT-Band 13 umfassend dargelegt. Die 
US-Anklagevertretung im WilhelmstraBenprozeB prasentierte ein 
Dokument NG-2586, bestehend aus mehreren Teilen, deren jeder 
einzelne aus einem fur die Entwicklung der deutschen Judenpolitik 
wichtigen Dokument besteht. Ein Teil, NG-2586-J ist eine 
Zusammenfassung der anderen Teile und somit eine niitzliche 
komprimierte Darstellung des gesamten Vorgehens. Man kann 
kaum etwas besseres tun, als hier ganz einfach den Text eines 
Memorandums von Dr. Martin Luther, Vorganger von Horst Wagner 
im eh. Auswartigen Amt vom 21. August 1942 wiederzugeben : x 

„1. Der Grundsatz der deutschen Judenpolitik nach der Machtubernahme 
bestand darin, die judische Auswanderung mit alien Mitteln zu fordern. Zu 
diesem Zweck wurde im Jahre 1939 durch Generalfeldmarschall Goring in 
seiner Eigenschaft als Beauftragter fur den Vierjahresplan eine Reichszentrale 
fur die judische Auswanderung geschaffen und die Leitung Gruppenfuhrer 
Heydrich als Chef der Sicherheitspolizei ubertragen. Das Auswartige Amt ist 
im AnschluB der Reichszentrale vertreten, der entsprechende Entwurf eines 
Schreibens an den Chef der Sicherheitspolizei ist durch den Herrn RAM zu 
83/24 B im Februar 1939 genehmigt. 

2. Der jetzige Krieg gibt Deutschland die Moglichkeit und auch die Pflicht, 
die Judenfrage in Europa zu losen. Mit Rucksicht auf den gunstigen Kriegs- 
verlauf gegen Frankreich schlug D III im Juli 1940 als Losung vor : alle Juden 
aus Europa zu entfernen und als Gebiet fur die Aufnahme der Juden von 
Frankreich die Insel Madagaskar zu fordern. Der Herr RAM hat grundsatzlich 
der Aufnahme der Vorarbeiten zur Abschiebung der Juden aus Europa zu- 
gestimmt. Es sollte im engen Einvernehmen mit den Dienststellen des Reichs- 
fuhrers-SS vorgegangen werden (vergl. D III 200/40). 

Der Madagaskar-Plan wurde vom Reichssicherheitshauptamt begeistert 
aufgenommen, das nach Ansicht des Auswartigen Amtes die Dienststelle ist, 
die erfahrungsmaBig und technisch allein in der Lage ist, eine Juden- 



263 



evakuierung im GroBen durchzufuhren und die Uberwachung der Evakuierten 
zu gewahrleisten. Die zustandige Dienststelle des Reichssicherheitshauptamtes 
arbeitete darauf einen bis ins einzelne gehenden Plan fur die Evakuierung der 
Juden nach Madagaskar und ihre Ansiedlung dort aus, der vom Reichsfuhrer- 
SS gebilligt wurde. Gruppenfuhrer Heydrich hat diesen Plan unmittelbar 
dem Herrn RAM im August 1940 zugeleitet (vergl. D III 2171). 

Der Madagaskar-Plan selbst ist durch die politische Entwicklung uberholt. 

DaB der Fuhrer beabsichtige, samtliche Juden aus Europa zu evakuieren, 
teilte mir bereits im August 1940 Botschafter Abetz nach einem Vortrag beim 
Fuhrer mit. (vergl. D III 2298) 

Es bleibt mithin fur D III die grundsatzliche Weisung des Herrn RAM be- 
stehen, die Evakuierung der Juden im engsten Einvernehmen mit den Dienst- 
stellen des Reichsfuhrers-SS zu betreiben. 

3. Die Verwaltung der besetzten Gebiete brachte das Problem der Behand- 
lung der in diesen Gebieten lebenden Juden mit sich. Der Militarbefehlshaber 
in Frankreich sari sich als erster genotigt, am 27.9.1940 eine Verordnung uber 
die Behandlung der Juden im besetzten Frankreich zu erlassen. Die ent- 
sprechende Weisung hat der Herr RAM Botschafter Abetz auf mundlichen 
Vortrag unmittelbar erteilt. 

Nach dem Muster der Pariser Verordnung sind gleiche Verordnungen in den 
Niederlanden und in Belgien erlassen worden. Da diese Verordnungen ebenso 
wie die deutschen Judengesetze formell alle Juden unabhangig von ihrer 
Staatsangehorigkeit erfassen, kam es zu Einspruchen auslandischer Machte, 
u. a. zu Protestnoten der Botschaft der U.S.A., obwohl der Militarbefehlshaber 
in Frankreich durch interne Anweisung befohlen hatte, die JudenmaBnahmen 
nicht auf die Staatsangehorigen der neutralen Lander anzuwenden. 

Der Herr ReichsauBenminister hat auf Grund der amerikanischen Proteste 
entschieden, er halte es nicht fur richtig, daB militarische Anweisung ergangen 
sei, amerikanische Juden auszunehmen. Es sei ein Fehler, Einspruche be- 
freundeter Staaten (Spanien, Ungarn) abzulehnen, dagegen den Amerikanern 
gegeniiber Schwache zu zeigen. Der Herr RAM halte es fur notwendig, diese 
Anweisungen an die Feldkommandanturen riickgangig zu machen (vergl. D III 
5449). 

Entsprechend dieser Weisung sind die JudenmaBnahmen allgemein an- 
gewendet worden. 

4. Durch Brief vom 24.6.1940 — Pol XII 136 — teilte Gruppenfuhrer 
Heydrich dem Herrn RAM mit, das Gesamtproblem der rund 3V4 Millionen 
Juden in den unter deutscher Hoheitsgewalt stehenden Gebieten konne nicht 
mehr durch Auswanderung gelost werden, eine territoriale Endlosung ware 
notig. 

Aus dieser Erkenntnis heraus beauftragte Reichsmarschall Goring am 
31.7.1941 Gruppenfuhrer Heydrich, unter Beteiligung der in Frage kommen- 
den deutschen Zentralinstanzen, alle erforderlichen Vorbereitungen fur eine 
Gesamtlosung der Judenfrage im deutschen EinfluBgebiet in Europa zu tref- 
fen, (vergl. D III 709 g) Auf Grund dieser Weisung beraumte Gruppenfuhrer 
Heydrich am 20.1.1942 eine Sitzung aller beteiligten deutschen Dienststellen 
an, zu der von den ubrigen Ministerien die Staatssekretare und vom Aus- 
wartigen Amt ich selbst erschienen waren. In der Sitzung erklarte Gruppen- 
fuhrer Heydrich, daB der Auftrag Reichsmarschalls Goring an ihn auf Weisung 
des Fiihrers erfolgt sei und daB der Fuhrer anstelle der Auswanderung nun- 
mehr die Evakuierung der Juden nach dem Osten als Losung genehmigt habe 
(vergl. Seite 5 der Anlage zu D III 29/42 g). Uber die Sitzung ist Staatsse- 
kretar von Weizsacker unterrichtet worden : eine Unterrichtung des Herrn 
RAM ist zunachst unterblieben, weil Gruppenfuhrer Heydrich in Kurze eine 



264 



neue Sitzung zusagte, in der genauere Einzelheiten der Gesamtlosung be- 
sprochen werden sollten. Zu dieser Sitzung ist es infolge der Beauftragung des 
Gruppenfuhrers Heydrich mit den Geschaften des Reichsprotektors in 
Bohmen und Mahren und infolge seines Todes nicht mehr gekommen. 

In der Sitzung am 20.1.1942 habe ich gefordert, daB alle das Ausland 
betreffenden Fragen vorher mit dem Auswartigen Amt abgestimmt werden 
muBten, was Gruppenfuhrer Heydrich zusagte und auch loyal gehalten hat, 
wie uberhaupt die fur Judensachen zustandige Dienststelle des Reichssicher- 
heitshauptamtes von Anfang an alle MaBnahmen in reibungsloser Zusam- 
menarbeit mit dem Auswartigen Amt durchgefuhrt hat. Das Reichssicher- 
heitshauptamt ist auf diesem Sektor in nahezu iibervorsichtiger Form vorge- 
gangen. 

5. Auf Grund der zu 4. erwahnten Fiihrerweisung wurde mit der Evakuierung 
der Juden aus Deutschland begonnen. Es lag nahe, gleich die jiidischen 
Staatsangehorigen der Lander mitzuerfassen, die ebenfalls JudenmaBnahmen 
ergriffen hatten. Das Reichssicherheitshauptamt richtete eine entsprechende 
Anfrage an das Auswartige Amt. Aus Grunden der Courtoisie wurde uber die 
Deutschen Gesandtschaften in PreBburg, Agram und Bukarest bei den dortigen 
Regierungen angefragt, ob sie ihre Juden in angemessener Frist aus Deutschland 
abberufen oder ihrer Abschiebung in die Ghettos im Osten zustimmen wollten. 
Dem ErlaB dieser Weisung haben vor Abgang zugestimmt : St.S., U.St.S. Pol., Dir. 
Ha Pol., Dir. Recht (vergl. D III 536 g) — . 

Die Deutsche Gesandtschaft Bukarest berichtet zu D III 602 g, — die 
Rumanische Regierung uberlasse es der Reichsregierung, ihre Juden gemeinsam 
mit den deutschen in die Ghettos nach dem Osten abzuschieben. Sie habe kein 
Interesse daran, daB rumanische Juden nach Rumanien zuruckkehrten. 

Die Gesandtschaft Agram teilte mit, die Kroatische Regierung danke fur die 
Geste der Deutschen Regierung, sie ware aber fur Abschiebung der Juden nach 
dem Osten dankbar, (vergl. D III 624 g). 

Die Gesandtschaft PreBburg berichtete zu D III 661 g, — die Slowakische 
Regierung sei mit der Abschiebung in die ostlichen Ghettos grundsatzlich 
einverstanden. Die slowakischen berechtigten Anspruche auf das Vermogen 
dieser Juden sollten aber nicht gefahrdet werden. Die Drahtberichte sind auch 
dem Buro RAM wie ublich zugegangen. 

Auf Grund der Berichte der Gesandten habe ich dem Reichssicherheits- 
hauptamt zu D III 661 g mitgeteilt, die Juden rumanischer, kroatischer und 
slowakischer Staatsangehorigkeit konnten mit abgeschoben werden, ihr 
Vermogen sei sicherzustellen. Dir. Pol. IV, R IX, Ha Pol. IV haben das Schreiben 
mitgezeichnet. 

Entsprechend wurden die Abschiebungen der Juden aus den besetzten 
Gebieten gehandhabt. 

6. Die Zahl der auf diese Weise nach dem Osten abgeschobenen Juden reichte 
nicht aus, den Bedarf an Arbeitskraften dort zu decken. Das Reichssicherheits- 
hauptamt trat daher auf Weisung des Reichsfuhrers-SS an das Auswartige Amt 
heran, die Slowakische Regierung zu bitten, 20.000 junge, kraftige slowakische 
Juden aus der Slowakei zur Abschiebung in den Osten zur Verfugung zu stellen. 
Die Deutsche Gesandtschaft PreBburg wurde zu D III 874 mit entsprechender 
Weisung versehen. Die Weisung haben abgezeichnet : der Herr Staatssekretar, 
U.St.S. Pol und Pol IV. 

Die Gesandtschaft PreBburg berichtete zu D III 1002, die Slowakische 
Regierung habe den Vorschlag mit Eifer aufgegriffen, die Vorarbeiten konnten 
eingeleitet werden. 

Auf diese freudige Zustimmung der Slowakischen Regierung hin schlug der 
Reichsfuhrer-SS vor, auch den Rest der slowakischen Juden in den Osten 



265 



abzuschieben und die Slowakei so judenfrei zu machen. Die Gesandtschaft 
wurde zu D III 1559 Ang. II mit entsprechender Weisung versehen; den Entwurf 
der Weisung hat der Herr Staatssekretar abgezeichnet, nach Abgang wurde er 
dem Buro RAM und U.St.S. Pol zur Kenntnis gebracht. 

Da das slowakische Episkopat inzwischen gegen den Abtransport der Juden 
bei der Slowakischen Regierung vorstellig geworden war, ist in der Weisung 
ausdrucklich darauf aufmerksam gemacht worden, daB es wegen der 
Evakuierung der Juden in der Slowakei auf keinen Fall zu innerpolitischen 
Schwierigkeiten kommen durfe. Durch Drahtbericht zu D III 2006 berichtete 
die Gesandtschaft, die Slowakische Regierung habe sich mildem Abtransport 
aller Juden ohne jeden deutschen Druck einverstanden erklart und der 
Staatsprasident personlich habe dem Abtransport zugestimmt. Der 
Drahtbericht hat beim Buro RAM vorgelegen. Die Slowakische Regierung hat 
auBerdem zugestimmt, daB sie fur jeden evakuierten Juden als Unkostenbeitrag 
500.— RM zuzahlt. 

Inzwischen sind 52.000 Juden aus der Slowakei fortgeschafft. Bedingt durch 
kirchliche Einflusse und Korruptionen einzelner Beamter haben 35.000 Juden 
Sonderlegitimation erhalten. Ministerprasident Tuka wunscht jedoch, die 
Judenaussiedlung fortzusetzen und hat deshalb urn Unterstutzung durch 
diplomatischen Druck des Reiches gebeten (vergl. D III 3865). Der Gesandte ist 
ermachtigt, diese diplomatische Hilfe in der Weise zu geben, daB er 
Staatsprasident Dr. Tiso gegenuber zum Ausdruck bringen darf, die 
AusschlieBung der 35.000 Juden wurde in Deutschland uberraschen, umsomehr, 
als die bisherige Mitwirkung der Slowakei in der Judenfrage hier sehr gewiirdigt 
worden sei. Diese Weisung ist von U.St.S. Pol und Staatssekretar mitgezeichnet. 

7. Die Kroatische Regierung ist ebenfalls mit der Aussiedlung der Juden aus 
Kroatien grundsatzlich einverstanden. Im besonderen halt sie den Abtransport 
der 4 — 5.000 Juden aus der von den Italienern besetzten zweiten Zone (Zentren 
Dubrovnik und Mostar) fur wichtig, die eine politische Belastung darstellen und 
deren Beseitigung zur allgemeinen Beruhigung dienen wurde. Die Aussiedlung 
kann allerdings nur mit deutscher Hilfe erfolgen, da von italienischer Seite 
Schwierigkeiten zu erwarten sind. Praktische Beispiele von Widerstand 
italienischer Behorden gegen Kroatische MaBnahmen im Interesse vermogender 
Juden liegen vor. Im ubrigen erklarte der italienische Stabschef in Mostar, der 
Umsiedlung nicht zustimmen zu konnen, da alien Einwohnern Mostars gleiche 
Behandlung zugesichert sei. 

Nachdem inzwischen laut telefonischer Mitteilung aus Agram die Kroatische 
Regierung ihre schriftliche Zustimmung zu der vorgeschlagenen Aktion gegeben 
hat, halt es Gesandter Kasche fur richtig, mit der Aussiedlung zu beginnen, und 
zwar grundsatzlich fur das gesamte Staatsgebiet. Man konne es darauf 
ankommen lassen, ob sich im Zuge der Aktion Schwierigkeiten ergeben, soweit 
es sich urn die von Italienern besetzten Zone handelt. 

Eine entsprechende Vorlage (D III 562 g) an den Herrn RAM ist von Herrn 
St.S. von Weizsacker angehalten worden, da er zunachst eine Ruckfrage bei der 
Botschaft in Rom fur notwendig hielt. Die Antwort steht noch aus. 

Die Frage der italienischen Juden taucht in gleicher Weise bei der Evakuierung 
der Juden in Frankreich auf. 

Botschafter Abetz weist im Hinblick auf den in Vorbereitung befindlichen 
Abtransport aus den besetzten franzosischen Gebieten daraufhin, daB ein 
dringendes politisches Interesse bestunde, durch die EvakuierungsmaBnahmen 
zunachst die fremdlandischen Juden zu erfassen. Nachdem diese als 
Fremdkorper empfundenen Juden an sich schon besonders verhaBt seien, wurde 
ihre Ubergehung und damit quasi Privilegierung MiBstimmung erzeugen, 
umsomehr, als unter ihnen verantwortliche Urheber von jiidischen Terror- und 



266 



Sabotageakten zu suchen waren. Es sei bedauerlich, daB gerade die Achse in 
diesem Punkt keine einheitliche Politik zu verfolgen scheine. 

Falls die Evakuierung der fremdlandischen Juden nicht sofort moglich sei, 
sollte zunachst die Italienische Regierung veranlaBt werden, ihre Juden aus 
Frankreich zuruckzuziehen. 

Von italienischer Seite scheinen wirtschaftliche Interessen eine maBgebende 
Rolle zu spielen; deren Sicherung ist aber durchaus moglich, so daB an diesem 
Punkte kein Hindernis fur die angestrebte Losung zu liegen braucht. 

Uber diese Frage der italienischen Juden in Frankreich liegt eine 
Vortragsnotiz vom 24.7. zu D III 562 g beim Herrn RAM vor. 

8. Gelegentlich eines Empfanges durch den Herrn RAM am 26.11.1941 hat 
der Bulgarische AuBenminister Popoff die Frage der Gleichbehandlung der 
Juden europaischer Staatsangehorigkeit angeschnitten und auf die 
Schwierigkeiten hingewiesen, die Bulgarien bei der Anwendung seiner 
Judengesetze auf Juden fremder Staatsangehorigkeit habe. 

Der Herr RAM erwiderte, er finde diese von Herrn Popoff angeschnittene 
Frage nicht uninteressant. Schon jetzt konne er ihm das eine sagen, daB am Ende 
dieses Krieges samtliche Juden Europa wurden verlassen mussen. Dies sei ein 
unabanderlicher EntschluB des Fuhrers und auch der einzige Weg, dieser Frage 
Herr zu werden, da sie nur global einer umfassenden Losung zugefuhrt werden 
konne und EinzelmaBnahmen wenig hulfen. Im ubrigen solle man auf die 
Proteste wegen der Juden fremder Staatsangehorigkeit nicht allzu viel Wert 
legen. Wir lie Ben uns jedenfalls auf derartige Proteste von amerikanischer Seite 
nicht mehr ein. Er — der RAM — werde das von Herrn Popoff angeschnittene 
Problem im Auswartigen Amt einmal durchprufen lassen. 

Der Herr RAM beauftragte mich, die zugesagte Prufung vorzunehmen, (vergl. 
DIN 660 g). 

Auf meine grundsatzliche Vortragsnotiz vom 4.12.1941 zu D III 660 g, die ich 
mit den entsprechenden Akten gleichzeitig absende, bitte ich verweisen zu 
diirfen. Diese Vortragsnotiz hat der Herr St.S. angehalten, weil er vorher noch 
eine Prufung durch die Rechtsabteilung fur notwendig hielt. Nach deren Ansicht 
stand der deutsch-bulgarische Handels- und Schiffahrtsvertrag den von mir 
vorgeschlagenen deutsch-bulgarischen Vereinbarungen entgegen. Ich habe 
daher die Deutsche Gesandtschaft Sofia zu D III 497 g unter dem 19.6 
angewiesen, unter Bezugnahme auf die Anregung des bulgarischen AuBen- 
ministers Popoff bei seinem Empfang mit der Bulgarischen Regierung Fuhlung 
zu nehmen und festzustellen, ob sie bereit sei, eine Absprache in der Judenfrage 
dahin zu treffen, keine Rechte aus dem Handels- und Schiffahrtsvertrag 
zugunsten von Juden bei Zusicherung der Gegenseitigkeit geltend zu machen. 

Wenn von bulgarischer Seite die Frage gestellt werde, ob Deutschland bereit 
sei, Juden aus Bulgarien nach dem Osten abzuschieben, solle die Frage bejaht, 
hinsichtlich des Zeitpunktes der Abnahme jedoch ausweichend geantwortet 
werden. Dieser ErlaB ist vom Herrn St.S., U.St.S., Dir. Pol, Dir. Ha Pol, Pol IV, 
Ha Pol IV sowie R mitgezeichnet. Die Gesandtschaft hat entsprechende Noten 
mit der Bulgarischen Regierung gewechselt und berichtet, daB die Bulgarische 
Regierung in der Frage der Evakuierung grundsatzlich bereit ist, eine Absprache 
mit uns zu treffen. Damit ist die Grundlage gegeben, die bulgarischen Juden mit 
in die JudenmaBnahmen einzubeziehen. (D III 559 g und 569 g). 

9. An die Ungarische Regierung ist wegen Judenaussiedlung noch nicht 
herangetreten worden, weil der Stand der Ungarischen Judengesetzgebung 
bisher einen ausreichenden Erfolg nicht verspricht. 

10. GemaB der zu 8. erwahnten Zustimmung der Rumanischen Regierung 
wurde mit der Evakuierung der rumanischen Juden aus Deutschland und den 
besetzten Gebieten begonnen, worauf verschiedene rumanische Konsulate und 



267 



der Rumanische Gesandte in Berlin, die ohne Weisung ihrer Regierung geblieben 
waren, intervenierten. Gesandter von Killinger wurde daher um Klarstellung 
gebeten. Die Gesandtschaft scheint sich hierzu des ihr zugeteilten Judenberaters 
Richter bedient zu haben, dem die Rumanische Regierung ihre fruhere 
Zustimmung zur Einbeziehung der rumanischen Juden in die deutschen 
MaBnahmen bestatigte und dem der Stv. Ministerprasident Mihai Antonescu 
den Wunsch des Marschalls mitteilte, die deutschen Dienststellen mochten auch 
die Aussiedlung aus Rumanien selbst durchfuhren und sofort mit dem 
Abtransport der Juden aus den Bezirken Arad, Timisoara und Turda beginnen. 
Wegen der Einzelheiten darf ich auf meine Vortragsnotiz vom 17.8. zu D III 
649 verweisen. 

1 1 . Auf Wunsch der betreffenden Regierungen sind den Gesandtschaften 
PreBburg, Agram und Bukarest Judenberater zugeteilt worden. Sie sind auf 
Anfordern des Auswartigen Amtes vom Reichssicherheitshauptamt zur 
Verfugung gestellt. Ihr Auftrag ist ein zeitlich begrenzter. Er endet, sobald die 
Judenfrage in dem betreffenden Lande als im deutschen Sinne gelost anzusehen 
ist. Zunachst wurde davon ausgegangen, daB dies der Fall sei, sobald das 
bereffende Land den deutschen gleichwertige Judengesetze erlassen hat. 

Daher wurde Richter bereits im vorigen Jahre durch das Reichssicherheits- 
hauptamt aus Rumanien zuruckberufen. 

Auf dringende Anforderung der Gesandtschaft Bukarest wurde Richter trotz 
Straubens des Reichssicherheitshauptamtes erneut der Gesandtschaft mit der 
ausdrucklichen Absicht zugeteilt, inn bis zur praktischen Endlosung in 
Rumanien zu belassen (D III 1703 g und 1893 g). 

Da alle Verhandlungen mit der Rumanischen Regierung uber das Auswartige 
Amt gelaufen sind, ist der vom Reichsfuhrer-SS vorgelegte Bericht des 
Obersturmfuhrers Richter nur als interner Arbeitsbericht an das Reichssicher- 
heitshauptamt zu bewerten. Die ungewohnliche Form, die abschlieBende 
Besprechung durch Handschreiben des Stv. Ministerprasidenten bestatigen zu 
lassen, ist sofort nach Eingang des Berichts durch ErlaB vom 17. d. Mts. in 
scharfer Form beanstandet worden; die offizielle Behandlung der Angelegenheit 
soil unverzuglich nachgeholt werden. Vorgange sind mit D III 659 g bereits 
dorthin vorgelegt worden. 

Die vorgesehenen Abschiebungen stellen einen weiten Schritt vorwarts auf 
dem Wege der Gesamtlosung dar und sind im Hinblick auf andere Staaten 
(Ungarn) sehr wichtig. Der Abtransport nach dem Generalgouvernement ist eine 
vorlaufige MaBnahme. Die Juden werden nach den besetzten Ostgebieten 
weiterbefordert, sobald die technischen Voraussetzungen dazu gegeben sind. 

Ich bitte daher, die Weiterfuhrung der begonnenen Verhandlungen und 
MaBnahmen unter diesen Voraussetzungen in der vorgesehenen Form zu 
genehmigen. 

Luther" 

Das Material, das mit den Worten beginnt „Wenn von bulgarischer 
Seite die Frage gestellt werde" und mit den Worten endet „Die 
Unterlagen sind dort bereits unter D III 659, Geheim", ist im 
NMT-Band 13 weggelassen worden. Das Datum 24. Juni 1940 des 
Dokumentes Pol XII 136, im 4. Abschnitt scheint dem 
Zusammenhang entsprechend ein Irrtum zu sein; es muB 1941 
heiBen. 

Dieses ist kein fur sich allein stehendes Dokument. Es ist nicht nur 
die Zusammenfassung einer bestimmten Zahl von Dokumenten zu 
MaBnahmen der deutschen Reichsregierung gegeniiber den Juden, 
sondern es umreiBt alle Dokumente, die sich auf die Judenpolitik 



268 



beziehen, auBer denen, die wir als Falschungen festgestellt haben. 
Die „Endlosung" bedeutete die Vertreibung aller Juden aus dem 
deutschen EinfluBbereich in Europa. Nach dem Angriff auf die 
Sowjetunion bestand ihre spezifische Bedeutung in der Umsiedlung 
dieser Juden nach dem Osten. Die deutschen Dokumente dieser 
Stufe (von denen, die erhalten geblieben sind) drucken dieses 
unmiBverstandlich aus. Selbst von den Vernichtungs-Mythologen 
wird dies eingeraumt, indem sie dieses eben eine verschlusselte 
Formulierung fur Vernichtung bezeichnen. 2 

Mehrfach haben wir bereits auf diesen Umsiedlungsplan nach dem 
Osten hingewiesen. Am deutlichsten kommt er in dem Auszug aus 
dem Bericht des Roten Kreuzes zum Ausdruck, der — ungeachtet 
seiner doppeldeutigen Bemerkungen iiber „Vernichtung" — eine 
Darstellung gibt, die sich ziemlich eng an die Schilderung im 
Dokument NG-2586-J halt, einen Plan zur Auswanderung aus 
dem Jahre 1939. Waren die Juden in der nachfolgenden Kriegszeit 
bezuglich der Slowakei zur „Zwangseinwanderung in unter 
deutscher Herrschaft stehende Gebiete" vorgesehen, so vollzogen 
sich andere Umsiedlungen weniger zielgerichtet : So kehrten z. B. 
viele rumanische Zwangsumsiedler aus dem Osten zuriick, obwohl es 
dort entsprechende Gelegenheiten gegeben hatte, sie zu vernichten, 
so dies vorgesehen gewesen ware. Trotz der mehrfachen vagen und 
doppeldeutigen Bemerkungen iiber „Endlosung" oder auch „Ver- 
nichtung" bestatigt der Rote Kreuz Bericht in seiner Konsequenz, 
daB die Deutschen das taten, was aus ihren nach dem Krieg 
vorgelegten zentralen Dokumenten zu entnehmen war. 

Diese deutschen Dokumente werden nicht nur von kompetenten 
neutralen Stellen bestatigt, sondern auch von den ehemaligen 
Gegnern selbst. Auf Seiten 141/142 haben wir von den nach 
Auschwitz geschickten Theresienstadter Juden gesprochen, wie es 
auch im WRBJSericht (War Refugee Board) steht. Die Art ihrer 
Behandlung hat nur einen Sinn, wenn Birkenau ein Durchgangslager 
fur sie war. Daruber hinaus ist der im Kap. IV angefuhrten 
israelischen Quelle zu entnehmen, daB die Theresienstadter Juden 
tatsachlich in den Osten verbracht wurden. Damit berichten auch 
gegnerische Quellen, daB die Deutschen das taten, was ihre 
Dokumente besagen. 

Die groBe Mehrheit der deutschen Juden war auf Grund des 
Drucks schon vor Ausbruch des Krieges ausgewandert. Den 
Deutschen war es ziemlich gleichgultig, wohin die Juden auswan- 
derten. Palastina schien auf Grund der britischen Balfour Jirklarung 
von 1917 eine gute Moglichkeit zu bieten, doch verliefen derartige 
Verhandlungen mit den Briten nicht sehr erfolgreich, wollten diese 
doch ihre guten Beziehungen zu den Arabern erhalten, die damals 
die Mehrheit der Bevolkerung Palastinas bildeten. Dennoch fand 
eine standige judische Auswanderung von Europa nach Palastina 
statt, die aber schlieBlich durch die im britischen WeiBbuch vom Mai 
1939 bekanntgegebene Politik zu einem diinnen Gerinnsel reduziert 
wurde. 3 

Der MadagaskarJ?lan, so fantastisch er heute wirken mag, ist von 
den Deutschen durchaus ernstgenommen worden, wenngleich nichts 
dabei herauskam. Der im Juni 1941 beginnende RuBlandfeldzug 
veranderte die Gesamtlage : Er verhartete die Fronten grundsatzlich 
und eroffnete neue Umsiedlungsmoglichkeiten, was zu Gorings 



269 



bekanntem Schreiben zur „Endlosung der Judenfrage" unter dem 
31. Juli 1941fuhrte : 4 

„ln Erganzung der Ihnen bereits mit ErlaB vom 24.1.1939 ubertragenen 
Aufgabe, die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer 
den Zeitverhaltnissen entsprechend moglichst gunstigen Losung zuzufuhren, 
beauftrage ich Sie hiermit, alle erforderlichen Vorbereitungen in organisa- 
torischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen fur eine Gesamt- 
losung der Judenfrage im deutschen EinfluBgebiet in Europa. 
Sofern hierbei die Zustandigkeiten anderer Zentralinstanzen beruhrt 
werden, sind diese zu beteiligen. 

Ich beauftrage Sie weiter, mir in Balde einen Gesamtentwurf iiber die 
organisatorischen, sachlichen und materiellen VorausmaBnahmen zur 
Durchfuhrung der angestrebten Endlosung der Judenfrage vorzulegen." 

(handschriftlich) Goring 

Dieser Brief wird gewohnlich unter Auslassung des Hinweises auf 
die „ Auswanderung und Evakuierung" zitiert. 5 Im Einklang mit 
Gorings Bezugnahme auf die „ Zustandigkeiten anderer Zen- 
tralinstanzen" berief Heydrich am 20. Januar 1942 die sogenannte 
„Wannsee-Konferenz" (in Berlin Wannsee) ein. Zumal weder 
Himmler noch Heydrich — selbst Goring nicht! — eine Befehls- 
moglichkeit gegeniiber anderen Ministerien hatte, konnte Heydrich 
lediglich untergeordnete Beamte anderer Ministerien zu einem 
zwanglosen Informations- und Arbeitstreffen bzw. -essen einladen, 
was er dann auch tat. Eichmann hatte darunter den zweitniedrigsten 
Rang. Sinn der Besprechung war es, die Zielvorstellungen Gorings 
bekanntzumachen und eine freiwillige Koordinierung der anderen 
Ministerien in diesen Angelegenheiten zu empfehlen. 

Die Besprechung diente der gegenseitigen Information; dort wurde 
nichts „abgestimmt", auch nichts „beschlossen", naturlich auch 
keinerlei Direktive weitergegeben oder erteilt. Der Gehilfe der 
amerikanischen Anklage, der eh. deutsche Emigrant Dr. Kempner, 
prasentierte dem NMT ein „Protokoll" jener Konferenz, das auch 
insofern recht mysterios ist, als es keine Unterschrift und kein 
Fertigungsdatum enthalt. Niemand hat bisher dieses „Protokoll" 
sachkritisch auf seine Echtheit hin gepruft, was jedoch nicht hindert, 
es unentwegt als „authentisch" zu verbreiten. Dieses „Protokoll" 
erhielt vom IMT die Dokumenten-Nr. „NG-2586-G"; es ist relativ 
lang, doch der Kern des Projektes kam dabei wie folgt zum 
Ausdruck : 6 

Jnzwischen hat der Reichsfuhrer-SS und der Chef der Deutschen Polizei im 
Hinblick auf die Gefahren einer Auswanderung im Kriege und im Hinblick auf 
die Moglichkeiten des Ostens die Auswanderung von Juden verboten. 
Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Losungsmoglichkeit — 
nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Fiihrer — die 
Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten. 

Diese Aktionen sind jedoch lediglich als Ausweichmoglichkeiten anzu- 
sprechen, doch werden hier bereits jene praktischen Erfahrungen gesammelt, 
die im Hinblick auf die kommende Endlosung der Judenfrage von wichtiger 
Bedeutung sind. 

Unter entsprechender Leitung sollen im Zuge der Endlosung die Juden in 



270 



geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In groBen 
Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeits- 
fahigen Juden straBenbauend in diese Gebiete gefuhrt, wobei zweifellos ein 
GroBteil durch naturliche Verminderung ausfallen wird. 

Der allfallig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesen 
zweifellos um den widerstandsfahigsten Teil handelt, entsprechend behandelt 
werden mussen, da dieser, eine naturliche Auslese darstellend, bei Freilassung 
als Keimzelle eines neuen judischen Aufbaues anzusprechen ist. (Siehe 
Erfahrung der Geschichte). 

Im Zuge der praktischen Durchfuhrung der Endlosung wird Europa von 
Westen nach Osten durchgekammt. Das Reichsgebiet einschlieBlich Protek- 
torat Bohmen und Mahren wird allein schon aus Grunden der Wohnungsfrage 
und sonstiger sozialpolitischen Notwendigkeiten vorweggenommen werden 
mussen. 

Die evakuierten Juden werden zunachst Zug um Zug in sog. Durchgangs- 
ghettos verbracht, um von dort aus weiter nach dem Osten transportiert zu 
werden. — Wichtige Voraussetzung, so fuhrte SS-Obergruppenfuhrer 
Heydrich weiter aus, fur die Durchfuhrung der Evakuierung uberhaupt, ist die 
genaue Festlegung des in Betracht kommenden Personenkreises. 

Es ist beabsichtigt, Juden im Alter von uber 65 Jahren nicht zu evakuieren, 
sondern sie einem Altersghetto — vorgesehen ist Theresienstadt — zu 
uberstellen. Neben diesen Altersklassen — von den am 31. Oktober 1941 sich 
im Altreich und der Ostmark befindlichen etwa 280.000 Juden sind etwa 30% 
uber 65 Jahre alt — finden in den judischen Altersghettos weiterhin die 
Schwerkriegsbeschadigten Juden und Juden mit Kriegsauszeichnungen (EK I) 
Aufnahme. Mit dieser zweckmaBigen Losung werden mit einem Schlage die 
vielen Interventionen ausgeschaltet. 

Bezuglich der Frage der Auswirkung der Judenevakuierung auf das 
Wirtschaftsleben erklarte Staatssekretar Neumann, daB die in kriegswichtigen 
Betrieben im Arbeitseinsatz stehenden Juden derzeit, solange noch kein 
Ersatz zur Verfugung steht, nicht evakuiert werden konnen. 

SS-Obergruppenfuhrer Heydrich wies darauf hin, daB diese Juden nach den 
von ihm genehmigten Richtlinien zur Durchfuhrung der derzeit laufenden 
Evakuierungsaktionen ohnedies nicht evakuiert wurden. 

Staatssekretar Dr. Buhler stellte fest, daB das Generalgouvernement es 
begruBen wurde, wenn mit der Endlosung dieser Frage im General- 
gouvernement begonnen wurde, weil einmal hier das Transportproblem keine 
ubergeordnete Rolle spielt und arbeitseinsatzmaBige Grunde den Verlauf 
dieser Aktion nicht behindern wurden . . . Von den in Frage kommenden 
etwa 2 1 /2 Millionen Juden sei iiberdies die Mehrzahl der Falle 
arbeitsunfahig . . . Er hatte nur eine Bitte, die Judenfrage in diesem Gebiet so 
schnell wie moglich zu losen ..." 

Ich glaube, daB das Protokoll wahrscheinlich echt ist, doch konnte 
ich Unrecht haben. Jedoch gibt es keinen Zweifel, daB die Konferenz 
stattfand. Auf jeden Fall steht nichts von einer Ausrottung in dem 
Wannseeprotokoll. Es war doch schon vor Kriegsbeginn unmoglich, 
Kabinettsitzungen abzuhalten, ohne daB noch am selben Abend 
BBC-London dariiber Einzelheiten wuBte, so war es doch mit 
Sicherheit auszuschlieBen, daB fur einen solchen „Vernich- 
tungsplan" 30 Reichsdienststellen durch untergeordnete Beamte 
hieruber im Kriegsjahr 1942 informiert worden sein sollen, — und 
dariiber hinaus, daB die Weltoffentlichkeit dies erst nach der 
deutschen Kapitulation im Jahre 1945 erfahren habe. 



271 



Die deutsche Politik zielte darauf ab, die Juden nach dem Osten zu 
evakuieren. Im iibrigen war es merit einmal erforderlich, wollte man 
diese Tatsache herausfinden, deutsche Dokumente zu erbeuten. 
Wahrend des Krieges war das wohlbekannt, und in den Anfangen des 
Umsiedlungsplanes ist dies ungezahlte Male in der alliierten 
Presse berichtet und kommentiert worden. Im Fall der Anfang 1941 
nach Polen verbrachten Wiener Juden hat die „New York Times" 
sogar geschrieben, „sie hatten ihre neuen Behausungen sehr viel 
komfortabler gefunden als sie erwartet oder auch zu hoffen gewagt 
hatten". Spatere Berichte iiber das Umsiedlungsprogramm lauteten 
nicht so gunstig, doch hat die Presse wenigstens in etwa berichtet, 
was dort vorging. 7 

[Etwas fehlt hier : Rothe] 

Der einzige tatsachengerechte Aspekt in dem Evakuierungsplan in 
den Osten, der generell in Einklang mit den Vernichtungs- 
behauptungen steht, ist, daB viele in die polnischen Lager 
verbrachten Juden nicht zuruckgekommen sind, zumindest nicht zu 
ihren ehemaligen Wohnorten. Dieses ist offenbar der Grund, warum 
viele Menschen, mit mehr oder weniger Wissen aus erster Hand iiber 
bestimmte Personen die Vernichtungsbehauptungen akzeptiert 
haben. Doch ist auch in dieser Frage eine Klarung an sich einfach. 
Diese Lager dienten dem Evakuierungsplan zufolge als Durch- 
gangslager fur den Transport in den Osten. So war auch Birkenau, 
wie bereits vermerkt, auch Durchgangslager fur Juden aus 
Theresienstadt und Auschwitz allgemein Durchgangslager auch fur 
hollandische Juden. Sogar das ehemalige Kriegsgefangenen- und 
anschlieBende Konzentrationslager Lublin (Maidanek) hatte zu- 
weilen diese Funktion ebenfalls. 9 Das Arbeitslager Treblinka, das 
anscheinend nicht dem WVHA unterstand, diente eindeutig 
ebenfalls — vornehmlich fur Warschauer Juden — als Durchgangsla- 
ger. Wie im Falle Auschwitz halt Reitlinger die nach dem Kriege 
unterbreiteten Unterlagen bezuglich Vergasungen in Treblinka nur 
schwer miteinander vereinbar. Sobibor ist ausdrucklich als 
Durchgangslager bezeichnet worden. 10 

Es mag den Leser verwundern, daB die von uns untersuchten 
Dokumente, die beweiskraftig das Nichtvorhandensein eines 
Vernichtungsplanes belegen, von den Forderern der Ver- 
nichtungslegende nicht mit Schweigen iibergangen worden sind, 
sondern uns kiihn als „Beweis" dafur, daB es einen Vernichtungsplan 
gegeben habe, ins Gesicht geschleudert werden. Dieser Sachverhalt 
liegt nicht nur der Sammlung von Dokumenten im NMTJSand 13 
zugrunde; Reitlinger und Hilberg ist es offensichtlich vollig ernst 
damit, diese Unterlagen fur ein Vernichtungsprogramm als relevant 
anzusehen. Dementsprechend wird die „Evakuierung in den Osten" 
zu einem Deckwort fur „Vernichtung" „interpretiert", bzw. 
„gemacht". 

Die Forderer der Vernichtungslegende haben sich darauf 
festgelegt, daB den Einsatzgruppen in RuBland die Aufgabe 
iibertragen worden war — u. a. naturlich — , Juden zu vernichten, nur 
deshalb, weil sie Juden waren, und daB diese Aufgabenstellung ein 
Teilbereich des gesamten „Endlosungsplanes" darstellte. Diese 
„ Interpretation" schlieBt jedoch ein, daB ein solcher EntschluB 
nicht erst 1942, sondern bereits schon zu Beginn des RuBland- 
feldzuges — im Sommer 1941 — gefaBt worden sein muBte. Daher 
versteifen sich sowohl Reitlinger als auch Hilberg auf dieses Datum, 



272 



ungeachtet dessen, daB Gorings Schreiben an Heydrich 
vom 31.7.1941 deutlich sagt, daB die „Endlosung" ein Plan 
zur Auswanderung und Evakuierung war, der auf den 
vorangehenden Vorstellungen zur Auswanderung aufbaute. 
Dabei stort es sie beide offenbar dariiber hinaus auch nicht, daB 
sie selbst eingestanden haben, daB die Deportationen reichs- 
deutscher Juden nach RuBland und den baltischen Staaten im 
Herbst 1941 eingesetzt hatten. 11 

Auch die Wannsee-Konferenz deuten sie beide als getarnte 
Erorterung der Vernichtungsabsicht aus, wobei sie sich iiber ihrer 
grundsatzlichen Einstellung entgegenstehende Begriffe und 
Formulierungen hinwegsetzen und andere Formulierungen mit 
ihren eigenen Interpretationen in den Vordergrund stellen wie z. B. 
den Satz vom „verbleibenden Restbestand", bei dem es sich „um 
den widerstandsfahigsten Teil" handele, der „entsprechend be- 
handelt werden soil". Diese Worte konnten vielerlei bedeuten. Die 
Version des „Wannsee-Protokolls", die im NMT-Band 13 abgedruckt 
ist, enthalt iibrigens die Worte „bei Freilassung" nicht; die 
Herausgeber haben sie gestrichen. Dieses laBt durchblicken, daB die 
Herausgeber selber die Worte vielleicht als eine Empfehlung 
interpretiert haben, daB der „ Restbestand" „freigelassen werden" 
sollte. In seinem Kommentar zu dem „Wannsee-Protokoll" bemerkt 
Reitlinger — „was aber Heydrich diskreterweise verschwieg", daB 
„die Abfassung umsichtiger Protokolle eine der groBen Kunst- 
fertigkeiten des Hitler'schen Reiches" gewesen sei. Hilberg klart den 
Mangel an Deutlichkeit einiger der Passagen (aus seiner Sicht) mit 
den Worten, daB „wir aus der Sprache der Einsatzgruppen- 
Berichte wissen, daB man Toten meinte". 12 Dies lauft darauf 
hinaus, daB Hitlers Reich „umsichtig" in seiner Formulierung von 
Protokollen geheimer Konferenzen gewesen sei, jedoch nicht 
umsichtig in der Wortwahl, die ausgerechnet fur die ungewohnlich 
weitgefacherten Verteiler der Einsatzgruppen-Berichte verwendet 
wurde. 

Auf Grund anderer Zusammenhange sieht sich Reitlinger genotigt, 
an anderer Stelle zu erklaren, daB Rudolf HoB tatsachlich den 
Sommer 1942 als Zeitpunkt gemeint haben musse, zu dem er seine 
konspirativen Vernichtungsbefehle von Himmler mundlich erhalten 
habe. Er wie auch Hilberg setzen voraus, daB die Deportationen in 
den Osten dafur vorgesehen waren, die Juden auf die eine oder 
andere Weise umzubringen, und daB es sich lediglich um eine 
Anderung der Methode gehandelt habe, als Mitte 1942 in Polen 
Gaskammern errichtet worden sind. 

Diese Theorie steht nicht in Einklang mit den Daten fur die 
Planung und die vorhergehenden Arbeiten an den Krematorien in 
Auschwitz, die fur Vernichtungen vorgesehen worden sein sollen. 
Damit lenkt uns die Behauptung, die Dokumente muBten in dem, 
was sie besagen, anders ausgelegt werden als was sie beinhalten, zu 
unlosbaren Widerspruchen und Schwierigkeiten. 

Auch in Grayzels „ History" ist vermerkt, daB die Deutschen das 
taten, was in dem vorgenannten Dokument ausgesagt worden war : 



273 



„Danach nahmen sie Massendeportationen vor. Sie wahlten eine Anzahl von 
Orten in Osteuropa aus, wohin sie Juden aus anderen Gebieten 
konzentrierten, im Einklang mit der von ihnen freimutig bekannten NS- 
Politik, ganz Europa vom judischen EinfluB zu befreien." 

Im nachfolgenden Absatz widerspricht Grayzel dieser seiner 
Feststellung, indem er schreibt, daB die Deutschen das taten, wovon 
die alliierte Propaganda berichtete, namlich Vernichtungen vor- 
nahmen, Gaskammern bauten etc. Grayzel unternimmt keinen 
Versuch, diese Widerspriiche aufzuklaren. 13 

Man mag sich dariiber wundern, warum die Urheber des 
Schwindels uns die Dokumente serviert haben, die ganz allgemein 
das deutsche Vorgehen schildern. Die Betriiger standen vor 
folgenden Tatbestanden : 

(a) daB die Deutschen den Europaern erklarten, als die Depor- 
tationen in Gang gesetzt wiirden, die Juden wiirden umgesiedelt; 

(b) daB iiber den Umsiedlungsplan in der alliierten Presse berichtet 
wurde; 

(c) daB es im Hinblick auf die Dokumente notwendig war, unter 
drei Moglichkeiten zu wahlen : 

1. keine Dokumente aus hohen Fuhrungskreisen zur Judenpolitik 
vorzulegen, 

2. gefalschte Dokumente dieser Art vorzulegen und schlieBlich 

3. ausgewahlte Dokumente zentraler Fiihrungsstellen zu eben dieser 
Politik zu prasentieren. 

Den Umstanden gemaB schien die dritte dieser Moglichkeiten die 
geeignetere. Es war sichtlich besser, ein von Goring unterzeichnetes 
echtes Papier vorzulegen, das von der „Endlosung" der Judenfrage 
handelte, als ein gefalschtes oder gar keines vorzulegen. (Diese Darle- 
gung bezog sich jetzt naturlich nicht auf das „Wannsee-Protokoll", 
zumal Goring dort gar nicht anwesend war, sondern nur auf sein 
Schreiben an Heydrich vom 31.7.1941). 

Obgleich „Endlosung" als „Auswanderung und Evakuierung" klar 
definiert ist, war der Sachverhalt nicht zu umgehen, daB die 
Nationalsozialisten ihre Zielsetzung in solche termini gefaBt haben. 
Folglich behaupteten die Vertreter der Vernichtungslegende 
einfach, daB es sich halt um eine verschlusselte Ausdrucksweise 
handele. 

In den Kriegsjahren war die Reichsregierung darangegangen, die 
Grenzen im Osten Deutschlands zu revidieren, aber auch Um- 
siedlungen vorzunehmen. So war es das Hauptziel des Rasse- und 
Siedlungshauptamtes der SS, ausgesuchte Reichsdeutsche und 
Volksdeutsche Osteuropas in die an Deutschland im Osten 
angrenzenden, vornehmlich ehemals deutschen Gebiete um- und 
anzusiedeln. Juden und Polen wurden aus diesen Bereichen 
vertrieben und in verschiedene Platze des Generalgouvernements 
verbracht, so z. B. in einigen Fallen auch auf Bauernhofe, die von 
Volksdeutschen geraumt worden waren, aber auch in besondere 
Ghettos oder in sog. „Z-Dorfer" in Polen. Es wiirde sicher in unserer 
Geschichte etwas fehlen, waren nicht auch diese Umsiedlungen, die 
sich vor aller Offentlichkeit vollzogen, zumal sie die Deutschbalten 
und Wolhyniendeutschen und auch andere Deutsche aus dem Balkan 
einschlossen, nicht auch irgendwie in die Vernichtungslegende 
eingebaut worden. 



274 



„Starhistoriker" fur diese Kombination ist R. L. Koehl, jener 
sonderbare Kerl, der lm halbwissenschaftlichen Metier schreibt und 
von dem man nicht weiB, ob er es ernst meint, was er schreibt, von 
dem aber zu befurchten ist, daB doch manche es glauben mogen, was 
er schreibt. Koehl bestatigt einen „Vernichtungsplan", doch ist seine 
diesbeziigliche Darstellung hochst merkwiirdig : 14 

„Die offizielle Version betont, daB die Juden weiter nach Osten in erobertes 
sowjetisches Gebiet verbracht worden seien, urn sie nachhaltiger aus der 
deutschen Lebenssphare zu entfernen. Wie viele andere deutsche Be- 
kanntmachungen enthielt diese Version mehrere Kornchen Wahrheit : 

1. Mit Juden gefullte Eisenbahnzuge aus dem Reich wurden so weit wie 
moglich nach Osten zur Liquidierung verbracht, oftmals Nichtdeutschen wie 
Ukrainern oder Angehorigen baltischer Volker an Hand gegeben. 

2. Die Polen sollten entsprechend dem anfanglichen Plan von Alfred 
Rosenberg als Minister fur die Ostgebiete zur Umsiedlung in sowjetisches 
Gebiet (Smolensk) gelangen, urn so das Generalgouvernement fur deutsche 
Ansiedlung freizumachen." 

Koehl bietet keinerlei Beweise fur die Totungen durch Ukrainer 
oder Angehorige baltischer Volker; die hierfur zitierten Quellen 
enthalten keine derartigen Bekundungen. Und dann wendet er sich 
den Vernichtungslagern zu : 1B 

„lm Herbst und Winter 1941/42 wurden die letzten 240.000 Juden der 
angrenzenden Provinzen in die neu errichteten Vernichtungslager von Kolo, 
Belczek, Maidanek und Sobibor verbracht." 

Die Liste schlieBt Auschwitz aus, das im ubrigen in Koehls Buch 
lediglich mit einer AuBerung iiber einige Deutsche vorkommt, die 
dorthin im Zusammenhang mit der „Aktion Reinhardt" (siehe 
unten) zur Bestrafung kamen, sowie in folgendem : 16 

„(Dr. Klukowski) erklarte, daB von 691 Dorfern des Kreises Zamosc 297 bis 
zum Juli 1943 ganz oder teilweise geraumt worden seien. Er schatzte, daB 
110.000 Polen und Juden aus dem Gebiet herausgenommen worden seien, 
von denen die Manner und Frauen im arbeitsfahigen Alter zur Zwangsarbeit in 
die Auschwitzer Hydrieranlage, die ubrigen in die anderen 394 („Z") Dorfer 
verbracht worden seien." 

Daraus ziehe man seine eigenen Schlusse. Koehls Buch „ German 
Resettlement and Population Policy 1939 — 1945" (, Deutsche 
Umsiedlungs- und Bevolkerungspolitik 1939 — 1945") sei dem Leser 
empfohlen, der sich ein ausfuhrliches Bild der NS-Bevolkerungs- 
politik machen will, vor allem im Zusammenhang mit dem 
deutschen NationalbewuBtsein, der NS-Rassenlehre und der 
internen Parteipolitik der NSDAP, wobei er gleichzeitig auf unsere 
eingangs erwahnten Einwande hingewiesen sei. 

Viele europaischen Juden wurden nach dem Osten deportiert, und 
wir mussen uns nunmehr etwas genauer mit diesem Depor- 
tationsprogramm befassen. Dazu erheben sich mehrere naheliegende 
Fragen : Wer wurde deportiert, wieviel, wohin, wie war das Leben 
dort, wohin sie verbracht wurden, und was geschah mit ihnen. Bis zu 



275 



einem gewissen Grade sind hier nur teilweise oder provisorische 
Antworten moglich. 

Zunachst miissen wir die Zahlen und Herkunftsorte der von 
diesem Umsiedlungsplan betroffenen Juden in Augenschein neh- 
men. Damit geraten wir in die Probleme, die bereits im Kap. I 
erortert wurden. Eine Zahlung der Juden kann schwierig sein. Doch 
sind wir nicht auf statistische Prazision aus, sondern auf die 
GroBenordnung allgemein, auf annahernde Zahlen, die man auf 
Grund stichhaltiger Angaben verwenden kann, um zu zeigen, daB die 
deportierten Juden trotz allem leicht iiberleben konnten. Es mag 
somit fur die erwogene Diskussion geniigen, einfach nur bestimmte 
von Reitlinger und Hilberg angegebene Zahlen zugrundezulegen, 
obwohl man sich mit ihnen dariiber in die Haare kriegen konnte. Die 
Zahlen beziehen sich auf Schatzungen von angeblich Getoteten. Man 
mag uns zubilligen, solche Zahlen allenfalls auf in den Osten 
Deportierte bzw. Umgesiedelte zu beziehen. Im Fall Reitlinger 
nehmen wir seine hohere Schatzung : 17 





Reitlinger 


Hilberg 


Deutschland 


180.000 


160.000 


Osterreich 


60.000 


53.000 


Tschechoslowakei 


251.000 


271.000 


Danemark 




1.000 


Frankreich 


65.000 


70.000 


Belgien 


28.000 


50.000 


Luxemburg 


3.000 


2.000 


Norwegen 


700 


1.000 


Holland 


102.700 


120.000 


Italien 


8.000 


17.000 


Jugoslawien 


58.000 


63.000 


Griechenland 


60.000 


62.000 


insgesamt 


816.400 


870.000 



In gewissem Grad griinden sich diese Zahlen auf deutsche 
Dokumente, vornehmlich den „KorherrJ3ericht" — „Dokument NO- 
5193-8". Teilweise sind auch neutrale Quellen wie die des 
niederlandischen Roten Kreuzes mit den Zahlen fur Holland 
einbezogen. Darin ist gleichermaBen ein gewisses MaB an demos- 
kopischer Spekulation eingeschlossen. Jedenfalls bin ich der 
Ansicht, daB zumindest die angegebenen Gesamtsummen einer 
richtigen GroBenordnung entsprechen. 

Wir haben Ungarn nicht in die Aufstellung aufgenommen, da das, 
was Reitlinger wie auch Hilberg dariiber angeben, namlich, daB alle 
ungarischen Juden umgebracht worden seien, reine Erfindung ist; sie 
sind noch nicht einmal in den Osten deportiert worden! Etwas 
weniger als 100.000 von ihnen wurden gegen Kriegsende zur Arbeit 
nach Deutschland verbracht; ganz wenige davon miissen in den 
chaotischen Zustanden der letzten Kriegsmonate umgekommen 
sein, doch ihre Zahl zu ergriinden ist unmoglich. 

Rumanien soil ebenfalls 200.000 bis 370.000 Juden durch 
Vernichtung verloren haben, aber wie Reitlinger bemerkt, liegen 
verlaBliche Angaben hieruber nicht vor. Es kann sich somit nur um 
annahernde Schatzungen handeln. Zur gleichen Kategorie sollen 



276 



auch die groBten Gruppen angeblich umgebrachter Juden gehoren : 
2.350.000—3.300.000 aus Polen und 400.000—700.000 aus der 
UdSSR. Diese Zahlen sind reine demoskopische Spekulation mit 
keinerlei stiitzenden Beweisquellen auBer den Erklarungen 
kommunistischer Nachkriegsregierungen. 

Diese Zahlen werden wir noch weiter untersuchen. Hier wollen wir 
zunachst daran erinnern, daB die aus Frankreich und Belgien 
deportierten Juden keine franzosischen und belgischen Juden 
waren, daB hingegen jene aus den Niederlanden tatsachlich 
hollandische Juden waren. Der Grund dafur ist anscheinend ein rein 
juristischer Kniff gewesen. Frankreich und Belgien hatten formal 
kapituliert und mit den Deutschen einen formalen Waffenstillstand 
geschlossen. In den Niederlanden war lediglich das Konigshaus nach 
England geflohen, und so sahen die Deutschen Holland als ein Land 
ohne unabhangigen Status an. 18 Das deutsche Recht war 
dementsprechend in Holland ausgedehnter. Naturlich beabsichtigten 
die Deutschen im Endeffekt alle Juden aus Europa zu entfernen, 
doch begannen sie begreiflicherweise dort, wo sie einem Minimum 
an Schwierigkeiten begegneten. 

Der Auszug aus dem RoteJAreuzJSericht, den wir im Kap. V. 
behandelt haben, ist sicherlich mit den Vernichtungsbehauptungen 
im Fall der rumanischen Juden unvereinbar. Mit gutem Grund ist 
davon auszugehen, daB die Masse der im sowjetisch beherrschten 
Territorium lebenden Juden, das von den Deutschen nach dem 22. 
Juni 1941 erobert wurde, ins Landesinnere entkam, bevor die 
deutschen Truppen einruckten, eine Ansicht, die auch Reitlinger 
(S. 256) vertritt. Jedenfalls gibt es keinen Beweis, daB die Deutschen 
mehr getan haben, als den zuruckbleibenden Juden jene Art 
wachsamer und feindseliger Haltung entgegenzubringen, die durch 
die Partisanengefahren geboten war. Die polnischen Juden bildeten 
die Mehrheit der von den Deutschen zum Wohnwechsel getriebenen 
Juden und verursachten im Hinblick auf ihre Aufenthalts- 
bestimmung und die entsprechenden Umstande fur eine ausfuhrliche 
Analyse ihres Falles die groBten Schwierigkeiten. Wir konnen nur in 
generellen Ziigen rekonstruieren, was mit ihnen geschah. 

Zunachst sei bemerkt : Wenn es gleichwohl auch angebracht ist, 
zwischen russischen und polnischen Juden zu unterscheiden, so ist 
doch der eigentliche Unterschied kaum spiirbar, vorausgesetzt, es 
besteht uberhaupt einer. Vor dem Ersten Weltkrieg waren beide 
Arten von Juden Untertanen des russischen Reiches. 

Das erste, was den polnischen Juden zustieB, geschah weniger von 
Seiten der Deutschen, als vielmehr auf Grund sowjetischer 
MaBnahmen. Im Jahre 1939 (Sept./Okt.) hatten Deutschland und 
die UdSSR das polnische Staatsgebiet, das — wie erlaubt sein mag 
anzumerken — keineswegs nur aus Polen bestand sondern in die 
Millionen gehende fremde Volkerschaften einschloB — aufgeteilt. Im 
Zuge dieser Vereinbarung geriet die ostliche Halfte und damit ein 
groBer Teil der polnischen Juden unter sowjetische Herrschaft. Diese 
Juden — aber auch eine Unmenge Polen — wurden Opfer eines 
sowjetischen Umsiedlungsplanes, dessen allgemeine Auswirkungen 
von Korzen in einem von der israelischen Regierung veroffentlichten 
Artikel geschildert wurden, aber auch von Edward Rozek in seinem 
Buch „Allied Wartime Diplomacy — A Pattern in Poland". 19 

Im Zuge dieses sowjetischen Evakuierungsplanes, der vornehmlich 



277 



im Juni 1940 einsetzte, sind „Hunderttausende" dieser Juden iiber 
die gesamte Sowjetunion verstreut worden. Zunachst wurden viele 
in Arbeitslager verbracht, doch nach dem September 1941 
unternahm Stalin den Versuch, die „Fluchtlinge zu Sowjetbiirgern 
zu machen und ihren Weggang aus der Sowjetunion zu verhindern". 
Die Verstreuung dehnte sich bis nach Zentralasien und sogar bis zum 
Fernen Osten aus. Einzelheiten lassen sich nur schwer ausmachen. 
Viele wurden Sowjetbiirger, einige treckten nach dem Krieg zuriick 
nach Polen und zogen in vielen Fallen noch weiter nach Israel. 
Korzen, der sich fur ein groBeres Interesse an einer Untersuchung 
dieser Ereignisse einsetzt, bemerkt, daB die Juden, die in Polen als 
Fuhrer des neuen kommunistischen Regimes zuruckblieben, unter 
Druck gesetzt worden waren, „ihre Namen in polnisch klingende 
umzuwandeln, und auch, ihre judische Herkunft geheimzuhalten". 
Manche gelangten schlieBlich iiber das Ausland, z. B. auch Schanghai 
in Lander wie Persien und Indien. Das „ Joint Distribution 
Committee" von New York hielt wahrend des Krieges mit den 
Fluchtlingen in der UdSSR Kontakt und war ihnen nach Kriegsende 
bei ihren Ausreiseplanen behilflich. 

Es ist auch bekannt, daB eine groBe Zahl Juden, die von einer 
Quelle mit 300.000 angegeben wird, 1939 vom westlichen ins 
ostliche Polen geflohen ist, als die deutschen Truppen in das Innere 
Polens vorruckten. 20 Damit war ein erheblicher Teil, vielleicht ein 
Drittel, der polnischen Juden vor Ausbruch des RuBlandfeldzuges 
im Juni 1941 auBer Reichweite Hitlers gelangt. 

Obschon ein begrenzter deutscher Umsiedlungsplan, namentlich 
fur Wiener Juden, schon fruher bestanden hatte, so setzt das 
nationalsozialistische Umsiedlungsprogramm ernsthaft im Herbst 
1941 ein, wenn man die Umsiedlung der Baltendeutschen hierbei 
ausnimmt. Wenn polnische Juden zunachst ausgeklammert, ru- 
manische Juden jedoch in die Aufstellung S. 276 einbezogen werden, 
so sehen wir, daB die Deutschen hochstens 1 Million Juden in 
Ansiedlungen oder Ghettos im besetzten Osten verbracht haben. 
Von den Orten, die hier genannt worden sind, konnen wir uns eine 
recht gute Vorstellung machen, wo diese Ansiedlungen gelegen 
waren : Riga, Minsk, Ukraine, Asow'sches Meer (nordlich vom 
Schwarzen Meer) bilden eine zusammenhangende und plausible 
Linie auf der Karte. 

Wie zu erwarten war, haben die alliierten Besatzer die 
diesbezuglichen deutschen Akten und Dokumente vernichtet, so daB 
wir iiber diese Ansiedlungen wenig mehr wissen, als daB sie 
existierten. Auf diese Weise sind nur Bruchstucke erhalten geblieben, 
die vom Umsiedlungsprogramm gewisse Einzelheiten enthalten, die 
der Luther -Bericht nicht erfaBt hatte (S. 263 — 268). Freilich 
unternahm die Verteidigung Baron von Steengrachts ernsthafte 
Anstrengungen, derartige Dokumente in Niirnberg vorzulegen. Eines 
der hierbei vorgelegten Dokumente — „Steengracht 64 21 " — ist ein 
Schreiben Eichmanns vom 5.6.1943 an das Auswartige Amt z. H. des 
Herrn Eberhard v. Thadden. Es betrifft die jiidischen Lager im 
Osten sowie einige Artikel, die sich in verschiedenen europaischen 
Zeitschriften darauf bezogen. Offenbar waren damals einige 
„fantastische Geruchte" in der Slowakei iiber diese Lager in Umlauf, 
auf die sich Eichmann bezog : 



278 



DOCUMENT 022-L 

EXCERPT FROM A REPORT OF THE WAR REFUGEE BOARD, 
WASHINGTON, DC, NOVEMBER 1944, ON GERMAN EXTERMINA- 
TION CAMPS — AUSCHWITZ AND BIRKENAU — GIVING AN 
ESTIMATE OF THE NUMBER OF JEWS GASSED IN BIRKENAU 
BETWEEN APRIL 1942 AND APRIL 1944 (EXHIBIT USA-294) 



EXPLANATORY NOTE: 

Offset printed copy; orig. in archives of U.S. State Dept; report consist, of 
two accounts of escaped concentration camp inmates — two young Slovakian 
Jews and a Polish major 



Executive Office of the President 
War Refugee Board 
Washington, D. C. 

German Extermination Camps — 
Auschwitz and Birkenau. 
(page 33) 



Careful estimate of the number of Jews gassed 

in BIRKENAU between April, 1942 and April, 1944 

(according to countries of origin). 

Poland (transported by truck) approximately 300,000 

„ train) , 600.000 

Holland 10000 ° 

Greece 45 > 000 

France 15 °.° 00 

Belgium - 50000 

Germany 6°. 000 

Yugoslavia, Italy and Norway 50,000 

Lithuania 50,000 

Bohemia, Moravia and Austria 30,000 

Slovakia 3 °.° 00 

Various camps for foreign Jews in Poland . . „ 300,000 

approximately 1,765.000 

Abb. 25 Eine Seite des Dokumentes 022-L des IMT 



279 



„Um diesen fantastischen Geriichten, die in der Slowakei fiber das Schicksal 
der evakuierten Juden zirkulieren, zu begegnen, sollte die Aufmerksamkeit 
auf die Postverbindungen dieser Juden mit der Slowakei gelenkt werden . . . , 
die z. B. iiber 1 .000 Briefe und Postkarten im Februar-Marz dieses Jahr 
erreichten. Was die anscheinend von Ministerprasident Dr. Tuka erbetenen 
Informationen iiber die Bedingungen in den jiidischen Lagern anbetrifft, so 
wiirden von diesem Amt keinerlei Einwande gegen eine mogliche Priifung der 
Korrespondenz vor Absendung an die Adressaten erhoben werden." 

Das zweite Dokument — „Steengracht 65", das auch unter der Nr. 
NO- 1624 lauft — ist in der Berichterstattung iiber die Lage der 
Juden im besetzten Osten etwas ergiebiger. Es handelt sich um eine 
Weisung des Chefs vom Rasse- und Siedlungshauptamt, Ober- 
gruppenfuhrer Hildebrandt, vom 20.8.1943, und betrifft den 
Umgang zwischen Deutschen und Juden im besetzten Osten : 

„lch bin von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen worden, daB das 
Verhalten deutscher Dienststellen gegeniiber den Juden der besetzten 
Ostgebiete in den letzten Monaten eine Entwicklung genommen habe, die zu 
Bedenken AnlaB gibt. Insbesondere sollen Juden von verschiedenen 
Dienststellen zu Arbeiten und Dienstleistungen verwendet werden, die mit 
Riicksicht auf die notwendige Geheimhaltung nur ganz zuverlassigen 
Personen iibertragen werden sollten und die sie vor der einheimischen 
Bevolkerung als vertraute Beauftragte der deutschen Stellen erscheinen 
lassen. Dariiber hinaus soil es leider vorkommen, daB der personliche Verkehr 
von Reichsdeutschen mit Jiidinnen jene Schranken iiberschreitet, die aus 
weltanschaulichen und rassischen Griinden besonders streng beachtet werden 
miissen. Neben den ortsansassigen Juden soil es sich hierbei auch um die aus 
dem Altreich nach den besetzten Ostgebieten iiberfiihrten Juden und 
Jiidinnen handeln. Diese Zustande sollen bereits dazu gefiihrt haben, daB 
Juden sich unter Ausnutzung ihrer angeblichen Vertrauensstellung von den 
Einheimischen bevorzugt mit Lebensmitteln usw. versorgen lassen. Als vor 
einiger Zeit im Osten Befiirchtungen iiber den Riickzug der Deutschen laut 
wurden, sollen Einheimische versucht haben, sich gerade bei den von den 
deutschen Dienststellen beschaftigten Juden beliebt zu machen, um sich auf 
diese Weise eine bessere Behandlung durch die Bolschewisten zu sichern. Der 
anstandige Teil der einheimischen Bevolkerung beobachte diese Erscheinung 
mit groBem Befremden, weil er darin einen Widerspruch zwischen den 
nationalsozialistischen Grundsatzen und der tatsachlichen Haltung der 
Deutschen zu sehen glaubt. 

Durch einen falschen Arbeitseinsatz der Juden werden das Ansehen des 
GroBdeutschen Reiches und die Stellung seiner Vertreter geschadigt und die 
Notwendigkeiten einer wirksamen polizeilichen Sicherung der besetzten 
Ostgebiete beeintrachtigt. Schwere Gefahren konnen insbesondere dadurch 
entstehen, daB die Juden die ihnen iibertragenen Stellungen zur Spionage und 
Propaganda im Dienste unserer Feinde benutzen. 

Ich bitte daher, die nachgeordneten Dienststellen in den besetzten 
Ostgebieten mit folgenden Weisungen zu versehen : 

1. Juden und ihnen gleichgestellte Personen diirfen nur mit korperlichen 
Arbeiten beschaftigt werden. Ihre Verwendung zu Biiroarbeiten (wie 
Buchfuhrung, Maschinenschreiben, Karteifuhrung, Registratur) ist untersagt. 
Es ist streng darauf zu achten, daB ihnen aus der Art ihrer Arbeit keine 
Riickschliisse auf geheimzuhaltende Dinge ermoglicht werden. 



280 



2. Es ist verboten, Juden zur allgemeinen oder personlichen Bedienung, zur 
Erledigung von Auftragen, zur Vermittlung von Geschaften oder zur 
Beschaffung von Waren zu verwenden. 

3. Der private Verkehr mit Juden, Judinnen und ihnen gleichgestellten 
Personen sowie jeder Umgang mit ihnen, der uber das dienstlich bedingte MaB 
hinausgeht, ist untersagt." 

Die hier erwahnten „ ihnen gleichgestellten Personen" waren 
wahrscheinlich Zigeuner. Wir nehmen an, daB die Verteidigung 
Steengrachts die Dokumente, die man in Niirnberg als noch 
vorhanden zulieB, griindlich gepriift hat. Hildebrandts Weisung an 
das RSHA wiederholte lediglich eine Weisung Kaltenbrunners vom 
13.8.1943 an alle deutschen Dienststellen in den besetzten 
Ostgebieten (NO-1247). Der Fehler Steengrachts, NO-1247 
nicht heranzuziehen, lag wahrscheinlich an der fast wortlichen 
Ubereinstimmung mit Dok. NO- 1624. 21 

Solche Dokumente sind nur ein armseliges Uberbleibsel der mit 
Sicherheit in Fiille vorhanden gewesenen Akten zur judischen 
Ansiedlung im Osten. Das erste dieser Dokumente „durfte" 
wahrscheinlich noch greifbar sein, weil es von „fantastischen, in der 
Slowakei umlaufenden Geruchten" sprach. Die anderen beiden sind 
wahrscheinlich nur so durchgerutscht, weil ihre Bedeutung 
unerheblich schien. 

In Boehms Buch „We survived" (,Wir iiberlebten") findet sich der 
Beitrag von Jeanette Wolff, einer deutschen Judin, die auch 
Fuhrungsmitglied der SPD war, iiber ihre Erlebnisse, nachdem sie 
nach Riga (Lettland) deportiert worden war. Ihr Bericht iiber 
grundloses Verpriigeln durch die SS, Sex-Orgien und Betrunkenheit 
ist unglaubwiirdig. Ihr Artikel ist jedoch deshalb bemerkenswert, 
weil aus ihm ein groBes System von judischen Ansiedlungen, Ghettos 
und Lagern in der Umgebung von Riga zu entnehmen ist. Diese 
Ansiedlungen beherbergten nicht nur lettische Juden, sondern auch 
zahlreiche aus Deutschland und anderen europaischen Landern. An 
die aus Theresienstadt nach Riga deportierten Juden sei in diesem 
Zusammenhang noch einmal erinnert (siehe S. 142 ). 

In allgemeinen Umrissen ist erkennbar, was den polnischen, 
lettischen und litauischen Juden geschah, wenn man jene 
„Massenvernichtungsliteratur" heranzieht, die von „Uberlebenden" 
beigesteuert worden ist. In den groBeren Orten und GroBstadten 
waren die Juden innerhalb Polens in Ghettos untergebracht, die 
wahrend des ganzen Krieges existent waren. In Polen gab es 
besonders groBe Ghettos in Lodz (Litzmannstadt), Warschau, 
Bialystok, Lemberg und Grodno; in Litauen in Wilna und Kowno; in 
Lettland in Riga. Obwohl die Literatur „Uberlebender" endloses 
Fantasieren iiber Vernichtungen bietet (haufig von der Art, die nicht 
mit der Legende ubereinstimmt, z. B. Gaskammern in Krakau im 
Dezember 1939 usw.), so enthalt sie auch genug, um in etwa zu 
erfassen, wie es denn nun wirklich zugegangen war. 

In jedem Ghetto gab es einen Judenrat, der als interne Verwaltung 
fungierte. Die GhettoJ?olizei bestand aus Juden und war dem 
Judenrat unterstellt. Der Judenrat wirkte ublicherweise in Zu- 
sammenarbeit mit den Deutschen, zumal es den Umstanden 
entsprechend keinen anderen Weg gab. Haufig stellten die Deutschen 



281 



Forderungen nach Arbeitskraften aus dem Ghetto, und der Judenrat 
stellte dann Listen von Ghettoinsassen auf, die sich zu stellen hatten. 
Auch bestanden in den groBen Ghettos Widerstandsorganisationen, 
sogar meist gut bewaffnet, deren Mitglieder den Judenrat vielfach als 
aus deutschen Helfern bestehend ansahen. 22 

Dawidowiczs Buch befaBt sich in mehreren Kapiteln mit den 
Zustanden in den polnischen Ghettos. Obwohl die Deutschen 
unmittelbar nach der Besetzung Polens die judischen Schulen 
geschlossen hatten, wurde dieses Verbot wieder aufgehoben, und 
judische Kinder erhielten bald einen im wesentlichen regelmaBigen 
Unterricht, entweder in privat betriebenen Schulen oder solchen, die 
den Judenraten unterstanden. Kulturelle Veranstaltungen — 
Literatur, Theater, Musik — trugen dazu bei, die dunkle Seite des 
Ghettolebens ertraglicher zu gestalten. Die judische Wohlfahrt- 
organisation ZSS (Mitte 1942 von den Deutschen aufgelost, jedoch 
kurz darauf als JUS neu gebildet) bezog Lebensmittel, Bekleidung 
sowie Medikamente von der deutschen Zivilverwaltung, hielt auch 
iiber das Deutsche Rote Kreuz Kontakt mit auslandischen 
Organisationen, die ihrerseits Geld und sonstigen Bedarf lieferten. 
Vor Kriegseintritt der USA kam der groBte Teil solcher 
auslandischen Spenden vom „ Joint Distribution Committee" in 
New York, doch war dies nach dem Dezember 1941 nicht mehr 
moglich. 

Trotz des geschutzten Status der ZSS-JUS deckte diese auch 
manche illegale Aktivitat. Die verschiedenen politischen Orga- 
nisationen der Sozialisten, Kommunisten, Zionisten, Agudisten 
standen mit den dortigen Widerstandsbewegungen in Verbindung, 
deren Umtriebe sich von aktiver Sabotage bis zur Liigenpropaganda 
und gelegentlich auch bis zum bewaffneten Aufstand erstreckten. 
Die Vernichtungspropaganda setzte in Untergrund-Schriften etwas 
eher ein, als der WeltjudenkongreB damit begann (siehe Anhang E). 
Doch die judische Bevolkerung glaubte nicht daran, weil jene 
Propaganda durch ihre Erfahrungen nicht bestatigt wurde. Briefe 
von nach dem Osten verbrachten Juden beruhigten Freunde und 
Verwandte. Z. B : So schreibt Lucy Dawidowicz in ihrem 
Einfuhrungskapitel im Hinblick auf die Probleme, die sich fur die 
historische Forschung durch die „Massenvernichtung" ergeben : 

„Ein Hindernis bildete die Unzulanglichkeit judischer Dokumentation trotz 
der gewaltigen Mengen . . . Das Fehlen ausschlaggebender Anhaltspunkte in 
den Unterlagen mag sich durch das unheilvolle Obwalten von Terror und 
Zensur erklaren. Doch durch das Fehlen von Beweismaterial, das die 
Vorgange untermauert oder bestreitet, wird der Historiker niemals mit 
Sicherheit erfahren, ob dieser Mangel die Folge einer angeordneten 
Entscheidung ist, diese Dinge nicht zu behandeln, oder ob es lediglich die 
Konsequenz kluger Vorsicht war, solche Dinge unerwahnt zu lassen. Der 
Terror war so nachhaltig, daB sogar private personliche Aufzeichnungen, 
jiddisch oder hebraisch abgefaBt, mit Umsicht und Ruckgriff auf die Bibel und 
den Talmud als Form esoterischer Ausdrucksweise und selbst auferlegter 
Verschwiegenheit geschrieben worden sind." 

Wie aus alien Arbeiten iiber die deutsche Bevolkerungspolitik in 
Polen klar hervorgeht — z. B. auch bei Dawidowicz und Koehl — 
gab es unter den Juden im Einklang mit der generellen deutschen 



282 



Politik, diese Menschen so weit wie moglich lm Osten zu 
konzentrieren, ein standiges Hin und Her. Nach dem „Korherr-Be- 
richt" vom Marz 1943 sind 1.449.692 Juden „aus den ostlichen 
Provinzen in den russischen Osten" verlegt worden. Von diesen sind 
90% durch Lager im Generalgouvernement gegangen und die ubrigen 
durch Lager im Warthegau (hauptsachlich wohl Lodz). Das gewaltige 
Warschauer Ghetto ist im Fruhjahr 1943 aufgelost worden, und die 
meisten der dort ansassig gewesenen Juden wurden weiter nach 
Osten verbracht, wobei hauptsachlich Treblinka als Durchgangslager 
fur diese Umsiedlung diente. Dies gelang jedoch nur nach wutendem 
judischen Widerstand und einem Kampf, der weltweites Aufsehen 
erregte. Die Umsiedlung vollzog sich jedoch nicht vollstandig, weil 
immer noch Juden im Ghetto verblieben sind. Sobald in einem 
Ghetto eine Umsiedlung bekanntgegeben wurde, war es Aufgabe des 
Judenrates, Listen jener aufzustellen, die umgesiedelt werden 
sollten. Mit ganz wenigen Ausnahmen begaben sich die Umzu- 
siedelnden friedlich auf den Weg, da es durchaus bekannt war, daB es 
tatsachlich eine „ Umsiedlung" war. 

Es hat den Anschein, als waren Epidemien in den Ghettos nichts 
Ungewohnliches gewesen. Die Deutschen schreiben solche „einem 
Mangel an Disziplin" seitens der Juden zu. Sie ergriffen alle ihnen 
moglichen GegenmaBnahmen, und — wie die „New York Times" 
zumindest bei einer Gelegenheit berichtete — „viele Ambulanzen 
wurden nach Warschau entsandt, um das Ghetto zu desinfi- 
zieren". 23 

Wahrend die Verbringung dieser Juden nach dem Osten eine 
feststehende Tatsache ist, existieren keine verlaBlichen Angaben 
dariiber, um genau zu rekonstruieren, wie viele Juden hiervon 
betroffen waren. Hauptsache ist jedoch, zu wissen, daB es sich dabei 
um den iiberwiegenden Teil jener polnischen Juden gehandelt hat, 
der im Warthegau und dem Generalgouvernement ansassig gewesen 
war. Erwahnt sei noch, daB samtliche ehemals groBen Ghettos wie 
Lemberg, Grodno, Wilna, Kowno und Riga nach dem Krieg von der 
UdSSR einverleibt worden sind, Bialystok an der ostlichen Grenze 
Polens liegt, wohingegen Warschau und Lodz im kommunistischen 
Polen sich befinden, was fur beide jene staatlichen Bereiche jedoch 
bedeutet, daB sie gegeniiber einer Untersuchung durch westliche 
oder gar neutrale Beobachter, Forscher, Historiker so gut wie 
hermetisch isoliert geblieben sind — bis zur Stunde, und nur das an 
die Offentlichkeit gelangte, was der kommunistischen Parteifuhrung 
in Moskau zweckdienlich erschien. 

Vor dem Krieg haben etwa 3 Millionen Juden in Polen gelebt. 
Berucksichtigt man die Zahlen derjenigen, die 1939 aus Polen in die 
UdSSR gefluchtet waren, und jene, die 1940 von den Sowjets 
deportiert wurden, auch jene, denen es gelang, in die Slowakei, 
Ungarn oder in andere Lander zu entschlupfen, und auch jene, die 
durch Epidemien umgekommen sind, so sehen wir, daB sich 
hochstens zwei Millionen Juden in verstreuten Ghettos unter 
deutscher Kontrolle befunden hatten und daB die iiberwiegende 
Mehrheit dieser Menschen in Gebiete verschickt worden ist, die seit 
dem Kriegsende als sowjetisch gelten, in einem Staatsgebiet also, in 
dem ein unabhangiger Informationsaustausch unmoglich gemacht 
worden ist. 



283 



Angesichts dieser Umstande und den in der westlichen Welt 
zuganglichen Informationsquellen konnen wir wohl die wahre Natur 
der „Endlosung der Judenfrage" rekonstruieren — und zwar 
durchaus anhand zahlreicher Unterlagen und nachweisbaren 
Zusammenhange — , doch diirfte jeder Versuch, weitere ausfiihr- 
lichere Einzelheiten historisch sachgerecht zu ermitteln, angesichts 
der beschriebenen politischen Gegenwartsverhaltnisse ohne Aus- 
sicht auf Erfolg sein. 

DaB diese „Endlosung" keineswegs „endgultig" war oder sein 
konnte und daB die Juden nach einem Wandel des politischen Klimas 
zuruckgekehrt waren — legal womoglich oder illegal — , ist gar nicht so 
abwegig. Die Regierungen des 20. Jahrhunderts hangen ihren Planen 
kiihne, oft unrealistische Etiketts an : „Friedenskorps", „Allianz fiir 
den Fortschritt", „Krieg, um die Kriege ein fiir allemal zu beenden", 
„Vorwarts christliche Soldaten", „Befreiung unterdriickter Volker" 
etc. Bleibt konkret zu untersuchen, was mit all diesen Volkern 
wirklich geschah. Das Ergebnis ist dann meist ein ganz anderes. Die 
„Befreier" erweisen sich dann allzu oft als die Eroberer und 
Unterdrucker. 

Unsere Untersuchung ist noch zu erganzen durch die sich gegen 
Kriegsende abzeichnenden Lageverhaltnisse : 

Die Deutschen haben wahrend ihres Riickzuges wahrscheinlich 
viele liquidiert, wobei Griinde zu unterstellen sind oder vielleicht 
auch nicht, daB diese oder jene zum Kampfeinsatz gegen die 
deutschen Truppen hatten verwendet werden konnen, zumal das 
brutale Vorgehen der Bolschewisten in dieser Hinsicht auf deutscher 
Seite sattsam bekannt war. Schon seinerzeit, als die Deutschen den 
Juden die Auswanderung erschwert hatten, geschah dies unter dem 
Eindruck dieser Befurchtung. 

Dennoch sprechen zwei wesentliche Faktoren dagegen, daB 
deutsche Wehrmachts-, SS- oder andere Einheiten auf dem Riickzug 
sich mit umfangreichen Liquidierungen belastet haben. Einmal 
waren die fahigsten Arbeiter, die auch im Militardienstalter standen, 
von den Deutschen zur Arbeit herangezogen worden. Zudem 
erfolgte der Riickzug zumeist unter so iiberraschenden, drama- 
tischen, chaotischen, verlustreichen Verhaltnissen, daB eine ziel- 
gerichtete Vernichtungsplanung dieser Art unmoglich schien — 
zumal die deutschen Truppen des sowjetischen Partisanenunwesens 
niemals Herr geworden waren. Nach sowjetischem Eingestandnis 
sind diesem auBerordentlich, ja unvorstellbar grausam gefuhrten 
Partisanenkrieg 500.000 deutsche Soldaten zum Opfer gefallen. 
Diese sowjetische Angabe ist schon im Jahre 1945 in einem in 
London und New York veroffentlichten Bericht des General- 
leutnants der Roten Armee und damaligen Stabschefs fiir samtliche 
Partisanenoperationen Ponomarenko unter dem Titel „Behind the 
Front Line", 1961 aber auch in Moskau in der offiziellen Geschichte 
„Sowjetskie Partisani" erschienen und durch Ponomarenko im Juni 
1965 auf dem Historikertage in Moskau erneut bestatigt worden. 24 
Angesichts solcher Umstande muBten vorhandene Krafte tatsachlich 
zur Bekampfung des — wie es auf deutscher Seite offiziell hieB — 
„Bandenunwesens" eingesetzt werden und nicht fiir militarisch 
sinnlose Unternehmungen, wie es die Totung von wahllos 
zusammengetriebenen Menschen bedeutet haben wiirde. 



284 



Und noch eines : Hatten die Deutschen tatsachlich solche 
Liquidierungen — dazu noch an wehrlosen Zivilisten — in groBerem 
Stil durchgefuhrt, dann hatten die Alliierten dies in der Weltof- 
fentlichkeit mittels Ortsbesichtigungen, Ausgrabungen, Foto- 
grafien, aber auch durch konkrete Beweisfiihrungen in Prozessen 
groB herausgestellt. Anstelle des Unsinns iiber die „ Gaskammern" 
hatte man echtes und rechtmaBiges Anklagematerial fur Vernich- 
tungen gehabt. 

Wahrend das Beweismaterial besagt, daB die oberste deutsche 
Fuhrung wahrend der Ruckzuge Massenliquidierungen weder 
befohlen noch inszeniert hatte, so ist angesichts der damaligen 
Verhaltnisse doch zu unterstellen, daB Einzelpersonen und kleine 
Gruppen doch zahlreiche Massaker an Juden, und zwar auf eigene 
Faust durchgefuhrt haben. Hierfur kommen sowohl einige deutsche, 
als auch ungarische und rumanische Truppenteile, wohl auch einige 
europaische Zivilisten, deren anti-judische Einstellung durch den 
katastrophalen Verlauf des Krieges sich erheblich verstarkt hatte, in 
Frage. Bekanntlich hatte die deutsche Fuhrung zu Beginn des 
RuBlandfeldzuges, als Osteuropaer versucht hatten, Pogrome 
gegeniiber Juden nach Abzug der Roten Armee und vor Ankunft der 
deutschen Truppen anzuzetteln, diese sofort niedergeschlagen und 
verboten. 26 Jedenfalls kummerten sich die Deutschen unter den 
Bedingungen eines chaotischen Riickzuges sehr viel weniger um 
antijudische Pogrome, als um die Sicherung der eigenen Front. 

Nun zu den Sowjets : Sie haben nachweislich viele, viele liquidiert, 
vor Beginn des Krieges, wahrend des Krieges und auch nach 
Kriegsende. Wir vermerken dies nur, weil RuBland ein solches Ratsel 
ist, und vor ahem unter dem Herrschaftssystem des Bolschewismus 
Willkur, Rechtlosigkeit und Terror an der Tagesordnung sind, bzw. 
eingestandenermaBen unter Stalin waren. Fanden die sowjetischen 
Massenliquidierungen gegeniiber den polnischen Offizieren im Wald 
von Katyn schon im April 1940 statt, jene gegen Balten und 
Ukrainer nach Beginn des RuBlandfeldzuges im Zuge des 
sowjetischen Ruckmarsches, so ist jedoch von sowjetischen 
Massenliquidierungen gegen Kriegsende, sofern man die Vertrei- 
bungsgreuel an der ostdeutschen Bevolkerung ausklammert, kein 
Beweismaterial vorhanden. 

Weitere Verlustzahlen kamen auf Grund der Zustande in den 
Lagern oder Ghettos zustande. Die dortigen Gesundheitsbedin- 
gungen waren auBerordentlich unterschiedlich und schwankend. 
Mangel an Versorgung, so naturlich vor allem militarisches und somit 
auch organisatorisches Chaos muBten sich auf die Gesundheitslage 
verhangnisvoll auswirken. Und wir hatten bereits gesehen, daB die 
Deutschen Epidemien nicht zu verhindern vermochten, als sie 
damals — wie z. B. in Auschwitz — noch Herr der Lage waren. Daher 
besteht durchaus die Moglichkeit, daB viele Juden in den Ghettos 
wahrend der chaotischen Zustande urns Leben kamen, die mit dem 
deutschen Riickzug einhergingen. Auch Korzen ist der Ansicht, daB 
viele Juden, die 1940 in die UdSSR uberwechselten, in sowjetischen 
Lagern gestorben sind, in die man sie verbracht hatte. Gleicher- 
maBen bleibt zu erwagen, daB viele in den Ghettos verbliebene Juden 
auf Grund der sowjetischen Verwaltungsmethoden gestorben sind, 
— im Zuge der „Befreiung", sozusagen. Oder auch integriert in die 
sowjetische Gesellschaft, verschickt irgendwohin in das riesige Land. 



285 



Bekannt ist, daB die UdSSR nach dem Jahre 1945 die Einburgerung 
von Juden gefordert hat, wovon hauptsachlich die 1940 aus Polen 
deportierten Personen betroffen waren. 

Ein anderes Beispiel stellt die Karpatho-Ukraine dar, die als 
ehemalige tschechoslowakische Provinz nach 1945 von der UdSSR 
annektiert wurde. 10.000 Juden, ehemalige Einwohner der 
Karpatho-Ukraine, besaBen im Fruhjahr 1946 in der Tschechos- 
lowakei den Fliichtlingsstatus. Die UdSSR bestand auf der 
Repatriierung dieser Juden in die Sowjetunion, was dann auch 
geschehen ist. 26 

Man sollte auch um die Existenz des besonderen judischen 
„autonomen Staates" Birobidschan innerhalb der Sowjetunion 
wissen, der an der mandschurischen Grenze am Amur in Fernen 
Osten liegt. Birobidschan wurde 1928 von den Sowjets als judische 
Enklave gegrundet. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 
in New York der „ Einstein -Fonds von Ambijan" (Deckname fur 
,Amerikanisches Birobidschan Komitee') geschaffen, dessen Zweck 
es war, die „Fluchtlingskolonisation in Birobidschan" zu unter- 
stiitzen. Auch noch andere New Yorker Hilfsaktionen nach dem 
Zweiten Weltkrieg fur die nach Birobidschan umgesiedelten Juden 
sind bekannt. Selbst judische Organisationen wie das Joint 
Distribution Committee unterstiitzten die Juden in anderen Teilen 
der Sowjetunion gleichermaBen. In New York gab es den 
HilfsausschuB fur Minsk und umliegende Stadte. Dazu sind die 
UNRRAJ?rogramme in WeiBruBland und der Ukraine zu nennen. 
Albert Einstein, der sich diesem Hilfsprogramm nach 1945 mit 
Nachdruck anschloB und seine Anerkennung gegeniiber der UdSSR 
zum Ausdruck brachte, weil sie „hunderttausenden judischer 
Menschen helfe und ihnen Heimat gewahre", war nur einer unter 
vielen anderen judischen Exponenten in den USA, der damit das 
Leben dieser seiner Artgenossen bestatigte. 27 

Die Sowjetunion schloB mit der kommunistischen Regierung 
Polens ein Sonderabkommen iiber die Repatriierung jener pol- 
nischen Staatsbiirger, die in den von den Sowjets annektierten 
Gebieten ansassig gewesen waren, aber auch jene, die 1940 in das 
Innere der Sowjetunion verbracht worden waren, einbezog (Juli 
1945). Es sah auch vor, daB die Betroffenen die sowjetische oder die 
polnische Staatsburgerschaft wahlen konnten. Was die Juden 
anbelangt, so wurde schlieBlich entschieden, daB der Stichtag fur 
diese Option der 30.6.1946 sein sollte. 

Reitlinger raumt ein, daB die judische Bevolkerung der UdSSR in 
der Nachkriegszeit gut und gern die Vorkriegszahlen uberstiegen 
haben durfte, und zwar auf Grund des zusatzlichen Anteils 
polnischer, baltischer und anderer Juden. Er betrachtet die 
Schatzung des „Jewish Observer", wonach 500.000 polnische Juden 
vorzogen, in der UdSSR zu verbleiben, als „sehr konservativ" und 
konzediert in diesem Zusammenhang enorme und nicht iiber- 
windbare UngewiBheiten. Und so forderten die Russen, wenngleich 
sie bereit waren, polnische Juden vor dem Stichtag des 30.6.1946 
hinauszulassen, dennoch deren Einburgerung in die Sowjetunion. 
Dieses betraf sicherlich eine beachtliche Anzahl von Juden, die 
durch die Deutschen in den Osten umgesiedelt worden waren. Doch 
ist es sinnlos, zu versuchen, irgendwelche SchluBfolgerungen aus 
angeblichen Bevolkerungsstatistiken zu ziehen, die von Russen oder 



286 



von jiidischen Organisationen stammen. 28 Wenn die Sowjets, wenn 
auch nur zeitbegrenzt, polnischen Juden die Ausreise aus der UdSSR 
gestattet hatten, so miissen wir annehmen, daB Moskau eine ahnliche 
Politik auch gegeniiber anderen Juden, d. h. Juden anderer 
Staatsangehorigkeit praktiziert hatte. 

Auf den ersten Blick konnte es so aussehen, als wenn es fur jeden 
ausgesiedelten Juden eine klare logische Konsequenz gewesen ware, 
im Zuge der „Befreiung" nach dem Krieg dorthin zuruckzukehren, 
wo er ehemals gelebt hatte. Doch dieses ist aus verschiedenen 
Grunden nicht der Fall. Auf der einen Seite — vielleicht betraf dies 
sogar die Mehrheit der Falle — war nichts mehr von dem vorhanden, 
wohin sie hatten zuruckkehren konnen. Hauptgrund dafur war der 
deutsche Plan „Aktion Reinhardt", wonach die in den Osten 
deportierten Juden von fast all ihrem Besitz enteignet wurden; ihre 
Mobel, alles Vieh, Geschaftseigentum, ihr Schmuck, alle Kleidung, 
die sie nicht mittragen konnten und fast alles Bargeld bis auf eine 
Summe im Wert von etwa 25 Dollar — in welcher Wahrung auch 
immer — wurden einfach im Verlauf der Umsiedlung beschlagnahmt 
(unter Umstanden konnte einiger Geschaftsbesitz mit ausgesiedelt 
worden sein). Die Lager in Lublin und Auschwitz waren die 
Hauptsammelstellen fur viele dieser Besitztumer, wo auch immer sie 
beschlagnahmt worden waren. 29 Folglich hatten viele Juden, die 
weder Besitz noch Verwandte in ihren ursprunglichen Wohnorten 
hatten, keinen sehr zwingenden Grund, dorthin zuruckzukehren. 
Der deutsche Plan war wahrlich eine Entwurzelung gewesen. 

Sollten die Berichte zutreffen, daB gegen Ende des Jahres 1945 
und auch 1946 im osteuropaischen Raum zahlreiche anti-judische 
Pogrome stattgefunden haben, so mag auch dies ein Beweggrund 
gewesen sein, alte Ansiedlungsgebiete zu verlassen. Sollten jedoch 
derartige Berichte lediglich auf zionistische Propaganda zuriick- 
zufuhren sein, dann ware zu folgern, daB man auf diese Weise Juden 
aus Osteuropa herauszuholen versucht hat. Wie dem aber auch sei : in 
jedem Fall ist aus solchen Berichten eine Abwanderung von Juden 
aus Osteuropa zu entnehmen. 

Auf der JaltaJ^onferenz im Jan./Febr. 1945 waren sich Churchill, 
Roosevelt und Stalin dariiber einig, daB „es jiidischen Fluchtlingen 
unmoglich sein wiirde, nach Polen zuruckzukehren, um dort wieder 
ins normale Leben integriert zu werden". 30 Obwohl es sicher sein 
diirfte, daB viele Juden in ihre alten Heimatlander zuriickgegangen 
sind, so gab es doch auch viele triftige Griinde, sie davon abzuhalten. 
Wenn es wahr ist, daB eine bedeutende Anzahl polnischer Juden 
sowjetisches Gebiet verlassen hat, dann miissen viele auf dem Weg 
iiber Polen in andere, dariiber hinausgehende Bestimmungsorte 
gelangt sein, denn die zionistische Fiihrung hatte andere Heimatorte 
fur sie im Sinn. 

Viele Juden haben sich nach Kriegsende weder in der Sowjetunion 
noch in ihren Herkunftslandern niedergelassen, sondern haupt- 
sachlich in den USA sowie in Palastina. Uber die Zahlen hieriiber gibt 
es naturgemaB Unsicherheiten. Bis zum November 1943 bestand 
beim us-amerikanischen Amt fur Einwanderung und Einbiirgerung 
unter der Rubrik „Rassen und Volker" — eine Sparte „Hebraer", 
doch wurde diese Praxis dann eingestellt. Seither gibt es keine 
amtlichen Registrierungen mehr iiber Einwanderungszahlen von 
Juden. 31 



287 



Ein weiteres Problem, die jiidische Einwanderung gegen Kriegs- 
ende darzustellen, ergibt sich daraus, daB wir mitten in das „War 
Refugee Board" — WRB (Kriegsfliichtlingsamt) und die UNRRA 
(Hilfsaktions- und WiederaufbauausschuB der Vereinten Nationen) 
geraten. Wie erinnerlich, wurde das WRB Anfang 1944 als ein 
offenbar gemeinsames Unternehmen des US-AuBenministeriums, 
des US-Schatzamtes und des US-Kriegsministeriums gegriindet, 
obwohl es in Praxis dem Finanzminister Henry Morgenthau jr. 
unterstand. Das Amt hatte ungewohnliche Vollmachten erhalten, 
besondere Attaches mit diplomatischem Status zu ernennen. Ein 
weiteres hochst irregulares Kennzeichen war, daB das WRB sehr eng 
mit privaten Organisationen zusammenarbeitete. Der Kontakt mit 
dem „Joint Committee", dem WeltjudenkongreB und verschiedenen 
anderen judischen und zionistischen Organisationen war sehr 
ausgedehnt. Auch befaBten sich einige nicht-judische Verbande 
mit entsprechenden Initiativen, vornehmlich der AusschuB fur 
amerikanischen Freundesdienst. Das WRB und die drei genannten 
US-Ministerien waren ausdruckiich ermachtigt, „die Dienste oder 
Spenden privater Personen aus Organisationen" anzunehmen. 32 Wir 
haben es also hier mit einem ziemlich schlupfrigen Gebilde zu tun, 
das sich sowohl der Propaganda als auch der Hilfeleistung 
verschrieben hatte, und zwar mit den Rechten einer Regierungs- 
handlung, sobald ein offizieller Status angebracht war, und den 
Rechten einer privaten Organisation, sofern der Anstrich des 
Privaten vorteilhaft schien. 

Hilfsaktionen des WRB liefen von ungefahr Mitte 1944 bis Mitte 
1945, in einer Zeit, in der die Aktionen internationaler Reichweite 
nahezu ganzlich in den Handen der UNRRA lag. Diese Organisation 
war im November 1943 gebildet worden und hat bis Marz 1949 
internationale Arbeit geleistet. Ihr erster, von Roosevelt ernannter 
Leiter war Herbert Lehman, Ex-Gouverneur des Staates New York 
und ein fuhrender New-Deal-Demokrat (,, New Deal" war ein 
Biindel von Gesetzen und Initiativen zur Wiederbelebung der 
US-Wirtschaft in den dreiBiger Jahren gewesen, dem jedoch bis 
Kriegsbeginn der eigentliche Erfolg versagt geblieben war, — d. U). 
Die Wahl Lehmans motivierte Roosevelt seinerzeit so : „Es ware ein 
prachtiges Lehrstuck fur Toleranz und Bruderlichkeit, wenn diese 
Aktion ein Jude leite, und ich meine, Herbert ware prachtig". 33 
Lehmans Nachfolger war (Anfang 1946) Fiorello LaGuardia, eh. 
Burgermeister von New York. Obwohl LaGuardias Vater kein Jude 
war und er es verstandlicherweise fur nutzlich hielt, die umfangreiche 
Zahl italienischer Wahler in New York zu poussieren, zahlt er in 
Wirklichkeit zu den judisch-zionistischen Politikern und wird auch 
als solcher ausdruckiich in der Encyclopaedia Judaica erwahnt. Damit 
konnen wir sicher sein, daB die hier zur Debatte stehende Gruppe 
grundlegend die gleiche ist, wie beim WRB. Als der KongreB z. B. im 
September 1945 forderte, es miisse dem staatlichen Revisionsamt 
gestattet werden bzw. sein, die UNRRA-Aktivitaten zu priifen, da 
staatliche Gelder hiervon betroffen seien (es verlautete, die USA 
wiirden rund zwei Drittel der UNRRA-Kosten zahlen, doch ist zu 
vermuten, daB dieser Anteil noch daruber hinausging), erklarte 
Lehman, das ginge den KongreB nichts an. 34 

Die UNRRA hatte eine betrachtliche Reichweite. Das meiste der 
UNRRA-Hilfe ging nach Osteuropa, und der nach Polen iiberwiesene 



288 



Betrag stand nur zweitrangig hinter dem, der nach China ging. Die 
Unterstiitzung floB auch nach WeiBruBland und in die Ukraine. 35 
Mitte 1944 unterhielten das Kriegsfliichtlingsamt (WRB) und die 
UNRRA ein ausgedehntes System von Fliichtlingslagern in 
Nordafrika, Italien und Palastina. Diese Lager bestanden fast 
ausschlieBlich aus Juden. Seit 1944 waren massive Evakuierungen 
von Juden aus Europa in diese Lager im Gange. Viele wurden aus 
dem Balkan iiber Istanbul geholt, auch gab es eine Schwarzmeer- 
route via Istanbul. Fur viele dieser Menschen wurde die Einreise in 
die USA oder in sudamerikanische Lander beantragt, die auch noch 
wahrend des Krieges genehmigt wurde. In diesem Zusammenhang 
wurde auch das Lager in Oswego, New York, am See Ontario, nahe 
der kanadischen Grenze, eingerichtet. Irgendwie erreichten es viele, 
die nicht gleich zu Beginn nach Palastina gelangen konnten, dort 
untergebracht zu werden. 36 

Nach dem Zusammenbruch Deutschlands verwaltete die UNRRA 
die sog. „DP-Lager" (benannt nach „Displaced Persons", ent- 
wurzelte Personen — vorwiegend ehemalige „Ostarbeiter"), vor- 
nehmlich in der britischen, amerikanischen Besatzungszone 
Deutschlands und gleichermaBen im westlichen Besatzungsbereich 
Osterreichs. Naturlich gab es in jenen Lagern viele Nicht-Juden, doch 
Juden galten als Privilegierte und waren in vielen Fallen in Hausern 
und Hotels untergebracht, die fur sie beschlagnahmt worden 
waren. 37 

Die UNRRA- Tatigkeit in Deutschland bildete einen der Skandale 
der Besatzungsara. Beruchtigt waren die Razzien in deutschen 
Hausern, um Kinder „zu retten". Wahrend des Krieges entsprach es 
einer MaBnahme der NSJjuhrung, wurzellose Waisenkinder rassisch 
untersuchen zu lassen, um sie im Fall arischen Ursprungs zur 
Adoption fur deutsche Familien freizugeben bzw. zu empfehlen. 
Diese Kinder wurden dann genau wie deutsche Kinder aufgezogen, 
was dann spater die UNRRAJSehorden wieder unterbanden. Was aus 
den Kindern geworden ist, ist nicht bekannt geworden. 38 

In den UNRRAJ^agern der DP's gab es zuweilen iible 
Verhaltnisse. Der prominente Historiker der US-Militarregierung in 
Deutschland schrieb hierzu : 39 

„Sie aGen nicht nur Unmengen, sondern zeigten auch viele der psychoneu- 
rotischen Zuge, die man bei Leuten erwarten kann, die jene Trubsal 
durchmachten, an denen viele der Displaced Persons gelitten haben. Es war fur 
sie an der Tagesordnung, vorzugeben, sie wurden von den Alliierten 
Dienststellen nicht so rucksichtsvoll behandelt, wie sie es verdienten. Oft 
hatten sie Einwande gegen die Lager, in denen sie lebten, und behaupteten, es 
wirke sich auf ihre Lage nachteilig aus, in Lagern untergebracht zu sein. 
Manche forderten, es sollten die besten deutschen Hauser geraumt und ihnen 
zur Verfugung gestellt werden, insbesondere den Juden. In manchen Fallen 
weigerten sie sich, ihre Unterkunfte einigermaBen wohnlich zu halten, wobei 
sie auf dem Standpunkt beharrten, es sei nicht ihre Sache, irgendwie selbst mit 
anzufassen. In dieser Zeit oblag die eigentliche Betreuung der DP's fur einige 
Monate der UNRRA, aber die oberste Instanz dafur war die Militarregierung, 
und diese hatte sich um die Beschwerden zu kummern, wie sie in der Presse 
uber unzulassige Behandlung laut wurden. 

Daruber hinaus setzten die DP's ihren Untergrundkampf mit der deutschen 



289 



Bevolkerung fort, trotz all der Versprechungen und Bemuhungen von seiten 
der UNRRA und des Personals der amerikanischen Armee. Die Plunderungen 
auf dem Lande horten uberhaupt nicht auf. Einige DP's ergriffen jede 
Gelegenheit, Streit mit den Deutschen anzufangen. Als Folge der nahezu 
taglichen Plunderungen deutschen Eigentums, Totung von Deutschen und 
Vergewaltigung deutscher Frauen breitete sich unter der Bevolkerung bitterer 
Groll aus, vor allem, da sich niemand gegen die SchuBwaffen verteidigen 
konnte, die die DP's sich verschafft hatten." 

Einem weithin publizierten Vorfall zufolge haben jiidische und 
polnische DP's mit Unterstiitzung einiger US-Armeeangehoriger 
deutsche Bewohner einer Stadt unter Schlagen und Tritten 
gezwungen, kiirzlich zuvor beerdigte Leichen auszugraben, das 
verweste Fleisch von den Knochen zu entfernen und diese zu 
reinigen. 40 Doch wie immer dem auch sei : Wir sind in erster Linie an 
der politischen Rolle interessiert, die diese DP-Lager gespielt haben, 
und die simple Tatsache dabei ist, daB die judischen DP-Lager und 
die ihnen zugeordneten anderen Unterkunfte als Durchgangs- und 
militarische Ausbildungslager fur die Invasion Palastinas gedient 
haben. 

Die Welt hatte Gelegenheit, dies bereits im Januar 1946 zu 
erfahren. Wie das in „internationalen Organisationen" zuweilen 
vorkommt, war nicht jede Personalstelle wunschgemaB besetzt : 
Leiter der UNRRA-Aktionen in Deutschland war der britische 
General Sir Frederick E. Morgan, ein selbstandig denkender Mann 
und kein zionistischer Dienling. Obgleich ihm nur ein Teil der 
UNRRA in Deutschland unterstand, erfuhr er doch das Wesentliche 
von dem, was geschah, und unterrichtete hiervon die Offentlichkeit. 
Auf einer Pressekonferenz in Frankfurt/Main beschwerte er sich, 
daB eine organisierte Gruppe von Juden einen Transfer von Juden 
aus Polen in die amerikanische Zone von Deutschland fordere. 
Spottisch lieB er sich iiber „all das Geschwatz iiber Pogrome 
innerhalb Polens" aus und wies darauf hin, daB Juden, die in ganzen 
Eisenbahnzugen in Berlin ankamen, wohlernahrt, gut gekleidet und 
reichlich mit Geld versehen seien : „Sie sehen ganz bestimmt nicht 
wie Verfolgte aus. Nach meiner Ansicht haben sie einen Plan, einen 
konkreten Plan, aus Europa wegzugehen". Morgan erganzte, ihr 
Geld bestehe zu einem groBen Teil aus von den Russen gedruckter 
Besatzungsmark. Der Leser wird sich erinnern, daB eine der 
spektakularsten Taten des Sowjetagenten Harry Dexter White, dem 
wir im Kap. Ill als BoB der internationalen Operationen des US- 
Schatzamtes begegnet waren, jene gewesen ist, den Sowjets die 
Druckplatten fur die US-Besatzungswahrung zu liefern. 

Chaim Weizmann riigte Morgans Erklarung als „spurbar anti- 
semitisch", und Rabbi Wise stellte fest, das rieche nach schlimmstem 
Nazismus und erinnere an die gefalschten Protokolle der Weisen von 
Zion. Im UNRRA-Hauptquartier in den USA gab man bekannt, 
Morgan sei entlassen worden, doch Morgan verneinte das. Wise, 
Henry Monsky (Prasident der B'nai B'rith — judischer Geheim- 
dienstorden) und andere prominente Juden machten sich daraufhin 
an Lehman heran und „versicherten Gouverneur Lehman, es sei den 
Umstanden entsprechend unklug, den Fall gegen Morgan zu 
strapazieren", da Morgan offenbar geniigend Beweise zur Erhartung 
seiner Feststellung habe. 



290 



Im spateren Verlauf des Jahres 1946 gab es eine Untersuchung des 
jiidischen Problems durch einen anglo-amerikanischen AusschuB, 
der entschied, daB Morgan die Situation unterschatzt habe. In den 
jiidischen DP-Lagern „anderten sich die Gesichter von Tag zu Tag 
und neue Personen antworteten auf alte Namen in den Lagerlisten, je 
naher die zionistischen Organisationen die Juden an Palastina 
heranschafften". Die Juden, vorwiegend polnische, stromten aus dem 
Osten nach Westdeutschland hinein und durchliefen die von der 
UNRRA betriebenen Lager. In diesen Lagern erhielten viele von 
ihnen eine militarische Ausbildung fur die Invasion Palastinas, und 
zwar durch Reserveoffiziere in Uniformen der britischen und 
amerikanischen Armee. Obwohl es so war, daB niemand recht 
eigentlich nach Palastina wollte, hingegen aber in die USA, wurden 
alle Mittel angewendet, die Einwanderung nach Palastina zu 
erzwingen. Im Riickblick auf seine Mitarbeit in der UNRRA schrieb 
General Morgan in seinen Memoiren 1961 „Peace and War" 
(,Frieden und Krieg") : „Einem solchen Haufen (outfit) zu dienen, 
ist einfach nicht zu beschreiben." 

Jahre spater haben zionistische Autoren durch lobende Schil- 
derungen des organisierten Auszugs von Juden aus Europa Morgans 
Feststellungen rechtgegeben. 41 

Im August 1946 warf LaGuardia Morgan hinaus, weil dieser sich 
beschwert hat, daB die UNRRA als „Abschirmung fur sowjetische 
Geheimagenten und kriminelle Elemente, die sich mit GroBhandel in 
Drogen und Schmuggel befaBten", diene. Morgan wurde durch 
Meyer Cohen aus dem Washington-Biiro der UNRRA ersetzt. 
Dieser Schritt wurde zu einer Zeit vollzogen, als ein weithin 
berichteter Krach zwischen der UNRRA und militarischen 
Dienststellen in Deutschland herrschte. LaGuardia war damals nach 
Deutschland gekommen, um sich mit verschiedenen Problemen zu 
befassen, u. a. auch mit Morgan. AnlaBlich einer Pressekonferenz, die 
unmittelbar nach Morgans Hinauswurf stattfand, gab es einen 
wiitenden Disput zwischen LaGuardia und Hal Foust von der 
„ Chicago Tribune", mit dem wir uns schon im Kap. I befaBt haben. 
Foust hatte gefragt, wieviel Geld andere Staaten auBer den USA zur 
UNRRA beigesteuert hatten. LaGuardia beantwortete jedoch keine 
der Fragen Fousts und begriindete dies damit, daB dies Fousts 
„dreckiges lausiges Blatt dies sowieso nicht abdrucken wurde". Auf 
Fousts wiederholte Bitten um die erbetenen Informationen 
kreischte LaGuardia „Halten Sie den Mund" (,Shut up"). 42 

Morgan war nicht der erste hochrangige Offizier der Alliierten, der 
mit den Zionisten zusammenstieB. Im Sommer 1945 hatte der an das 
WeiBe Haus gesandte „ Harrison JSericht" behauptet, die Juden in der 
US-Zone von Deutschland wurden nahezu genauso schlecht 
behandelt wie unter den Nationalsozialisten. Obgleich viele Juden in 
den Lagern diese Behauptungen als lachhaft verspotteten, suchte 
General Eisenhower, der oberste Befehlshaber der Alliierten, 
General George S. Patton jr. (Befehlshaber der 3. US-Army und 
Militargouverneur von Bayern) auf, „las ihm den aufruhrerischen 
Bericht vor und erstaunte ihn mit der AuBerung, daB er das auch 
genau meine, wenn er sage, die Deutschen muBten, wenn notig, aus 
ihren Hausern raus, um es ihren Opfern bequem zu machen". Kurz 
darauf enthob Eisenhower Patton seines Postens, angeblich, weil 
dieser offentlich gesagt habe, es wurde allzu viel Theater um die 



291 



Entfernung von Nationalsozialisten aus Schliisselpositionen gemacht, 
und der Unterschied zwischen Nationalsozialisten und Nicht- 
Nationalsozialisten sei ahnlich dem zwischen Republikanern und 
Demokraten, und der Schlussel zu einem Erfolg der Besatzungs- 
politik in Deutschland lage darin, den Deutschen zu zeigen, „was fur 
groBartige Kerle wir sind". Dieses wurde justament das bekannteste 
Beispiel fur die allgemeine „Zuruckhaltung der Besatzungsbehorden 
in ihrem Tatigkeitsbereich, so hart vorzugehen, wie es die von den 
Staatsoberhauptern in Berlin-Potsdam und von General Eisenhower 
selbst verlautbarten MaBnahmen kundtaten." Patton erhielt den 
Auftrag, den Vorsitz einer Gruppe zum Schreiben einer Mili- 
targeschichte zu ubernehmen, doch erlitt er im Dezember 1945 
einen „Autounfah" und erlag 2 Wochen spater seinen schweren 
Verletzungen. 43 

Eisenhowers Einstellung den Zionisten gegeniiber war stets 
auBerst freundschaftlich gewesen. Kurz vor Kriegsende hatte die 
zionistische Organisatorin Ruth Klieger, geburtige Rumanin und vor 
dem Krieg in Palastina ansassig, Eisenhowers Hauptquartier SHAEF 
in Paris aufgesucht, um Richter Rifkind, Eisenhowers Berater fur 
DP-Fragen, ihre Mission darzulegen, Judentransporte von Deutsch- 
land nach Palastina zu organisieren. Sie wurde auf der Stelle zum 
Oberst der US-Army befordert und erhielt fur ihre Mission in 
Deutschland die notwendigen Papiere. Damit waren Eisenhowers 
Dienste noch nicht beendet, denn der Truppentransporter 
„Ascania", dessen Befehlsgewalt im SHAEF mundete, wurde 
daraufhin den Zionisten zur Verfugung gestellt; er trug 2.400 Juden 
nach Palastina. Die Briten stellten sich ihm bei seiner Ankunft 
entgegen, wunschten aber dariiber keinen Arger mit SHAEF und 
gestatteten die Landung in Palastina. Eisenhower wurde spater 
Prasident der Vereinigten Staaten. 44 

Wie bereits angedeutet, verblieben die aus der Sowjetunion nach 
Polen abgewanderten Juden zum iiberwiegenden Teil nicht in jenem 
Land, unterstutzt vom „ Joint Committee" und den damit 
verbundenen Organisationen (Spenden an diese waren in den USA 
steuerfrei) 45 , zogen die Juden weiter nach Deutschland, die 
Tschechoslowakei, Italien, wo es ebenfalls UNRRA-Lager fur sie 
gab, aber auch nach Frankreich, und, wie gesagt in die USA. Im Zuge 
dieser mehr oder weniger hektischen und „illegalen" Abwanderung 
wurden Passe, Identitatskarten oder sonstige Regularien nicht 
respektiert. Griechische Personalausweise wurden in Massen 
hergestellt, und viele Juden gaben sich als aus Polen heimkehrende 
Griechen aus. Als die griechische Regierung dahinterkam, entsandte 
sie einen Beamten zur Untersuchung, doch war dieser ein aktiver 
Zionist, der die Zionisten-Organisation lediglich wissen lieB, daB er 
zwar die bisherigen Ungesetzlichkeiten decken konne, die 
„Griechen-Masche" jedoch aufgegeben werden musse. Sie hatte aber 
ihren Zweck bereits durchschlagend erfullt. 46 

In den Anfangen der Massenwanderung hatte die Zionisten- 
Organisation erkannt, daB die zu erfassenden Juden zu un- 
diszipliniert und demoralisiert waren, um sich in eine wirkungs- 
trachtige Bewegung einzuordnen. Sie verlegte sich daher auf die 
Methode der HaBpropaganda, um die Kampfmoral der Juden in den 
verschiedenen Lagern anzufeuern. Sie begannen, „diesen Juden tiefe 
Abneigung und HaB gegen die Deutschen einzufloBen, ja, gegen ihre 



292 



gesamte nichtjiidische Umwelt, gegen die „Gojim" um sie herum". 
Im Winter 1946 inspizierte ein anglo-amerikanischer Unter- 
suchungsausschuB die Judenlager in Deutschland und war „von 
diesem „Anti-Goyismus" unter den Lagerinsassen und von der 
Unmoglichkeit, irgendeinen Kontakt zwischen diesen heimatlosen 
Juden und den britischen und amerikanischen Volkern 
aufrechtzuerhalten, iiberwaltigt." 47 

Die US-Besatzungsbehorden in Deutschland waren naturlich sehr 
iiber die Tatsache besorgt, daB so viele Menschen, auBerst diirftig als 
„Fliichtlinge" ausgewiesen, in ihren Machtbereich hereinstromten, 
zogerten aber, dies unverbliimt zu auBern. Jedenfalls verursachte 
das standige Anwachsen der „Fliichtlinge" Probleme, die man nicht 
ignorieren konnte. Im Juni 1946 kam eine Gruppe amerikanischer 
Redakteure und Zeitungsverleger als erster Station einer Deutsch- 
landreise in Frankfurt an und wurde von „hohen US-Offizieren" 
dariiber unterrichtet, daB Juden in einer Zahl von „monatlich 
10.000" in die US-Zone stromten und damit ein „Problem 
schwerwiegender Art" bereiteten. Es hieB, „ viele von ihnen kommen 
aus RuBland, und wenn sie sich denen in Polen in einer offenbaren 
Massenwanderung nach Palastina anschlieBen, dann werden wir 
unter Umstanden von ihnen 3 Millionen zu betreuen haben". Von 
besonderem Interesse in dieser Erklarung ist, woher „viele" dieser 
Juden kamen, nicht minder aber auch die Tatsache, daB die 
US-Militarbehorden es fur plausibel gehalten hatten, eine Zahl von 3 
Millionen anzufuhren (kein Druckfehler!) Naturlich ubertrieben sie 
die Situation, um irgendeine entsprechende Aktion hervorzurufen, 
denn es hat niemals eine Moglichkeit fur die Einreise von 3 Millionen 
Juden in die US-Zone Deutschlands bestanden. Nichtsdestoweniger 
ist die Anfuhrung einer solchen Zahl und die Hervorhebung, daB 
„viele" jener Juden „aus RuBland kommen", hochst 

kennzeichnend. 48 

Das Problem erregte seinerzeit so viel Aufmerksamkeit, daB der 
amerikanische Militargouverneur, General McNarney Anfang [August] 1946 
bekanntgab, daB „die US-Zonengrenzposten judische Fluchtlinge 
aus Polen in organisierten Reiseziigen und Lastwagen nicht 
hereinlassen wiirden. McNarney setzte jedoch hinzu, daB „wenn 
Verfolgte einzeln iiber die Grenze kommen, dies selbstverstandlich 
etwas anderes ware und wir sie aufnehmen wiirden." Es mag viele 
Beobachter iiberrascht haben, daB diese scheinbar unwichtige 
Eingrenzung die Zionisten derart zufriedenstellte, daB Rabbi Wise 
und andere kurz darauf „die Haltung Gen. Joseph McNarneys . . . 
gegeniiber . . . dem Gesamtproblem" offentlich wiirdigten. Das 
Ratsel loste sich im darauffolgenden November, als berichtet wurde, 
daB 35.000 Juden, ein Rekord, im September von Polen nach 
Westdeutschland eingereist waren (der iiberwiegende Teil in die 
US-Zone), und daB der „diinne Zustrom", der im November floB, 
sich auf „ 150 — 200 Personen taglich" belief 49 

In den Nachrichtenmeldungen jener Zeit wurden oftmals die 
Juden, die aus RuBland nach Polen „zuruckkehrten", als die 1940 in 
die UdSSR Deportierten bezeichnet. Eine derartige Ausdrucksweise 
der Presse war zu erwarten, da die anderen ja tot sein sollten. Doch 
solche Auslegungen konnen auBer acht gelassen werden, obwohl zu 
jenen Gruppen, wie Korzen schreibt, ebenfalls Deportierte des 
Jahres 1940 aus Ostpolen zahlten. 



293 



Im Verlauf des Jahres 1946 entsandte der US-SenatsausschuB fiir 
Kriegsforschung seinen Chefberater George Meader nach Deutsch- 
land, um die US-Besatzungspolitik zu untersuchen. Meaders Bericht, 
der u. a. den Vorwurf weitverbreiteter Unmoral und Schiebungen in 
der Army erhob, erhielt als Folge von „erheblichem Druck von 
seiten des WeiBen Hauses, des AuBen- und Kriegsministeriums und 
Senator Arthur Vandenbergs" sowie einer Riicktrittsdrohung des 
Generals Clay Publikationsverbot, doch gelangte sein Inhalt 
schlieBlich doch irgendwie in die Offentlichkeit. Der Bericht befaBt 
sich kritisch damit, wie die aus Polen hereinstromenden Juden 
untergebracht wurden, zumal sie gar keine echten Fluchtlinge (im 
Sinne des Vertriebenseins bei Kriegsende) waren, sondern Teil einer 
Massenbewegung von Menschen, die von privaten Gruppen 
zugunsten einer ganz bestimmten politischen Zwecksetzung — 
dem Zionismus — gefordert wurde. Die U.S.A. „finanzierten somit 
ein politisches Programm", indem sie Juden in deutschen DP-Lagern 
aufhahmen, obwohl dieses Programm niemals dem KongreB zur 
Erorterung vorgelegen hatte. In den Vereinigten Staaten erhoben 
sich daher Besorgnis iiber und Opposition gegen die materielle 
Unterstiitzung, die durch die „US-Fluchtlingspolitik" der Sache 
der Zionisten gewahrt wurde, doch beides kam zu spat und war zu 
wenig, um noch irgendeinen EinlluB auf die Vorgange zu haben. 

In seinem Bericht beklagte sich Meader iiber die Schwierigkeit, die 
judischen — im Unterschied zu den nicht-judischen — DP's dazu zu 
bewegen, eine Arbeit zu tun oder zu helfen, ihre eigenen 
Unterkunfte herzurichten. Doch beschwerten sie sich unablassig, 
daB man sie nicht so gut versorgen wurde, wie sie es erwarteten. 
Meader wies darauf hin, daB illegale Umtriebe und Gewaltver- 
brechen durch Displaced Persons zahlreich waren, und vermerkte 
andererseits, daB Washington der Aufhahme von 2.250 Millionen 
Fluchtlingen aus Europa als Einwanderer in die USA zugestimmt 
hatte. 50 

Von nur geringfugigem Wert ist, hier die Zahlen anzugeben, die fur 
die judischen DP's genannt wurden. Im Herbst 1946 hieB es, es 
befanden sich 185.000 jiidische DP's in Lagern Westdeutschlands. 
Setzt man jene fiir Osterreich hinzu, dann wurde die Zahl bereits 
200.000 iibersteigen. Auch wird gesagt, daB sich am 1.7.1947 iiber 
400.000 jiidische Fluchtlinge in West-Europa befunden hatten. 61 
Doch haben solche Zahlen keine Ausdruckskraft, weil die Lager fiir 
Juden und andere Fluchtlinge in Wirklichkeit als Durchgangslager 
dienten, und ein standiger Zug — im Fall der Juden jedenfalls — nach 
den USA und Palastina im Gange war, groBtenteils illegal oder 
zumindest „inoffiziell" beziiglich des letzteren Zieles und moglicher- 
weise auch im Hinblick auf das erstere. 

Die Hauptreiseziele, doch nicht die einzigen, waren Palastina und 
die USA. Die Zahl ist nur zu schatzen, wobei die von den britischen 
Behorden zusammengestellten Bevolkerungsstatistiken fiir Palastina 
des Jahres 1946 verlaBlich erscheinen. 52 





Moslems 


Juden 


Christen 


andere 


1924 


532.636 


94.945 


74.094 


8.263 


1929 


634.811 


156.481 


81.776 


9.443 


1934 


747.826 


282.975 


102.407 


10.793 


1939 


860.580 


445.457 


116.958 


12.150 


1944 


994.724 


528.702 


135.547 


14.098 



294 



Gegen Ende des Jahres 1946 sollen es 608.000 Juden und 
1.237.000 Moslems, Christen und „andere" gewesen sein. Uber 
diesen Punkt hinaus gibt es keine genauen britischen Zahlen mehr 
wegen des groBen AusmaBes der illegalen Einwanderung, zumal den 
Briten die Lage allmahlich aus den Handen glitt. Jedenfalls in der 
Zeit, als sich im Juli 1949 die Lage etwas beruhigt hatte, berichtete 
die Israelische Regierung, es befanden sich 925.000 Juden in Israel. 
Es handelte sich dabei vorwiegend um Juden europaischer Herkunft, 
wobei die umfangreiche Einwanderung aus Nordafrika und Asien 
eine von der Israelischen Regierung geforderte Folgeentwicklung 
darstellte. Im Jahr 1957 befanden sich etwa 1.868.000 Juden in 
Israel und 868.000 Araber waren seit der judischen Ubernahme in 
benachbarte Lander geflohen. 53 

An dieser Stelle ist es sinnvoll einzuflechten, daB viele Menschen 
ein vollig falsches Bild vom Zionismus und Israel haben. Heutzutage 
wird weithin angenommen, daB der Zionismus bei Kriegsende 
entstanden sei, als eine groBe Zahl von europaischen Juden, die zu 
dem SchluB gekommen waren, nicht mehr langer in Europa leben zu 
konnen, in ein durch und durch arabisches Palastina eindrangen und 
die arabischen Einwohner hinaustrieben. In Wirklichkeit hat der 
Zionismus — eine Bewegung zur Errichtung eines judischen Staates 
in Palastina — eine Geschichte, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts 
beginnt. Im Jahre 1917 war der Zionismus zu einer derartigen 
politischen Kraft geworden, daB GroBbritannien, verwickelt in einen 
blutigen Kampf mit dem kaiserlichen Deutschland, die „Balfour- 
Erklarung", mit der den Juden effektiv Palastina zugesprochen 
wurde, als Gegenleistung fur judische Unterstutzung im Weltkrieg 
abgab. Da England auch gewisse Abmachungen mit den Arabern 
getroffen hatte, wurde Palastina zu einem Land, dem „zuviel 
versprochen wurde". 

Zionistische Organisationen forderten den Zug der judischen 
Einwanderer nach Palastina im AnschluB an den Ersten Weltkrieg 
und in den nachfolgenden dreiBiger Jahren. Wie die dargetanen 
Bevolkerungszahlen andeuten, bereitete Palastina der britischen 
AuBenpolitik die vielleicht heftigsten Kopfschmerzen, da sie vor der 
an sich unmoglichen Aufgabe bestehen muBte, die judischen mit den 
arabischen Anspruchen auf Palastina unter einen Hut zu bringen. 

Gegen Ende der dreiBiger Jahre befand sich der Zionismus in 
tatkraftiger Zusammenarbeit mit der Gestapo, die regelmaBig mit 
Vertretern der Zionisten zusammenkam und sogar half, Bauernhofe 
und landwirtschaftliches Gerat zur Verfugung zu stellen, um 
Ausbildungszentren fur judische Emigranten in Deutschland und 
Osterreich einzurichten. Die Zionisten und die Gestapo hatten das 
gleiche Ziel, Juden aus Europa zu transferieren. 54 

Der Zweite Weltkrieg war nicht Ursprung des Zionismus; er 
verschaffte ihm lediglich den weltpolischen Sieg, den er fur die 
Endphase der Ubernahme Palastinas brauchte. Die Macht in der Welt 
war den U.S.A. und der Sowjetunion zugefallen, und beide standen 
damals der Sache des Zionismus sehr wohlwollend gegenuber. Unter 
den obwaltenden Umstanden war die Lage der Araber hoffnungslos, 
da sie von der Standfestigkeit sowie politischen und wirtschaftlichen 
Unabhangigkeit GroBbritanniens abhing, das jedoch durch den 
Zweiten Weltkrieg selbst in eine nahezu totale politische wie 



295 



wirtschaftliche Abhangigkeit geraten war, ja man kann sagen, am 
Boden lag. 

Kann man sich noch eine annahernde Vorstellung vom Umfang 
der jtidischen Einwanderung in Palastina machen, so stent man vor 
einer schier undurchdringlichen Wand bei dem Versuch, diesen fur 
die Vereinigten Staaten zu bestimmen. Wir erinnern daran, daB die 
Registrierung von „Hebraern" als Einwanderern im gleichen Monat 
des Jahres 1943 fallengelassen wurde, als sich Washington durch 
Griindung der UNRRA umfassend der Betreuung der Displaced 
Persons annahm. Unmittelbar nach dem Krieg wurde naturlich 
starker jiidischer Druck ausgeiibt, um die jiidische Einwanderungs- 
quote moglichst hochzuschrauben, und im Dezember 1945 gab 
Prasident Truman bekannt, die Immigration wurde beschleunigt, 
nicht ausgenutzte Quoten aus der Kriegszeit seien zwar nicht 
kumulativ, doch wtirden alle vorhandenen Regelungen 

respektiert. 55 Mag dies auch realisiert worden sein wie immer es 
wolle : Juden kamen unter der Kennzeichnung unterschiedlichster 
Nationalitat herein : Als Deutsche, Osterreicher, Niederlander, Polen 
usw. Dennoch gestatteten die bestehenden Vorschriften nicht, so 
viele Menschen zuzulassen, wie Antrage vorlagen, und so traf man 
eine gesetzliche Sonderregelung fur die Einreiseerlaubnis von 
Displaced Persons, welche die „bestehenden Sperren 

durchbrachen". Dieses Gesetz verfugte ebenfalls die Bildung eines 
Ausschusses fur Heimatlose (,Displaced Persons Commission") als 
Hilfsorgan fur die Unterbringung der Einwanderer. Nach dem 
Rechenschaftsbericht des Ausschusses sind in der Zeit von 
1948—1952 (die im Gesetz festgelegte Zeitspanne) iiber 400.000 
solcher Personen in den Vereinigten Staaten angesiedelt worden. Der 
amtliche Bericht stellte dann noch fest, daB nur 16% dieser 400.000 
jiidisch seien, aber das ist eben nur der amtliche Bericht einer 
Regierung, die besondere Schritte unternommen hatte, um 
sicherzustellen, daB die entsprechenden Angaben nicht existieren. 56 

Unter Vorbehalt fassen wir hier die in Frage stehenden Teile der 
Einwanderungszahlen zusammen, wie sie die US-Regierung ver- 
offentlicht hat : B7 

Land Regulare Einwanderung DP's Gesamt 

1941—1950 

Ostei'i-eich 24.860 

Belgien 12.189 

Tschechoslowakei 8.347 

Danemark 5.393 

Estland 212 

Frankreich 38.809 

Deutschland 226.578 

Gi'iechenland 8.973 

Ungarn 3.469 

Italien 57.661 

Lettland 361 

Litauen 683 

Niederlande 14.860 

Polen 7.571 

Rumanien 1.076 

UdSSR 548 

Jugoslawien 1.576 



296 



51—1960 


1948—1952 




67.106 


8.956 


100.922 


18.575 


951 


31.715 


918 


12.638 


21.903 


10.984 


62 


16.439 


185 


10.427 


10.824 


51.121 


799 


90.729 


477.765 


62.123 


766.466 


47.608 


10.277 


66.858 


36.637 


16.627 


56.733 


185.491 


2.268 


245.420 


352 


36.014 


36.727 


242 


24.698 


25.623 


52.277 


64 


67.201 


9.985 


135.302 


152.858 


1.039 


10.618 


12.733 


584 


35.747 


36.879 


8.225 


33.367 


43.168 



Wir haben bier nur die Zahlen fur einige europaische Lander 
wiedergegeben, von denen anzunehmen ist, daB aus ihnen viele 
vertriebene Juden gekommen sind. Die Summe fur Ungarn 
1951 — 1960 scheint jene nicht einzuschlieBen, die auf Grund eines 
besonderen Gesetzes anlaBlich der 1956 ins Land gekommenen 
Fluchtlinge des ungarischen Aufstandes in den USA aufgenommen 
worden waren (45.000). Es sei erwahnt, daB in den Jahren 
1954 — 1971 285.415 Personen aus Europa unter verschiedenen 
anderen Bestimmungen fur Fluchtlinge in den Vereinigten Staaten 
eingeburgert worden sind. Geordnet nach Kontinenten sieht das 
dann so aus : 

Erdteil Regulare Einwanderung DP's Gesamt 

1941—1950 1951—1960 1948—1952 



Europa 


621.704 


1.328.293 


405.234 


2.355.231 


Asien 


31.780 


147.453 


4.016 


183.249 


Nord/Sudamerika 


354.804 


996.944 


307 


1.352.055 


Afi'ika 


7.367 


14.092 


107 


21.566 


Pazifischer Bereich 


19.242 


16.204 


10 


35.456 


Gesamt 


1.034.897 


2.502.986 


409.674 


3.947.557 



Fur die Einwanderung in den Jahren 1941 — 1950 und 1951 — 1960 
ist zu berucksichtigen, daB der letzte standige Wohnort als 
Herkunfts- bzw. Heimatland gait, wahrend fur die DP's aus 
1948 — 1952 das Geburtsland notiert wurde. 

DaB im Fall der regularen Einwanderung die Nationalitat dem 
Land des letzten Wohnsitzes zugeordnet wurde, macht eine 
Spezifizierung dieser Zahlen besonders schwierig. Dieses zeigt sich 
deutlich an der Gesamtzahl von 766.466 Personen, die aus 
Deutschland in die USA gekommen waren. Wir haben zu bedenken, 
daB Juden mit deutscher Staatsangehorigkeit nur einen Bruchteil der 
766.466 ausmachen konnten, da die Mehrheit der geschatzten 
500.000 — 600.000 deutscher, d. h. in Deutschland aufgewachsener 
Juden ja schon vor dem Krieg 1939 ausgewandert war. 
Berucksichtigt man, daB von den vor dem Krieg aus Deutschland 
emigrierten Juden ein Teil nach Frankreich und Belgien gegangen 
war und sich diese unter den — nach Reitlinger — 250.000 Personen 
befunden haben, die dann wahrend des Krieges in den Osten 
deportiert worden sind, und nach 1945 dann von diesen etwa die 
Halfte nach Palastina abgewandert sind, dann sieht es so aus, daB 
nicht mehr als 125.000 der „Deutschen", die nach den USA 
einreisten, Juden gewesen sein konnten. Doch diese Rechnung geht 
durch den einfachen Einwand daneben, daB der Status des 
„standigen Wohnsitzes" auf viele der Juden mit mehreren 
Staatsangehorigkeiten angewendet worden sein durfte, die unter 
verschiedenen Voraussetzungen unmittelbar nach dem Krieg in 
Deutschland untergebracht waren. Jener Zeitraum hat sich nicht 
durch striktes Einhalten von Gesetzen ausgezeichnet, und so kann 
man sicher annehmen, daB etwas mehr als 125.000 dieser 
„Deutschen" Juden waren. Mit den Zahlen fur Italien ist es genau so. 

Die Unklarheit des Begriffs vom „standigen Wohnsitz" ist auch der 
Grund fur die Einbeziehung von Einwanderungszahlen fur solche 
Bereiche wie Nord- und Sudamerika und Asien. Wir diirfen nicht 
erwarten, daB die heimatlosen Juden im Hinblick auf legale 

297 



Ausweise besonders gewissenhaft waren; wir sahen dies an dem Fall 
der „Griechen", die durch die Tschechoslowakei gelangten. Es 
diirfte nicht schwierig gewesen sein, zu Ausweispapieren zu 
kommen, die als standige Wohnsitze ihrer jiidischen Inhaber 
siidamerikanische Lander oder auch vielleicht Kanada angaben. Ein 
Umweg iiber das entsprechende Land auf der Reise nach den USA 
konnte notwendig gewesen sein, aber ein solcher Abstecher ware so 
oder so nur Tarnung gewesen. Siidamerikanische Lander hatten 
wahrscheinlich freudig „mitgemacht", da die Juden nicht im Begriff 
waren, sich bei ihnen niederzulassen, und zweifellos Bestechungs- 
gelder mit im Spiel waren. 

Aus diesen Griinden bin ich der Ansicht, daB man mit Sicherheit 
die Einreise von mindestens 500.000 Juden in die USA annehmen 
kann, wobei die richtige Zahl wahrscheinlich hoher liegt. Da der 
Stadtbereich von New York der Wohnsitz von Millionen Juden ist, 
konnten allein dorthin einige hunderttausend Juden gezogen sein, 
und niemand hatte davon mehr bemerkt, als daB er personlich von 
einigen Juden erfuhr, die nach dem Krieg aus Europa nach New York 
gekommen waren. 

In dieser Analyse sind wir naturlich davon ausgegangen, daB die 
groBe Masse der Juden, die sich nach dem Krieg woanders 
niedergelassen hat, vertriebene Juden waren. Statistisch gesehen 
wird ihnen kaum eine bedeutende Zahl von, sagen wir, franzosischen 
Juden zuzurechnen sein, die ebenso wenig Grund hatten Frankreich 
zu verlassen, wie jene in den USA, von dort auszuwandern. Das 
Ergebnis der NS-Judenumsiedlungen war, daB eine groBe Zahl von 
Juden in den EinfluBbereich zionistischer Fluchtlingsorganisationen 
gelangte, die es dann fertigbrachten, diese Massen an Bestim- 
mungsorte zu dirigieren, die aus politischen Motiven festgelegt 
waren. 

Wenn wir voraussetzen, daB es am Ende des Krieges ungefahr drei 
Millionen vertriebener Juden gab, mit denen die Alliierten irgendwie 
fertigwerden muBten, dann ist anzunehmen, daB eine halbe Million 
nach den Vereinigten Staaten ausgewandert sind, eine halbe Million 
nach Palastina, eine Million von der Sowjetunion absorbiert wurden, 
750.000 in Osteuropa auBerhalb der UdSSR ansassig wurden und 
weitere 250.000 in Westeuropa untergekommen sind. Diese Auf- 
schliisselung fuBt auf den Erkenntnissen, die aus demoskopischen 
Analysen zu entnehmen sind, wobei auf Grund der geschilderten 
Umstande eine absolute statistische Genauigkeit nicht zu erzielen 
ist. 58 

Versuchen wir die Anzahl der im Krieg umgekommenen Juden zu 
analysieren bzw. zu schatzen und zwar angesichts 
?? der chaotischen Zustande in den Lagern beim Ruckzug der 

deutschen Truppen, 
?? der Epidemien in den Ghettos in normalen Zeitraumen, 
?? der Pogrome oder Massaker, die vorgekommen sein konnten, 

besonders wahrend der deutschen Ruckziige, 
?? der ErschieBungen durch die Einsatzgruppen, 
?? der ungesunden Verhaltnisse in den deutschen Konzentrations- 

lagern, vor allem kurz vor Kriegsende, 
dann stehen wir meiner Meinung nach erneut vor einem 
unmoglichen Problem. Rassiniers Schatzung belauft sich auf 1 
Million judischer Verluste, doch kann man gegeniiber seinen 



298 



Argumenten sehr viele Einwande geltend machen. Die Zahl von einer 
Million toter Juden erscheint mir, wenn auch moglich, ziemlich 
hoch. Doch habe ich nicht die Absicht, iiber diesen so makabren 
Sachverhalt in dieser oder jener Form zu diskutieren, solange er 
einen so weiten Spielraum fiir Unsicherheiten enthalt. 

Gerade die machtigsten Gruppierungen der Welt haben sich 
veranlaBt gesehen, den Hergang dessen zu entstellen, was den Juden 
Europas wahrend des Zweiten Weltkrieges wirklich geschehen ist, 
und politische Verhaltnisse zu schaffen, die eine annahernd 
sachgerechte und vorurteilsfreie Untersuchung verhindern. So hat 
z. B. Korzen, obwohl in seinen Forschungen wohlwollend durch die 
Israelische Regierung unterstiitzt, Unkenntnis und Unsicherheiten in 
groBen und wichtigen Bereichen, sowohl im Hinblick auf Zahlen als 
auch Einzelvorgange in seiner Studie iiber die im Jahre 1940 
vollzogenen sowjetischen Deportationen an polnischen Juden 
eingestanden. Auf der anderen Seite war ich uberrascht, daB es 
ungeachtet dessen moglich war, statistische und quantitative 
Aspekte selbst in dem hier vorgelegten unvollstandigen AusmaB zu 
rekonstruieren. 

In seinen Memoiren hat J. G Burg eine Darstellung gebracht, 
die vollstandig mit dem historischen Ablauf ubereinstimmt. Bei 
Kriegsausbruch im September 1939 lebte er in Lemberg/Polen. 
Seine Familie floh dann alsbald nach Czernowitz/Rumanien, also in 
die Bukowina, die im Juni 1940 von der Roten Armee besetzt 
wurde. Ein Jahr spater trieb der deutsche Angriff auf RuBland die 
Rote Armee hinaus, und ukrainische Banden leiteten Pogrome ein, 
die von deutschen und rumanischen Truppen niedergeschlagen 
wurden. SchlieBlich wurde Burg samt Familie nach Transnistrien 
deportiert, wo das Leben wenigstens ertraglich war. Ein Herr Kolb 
vom Schweizer und Internationalen Roten Kreuz suchte ihre Sied- 
lung Anfang 1943 auf. 

Mit Zunahme der deutschen Niederlagen wuchs die Spannung 
zwischen den Deutschen und den Rumanen, und viele Rumanen 
versuchten, sich die Juden zu Freunden zu machen. Mitte 1944 
begann die deutsch-rumanische Front zu wanken, und J. G Burg 
kehrte mit seiner Familie wieder nach Czernowitz zuriick. Uberall 
herrschten Chaos, Hunger und sowjetischer Terror. Auch nach 
Kriegsende waren die Verhaltnisse nicht gut, so daB J. G Burg mit 
seiner Familie nach Breslau und danach weiter in ein Lager der 
UNRRA nahe von Munchen/US-Zone Deutschland ubersiedelte. In 
jenem Lager waren naturlich fast alle Juden sehr an der Moglichkeit 
interessiert, in die Vereinigten Staaten von Amerika zu gelangen, 
zumal sie erfuhren, daB viele Juden gerade das vorhatten. Doch die 
zionistische Organisation versuchte mit alien Mitteln, ihr Interesse 
von den USA weg und auf Palastina zu lenken. Auf die Frage : „Kann 
man nach den USA auswandern und dabei Zionist bleiben?" 
antwortete ein Professor Spiktor : „Wer immer in dieser Schicksals- 
stunde nach den USA auswandert, kann nicht nur kein Zionist sein, 
er verlaBt damit auch sein judisches Volk." Sechs Monate spater 
emigrierte Professor Spiktor in die USA. Burg und seine Familie 
zogen mit vielen anderen Juden des Lagers nach Palastina. 

Wir sind jetzt fast am Ende unserer Studie. Die Juden Europas 
sind, wie sich aus den vorangegangenen Darlegungen ergibt, nicht 
vernichtet worden; es gab keinen deutschen Versuch, sie zu 



299 



vernichten. Die Deutschen siedelten eine bestimmte Anzahl aus, und 
diese Menschen wurden schlieBlich nach Planen der Alliierten 
wiederum umgesiedelt. Jeder der hiervon Betroffenen hat wahrend 
des Krieges gelitten, mehr oder weniger viel von seinem Besitz 
verloren, auch gerieten sie in die chaotischen Begleitumstande der 
deutschen Niederlage. Doch hat jeder Europaer unter den 
Kriegsverhaltnissen gelitten, besonders die Bevolkerung in Mittel- und 
Osteuropa. Die Volker, die am meisten gelitten haben, waren die 
Verlierer. Die Deutschen (und Osterreicher) haben 10 Millionen an 
Toten verloren, im Felde, durch alliierte Luftangriffe, den 
sowjetischen Terror, dem sich vor ahem der polnische und 
tschechische, aber auch der jugoslawische Terror parallelschaltete, 
bei Kriegsende, dann durch die NachkriegsmaBnahmen der Sieger- 
und Mitsiegermachte, russische und franzosische Zwangsarbeit 
deutscher Kriegsgefangener und Zivilinternierter, durch die unter den 
brutalsten Bedingungen durchgefuhrten Austreibungen Deutscher 
aus ihrer Heimat, und schlieBlich durch die racheerfullten 
BesatzungsmaBnahmen von 1945 — 1949. 59 

Die „Gaskammern" sind Fantasien der Kriegs- und Nachkriegspro- 
paganda, in jeder Beziehung dem Unrat vergleichbar, der von Lord 
Bryce und Genossen (Verzeihung : „ gentlemen"!) im Ersten 
Weltkrieg zusammengeschaufelt worden ist. Heinrich Himmler hat 
es wenige Wochen vor Kriegsende in einem Interview mit einem 
Vertreter des Weltjudenkongresses (es war Mr. Mazur) richtig und 
treffsicher formuliert : 60 

Um den Seuchen ein Ende zu bereiten, waren wir gezwungen, die 

Leichen einer nicht festzustellenden Anzahl von Menschen, die der Krankheit 
erlegen waren, zu verbrennen. Wir muBten daher die Krematorien bauen, und 
deshalb wird fur uns die Henkersschlinge vorbereitet." 

Es ist hochst unglucklich, daB Himmler ein „Selbstmordfall" war, 
wahrend er sich in britischer Haft befand, denn, ware er ein 
Angeklagter im Nurnberger IMT gewesen, so ware er in der Lage 
gewesen, vor der Offentlichkeit den wahren Hergang der ganzen 
Geschichte vorzutragen (er als vielleicht einziger war ja voll 
unterrichtet und hatte keine Moglichkeit, die Schuld jemandem 
anders zuzuschieben). DaB Himmlers Einschatzung der Gaskammer- 
Anschuldigungen zutreffend war, muB einem jeden offenkundig 
sein, der eine gewisse Zeit mit diesem Thema verbracht hat. Im 
besonderen aber hatten Reitlinger und Hilberg dies erkennen 
mussen, bevor sie auch nur Bruchteile ihrer dicken Bucher fertig 
hatten, die eine gewaltige Narretei darstellen. 

Bucher wie das vorliegende waren unnotig gewesen, konnte man 
das wesentliche Material dieses Themas in den ProzeBakten des 
Nurnberger Siegertribunales nachlesen und sich im Inhalt und 
Umfang darauf verlassen. 

Instruktiv durfte zum AbschluB dieses Themas eine Information 
des judischen „Aufbau" vom 30.6.1965 sein, derzufolge sich die 
Zahl der Antragsteller auf deutsche Wiedergutmachung innerhalb 
von 10 Jahren verdoppelt habe. Bis zum Jahre 1965 hatten 
3.375.000 Personen aus Griinden „rassischer Verfolgung" Wieder- 
gutmachungsantrage in der Bundesrepublik Deutschland gestellt, 
eine Zahl, die inzwischen auf iiber 4 Millionen angestiegen sein 
durfte. 61 



300 



VIII Anmerkungen 



Wir beenden diese Arbeit mit einigen Bemerkungen verschiedener 
Art, die sich groBtenteils mit Einwanden gegen meine Forschungs- 
methoden oder Quellen oder Arbeitsergebnisse befassen. 

Ein an sich geistig hochstehender Kritiker gab mir zu verstehen, 
daB meine Darstellung denen ahnele, die er iiber „fliegende 
Untertassen" und „Wiinschelruten" gelesen habe. Diese Reaktion 
war erschreckend, aber vielleicht verstandlich. Jahrzehnte der 
Propaganda haben das nationalsozialistische Deutschland derart mit 
der 6-Millionen-Legende identifiziert, daB ein Bestreiten dieser 
Legende vielen Menschen zunachst als ebenso lacherlich vorkommt, 
wie wenn man bestritte, daB der Zweite Weltkrieg iiberhaupt 
stattgefunden habe. Nichtsdestoweniger muB bei diesem Einwand 
darauf hingewiesen werden, daB hier keineswegs Bezug genommen 
wird auf iibernatiirliche oder auBerirdische Erscheinungen, sondern 
daB sich unsere Darstellung mit nichts Ungewohnlicherem befaBt als 
mit Menschen, die iiber ihre politischen Feinde lugen. Diesen 
Kritiker kann man nur auffordern, er moge endlich einmal klug 
werden. 

Ein weiterer Einwand gegen die vorliegende Arbeit wird der sein, 
daB ich die „Vernichtungsliteratur", insbesondere Reitlinger und 
Hilberg, als Quellen herangezogen habe, obwohl ich diese Art Biicher 
gleichzeitig als „gewaltige Narreteien" bezeichnet habe. Dieser 
Einwand ist schwerwiegend, auch wenn ich der erste sein wiirde, der 
darauf hinweisen wiirde, daB diese Biicher im Zusammenhang mit 
den groBen Schwindeleien der Weltgeschichte als Spitzenbeispiele 
fur glatte Tauschung und Torheit dann bedeutsam werden, wenn die 
Vernichtungslegende erst einmal begraben ist. Und unsere Aufgabe 
ist es hier, diese Legende zu begraben. Dabei miindet jede 
diesbeziigliche Forschung in eine Analyse jener Falle, die von 
Reitlinger und Hilberg vorgetragen worden sind. Der einzig gangbare 
Weg, den ganzen Schwindel aufzudecken, ist, die Behauptungen 
jener Exponenten der Vernichtungsmythologie konkret zu un- 
tersuchen und als nicht stichhaltig nachzuweisen. 

Das Anfuhren von Reitlinger und Hilberg als Quellen hatte noch 
einen zweiten Grund. In dieser Arbeit ist groBes Gewicht darauf 
gelegt worden, fur eine Dokumentation zu sorgen, von der sich ein 
Leser mit Zugangsmoglichkeit zu einer groBen offentlichen 
Bibliothek selbst von der Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer 
Aussage iiberzeugen kann. Leider konnte diesem Bemiihen nicht 
immer Rechnung getragen werden, weil ein guter Teil der Analyse 
sich auf Dokumente und Veroffentlichungen stiitzt, die nicht so 
ohne weiteres zuganglich sind, es sei denn iiber komplizierte Hiirden 
im Ausleiheverkehr. Um dies wenigstens teilweise auszugleichen, 



301 



habe ich auf Reitlinger und Hilberg als Quellen fur viele derartige 
Punkte verwiesen, sofern ihre AuBerungen zu bestatigen waren. 
SchlieBlich soil der Leser nun auch wirklich einen Blick in jene Art 
Biicher werfen, um sich bei jenen Autoren ein Bild von deren 
wissenschaftlicher Arbeitsweise, Dokumentenverwendung, 

Konsequenz der SchluBfolgerung und Exaktheit oder Wider- 
spruchlichkeit der Darstellung zu verschaffen. 

In Diskussionen mit Juden stellt sich oft heraus, daB der 
Gesprachspartner erklart, er habe vermiBte Verwandte, die 
seinerzeit nach Auschwitz, Treblinka oder irgendwohin in den Osten 
deportiert worden seien und von denen seither jede weitere 
Nachricht fehle, was dann als Beleg fur Vernichtung ausgegeben 
wird. Doch dies muB kein Beleg fur Vernichtung sein, auch nicht fur 
die Existenz eines NS-Vernichtungsprogramms. Jemanden 

wahrend des Krieges aus den Augen zu verlieren, war nahezu 
unvermeidlich. Es wird auch nicht bestritten, daB gerade diese 
Personen womoglich tatsachlich im Verlauf des Krieges aus diesem 
oder jenem in diesem Buch geschilderten Grund urns Leben 
gekommen sind. Doch mag es ebenso gut sein, daB sie im Verlauf des 
Krieges in den sowjetischen Machtbereich geraten waren, aus dem sie 
keine Verbindung mehr in die westliche Welt herzustellen gewillt 
oder in der Lage waren. Auch muB bei solchen Gesprachen in 
Rechnung gestellt werden, daB der Diskutant nicht die Wahrheit sagt 
oder sich nicht um ausgiebige Informationen bemuht hat o. a. 

Ein gewichtiges Motiv, Kontakte nicht mehr aufzunehmen, gibt es 
selbst im familiaren Bereich mehr als genug. Eine groBe Zahl von 
Ehen wird rein von sozialen und wirtschaftlichen Zwangen 
zusammengehalten. Es sind viele Familien wahrend des Krieges 
auseinandergerissen worden, neue Verhaltnisse haben sich 
angebahnt, Menschen haben sich auseinandergelebt und entfremdet, 
Arbeitsmoglichkeiten, Krankheiten, weit entfernt liegende Ansied- 
lungen, vorgerucktes Alter und vieles mehr konnen Grtinde sein, um 
alte, selbst verwandtschaftliche Kontakte nicht wieder 

aufzunehmen. Alles dies konnte bei einer hohen Zahl „fehlender" 
Juden zutreffen. 

Nehmen wir z. B. an, ein Mann und eine Frau mit zwei kleinen 
Kindern sind deportiert worden, der Mann in ein Arbeitslager, die 
iibrige Familie in ein Umsiedlungslager in den Osten. Unterstellt, die 
Ehefrau nahm die Verbindung mit ihrem Mann nach dem Krieg aus 
irgendeinem Grund nicht wieder auf. Somit haben wir anscheinend 
vier Menschen, die als tot oder vermiBt gemeldet wurden. Der Mann 
namlich sagt, seine Frau und Kinder sind wahrscheinlich tot, und die 
Frau erklart, ihr Mann sei vermiBt. Jedenfalls konnte diese eine 
Trennung von Mann und Frau die Erklarung fur noch viel mehr 
fehlende Juden abgeben, denn es ist durchaus denkbar, daB Eltern 
und Verwandte der Ehefrau, aber auch jene des Ehemannes 
gleichfalls den Kontakt untereinander verloren haben. Allein an 
diesem Beispiel zeigt sich, daB die Moglichkeit, fehlende Juden auf 
diese Weise zu berechnen, praktisch unbegrenzt ist. 

Es heiBt, das Yad Vashem Archiv in Jerusalem verfuge iiber die 
Namen von 2,5 bis 3 Millionen judischer „durch Nazi- Vernichtung 
Toter." Vermutlich sind die Angaben „mit Hilfe von Zeugenaus- 
sagenJjormularen, ausgefullt von Verwandten, Zeugen oder 
Freunden gesammelt worden". Diese Zusammenstellung der 



302 



Israelischen Regierung, von der man gewiB nicht sagen kann, eine 
desinteressierte Partei in der Frage ungekommener Juden zu sein, ist 
nicht befriedigend zu untermauern. Zweifellos sind viele Juden 
wahrend des Krieges gestorben, und dieser Teil des Yad-Vashem- 
Archivs enthalt mit Sicherheit authentische Unterlagen. Wir haben 
aber auch damit zu rechnen, daB bei einer Vielzahl von Unterlagen es 
unmoglich ist, zwischen Juden, die tatsachlich im Krieg verstorben 
sind, und denen zu unterscheiden, mit denen die Unterzeichner der 
„AussagenJ^ormulare" lediglich die Verbindung verloren haben. Die 
Angaben sind vornehmlich dann bedeutungslos, wenn es sich um 
einen „Freund" handelt, der eine solche Erklarung abgegeben hat. 
Ich habe den Kontakt mit einer beachtlichen Anzahl ehemaliger 
Freunde und Bekannter verloren, aber ich nehme an, daB fast alle 
noch am Leben sind. Genau genommen zeigt die Tatsache, daB 
Zeugenaussagen iiber „Freunde" in der Zusammenstellung von Yad 
Vashem verwendet worden sind, daB diese Kartei groBenteils wertlos 
sein durfte. Solche „ Freunde" haben nicht mehr Grund, ihre 
vermiBten Bekannten fur tot zu erklaren als ich. 1 

Ich habe keine Ahnung, was unter „Zeugen" zu verstehen ist, die 
solche Bestatigungsformulare unterschrieben haben, und wer das 
gepruft hat. Nicht von der Hand zu weisen durfte sein, daB einige 
Unterzeichner solcher Erklarungen vermiBte Freunde und 
Verwandte aus diesen oder jenen Grunden kurzerhand erfunden 
haben, ja, es sogar nicht einmal ausgeschlossen ist, daB es einige der 
Unterzeichner nie gegeben hat. Denn alles das ist in der 
Nachkriegszeit wiederholt geschehen. 

Warum auch Deutsche an die Vernichtungen glauben? Nun, 
eigenstandige Deutsche betrachten diese Behauptungen als Mythos, 
als ein politisches Zweckdogma der Siegermachte. Doch andere 
haben die Meinung der Meinungsmacher ubernommen, ohne sich mit 
den Einzelheiten je auseinandergesetzt zu haben. Politiker, 
Journalisten, Professoren, dazu die „Sachverstandigen des Instituts 
fur Zeitgeschichte", die Richter nicht zu vergessen, — sie alle gelten 
ihnen als Autoritaten, als Sachkenner, deren Meinung es blindlings 
zu ubernehmen gilt. Hierbei scheint es diesen Menschen gar nicht in 
den Sinn zu kommen, nach Opportunitatsgrunden dieser Meinungs- 
macher zu fragen oder sich gar dariiber zu informieren, ob diese 
Herren tatsachlich mehr als Standardinformationen zur Verfugung 
hatten und sachkritisch und unvoreingenommen Detailun- 
tersuchungen vorgenommen haben oder nicht. GewiB gibt es auch 
jene, die wahrend des Krieges erlebt hatten, wie Juden abtrans- 
portiert wurden und die sie nach dem Krieg nicht wieder gesehen 
haben. Dies mag sie in der Uberzeugung bestarkt haben, den 
Vernichtungsbehauptungen zu glauben, d. h. veranlaBt haben, 
SchluBfolgerungen zu ziehen, die sie anhand solcher Indizien bei 
keinem anderen Sachverhalt je gezogen hatten. Dann sind naturlich 
jene sich Informierenden zu nennen, die viel nachzulesen, 
nachzuprufen gewohnt sind, den Vernichtungsschwindel in diesem 
und jenem Buch mit diesen und jenen Behauptungen, Erganzungen, 
Dokumenten, Fotos usw. usw. bestatigt finden, und dennoch nicht 
merken, daB vieles, was in Leinen eingebundenen Buchern, ja sogar 
in amtlichen Dokumentenbanden gedruckt verzeichnet ist, durchaus 
nicht zu stimmen braucht. Und es ist in der Tat ein Faktum, daB die 
zahlreichen Schopfer und Interessenten der Vernichtungslegende 



303 




If 



Abb. 26 Angebliches Krematorium in Auschwitz 



304 



fantasiereich und mit Bedacht unter Ausnutzung amtlicher Einfliisse 
und weit gefacherter Presseunterstiitzung eine Vielzahl 
variationsreicher Geschichten in den Status von „Dokumenten" 
umgemiinzt haben, so daB der normale Studierende sich in diesem 
Sumpf von Verunglimpfungen nicht mehr zurechtfindet und der 
Einfachheit halber dann das glaubt, was man ihm vorsetzt. Der 
Stempel „ Document" des Internationalen ( — „alliierten"!) Mili- 
tartribunals in Nurnberg geniigte, — und schon war eine amtlich oder 
nicht-amtlich zugeschobene Unterlage zum Dokument geworden. 
Und bei der dialektisch bezogenen kommunistischen 

Geschichtsschreibung vollzieht sich das am laufenden Band, — und 
der Normalburger halt das einfach nicht fur moglich. Doch der 
Historiker weiB es, daB es so ist, daB die Propaganda seit Jahrzehnten 
bereits so arbeitet! 

Die diesbezugliche Beurteilung der westdeutschen 

Bundesregierung, die mit Personalbesetzung, zweckdienlichen 
Gesetzen, Schulrichtlinien, parteilichen Publikationen und Forde- 
rung entsprechender Institute, endlosen und einseitigen „Kriegs- 
verbrecher"-Prozessen usw. usw. alles tut, um diese politische 
Zweckliige aufrechtzuerhalten, muB in den Vorwurf ausmunden, 
daB hier keineswegs ahnungsloses MiBverstehen oder Unkenntnis 
vorliegt. Als Schopfung der westlichen Siegermachte hat dieses 
nachkriegs-deutsche politische Establishment zwangslaufig ein 
Interesse an der Sprachregelung (also auch an den Liigen) der Sieger, 
und verhalt sich entsprechend. Das ist alles ganz einfach, und diese 
Situation wird durch die Karriere eines Mannes besonders 
einleuchtend illustriert, oder auch zweier Manner : Willi Brandt, alias 
Herbert Ernst Karl Frahm und Herbert Wehner, die schon vor dem 
Krieg, aber auch wahrend des Weltkrieges auf Seiten der Gegner 
Deutschlands ihre politische Heimat demonstriert hatten. 

Der Marxist Brandt hatte Deutschland nach Hitlers Machtuber- 
nahme heimlich verlassen und erwarb die norwegische Staatsbiirger- 
schaft, um 1940 dann nach Schweden auszuweichen und im 
dortigen Pressewesen zusammengebraute Propagandageschichten 
weiterzureichen, die schlieBlich auch mit Schauergeschichten iiber 
Millionen von Gaskammer-Toten den Weg nach New York und 
dort in die „New York Times" fanden. 2 Brandt avancierte 
schlieBlich zum westdeutschen Bundeskanzler und erhielt 1971 fur 
seine Verzichts- und Ostpolitik den Friedensnobelpreis. Seine 
Karriere war nur moglich in einem Land, in dem Verrat zu einem 
normalen Vorgang des politischen Lebens geworden ist. Und so ist es 
nicht uberraschend, daB die Bonner Regierung sich hinter den 
Schwindel stellt. 

Ein weiterer Einwand gegen die in diesem Buch vorgebrachten 
Erkenntnisse ist die Behauptung, daB niemand wagen wiirde, eine so 
gigantische Mar wie die 6-Millionen-Legende zu erfinden, da 
niemand die dazugehorige Fantasie und auch Verantwortungs- 
losigkeit besitze, schlieBlich die Risiken viel zu groB waren. Allein 
das Vorhandensein der Legende wird als Beweis fur die Wahrheit 
zumindest seines wesentlichen Inhalts feilgeboten. So konnen wir 
diese Behauptung als das ontologische Argument der Schwindler 
einstufen. Diese Einschatzung hat sicherlich zu einem beachtlichen 
MaBe zur weiten Verbreitung der Legende beigetragen. Nun, die 
Menschen nehmen nun einmal an, daB niemand so unverfroren sein 



305 



konnte, derartige Liigen zu erfinden. Doch geschichtliche Beispiele 
belegen das Gegenteil. Gerade auf diesem Prinzip fuBte die gesamte 
Greuelpropaganda gerade in unserem 20. Jahrhundert! Mit ihm 
wurden Kriege begonnen, gefiihrt und gewonnen! 

Riickblickend erscheint es wie eine Ironie, daB Adolf Hitler die 
psychologische Wirkung der „faustdicken Liige" in seinem Buch 
„Mein Kampf vorausgesagt hatte. Ironie ist es auch, daB die meisten 
sinnverwirrend erfundenen Darstellungen von Vernichtungen in der 
jiidischen Talmud-Literatur zu lesen sind, und zwar im Zusammen- 
hang mit den beiden letzten der drei groBen jiidischen Aufstande 
gegen Rom, dem Diaspora-Aufstand 115 — 117 n. d. Zeitenwende 
und dem Palastina-Aufstand 131 — 135 n. d. Zw. In dieser 
Talmud-Literatur finden sich tatsachlich die einzigen „historischen 
Beweise" fur wer weiB wie viel Massaker an Juden in der alten 
Geschichte, wobei die Arten an Grausamkeiten und die GroBenord- 
nungen von Zahlen keine moralischen Eingrenzungen zu kennen 
scheinen. So berichtet der Talmud, daB die Zahl der von den Romern 
beim Fall der Festung Bethar im Sommer 135 n. d. Zw. erschlagenen 
Juden 4 Milliarden — „oder, wie manche sagen 40 Millionen" — 
betragen habe, wahrend der Midrasch Rabbah von 800 Millionen zu 
Tode gemarterter Juden spricht. Um uns zu vergewissern, daB diese 
Zahlen ernst gemeint sind, werden auch die erhartenden Begleitum- 
stande angegeben. Das Blut der erschlagenen Juden reichte bis an die 
Nustern der romischen Pferde und ergoB sich dann wie eine 
Flutwelle eine Meile oder auch vier weiter in das Meer und 
schwemmte riesige Felsstucke mit sich fort; es farbte das Meer bis zu 
vier Meilen weit rot. 

Der Talmud-Literatur zufolge wurden die jiidischen Schulkinder 
von den Romern naturlich nicht geschont; so sollen die Romer jedes 
einzelne in eine Schriftrolle gewickelt und sodann alle gemeinsam 
verbrannt haben. Die Zahl dieser Schulkinder wird mit mindestens 
150.000, an anderer Stelle mit 64 Millionen angegeben. Offensicht- 
lich konnten sich die Romer von einst mit den Deutschen des 20. 
Jahrhunderts messen, denn die Romer von einst hatten sich zwar 
nicht „Knochenasche", „Kunstdunger" und „Seife" als Verwen- 
dungszweck fur jiidische Leichen ausgedacht, sondern verwendeten 
jene dazu, Hadrians Weinberge einzuzaunen, deren Flache 18 
Quadratmeilen (rd. 26,5 — 28,9qkm) groB gewesen sein sollen, 
wohingegen das aus der Flutwelle geschopfte Judenblut sieben Jahre 
lang als Diinger fur romische Weingarten ausgereicht haben soil. 6 

Die Talmud-Schriften waren nicht zur allgemeinen Verbreitung 
gedacht, und darum konnten sich ihre Verfasser mehr Freiheit 
erlauben als die Urheber des 6-Millionen-Schwindels. Letztere 
muBten lediglich den Grad der Leichtglaubigkeit eines 
moglicherweise skeptischen Publikums richtig einzuschatzen wissen. 
Doch erscheint der Geist der Talmud-Schriften, wie die angefuhrten 
Beispiele zeigen, geradezu schlagend ahnlich dem Geist, der den 
Schwindel unseres Jahrhunderts erdachte. So mag es in diesem 
Zusammenhang nicht als Anomalie erscheinen, wenn ein Talmud- 
Gelehrter wie Rabbi Weissmandel eine moglicherweise bezeichnende 
Rolle in diesem Betrug spielt. Auch mag Rabbi Wise, der einen guten 
Teil der antiken und mittelalterlichen jiidischen Literatur iibersetzt 
hat und auch ein jiidisches Seminar begriindet hat, einen Anspruch 
darauf haben, ein Talmud-Gelehrter zu sein. Man konnte 



306 



argwohnen, daB gerade solche Gelehrte unter Umstanden genau der 
rechte Typ jener gewesen sein konnten, den Schwindel in die Welt zu 
setzen. 

Ein noch verbleibender Einwand konnte darauf abzielen, einen 
Techniker wie mich nicht fiir kompetent zu erachten, dieses 
vorliegende Thema sachgerecht zu erschlieBen. Doch ist es kein 
Einzelfall fiir Forscher, Beitrage in Bereichen zu liefern, die ihren 
Spezialgebieten anscheinend fernliegen. Mein Engagement ergab 
sich daraus, daB bislang kein Historiker mit einer kritischen Studie 
dieser Problematik hervorgetreten ist oder solches Beweismaterial 
vorgelegt hat, das die VernichtungsmaBnahmen bestatigt hatte. 
Reitlinger kommt einer solchen Arbeit noch am nachsten. Er ist 
zumindest gewillt, ausdriicklich einige der Anomalien festzuhalten, 
die sich bei der Darstellung der „Massenvernichtungen" zeigen. 
Doch beachtlich : Reitlinger ist kein Historiker, sondern Kunstmaler 
und Kunstsammler. Er hat mehrere Biicher geschrieben, von denen 
das bedeutendste die dreibandige Arbeit iiber die Geschichte des 
Kunsthandels ist — „The Economy of Taste" (,Die Okonomie des 
Geschmacks"). Nach Reitlinger ist Hilberg ein winziger Zug einer 
kritischen Einstellung gelungen. Hilberg ist zwar Professor fiir 
politische Wissenschaften an der Universitat von Vermont/USA, 
doch hat er seinen Doktor in offentlichem Recht und Verwaltung 
gemacht. 

Die Biicher Reitlingers und Hilbergs geben, wenn auch in einem 
sehr unzulanglichen, so doch immerhin spiirbaren MaBe zu 
erkennen, daB sich die Autoren bemiiht haben, den Skeptiker zu 
iiberzeugen. Die anderen Vernichtungsmythologen hingegen gaben 
sich nicht die geringste Miihe, zu beweisen, daB die Ausrottungen 
wirklich geschehen sind. Sie gehen davon aus, daB alle wissen, daB es 
geschehen sei. Das trifft fiir die drei iibrigen fuhrenden Vernichtungs- 
mythologen zu — Nora Levin, Leo Poliakov und Lucy S. 
Dawidowicz. Frau Levin war Forschungsbibliothekarin, als sie ihr 
Buch schrieb, und lehrt jetzt Geschichte am Gratz-College, einer 
kleinen Judenschule in Philadelphia. Poliakov ist Forschungsleiter 
im „ Centre Mondial de Documentation juive contemporaine" 
(Weltzentrum fiir zeitgenossische jiidische Dokumentation) in Paris 
und dementsprechend — Propagandist. Frau Dawidowicz ist die 
einzige professionelle Historikerin in der Gruppe und hat den Leah- 
Lewis-Lehrstuhl fiir Massenvernichtungsstudien an der Yeshiva 
Universitat in New York inne. Alle 5 der fuhrenden Vernichtungs- 
mythologen sind Juden. 

Zwar stellen sich andere professionelle Historiker in gewisser 
Weise hinter die Luge, doch das AusmaB, in dem man gegenteilige 
Andeutungen in ihren Biichern oder Artikeln findet, ist betrachtlich. 
Kein professioneller Historiker hat bisher ein Buch veroffentlicht, 
worin er entweder fiir oder gegen die AusrottungsmaBnahmen 
umfassend argumentiert und die dazugehorigen Beweise geliefert 
hat. Die Beweggriinde sind offenkundig. Kein Historiker hat die 
Neigung verspiirt, seinen Ruf durch Schreiben eines wissenschaftlich 
fundiert scheinenden Werkes zu schadigen, das die Vernichtungs- 
behauptungen mit feierlichen Hinweisen auf Dokumente und 
Zeugenaussagen stiitzt, die ihrerseits durch illegale Prozesse und 
unkorrekte ProzeBfuhrungsmethoden prasentiert wurden. 

Andererseits hat im akademischen Bereich der Druck des geistigen 



307 



Konformismus (gelinde ausgedriickt) die Historiker offensichtlich 
ins Schweigen gebracht. Somit diirfte das Vorlegen einer solchen 
Arbeit durch einen Techniker geboten erscheinen. 

Wir haben uns hier bemiiht, nur einen Propaganda-Mythos zu 
analysieren, keineswegs jedoch den Gesamtbereich der Kriegs- 
forschung zu erfassen. Um den Zweiten Weltkrieg haben sich sehr 
viel mehr Legendenbildungen gerankt. Und zahlreiche revisionis- 
tische Historiker haben sich bereits dieser Themen angenommen. So 
ist der Mythos von Deutschlands Alleinschuld am Ausbruch des 
Zweiten Weltkrieges im Jahre 1939 von dem amerikanischen 
Historiker David L. Hoggan zerstort worden, — mit seinem nur in 
deutscher Sprache erschienenen Buch „Der Erzwungene Krieg". 
A. J. P. Taylors „Ursprunge des Zweiten Weltkrieges" ist nicht so 
ausfuhrlich, doch erreichte es eine sehr viel groBere Verbreitung. 
Taylors Ruf als Feind der Deutschen machte sein Buch zu einer 
beachtlichen Bereicherung der revisionistischen Literatur. 

Der Mythos von der auBergewohnlichen Brutalitat und Abartigkeit 
der Nationalsozialisten im Vergleich zu den Brutalitaten der 
westlichen Demokratien — ganz zu schweigen vom Bolschewismus! 
— ist durch eine Reihe von Buchern zerfetzt worden, unter denen das 
beste „Der Barbarei entgegen" von F. J. P. Veale ist (englische 
Ausgabe : „ Crimes discreetly veiled"). Andere beachtenswerte 
Bucher sind „Bedingungsloser HaB" von Russell Grenfell, „Amerikas 
zweiter Kreuzzug" von William H. Chamberlin und Freda Utleys 
„Kostspielige Rache". Diese Verfasser ubergehen jedoch eines der 
groBten Verbrechen der westlichen Demokratien, — die zwangsweise 
Auslieferung von Russen, Ukrainern, Kosaken und sonstigen 
Osteuropaern an die UdSSR nach Kriegsende (, Operation 
Keelhaul"). Das meiste, was wir iiber diesen schandlichen Vorgang 
wissen, verdanken wir Julius Epstein, einem Juden, der Deutschland 
in den dreiBiger Jahren aus den bekannten Griinden verlassen hatte, 
aber seine Kreuzziige fur die Wahrheit im Kriege mit seinen 
Untersuchungen der Massaker im Wald von Katyn begann und mit 
der Erforschung der „ Operation Keelhaul" fortsetzte. Solschenizyn 
hat spater in seinem „Archipel Gulag" diese Auslieferungs- 
maBnahmen vom russischen Standpunkt aus erganzt und damit 
Epsteins Arbeit entsprechend gewiirdigt. Nicholas Bethells „Das 
letzte Geheimnis" untersucht den politischen Hintergrund dieser 
Zwangsauslieferung. 

Leser, die an einer tiefer schurfenden Erorterung der revisionis- 
tischen Literatur interessiert sind, seien auf den Gedenkband „ Harry 
Elmer Barnes", herausgegeben von Arthur Goddard verwiesen, 
sowie auf die Broschure von Barnes „ Taylor und die deutsche 
Kriegsschuld". 

Keine der oben angefuhrten Veroffentlichungen befaBt sich mit 
dem Gaskammer-Mythos oder gar ernstlich mit all dem, was in den 
deutschen Konzentrationslagern vorgekommen sein soil. Der Grund 
ist offensichtlich darin zu suchen, daB authentische Unterlagen der 
Forschung nach wie vor vorenthalten sind, hingegen aber eine Flut 
von gefalschten — aber als echt deklarierten — Unterlagen vorgelegt 
wird, so daB Historiker ihr Leben lang damit zu tun hatten, Liigen 
und Falschungen zu widerlegen, wo sie es doch in Wirklichkeit als 
ihre Aufgabe ansehen, — Geschichte zu schreiben. Zur Zeit kann 
man nicht davon ausgehen, — und zwar vollig unabhangig vom 



308 



kommunistischen Machtbereich, der nur der kommunistischen 
Sache dienliches Material herausgibt — , daB die westlichen 
Siegernationen gewillt sind, die Voraussetzungen fur eine un- 
voreingenommene historische Forschung in diesen Sachbereichen 
durch Freigabe der von ihnen erbeuteten Dokumente zu schaffen. 

Die „Berechtigung", die die Zionisten unverandert auBern, die 
Araber aus Palastina vertrieben zu haben und Unterstiitzung aus der 
Welt — insbesondere der Bundesrepublik Deutschland! — zu fordern, 
geht immer wieder auf die 6-Millionen-Thematik zuriick. Wenn es 
auch abwegig erscheint, die Araber hierfur „buBen" zu lassen, indem 
man sie aus ihrer Heimat vertrieb, so erfullt diese Legende doch nach 
wie vor ihren Zweck in der hierdurch gleichzurichtenden 
us-amerikanischen AuBenpolitik mit ihrem weltweiten EinfluB, — 
bis bin auch auf den bewaffneten Schutz des inzwischen Israelischen 
Besitzstandes. Als im November 1975 eine iiberwaltigende Mehrheit 
in der Vollversammlung der Vereinten Nationen (UNO) sich fiir eine 
Resolution entschied, in der der Zionismus als Ausdrucksform des 
Rassismus verurteilt wurde, verfiel der ansonsten besonnene 
Vertreter der Vereinigten Staaten — Daniel Patrick Moynihan — in 
ein iiberraschend hysterisches Geschwatz iiber die 6 Millionen. 

Doch solcherart AuBerungen waren — wenn sie auch de- 
monstrieren, wie tief diese Legende bereits im BewuBtsein der 
politischen Fuhrungskrafte auch der westlichen Welt inzwischen 
verankert ist — noch nicht so gravierend. Viel tragischer ist, daB diese 
Legende langst Grundlage internationaler Vertrage ist, und zwar 
gleichermaBen wie die dogmatisierte Kriegsschuld Deutschlands 
sowohl den Ersten wie den Zweiten Weltkrieg betreffend. Der 
Luxemburger Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland 
und Israel vom Jahre 1952 ist hierfur nur ein Beispiel. Er beginnt mit 
den Worten : 6 

„Da unsagbar verbrecherische Taten gegen das judische Volk wahrend des 
Nationalsozialistischen Terrorregimes begangen worden sind und da durch 
eine Erklarung des Bundestages vom 27. September 1951 die Regierung der 
Bundesrepublik Deutschland ihre Entschlossenheit bekanntgegeben hat, in 
den Grenzen ihrer Leistungsfahigkeit den durch die Taten verursachten 
materiellen Schaden gutzumachen ..." 

Dieses Abkommen vom 10.9.1952 war zwar als einmalige 
Zahlungsverpflichtung von 3 Milliarden DM an Israel im Zeitraum 
von 12 Jahren gedacht, doch offnete es Tur und Tor fiir unentwegt 
fortdauernde Zahlungen „aus moralischen Verpflichtungen" sowohl 
an Israel als auch an nahezu samtliche Kriegsgegner-Staaten. Wobei 
zusatzliche Zahlungen aus anderen Kanalen, die auf Grund des 
Bundesentschadigungsgesetzes, des Bundesruckerstattungsgesetzes 
(hier geniigte die Glaubwurdigkeit, nicht etwa Beweisfuhrung fiir 
erlittene Schaden), Steuerprivilegien, schlieBlich Entwicklungs- 
hilfefonds, zahlreicher Sonderabkommen und „Geheimvertrage" 
freigesetzt wurden, zu nennen waren. 

Mag eine kunftige Geschichtsforschung einmal die wirklichen 
Zahlen dieser Leistungen ermitteln, — beachtlich fiir uns ist, daB alle 
derartigen Zahlungen auf moralischen Anspriichen basieren, die 
kraft Anerkennung dieser Ansp ruche „in geltendes Volkerrecht" 
umfunktioniert wurden und somit als sog. „normative Kraft des 



309 



Faktischen" fur die Zukunft weiterwirken, — ohne daB sich jemand 
bemiiBigt fiihlt, die ihnen zugrunde liegenden historischen Vorgange 
sachlich, vorurteilslos, wissenschaftlich korrekt zu untersuchen. 
Tate man dies, so erwiese sich die Begrundung der Wieder- 
gutmachungszahlungen und auch vieler anderer Nachkriegsrege- 
lungen als ungiiltig. 



310 



Anhang A 

„Der Gerstein Bericht" 

Vorbemerkungen des Ubersetzers : Der wahrheitsgemaBe 
Ursprung des „Gerstein-Berichtes" ist ebenso wie der mysteriose 
Tod Gersteins in franzosischer Haft unmittelbar nach Kriegsende bis 
zum heutigen Tage ein ungelostes Ratsel geblieben. Nach Paul 
Rassinier gibt es zwei unterschiedliche franzosische Fassungen, 
einmal die von Leon Poliakov in seinem „Brevier des Hasses" 1951 
wiedergegebene und zum andern die zumindest mit Liicken 
behaftete, vom gleichen Poliakov im Jerusalemer Eichmann-ProzeB 
vorgelegte. AuBerdem schlieBlich legt A. R. Butz einen hier 
wiedergegebenen englischen Text vor, der vom Ubersetzerstab des 
Niirnberger IMT gefertigt, sehr viel ausfuhrlicher ist. Aus diesen 
Griinden folgt hier eine neue Ubersetzung des englischen Textes. Die 
— zum Teil nur unter Schwierigkeiten greifbaren — deutschen 
Fassungen des „Gerstein-Berichtes" sind luckenhaft, tendenzios 
sowieso, um nicht zu sagen, „bearbeitet". Daher schien es geboten, 
die vom Verfasser verwendete englische Fassung original zu 
ubernehmen. Was mit welcher Vorlage ubereinstimmt oder 
uberhaupt inhaltlich tatsachengerechte Details enthalten konnte, 
wird solange nicht zu ergriinden sein, wie man nicht weiB, unter 
welchen Voraussetzungen dieser Bericht uberhaupt entstanden ist. 
Nachdem, was man iiber die Zustande wahrend des IMT in alliierten 
Haftanstalten gegeniiber wehrlosen deutschen Gefangenen erfuhr, 
waren die dort tatig gewesenen „reeducational subjects" alles andere 
als professionelle Ubersetzer. Die hier vorliegende englische Version 
zeigt unverkennbar, daB der ursprungliche Ubersetzer noch nicht 
einmal das Englische als Muttersprache beherrschte. 

Der Hauptteil des Berichtes ist das Dokument, das mit der 
Maschine in franzosisch geschrieben war und dessen englische 
Ubersetzung, gefertigt vom Niirnberger Ubersetzerstab, im 
folgenden wiedergegeben ist (auBer einigen geringfugigen 
Korrekturen) : 

Bergassessor Diplomingenieur 

Kurt Gerstein Rottweil, 26. April 1945 

Personliche Angaben : Gerstein, Kurt, Bergassessor, aus dem Staatsdienst als 
ein Anti-Nazi 1936 entlassen; Diplomingenieur. Geboren am 11. August 1905 in 
Munster, Westfalen. Teilhaber der Fabrik De Limon, Fluhme & Co., 
Automatische Schmierung von Lokomotiven, Bremsen von Westinghouse, 
Knorr, usw. Dusseldorf, Industriestr. 1 — 17. 

Vater : Ludwig Gerstein, Landgerichtsprasident i. R. in Hagen, Westfalen, 

Mutter : Clara Gerstein, geb. Schmemann, gest. 1931. 

Verheiratet seit 2. Mai 1937 mit Elfriede, geb. Bensch aus Tubingen, 



311 



GartenstraBe 24, 3 Kinder : Arnulf, 5 Jahre; Adelheid 3!/2 Jahre; Olaf, 2 Jahre. 
Lebenslauf : 1905 bis 1911 in Munster, 1911 bis 1919 in Saarbrucken, 1919 bis 
1921 Halberstadt, 1921 bis Neuruppin bei Berlin, 1925 Abitur am Gymnasium 
— Studium 1925 bis 1931 in Marburg an der Lahn, Aachen, Berlin- 
Charlottenburg an Universitaten und Technischen Hochschulen. 1931 
Ingenieursexamen bestanden. Seit 1925 aktives Mitglied der protestantischen 
Jugendorganisation des Vereins christlicher Junger Manner, und vor allem der 
Hoheren Christlichen Jugend, genannt „Bibelkreis". Politische Karriere : 
Anhanger von Stresemann und Bruning, fur beide aktiv tatig; seit Juni 1933 von 
der Gestapo verfolgt wegen christlicher Aktivitat gegen den NS-Staat. 2. Mai 
1933 Eintritt in die NSDAP : 2. Oktober 1936 AusschluB aus der NSDAP wegen 
Aktivitat gegen Partei und Staat. 30. Januar 1935 offentlicher Protest im 
Theater der Stadt Hagen in Westfalen gegen das antichristliche Schauspiel 
„Wittekind". Geschlagen von den Nazis und verletzt. 27. November 1935 
Bergassessor-Examen. Dann Staatsbeamter in Saarbrucken. Am 27. September 
1936 von der Gestapo verhaftet wegen ..Aktivitat gegen den Staat", weil ich 
8.500 Anti-NS-Flugblatter an hone Staatsbeamte verschickt hatte. Im 
Gefangnis bis Ende Oktober 1936, freigelassen und aus dem Beamtendienst 
entlassen. Von Dezember 1936 bis zum Beginn des Krieges medizinisches 
Studium am Institut der protestantischen medizinischen Mission in den Tropen 
in Tubingen. Ein Drittel — ungefahr — meines Einkommens, das heiBt ein Drittel 
von 18.000 Reichsmark im Jahr, spendete ich seit 1931 fur meine idealistischen 
religiosen Ziele. Auf eigene Kosten lieB ich 230.000 religiose Anti-NS-Schriften 
drucken und versenden. 

14.7. bis 28.8.1938 zweite Verhaftung im KZ Welzheim; nachdem ich von 
Massenmorden an Idioten und Geisteskranken in Grafeneck, Hadamar usw. 
gehort hatte, schockiert und tief verletzt war, da ich einen solchen Fall in meiner 
Familie hatte, hatte ich nur den einen Wunsch, diesen ganzen Apparat zu sehen, 
Einblick zu gewinnen und das dann in die ganze Welt hinauszuschreien! Mit 
Hilfe zweier Referenzen, geschrieben von zwei Gestapo-Beamten, die meinen 
Fall behandelt hatten, war es nicht schwer fur mich, in die Waffen-SS 
einzutreten. 10. Marz bis 2. Juni 1941 militarische Grundausbildung in 
Hamburg-Langenhorn, Arnheim und Oranienburg, zusammen mit 40 Arzten. 
Wegen meines Doppelstudiums — Technik und Medizin — erhielt ich den Befehl, 
mich in der medizinisch-technischen Abteilung des SS-Fuhrungshauptamtes zu 
melden — medizinische Abteilung der Waffen-SS — Amtsgruppe D, Hygiene- 
Abteilung. In dieser Abteilung wahlte ich mir die Aufgabe, sofort 
Desinfektionsapparate und Filteranlagen fur Trinkwasser fur die Truppen, die 
Gefangenenlager und die Konzentrationslager zu konstruieren. Meine genaue 
Kenntnis der Industrie brachte mir einen schnellen Erfolg, wo meine Vorganger 
versagt hatten. So wurde es moglich, die Zahl der Todesfalle unter Gefangenen 
(Haftlingen) erheblich zu senken. Auf Grund meiner Erfolge wurde ich bald 
zum Leutnant (Untersturmfuhrer) befordert. Im Dezember 1941 erhielt das 
Gericht, das meinen AusschluB aus der NSDAP verfiigt hatte, Kenntnis von 
meinem Eintritt in die Waffen-SS. Erhebliche Anstrengungen wurden 
unternommen, urn mich aus meiner Stellung zu entfernen und mich zu 
verfolgen. Aber wegen meiner Erfolge wurde ich als aufrecht und unersetzlich 
erklart. Im Januar 1942 wurde ich zum Leiter der technischen Desin- 
fektionsabteilung befordert, der auch die Abteilung fur starke Giftgase zum 
Desinfizieren unterstand. Am 8. Juni 1942 kam SS-Sturmbannfuhrer Gunther 
vom Reichssicherheitshauptamt in mein Buro. Er war in Zivil und ich kannte ihn 
nicht. Er befahl mir, 100kg Blausaure zu besorgen und ihn zu einem Ort zu 
begleiten, den nur der Fahrer des LKWs kannte. Wir fuhren zur Pottasche- 
Fabrik in der Nahe von Colling (Prag). Als der LKW vollgeladen war, fuhren wir 



312 



nach Lublin (Polen). Wir hatten Professor Pfannenstiel, ordentlicher Professor 
fur Hygiene an der Universitat Marburg/Lahn mitgenommen, (zu Pfannenstiel 
siehe Anm. am SchluB dieses Berichts). In Lublin wurden wir von 
SS-Gruppenfuhrer Globocnik empfangen. Er sagte uns : dieses ist eine der 
geheimsten Angelegenheiten, die es gibt, sogar die allergeheimste. Wer dariiber 
spricht, wird sofort erschossen. Gestern sind zwei Schwatzer gestorben. Dann 
erklarte er uns : zur Zeit — 17. August 1942 — gibt es drei Einrichtungen. 

1 . Belczek (an der Strecke Lublin-Lemberg) in dem Abschnitt der russischen 
Demarkationslinie. Maximal 15.000 Personen pro Tag. (Gesehen!) 

2. Sobibor, ich weiB nicht genau, wo das liegt. Nicht gesehen, 20.000 Personen 
pro Tag. 

3. Treblinka, 120km NNO von Warschau. 25.000 Personen pro Tag. Gesehen! 

4. Maidanek, in der Nahe von Lublin. Im Stadium des Aufbaus gesehen. 

Dann sagte Globocnik : sie werden sich mit dem Desinfizieren von gewaltigen 
Mengen an Kleidungsstucken befassen miissen, 10 oder 20 mal so viel wie das 
Ergebnis der Spinnstoffsammlung, die nur eingerichtet wurde, urn die Herkunft 
dieser judischen, polnischen, tschechischen und anderer Kleidungsstucke zu 
verheimlichen. Ihre sonstigen Aufgaben werden sein, die Methode unserer 
Gaskammern zu andern (die gegenwartig mit den Auspuffgasen eines alten 
Dieselmotors arbeiten), wozu giftigeres Material verwendet wird, das schneller 
wirkt, Blausaure. Aber der Fuhrer und Himmler, die am 15. August hier waren — 
vorgestern — haben angeordnet, daB ich alle, die die Installationen besichtigen, 
personlich begleiten soil. Dann fragte Prof. Pfannenstiel : „Was sagt denn der 
Fuhrer?" Darauf entgegnete Globocnik, jetzt Chef der Polizei und SS an der 
Adriakiiste bei Triest : „Schneller, schneller, fuhren Sie das ganze Programm 
durch!" hat er gesagt. Und dann sagte Dr. Herbert Lindner, Ministerialdirektor 
im Innenministerium : „Aber ware es denn nicht besser, die Leichen zu 
verbrennen anstatt sie zu begraben? Eine kommende Generation konnte uber 
diese Dinge anders denken!" Und darauf antwortete Globocnik : „Aber meine 
Herren, wenn nach uns jemals eine solche feige und verkommene Generation 
aufwachst, die unsere so gute und notwendige Arbeit nicht begreift, dann, 
meine Herren, ist der ganze Nationalsozialismus vergebens gewesen. Im 
Gegenteil, bronzene Tafeln sollten vergraben werden, mit der Inschrift, daB wir 
es gewesen sind, die den Mut hatten, diese gigantische Aufgabe zu erfullen." Und 
Hitler sagte : „Ja, mein guter Globocnik, das ist ein Wort, das ist auch meine 
Meinung." 

Am folgenden Tag fuhren wir nach Belczek. Eine kleine Sonder-Bahnstation 
mit zwei Bahnsteigen lehnt sich an einen Hugel aus gelbem Sand, unmittelbar im 
Norden der StraBe und Eisenbahnstrecke Lublin-Lemberg. Im Siiden in der 
Nahe der StraBe einige Dienstgebaude mit einer Ortsbezeichnung : „Belczek, 
Dienstzentrale der Waffen-SS." Globocnik machte mich mit SS-Hauptsturm- 
fiihrer Obermeyer aus Pirmasens bekannt, der mir die Anlagen mit groBer 
Zuruckhaltung zeigte. An dem Tage waren keine Toten zu sehen, aber der 
Geruch in der ganzen Gegend, sogar von der groBen StraBe aus, war 
pestilenzartig. Neben dem kleinen Bahnhof war eine groBe Baracke, 
gekennzeichnet „Kleiderkammer" und eine Tur mit dem Schild „Wertgegen- 
stande". Der nachste Raum hatte hundert „Friseur"-Stiihle. Dann kam ein 
Gang, 150m lang, nach oben often und Stacheldraht an beiden Seiten. Da war 
ein Wegweiser : „zum Bad und zu den Inhalierraumen". Vor uns sahen wir ein 
Gebaude wie ein Badehaus mit Betonblumenkasten rechts und links mit 
Geranien oder anderen Blumen. Dann ging es eine kleine Treppe hinauf, die zu 
drei garagenahnlichen Raumen auf jeder Seite fuhrte, 4x5 Meter groB und 1,90m 
hoch. Im Hintergrund unsichtbare Holzturen. Auf dem Dach ein Davidstern 



313 



aus Kupfer. Uber dem Eingang zu dem Gebaude die Inschrift : „Heckenholt- 
Stiftung". Das war alles, was ich an jenem Nachmittag gesehen habe. 

Am nachsten Morgen, wenige Minuten nach 7 Uhr wurde ich unterrichtet : In 
10 Minuten kommt der erste Zug. Statt dessen kam wenige Minuten darauf der 
erste Zug aus Lemberg, 45 Waggons mit 6.700 Personen. 1.450 davon waren 
schon bei der Ankunft tot. Hinter der kleinen — mit Stacheldraht versperrten — 
Offnung Kinder, gelb aussehend, halb zu Tode verangstigt, Frauen, Manner. Der 
Zug rollt ein und halt : 200 Ukrainer, gezwungen, diese Arbeit zu tun, offnen die 
Turen und treiben all die Leute mit Lederpeitschen aus den Abteilen. Dann 
werden durch einen riesigen Lautsprecher Anweisungen gegeben : sich vollig 
entkleiden, auch falsche Zahne und Brillen abgeben, — manches davon in den 
Baracken, anderes im Freien, die Schuhe mit einem kleinen Stuck Bindfaden 
zusammenbinden, der von einem vierjahrigen judischen Jungen verteilt wird, 
und dann alle Wertsachen und Geld an dem mit „Wertsachen" 
gekennzeichneten Fenster abgeben ohne Schuldschein, ohne Empfangs 
Bestatigung. Dann gehen die Frauen und Madchen zum Friseur, der ihnen mit 
zwei Schnitten die Haare abtrennt, wonach diese in groBen Kartoffelsacken 
verschwanden, „um fur spezielle U-Boot-Ausrustungen, Abtretmatten usw. 
verwendet zu werden", wie der SS-Unterscharfuhrer vom Dienst mir sagte. Dann 
beginnt der Marsch : Rechts und links Stacheldraht, dahinter zwei Dutzend 
Ukrainer mit SchuBwaffen. Angefuhrt von einem ungewohnlich schonen 
Madchen kommen sie. Ich stehe mit Polizeihauptmann Wirth direkt vor den 
Todeskammern. Vollig nackt gehen sie vorbei, Manner, Madchen, Babies, sogar 
einbeinige Personen, alle nackt. In einer Ecke sagt ein groBer kraftiger SS-Mann 
den armen Teufeln mit starker tiefer Stimme : „Euch wird nichts geschehen. Ihr 
braucht nur tief zu atmen, das starkt die Lungen. Dieses Inhalieren ist eine 
notwendige MaBnahme gegen ansteckende Krankheiten, es ist ein sehr gutes 
Desinfektionsmittel!" Gefragt, was denn aus ihnen werden wurde, antwortete 
er : „Nun, die Manner werden selbstverstandlich arbeiten, StraBen und Hauser 
bauen. Aber die Frauen brauchen nicht. Wenn sie es wollen, konnen sie im Haus 
oder in der Kiiche helfen." — Einmal mehr ein wenig Hoffnung fur einige dieser 
armen Menschen, hinreichend, urn ohne Widerstand in die Todeskammern zu 
gehen. Die meisten von ihnen wissen ja doch alles, der Gestank hat ihnen ihr 
Schicksal klar angedeutet. Und dann steigen sie die kleine Treppe hinauf — und 
sehen die Wahrheit! 

Mutter, Kindermadchen, mit Babies an der Brust, nackt, viele Kinder jeden 
Alters, auch nackt; sie zogern, betreten aber die Gaskammern, die meisten von 
ihnen wortlos, geschoben von den anderen hinter ihnen, angetrieben von den 
Peitschen der SS-Manner. Eine etwa 40jahrige Judin mit Augen wie Fackeln, 
ruft Blut ihrer Kinder auf die Haupter ihrer Morder. Funf Hiebe mit der Peitsche 
von Polizeihauptmann Wirth selbst treiben sie in die Gaskammer. Viele von 
ihnen beten, andere fragen : „Wer wird uns das Wasser fur unseren Tod geben?" 
(judischer Ritus?) In den Kammern preBt die SS die Menschen eng zusammen. 
Hauptmann Wirth hatte befohlen : „Ganz voll machen". Nackte Manner stehen 
auf den FuBen der anderen. 7 — 800 zusammengedrangt auf 25 Quadratmetern, in 
45 Kubikmetern! Die Turen werden geschlossen. In der Zwischenzeit wartet der 
Rest des Transports, alle nackt. Jemand sagt zu mir : „Nackt im Winter! Aber sie 
konnen doch auf diese Weise sterben!" Die Antwort war : „Tja, gerade darum 
sind sie ja hier!" Und in dem Moment begriff ich, warum es „Heckenholt- 
Stiftung" hieB. Heckenholt war der Bediener des Diesel-Motors, dessen 
Auspuffgase diese armen Teufel toten sollte. SS-Unterscharfiihrer Heckenholt 
versucht, den Diesel-Motor in Gang zu bringen. Aber er lauft nicht an! 
Hauptmann Wirth kommt herbei. Es wird deutlich, daB er besorgt ist, weil ich 
Zeuge dieses Versagens bin. Ja, in der Tat, ich sehe alles und warte. Meine 



314 



Stoppuhr halt alles test, 50 Minuten — der Diesel-Motor springt nicht an. Die 
Menschen warten in ihren Gaskammern vergeblich. Man kann sie schreien 
horen. „Genau wie in einer Synagoge", sagt SS-Sturmfuhrer Professor Dr. 
Pfannenstiel, Professor fur Gesundheitswesen an der Universitat Marburg/Lahn, 
der sein Ohr dicht an die Holztur halt. Hauptmann Wirth, wutend, versetzt dem 
Ukrainer, der Heckenholt assistiert, 11 oder 12 Hiebe mit der Peitsche ins 
Gesicht. Nach 2 Stunden und 49 Minuten, abgestoppt von meiner Uhr, springt 
der Diesel an. Bis zu dem Augenblick waren die Menschen in den bereits 
gefullten Kammern am Leben, 4 mal 750 Menschen in viermal 45 Kubikmetern. 
Weitere 25 Minuten verstreichen. Viele von ihnen, das ist wahr, sind zu diesem 
Zeitpunkt tot. Man kann das durch kleine Fenster sehen, durch das die 
elektrische Lampe das Innere des Raumes fur einen Augenblick erhellt. Nach 28 
Minuten leben nur noch ein paar. Nach 32 Minuten schlieBlich sind alle tot! Von 
der anderen Seite offnen judische Arbeiter die Holzturen. Als Gegenleistung fur 
ihre schreckliche Arbeit hat man ihnen ihre Freilassung und einen kleinen 
Prozentsatz von den Wertgegenstanden und dem Geld, das man fand, 
versprochen. Wie steinerne Statuen stehen die Toten noch da, sie hatten keinen 
Platz, umzufallen oder umzubeugen. Obwohl tot, kann man sie als Familien 
immer noch erkennen, sie klammern sich einander an den Handen. Es ist 
schwierig, sie voneinander zu losen, urn den Raum fur den nachsten Schub zu 
leeren. Die Leichen werden hinausgeworfen, blau, naB vor SchweiB und Urin, an 
den Beinen Kot und Menstruationsblut. Uberall dazwischen die Leichen von 
Sauglingen und Kindern. Aber es ist keine Zeit! Zwei Dutzend Arbeiter 
beschaftigen sich damit, die Munder zu untersuchen, nachdem man die mittels 
eiserner Haken geoffnet hat : „Gold nach links, ohne Gold nach rechts!" Andere 
untersuchen den After und die Genitalien, urn nach Geld, Brillanten usw. zu 
suchen. Zahnarzte reiBen mit MeiBeln die Goldzahne, Brucken oder Kronen 
heraus. Inmitten des ganzen Hauptmann Wirth. Er ist in seinem Element. Er 
reicht mir eine groBe Buchse voller Zahne und sagt : „Schatzen Sie selbst das 
Gewicht des Goldes. Dies ist nur von gestern und vorgestern! Und sie glauben 
nicht, was wir hier jeden Tag finden! Dollars, Brillanten, Gold! Aber sehen sie 
selbst!" Dann fuhrt er mich zu einem Goldschmied, der fur all diese 
Wertgegenstande verantwortlich ist. Danach nahmen sie mich zu einem der 
Geschaftsfuhrer eines groBen Kaufhauses in Berlin (Kaufhaus des Westens, 
bekannt als Kadewe) und zu einem kleinen Mann, den sie aufforderten Geige zu 
spielen, beide Chefs des jiidischen Arbeitskommandos. „Er ist ein Hauptmann 
der K. u. K. Osterreichischen Armee, Inhaber des Eisernen Kreuzes Erster 
Klasse," erzahlte mir Hauptsturmfuhrer Obermeyer. Die Leichen wurden 
sodann in groBe Gruben geworfen, 100 x 20 x 12m, in der Nahe der 
Gaskammern gelegen. Nach einigen Tagen schwollen die Leichen an und der 
ganze Grubeninhalt hob sich urn 2 — 3 Meter wegen der in den Leichen 
entwickelten Gase. Nach weiteren Tagen gingen die Hebungen zuruck und die 
Leichen fielen zusammen. Am nachsten Tag wurden die Gruben weiter 
aufgefullt und dann mit einer 10cm Schicht Sand bedeckt. Etwas spater horte 
ich, daB sie Roste aus Eisenbahnschienen errichtet hatten und die Leichen 
darauf mit Dieselol und Benzin verbrannten, urn sie verschwinden zu lassen. In 
Belczek und Treblinka machte sich niemand die Muhe, etwas auch nur 
Annaherndes wie eine genaue Rechnung der getoteten Personen aufzustellen. 
Die von der BBC (British Broadcasting Corporation, brit. Rundfunk) 
gemeldeten Zahlen sind ungenau. In Wirklichkeit sind etwa 25.000.000 
Personen getotet worden, jedoch nicht nur Juden, sondern besonders Polen und 
Tschechen, die nach Ansicht der Nazis von schlechter Rasse sind. Die meisten 
starben unbekannt. Kommissionen von sogenannten Arzten, in Wirklichkeit 
nichts anderes als junge SS-Manner in weiBen Manteln, fuhren in Limousinen 



315 



durch die Stadte und Dorfer von Polen und der Tschechoslowakei, urn die alten, 
Tuberkulose-Kranken und sonstig kranken Leute aufzugreifen und sie kurz 
danach in den Gaskammern verschwinden zu lassen. Das waren die Polen und 
Tschechen der Kategorie III, die es nicht wert waren, zu leben, weil sie 
arbeitsunfahig waren. Der Polizeihauptmann Wirth ersuchte mich, in Berlin 
keine andere Art von Gaskammern vorzuschlagen und alles so zu lassen, wie es 
sei. Ich log — wie ich es die ganze Zeit in jedem einzelnen Fall getan hatte — , daB 
die Blausaure beim Versenden verdorben sei und sehr gefahrlich geworden sei 
und daB ich darum gezwungen sei, sie zu vergraben. Das wurde sofort getan. 

Am nachsten Tag brachte uns Hauptmann Wirths Wagen nach Treblinka, etwa 
100km nordnordostlich von Warschau. Die Anlagen dieses Todeszentrums 
unterschieden sich kaum von denen in Belczek, doch waren sie noch groBer. 
Dort befanden sich 8 Gaskammern und ganze Berge von Kleidungsstiicken und 
Unterwasche, ungefahr 35 — 40 Meter hoch, (ein 6stockiges Haus mit 
AltbaumaBen! d. 0.) Dann wurde uns „zu Ehren" ein Bankett gegeben, an derm 
alle Mitarbeiter der Einrichtung teilnahmen. Der Obersturmbannfuhrer, 
Professor Pfannenstiel, Professor fur Hygiene an der Universitat Marburg/Lahn, 
hielt eine Rede : „lhre Aufgabe ist eine groBe Pflicht, eine Pflicht so nutzlich und 
so notwendig". Zu mir allein sprach er von dieser Institution in Ausdrucken wie 
„Schonheit der Aufgabe, humaner ProzeB", und zu alien : „Wenn man die 
Leichen dieser Juden sieht, erfaBt man die GroBe Ihres guten Werks!" Das Essen 
selbst war ziemlich einfach, aber auf Weisung Himmlers erhielten die Mitarbeiter 
dieser Anlage so viel sie wollten, was Butter, Fleisch, Alkohol usw. anbelangte. 
Als wir das Lager verlieBen, wurden uns mehrere Kilogramm Butter und eine 
groBe Anzahl Likorflaschen angeboten. Ich versuchte vorzutauschen, daB ich 
genug von allem aus unserem eigenen Hof hatte, und da nahm Pfannenstiel auch 
noch meine Portion. 

Wir verlieBen Warschau mit dem Wagen. Wahrend ich vergebens auf eine leere 
Schlafkabine wartete, lernte ich Baron von Otter, Mitarbeiter der schwedischen 
Gesandtschaft kennen. Da alle Betten belegt waren, verbrachten wir die Nacht 
im Gang des Schlafwagens. Da erzahlte ich ihm, die Vorgange noch frisch im 
Gedachtnis, alles und ersuchte ihn, es seiner Regierung und alien Alliierten zu 
berichten. Als er mich nach einer Referenz fragte, gab ich ihm die Adresse des 
Generalsuperintendenten Dr. Otto Dibelius, Berlin-Lichterfelde-West, 

Briiderweg 2, eines Freundes von Martin Niemoller und Anfiihrer des 
protestantischen Widerstands gegen den Nazismus. Einige Wochen sparer traf 
ich Baron von Otter zweimal wieder. Er sagte mir, er habe einen Bericht an die 
schwedische Regierung gesandt, der, wie er sagte, starken EinfluB auf die 
Beziehungen zwischen Schweden und Deutschland gehabt habe. Nicht so gut 
gelang mir der Versuch, alles dem Leiter der Botschaft des Vatikans zu 
berichten. Ich wurde gefragt, ob ich Soldat sei und dann wurde mir eine 
Unterredung verweigert. Ich sandte dann einen ausfiihrlichen Bericht an Dr. 
Winter, den Sekretar des Berliner Bischofs, urn ihn zu veranlassen, ihn dem 
Bischof von Berlin zugehen zu lassen und durch diesen der Vatikan-Botschaft. 
Als ich aus dem Haus der Vatikan-Botschaft in der RauchstraBe in Berlin kam, 
hatte ich eine sehr gefahrliche Begegnung mit einem Polizeiagenten, der mir 
folgte. Doch nach einigen sehr unbehaglichen Augenblicken gelang es mir, ihm 
zu entwischen. 

Ich muB weiter hinzusetzen, daB mich Anfang 1944 SS-Sturmbannfuhrer 
Gunther vom RSHA urn eine sehr groBe Lieferung von Blausaure fur obskure 
Zwecke ersuchte. Die Saure sollte in seinem Dienstsitz in Berlin, Kurfursten- 
straBe, abgeliefert werden. Es gelang mir, ihn glauben zu machen, daB dies 
unmoglich sei, weil zuviel Gefahr damit verbunden sei. Es handelte sich urn 
mehrere Wagenladungen Giftgas, ausreichend, urn eine Riesenzahl von 



316 



Menschen umzubringen, genau genommen Millionen! Er hatte mir gesagt, er 
wisse nicht genau, ob, wann und fur welche Art von Leuten, wie und wo dieses 
Gift gebraucht wurde. Ich weiB nicht genau, was die Absichten des RSHA und 
des SD waren. Aber spater dachte ich an die Worte von Goebbels „die Tur hinter 
ihnen zuzuschlagen", sollte es dem Nazismus nicht gelingen zum Durchbruch zu 
kommen. Vielleicht wollten sie einen groBen Teil des deutschen Volkes toten, 
vielleicht die Fremdarbeiter, vielleicht die Kriegsgefangenen — ich weiB es nicht! 
Jedenfalls veranlaBte ich, daB das Gift zu Desinfektionszwecken verschwand, 
sobald es hereinkam. Hieraus ergaben sich einige Gefahren fur mich, aber wenn 
ich gefragt worden ware, wo die giftige Saure sei, hatte ich geantwortet, daB sie 
sich bereits in einem gefahrlichen Zustand der Zersetzung befinde und ich sie 
deshalb als Desinfizierungsmittel verbrauchen mussel Ich bin sicher, daB 
Gunther, der Sohn des Rassentheoretikers, seinen eigenen Worten zufolge 
Befehle hatte, die Saure fur die — schlieBliche — Vernichtung von Millionen 
menschlicher Wesen bereitzustellen, vielleicht auch in Konzentrationslagern. 
Ich habe hier Rechnungen uber 2.175kg, aber in Wirklichkeit ging es um 8.500 
kg; ausreichend, um 8 Millionen Menschen umzubringen. Ich hatte die 
Rechnungen mir auf meinen Namen ausgestellt schicken lassen; ich sagte, dies 
sei aus Grunden der Geheimhaltung; doch tat ich es, um einigermaBen frei in 
meinen Entscheidungen zu sein und eine bessere Moglichkeit zu haben, die 
giftige Saure verschwinden zu lassen. Ich habe diese Sendungen nie bezahlt, um 
eine Weiterberechnung zu vermeiden, die den SD an diese Vorrate erinnern 
konnen. Der Direktor der DEGESCH, der diese Sendungen veranlaBte, sagte 
mir, er habe Blausaure in Kapseln zur Totung von Menschen versandt. Bei einer 
anderen Gelegenheit fragte mich Gunther um Rat uber die Moglichkeit, eine 
groBe Zahl von Juden im Freien, und zwar in den Festungsgraben von 
Maria-Theresienstadt zu toten. Um die Durchfuhrung dieses diabolischen Plans 
zu verhindern, erklarte ich, daB die Methode undurchfuhrbar sei. Einige Zeit 
spater horte ich, daB der SD die Blausaure sich durch andere Kanale besorgt 
habe, um diese unglucklichen Menschen in Theresienstadt zu beseitigen. 
Oranienburg, Dachau oder Belsen waren nicht die scheuBlichsten Lager, 
sondern Auschwitz (Oswiecim) und Mauthausen-Gusen bei Linz an der Donau. 
Dieses sind die Orte, in den Millionen von Menschen in Gaskammern oder 
Gaskammer-ahnlichen Wagen verschwanden. Die Totungsmethode an 
Kindern bestand aus einem mit Blausaure getrankten Wattebausch, der ihnen 
unter die Nase gehalten wurde. 

Ich selber sari, wie man Experimente an lebenden Personen in KZ's vornahm, 
die man fortsetzte, bis das Opfer starb. Auf diese Weise hat SS- 
Hauptsturmfuhrer Grundlach im KZ fur Frauen, Ravensbruck bei Fiirstenberg/ 
Mecklenburg, derartige Experimente unternommen. In meinem Buro habe ich 
viele Berichte uber in Buchenwald gemachte Experimente wie beispielsweise die 
Anwendung von bis zu 100 Pervitintabletten pro Tag gelesen. Andere 
medizinische Versuche — jedesmal an etwa 100 — 200 Personen — wurden mit 
Serum und Lymphe unternommen, usw. bis der Tod der Person eintrat. 
Himmler hatte sich selbst vorbehalten, die Erlaubnis zur Durchfuhrung dieser 
Experimente zu erteilen. 

In Oranienburg habe ich gesehen, wie alle die Haftlinge, die dort wegen 
Homosexualitat inhaftiert waren, an einem einzigen Tag verschwunden sind. 

Ich vermied haufige Besuche in den KZ's, weil es ublich war, besonders in 
Mauthausen-Gusen bei Linz/Donau, zu Ehren von Besuchern einen oder zwei 
Haftlinge aufzuhangen. In Mauthausen pflegte man Juden in einem sehr hohen 
Steinbruch arbeiten zu lassen. Nach einer Weile pflegte der diensthabende SS- 
Mann zu sagen : „Passen Sie auf, in zwei Minuten gibt es einen Unfall." Und 
tatsachlich, eine oder zwei Minuten spater wurden einige Juden den Abhang 



317 



hinuntergestoBen, die uns tot vor die FuBe sturzten. „Arbeitsunfall" wurde 
dann in die Akte des Toten geschrieben. Dr. Fritz Krantz, ein anti-nazistischer 
SS-Hauptsturmfuhrer, hat mir oft von solchen Vorkommnissen erzahlt. Er 
verurteilte sie schwer und hat vielfach Tatsachen daruber veroffentlicht. Die in 
Belsen, Oranienburg usw. aufgedeckten Verbrechen sind im Vergleich mit 
anderen in Auschwitz und Mauthausen nicht erheblich. Ich plane, ein Buch uber 
meine Erlebnisse mit den Nazis zu schreiben. Ich bin bereit, die absolute 
Wahrheit all meiner Ausfuhrungen zu beschworen. 

(handschriftlich) : Kurt Gerstein 



Es ist zwar schwer zu glauben, daB irgendjemand vorhatte, diese 
„Erklarung" als ernstzunehmen hinzustellen. Einige spezifische 
Punkte werden hier untersucht, aber als ganzes iiberlasse ich es dem 
Leser, es zu bestaunen. Der in den NMT-Banden abgedruckte Teil 
beginnt mit „nachdem ich von den Massakern gehort hatte ..." und 
endet mit „erfaBt man die GroBe Deines guten Werks!" Jedoch ist 
der Satz iiber die BBC und die 25 Millionen Gaskammer-Opfer 
gestrichen. Die im Jerusalemer Eichmann-ProzeB verwendete 
Version ist sehr viel drastischer redigiert worden. 1 

Beachtlich bei der Originalfassung dieses Berichtes (also der 
englischen Ausgabe) ist neben vielen anderen Absurditaten auch die 
Verwechslung der SS-Range (einmal erscheint Prof. Pfannenstiel im 
Rang eines „Sturmfuhrers" = entweder Leutnant oder Oberleutnant 
— es gab nur Untersturmfuhrer oder Obersturmfuhrer oder 
Hauptsturmfuhrer, zum anderen erscheint er als „Obersturmbann- 
fuhrer" = Oberstleutnant). Es ist kaum wahrscheinlich, daB Gerstein 
derartige Fehler gemacht hatte, hatte er diesen „Bericht" gelesen 
bzw. gar „freiwillig" geschrieben. 

Weitere innere Widerspruche ergeben sich dadurch, daB Ereignisse 
des August als „im Winter" geschehen beschrieben werden, oder daB 
700 bis 800 Personen in einem Raum von 20 — 25qm und 1,90m 
Hohe gequetscht worden sein sollen. Letzteres ware nur moglich, 
wenn man dazu eine Altpapierpresse genommen hatte, doch dann 
hatte sich das Vergasen erubrigt. Die Erwahnung, Warschau per Auto 
verlassen zu haben und dann Baron von Otter im Zug zu treffen, ist 
hier genau so wiedergegeben worden, wie es im Bericht steht. Von 
keiner schwedischen Quelle sind die Begegnungen zwischen Gerstein 
und Otter bestatigt worden, naturlich der Inhalt dieserart Gesprache 
schon gar nicht, jedenfalls habe ich daruber nichts in Erfahrung 
bringen konnen. 2 

Rassinier hat es so ausgedriickt : Wenn es nicht wahr ist, daB Hitler 
je in Lublin war, wenn es nicht wahr ist, daB 700 bis 800 Menschen in 
eine Gaskammer von 25qm hineinpassen, wenn es nicht wahr ist, 
daB die Deutschen 25 Millionen Menschen vergast haben, dann, da 
der Bericht wenig anderes enthalt, mussen wir fragen, was steht denn 
an Wahrem uberhaupt darin? 

Wir sollten bemerken, was uns bereits wiederholt aufgefallen war : 
die geheimnisvolle Immunitat vor Verfolgung. Pfannenstiel ist 
niemals angeklagt gewesen, und lebte, so viel ich weiB, auch nach 
Kriegsende weiterhin ohne Sorgen. Ich unterstelle, daB er 
nachweisen konnte, niemals an den in dem Gerstein-Bericht 
behaupteten Ereignissen teilgenommen zu haben. 3 

Was normalerweise als „ Gerstein-Bericht" bezeichnet zu werden 
pflegt, wurde soeben wiedergegeben. Doch dies ist noch nicht alles. 



318 



Dem sog. „Dokument 1553-PS" zufolge hat Gerstein im Friihjahr 
1945 angeblich noch weitere Erklarungen in verschiedenen 
Sprachen hinterlegt : 

„Kurt Gerstein, Zusatzliche Erklarung. 

In meiner Wohnung in Berlin W 35, Bulow-Str 47, 2. Stock Iks., hatte ich einen 
Kreis von Anti-Nazis. Hier folgen einige ihrer Namen : 

Major Lutz Reis, jetzt Hamburg, Glasurit-Werke 

Dr. Felix BuG, Syndikus bei Telefunken, Berlin SW 1 1 , Hallesches Ufer 30 

Direktor Alex Menne, Hamburg, Glasurit-Werke 

Pastor Buchholz, Pfarrer des Gefangnisses Plotzensee, der die Offiziere vom 20. 

Juli 1944 zum Schafott begleitete. 

Diese Offiziere wie auch mein guter Freund, Pastor Martin Niemoller, rauchten 

die Zigaretten und Zigarren, die ich fur sie ins Gefangnis schaffte. 

Pastor Mochalsky, der Pastor Martin Niemoller an der Annen-Kirche in 

Berlin-Dahlem nachfolgte 

Dorothea Schulz, Sekretarin Pastor Niemollers 

Frau Arndt, Sekretarin Niemollers in Dachau 

Emil Nieuwenhuizen und sein Freund Hendrik, von Phillips-Eindhoven 

Deportierte, die ich in der Kirche kennengelernt hatte und die seit langer Zeit 

zwei- oder dreimal die Woche meine Gaste waren. Sie nahmen Mahlzeiten in 

meinem Haus ein und horten Radio. 

Direktor Haueisen, Berlin NW 7, Mittelstr., Druckerei Francke 

Herbert Scharkowsky, Redakteur, Scherl-Verlag 

Hauptmann Nebenthau und seine Frau, jetzt in Kirchentellinsfurth/ 

Wurttemberg 

Dr. Hermann Ehlers, Kurator der Niemoller'schen Anti-Nazi-Widerstands- 

kirche 

Dr. Ebbe EII3, das gleiche wie Dr. Ehlers 

Andere Referenzen : Generalsuperintendent Dr. Otto Dibelius, Anfuhrer des 

Kirchen-Widerstandes gegen den Nazismus 

Pastor Rehling, Hagen/Westfalen, aktiv in der westfalischen Kirche der 

Anti-Nazi-Widerstandsbewegung 

Prases Dr. Koch, anti-nazistischer Professor an der Universitat Tubingen 

Bernhard J. Godecker, Fabrikant, Munchen, Tizianstr. Anti-Nazi 

Direktor Franz Bauerle, Munchen, Siemensstr. 17, Anti-Nazi 

Der katholische Pfarrer Valpertz, Hagen/Westfalen 

Pastor Otto Wehr, Saarbrucken 

Die Pastoren Schlager und Bittkau, Neuruppin bei Berlin 

August Franz und seine ganze Familie, groRe Anti-Nazis, Saarbrucken, jetzt in 

Thalheim/Wurttemberg 

Dr. Straub, Metzingen/Wurttemberg, und Familie (nicht unterschrieben)" 

Ich habe keine Ahnung, welcher Zusammenhang, wenn 
iiberhaupt, zwischen Gerstein und diesem Dokument in Wirklichkeit 
besteht. Vielleicht hat er auf Befehl seiner Hascher bei der 
Niederschrift mitgeholfen, er mag aber auch nichts damit zu tun 
gehabt haben. 

Eine deutsche Version des „Gerstein-Berichts" mit im wesent- 
lichen gleichem Inhalt, wurde ungefahr ein Jahr nach Gersteins 
Verschwinden vorgelegt. Angeblich hatte man es unter 
irgendwelchen Habseligkeiten im Hotel Mohren in Rottweil 
aufgefunden. Die deutsche Version des „Gerstein-Berichts" ist 



319 



maschinegeschrieben und ohne Unterschrift, aber es soil eine 
handschriftliche Nachschrift nicht naher bezeichneten Inhalts 
geben. Aus nicht erklarten Griinden soil Gerstein der deutschen 
Version noch 10 Seiten „Erklarungen vom Horensagen" hinzugefiigt 
haben, die sich unter dem Material befanden, die er urspriinglich 
angeblich den US-Verhorern aushandigte, bevor er verschwand. 

Einige Jahre spater hat Otto Dibelius, der evangelisch-lutherische 
Bischof von Berlin, erklart, Gerstein und Baron von Otter hatten sich 
tatsachlich beziiglich dieser Angelegenheiten mit ihm in Verbindung 
gesetzt. Obwohl Dibelius ein fuhrendes Mitglied der mit der NSDAP 
liierten Hugenberg'schen DNVP (Deutsch-nationale Volkspartei) 
vor 1933 gewesen ist, schloB er sich nach 1933 der von Niemoller 
angefuhrten Opposition der Kirche gegen die Nationalsozialisten an. 
Niemoller wurde 1935 verhaftet, aber Dibelius lieB man laufen; er 
verschwand danach auf einen kleinen Posten in einer kirchlichen 
Wohlfahrtorganisation und wurde nach 1945 zum Bischof gewahlt. 
Es ist nicht richtig, Dibelius als ein aktives Mitglied des Widerstands 
im Kriege hinzustellen, wie der „Gerstein-Bericht" und der oben 
erwahnte Zusatz ihn ausweisen, wodurch seine Bedeutung ziemlich 
tiber das hinausgehen wurde, was die Tatsachen besagen. 4 

Was die anderen Namen auf der „ Gerstein" -Liste von 
„Anti-Nazis" anbelangt, so ist mir, Niemoller ausgenommen, keiner 
im Zusammenhang mit bekannten Kriegszeit-Aktivitaten, anti- 
nationalsozialistischen oder anderen, bekannt. Nur einen kenne ich 
in einem Zusammenhang : Dr. Hermann Ehlers, der ein fuhrender 
CDU-Politiker nach dem Kriege wurde (Bundestagsprasident) und 
1954 gestorben ist. Es kann sein, daB die als „ Prases Dr. Koch" 
bezeichnete Person vermutlich der Dr. Karl Koch ist, ein 
protestantischer Theologe, der zusammen mit Dibelius in den 
Weimarer Tagen Mitglied der DNVP gewesen und gestorben ist. 

In den entsprechenden Berichten von Cesare Orsenigo, des 
papstlichen Nuntius in Berlin, die vom Vatikan veroffentlicht 
wurden, befindet sich naturlich kein Hinweis auf Gerstein. Siehe 
Anhang E. 

Der nachste Teil des Dokuments 1553-PS besteht aus einem sog. 
Schreiben von der DEGESCH an Gerstein und betrifft die 
Haltbarkeit des Zyklons B sowie die Moglichkeiten kunftiger 
Sendungen angesichts der Bombenangriffe, die eine Fabrik zerstort 
hatten. Die handschriftliche Notiz erscheint schon bemerkens- 
werter : 

„Entsprechend den beigefugten Notizen ist die Blausaure auf Weisung des 
SS-Sturmbannfuhrers Giinther vom RSHA, Berlin W 35, Kurfurstendamm 
angefordert worden. Ich war fur diesen besonderen Auftrag verantwortlich und 
erfullte meine Pflichten sehr gewissenhaft, so daB, wenn die Saure in 
Oranienburg und Auschwitz eingetroffen war, ich die Buchsen in die 
Desinfektionskammern verschwinden lassen konnte. So war es moglich, einen 
MiBbrauch der Saure zu verhindern. Urn zu vermeiden, die Aufmerksamkeit des 
RSHA auf das Vorhandensein — oder, wie ich besser sagen muBte, das Fehlen 
— dieser Vorrate zu lenken, habe ich diese Sendungen nie bezahlt, deren 
Rechnungen an die gleiche Adresse gingen, das heiRt, meine eigene. Auf diese 
Weise war es moglich, die Saure verschwinden zu lassen, sobald sie eingetroffen 
war. Wenn man das Fehlen der Saure bemerkt hatte, dann hatte ich gesagt : Das 
ist ein Fehler der ortlichen Desinfektionsstelle, die nicht wuBte, oder auch nicht 



320 



wissen durfte, fur welchen Zweck sie wirklich bestimmt war; oder ich hatte 
gesagt : die Saure ist in Zersetzung ubergegangen und es sei unmoglich, sie langer 
zu verwahren. 

(gez.) Gerstein" 

Der letzte Teil der Erklarung ist eine Notiz in Englisch : 

„Bergassessor a. D. standige Wohnung : 

Kurt Gerstein Tubingen/Neckar, Gartenstr. 24 

Diplomingenieur 26. April 1945 

Mein Bericht ist fur den Geheimdienst interessant. Die Dinge, die ich gesehen 
habe, haben nicht mehr als 4 — 5 andere gesehen und diese anderen waren Nazis. 
Viele Verantwortliche fur Belsen, Buchenwald, Maidanek, Auschwitz, 
Mauthausen, Dachau etc. waren Manner meiner Dienststelle, — taglich habe ich 
sie in meiner Doppelstellung gesehen. 

1. SS-Fuhrungshauptmann D, Gesundheitsdienst und 

2. Reichsarzt-SS und Polizei, Berlin 

Ich bin in der Lage, die Namen und Verbrechen der in Wirklichkeit 
Verantwortlichen fur diese Dinge zu nennen und ich bin bereit, das Material fur 
diese Anklage dem Welt-Tribunal zu ubergeben. Ich selbst, intimer Freund des 
Pastors Martin Niemoller und seiner Familie (jetzt in Leoni/Starnberger See, 
Bayern), war nach zwei Gefangnissen und Konzentrationslagern Agent der 
„Bekennenden Kirche", SS-Obersturmfuhrer und Abteilungsleiter im SS- 
Fuhrungshauptamt und des Reichsarztes-SS und Polizei, eine gefahrliche 
Stellung! Die Dinge, die ich gesehen habe, hat niemand gesehen. Im August 
1942 habe ich meine Berichte fur die Schwedische Gesandtschaft in Berlin 
gemacht. Ich bin bereit und in der Lage, alle meine Beobachtungen Ihrem 
Geheimdienst zu sagen. 

Der Sekretar der schwedischen Gesandtschaft Berlin, jetzt in Stockholm, 
Baron von Otter, ist bereit. Zeuge meiner Darstellung von 1942 fur alle diese 
„coneltys" zu sein (ein Wort, das es im Englischen nicht gibt; wenn Gerstein 
diese Notiz selber geschrieben haben sollte, so konnte er „Kenntnisse" gemeint 
haben (franz. connaissance); jedenfalls sieht man aus der ganzen Notiz, daB sie 
aus durftigen englischen Sprachkenntnissen zusammengestammelt worden ist — 
d. U.) 

— Ich schlage vor, diese Informationen von mir zu erfragen. Referenz : Mrs. 
Niemoller 

(Pastor Martin Niemollers Frau 

Leoni/Starnbergersee/Munchen/Bayern) 

(gez. :) Gerstein 

Anm. Ihre Armee hat nicht gefunden : 

Herrn Niemoller, 

Herrn Stalin jr., 

Herrn Schuschnigg in Dachau 

Sie sind deportiert worden, niemand weiB, wo sie sind. Bitte veroffentlichen 
Sie meinen Bericht nicht bevor GewiBheit daruber besteht, ob Niemoller befreit 
oder tot ist. Gerstein" 

Das iibrige des Dokumentes 1553-PS bildet eine Sammlung von Zyklon-B- 
Rechnungen. 

Im ganzen „ Gerstein-Bericht" habe ich geringfiigige Korrekturen vorgenom- 
men, auBer im letzten Teil, die Notiz in „ Englisch", die im Original 
wiedergegeben ist. Dies geschah aus klar erkennbaren Griinden : Der Bericht ist 



321 



deutlich von einer Person verfaBt worden, die einige franzosische 
Sprachkenntnisse besaB. „Herr Stalin jr." ist zweifellos ein Hinweis auf Stalins 
Sohn, der Kriegsgefangener in Deutschland war. Schuschnigg war der 
osterreichische Kanzler zur Zeit des Anschlusses an Deutschland. Er und 
Niemoller sind fiir einige Zeit in Dachau inhaftiert gewesen. Rassinier bietet eine 
interessante Erorterung des Falles Niemoller. 6 



322 



B SS-Range 



ss 

SS-Mann 

SS-Sturmmann 

SS-Rottenfiihrer 

SS-Unterscharfiihrer 

SS-Scharfiihrer 

SS-Oberscharfiihrer 

SS-Hauptscharfiihrer 

SS-Sturmscharfiihrer 

SS-Untersturmfiihrer 

SS-Obersturmfiihrer 

SS-Hauptsturmfiihrer 

SS-Sturmbannfiihrer 

SS-Obersturmbannfuhrer 

SS-Standartenfiihrer 

SS-Oberfiihrer 

SS-Brigadefiihrer 

SS-Gruppenfiihrer 

SS-Obergruppenfuhrer 

SS-Oberstgruppenfiihrer 



Wehrmacht 

Schiitze 

Gefreiter 

Obergefreiter 

Unteroffizier 

Unterfeldwebel 

Feldwebel 

Oberfeldwebel 

Stabsfeldwebel 

Leutnant 

Oberleutnant 

Hauptmann 

Major 

Oberstleutnant 

Oberst 

Generalmajor 

Generalleutnant 

General 

Generaloberst 

Generalfeldmarschall 

Reichsmarschall 



US-Army 

Private 

Private First Class 

Sergeant 

Sergeant 

Staff Sergeant 

Technical Sergeant 

First Sergeant 

Staff Sergeant 

Second Lieutenant 

First Lieutenant 

Captain 

Major 

Lieutenant Colonel 

Colonel 

Colonel 

Brigadier General 

Lieutenant General 

General 

General of the Army 



323 



C Deportation von Juden 

Der Bericht des hollandischen Roten Kreuzes setzt sich aus 6 
Broschiiren unter dem Titel „Auschwitz" zusammen und behandelt 
lm wesentlichen die ungefahr 100 Judentransporte aus den 
Niederlanden, von denen der erste am 15. Juli 1942 und der letzte 
am 13. September 1944 abgegangen ist. Das direkte Reiseziel von 
etwa zwei Dritteln der deportierten Juden war Auschwitz, obschon 
auch groBe Zahlen nach Sobibor und einige nach Theresienstadt, 
Bergen-Belsen und Ravensbruck verbracht worden sind. Die 
Angaben des NRC (Niederlandisches Rotes Kreuz) sind im Hinblick 
auf die Transporte erschopfend, solange sie sich noch innerhalb 
Hollands befanden; die Daten der Abreise, der Transportziele, 
Anzahl und Aufgliederung der Menschen nach Geschlecht und Alter. 
Doch gehen die Verfasser davon aus, daB alle Juden, die sie nicht 
mehr erfaBt haben, nachdem sie ihren Bestimmungsort erreichten, 
vergast oder auf andere Art umgebracht worden seien. So 
schluBfolgern sie, daB die Mehrzahl der etwa 100.000 aus den 
Niederlanden deportierten Juden umgekommen sei, zumal sie kaum 
Anhaltspunkte daruber haben, was diesen Menschen nach ihrer 
Ankunft in den Lagern geschehen ist. Doch gibt es Ausnahmen : Sie 
beziehen sich auf die Evakuierung aus Auschwitz sowie dem 
MonowitzJArankenhaus im Jahre 1945. Das Bezeichnendste ist 
jedoch, was iiber die Registrierung und Sterbefalle im Mannerlager 
Birkenau fur den Zeitraum 16.6. — 19.8.1942 gesagt wird, und zwar 
im Band II des Berichts. Da das NRC auch ausfuhrliche Angaben iiber 
die Judentransporte von Westerbork (Durchgangslager in Holland) 
fur diese Zeitspanne bringt, kann ein Vergleich angestellt werden, 
der dann aber (wie Reitlinger zugibt) der Behauptung widerspricht, 
daB eine Mehrheit oder auch nur eine bedeutende Anzahl von Juden 
bei der Ankunft in Auschwitz sofort vergast worden sei. Es waren im 
Juli und August 1942 13 Transporte zu verzeichnen; sie setzten sich 
wie folgt zusammen : 



324 



Datum Gesamt- Gesamt Manner Manner Manner Manner Manner Manner Manner 

d. Dep. Zahl Manner 0—12 13—15 16—17 18—35 36—50 51—60 61 u.m. 

1942 Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre 



15.7 

16.7 

21.7 

24.7 

27.7 

31.7 

3.8 

7.8 

10.8 

14.8 

17.8 

21.8 

24.8 

Gesamt 



1.135 

895 

931 

1.000 

1.010 

1.007 

1.013 

987 

559 

505 

506 

1.008 

519 

11.075 



663 
640 
511 
573 
542 
540 
520 
510 
288 
238 
364 
493 
351 
6.233 



41 
32 
62 
51 
60 
47 
72 
67 
18 
43 
36 
56 
26 



9 

7 
14 

6 
17 
13 
21 
28 

8 
14 

8 
12 

5 
162 



85 
41 
54 
83 
90 
93 
31 
21 
19 
5 
11 
49 
19 
601 



356 
285 
317 
340 
315 
326 
255 
172 
93 
36 
247 
269 
192 



157 

193 

61 

75 

55 

56 

139 

168 

97 



97 
78 



3.203 1.304 



11 

62 

2 

11 

4 

5 

1 

48 

45 

72 

2 

9 

23 

295 



4 
20 
1 
7 
1 

1 
6 



57 



Frauen Gesamt Frauen Frauen Frauen Frauen Frauen 

m. Frauen 0—12 12—16 16—17 18—35 36—50 

Kindern Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre 



Frauen Frauen 
51—60 61 u.m. 
Jahre Jahre 



63 
42 
83 
75 
85 
81 
104 
96 
35 
52 
26 
85 
39 



866 



472 
255 
420 
427 
468 
467 
493 
477 
271 
267 
142 
515 
168 



4.842 



36 
28 
53 
52 
55 
65 
85 
74 
19 
53 
18 
58 
26 



622 



3 
6 
8 
3 

13 
10 
17 
21 

8 
19 

6 
16 



138 



38 
27 
36 
42 
50 
51 
29 
26 
12 

3 
12 
36 

6 



318 

161 

268 

273 

291 

296 

232 

167 

99 

43 

49 

253 

63 



Gesamt 

368 2.513 



74 

32 

54 

51 

55 

44 

129 

175 

109 

100 

53 

132 

39 



1.047 



3 

1 

6 

4 

1 

1 

13 

23 

49 

4 

19 

18 

142 



12 



Die Angaben, die vom Mannerlager Birkenau stammen sollen, 
werden bier wiedergegeben, um sie mit den vorhergehenden 
Westerbork-Zahlen vergleichen zu konnen. Nachfolgende Spalte (1) 
zeigt die Daten und Zeiten (Morgen = M; Abend = A) der Zahlappelle 
in Birkenau, Spalte (2) die Gesamtzahl der Zahlung bei den 
Appellen, Spalte (3) die Zahl derer, die zwischen den Appellen 
gestorben waren, Spalte (4) die Anzahl der zwischen den Appellen 
eingetroffenen Neuankommlinge und Spalte (5) die Zahl der 
Verluste zwischen den Appellen auf Grund von Entlassung oder 
Flucht. In der Spalte (6) stehen Angaben iiber Herkunftsorte der 
verschiedenen Transporte in die Lager, wobei die Westerbork- 
Transporte in der Tat angegeben sind. Pithiviers, Drancy und Beaune 
la Rolande waren Sammelpunkte fur Judentransporte in Frankreich, 
und Mechelen diente dem gleichen Zweck in Belgien. Die Transporte 
aus der Slowakei bestanden wahrscheinlich aus Juden; die 
Zusammensetzung hingegen aus Polen ist ziemlich problematisch. 
Wo „verschiedene Nationen" (v. Nat.) angegeben sind, bestanden die 
Transporte sehr wahrscheinlich vorwiegend aus politischen 
Haftlingen und gewohnlichen Krimmellen. Spalte (7) verzeichnet 
die Registriernummern der in Spalte (4) aufgefuhrten Personen. 



325 







40 


22 






M 16.7.42 


16246 


100 


131 






A 16.7.42 


16277 














30 


601 


Westerbork 15.7.1942 


47087-47687 


M 17.7.42 


16848 














83 


185 


v. Nat. 


47688^7842 


A 17.7.42 


16950 














25 


977 


Westerbork 16.7.42 

Slowakei 


47843^18493 
48494^48819 


M 18.7.42 


17902 














101 


46 


v. Nat. 


48820^48901 


A 18.7.42 


17846 














18 


24 


v. Nat. 




M 19.7.42 


17852 


82 








A 19.7.42 


17770 














53 


809 


Pithiviers 17.7.42 


48902^49670 


M 20.7.42 


18526 














122 


74 


v. Nat. 




A 20.7.42 


18478 














28 




v. Nat. 


49671—49795 


M 21 .7.42 


18450 














110 


21 


v. Nat. 




A 21 .7.42 


18361 














18 


620 


Pithiviers 19.7.42 


49796—50270 


M 22.7.42 


18963 














125 


9 


v. Nat. 


50271—50405 


A 22.7.42 


18847 














14 


479 


Westerbork 21 .7.42 


50406—50884 


M 23.7.42 


19312 














127 


134 


Polen 


50885—51002 


A 23.7.42 


19319 














13 


411 


Drancy 20.7.42 


51003—51413 


M 24.7.42 


19717 














173 


91 


Polen usw. 


51414—51503 


A 24.7.42 


19635 














11 


791 


Drancy 22.7.42 


51504—52102 


M 25.7.42 


20415 






v. Nat. 


52103—52115 






208 


73 2 Slowakei 


52116—52332 


A 25.7.42 


20278 






v. Nat. 


52333—52367 






26 


515 


Westerbork 24.7.42 


52368—52882 


M 26.7.42 


20767 


71 








A 26.7.42 


20696 














28 


370 


Pithiviers 24.7.42 


52883—53252 


M 27.7.42 


21038 














167 


69 


v. Nat. 




A 27.7.42 


20939 














24 




v. Nat. 


53253—53325 


M 28.7.42 


20914 


205 


4 






A 28.7.42 


20713 














23 


473 


Westerbork 27.7.42 


53326—53790 


M 29.7.42 


21163 














100 


31 


v. Nat. 


53791—53829 


A 29.7.42 


21094 














16 


249 


Pithiviers 27.7.42 


53830—54078 


M 30.7.42 


21327 


91 








A 30.7.42 


21236 


16 








M 31 .7.42 


21220 














113 


76 


v. Nat. 


54079—541 54 


A 31 .7.42 


21183 














32 


270 


Pithiviers 29. 7.42 


54155—54424 



326 





(1) 


(2) 


(3) 


(4) (5) (6) 


(7) 


M 


1.8.42 


21421 


















98 


166 


Slowakei 


54425- 


-54590 


A 


1.8.42 


21489 


















31 


495 


Westerbork 31 .7.42 

v. Nat. 


54591- 
55072- 


-55071 
-55085 


M 


2.8.42 


21953 


71 










A 


2.8.42 


21882 


















41 


693 


Pithiviers 31 .7.42 


55086- 


-55778 


M 


3.8.42 


22534 


107 


51 


v. Nat. 






A 


3.8.42 


22478 


















35 




v. Nat. 


55779- 


-55840 


M 


4.8.42 


22443 


100 


11 


v. Nat. 






A 


4.8.42 


22354 


















38 


480 


v. Nat. 


55841- 


-55907 


M 


5.8.42 


22796 






Westerbork 3.8.42 


55908- 


-56334 








82 


67 


v. Nat. 


56335- 


-56387 


A 


5.8.42 


22781 


















44 


22 


v. Nat. 


56388- 


-56409 


M 


6.8.42 


22759 


















78 


446 


Mechelen 4.8.42 


56410- 


-56855 


A 


6.8.42 


23127 


48 










M 


7.8.42 


23079 


















93 


79 


v. Nat. 


56856- 


-56991 


A 


7.8.42 


23065 


















55 


373 


Beaune la Rolande 5.8.42 


56992- 


-57308 


M 


8.8.42 


23383 


















121 


91 


v. Nat. 


57309- 


-57399 


A 


8.8.42 


23353 


















70 


315 


Westerbork 7.8.42 


57400- 


-57714 


M 


9.8.42 


23598 


98 










A 


9.8.42 


23500 


















80 


63 


v. Nat. 


57715- 


-57777 


M 


10.8.42 


23483 


















219 


128 


Pithiviers 7.8.42 


57778- 


-57905 


A 


10.8.42 


23392 


56 










M 


11.8.42 


23336 


















232 


5 


v. Nat. 


57906- 


-57910 


A 


11.8.42 


23109 


















69 


164 


Westerbork 10.8.1942 


57911- 


-58074 


M 


12.8.42 


23204 


















205 


11 


v. Nat. 


58075- 


-58085 


A 


12.8.42 


23010 


















44 


140 


Drancy 10.8.42 


58086- 


-58225 


M 


13.8.42 


23106 


















213 


306 


Mechelen 11.8.42 


58226- 


-58531 


A 


13.8.42 


23199 


111 










M 


14.8.42 


23088 


















206 


102 




58532- 


-58633 


A 


14.8.42 


22984 


















63 


152 


Drancy 12.8.42 


58634- 


-58785 


M 


15.8.42 


23073 


















177 


270 




58786- 


-59055 


A 


15.8.42 


23166 


















109 


165 


Westerbork 14.8.1942 


59056- 


-59220 


M 


16.8.42 


23222 


















134 


9 


v. Nat. 


59221- 


-59229 


A 


16.8.42 


23097 


















127 


115 


Drancy 14.8.42 


59230- 


-59344 



327 



(1) 


(2) 


(3) 


(4) 


(5)